1893. Nr. 73 mm UntevhaltungsbLatt 311m Gretzenev Anzeigen (Gsneval-Anzeigev) Samstag, den 24. Juni. Verschlungene Pfade. Roman von Max Höchberg. (Fortsetzung). In der Friedrichsstraße und anstoßenden Wilhelmstraße promenirte zur selben Zeit Herr von Götz, in der Hoffnung, Asta am Fenster zu sehen und von ihr gesehen zu werden. Er machte eben zum dritten Male am Ende der Wilhelmstraße Kehrt, da bog der wohlbekannte Wagen mit den zwei Rappen um die Ecke. Götz grüßte die beiden Damen im Fond und begab sich dann eiligst nach dem Schönholz'schen Hause. „Die Herrschaften sind ausgefahren," bedauerte Johann. „Aber das gnädige Fräulein ist zu Hause. Ich weiß es und werde sie im Salon erwarten!" Er drückte dem schmunzelnden Alten ein Fünfmarkstück in die Hand und schritt an ihm vorbei nach dem grünen Zimmer. Er brauchte nicht lange allein zu bleiben. Doch kam Asta nicht erröthend, lächelnd, süß befangen, wie er sich's ausgemalt; nein, bleich, müde, gezwungen höflich. Ihm wurde ein sehr formelles Willkommen. „Sie wollen sicher Ihr Gedicht zurückfordern, Herr von Götz?" begann sie- „Ich kann es Ihnen leider nicht geben, weil Papa es in Verwahrung genommen hat. Sollte ich es vor meiner Abreise zurück erhalten, werde ich es Ihnen zusenden." „Sie verreisen?" rief er bestürzt. „Hoffentlich nicht auf lange?" Ihr Mund verzog sich schmerzlich. „Ich soll auf längere Zeit in eine Pension nach Brüffel, es soll heißen, ich bin auf Besuch bei Verwandten." „Das ist ja mehr als Tollheit! Was sollen Sie denn in Brüffel? Ich werde mit Ihrem Herrn Papa sofort ein ernstes Wort reden!" „Da richten Sie doch nichts aus! Der ist übrigens vor Ernas Gebelfer davon gelaufen und wird sich wohl vor Tisch nicht sehen lassen." „Aber sagen Sie mir Eins: weshalb um Himmelswtllen sollen Sie weg?" „Hauptsächlich wegen des Bouquets gestern!" Nun brach Astas Zorn durch. „Erna hat mich darum ausgelacht und ^behauptet, Sie hätten sich um die Tänzerin in Schulden gestürzt. Und es ist gar nicht wahr, was Sie mir erzählt haben, Fräulein Ehrenberg hat gar keine Eltern! Und Sie müssen ihr Alles geben und Fräulein Ehrenberg ist ein ganz schlechtes Mädchen!" „Nein, mein gnädiges Fräulein, da sind Sie sehr im Jrrthum," unterbrach er sie fest in einer Weise, die keinen Widerspruch duldete. „Ich kann es Ihnen zur Stelle beweisen: Fräulein Ehrenberg ist kein schlechtes Mädchen und Ihrer Theilnahme nicht unwerth." Er zog einen Brief hervor. „Ich erhielt ihn eben. Sie begehen keine Jndiscretion, wenn Sie ihn lesen- Sie sollen Felicitas Character kennen lernen!" „Mein edler Wohlthätsr," schrieb die Tänzerin, „Sie sind der Erste, der von meinem Glück Kunde erhält. Tante Lene weiß noch nichts davon. Erst mußte ich Sie benach- richtigen. Ich bin überglücklich! Der Herr Intendant hat gestern noch Gelegenheit gehabt, mit der Frau Fürstin über mich zu sprechen. Ich habe für mein Spiel eine außerordentliche Gratification geschickt erhalten und bin engagirt, denn die Frau Fürstin wünscht Fräulein Eckstädt nicht wieder auf der Bühne zu sehen. Ich trete statt ihrer auf und bekomme für die wenigen Tage des März den vollen Monatsgehalt, den April natürlich auch- Eine zweite gute Nachricht: Herr Belter wird mich für den Sommer beschäftigen. Er hat für Neu» städt die Theaterdirection übernommen. Der Badeort ist sehr besucht; die Verwaltung unterstützt das Unternehmen und geizt