1893 Nntephaltttirgsblatt jum Giehenep Anzeigen (Genevcrl-Anzeig-p) Dienstag, den 26. September. Das Erbe. Preisgekrönte Erzählung von R. Blankenburg. (Schluß.) „Erich, ich war ihm verfallen von jenem Tage. Er zwang mich, dem Vater zu sagen, was ihm gut erschien, er zwang mich, ihm die Hand Herthas zu verschaffen, und ich sah sie an seiner Seite dahinwelken, er zwang mich, Geld und wieder Geld zu besorgen, denn, Erich, er war wohl ein fleißiger Ar« beiter auf dem Hofe, aber er hatte eine Leidenschaft, der er stöhnte im Verborgenen, nicht hier, daß es nicht unter die Leute komme, in der Stadt, auf Reisen, — er spielte. In schmachvoller Abhängigkeit hat er mich gehalten, aber nie, nie hat er mich vermocht, einen Heller von dem zu nehmen, was er auf meinen Namen bei Berndts Bankhause angelegt hatte. Es war das Deine, Erich, es war für Dich bestimmt, bei meinem Tode sollte es Dir ausgehändigt werden als meine Gabe, wenn ich es Dir nicht vorher schon gab. Ich hielt mir die Bestimmung darüber offen, denn ich hatte den Schuldschein ber Bank in meinen Gewahrsam genommen, er lag in einem Geheimfach des Schreibtischs, dessen Schlüffe! ich nach des Vaters Tode an mich genommen hatte. Wie er sich in seinen Besitz gesetzt hatte, das weiß ich nicht, aber er hatte es gethan an jenem Tage, als ich Grashagen verließ. Er verweigerte ihn mir, als ich danach verlangte, er sagte mir höhnend, daß er auch diesen Theil Deines Erbes gebrauchen könne und wolle, und dann — dann trieb er mich in die Nacht hinaus. Und Erich, Du nahmst mich auf, Du gabst mir Obdach und Brod und — Erich, es hat mich zur Verzweiflung getrieben, was Du an mir gethan hast! Und dann kam die Angst um Ering und jetzt — Erich, ich will Alles thun, was Du verlangst, ich will bis an's Ende der Welt gehen, aber nimm die Last von meiner Seele, vergieb mir!" Er streichelte sanft ihre zuckende Hand. „Erich, vergieb mir, sage mir, daß Du es thust," wiederholte sie noch einmal, als er im Schweigen verharrte. „Ich mag das Wort nicht über die Lippen bringen," antwortete er leise, „es paßt sich nicht von dem Sohne der Mutter gegenüber." Sein Widerspruch erregte sie von Neuem. „Erich," rief sie lebhaft, „Du mußt es thun, ich muß es von Dir hören in deutlichem, klarem Wort, damit ich es behalten kann, wenn ich weit von hier entfernt bin. Ich flehe Dich an, sage mir frei heraus, daß Du mir vergeben hast." „Nun denn," er kniete vor ihr nieder und erhob die Augen voll zu den ihren, „so sage ich Dir, meine Mutter, daß ich aus vollem, tiefen Herzen Alles vergebe, was Du gegen mich gefehlt hast, wie ich bitte und glaube, daß mir unser Herrgott vergiebt, was ich gegen ihn, gegen meinen Vater und auch gegen Pich gesündigt habe." Mit gefalteten Händen hatte sie seinen Worten gelauscht, jetzt lehnte sie den Kopf gegen seine Schulter und schluchzte leise. Auch Erichs Augen waren nicht trocken, aber doch sprach er jetzt in leichterem Tone. „Ich will Dir auch ein Bekenntniß ablegen, Mutter," sagte er, „eins, das Dich mit Erstaunen erfüllen wird Ich habe Dich lieb gehabt als wilder Junge, ich habe Dich lieb gehabt als trotziger Jüngling, und jetzt als Mann, — Mutter, denkst Du, ich werde Dich von mir lassen, seit ich heute wirklich Dein Sohn geworden bin? Wir können Dich Alle nicht miffen, nicht Ering, nicht Marie oder ich. Du wirst sie und mich segnen als Deine Kinder, und wir «erden Dich lieben und ehren al» Mutter und Großmutter." Sie beugte sich