jum Giehenev Anzeigen sGensverl-Anzeigev) 1893. W "Her ■ W SrTseT 3V?4 Dienstag, den 25. Juli. Der Staatsanwalt. Novelle von Wolfgang Hellmuth. (Fortsetzung). Die tiefste Niedergeschlagenheit spiegelte sich schon wieder in des Doctors Zügen. Er dachte eine kleine Weile nach, dann aber schüttelte er traurig den Kopf. „Ich habe so wenig Bekannte, die mir einen solchen Dienst leisten könnten," meinte er. „Und dann darf ich doch auch nicht dem ersten Besten meine Lage entdecken." Der Patriarch zuckte mit den Achseln. Er goß sich den Nest des Rauenthalers, der noch in der Flasche war, in sein Glas, hielt dasselbe gegen das Fenster und schlürfte es bedächtig leer; dann, als Doctor Hallenstein noch immer mit düster gefurchter Stirne schweigend vor sich hinstarrte, sagte er in gleichgültigem Tone, wie man etwas ganz Nebensächliches hinwirft: „Ist nicht der Stadtrath Werkenthin ein Verwandter Ihrer Familie?" „Allerdings! — Er ist ein Bruder meiner Mutter. Aber ich weiß nicht, in welcher Absicht —" „Nun, wenn zum Beispiel der Stadtrath Werkenthin sich durch seine Unterschrift für Ihre Schuld verbürgte, ließe sich vielleicht über die Sache reden. Es würde mir herzlich sauer werden, das Geld, das ich brauche, auf andere Art zu beschaffen und Ihnen noch obendrein weitere tausend Mark zu geben; aber es wäre doch zur Noth möglich zu machen. Und wenn Sie Ihrem Onkel sagen, wie günstig es um Ihre Heirathsaussichten bestellt ist, wirv er ja kaum Bedenken tragen, Ihnen durch die Hergabe seines Namens aus der Verlegenheit zu helfen." „Einen solchen Vorschlag können Sie mir nur machen, Herr Barteck, weil Sie meinen Oheim nicht kennen. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen — denn ich für meine Person halte Sie ja, wie gesagt, für einen Ehrenmann: man spricht nicht überall gut von Ihnen, verehrtester Freund! Einige Ihrer Feinde, deren Namen ich natürlich nicht kenne, müssen Sie in den Ruf gebracht haben, wucherische Geschäfte zu betreiben, und es ist sehr wahrscheinlich, daß auch dem Stadtrath Werkenthin einmal etwas Derartiges zu Ohren gekommen ist. Ich glaube nicht, daß er zu bewegen sein würde, sich in eine geschäftliche Angelegenheit mit Ihnen einzulaflen." „Meinen Sie? — Nun, das thut mir leid--um Ihretwillen thut es mir leid, lieber Herr Doctor! — Ich wollte Ihnen durch meinen Vorschlag beweisen, daß ich den guten Willen habe, Ihnen entgegenzukommen, soweit ich eben kann. Und ich hätte auch gar nicht verlangt, daß der Herr Stadtrath Werkenthin sich hierher zu mir bemüht oder daß er mich in seinem Hause empfängt. Wenn Sie mir den Wechsel mit seiner Namensunterschrift gebracht hätten, so würde mir das vollkommen genügt haben. Und was die Präsentation am Fälligkeitstermine anbetrifft, so wäre auch in Bezug darauf ein Arrangement schon zu treffen gewesen. Die Sache hätte ja ganz in aller Stille zwischen uns Beiden abgemacht werden können — dergestalt, daß das Eintreten Ihrs« Herrn Onkels in der That nichts Anderes geblieben wäre, als eine bloße Formalität. Das Zustandekommen einer Verlobung kann sich unter Umständen verzögern, denn die Frauen sind, wie gesagt, unberechenbar — mit einer Bürgschaft aber, wie es diejenige des Herrn Stadtraths ist, würden Sie auf mein Entgegenkommen bezüglich einer Prolongation wahrscheinlich immer rechnen können." So sanft und gütig klang die Stimme des Patriarchen, daß nur der eingefleischteste Skeptiker an der lauteren Menschenfreundlichkeit