nicht mit den Gagen. Mithin bin ich geborgen und bitte Sie herzlichst, es nur nicht anders auszulegen, wenn ich fernere Beweise Ihrer Großmuth und Güte ablehne. Dank Ihrem Edelsinn kann ich jetzt auf eigenen Füßen stehen. Möge des Himmels reichster Segen Sie belohnen! In unendlicher Dankbarkeit Ihre Felicitas Ehrenberg." Asta war mit dem Brief zu Ende und sah auf. „Sagen Sie selbst, gnädiges Fräulein, ist dieses Mädchen Ihrer Theilnahme unwerth ? Oder können Sie mich darum verdammen, weil ich der mit den Wellen des Elends Kämpfenden die rettende Hand bot, sich an's Land zu schwingen? Verachten Sie mich darum?" „Nein — aber —" „Was denn?" bat er innig. „Aber — sie ist ja so schrecklich hübsch!" Ein Glücksgefühl ohne Gleichen durchrieselte den Lieutenant bei diesem naiven Geständniß. „Gewiß, sie ist hübsch, sehr hübsch," betonte er lächelnd, „doch ist sie eine brünette Schönheit und ich — ich liebe eine blonde —" Er erschrak über die Veränderung, die bei seinen Worten in Astas Zügen vor sich ging. Ihr Blick wurde geradezu feindselig. Schneidenden Tones stieß sie einen Vers seines ihr von Erna früher so schonungslos vorgetragenen „Bekennt- niffes am Malten'schen Buffet" hervor. Felicitas Brief flog dem Lieutenant vor die Füße und Asta stürmte, von Groll und Leid überwältigt, aus dem Zimmer. Zwei Minuten später trat Johann ein und meldete, das gnädige Fräulein lasse sich entschuldigen, sie sei plötzlich unwohl geworden. Der Lieutenant stand noch immer regungslos wie eine Bildsäule auf demselben Fleck. Er konnte sich von seiner Ver- blüffung gar nicht erholen. Johann räusperte sich. „Die gnädige Frau," fuhr er nach einer kleinen Pause fort, „werden die erste halbe Stunde schwerlich zurückkehren und der gnädige Herr auch nicht!" Nun erst hob Götz den Brief der Tänzerin vom Boden auf und ging. — Leonore probirte ein perlfarbenschimmerndes Seidenkleid an. Strehlens waren zum Thee bei Hofe befohlen. Sie waren letzthin beim Verlassen des Theaters auf der Gallerie des ersten Ranges mit dem fürstlichen Paar zusammengestoßen. Da Fürst Heinrich gern unter sein Volk ging, verschmähte er es, den Privatweg zu benutzen, der zu seinem Empfangssalon im Theater und der separaten Auffahrt führte. Strehlens waren respectvoll tief grüßend auf die Seite getreten. Sie waren darauf mit einer huldvollen Ansprache beehrt und von der Fürstin zum Thee geladen worden. Es war ein kleiner Cirkel; der Oberhofmarschall, der Oberforstmeister und der Intendant mit ihren Damen pflegten dann befohlen zu werden. Leonore hielt prüfend ein paar Nelken gegen den herzförmigen Ausschnitt des Kleides. „Emma, wie passen sie dazu? Es sind die Lieblingsblumen der Fürstin und der Gärtner soll mir morgen Abend davon schicken." „Vorzüglich, ganz vorzüglich, gnädige Frau," gab die Jungfer zur Antwort. „Hier an der Seite müssen die Spitzen noch reicher fallen, das gibt besseren Abschluß," bemerkte Leonore. Es klopfte und eine helle Stimme rief draußen: „Ich bin's, Asta! Jst's erlaubt, einzutreten?" „Bitte, nur herein!" „Ich komme ungelegen?" meinte die Kleine zögernd. „Nein, nein, Du störst nicht. Ich hatte eben große Anprobe," erwiderte Leonore. „Wir sind morgen zum Thee bei Hof. Wie findest Du die Nelken? Stehen sie zum Kleid? In Farbenarrangements ist mir Dein Urtheil maßgebend." „Sie machen sich ausgezeichnet! Du siehst entzückend darin aus. Dir steht überhaupt