1893. UntsvhaLtungsblatL znnr Gietzenev Anzsigev (Gsneval-Anzerg-p) Dienstag, den 24. October. MM <, 7/r MM ■ nrt* Mss Eine verhängnißvolle Nordlandsfahrt. Humoristische Novelle von Johannes Wilda. — (Nachdruck verboten.) So waren wir, mein Freund Schratt und ich, denn glücklich in Kiel angekommen. Zweifellos hatte uns Berlin, unser eigentliches Reiseziel, impontrt gehabt, indessen, Gott verzeih' uns, wir sind nun einmal eingesottene Süddeutsche und hatten bald heraus gefunden, daß nicht Jedes Gold fei, was uns an der Spree entgegen glänzte. Alles in Allem: Wir waren mit dem unprogrammmäßigen Abstecher nach dem Reichs-Kriegshafen, der doch uns Schwaben auch ein wenig mit gehört, zufrieden; um so mehr, da die niederziehende Kälte der vorhergehenden Woche durch einen fröhlich stimmenden Sonnenschein abgelöst war. „Du, Wuz," sagte mein Freund Schratt, indem er seinem weißen Reise-Filzhut, von dem er behauptete, daß er ihm „feudal" stände, einen Klapps gab, welcher eine ungemein verwogene Wirkung hervorbrachte, „Du, Wuz, es fällt uns gar nicht ein, nach Berlin zurückzufahren, wir bleiben Pfingsten einfach hier!" Hier muß ich einschalten, daß Karl Schratt, Doetor der Chemie, wie in allen, so auch in Finanz-Angelegenheiten eine sehr unmotivirte Muthigkeit besitzt; ferner sehe ich mich veranlaßt, den Namen „Wuz" richtig zu stellen. Wuz ist mein Jean Paul'scher Pennal- und Kneip-Name, während ich im bürgerlichen Leben Dr. Ingo Döderlin heiße und meines Zeichens Philologe bin, der zur Zeit vor definitiver Anstellung an der Tuttlinger Latein-Schule stch die norddeutschen Reichsbrüder auch einmal daheim anschauen wollte. Nachdem also Freund Schratt in Uebereinstimmung mit seinem verwogenen Hute Solches geäußert hatte, schaute ich ihn groß an und rief: „Mensch, hast Du denn noch so viel Mammon, daß Du dar Retourbillet einfach in den Rauch hängen kannst? Asmus, Asmus! (so genannt, weil er einst in Tübingen einzog wie der selige Wandsbecker Bote, seine gesammte Habe in einer Hutschachtel mit sich führend: Asmus omnia sua secum portans!) Asmus, in welchem Zustand werden wir wieder zu unseren Penaten zurückkehren?" Asmus klopfte auf seine Tasche, indem er aussah wie Herr v. Rothschild. „Machen wir Alles!" erklärte er großartig. Es waren hauptsächlich seine Schlüffel, die klirrten. Jedoch ich schwieg, da meine Brieftasche noch ein paar kleine Papierchen barg, die nöthigenfalls für den leichtsinnigen Freund mit ausreichten. Nachdem der folgenschwere Entschluß gefaßt war, schritten wir in gehobener Stimmung zum Hafen, um persönlich zu eon- statiren, ob unsere Panzerschiffe wirklich schon so veraltet seien, wie von den Sachverständigen des Stammtisches im „rothen Löwen" zu Tuttlingen behauptet worden war. Da verfiel Schratt plötzlich auf die unselige Idee, sich rastren lassen zu wollen. „Aber Asmus, Du bist wirklich noch hochfein!" „Ein so plebejisches Stoppelfeld wie Du trage ich allerdings nicht." „Ich hege auch nicht die Nebenabsicht, womöglich im Sturm die reizende Tochter eines reichen Düsternbrooker Billen- besitzers zu erobern." Schratt schmunzelte. Er machte gar kein Hehl daraus, daß ihm bei seiner steten Bereitschaft, auf Freiersfüßen zu wandeln, dieser schöne Gedanke bereits ein sehr naheliegender geworden war. „Das wäre auch das Letzte gewesen, was ich Dir zugetraut hätte, alter Weiberfeind!" brummte er. „Bei Dir ist es mir gar nicht zweifelhaft, daß Du Deine Cölibats-Schwär- ntetei erfolgreich durchführen wirst." „Gott sei Dank!" rief