seiner Absichten hätte zweifeln können. Doctor Ernst Hallenstein aber schüttelte nichtsdestoweniger in trüber Hoffnungslosigkeit das Haupt. „Es geht nicht," sagte er, „es ist ganz unmöglich! — Er würde es niemals thun. Wie liebenswürdig auch immer Ihr Versprechen ist, daß er mit der weiteren Abwickelung der Angelegenheit wenig oder gar nicht behelligt werden würde — zu der Hergabe der Unterschrift würde er doch immerhin erst überredet werden müssen, und dies wäre meiner festen Ueber- zeugung nach ein so aussichtsloses Beginnen, daß ich gar nicht den Muth habe, es überhaupt zu versuchen." „Schade, daß Sie sich als Arzt nicht auf das Hypnothi- siren verstehen, Herr Doctor," lächelte der gutmüthige alte Herr. „Sie würden Ihre Absicht dann vielleicht auf dem Wege der Suggestion, oder wie man den Schwindel sonst nennt, erreichen können und der Herr Stadtrath würde nie erfahren, daß er einmal im Schlafe einen Federzug gethan, der für ihn selber ganz bedeutungslos, für Sie aber von so großem Werthe war." In den Augen des Doctors sprühte es auf. Der Gedanke, welchen der Patriarch durch den harmlosen Scherz in ihm hatte wachrufen wollen, er war wie ein jäh aufzuckender Blitzstrahl durch seinen Kopf gefahren, und Herr Ignaz Barteck, der sich ein wenig auf Physiognomik verstand, wußte genau, daß er ihn hinfort nicht mehr verlassen würde. Da er sich einmal entschlossen hatte, den Rath seines Freundes und Rechtsbeistandes zu befolgen, war er für den Augenblick vollkommen zufrieden mit dem, was er da erreicht sah. „Nur unter dieser Bedingung also würden Sie sich da« zu verstehen, meine Bitte zu erfüllen?" fragte der junge Arze nach einer Weile mit unsicher klingender Stimme. „Es giebt gar keine andere Möglichkeit für Sie, mich aus meiner gegen- wärtigen Bedrängniß zu retten?" „So leid es mir thut — es ist das letzte Wort, das ich Ihnen in dieser Beziehung zu sagen vermag. Bringen Sie mir die Unterschrift Ihres Onkels oder eine andere, die für mich von gleichem Werths ist, so werde ich Ihnen gegen ein Accept über sechstausendfünfhundert Mark außer Ihrem alten Wechsel noch achthundert Mark in baarem Gelds und eine Partie ausgezeichneter Cigarren zur Verfügung stellen. Im anderen Falle —" Er schloß mit einem fürchterlich bedeutsamen Achselzucken, und Ernst Hallenstein wußte, daß hier alle weiteren Bitten und Ueberredungsversuche in der That verlorene Mühe sein würden. Mit einem Ausdruck finsteren Trotzes im Gesicht wandte er sich zum Gehen. „Versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie den Wechsel während der nächsten drei Tage noch nicht aus der Hand geben werden! Innerhalb dieser Zeit werde ich meine Entschließungen faffen." Der Patriarch erklärte, daß er sich für nicht mehr als achtundvierzig Stunden verpflichten könne, und mit der Versicherung seiner wärmsten persönlichen Theilnahme geleitete er den Besucher zur Thür. ,,Er wird mir den Wechsel bringen — das ist keine Frage!" meinte er bei sich selbst, als der Doctor fort war. „Aber ich wollte, es hätte sich auf eine andere Weife machen lasien- Es ist doch keine rechte Freude bei solchem Geschäft!" V. Drei Tage später feierte der Profeflor Hallenstein den Geburtstag seines Töchterchens, und unter den zum Feste Geladenen befand sich diesmal auch Bernhard Rodewaldt. Er hatte dem in Liebreiz und lachendem Frohsinn strahlenden Geburtstagskinde am Morgen bei einem kurzen Gratulationsbesuch einen Strauß von blaßrothen Rosen