Alles!" erklärte Asta in neidloser Bewunderung. „Rothe Nelken," sie besann sich, „rothe Nelken dürftest Du eigentlich nicht tragen, die bedeuten, mein Herz ist noch frei, ich bin noch zu haben und Du —" „Du bist ein loser Schelm, nimm Dich in Acht!" drohte Leonore. „Du bist heute sehr übermüthig, und die Vögel, die zu früh singen —" „Ach, Du wirst Dich wundern, ich und übermüthig I" fiel ihr Asta in's Wort- „Vergessen Sie nicht, das Spitzengefältel an der Seite dichter zu reihen," wandte sich Leonore rasch zu der Jungfer, um der unbedachten Kleinen die weitere Rede abzuschneiden. Sie legte liebevoll den Arm um Astas Schulter und begab sich mit ihr in den anstoßenden Raum. „Wo ist Onkel?" fragte Asta. „Auf seinem Zimmer. Er arbeitet an seiner Broschüre, Du weißt ja, über Ballistik. Willst Du etwas von Ludwig, lasse ich ihn rufen?" „Nicht doch, ich bin froh, daß ich Dich allein getroffen habe! ' vertraute ihr die Kleine an. „Ich habe so schrecklich viel Heimliches mit Dir zu reden. Ich gehe nachher zu ihm hinein, um Adieu zu sagen. Ach Leonie, liebste Leonie," sie umschlang die Freundin stürmisch, „ich soll fort, denke Dir, vielleicht auf ein ganzes Jahr fort nach Brüssel, nur weil ich da« Bouquet geworfen habe. Es soll heißen, ich sei auf einige Zeit verreist und auf Besuch bei Verwandten. Und an Allem ist Erna schuld! Und gerade jetzt muß ich fort, wo mein Vampyr zurückkommt! Ich hatte mich unendlich auf ihn gefreut und auf meine schönen Stunden. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie hübsch das immer war und wie gut und lieb er ist. Und schelten und zanken kann er erst. Ach, das war immer himmlisch schön, wenn er mir eine Strafpredigt hielt, zum Beispiel den Tag bei der alten, guten Mama Huhn —" Sie hielt erschrocken inne. „Na, Dir kann ich's ja bekennen! Es war eine Unbesonnenheit von mir, aber ich dachte mir nichts dabei, ich war nämlich in seinem Atelier. Sieh' mich nicht so entsetzt an, Leonie, es ist nichts Schlimmes passirt! Nur weil ich so mitleidig war bei seinem Schwindelanfall — ich brachte ihm die Neuigkeit von Deiner Verlobung, weißt Du —, da hat er mich hier auf's Haar und auf die Stirn geküßt." Sie tippte mit dem Finger auf die betreffenden Stellen. „Was machst Du denn? Du küßt mich ja eben da? — Und dann hat ec mich durch Frau Huhn abführen lassen. Und nun ist Alles aus und ich kann ihm nicht einmal mehr schreiben! Dort im Pensionat, behauptet Erna, werden alle Briefe geöffnet und durchgelesen. Ich darf auch nur fortschicken, was die Vorsteherin für gut befindet. Und ich kann ihm nicht einmal Lebewohl sagen! Er ist doch jetzt unterwegs und ich habe seine Adresse nicht und wenn er in acht Tagen kommt, trifft er mich nicht an. Seinen letzten Brief hat Erna unterschlagen ; Johann hat es mir anvertraut. Erna spionirt immer und überall! Dem Schwager Hans hatte sie auch etwas entwendet, was nicht einmal ihm gehörte! Wie ich aber heute zu ihr mußte und sie herausgerufen wurde, ich bin auch nicht auf den Kopf gefallen und hatte mir gemerkt, wo sie es hinsteckte, habe ich es ihr wieder wegstibitzt und es wird seinem rechtmäßigen Besitzer zugestellt werden. Ich habe keinen Blick hineingeworfen, gewiß nicht, Du kannst mir's glauben!" „In was, liebes Herz?" „Es ist nicht Mangel an Vertrauen, Leonie, durchaus nicht! Aber ich will's doch lieber für mich behalten," überlegte sich die