ich aufrichtig, denn die holde Weiblichkeit hatte in meinen Lebensverwickelungen wirklich eine sehr geringe Rolle gespielt. Ich kannte nichts Ungemüthlicheres, als Damengesellschaft. Süßholz raspeln, ästhetisch schwärmen — pfui Teufel! Eine solide Freundschaft, ernstes Männergespräch, meinetwegen auch später einmal eine freundliche, kleine Onkelstellung, das entsprach meinem Geschmack. Alles Andere war nur eine vergiftete Pastete, die thörichten Näschern lebenslänglich Magenschmerzen bereitet. Nun, wir beehrten also einen Barbier in der Hafenstraße. Um die Aussichten meines Karls durch meine minder vornehme Erscheinung eventuell nicht zu beeinträchtigen, laffe ich mich, großmüthig wie ich bin, ebenfalls von dem Verschönerungsrath behandeln. Natürlich kommt der Mann nicht über meine schwäbischen Stoppeln hinweg und schwabb sitzt mir das Messer einige Millimeter im Kinn. Das gab nun mit Alaunstift und Feuerschwamm eine langwierige Arbeit; das feindliche Messer schien gedacht zu haben: wenn schon, denn schon! Währenddessen nimmt mein lieber Asmus zur Zerstreuung ein Zeitungsblatt in die Hand, um zu sehen, wann die Dampfer nach Laboe abgehen, wie er sagt. „Ja Kuchen, Laboe! Mit einem Mal ruft er so freudig überrascht „Donnerwetter!", daß ich vom Spiegel, vor dem ich mit einem Handtuch an mir herumtrockne, während der Herr Barbier mit seitwärts gelegtem Haupt wie ein weh- müthiger Kanarienvogel zuschaut, nach ihm mich erstaunt umwende. „Das ist doch unerhört billig!" ruft er unter stärkster Betonung. „Was ist unerhört billig?" „Eine Pfingst-Extrafahrt von Kiel nach Gothenburg. Denke Dir, zwanzig lumpige Mark hin und zurück! Und dafür ganz Schweden!" „Mit Ausnahme der jenseits Gothenburg liegenden Theile," ergänzte ich möglichst ironisch, denn Asmus hatte eine so unheimlich begeisterte Miene aufgesetzt, daß mir ein kalter Wafler- strahl dringend nothwendig erschien. „Einerlei! Die Trollhättafälle sind mit dabei. Der sagenumwobene, herrliche Trollhättan!" „Aber doch nicht inclusive der zwanzig Mark!" „Ach was! Wenn man Derartiges sehen will, kommt's doch auf ein paar Thaler mehr oder weniger nicht an!" „Asmus, Asmus! Kiel war schon der Gipfel des Leichtsinns, und nun willst Du mich auch noch in die arktischen Regionen verschleppen? Du bist einfach verrückt, mein Sohn!" „Gut, wenn ich verrückt bin, will ich es mindestens gründlich sein. Dann reise ich solo und, falls ich dann als Vagabund eingesperrt werde und an Dich wegen Auslösung tele- graphiren muß, kommt die Sache Dir noch viel theurer, lieber Wuz!" Ich muß sagen, daß mir dieses Argument nach früheren Erfahrungen einigermaßen einleuchtete. Auch durfte ich einen so unüberlegten Menschen nicht allein mittellos in die Welt hinaus streichen laffen. Und schließlich, nun, ich will's nicht leugnen, der Trollhättan hatte auch bei mir mächtig eingeschlagen. Allein, so weit es in meinen Kräften stand, lag mir die Verpflichtung ob, das Panier des gesunden Menfchen-Ver- standes aufrecht zu erhalten. „Karl," sagte ich also eindringlich, „was soll denn aus allen Deinen Plänen in Bezug auf die Düsternbrooker Millionärs-Töchter werden?" „Gar nichts, Wuz, gar nichts! Man muß dem Schicksal nie vorgreifen wollen! Denkst Du, wenn der liebe Gott mir so ein liebes Wesen zugedacht hat, daß ich es nicht ebenso gut auf dem Dampfschiff finden könnte? Glaubst Du nicht, daß auch Gothenburg seine Millionärs-Töchter besitzt?" „Aber schwedische, Karl!" „Desto intereffanter!" „Sie verstehen Dich ja gar nicht!" „Schadet