vor, strich das dunkle Haar des Knieenden von der Stirn zurück und küßte ihn zärllich. „Gott segne Dich, mein Sohn, an Leib und Seele, an Weib und Kind! Er vergelte Dir, was Du an mir thust." Sie schwiegen eine Zeit lang in ihrer tiefen Bewegung, und als sie das Gespräch wieder aufnahmen, hatten sie sich in dieser ersten Stunde des vollen Vertrauens io viel aus der Vergangenheit mitzutheilen, daß für die geschäftlichen Angelegenheiten der Zukunft keine Gedanken übrig blieben. Am nächsten Morgen erst traten sie in den Vordergrund. Daß Ering ihnen überlassen bleiben würde, konnten sie nicht bezweifeln. Die Flucht des Vaters hatte ihnen gezeigt, daß er seine Rechte aufgab, und sie wußten, daß er niemals zurück, kehren oder einen Anspruch erheben konnte, nachdem sein schandbarer Plan gegen das Leben seines Kindes entdeckt worden war. „Der arme Junge," seufzte die Großmutter, „er ist schlimmä als verwaist, und das Erbe — Gottes Fluch hat darauf gelastet, Erich. Grashagen ist herunter gewtrthschaftet, wie Du es nicht für möglich halten würdest. Zum ersten August ist eine Hypothek gekündigt, mit der er vor Kurzem erst belastet worden ist, und wenn er nicht gelingt, einen Ersatz für sie zu finden, so mag es sein, daß wir an den Verkauf denken müssen." „Mutter," rief Erich erschrocken, „was redest Du da — das darf und kann doch nicht sein!" Dann, als er ihrem ernsten Blick begegnete, fügte er schnell hinzu: „Du hast mir gestern das Document gegeben" — und er nahm den Brief des Handelshauses aus der Tasche — nimm es, zahle damit, was nöthig ist, übernimm die Hypothek, nur halte das Gut des Vaters für Ering, für die Familie!" Sie schüttelte den Kopf- „Es mag sein, daß es unter tüchtiger Leitnng wieder herauf gearbeitet werden kann," sagte sie mit tiefer Bedeutsamkeit, „aber Frauenhände, und vor Allem die meinen, sind zu schwach dazu. Es gehört ein Mann dazu, ein tüchtiger, fleißiger Mann, und —" ihre bittenden Augen hafteten auf seinem Gesicht, während sie zaghaft fragte, wer wird es übernehmen, Erich?" Er hatte verstanden, was sie meinte, aber er blickte finster vor sich hin. Sein ganzes Herz empörte sich bei dem Gedanken, der Verwalter dort zu sein, wo er der Meister und Herr hätte sein sollen. Sie seufzte tief auf, dann sprach sie noch einmal: „Erich, soll es der Schlußstein des Tempels sein, der von Gottes Gnade spricht und von de? Vergebung und Liebe des Menschen?" Er wandte sich von ihr und trat zum Fenster. Dort blieb er, den Kopf gegen das Kreuz gelehnt, in düsterem Sinnen stehen. Plötzlich fuhr er zusammen. Er hatte es nicht bemerkt, und auch die Mutter hatte vergeffen, daß hier, in dem alten Lehnstuhl, den eine freundliche Nachbarin für den genesenden Knaben gebracht hatte, Ering gesessen und dem Gespräch zugehört hatte. Jetzt war er an ihm in die Höhe gestiegen und, beide Arme um den Hals des Onkels schlingend, brachte er ihm sein liebes, blasses Gesicht ganz nahe- „Du thust, was die Großmutter bittet, Onkel Erich, nicht wahr?" sagte er, und große Thränen standen in seinen Augen. Noch einen Augenblick blieb Erichs Stirn zusammengezogen und die Lippen hart geschloffen, dann legte er die Hand auf den Kopf des Kindes und zog es mit der anderen an sich. Schweigend erwiderte er seine Liebkosungen, ehe er sich zu der Mutter wandte- „In Gotte« Namen!" sagte er fest. XIII. Jahre sind vergangen. In Grashagen ist Wohlstand und Freude eingekehrt; die Felder sind gediehen, die Wiesen