überreicht, und es machte ihn glücklich, zu sehen, daß Elfriede, die von allen Seiten mit Blumen überschüttet worden war, am Abend einige von seinen Rosen als einzigen Schmuck ihres einfachen Kleides trug. Da sie von ihren Freundinnen und von mehreren älteren Bekannten des Hauses zunächst beständig in Anspruch genommen wurde, fand der Staatsanwalt wenig Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, und es war ihm sicherlich nur ein recht unvollkommener Ersatz, daß ihr Bruder Ernst desto eifriger bemüht schien, ihn zu unterhalten. Der junge Arzt wich in der That nicht einen Augenblick von seiner Seite und war von einer Aufmerksamkeit, die zuletzt fast etwas Beängstigendes für den Staatsanwalt hatte. Dabei mußte sich der Doctor unverkennbar Zwang anthun, um heiter und aufgeräumt zu erscheinen. Die Bläffe seines Gesichts, die bläulichen Schatten unter seinen Augen und das nervöse Zucken seiner Lippen hatten ihm schon von verschiedenen Seiten die Frage eingetragen, ob er sich nicht ganz wohl befinde, und wenn er diese Vermuthung auch stets mit einem Auflachen, das gewiß recht lustig klingen sollte, zurückgewiesen hatte, so drückte er doch mitten im lebhaftesten Geplauder wiederholt die Hände an die Schläfen, und von Zeit zu Zeit erschienen große Schweißtropfen auf seiner Stirn. Es waren fast ausschließlich Fragen crirninalistifcher Natur, von denen er sprach und über die er sich Aufklärung zu verschaffen suchte. Er legte in Bezug auf diese Dinge eine geradezu auffallende Wißbegierde an den Tag, und die Beharrlichkeit, mit welcher er immer wieder auf sie zurückkam, erschien um so befremdlicher, als er zwischendurch wiederholt mit erzwungenem Lächeln bemerkte, der Staatsanwalt möge schließlich nur nicht glauben, daß er unter die Criminalstudenten gehen wolle. Jedenfalls war der Eindruck, welchen Rodewaldt von ihm empfing, heute ein noch weniger günstiger als sonst, und die hochgradige Nervosität, unter welcher der junge Arzt zu leiden schien, machte seine Gesellschaft für den ruhig ernsten Staatsanwalt fast noch unangenehmer, als jene burschikose Lustigkeit, die sonst den Grundzug seines Wesens und Benehmens bildete. Er athmete erleichtert auf, als das Zeichen zum Beginn der Tafel gegeben wurde und er fah, daß der Doctor feinen Platz am anderen Ende des Tisches hatte. Allerdings würde er sich jetzt, auch wenn sie Nachbarn gewesen wären, kaum noch sonderlich um ihn gekümmert haben, denn ein günstiger Zufall oder eine beglückende Absicht hatte Elfriede, mit der er bisher kaum zwanzig gleichgültige Worte gewechfelt, an feine Seite geführt. Zwar hatte das Geburtstagskind ihn nicht zum Tischherrn gewählt, aber der alte Freund des Hauses, dem diese Ehre zu Theil geworden war, ein Gymnasial-Ober« lehrer, wurde bald so vollständig von den leiblichen Genüssen an Speise und Trank und von der gelehrten Discussion mit einem gegenübersitzenden Collegen in Anspruch genommen, daß Elfriede Gelegenheit genug fand, sich mit ihrem Nachbar zur Rechten zu unterhalten. Anfänglich drehte sich ihr Gespräch nur um gleichgültige Dinge, wie sie eben bei einem solchen Anlaß zwischen einem jungen Herrn und einer jungen Dame wohl erörtert zu werden pflegen; aber es währte nicht lange, bis auf beiden Seiten der Ton der Unterhaltung ein merklich wärmerer geworden war und bis hüben wie drüben die leuchtenden Augen eine noch viel beredtere Sprache führten, als die lächelnden Lippen. Wie im Fluge