nicht. Dafür sind die Schwedinnen bekanntermaßen entzündlich wie die Jönköping-Streichhölzer." Ich sah schon, mit dem Menschen war nichts anzufangen. Unsicher begann ich meinen Zwicker zu putzen, indem ich rechnete: Der Ausflug dauert circa vier Tage. Etwas über hundert Mark hast Du noch und Karl jedenfalls so viel, daß man später nach Berlin, wo Dir wieder eine Geldquelle fließt, zurück gelangt. Wenn ich ihn knapp halte, wird's einigermaßen reichen und — wenn Du im „rothen Löwen" aus eigener Anschauung über den Trollhättan berichten kannst, ei ja, das ist doch eine andere Geschichte, als vom Kieler Hafen. Kaum gewahrt das Ungeheuer von Asmus mein Schwanken, als er mich enthusiastisch in die Arme schließt- „Also abgemacht, altes Haus, wir fahren! Denke Dir: Die Kanaltour! Stockholm in seinem unvergleichlichen Schärenkranz! Die Kollegen in Upsala! Falun mit dem in Kupfervitriol einbalsamirt gewesenen Jüngling! Der romantische Wettersee--" „Asmus, höre blos auf! Du vergißt wieder einmal Deine Millionärs-Töchter. Mag denn geschehen, was da soll. Ich wasche meine Hände in Unschuld!" Eine halbe Stunde später war ich um vierzig Mark ärmer und Asmus liebäugelt mit den Billets, die uns das Recht verliehen, am nächsten Tage, Samstag Mittags, mit dem Dampfer „Ceres" nach Gothenburg und Dienstag wieder von dort nach Kiel zurück zu schiffen. Warum hatte sich Asmus auch gerade heute rasiren laffen? Warum ich? Und warum hatte ich mich derartig schneiden müssen, daß dem gefährlichen Freund eine so unglückliche Zeitungs-Annonce in die Hand fallen konnte! Warum? — Indem ich Dies schreibe, zieht Jemand, der hinter mir steht, mich am Ohr und lacht hell auf; und ich lache mit. Warum? Das wird man bei aufmerksamer Verfolgung meiner Reiseabenteuer schon erfahren. * * * Da lag die „Ceres" hinter dem Bahnhof am Bollwerl. Von der Gaffel wehte die schwedische, blau gekreuzte, gelbe Flagge. — „Das Ding da ist doch überraschend klein, Asmus." „Wenn man nicht zur Seekrankheit neigt, wie ich, Wuz, genirt das nicht." „Wo hast Du denn diese Erfahrung gesammelt?" „Wo? Auf dem Ueberlinger See, Alter, bei einem colossalen Sturm!" „So, so!" Das war ja allerdings eine erstaunlich günstige Gelegenheit." An Bord des kleinen Fahrzeuges fanden wir ein großer Menschengewimmel vor, meist aus Kieler Studenten bestehend. Jedoch bemerkte ich auch einige Damen. Fatal! Auf so engem Raum, an dem man unsympathischen Personen nicht einmal ausweichen konnte! Das wildeste Durcheinander herrschte in der Kajüte, welche den etwas euphemistischen Namen „Salon" führte. Eigentlich bestand sie nur aus einem längeren, schmalen Gang mit einem Tisch in der Mitte; rechts und links lagen die Schlafkämmerchen. Um diese tobte das Geschwärme. Karl und ich hatten die Betheiligung hieran nicht nöthig, da wir es verschmähten, uns für'ein Extrageld von fünf Mark per Kopf eine solche Schlafgelegenheit zu verschaffen. Die schmale Kajüte endigte, um ein Klavier herum, in ein ziemlich geräumiges, plüschgepolstertes Rondel, unter dessen runden Fensterchen man in schachtelartigen Abteilungen ebenso wie auf den tieferen Plüschbänken davor eine Lagerstatt finde« konnte. Alle diese Nestchen schienen schon durch Mäntel, Schirme oder Stöcke belegt zu sein. Glücklicherweise fand ich noch zwei, ein oberes und ein unteres, für Karl und mich. Ersterer ließ mich natürlich allein sorgen, da er nur darum bemüht war, in Verbindung mit den Vertreterinnen des schönen Geschlechts zu treten, was ihm bei deren