■ ■ ■ -......-w-——-v----<£''—EEELj-----6s£------i_3—"i--•*---?xS—** A^> NntevhattrtNKsblatt Min Gietzenev Anzeigev (Geneval-Anzeigev) Samstag, den 25. Februar. Nr. 24 WMü NWE ü»-_ . . | -M.AM «j W EiW^WMNMH MKMWMtzMUW .x>-;-HM» - 'S* 'oki . r*-1 WMMDMKMI SM^EKKMHME M Dämon Gold. Original - Roman von W. Höffer- (Fortsetzung). Der Diener war, als ihn sein Gebieter anredete, gerade im Begriff, die Treppe zu ersteigen; jetzt blieb er mit sonderbar unruhigem Gesichtsausdruck stehen und dämpfte die Stimme zum Flüstern. „Gnädiger Herr — ich glaube' — es gibt ein Unglück heute." Hans Adam sah ihn an. „Ein Unglück?" wiederholte er ganz erstaunt. „Sprechen Sie deutlich, Fischer." Der Lakai deutete die Treppen hinab. „Unten ist ein Polizist, gnädiger Herr. Er kam in einer Droschke." Der Baron erschrak unwillkürlich. „Wen will der Mann sprechen? Mich?" „Nein — das gnädige Fräulein." „So führen Sie ihn nur zunächst in mein Arbeitszimmer." Der Lakai verschwand und Hans Adam beeilte fich, die Bibliothek zu erreichen; sein Herz schlug voll Unruhe. Was mochte es denn wieder geben? Einige Augenblicke später stand der Beamte vor ihm. „Herr Baron, es thut mir sehr leid, eine böse Botschaft aus« richten zu müssen," sagte er im mitleidigen Tone. „Fräulein Aßmann ist verhaftet." „Was? -" Der Mann präsentirte einen schriftlichen Befehl. „Vom Ersten Staatsanwalt," setzte er hinzu. Hans Adam las, ohne glauben, ohne dem Zeugniß seiner Sinne vertrauen zu können. „Verhaftet?" wiederholte er. „Verhaftet? Aber die Sache war ja niedergeschlagen; es sollte keine Anklage stattfinden." Der Polizist zuckte die Achseln. „Das ist nicht meine Angelegenheit, Herr Baron. Ich muß den erhaltenen Auftrag ausführen, weiter nichts." „Aber ich darf jedenfalls meine Schwägerin begleiten?" „Auch das nicht, Herr Baron. Ich kann keinem Men« schen gestatten, sich zu der Dame in den Wagen zu setzen." „Das ist doch zum Verzweifeln!" Hans Adam sah rathlos vor sich hin. Wie sollte er es anfangen, das unglückliche junge Mädchen auf diesen neuen schweren Schlag vorzubereiten? „Herr Baron," bat nach einer Pause der Beamte, „meine Zeit ist gemessen. Würden Sie nicht Fräulein Aßmann benachrichtigen ?" „Ja gewiß — ja." Und von der Nothwendigkeit getrieben, begab sich Hans Adam wieder in das Wohnzimmer, wohin ihm der Beamte auf dem Fuße folgte. „Ich muß mich vorsehen, Herr Baron. Glauben Sie mir, der Auftrag, den ich hier ausführe, ist äußerst peinlich." Hans Adam antwortete nicht. Seine und Ruths Blicke begegneten sich schon, als er noch den Thürgriff in der Hand hielt; Tante Anna schrie laut auf vor Schreck. „Gott im Himmel — die Polizei!" „Was bedeutet das, Hans?" fragte Ruth. Er zuckte die Achseln. „Sicherlich ein nochmaliges Verhör — ich wenigstens kann mir die Sache nicht anders erklären. Du mußt diesen Mann leider jetzt begleiten, meine arme Ruth, es geht nicht anders." Das junge Mädchen hatte sich erhoben und schloß ihre Schreibmappe. „Aber die frühere Vorladung brachte doch ein Gerichtsdiener!" sagte sie, von einem der beiden Männer zum anderen blickend. „Weshalb kommt heute ein Polizist?" Eine Pause folgte diesen Worten. Haps Adam hatte