schwanden den beiden Glücklichen die Viertelstunden dahin- Elfriede fuhr ganz erschrocken zusammen, als plötzlich alle Welt mit gefüllten Gläsern auf sie zukam, um mit ihr anzustoßen, denn nur wie einen leeren Schall hatte sie die Worte des Redners vernommen, der soeben in höchst poetischen Wendungen ihre Gesundheit ausgebracht, und die dunkle Gluth, welche jetzt ihre Wangen färbte, hatte gewiß eine ganz andere Ursache, als die Geburtstagsgäste es vermutheten. Bernhard Rodewaldt war der Letzte, mit welchem sie ihr Glas zusammenklingen ließ. Er hatte sich ganz bescheiden zurückgehalten; aber es war am Ende doch zweifelhaft, ob die Bescheidenheit allein die Veranlaffung dazu gewesen war. „Auf eine glückliche Zukunft, Fräulein Elfriede!" sagte er leise, indem er ihr tief in die Augen sah. „Es ist ein selbstsüchtiger Wunsch, denn es giebt auch für mich hinfort nichts Besseres und Köstlicheres mehr, als Ihr Glück." Sie antwortete ihm nichts und sie schlug auch die Augen nieder; aber für einen Moment hatte ihn doch ein Strahl aus diesen glänzenden Sternen getroffen, der sein Herz mit eitel Freude und Helligkeit angefüllt hatte. Als man sich nach einer heiteren, mehrstündigen Tafelsitzung vom Tische erhob, war unter all' den vergnügten Gesichtern keines von so strahlender Fröhlichkeit, als das sonst so ernste Antlitz des jungen Staatsanwalts, und man mußte nicht gerade ein scharfsinniger Menschenkenner sein, um zu errathen, daß ihm ohne Zweifel etwas ganz besonders Angenehmes und Erfreuliches widerfahren sei. Wie es bei dem Geburtstagsfest einer jungen Dame am Ende selbstverständlich ist, wurde nach dem Souper zu einem Tänzchen aufgespielt, und die fröhliche Jugend gab sich mit Feuereifer dem Vergnügen des improvisirten Balles hin Begreiflicher Weife wurde keine Andere so viel umschwärmt und begehrt, als die reizende Tochter des Hauses, und der Staatsanwalt, der sich vielleicht noch auf ein beglückendes Plauderstündchen Hoffnung gemacht hatte, sah sich nun in seinen schönen Erwartungen um so vollständiger betrogen, als er selber in einer harten, arbeitsreichen Jugend keine Gelegenheit gehabt hatte, sich die holde Kunst Terpstchorens zu eigen zu machen. Etwas verstimmt zog er sich in einen kleinen Erker zurück, wo ein mit breitblätterigen Pflanzen besetzter Blumentisch seine Gestalt den Blicken der Uebrigen fast ganz verbarg- Wohl eine halbe Stunde schon mochte er in diesem Schmollwinkel zugebracht haben, als seine Schulter plötzlich leicht mit einem Fächer berührt wurde und er, ausblickend, in Eifriedens holdseliges, vom raschen Tanz etwas höher gefärbtes Antlitz sah. = 343 « abzuwarten. Bernhard Rodewaldt fühlte sich durch diese neue In- CI^IaCCIa ____c 7 ..L . . v . Stunde später das gefüllte Glas entgegenhielt, um auf un- „Ja, Elfriede, meine Lehrmeisterin sollen Sie werden, doch nicht in der Kunst des Tanzens allein, sondern noch viel mehr in der Kunst, glücklich zu sein - meine Lehrmeisterin und mein guter Kamerad, — die heißgeliebte Gefährtin meines ganzen künftigen Lebens!" Noch ehe sie Beide so recht wußten, wie es geschehen war, hielt er die schlanke Gestalt in seinen Armen und fühlte den Schlag ihres stürmisch pochenden Herzens an seiner Brust. Ihre Lippen begegneten sich im ersten heißen Kuffe und für einen Moment hatten sie den Ort, an welchem sie sich befanden, ebenso vollständig vergeffen, als die ganze übrige Welt. Da schreckte eine wohlbekannte Stimme, die unmittelbar