haben geblüht, und Heiterkeit und Leben hat in dem großen Hause geherrscht. Gottes Segen hat auf der fleißigen Arbeit des Hausherrn und der tüchtigen Hausfrau geruht, auf den betenden Händen bet Großmutter, auf den gedeihenden, fröhlichen Kindern, zu denen auch Ering voll und ganz gehört, denn seit er das Lieschen Vater und Mutter sagen gelehrt hat, da hat er ihr's nachgethan, und sie haben es gern von seinen Lippen vernommen. Es ist ein Sommerabend von herrlicher Schönheit, und unter den Bäumen des Gartens sitzen der Pastor und Erich im Gespräch, und die Großmutter hört ihnen zu, während die junge Frau für die Gäste eine Erquickung bereitet, denn der Pastor ist nicht allein gekommen, er hat sein Töchterchen zu Lieschen geführt, und neben dem schlank ausgewachsenen Ering Hieltet sein Freund und Stndiengenoffe Hans Helfer in den Gängen auf und ab. Die beiden Männer folgten mit den Blicken den ernst Dahinwandelnden, dann sagt der Pastor, wie er schon oftmals gesprochen hat: „Sie müssen der Frage offen ins Auge schauen, mein lieber Freund; Erings Begabung liegt entschieden nicht auf dem Felde der praktischen Thätigkeit, wie die Ihres Gustav. Sein scharfer Verstand und sein sinnender Geist werden einen tüchtigen Gelehrten üu« ihm machen, und ich kann Sie nur dringend bitten, daß Sie seiner Neigung zum Studium kein Hinderniß in den Weg stellen." „Aber er ist der Erbe von Grashagen," antwortete Erich mit einem gewissen Unmuth in der Stimme. „Es kommt mir schwer an, zu denken, daß er nicht Herr hier sein soll, und daß das Gut in fremde Hände gehen sollte, an das ich Arbeit und Fleiß gewendet habe, um es der Familie zu erhalten." Die Großmutter, die seinen Worten lauschte, lächelte still vor sich hin und wischte mit der Hand über die Augen. Sie trug noch immer die alte, einfache Kleidung, an die sie gewöhnt war, schlicht und sauber, die weiße Mütze über dem jetzt schneeig glänzenden Haar. Sie neckten sie bisweilen mit ihrer Bedürfnißlosigkeit, und dann nickte sie mit dem Kopf und lächelte vor sich hin. „Du solltest Dir auch einmal etwas Hübsches gönnen," Mutter, hatte Erich einmal gesagt, als er die ausbedungene Rente pünktlich wie immer in ihre Hand legte, „ich glaube, Du denkst immer nur an uns und nie. mals an Dich." „Ich habe es früher zu viel gethan," war ihre ernste Antwort gewesen, „ich danke Gott, daß ich es verlernt habe.» Auch jetzt lächelte sie und nickte still vor sich hin, und am Abend rief sie Ering in ihr Zimmer und sprach lange und eingehend mit ihm. Am nächsten Tage trat er vor seinen Vater. „Es ist mein inniger Wunsch, Theologie zu studiren," sagte er ernst, „ich bitte Dich um Deine Erlaubniß, Vater!» „Vater und Ering kommen immer zu derselben Meinung,» meinten die Geschwister, „und er setzt Alles bei Vater durch," sagte Gustav, der Aelteste, mit einem Anflug von Eifersucht. Jedenfalls war es bei dieser Frage der Fall. „Es wird mir schwer, Dich so lange und weit von hier zu lassen," sagte Erich, den Arm um die Schulter des Jünglings legend. „Mutter und ich entbehren Dich ungern, aber wenn es zu Deinem Glücke dient, so —" „Es ist zu meinem Glücke," war Erings, wie er von Allen genannt wurde, ruhig feste Entgegnung. Ering bezog die Universität mit seinem Freunde zusammen und sie blieben vertraute Genossen, wie sie es von dem Tage an gewefen waren, wo sie gemeinsam des Pastors Unterricht genossen hatten, obgleich sie verschiedenes Studium gewählt hatten und es eine