Kleine altklug. „Du hast ganz recht!" pflichtete ihr Leonore bei. „Wie gut Du bist, gerade so würde mein Vampyr auch sprechen. Darum komme ich auch mit meinem Anliegen zu Dir. Willst Du meinem Herrn und Meister einen Brief von mir zustellen? Ist er hier, kommt Ihr doch mit ihm zusammen?" Sie zog vorsichtig und mit großer Mühe ein dickes, umfangreiches Packet aus der Tasche. Es war mit zahllosen Siegeln versehen. Ein Blumenkorb, Astas Petschaft, reihte sich an den andern. „Das ist Dein Bries?" Leonore lachte herzlich. „Du hast ihm wohl gleich Vorrath geschrieben?" Aber Asta ging nicht auf den Scherz ein. „Liebe, Einzige, B ste," stellte sie ihr mit dem größten Ernst vor, „es sind unendlich wichtige Sachen darin, die kein Mensch sehen darf, deshalb habe ich's so sorgfältig versiegelt. Nicht aus Mißtrauen, nein, gewiß nicht!" Leonore kam aus dem Lachen nicht heraus. „Trau, schau, wem?" schmollte sie und that beleidigt. „Gewiß nicht aus Mißtrauen!" betheuerte Asta. „Nur weil der Inhalt einem Dritten überaus wichtig ist!" „Sei ohne Sorge darum," beruhigte jetzt Leonore die junge Freundin, „ich verspreche Dir, Alles gewissenhaft, so wie Du es in meine Hände lieferst, zu übermitteln. Deine kleinen Geheimnisse sollen jedem menschlichen Auge verborgen bleiben. Ich werde sie getreulich Deinem Vampyr einhändigen. Da steh'! Ich will sie sofort in sicheren Gewahrsam bringen!" — Ste ging zum Schreibtisch, öffnete das Geheimfach desselben, legte das anvertraute Packet hinein und schloß doppelt ab. „Den Schlüssel hierzu und zu dem Juwelenschränkchen führe ich immer bei mir," setzte sie zu Astas Trost noch hinzu. „Würde sich denn die Angelegenheit mit Brüssel nicht redresstren lassen, Herz," forschte sie. „Gesetzt, Ludwig und ich gingen hinüber, wir legten ein gutes Wort für Dich ein und stellten die Sache in ein mildes Licht? — Ich kann den Gedanken gar nicht fassen, daß wir Dich entbehren fallen. Ludwig wird außer sich fein!" „Schwager Hans hat sich schon vergebens für mich verwendet," belehrte Asta sie mit trauriger Resignation. „Erna ist ihm vor Wuth bald in die Perrücke gesprungen, well er für mich Partei nahm. In einer Art ist es eigentlich ganz gut und mir auch lieb, ich gehe von hier weg und auf lange - 291 - Zeit. Ich brauche dann wenigstens nicht —" Ausschluchzend griff sie nach ihrem Taschentuch, sich die Thränen abzutrocknen. So viel auch Leonore sie ermuthigte, sich offen auszusprechen und ihr Herz zu erleichtern, es war vergebens. „Onkel Strehlen braucht nicht zu wissen, auf wie lange ich fortgeschickt werde," fuhr sie fort, nachdem sie sich gefaßt hatte, „sonst kommt er mit hinüber und es gibt eine Scene. Er ist schon auf Erna schlecht zu sprechen — das sollt' ich auch nicht ausplaudern — sie hat über Dich häßlich geredet, weil Onkel Strehlen alt und so schrecklich reich ist!" Leonore war zusammengezuckt bei Astas schonungsloser Offenheit. „Erna hat auch nicht gewollt, ich sollte zu Euch, als mit ihr. Ich will aber nicht falsch sein und mich verstellen! Du sollst es wissen, daß Erna Onkel Strehlen immer reizt. Es ist blor Neid, weil Du so schön bist und sie Dich Alle bewundern, Hans auch! Ich habe mich heimlich fortgestohlen, um Dir das auseinanderzusetzen. Und nun will ich mich schleunigst aus dem Staube machen, damit ich nicht erst noch vermißt werde! Und Du schreibst mir, nicht wahr, wie es Werner geht