neben ihnen laut wurde, sie aus ihrer seligen Selbstvergessenheit empor. Doctor Ernst Hallenstein war es, der den kleinen Erker betreten hatte und über die Bedeutung der Situation, in welcher er die Beiden gefunden, natürlich nicht lange hatte in Zweifel bleiben können. Fräulein X wird mit der Zeit nervös, unterleibs- lerdend u. f. w. Ihre Gesichtsfarbe wird fahl, ihre Brust emgesunken; sie leidet an Kopfschmerzen, auch ihre Augen sind gar nicht so gesund, wie sie sein sollten. Dabei wird weiter gehakelt und weiter gestickt. Es wäre doch eine rechte Faulenzerei, die Hände einmal ruhen zu lassen und statt dessen die Fuße in Thätigkeit zu setzen, d. h. einen weiteren Spaziergang zu machen. Tüchtig in Haus oder Garten, auf Feld und Acker zu arbeiten, das schickt sich nun schon gar nicht: dazu ,st auch das Dienstmädchen da. O, dieses kerngesunde Dienst- Mädchen! Fräulein X beneidet es fast. Aber so kräftig und blühend könnte unsere fleißige Stickerin auch sein. Die Natur beabsichtigte nicht, aus ihr ein schwächliches, bleichsüchtiges, nervöses Geschöpf, sondern sie stark, blühend und regsam' zu machtti. Wann wird die Zeit kommen, wo man endlich ganz begriffen haben wird, daß das weibliche Geschlecht seine Körper- kräste ebenso systematisch ausbilden muß, wie das männliche? Aber Kraft am weiblichen Geschlecht ist ja nicht schön, nicht anmuthig, nicht „ächt weiblich" I werden die Verehrer des Altgewohnten einwenden. O doch! Die Spartanerinnen, deren Körperkräfte man nicht, wie bei den modernen Frauen, verkommen ließ, waren die schönsten Frauen der Welt- Schön ist der Mensch, der alle seine Kräfte harmonisch entwickelt hat. Das Krankhafte kann nur einem verdorbenen Geschmack ge« fallen, und schwach und krank gehört ja eigentlich immer zusammen. Ich sah einmal ein Landmädchen Heu von einem Wagen laden. Sie stand oben drauf; kräftig stieß sie die Gabel in das Heu und in mächtigem Schwünge warf sie es hinab. Welch' prächtige Gestalt! Eine verschnürte Stadtdame neben sie gestellt, hätte sich gar kläglich ausgenommen! Wenn man nur erst dahinter käme, wie viel Gesundheit „Wahrhaftig, das nenne ich eine angenehme Neuigkeit!" rief er aus. „Viel tausend herzliche Glückwünsche, mein lieber Herr Schwager in spei Ich hoffe, wir werden von nun an erst recht die allerbesten Freunde werden!" Es war wohl begreiflich, daß Bernhard Rodewaldt durch diese Art der Beglückwünschung mehr peinlich als angenehm berührt wurde; aber er fand sich in die Situation wie ein Mann von guter Erziehung, erwiderte den Händedruck des jungen Arztes und reichte dann Elfriede den Arm, um sie ihrem Vater zuzuführen. Gewiß hätten die beiden Liebenden ihr beglückendes Ge- heimniß gern noch eine Weile für sich selbst behalten; nach der plumpen Einmischung des Doctors aber schien ein solcher Verschweigen nicht mehr möglich und der Staatsanwalt hielt es für seine Pflicht, noch in dieser Nacht bei dem Gymnasial- drrector um die Hand seiner Tochter anzuhalten. Der Professor schien wohl ein wenig überrascht, aber seine Ueberraschunq war von durchaus freudiger Art, und da er nicht nur den ehrenwerthen Character des jungen Mannes zur Genüge kannte, sondern auch hinreichend darüber unterrichtet war, daß seine Vermögensverhältniffe durchaus geordnete seien, hatte er keine Veranlassung, dem glücklichen jungen Paare seine Einwilligung vorzuenthalten. Noch hielt er die Hand Rodewaldts in der InSÄ fpM(äLin °twas bewegter Stimmung