landläufige Rede ist, daß der Arzt und der Pastor sich schwer verstehen und würdigen können. Und dann kamen die Zeiten, die sie wieder in die Heimath führten und fröhliche Tage zogen mit ihnen ein. Ering wuchs schlank und stattlich heran. „Er ist Dir ähnlich, wie ein eigener Sohn," sagte Marie, zu ihrem Manne aufsehend, „kein« Deiner Kinder hat die schönen dunkeln Augen geerbt, wie Ering." Lieschen hatte gehört, was die Mutter sprach, aber sie schüttelte leise den Kopf. War's denn möglich, daß der Vater einmal so ausgesehen hatte? Ihr erschien Ering so schön und herrlich in seiner jungen Männlichkeit, sie wunderte sich fast, daß er so oft das Wort an sie richtete und sich zu ihr gesellte, wenn sie im Garten saß. „Ich kann nicht sagen, welche Freude ich an dem Zu« sammensein mit Ering gehabt habe," meinte Pastor Helfer, als die beiden Freunde wieder davon gezogen waren wie die Wandervögel, welche nur im Sommer uns mit ihrem schönen Gesänge erfreuen. „Da Hans der Familientradition untreu geworden ist, indem er der Theologie den Rücken gewandt hat, so ist mir's, als hätte ich mir in ihm den Sohn erzogen, der mein Werk fortsetzen wird, wenn für mich die Zeit der Ruhe gekommen ist." Erich sah ihn fragend an. Es war ihm schon seit einiger Zeit so vorgekommen, als ob der Pastor an Kraft und Frische verloren habe, und er sagte jetzt besorgt: „Sie sind doch nicht krank, Herr Pastor?" „Nein, nicht gerade krank," war seine Antwort; „aber ich glaube, Hans sieht in mir manchmal schon ein Feld für seine künftige Thätigkeit, und ich fürchte, ich werde es ihm bieten." c m Tage reihen sich zu Wochen, und aus Wochen und Monaten werden Jahre, die schnell und unaufhaltsam über unser Haupt dahinziehen. Des Pastors Vorausgefühl bewahrheitete sich. Es kamen Zeiten, wo er des Sohnes Hülfe in Anspruch nehmen mußte und wo ihm Erings Anwesenheit und Ver- tretung Trost und Hülfe war. Dann rief Gott seinen treuen Diener ab — und eine verwaiste Gemeinde stand trauernd am offenen Grabe. Nur wenige Monate vergingen — und von Neuem trug man einen Sarg durch die Pforte des Kirchhofs von Willnia, und wieder begleitete ihn ein zahlreiches Gefolge von Freunden und Leidtragenden. Es war die Großmutter aus Grashagen, die man zur Ruhe bestattete. In Frieden und die Ihren segnend, war sie eingeschlafen, voll Liebe für Kinder und Enkel und verehrt und geliebt von ihnen, aber vielleicht am meisten von dem jungen Geistlichen, der im Prtesterkleide zwischen Vater und Mutter daher schritt. Er hatte der Groß« ! mutter sehr nahe gestanden, dar wußten sie Alle, aber doch - 451 SB blickten sie verwundert auf, als er bei der Rückkehr vom Kirchhof sagte: „Die Großmutter hat ein Testament hinter- lasien, das schon vor Jahren abgefaßt worden ist. Ich begleitete sie damals — es war das letzte Mal, als sie in Alt- kirch war — und sie nahm mir das Versprechen ab, daß es am Tage ihres Begräbniffes veröffentlicht werden sollte. Ich habe deshalb den Justizrath Merkmann gebeten, heute um sechs Uhr hier zu sein." So versammelte sich denn die Familie, wie es gewünscht war, im Wohnzimmer, der Vater, durch dessen dunkles Haar die Zett Silberfäden gezogen hatte, wenn er auch sonst noch in der vollen Kraft der Mannesjahre stand, die Mutter, deren blonde Flechten noch ein feines, liebliches Gesicht umrahmten, die Geschwister in Jugendfrische und Lebensfülle. Ihnen voran stand Ering, das Gesicht durchleuchtet von der schaffenden Arbeit