Rathlosigkeit und durch feine vermuthlich auf dem Ueberlinger See erworbene Vertrautheit mit Schiffsräumen bei mehreren auch überraschend schnell gelang. Als ich aus dem Rondel zurück eilte, stieß ich hart mit einem hinter einem Kammer-Vorhang austauchenden kleinen Herrn zusammen. „Um Vergebung, ich bin etwas kurzsichtig!" sagte dieser, die Spitzen seines weißen Backenbartes ausziehend. „Bitte um Entschuldigung," — „ich auch," entgegnete ich. „Dazu dies mystische Halbdunkel!" sagte er. „Und die allgemeine Verwirrung!" erwiderte ich. „Allerdings — ich habe meine Tochter dabei verloren. Sonderbare Einrichtung auf Schiffen, was? Wenn man glaubt, man kommt hinten heraus, ist man vorn, und umgekehrt. Wissen Sie, ob es hier aus's Hinterdeck geht?" „Keine Ahnung! Aber wir können unser Heil ja einmal bei dieser Treppe versuchen." So gelangten wir durch den kleinen oberen Salon, in welchem bereits drei Studenten beim Skat saßen, auf's Oberdeck. Die Bekanntschaft war gemacht. Nun wollte ich mich aber seitwärts drücken, denn die Erwähnung einer Tochter hatte mich kopfscheu gemacht. Der kleine Herr aber hielt mich im Gespräch fest, in welchem ich außerordentliche Aufklärungen über die Strategie der deutschen Flotte erhielt, während wir inzwischen vom Bollwerk abgedampst waren und langsam die lange Linie der Kriegsfahrzeuge passirten. „Gott, wo ist nur wieder meine Minnie?" rief der alte Herr mit einem Mal erschreckt. „Man muß doch immer auf das wilde Mädchen--Ah, da!" «*• 499 &r hatte sich vorgebeugt. Die als Minute bezeichnete Dame stand mit wehendem Schleier, lachenden Gesichts, neben dem dicken, rothverbrannten Capitän auf der Commandobrücke. Ueberhaupt war die Brücke vollgepfropft mit Paffagieren; die Liebenswürdigkeit des Capitäns schien eine unbegrenzte zu sein. Hinter Minnie aber war ein verwogener, weißer Filzhut sicht- bar, zu dem sie sich wiederholt in offenbar sehr amüsirter Stimmung umwendete. - n Herr eilte auf die Brücke zu, worauf ich schleunigst die Gelegenheit benutzte, um das vordere Deck zum Bugspriet zu erklimmen, welches glücklicher Weise ganz damenfrei war. Friedrichsort und dann der Bülker Leuchtthurm wurden zuruck gelaffen. Wir langten in dem directen Meer an, das harmlos da lag wie ein Karpfenteich. Die Studenten spielten letzt überwiegend Skat; die keine Silbe deutsch sprechenden Stewardessen liefen so eilig nach „Oel" (d. h. Bier), Kaffee, Cognak und Butlerbrod, daß ihre weißen Kopftücher wie Fahnen im Winde flatterten. Ich studirte in meinem „kleinen Schweden in der Westentasche," den ich Tags vorher gekauft hatte, um einigermaßen mit dem skandinavischen Volk in seiner Landessprache ver- handeln zu können. Meinen Freund Karl aufzusuchen, hütete ich mich, und dieser schien auch keine Sehnsucht nach mir zu verspüren. Die holsteinische Küste verschwand. Fakeljeog, die erste Spitze Langelands, tauchte auf, ich war gerade damit beschäftigt, meinem Gedächtniß die zweifelhaft wahre Phrase „Jag Villa gerna betalar“ einzuprägen, als mit einem Mal der alte Herr nebst Töchterlein sich mir nahten und unverzüglich darauf Freund Karl, der sich wie durch Zauberei vermittelst eines eindrucksvollen, rothen Shlipses erheblich verschönt hatte, hinterher geschossen kam. An Entfliehen war nicht zu denken. Das Schiff lief e und fiel überall steil zum Meere ab. Ich mußte mich also dem im Rücken angreifenden Feind ergeben. „Ah, so fleißig, Herr Reisegenosse?" „Da das Meer langweilig ist, benutzte ich die Gelegen- heit, meinen eingerosteten