auf ihn ein, ®HmÄbeT nähere Freunde des Hauses sich der kleinen Gruppe näherten, um ihre wohlgemeinten Glückwünsche zu dem eben geschlossenen Herzensbündniß anzubringen. Es war also kem Zweifel, daß Ernst Hallenstein sich beeilt haben mußte, die Kunde davon unter der Hand in der Gesellschaft zu ver- Etwas über die Seßhaftigkeit der weiblichen Jugend. Schon seit ein paar Stunden sitzt Fräulein X. über einer fernen Handarbeit, den Kopf gesenkt, Brust sowohl wie Unterleib zusammengepreßt, die Augen angestrengt auf die Arbeit geheftet. Sie athmet kaum, denn was sollte sie zu einem tiefen Athemzuge veranlassen? Sind es ja doch nur ihre Finger und ihre Augen, die thätig, allerdings angestrengt thätig sind. Fraulein X. ist ein sehr fleißiges Mädchen. Alle ihre weiblichen Bekannten bewundern ihren Fleiß. -Sie hat bereits ganze Kasten voll der feinsten Stickereien und Häkeleien, die fte selbst angefertigt. Zwar weiß sie noch nicht, wann und wozu sie das Alles einmal gebrauchen wird, aber für „Dergleichen findet man ja immer Verwendung", auch sind so"viele Tanten und Cousinen zu Weihnachten und zu den Geburtstagen zu beschenken. Am Nachmittag geht Fräulein X in einen Damenkaffee. In jedem Damenkaffee werden Häkelspitzen bewundert und Häkelpröbchen ausgetauscht, und zum Ehrgeiz MS | sÄ'aa'Äi L- s I traulich aus die Schulter. „Ich suchte Sie überall, Herr Staatsanwalt,« sagte sie I breiten, ohne erst eine bestimmte Erklärung des Staatsanwalt« mit leisem Vorwurf. Warum sondern Sie sich so beharrlich oder eine Bekanntgabe des Verlöbniffes durch seftrenffe aus der Gesellschaft ab? Wollen Sie denn gar nicht tanzen?" abzuwarten. ' n ^ater . »Nein, Fräulein Elfriede," sagte er freimüthig, „ich muß Bernhard Rodewaldt fühlte sich durch diese neue ^n- mir dies Vergnügen leider versagen; denn ich habe in meiner biscretion auf das Tiefste verletzt und wenn überbauvt iraend Jugend niemals die Zeit gefunden das Tanzen zu erlernen etwas seine überschwänglicheGlücksstimmuna «bW-ZL Md tt« ich d»,u d-m doch wo6l Bereit« ,u alt." »erimcht hätte, fo märe e« diele jSfflSg „Äc^, wie schade! erwiderte sie mit aufrichtigem Be- I künftigen Schwagers gewesen. Aber er mar hnrA ^ueJn; »®8r ist wirklich ein sehr hübsches Vergnügen und I nicht in der Stimmung, dem Doctor seine Ungeschicklichkeit es thut mir leid, daß es Ihnen so ganz entgehen soll. Was lange nachzutragen, und als der Bruder Elfriedens ihm eine h.>aWh»n ^tsr anbetrlfft, so überschätzen Sie die Würde Stunde später das gefüllte Glas entgegenhielt, um auf un- ha8 eto t?-eni8‘ ich Ihnen verbrüchliche Freundschaft, die auch die därteste Probe besteben demnächst einmlA eine Lectton ertheile? Ich glaube, daß ich solle, mit ihm anzustoßen, da zögerte er nicht, ihm Bescheid ,u eme ganz gute Lehrmerstttin abgeben würde." thun und den Druck seiner Hand kräftig zu erwidern. In der allerliebsten Schelmerei, die ihr hell aus den Augen sRortiekuna iolat 1 blitzte, sah sie so reizend aus, daß der Staatsanwalt, dessen ».Fortsetzung folgt.) Gedanken sich während der letzten halben Stunde ja nur mit ____________ ihr allein beschäftigt hatten, der Versuchung, die ihn mächtig überkam, nicht länger zu widerstehen vermochte. Er erfaßte ihre beiden Hände und zog die kaum Widerstrebende näher zu sich heran. 