des Geistes, ihm zur Seite Lieschen, ein treues Ab- bild der Mutter, dann Gustav, des Vaters Hülfe und Stütze bei der Arbeit, und die beiden Kleineren, Max und Hertha. Das Bild, das der vereinigte Familienkreis bot, war in Liebe und Eintracht ein so ganz anderes, wie jenes vor vielen Jahren, aber die Veranlassung, die sie hierher rief, war dieselbe wie damals, und wie damals räusperte sich auch der Notar Merkmann, der ein alter Mann geworden war, ehe er begann: „Es ist ein kurzes Schriftstück, das ich Ihnen mitzu- theilen habe" — und er faltete es auseinander — „und unanfechtbar in seinen Bestimmungen und Auseinandersetzungen, wenn es auch nicht gerade in gewöhnlich sachgemäßer Weise ausgeführt ist." „Ich danke meinem geliebten Sohne Erich für seine Treue alle die langen Jahre hindurch. Er hat meinen Namen geschont und meine Schuld vergeben nicht mit Worten, nur mit der That seines Lebens. Gott lohne es ihm in Zeit und Ewigkeit! Alles, was ich hier schreibe, habe ich mit meinem Enkel Ering Hamann, dem Sohne meiner Tochter Hertha, besprochen. Ihm kommt von Rechtswegen zu, was ich besitze, das Capital, welches auf Grashagen für mich eingetragen steht, wie auch meine bei dem Bankhause Berndt in Hamburg angelegten Ersparnisse. Am Tage seiner Mündigkeit, heute am 4. Mai 18**, habe ich es ihm verschrieben, und er hat mir dafür sein Besttzthum Grashagen übergeben. So vermache ich durch dieses Schriftstück das Gut mit all' seinem tobten und lebenden Inventar meinem Sohne Erich Hagen und seinen Erben. Gott segne Euch, meine Kinder, meine geliebten Kinder!" Tiefe Stille herrschte nach der Verlesung dieser Worte, nur der Notar räusperte sich von Neuem, als er sich erhob und Erich die Hand entgegenstreckte. „Das nenne ich ein Unrecht auf edle Weise gut gemacht, Herr Amtmann," sagte er, „und ich wünsche Ihnen von Herzen Glück zu Ihrer Erbschaft." Erich hatte still wie betäubt gesessen, während die Gesichter der Uebrigen das größte Erstaunen ausdrückten und nur über dasjenige Erings ein leichtes Lächeln der Befriedigung zog. Jetzt blickte der Vater in die Höhe. „Und ist es Alles wahr?" fragte er tiefaufathmend, „ist es —" „Gesetzlich festgestellt und nicht daran zu rütteln," unterbrach ihn der Notar. „Sie haben Beide, Ihre ehrwürdige Mutter und Ihr Neffe, Sorge genug gehabt, daß die Con- tracte und Bestimmungen unanfechtbar sein sollten. Ich glaube, Herr Amtmann, sie trauten Ihnen nicht recht." Erich erhob sich von seinem Stuhle. „Komm' zu mir, Ering," sagte er in tief bewegtem Tone, „mein geliebter, älte- ster Sohn," und als Ering vor ihm stand, da zog er ihn in seine Arme und küßte ihn, während große Thränen in seinen Augen standen. Der Justizrath war nach Altkirch zurückgefahren. Durch den Garten von Grashagen schritten Ering und Gustav, die erwachsenen Söhne des Hauses. Das war ein seltenes Er- eigniß, denn die Beiden wußten sich sonst, wenig zu sagen und Gustavs kühle, ablehnende Haltung ihm gegenüber hatte Erings feines Gefühl oftmals tief verletzt. „Ich schäme mich vor Dir, Ering," sagte Gustav in offenem Ton, „daß ich ein Gefühl der Eifersucht in meinem Herzen gegen Dich nicht habe überwinden können. Es wollte mir nicht in den Sinn, daß Grashagen Dein Besttzthum war, während es doch dem Vater zukam, ich habe der Großmutter und Dir deshalb gezürnt." „Aber das ist jetzt vorüber, Gustav." „Ja, Ering, Du bist besser als ich, das weiß ich und —" „Du mußt das nicht sagen, mein