Schulmeisterneigungen nachzuhängen." „Ei, ei, Schulmann sind Sie, beinahe hätte ich es gedacht." „Das glaube ich! — Wenn man übrigens so gar keine Hefte zum Corrigiren besitzt, fehlt einem doch etwas. Leider habe ich auch nicht einmal eine lateinische Grammatik mitgenommen." Indem ich dies sagte, nahm ich eine sehr grämliche Miene an- .So, dachte ich, „nun wird das windige Fräulein da hoffentlich ihr Vorurtheil gegen Dich weg haben." Aber nein, es schien nicht so. Die Augen des Fräuleins sahen mich nur schelmisch an; von erwecktem Vorurtheil war keine Spur zu erblicken! Ueberhaupt war es ein ungewöhn- liches Wesen. Nicht auffallend hübsch, aber Race verrathend, frisch und fein. Doch, zum Henker, was ging mich das an? Wozu diese überflüssige Beobachtung! Schon hatte der alte Herr auch wieder das Wort ge- nommen. Gütig bemerkte er: „r »Man muß seinen Beruf sehr lieb haben, wenn man ihn überall hin gern mitnehmen möchte. Respectabel, höchst re- spectabel! Mrr fehlen im Grund genommen überall meine Siebensachen und mein Laboratoriums-Aroma —" „Laboratoriums - Aroma? I" ertönte hier Karl Schratts begeisterter Zwischenruf. „Ganz mein Fall! Es geht nichts über Laboratoriums-Aroma! Was gebe ich jetzt für so ein meii??err?'US,2ltmOfP6äreI ®ie auch Chemiker, „Das eigentlich nicht, erwiderte der Gefragte, Freund Asmus sehr kühl von oben bis unten musternd „Dann jedenfalls Apotheker." „Allerdings." m ''Sehen Sie, Fachgenossen erkennen sich doch immer! Sa»?1,1 —.H^r, mein Freund Doctor Döderlein! Schulmeister, wie er im Buche steht! Wie Sie auch bereits bemerkt haben werden." Karl hatte dies mit einer höchst schwungvollen Bewegung seines Filzes hervor gesprudelt, ehe ich noch irgend etwas gegen solche octroirte Vorstellung unternehmen konnte. Auch dem alten Herrn blieb als höflichem Mann nichts Anderes übrig, als seinerseits die Ceremonie zu erledigen: „Apotheker Sasse aus Hamburg. Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft —" Wieder fiel der feuerige Asmus ihm ins Wort. „Gestatten Sie uns auch, Ihrem Fräulein Tochter vorgestellt zu werden. Hatte allerdings bereits die Ehre, das gnädige Fräulein über Verschiedenes orientiren zu dürfen und —", hier wußte Karl nicht, wie er sich passend auszudrücken habe, machte einige anmuthige Handbewegungen und ergänzte, Fräulein Minnie hold anlächelnd, „und so weiter, und so weiter!" Fräulein Minnie nickte ihm ganz unbefangen zu, wie der Papa nothgedrungen dem Ersuchen willfahrte. Der flotte Karl schien ihr angenehmer zu sein, als dem Alten. War dies nur allgemeines menschliches Wohlwollen in Verbindung mit Harm- loser Reisestimmung, oder hatte der Schwerenöther wirklich schon Eindruck auf ihr junges Gemüth gemacht? Während wir noch so unsere Bekanntschaft verstärkten, hieß es: „Das Diner ist fertig!" „Ah, famos!" rief Karl, „hatte auch schon riesigen Appetit. Gehen wir, meine Herrschaften. Es ist Ihnen doch recht, Herr Sasse, wenn wir zusammen speisen?" Wiederum ohne eine Antwort abzuwarten, forderte er Fräulein Minnie zum Vortritt auf, worauf der Alte und ich folgten. Dieser brummte etwas vor sich hin und ich auch. Mit dem Fräulein brauchte ich mich ja vorerst nicht zu befassen, aber das Diner lag ganz außerhalb meiner Etatsberechnung. Wir hatten beschlossen gehabt, uns erst Abends eine tüchtige Mahlzeit zu gönnen. Doch mein Karl that ja wieder, als ob er ganz Frankfurt am Main in der Tasche hätte. - (Fortsetzung folgt.) Delikatessen aus dem Reich der Insekten. Von Professor Dr. Kurt