344 - und Lebensfrische die Sticknadel und der Häkelhaken, diese scheinbar so harmlosen Instrumente, bereits gemordet haben I Wir bedauern mit Recht die arme Näherin, die tagaus, tag» ein über ihre Arbeit sich bücken muß, finden es aber ganz in der Ordnung, daß auch die Frauen, die kein hartes Muß dazu treibt, dem Moloch Nähnadel ihre besten Kräfte opfern, indem sie Luxus-Arbeiten, die zum Mindesten entbehrlich sind, in endloser Reihe verfertigen. Von Generation zu Generation wird unsere besser situirte Frauenwelt schwächer; die Muskeln werden immer schlaffer, die Entbindungen immer gefährlicher. Die Kinder, welche solche Frauen zur Welt bringen, sind „gar so sehr zart". „Ein Hauch schon kann sie tödten," und ihr Leben lang lernen sie nicht kennen, was es heißt, gesund, wirklich gesund zu sein. Schon Jean Paul klagt darüber, daß die Mädchen so seßhaft sind. Ja freilich, man zieht sie ja zur Seßhaftigkeit, zur Unnatur, d. h. also zum Kranksein. Ein Mädchen muß immer hübsch ruhig sein, heißt es, darf nicht laut rufen, laut singen oder lachen, darf auf der Straße nicht springen und laufen. Am paffendsten ist es für ein kleines Mädchen, wenn es mit seinem Strickzeuge recht still in der Stube sitzt, wobei es häufig die nicht immer menschenfreundlichen Gespräche der Alten belauscht — selbst schon eine kleine alte Frau, ehe es noch Kind war. Wir sollen die Kinder wohl frühzeitig die Arbeit lehren, aber wir dürfen auch nicht vergessen, daß sie einen Körper haben und daß dieser Körper sich empört, wenn er vernachlässigt wird. Auch die größten Geschicklichkeiten und die feinsten Manieren sind kein Ersatz für mangelnde Gesundheit. Darum, Ihr Eltern, wenn Ihr dafür sorgt, daß Eure Söhne sich kräftig entwickeln, vergeßt auch nicht Euer kleines Mädchen. Glaubt mir, das liebe Kind verdient's, daß man ihm ganz dieselben Vortheile zuwendet, die seine Brüder genießen- Turnen, Rudern, Schlittschuhlaufen, Wandern bringt frischen Lebensodem in die weibliche Brust so gut wie in die männliche. Macht es dem Kinde auch klar, daß nützliche körperliche Arbeit sür Niemand eine Schande ist, sondern das Gegen« the.l. Das rührige Schaffen in Haus, Garten und Feld gibt rothe Backen, runde Arme und süßen Schlaf. Aus einem so erzogenen Mädchen wird nimmermehr ein Fräulein X., das gar nicht weiß, ob es Muskeln besitzt und das sich vor seinen Standesgenoffen schämt, „Dienstmädchenarbeit" zu thun, d. h. zu tragen, zu heben, zu graben und zu Harken. Wir aber, die wir aus einer Zeit stammen, wo man es naiverweise für überflüssig hielt, den jugendlichen weiblichen Körper zu kräftigen, dürfen nicht denken, daß es nun schon zu spät ist, etwas in dem Sinne zu thun. Ich meine hier besonders Diejenigen, deren Beruf sie zwingt, eine sitzende Lebensweise zu führen, seien sie nun Künstlerinnen, Studirende oder Handarbeiterinnen- Etwas Gelegenheit zur Muskelarbeit findet vielleicht Jede, wenn nicht, so muß sie turnen, denn das Turnen beschäftigt mehr noch, als die ost einzelne Glieder einseitig anspannende Körperarbeit jede Muskel, regelt den Blutumlauf, vertieft die Athem« züge, macht die Füße warm und den Kopf klar- Es ist erstaunlich, wie wenig bekannt und anerkannt der Nutzen des Turnens noch in Frauenkreisen ist. Wenn ich solchen, die an kalten Füßen, Frösteln und ähnlichen Plagen litten, gymnastische Hebungen anrieth, antworteten sie mir mit ungläubigem Lächeln: „Was soll denn das nützen?" Und doch könnte sich Jede leicht selbst überzeugen. Ich empfehle nun unseren Seßhaften, sich ein Büchlein über Zimmergymnastik anzuschaffen oder sich von einer kundigen Person eine