nicht den Muth, die schreckliche Wahrheit offen zu gestehen; auch der Beamte schwieg tief erschüttert. Dies Mädchen mit dem Madonnenantlitz sollte eine Mörderin sein? Mochte Gott Denen vergeben, die es behauptet hatten. Ruth preßte die Hand fest an das pochende Herz. „Ich bin also verhaftet," sagte sie in unnatürlich ruhigem Tone. „Ist es nicht so?" „Leider ja, gnädiges Fräulein. Bitte, folgen Sie mir." „Gott im Himmel," schluchzte Tante Anna, „das überlebe ich nicht- Meiner Schwester Kind im Gefängniß!" „Ruth," sagte im gedrückten Tone der Baron, „Ruth, bleib' tapfer, mein armes Mädchen. Ich begebe mich natürlich sogleich zum Staatsanwalt." „Kannst Du denn bei mir bleiben, Hans?" Der Baron wandte sich zu dem Beamten. „Sie hören!" sagte er mit einer Handbewegung gegen seine Schwägerin, „Fräulein Aßmann möchte ihren natürlichen Beschützer neben sich haben." Ein Kopsschütteln antwortete ihm. „Ich darf es nicht gestatten, Herr Baron. Bitte, lassen Sie uns davon schweigen." Ruth griff an ihre Stirn. „Ja, ja," sagte sie, „wir wollen es kurz machen, Herr Sergeant, können Sie mir für meinen Anzug zehn Minuten bewilligen?" Der Mann sah von Einem zum Anderen. „Wenn ich nur gewiß weiß, daß das gnädige Fräulein nicht unterdessen — ich meine —" Ruth öffnete eine Thür und deutete auf den Gang hinaus. — 84 — „Das da ist mein Zimmer, guter Mann. Bleiben Sie hier stehen, so können Sie mich förmlich überwachen. Ein zweiter Ausgang ist nicht vorhanden." Der Polizist verbeugte sich. „Schön! Säön!" sagte er. „Ich warte." Ruth streckte der alten Dame beide Arme entgegen. „Tante," bat sie, „möchtest Du nur nicht ein wenig helfen?" Die Greisin umfaßte schluchzend das Kind ihrer verstorbenen Schwester. „Du zitterst, Ruth! Du bist krank. Ach, Herr Sergeant, Herr Sergeant, das ist eine fürchterliche Grausamkeit!" „Komm', Tante, komm' — was kann denn der Mann dafür?" Sie zog die weinende Frau mit sich fort und schloß dann in ihrem Zimmer von innen die Thür- Man sah, daß sie sich nur mit Mühe aufrecht hielt- „Tante!" „Run, mein Liebling? — Gott, ach Gott, wie blaß Du bist!" „Tante, willst Du mir einen großen, überaus wichtigen Dienst leisten? Willst Du es sein, die für meine Befreiung das erste Opfer bringt?" Die Alte schlug ihre bebenden Hände zusammen. „Großer Gott, Ruth, Du fragst noch?" Das junge Mädchen ging unsicheren Schrittes zu einem Secretär, dessen Geheimfach sie öffnete und aus dem sie einen versiegelten Brief herausnahm. „Tante, willst Du sogleich, wenn ich fort bin, anspannen lassen und für mich nach Dornau fahren? Herr Wolfram muß diesen Brief so schnell als möglich erhalten-" Die alte Dame nickte fortwährend. „Gewiß will ich thun, wie Du sagst, mein armes Kind. Gewiß. Was steht denn aber in dem Brief? Dinge, die mit Deiner Verhaftung zusammenhängen?" „Natürlich, Tante. Das Alles erfährst Du später. Aber Dornau" Wpti$ mi$ Ems — Du fährst persönlich nach „Ja, ja." „Und legst den Brief aus Deiner Hand in diejenige Wolf- rams. Es darf da keine dritte Person mitsprechen oder an Demer Stelle handeln — so lieb Dir meine Sicherheit ist. Sollte Wolfram nicht zu Hause sein, so wartest Du, bis er zurückkommt." „Ich