und was er malt. Er wird doch keine andere Schülerin für mich annehmen?" klagte sie, kleinlaut werdend. „Vielleicht kannst Du mir in Deinen Briefen immer ein paar Zeilen von ihm mit einschmuggeln? Er kann „Pauline" unterzeichnen!" Sie lachte belustigt auf. Die unverwüstliche Heiterkeit ihres Temperaments brach schon wieder durch. „Ich heiße ihn auch „Pauline" in der Antwort. Das wird köstlich! Ich betrüge sie Alle von jetzt ab, Alle! Wäre ich nicht so aufrichtig gewesen und hätte in meiner dummen, gutmüthigen Ehrlichkeit das Gedicht gezeigt, hätte ich vielleicht gar nicht fort gemußt, das gab noch den Hauptausschlag. Und das von Hans! Das weißt Du noch gar nicht? Na, das schadet auch nichts. Falsch muß man werden, falsch, die Welt ist zu schlecht!" „Nein, Kind, nein," widersprach Leonore, „erhalte Dir Deine Ehrlichkeit und Deine Herzensgüte, auch wenn Du darum leiden mußt. Glaube mir, es gibt nichts Köstlicheres auf der Welt, als das Bewußtsein, in Worten und Werken gut und wahr gewesen zu sein. Und nun höre mich ruhig an, fahre nicht auf und zürne mir nicht: zu dem Briefwechsel, den Dir die Eltern nicht länger gestatten wollen, darf ich die Hand nicht bieten. Du wirst es auch unterlassen, die Eltern zu hintergehen I" Die Kleine schüttelte heftig den Kopf. „Ich gebe Dir mein Wort: ich kann nicht anders; ich muß es Dir abschlagen. Ich habe triftige Gründe dazu." Astas Lippen schoben sich trotzig und verächtlich vor. Ein Ausdruck von Verstocktheit legte sich in ihre Züge. Leonore gewahrte es mit Schmerz. „Liebes Kind, Asta, fei mir nicht böse!" bat sie mit Wärme. „Bitte, willst Du so gut sein und mir mein Packet zurückgeben?" grollte Asta. „Aber, liebstes Herz, Du wirst mir doch das einmal geschenkte Vertrauen nicht entziehen wollen? Du hast mein heiliges Versprechen, es kommt in Pauls Hände" Sie war vor Schreck roth geworden, wie der Name so unbewußt ihren Lippen entschlüpft war. Die Kleine war glücklicherweise kein Beobachter, sonst hätte sie daraus Schlüsse ziehen können. „Gib es mir doch lieber wieder," beharrte Asta abweisend aus ihr Verlangen. „Erst thu' mir kund, was Du anfangen willst, um es in seine Hände gelangen zu lassen?" weigerte sich Leonore der Herausgabe des anvertrauten Gutes. «Ich geh' zur alten Mama Huhn in's Aurelienstift. Die hat ihn schrecklich lieb, die wird es schon ausrichten. Sie ist stundenlang im Atelier und leistet ihm Gesellschast. Ach, die ist sehr unterhaltend, sie weiß lauter Ahnengeschichten aus allen Jahrhunderten. Sie ist eine lebende Chronik!" wiederholte sie Werners Worte. Leonore starrte sinnend vor sich hin. Von jener Frau Huhn mußte Paul das Pastellbild haben, welches ihr so wunderbar ähnlich sah. Eine Fluth von Gedanken stürmte auf sie ein. Sie gedachte der Worte Pauls von der unglaubwürdigen Fabel aus jener Zeit, da Liebe nur sich selbst als Preis hatte- Er hatte es ihr sehr bitter zu verstehen gegeben, daß sie sich verkauft. Sie wollte die alte Frau unter irgend einem Vorwande aufsuchen und Alles von ihr erfragen; sie allein konnte ihr Auskunft geben. Eine entferntere Thür fiel dröhnend in's Schloß. „Onkel Ludwig," stotterte die Kleine. „Es ist besser, er hat mich nicht gesehen. Nur wegen Erna! Er kann sich nicht verstellen." Sie eilte zur Thür. „Du gibst auch mein Packet gewissenhaft ab?" flehte sie. Dasselbe flüsterte sie Leonoren nochmals in's Ohr, indem sie an