Lampert. (Nachdruck verboten.) „Seine Speise aber war Heuschrecken und wilder Honig." Wer kennt nicht diese Worte, mit welchen die Bibel das ein- fache Menu Johannis des Täufers in der Wüste uns über- liefert? Ueber den wilden Honig ließen wir vielleicht noch mit uns reden, aber bei dem Gedanken an ein Heufchrecken-Mittaq- chen überläuft jeden Culturmenfchen ein gelindes Gruseln. Sicher hat zwar auch der Eine oder Andere der freundlichen ^ser in seiner Jugendzeit mit gutgespieltem Heroismus Mai- täferköpfe gegessen und seinen weniger schneidigen Kameraden voll Überzeugung versichert, daß sie „gerade wie Nußkerne" schmecken, „nur noch besser", — aber das sind tempi passati. In der reichen Fülle der Gerichte, mit welcher das Thier- reich unfern Tisch versorgt, finden wir Insekten nicht ver- treten. Säugethiere, Vögel und Fische sind es, die der Mensch- Mt, soweit sie nicht zur Fahne des Vegetarianismus schwört, )ie meisten Opfer bringen; von den Reptilien haben die Schild- kröten, von den Amphibien die Frösche Gnade vor dem kulinarischen Gerichtshof gefunden. Unter den wirbellosen Thieren retten die Ehre die Auster, die Miesmuschel, die Weinbergschnecke u. A. als Vertreterinnen der Weichthiere und die statt- ichen Krustenthiere Hummer, Krebs und Languste repräsen« tiren die Gliederthiere. llscker den Völkern höherer Cultur sind unseres Wissens die Chinesen die einzigen, die auf ihrem durch Reichhaltigkeit ausgezeichneten Speisezettel auch den Insekten einen ständigen Platz emgeräumt haben. Neben allem möglichen genießbaren und — in unseren Augen — ungenießbaren Gethier verzehren ie auch eine Reihe von Insekten, ausgebildete wie unausgebildete, und mit der Verschiedenheit der hierfür zur Verwendung gelangenden Insekten wetteifert die Mannigfaltigkeit in der Zu- iereitungsweise dieser Delicateffen; als eine der größten der- artigen Feinheiten werden z. B. die Puppen der Seidenraupen angesehen, die gekocht und mit einer süßen Brühe servirt, ge- geffen werden. 500 — Bei den Völkern niederer Cultur, den sogenannten Naturvölkern, vollzieht sich die Verwendung von Insekten als Nahrungsmittel mit weniger culinarischem Raffinement, erfreut sich aber einer um so größeren Verbreitung, denn wir begegnen ihr in Amerika und Australien ebenso wie in Afrika. Im Ganzen sind es nur wenig Insekten, die in ausgedehnterem Maß als Nahrung dienen und zwar vorzugsweise Larvenformen, speciell von großen Käfern, die schon äußerlich als feister Bissen erscheinen. Daß die „Wilden" hierbei keinen schlechten Geschmack zeigen, dafür besitzen wir eine ganze Reihe Zeugenaussagen aus dem Munde europäischer Reisender und Forscher. Und in der Thal, wenn wir die stattlichen Larven eines großen Bockkäfers oder des Hirschkäfers oder Nashornkäfers vorurthsilsfrei betrachten, so müflen wir gestehen, daß blos angeborene und nicht überwundene Scheu uns abhält, eine Probe auf deren Schmackhaftigkeit zu machen, zumal wenn wir uns erinnern, daß ihre Nahrung aus Holz, also einem keineswegs unappetitlichen Stoff besteht. In den Tropen erreichen auch die Larven bestimmter Rüsselkäfer eine Größe, die sie als Nahrungsmittel verwendbar erscheinen läßt. So erzählt uns der um die zoologische Erforschung Surinams hochverdiente Kappler, daß die Eingeborenen die Larven des großen Palmrüflelkäfers (Ryncho- phorus palmarum) nicht nur sammeln, sondern zum Zweck des Essens sogar züchten; die daumenlangen, dicken Larven werden „vor der Zubereitung mit lauem Wasser abgewaschen, abgetrocknet und lebend