will Alles thun, was Du verlangst, Ruth." „Das erwarte ich. Aber halt! — Es gibt doch noch Eines zu erinnern." Und purpurn erglühend fügte das junge Mädchen hinzu: „Hans Adam darf von der Existenz dieses Briefes keine Kennt« niß erlangen, Tante." , , ihm kein Wort erzählen. Aber wozu das Ge« heimniß, Ruth?" r »Weil ich mich lieber auf Wolfram verlassen möchte; er ist besonnener, urtheilt ruhiger als Hans." Sie hatte während dieser eilig gesprochenen Worte ihren Anzug vollendet und nahm nun Hut und Mantel, um sich zu dem wartenden Polizisten zu begeben. Tante Anna weinte, als müsse ihr das Herz brechen. „Ich überlebe es nicht!" schluchzte sie immer wieder- „O mein Gott, ich überlebe es nicht!" Ruth küßte das thränenüberströmte Gesicht. „Pflege meine Blumen, Tante. Wer schuldlos leidet wie ich, mit dem ist Gott." Sie öffnete die Thür und bot dann ihrem Schwager die Hand. „Adieu, Hans. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder." m „ „Ich gab schon Befehl, mein Pferd zu satteln, Ruth. Natürlich wird meine Bürgschaft genügen, um Deine sofortige Freilassung zu erwirken." . , Das junge Mädchen lächelte traurig. Er war und blieb derselbe; seine zuverlässigen Erwartungen verließen ihn niemals. . . Unten fanden Himer allen Thüren halbversteckt die Dienst- "Echo bitterlich weinend, alle voll aufrichtigen Mit- gefühls. Pastors Ruth im Gefängniß! — Pastors Ruth, die gütige, nachsichtige Herrin, die sanfte Trösterin der Armen und Verlassenen, die, bei der jeder Unglückliche Rath und Hilfe fand — sie sollte eine Mörderin sein! Die Leute küßten ihre Hände, ihre Kleider, tausend Segenswünsche folgten ihr in den Wagen nach; der Polizist athmete wie befreit, als er sich zu dem Kutscher auf den Bock schwang. So schwer wie diese Verhaftung war ihm während seiner ganzen Amtsführung noch keine einzige geworden. Der Wagen fuhr durch das Schneetreiben dahin; beide Fenster waren dicht verschlossen und fast kein Mensch rings umher zu entdecken. Ruth lehnte den Kopf gegen die Polster; es war ihr, als müsse die lange erzwungene Selbstbeherrschung diesem letzten, schwersten Schlage gegenüber weichen, als werde sie zusammenbrechen unter der Last des furchtbaren Verhäng- niffes. Gefangen, mit Verbrechern und großstädtischen Verworfenen eingesperrt, aller Freiheit, aller persönlichen Verbindungen beraubt — ließ sich der entsetzliche Gedanke wirklich ertragen? Ein galoppirendes Pferd überholte den Mtethwagen, Hans Adam grüßte mit ermuthigender Handbewegung, und gleich einer Vision flogen Roß und Reiter im Flockengewirbel vorüber. Ruth fühlte, daß ihr Herz schneller schlug, daß ihre Gedanken wohlthätig abgelenkt worden waren. Hans würde nun von einer Amtsperson zur anderen eilen und überall, wohin er kam, Unmögliches zu erreichen suchen. Das machte er immer so und kein Fehlschlag entmuthigte ihn, keine noch so herbe Lehre fand bei ihm Eingang. Armer Hans — wie würde einmal das Ende fein? Und der natürliche Gedankengang führte zu der Hinterlassenschaft des Onkels. Mochte Hans die große Summe erhalten und zersplittern wie jede frühere; es schadete nichts. Sie hatte sich es immer so herrlich gedacht, ihm