der Treppe die Arme um ihren Hals schlang und sie wieder und wieder zum Lebewohl küßte. (Fortsetzung folgt-) Zische als MuManLen. Von Dr. Ludwig Staby. - ------- (Nachdruck verboten.) „Stumm wie ein Fisch" ist ein altes Sprüchwort, das oft angewendet wird und eine längst feststehende unumstößliche Thatsache in sich schließt nach der Meinung der meisten Menschen. Ist dem nun in der That so, sind alle Fische wirklich stumm? Wenn man unter stumm das Fehlen einer eigentlichen Stimme, das heißt einer Lauterzeugung durch Luftbewegungen in der Lunge und Luftröhre versteht, dann hat das Sprüchwort allerdings Recht, da den Fischen diese beiden Organe fehlen, aber so eng dürfen wir den Begriff stumm nicht fassen, denn andere Thiere, z. B. die Insekten, die auch keine Stimme ähnlich den höheren Thieren haben, wird Niemand stumm nennen, da sie aus die mannigfachste Weise die verschiedensten Laute und Töne hervorbringen, ich erinnere nur an das Brummen der Hummeln und das Zirpen der Grillen und Cikaden. Wie unter den Insekten, so gibt es auch unter den Fischen einige Arten, die befähigt sind, Laute oder Geräusche hervorzubringen und wie bei den Insekten die verschiedenartigsten Bildungen zur Erzeugung dieser Laute dienen, so auch bei den Fischen, die ebenso wie die Insekten, im Gegensatz zu den höheren Thieren, nicht Vocal«, sondern Instrumentalmusik machen. Diese Musikanten unter den Fischen, die also das alte Sprüchwort zu Schanden machen, wollen wir etwas näher betrachten. Unter den Fischen des süßen Wassers ist die Kunst der Musik sehr wenig und nur in der unvollkommensten Form verbreitet. Karpfen, Welse, Aale, Barben und einige andere Süßwasserfische lassen bei Beunruhigung gewisse undeutliche Töne hören, die wahrscheinlich dadurch entstehen, daß aus der Schwimmblase Luft in die Schlundröhre ausgestoßen wird. Der allbekannte, in jedem schlammigen Gewässer vorkommende Schlammbeißer (Cobitis fossilis), der unter dem Namen Wetterfisch oder Wetteraal in vielen Gegenden als Wetterprophet in Ansehen steht, hat es in der Hervorbringung von Tönen schon etwas weiter gebracht. Dadurch, daß der ge- sammte Darmcanal des Fisches auch als Athmungsorgan functionirt, athmet er größere Mengen Luft auf einmal ein, beim Ein-, besonders aber beim Ausathmen dieser Luft, die in einer Reihe Blasen aus dem Darm entweicht, wird ein murksender oder kollerndes Geräusch verursacht, außerdem läßt der Schlammbeißer aber zuweilen noch einen hohen pfeifenden Ton hören, der ebenfalls durch Auspressen von Lust entsteht- Ein eigentlicher Tonapparat ist unter den Süßwasserfischen nur bei einem der Familie der Welse angehörenden Fisch festgestellt worden. Dicht an der Wirbelsäule in der Nähe des Kopfes besitzt dieser Fisch (Callomystax gagata) einen auf beiden Seiten fein geriffelten Knochen, der zwischen zwei mit Einschnitten versehenen Knochenplatten sich bewegt und bei jeder Bewegung einen scharfen Ton hervorbringt- - 292 = Nr Vevnrischtes Erst in der unendlich reichhaltigen Fischfauna des Meeres finden wir die eigentlichen Musikanten; einer der bekanntesten ist der im Atlantischen Ocean, im Mittelmeer und in der Nord, fee häufige Knurrhahn (Trigla hirundo), ein etwa 50 Ctm. langer, prächtig rosenroth und weiß gefärbter Fisch mit schwarzen, innen blau gesäumten Brustflosien, der sich durch drei freie Strahlen an jeder Seite vor den Brustflossen, mittelst