Bruder." „Aber es ist so, und der heutige Tag hat mir's gezeigt, daß ich s nie wieder vergessen werde." Er verließ ihn schnell und Ering setzte seinen Gang allein fort; was mochte ihm im Sinne liegen, daß er nicht einmal die Augen nach der Bank richtete, wo Lieschen unter dem großen Baume saß. Ihr Herz war sehr voll und sie sehnte sich nach Aussprache, aber er kam nicht und die Augen, die seinen Schritten folgten, füllten sich mit großen Thränen. In der Wohnstube stand Marie am Fenster, während Erich auf dem Hofe Anordnungen für die Arbeiten des kommenden Tages traf. „Zum ersten Mal als Herr auf Deinem Grund und Boden," sagte sie, ihm freudig bewegt die Hand reichend, als er zu ihr trat. „Ja, Dank der Großmuth Erings," war seine Antwort; aber das wollte ste nicht gelten lassen. „Es war Dein Recht von Anfang an," entgegnete ste in sehr bestimmtem Tone, als ob sie einem Widerspruch vorbeugen wolle, aber er erfolgte nicht. Erich sagte nur: „Wenn ich dessen nicht sicher wäre, würde ich seinen Verzicht nie angenommen haben —" und nach einer Pause fügte er hinzu: „Seine arme Mutter sagte mir, er würde mir vergelten, was ich ihm Liebes thäte, und wie hat er's gethan, der liebe Junge!" Es schien, als ob Marie die Aeußerung nicht so ganz behagte, denn sie sagte schnell: „Du bist ihm ein Vater gewesen, Erich, von dem Tage an, wo ihn der seine verließ, das darfst Du nicht vergessen." „Er hat mir's leicht genug gemacht," meinte Erich, aber Marie fuhr in dem angeregten Gedanken fort: „Ob er wohl noch am Leben sein mag, der unglückliche Malte?" Sie hatten seit seiner ungehinderten Flucht nichts wieder von ihm vernommen, so antwortete Erich nur: „Gott gebe ihm Buße für seine Schuld und erbarme sich seiner hier und dort!" Die lange Dämmerung des Sommerabends fand sie zusammen auf dem Sopha sitzend, Hand in Hand, in vertrautem Gespräch, als die Thür geöffnet wurde und Erings hohe Gestalt, leicht kenntlich für ihre Augen, auf der Schwelle erschien. Erich rief ihn an seine Seite und faßte seine Hand. „Ist Dein Herz auch so voll wie das meine gegen Dich, Ering?" fragte er liebevoll, und er wollte ihm neben sich Platz machen, aber Ering blieb stehen. „Vater," fragte er in seltsam gepreßtem Ton, „darf ich zu Dir sprechen?" Und auf Erichs erstaunte Bejahung fuhr er fort: „Du weißt, es war unsers lieben Pastors Wunsch, daß ich sein Nachfolger sein sollte. Gestern habe ich erfahren, daß er sich kurz vor seinem Tode für mich bei dem Patron von Willnick verwandt hat, denn mir ist die Pfarrstelle angeboten worden." „Und was wird Deine Antwort sein, Du kannst nicht zweifeln, Ering?" rief Erich fast erschrocken, als er stockte und innehielt. „Vater, Mutter, Ihr müßt entscheiden. Ich kann nicht kommen, denn — ich liebe Lieschen und ich bitte, gebt sie mir zum Weibe!" Sie waren Beide so überrascht, — denn nichts in seinem Verkehr mit ihrer Tochter hatte sie auf diese Erklärung vorbereitet, — daß ste im ersten Augenblick nicht Worte finden konnten. So fuhr denn Ering fort: „Ich weiß, was gegen mich spricht und das hat mich verhindert, ein Wort von meiner Liebe bisher zu sagen, die Schuld, die mein unglücklicher Vater auf mich gelegt hat, macht mich Eures Kindes unwerth und doch, ich liebe Lieschen von ganzer Seele!" Aber Erich war aufgestanden. „Ich weiß nicht, wer ihrer mehr werth fein sollte, als Du," unterbrach er Erings Selbstanklage in fast gereiztem Ton, „was meinst Du, Mutter, ist Dir Ering als Sohn