das Geld in den Schooß zu legen — daran sollte keine Zeit, kein Wechsel etwas ändern. In ihren Augen glänzten Thränen; tief aus dem Grunde des Herzens quoll ein Seufzer. Wie war doch Alles so eitel, so ganz eitel — Alles nur flüchtige Erscheinung, welche nach kurzer Zeit zerrann und Anderem, Neuem Platz machte. Nur der Tod war das einzig Gewisse, der Freund, der nicht täuschen konnte. — Ein scharfer Ruck, und die Pferde hielten an; Ruth schrak zusammen. War es das Gefängniß? Aber nein — das Gerichtsgebäude nur. Man wollte die Verhaftete zunächst dem Untersuchungsrichter vorführen. Der Polizist öffnete den Schlag und Ruth schlüpfte in die Vorhalle. Da stand Hans, um ihr einen Gruß zuzuwinken. Sein Herz war doch ein Edelstein — trotz Allem und Allem. Es ging eine Treppe hinauf und durch lange Corridors, endlich in das Zimmer des Untersuchungsrichters. Man forderte die junge Dame auf, Platz zu nehmen, einige Formalitäten wurden erledigt und dann erhielt der an der Thür stehende Diener einen Wink. „Führen Sie den Zeugen herein." Ruth horchte auf. Den Zeugen? Wer war das? Vielleicht der Arzt? Einen Augenblick flogen ihre Gedanken nach Dornau. — Wenn Wolfram hier wäre! — Aber bas war ja vollständig unmöglich. Die nächste Minute brachte neue Verwirrung. Es war der Commerzienrath Lisiauer, welcher jetzt das Zimmer betrat. Starr vor Erstaunen sah jetzt Ruth in das zuckende Ge- sicht des Finanzmannes. Dieser? Dieser ein Zeuge ihrer An- gelegenheit? Sie begriff es nicht. Der Commerzienrath verbeugte sich ziemlich kühl. „Darf ich fragen," begann er, „durch welchen Zufall mein Name in die unsauberen Affairen auf Moldt hinetngezogen wurde?" Der Richter nahm aus den vor ihm liegenden Acten ein bestimmtes Blatt hervor. „Das werden Sie sogleich erfahren, Herr Commerzienrath. Ist dies hier Ihre Handschrift?" „Üeberzeugen Sie sich durch den Augenschein." Liffauer streckte die Hand aus, aber der Richter zog sogleich das Blatt zurück. „Ich muß bitten," sagte er in etwas bestimmtem Tone. Der Commerzienrath zuckte die Achseln. „Ich bin kurzsichtig," wandte er ein, „aber daß sich's hier um einen Brief von mir handelt, glaube ich trotzdem zu erkennen. An wen ist das Schreiben gerichtet?" „An die Angeklagte, Fräulein Aßmann. Soll ich Ihnen den Inhalt mittheilen?" Liffauer wechselte die Farbe. Nur ein einziger Brief von seiner Hand war jemals an die junge Dame gerichtet worden, diesen aber am dritten Orte sich vorlesen zu lassen, dafür fehlte ihm doch der Muth. „Herr Richter," fragte er, „inwiefern steht mein Schreiben an Fräulein Aßmann zu dem auf Moldt begangenen Verbrechen in Beziehung?" „Nur indirect," war die Antwort. „Dieser Brief selbst ist bedeutungslos; es handelt sich nur um das Schreiben, das Sie von der Angeklagten erhielten und das möglicherweise werthvolle Aufschlüsse gibt. Befindet sich dasselbe noch in Ihren Händen?" „Nein!" betonte der Commerzienrath. „Haben Sie bei dieser Antwort erwogen, daß dieselbe vielleicht eines Tages eidlich erhärtet werden muß?" „Vollständig, Herr Richter." „Nun gut. Sie wissen aber ohne Zweifel noch, was dieser, wie Sie behaupten, nicht mehr existirende Brief enthielt ?" „Das allerdings." „Wollen Sie also den Inhalt vorläufig zu Protokoll geben?" „Sehr gern. Gestatten Sie mir indessen, ehe ich spreche, der Angeklagten gegenüber eine Frage." „Gehört dieselbe zur Sache?" „Natürlich. Ich möchte erfahren, auf welchem Wege mein an sie gerichteter Brief in die Hände der Behörden gelangte?" Das war halb dem Richter, halb der jungen Dame gesagt. Ruths Gesicht zeigte die Verwirrung, welche sie thatsäch- lich empfand. „Ich weiß es nicht," stammelten angstvoll die bleichen Lippen. „Haben Sie denn den Brief, welchen ich im vollsten Vertrauen auf Ihr Zartgefühl an Sie richtete, einer dritten Person in die Hand gegeben?" „Keinem Menschen, das schwöre ich Ihnen, Herr Commerzienrath. Aber allerdings habe ich an den Gegenstand nicht weiter gedacht — das Blatt muß mir entwendet worden sein." „Dem Gerichte ist es gestern Vormittag anonym zugesandt worden -" „Sodaß nun mein Name öffentlich zum Gespött werden wird!" rief voll Erbitterung der Commerzienrath. „Ich bin außer mir." „Wir müssen jetzt erfahren, was in dem Schreiben der Angeklagten enthalten war," fuhr der Richter fort. „Wollen Sie also sprechen, Herr Commerzienrath?" Liffauer zuckte die Achseln. „Baron Moldt schuldet mir eine sehr bedeutende Summe," sagte er, „einen Posten, der das Gut unter den Hammer bringen wird. Fräulein Aßmann wollte die Sache ihres Schwagers bei mir vertreten, sie bat und klagte, daß der Baron keine ruhige Stunde habe, dann wies sie hin auf eine Erbschaft, die ihr eines Tages zufallen müffe. Dies Geld wollte sie zu Gunsten ihres Schwagers mir gegenüber verpfänden. Eine kindliche Idee, auf die ich natürlich nicht eingehen konnte." Diese Auseinandersetzung war zu Protokoll genommen worden, und jetzt sah der Richter auf. „Schien aus der Faffung des Brieses hervorzugehen, daß die Angeklagte für den Baron ein besonders lebhaftes, vielleicht ein zärtliches Jntereffe empfindet, Herr Commerzienrath?" Um Liffauer» Mund zuckte es mehr als gewöhnlich. „Das glaube ich," sagte er im Vollgefühl gesättigter Rache. 95 -- Hinter ihm verbarg Ruth da» Gesicht in den fänden- Sie gab in diesem Augenblick Alles verloren. Der Richter schloß die Sitzung. „Vorläufig bunten wir, Herr Commerzienrath," bemerkte er. „Späterhin wird sich das Weitere finden." Liffauer streifte mit seinem Abichiedscompliment mir ganz flüchtig Die, welcher er noch am gestrigen Abend seinen Namen und seine Millionen zu Füßen legen wollte; dann beeilte er stch, das Zimmer zu verlaffen. Ruth sah fast theilnahmlos vor sich hin, sie sprach kein Wort, sie regte kein Glied. Aus den Consequenzen des eben Geschehenen gab es nimmer eine Erlösung, das schien nur zu gewiß. Selbst der Beamte mußte sie für schuldig halten. „Je früher und je vollständiger Sie die Wahrheit eingestehen, desto besser ist es für Sie selbst," sagte er nach längerer Pause. „In jeder Beziehung, Fräulein Aßmann." Das junge Mädchen blickte auf. „Ich sollte einräumen, meine arme, kranke Schwester vergiftet zu haben?" „Ja, Sie holten persönlich aus der Apotheke das Medikament, Sie entfernten die Gesellschafterin au» dem Zimmer Ihrer Frau Schwester, Sie waren die Letzte, mit der