in heißem Schmalz gebacken; sie schwellen auf wie kleine Würstchen und werden, wenn sie braun sind, aus der Pfanne genommen, mit Salz und Pfeffer bestreut und bilden so eine der Hauptdelicateffen des Landes." Auch Kappler würdigte diese „Delicatesse" in hohem Maße und mit besonderer Vorliebe verglich der liebenswürdige, anregende, vielgereiste Mann die südamerikanischen in Schmalz gebackenen Käferlarven mit den berühmten Nürnberger Bratwürstchen, die bei ihrer constanten retrograden Größenentwicklung auch in Beziehung auf Maximallänge den Vergleich mit ersteren nahelegten. Einen Collegen in Würdigung gebackener Käferlarven hat Kappler neuerdings u. 3t. in Lumholtz gefunden. In seinem Buch: „Unter Menschenfressern" erzählt dieser Reisende, daß das beste, von ihm mit wahrem Genuß verzehrte Gericht, das ihm die Wilden Australiens bieten konnten, die Larven eines Bockkäfers (Euranapa australis) gewesen seien, die einfach in glühende Asche geworfen wurden, in der sie gleich „steif und knusprig" wurden. Die Eingeborenen begnügen sich jedoch nicht, die Larven zu essen, sondern auch der Käfer fällt ihnen zum Opfer. Neben Käferlarven dienen in Australien unter den Insekten ferner als Nahrung die haarlosen Raupen bestimmter Schmetterlinge, so z. B. aus den Gattungen Zelotypia, Hepiolus, Pielus und Chorogion; die bedeutende Rolle, die ihnen zukommt, beweist eine Angabe Lendenfelds. Dieser Forscher fand nämlich bei seinen Reisen in den australischen Alpen in ungeheurer Menge die im Erdreich der Alpenmatten von Wurzeln lebende Larve eines von den Eingeborenen „Bogong" genannten Nachtschmetterlings. „Diese Raupen werden," schreibt v-Lendenfeld, „ehe sie sich entpuppen, fehr groß und feist und dienen im Hochsommer durch zwei bis drei Monate den Eingeborenen zur ausschließlichen Nahrung. Die Leute wandern um diese Zeit in's Gebirge und bleiben so lange oben, als Raupen in genügender Menge zu finden sind; die Eingeborenen gedeihen hierbei sehr gut und kehren im Herbst wohlgenährt von ihrem Alpenaufenthalt in das Tiefland zurück." Also eine ebenso erfolgreiche wie unstreitig billige Sommerfrischei Zahlreich sind die Angaben, welche vom Jnsektengenuß der Eingeborenen Afrikas berichten; fast in jedem der neueren Reisewerke, deren Zahl täglich wächst, finden sich Bemerkungen hierüber, leider durchweg ohne wissenfchastliche Präcistrung der in Frage kommenden Arten, dagegen des öfteren begleitet von Ausführungen des Abscheus von Seiten der Reisenden, die ein Gericht gebackener Käferlarven schrecklich finden, denen aber eine Auster durchaus nicht unappetitlich erscheint. So schildert uns Herb. Ward in fast komischer Weife sein Entsetzen, als ihm in Lukungu im Bakongo-Land in feierlichstem Aufzug vom Häuptling als Zeichen der Freundschaft und Verehrung ein Gericht grüner und weißer Raupen angeboten wird, die in grünen schalenförmigen Blättern fein säuberlich auf dem Feuer geröstet worden waren. Auch Emin Pascha berichtet aus de« Westen des Bahr-el-Djebel von Raupen, die „im Feuer von den Haaren gereinigt und leicht angesengt, als vorzügliche Speise gelten". Die Mittheilung Baumanns dagegen, nach welchem manche Bakongo-Stämme mit Vorliebe dicke weiße Maden essen, welche in den faulenden Blätterdächern leben, bezieht sich wohl auf Käferlarven. Daß letztere auch sonst in Afrika nicht verschmäht werden, erfahren wir anderweitig; so theilt Queden- feldt mit, daß in Marokko die in der Zwergpalme lebende Larve eines Käfers (Cyrthognatus forficatus), nachdem Kopf und Darm ausgerissen, im eigenen Fett geröstet und genossen wird, und auf der westafrikanischen Insel St. Thorne gelten nach den Angaben von Gr eeff und Kar sch die Larven eines Bockkäfers (Macrotoma edulis Karsch) in Palmöl geschmort als besonderer Leckerbissen, der auch auf dem Markt der Cidado von St. Thoms feilgeboten wird. Den Käferlarven und Schmetterlingsraupen reihen sich als afrikanische Delicatesse die Termiten oder weißen Ameisen würdig an. Auf weite Entfernungen erblickt der Reisende in den baumlosen Gegenden Afrikas ihre mehrere Meter hohen festen Erdbauten, und der Europäer befindet sich in einem ständigen Kampf mit diesen kriegerifchen Jnsektenschaaren, vor deren kräftigen Freßzangen weder das Holzwerk seiner Wohnung, noch das Leder seiner Stiefel sicher ist; dem Eingeborenen aber liefern die volkreichen Termitenstaaten reiche Nahrung. C asati erzählt uns, daß bei den Stämmen der Mambettu und Sandeh die eingeborenen Gourmands unter den Termiten, deren Nester bekanntlich ähnlich wie bei den Bienen und Ameisen verschiedenartige Bewohner enthalten, je nach der Vorzüglichkeit der einzelnen Formen Unterschiede machen und ihnen eigene Namm beilegen. Ueberwiegend sind es die geschlechtlich entwickelten, geflügelten Termiten, die in verschiedener Weise durch Feuer gefangen, und um sie haltbar zu machen, leicht gedörrt werden, wobei die Flügel abfallen und beseitigt werden. An den dünnen Männchen ist wohl nicht viel dran, um so mehr an den befruchteten Weibchen, deren cylindrischer, bis 1J/2 Zentimeter langer, dicker Körper infolge der massenhaften Entwicklung der Eier in feinem Innern von Fett förmlich strotzt. Der Afrikareisende Junker erhielt einmal von einem Negerfürsten 25 Lasten Termiten als Geschenk, die ihm für seine Leute sehr gute Dienste leisteten, denn gerieben und mit Wasser zu einer breiigen Sauce verkocht, bildeten die Termiten für Junkers Mannschaft eine beliebte Zukost zu ihrem Mais und Junker selbst fand Geschmack daran. „Die zu Brei gekochten Termiten," erzählt der Reisende, „sind einer Fleischfarce nicht unähnlich; wir genossen sie theils mit Kisra, theils mit Reis gemengt; ich habe sie auch statt Fleisch in Pasteten ein* gebacken oder mit geschlagenen Eiern als Termiten-Omelette auftragen lassen. Einige Tropfen englischer Sauce ober etwas Gewürz tragen zum Wohlgeschmack bei." Ein Ueberblick über die wenigen angeführten Beispiele ergibt, daß die Verwendung der Insekten als menschliche Nahrung durchaus keine seltene ist und daß es der Delicateffen im Jnsektenreiche mannigfache gibt. Leicht wohl ließe sich aus dm zahlreichen Reisewerken die Zahl der Beispiele vermehren, allein wir wollen unsere Plauderet mit der Notiz schließen, daß selbst Jnsekteneier von Menschen gegessen werden, denn wie uns Karsch berichtet, dienen in Mexiko die sehr kleinen, bimförmigen, weißlichen Eier zweier Arten Wasserwanzen als Speise; sie werden von den Thieren an Reisig abgelegt, durch Abklopfen in's Wasser gewonnen und mit Mehl zu Kuchen verbacken. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen. Nr. 126 Nntn Eine i Wirs Capitän pi beinahe de daß Fräub welches do< esstren schü sie dazwisä einmal von konnte ich betrugen, k Nach genommen. Wir deren schön gut erkenne Wie i sich mir F »Farn Ohr. „St noch ein I bestens Mi Besitzer bei störe diese Fabrik ja - kaufen. T kopfscheu i Schwiegers daß Du b« Besch« doch Karl „Ach mit Punktu es geht wc Alten eint meiner am sein mir v überdestillii Thue ein bischen Du ja zu Streit