willkommen?" Sie stand schon neben ihm und zog ihn in ihre Arme. „Du kannst nicht vollkommener werden, als Hu es schon lange Jahre gewesen bist," sagte sie mit herzlichem Kuß. „Doch nun hinaus mit Dir, dort auf der Bank —" Aber er war schon verschwunden und während er draußen um sein Lieb warb und ihre freudige Antwort erhielt, hatte Erich die Hand seiner Frau in die seine gefaßt und war zum Fenster getreten. „Weißt Du, Marie," sagte er, seinen Blick auf die dunklen Gestalten unter dem Baume richtend, „als wir zusammen saßen auf dem alten Boote am Strande? Da fing Gottes Sonne an, freundlich über uns zu scheinen." „Er gebe den Kindern denselben Segen, der auf unserm Leben geruht hatte," entgegnete sie, und Erich antwortete: „Das walte Gott." GsrneinirrWges. Blühende Blumen für den Winter. Auf Feld und Flur ist es kahl geworden; zwar blühen im Garten noch vereinzelt die Rosen, zwar prangen im Garten die Georginen gerade jetzt in üppigster Fülle, zwar duften noch die Reseda, und die bunt blühenden Astern gewähren noch einen freund« lichen Anblick, aber schon färbt sich das Laub der Bäume bunt, die dürren Blätter treiben schon im Winde ihr lustiges Spiel, und eine einzige Nacht, in der da? Thermometer unter den Gefrierpunkt sinkt, genügt, um allen diesen Herrlichkeiten ein jähes Ende zu bereiten. Damit ist die Zeit gekommen, Sorge zu treffen, daß auch in jenen kurzen Tagen, wo die Schneestürme durch das Land brausen und die Gewässer in eisigen Feffeln ruhen, unser Auge sich am freundlichen Anblick der Blumen erfreue und unfer Herz sich an ihrem Duft erquicke. Wohl bieten die Kunstgärtner ihre bunten Gaben in reicher Fülle dar, aber selbst gepflanzte und selbst gezogene Kinder der Flora sind tausend Mal schöner und duften in unserem Heim viel lieblicher. Und mit wie geringen Mühen und Kosten kann Jedermann sich diese Freuden bereiten I In den Zwiebel» und Knollengewächsen besitzen wir für den Winter- flor überaus dankbare und leicht zu behandelnde Blüher. Man sehe nun von den vielen angepriesenen Neuheiten ruhig ab und überlaffe sie den passtonirten Blumenliebhabern, man bleibe bei den alten bewährten Sorten, man wähle in erster Linie die prachtvollen Hyazinthen mit ihrem fast betäubenden Wohlgeruch und die Tulpen mit ihren glühenden Farben, sodann aber auch die lilienartigen Tazetten, die stolze Narzisse, die liebliche Scylla und den Frühling verkündenden Crocus. Hohe und enge Töpfe eignen sich zum Einpflanzen der Zwiebeln am besten, weil sie die Entwickelung der Wurzeln gestatten und der Erde Luft und Außenwärme am leichtesten zuführen. Man füllt die Töpfe so weit mit sandiger Mistbeeterde, daß die eingelegten Zwiebeln oder Knollen mit ihrem oberen Ende noch ungefähr 2 Centi- meter vom Topfrande entfernt sind, legt unter jede Zwiebel etwas Sand oder Holzkohlenpulver, wodurch die Zwiebel vor dem Faulen bewahrt wird, und deckt dann den Topf bis oben hin mit Erde zu. Wenn man Gelegenheit hat, gräbt man am besten die Töpfe, nachdem sie angegossen sind, im Garten etwa einen Fuß tief ein und beläßt sie dort bis zum Eintritt stärkeren Frostes, also etwa bis Mitte oder Ende November. Hat man keinen Gartenplatz zur Verfügung, so stellt man sie in die dunkelste Ecke eines frostfreien Kellers und gießt sie nur dann, wenn die Erde stark auszutrocknen beginnt. Zeigen sich die ersten Triebe, so deckt man eine Hand voll Erde über sie oder stülpt einen leeren Blumentopf über. Erst wenn der