die Verstorbene sprach — Sie waren e», die ein großes Opfer bringen wollte, um des Barons Geldverlegenheit zu heben — ist es nicht so?" Ruth neigte den Kopf. „Alles das — ja." „Nun also. Geben Sie der Wahrheit die Ehre und gestehen Sie Ihre Schuld ein- Das Urtheil wird dann vielleicht Ihrer Jugend wegen milder ausfallen." Ruth versuchte zu lächeln. „Bin ich jetzt eine Gefangene?" fragte sie statt aller Antwort. „Das Gericht hat die Untersuchungshaft beschloffen, ja." „Dann lassen Sie mir, bitte, meine Zelle anweisen. Ich fühle mich krank." Der Richter verlor im Augenblick kein Wort mehr, und so wurde Ruth über einen Hof durch mehrere Pforten geführt, bis der Gerichtsdiener sie einer Aufseherin überlieferte. Das Alles ging an ihrem Bewußtsein ziemlich spurlos vorüber; sie war wie geistesabwesend, wie im Traume. Als die Frau sie mitleidig fragte, ob ihr etwas frisches Wasser erwünscht sei, da verstand sie die Worte kaum. „Ja, Wasser, Wasser, der Kopf schmerzt so sehr." Und dann blieb sie in der verschlossenen Zelle allein. — Gottlob! — Ganz allein. Ihre Hände lagen gefaltet im Schooße; alle Gedanken ruhten. Es war, als fei das Leben ein anderes geworden und alles Frühere, alles Gewesene untergegangen, verloren in weite, weite Fernen. (Fortsetzung folgt) Die unstchlöaren Ieinde des Menschen Bon S i l v e st e r Frey. (Schluß.) Ebenso ist die Lungenschwindsucht eine Seuche, die niemals unter dem augenblicklich die Erde bevölkernden Menschengeschlecht erlischt, nichts weiter als die Folge der Minirarbeit von winzigen Individuen, welche unsere Athmungsorgane zur Werkstatt ihres gefährlichen Treibens erwählt haben. Vielleicht die Mehrzahl sämmtlicher Menschen, die in das Grab sinken, sind die Opfer der betreffenden Bacillen. Man kann deshalb das freudige Aufjauchzen begreifen, welches über den Erdball dahin- zitterte, al» es hieß, ein deutscher Forscher habe da» Mittel gefunden, welches dieser Verheerungswuth das sichere Ziel setzte. Tausende faßten neuen, fröhlichen Muth, wer schon das Grab vor stch geöffnet sah, taumelte durch die Hoffnung in da» Leben zurück. Aber wir wissen auch, daß die Zuversicht in ihren Erwartungen leider getäuscht wurde; so wichtig die Entdeckung für die Wissenschaft ist, hat sie sich doch noch nicht für die practische Verwerthung bewährt. Aber der gefährlichste von allen diesen Mikro-Organismen bleibt doh der unserem Städtchen/ * früherer Zeit kam doch noch gewissermaßen allein durch einen solchen Mikro-Organismus zu Stande, und ebenso verdanken wir einem andern den Wein, den Sorgenbrecher der Menschheit. Die verschiedenen Umwandlungsprozesse, welche die Milch durchmacht, um unserm Gaumen mundgerecht zu werden, sind durch einen Bacillus bewirkt, Sauerkraut, das Nationalgericht des Deutschen, und saure Gurken, jenes ebenso übel beleumdetes wie gern genossenes Compot, verdanken wir einem ferneren Kleinwesen. Unter den jetzt so vielgeschmähten Organismen, welche so entscheidend auf das Dafein des Menschen einwirken, finden sich also auch genug, welche sich als sehr nützlich bewährt haben; wie jene insgeheim die unerbittlichen Feinde — so verdienen diese mit ebenso