deren er sich auf dem Boden fortbewegen kann, auszeichnet. Der hübsche, absonderlich gestaltete Fisch, der häufig in See-Aquarien, so z. B. im Berliner, zu sehen ist, wird auch Meerkrähe, Meerkuckuck oder Meerrabe genannt, da er sowohl im Wasser als auch gefangen im Netze einen sonderbar grunzenden oder knurrenden Ton von sich gibt, den er durch Aneinanderretben seiner Kiemendeckelknochen erzeugt. Bei stillem ruhigem Wetter versammeln sich im Mittelmeer in der Nähe der Küsten oft große Schaaren Knurrhähne, die dann ein weit vernehmbares Knurren hören lasien, so daß Fischer und Sportleute dadurch herbeigelockt werden und mit Netze und Gewehren viele von ein weites Feld offen. Fragen wir uns nun, zu was die Töne und Geräusche der letzterwähnten musikalischen Fische dienen sollen, so ist er un- zweifelhaft, daß sie denselben Zweck haben, wie der Gesang der Vögel und das Musiciren der Insekten, nämlich den, die Wew- chen anzulocken und sie durch Concert zu erfreuen- Es muthet uns gewiß seltsam an, dieselbe Erscheinung, die wir bei Vögeln und Insekten kennen und die uns im Gesänge der Vögel selbst zu einer Quelle reinsten Genusses wird, in dem Reich der Fische wiederzufinden und wenn wir auch erst wenige Musikanten unter denselben kennen, so ist doch nicht ausgeschlossen, daß es deren noch viele gibt, deren Musik aber so leise ist, daß sie nicht über die Oberfläche des Wassers hinausdringt. Vielleicht hat Carus Sterne recht, wenn er sagt, innerhalb der kristallenen Wölbungen und für die darin lebenden Thiers mag es da unten ein ewiges Singen und Klingen geben, und was dem Außenstehenden als schweigender Schooß erscheint, ist vielleicht eine niemals ruhende Fluth von Tönen, eine ewige Symphonie. Schlundzähne eine Rolle spielten, neuere Forschungen haben aber ergeben, daß dies ein Jrrthum war und daß die Töne höchstwahrscheinlich in der Schwimmblase erzeugt werden. Die i Schwimmblase, die mit vielerlei Nebenkammern versehen ist, besitzt nämlich eine häutige Scheidewand, die wie ein Trommelfell quer durch die Blase gespannt ist und dieselbe in zwei Theile trennt. Diese Scheidewand hat ein Loch und man nimmt nun mit größter Wahrscheinlichkeit an, daß, wenn der Fisch durch dieses Loch Luft aus dem einen Theile der Schimm« blase in den andern preßt, das Trommelfell in Schwingungen versetzt wird, wodurch die Töne, denen die Schwimmblase noch als verstärkender Resonnanzboden dient, hervorgerufen werden, gewiß ein höchst eigenartiges Musikinstrument. Professor Möbius, der ebenfalls im Indischen Ocean trommelnde Fische, aber ganz anderer Art beobachtete, konnte bei diesen eine ganz andere Tonerzeugung constatiren. Der betreffende Fisch (Balistes aculeatus) gehört zur Familie der Hornfische und Möbius konnte nachweisen, daß ein mit dem Schlüsselbein in Verbindung stehender Knochen der Tonerzeuger ist. Der Knochen ist an einer Stelle mit dem Schlüsselbein gelenkartig verbunden, so daß die beiden Abschnitte wie zwei Hebelarme wirken. Wird nun der längere Hebelarm durch die Seiten- muskeln des Rumpfes bewegt, dann gleitet der kürzere Hebelarm auf dem Schlüsselbein hin und her und erzeugt dadurch einen knarrenden Ton. Da sich nun gerade unter dieser Stelle die Schwimmblase befindet, so wirkt dieselbe als Resonnanzboden; die äußere Haut, die an der Stelle sehr dünn und biegsam ist, wird ebenfalls mit in Schwingung versetzt und pflanzt so den Ton nach außen fort. Bei andern Fischen mag der Ton auf andere Weise, zum Beispiel durch Vibration gewisser Muskelpartien, hervorgebracht werden, Sicheres ist darüber noch nicht bekannt und dem Forscher steht hier noch Itm Bescheidener Wunsch. Studiosus: „Also zufrieden soll der Mensch sein! Ja, wenn ich das Geld meiner Tante hätte und sie meine Schulden — dann wäre ich der zufriedenste Mensch der Welt!" ©i Zeitung lugte di seine Fr ganze 3 zu eine, Knopflo Blumen Ausschn scherzte ihrem ( De berührt Aerger fällig ge das Kle seine ar nicht, tr Schau i habe sie lasien. 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An den Flußmündungen der italienischen Küste versammeln sich die Adlerfische häufig und lassen auf weithin ihre Musik erschallen. Es ist möglich, daß auf Grund dieser Concerte bei den Alten die Sage vom Gesänge der Sirenen entstanden ist, die gerade an den Küsten, an denen Adlerfische häufig sind, ihr Unwesen getrieben haben sollen. Wie laut die Töne, die die Fische her« vorbringen, sind, geht schon daraus hervor, daß die Fischer, welche dem äußerst schmackhaften Fisch eifrig nachstellen, ihr Ohr auf den Rand ihres langsam dahin gleitenden Fahrzeuges legen und nun die Töne noch wahrnehmen, wenn auch der Fisch sich 10 bis 12 Meter unter der Oberfläche befindet. Ein Verwandter des Adlerfisches, der Trommler oder Trommelfisch fPogonias chromis) ist der bedeutendste unter den Fischmusikanten, da seine Musik sich sowohl durch die Stärke des Tones wie auch durch einen gewissen Wohlklang auszeichnet. Der 2—2‘/2 Meter Länge erreichende Fisch ist sehr weit verbreitet, da er im Atlantischen wie im Indischen Ocean vorkommt, sowohl an den Küsten Amerikas, wie int indischen Archipel hat man schon seine Musik gehört, welche Aehnlichkeit mit den Klängen einer Orgel haben soll. Alexander von Humboldt vernahm auf seiner großen Reise in der Südsee das Trommeln und die Besatzung seines Schiffes wurde auf das höchste dadurch erschreckt, da sie sich das sonderbare, aus dem Wasser kommende Geräusch nicht erklären konnte und auch der große Forscher die Ursache desselben nicht kannte. Ein englischer Offizier, der China bereiste» belauschte ebenfalls ein Concert der Trommelfische, das er mit Glockengeläuts, Harfenklängen und Orgeltönen vergleicht. „Begierig, die Ursache dieses Freiconcerts zu entdecken, trat ich," so berichtet er, „in die Kajüte und fand den Lärm, von dem ich mich bald überzeugt, daß er aus dem Schiffsboden kam, zu einem vollen und ununterbrochenen Chorus angewachsen." Ein anderer Reisender, Präger, berichtet von einem solchen Concert folgendermaßen: „Im April 1860 lagen wir auf dem Ponttniak, dem größten Flusse der Westküste Borneos. Hier hörten wir zur Fluthzeit ganz deutlich Musik, bald höher, bald tiefer, bald fern, bald näher. Es klingt aus der Tiefe herauf wie Sirenengesang, bald wie volle, kräftige Orgeltöne, bald wie leise Aeolsharfenklänge. Man hört es am deutlichsten, wenn man den Kopf in's Wasser taucht und unterscheidet leicht verschiedene zusammenklingende Stimmen. Diese Musik wird, wie die Eingeborenen erzählen und sorgsame Forscher bestätigen, durch Fische hervorgebracht." Wie bringen nun diese außerordentlichen Tonkünstler ihre Musik zu Stande? Früher glaubte man, daß dabei die großen Redaction: A. Scheuda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.