Trieb mindestens die Länge eines Fingergliedes erreicht hat, darf man die Töpfe in ein warmes Zimmer bringen, doch muß man sie auch hier noch durch Aufstülpen kleiner Düten oder Töpfchen gegen das Licht schützen. Hierdurch wird die ordentliche Ent« Wickelung der Blüthen und deren Herauswachsen befördert und verhindert, daß sie „sitzen", d. h. zwischen den Blättern unten stecken bleiben. Nach Entfernen der Hüllen färben sich Blätter und Blüthen schnell; will man das Wachsen befördern, so giebt man reichlich warmes Wasser in den Untersatz. Sobald sich die Blüthen voll entwickelt haben, ist als Standort ein kühleres Zimmer zu empfehlen, da auf diese Weise einem allzu schnellen Abblühen vorgebeugt wird. Für Crocus genügt zur vollständigen Entwickelung ein nur sehr schwach geheiztes Zimmer, ja sie gedeihen hier fast besser, als inc warmen Raum. Ganz besonders lieben sie den Platz im Doppelfenster- e * • Kranken Topfpflanzen zu helfen. Erscheint die Erde in einem Topf schwarz und entwickelt sich ein moderiger Geruch, während die Pflanze zu kränkeln beginnt, so lockere man den Boden, so lange er noch feucht ist, mit einem spitzen Hölzchen auf, damit zu den Wurzeln frische Luft gelangen kann und die überschüssige Feuchtigkeit rascher verdunstet. Natürlich dürfen dabei die feinen Haarwurzeln nicht gestöit oder geschädigt werden. Ist die Pflanze ziemlich trocken oe- worden, so begieße man dieselbe mit heißem Wasser von 30 bis 36 Grad E.; man wird sich überzeugen, daß die Wurzeln diese Temperatur vollständig vertragen, während schädliches Gewürm vertrieben oder getödtet wird. Ist die Erde wieber so weit abgetrocknet, daß neues Gießen erforderlich ist, so wird das Verfahren ein bis zwei Mal wiederholt und die Pflanze wird bald wieder ein kräftiges Wachsthum zeigen. Das regelmäßige Gießen mit warmem Wasser ersetzt bis auf ein Gewisses die fehlende Bodenwärme und fördert das Wachsthum. ________ Vermischtes. Symbolisch. Zur Bekämpfung der Trunksucht veröffentlicht ein Kalender ein anschauliches Gedicht: Das Glas. Warum doch herrscht in manchem Haus So viel Krakehl, Gefluch, Gebraus? Warum schlägt Mancher seine Frau Und kommt in Elend, trüb und grau, Wodurch kommt man in Schuld, Büßt ein der Edlen Huld? Warum giebt toll man preis DerschwielgenHändeSchweiß? Warum verstößt der Sohn Die Mutter—schnöderLohn! Es kommt vom Glas, Daß das Der Seel' Krakehl, Unruh', dazu Geschrei, Viel Reu' Und Unmuth schafft. Den Beutel leert's, den Kopf beschwert's, Das Zuchthaus — Henkerstod bescheert's. • •' * Boshaft. Gigerl: „Mein Onkel ... äh ... der Professor ist ... äh, äh ... ist nach Afrika gereist, um die Sprache der Affen zu studiren!" — Herr: „Und dazu reist der Herr nach Afrika?" * * * Geheilt. „Nun, wie geht es heute mit dem Herzklopfen Ihrer Tochter?" — „Alles vorüber, lieber Doetor ... Er hat heute Morgen um sie angehalten I" Kindermund. Onkel P*pi besucht seine kleinen Neffen. Diese zeigen ihm ihren Kanarienvogel, der sich aber scheu und ängstlich benimmt. Da lobt der Onkel feinett Kanarienvogel zu Hause; der sei so zahm, daß er ihm Küsse gebe und sogar auf seiner Glatze spazieren gehe. — Fritz: „Aber, Onkel, ist denn der auch glatzenrein?" * * Das kann stimmen. „Wer war denn die alte Dame, die Sie da grüßten?" — „Ach, der Frau schulde ich viel, sehr viel!" — „Ihre Mutter wohl?" — „Nein ... meine Wirthin I' Redaction: I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr- Pietsch) in Gießen.