entschiedenem Recht die Freunde des Menschen genannt zu werden. berüchtigte Komma-Bacillus - eben jener, der augenblicklich I die entsetzliche Seuche, die menschenmordende Cholera über die deutschen Lande gebracht hat. Auch ihn kennen wir, ohne ihm beikommen zu können, und die Franzosen haben so Unrecht nicht, wenn sie in einer Anhauchung von Chauvinismus den Vers ersonnen: „Professeur contre Professeur, Koch contre Pasteur. Chaque Docteur dit le contraire, Un autre remede ä chaque heure! . . . C’est pourquoi il ne faut pas avoir peur, Je n’arrive plus rien que qu’on — meurt.“ Gewiß ist es, daß man jedoch auch diesen unsichtbaren Fein- den des Menschen anderseits eine zu große Bedeutung beilegt. Die Gefahr, welche von ihnen ausgeht, soll keineswegs unterschätzt werden; allein sie droht nicht mit solcher Gewalt, wie furchtsame Gemüther so gern annehmen. Wenn die schädlichen Mikro-Organismen nicht gerade einen zu günstigen Herd für ihr Treiben besitzen oder ihnen gegenüber eine gewisie Zeit zu sorglos verfahren wird, konnte ihre verheerende Thätigkeit bisher immer ifolirt und selbst aus der Welt geschafft werden. Dabei herrscht bei der großen Menge eine ebenso große Furcht vor diesen Kleinwesen wie bei manchem Gelehrten die Sucht, immer neue zu entdecken. Das All ist nachgerade von ihnen bevölkert; wir können nicht mehr effen und trinken, ohne diese unsichtbaren Feinde in unser Inneres gelangen zu lassen; jeder Athem- zug, welchen wir thun, führt eine Zahl derselben in unsere edelsten Organe. Das Geld, welches wir berühren, ist mit Bacterien überwuchert; sie Hausen in dem Mauerwerk, welches unsere Wohnräume umgiebt, in dem Holzgefüge, welches den Schmuck derselben bildet. „Bacterien überall" — so klingt die Losung, welche augenblicklich von der Wiffenschast ausgeht. Daran reihen sich dann allerhand Berechnungen und Schlüsse, die ost die merkwürdigsten Ergebniffe an den Tag bringen. Ein junger Forscher in Leipzig hat sich jüngst mit dem | Material beschäftigt, welches die Hohlräume zwischen den verschiedenen Stockwerken der modernen Bauten auszusÄen pflegt. Mit starker Lupe bewaffnet, stieß er natürlich auf die unvermeidlichen Bacterien, die in.einem Unrath aus Lumpen, Stroh, Holz, Papier, Kartoffelschalen, Gemüseresten, Haaren Knochen, Asche und Koth, alles gehörig unter einander gemengt und mehr oder minder bereits in Fäulniß übergegangen, ihr schmarotzendes Dasein führen. Allein die Schlüffe, zu welchen der jugendliche Forscher gelangte, waren noch schärfer als das Sehinstrument, dessen er sich zu seinen Untersuchungen bediente. Er fand nämlich heraus, daß der Stickstoffgehalt dieser vorgefundenen organischen Substanzen ebenso groß sei, als wenn dreitausend menschliche Leichname, die in Verwesung übergegangen, unmittelbar unter dem Fußboden, über welchem wir unser Dasein führen, begraben wären. Man denke, was dies sagen will. Danach lebten wir also gewiffermaßen in einem Blockhause, welches hygienisch etwa dem Aufenthalte in einer Todtengruft ähnlich ist. Und die Mikro-Organismen, welche an diesen Substanzen haften und in denselben die Bedingungen für ihr Dasein finden, sind diesen natürlich angemessen — überaus gefährliche, von Verheerungssucht erfüllte Individuen, die im Geheimen einen ewigen Kampf wider den Menschen führen, bis sie ihm den Garaus gemacht haben . . Nun, dem Himmel sei Dank, so schlimm sieht es denn doch nicht aus! Die Zahlen stehen auf dem Papier, das bekanntlich geduldig ist. Die Schlüsse mögen in der Theorie wichtig fein, aber die Wirklichkeit weiß nichts von ihnen. Jede übertriebene Furcht vor den Bacterien ist einfach lächerlich, und die große Menge verlernt dabei vor Allem, daß es auch deren giebt, welche dem Menschen geradezu nützlich sind. Wir erinnern nur an den Hefepilz, dem wir fo viel verdanken — nicht allein das edle Bräu, welches in den Stunden der Muße die Sorgen von unserm Gemüth verscheucht, sondern selbst das schmackhafte Gebäck, welches eine so wichtige Rolle bei der Ernährung des Menschen spielt. Die gute solide Essigfabrikation G e m ü t h l i ch. Herr (zu einem Andern, welcher ihm von hinten auf die Fersen getreten hat): „Es ist schon recht, wenn Sie in meine Fußstapfen treten wollen, aber warten Sie mindestens, bis ich hinaus bin." ♦ ♦ Bescheiden. Alter Trinker: „Herr Doctor, ich fühle mich bedeutend besser, nun bitt' ich Sie um Alles in der Welt, erlauben Sie mir endlich eine Flasche Wein." — „Nein, nein, das geht auf keinen Fall!" — „Ach, dann zeigen Sie mir wenigstens mal 'n Pfropfenzieher!" Herausgeholfen. Herr: „FräuleinClara, es scheint mir das höchste Glück, an Ihrer Seite zu weilen." — Fräu- lein: „Sie könnten dieses Glück ja auf ewig festhalten, wenn Sie ..." — Herr (unterbrechend): „Fräulein Clara, ich sagte zuweilen." ♦ Uebertrumpft. Städter: „Auf meinem Gute sind die Getreide-Aehren so hoch und voll, daß der Getreidepreis an der Börse plötzlich gesunken ist." — Bauer: „Dös iS was rechtes! Ba mi san die Aehre so lang gewachse, dös mo de Brode net kloaner wie sechs Fueß lang backe kinne." ♦ * * Entgegenkommend. Weinreisender: „Aber so kaufen Sie mir doch endlich mal etwas ab, Herr Möller; ich lasse Ihnen, nur um Sie als Kunden zu bekommen, unsere Weine thatsächlich zu — Fabrikpreisen." * Bauernhumor. Barthel undFlori lassen sich in der Stadt rasiren. Wie der eine von ihnen fertig ist, nimmt ihm der Friseur die Serviette ab und spricht: „Ich danke, mein Herr!" — „Du," sagt der Barthel zum Flori, „wofür hat sich denn der bedankt?" — „Dummer Kerl, für war soll er sich denn bedankt haben? Für die* Borsten!" Vorsichtig. Hausherr: „Sie da, was befühlen Sie das Treppengeländer so vorsichtig?" — Fremder: „Wollte nur sehen, ob's genügend fest ist, habe den Herrn Studiosus, i der da oben wohnt, nämlich eben in meine Lebensversicherung ausgenommen!" Vermischtes. C om m is w itz. Dienstmädchen: „Eine Mausefalle möchte ich haben." — Commis: „Sehr wohl, mein Fräulein- Haben Sie vielleicht das Maß von der Maus bei sich?" — Dienstmädchen : „Herrje, nein!" * * * Seltsame Bezeichnung. Fremder: „Sagen Sie mal, Herr Wirth, die beiden Herren dort an dem Tisch sind doch gewiß nicht aus dieser kleinen Stadt.". — Wirth: „Doch, doch, mein Herr! Das sind die beiden oberen Zehntausend in Redactton: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.