Anzahl Hebungen zeigen zu lassen, eine für jedes Glied, also für Arme, Beine, Hände, Füße, Hals, Unterleib, Schultern. Ganz besonders mache ich auf das Stabturnen aufmerksam. Jeder Stab, welcher die gehörige Länge hat, im Nothfall auch ein Regenschirm, kann dazu dienen. Man macht die Hebungen im Freien oder am offenen Fenster und athmet nach jeder Hebung ein paar Mal lies und ruhig ein und aus. Selbstverständlich darf das Turnen nicht bis zur Ueberntübung betrieben werden; es würde sonst schaden, statt zu nützen- I Er widert mir Eine: „Zu Dergleichen habe ich keine Zeit," so antworte ich: „Dazu muß sich Zeit finden; denn wer keine Zeit hat, gesund zu bleiben, muß später Zeit haben, krank zu , sein." Darum, Ihr Frauen: Frisch, fromm, fröhlich, frei! Und möchte es der Seßhaften in unserem Geschlecht immer weniger geben! (Nordd. A. Ztg.) Gemeinnütziges« Russisches Mittel gegen Motten im Pelzwerk. In starken Spiritus wirft man eine Handvoll Kampfer und die zerkleinerte Schale von spanischem Pfeffer oder kleingestoßene Koloquinten, läßt das Ganze einige Tage in der Ofen- oder Sonnenwärme stehen, bis der Kampfer sich aufgelöst hat, worauf die Flüssigkeit durchgeseiht wird. Man bespritzt mit derselben das Pelzwerk recht regelmäßig, wickelt es fest zusammen und schlägt es darauf in neuen Shirting oder feste Leinwand ein- Auf diese Art kann man Pelzwerk Jahre lang aufbewahren, ohne daß sich Motten darin einfinden. Dieses Mittel ist in Rußland allgemein unter dem Namen „die chinesische Mottentinctur" in Anwendung und wird dort als Geheimniß der Pelzhändler betrachtet. ♦ Ein Kitt, der im Wasser und Feuer aushält und deshalb für Metall, Porzellan und irdenes Geschirr anwendbar ist, wird folgendermaßen bereitet: Man läßt 2 Pfund süße Milch durch Weinessig dünne gerinnen. Sobald die Milch abgekühlt ist, nimmt man die Molke davon und quirlt das Weiße von vier Eiern hinein; hierauf mischt man fein pul* verisirten ungelöschten Kalk hinzu und arbeitet die Mischung mit einem Spatel recht innig durch. Statt des Eiweißes kann auch frisches Rinderblut dienen. An der Luft und dann in starker Wärme getrocknet, hält dieser Kitt Feuer und Wasser aus. ♦ ♦ • Plüschteppiche reinigt man sehr leicht, wenn man dir- selben, nachdem man sie gut ausgeklopft, auf der Erde ausbreitet und mit einigen Händen voll gut ausgedrücktem frischen Sauerkraut abreibt. Es wird nicht nur der Staub hinweggenommen, sondern sämmtliche Farben erhalten ein frisches Aussehen. Vermischtes. Hntrüglicher Beweis. Frau: „Aber liebes Männchen, ich glaube gar, Du hast einen kleinen Schwipps! - Siehst Du denn rechts den Thurm noch?" — Mann: „Was Du denkst — liebe Clara — werde ich — den Thurm nicht mehr sehen!? Ich sehe — sogar — zwei Thürme!" • * ♦ Ein Danaergeschenk. Braut: „Denke Dir, Papa will mir als Mitgift auch ein Clavier schenken!" — Bräutigam (ärgerlich): „Ich begreife gar nicht, was der Mann nun eigentlich immer gegen mich hat!" ♦ * • Abgeschreckt. „Na, Du hast kein Verhältniß mehr mit der Kathi? Ich hab' gedacht, Du heirathest sie!" — „Nein! Die hab' ich einmal Teppiche ausklopfen seh'n — da ist mir die Lust vergangen." ♦ * ♦ Privatier Bäuchle: „Ah! Das Essen schmeckt Einem halt doch ganz anders, wenn man weiß, daß man was Ordentliches geleistet hat!" — Frau Bäuchle: „Ja, was hast Du denn heut' so Außerordentliches gethan?" — Herr Bäuchle: „Gewählt hab' ich!" — Rsdaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen-