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Dämon Gold. Origin«! - Roman von W. Höffer. (Fortsetzung). Der alte Herr stützte den Kopf in die Hand; er sah sehr schlecht aus. „Damals das Feuer, Erich, und heute das Wasser. Wenn ich Dir doch helfen könnte, mein Junge, wenn es ein Mittel gäbe, Dich aus dieser Verlegenheit zu ziehen! — Aber da ist keine Hoffnung, keine Aussicht irgend einer Art, im Gegentheil, man kann annehmen, daß auch Hans Adam „Hans Adam hat mir in dieser Nacht gesagt, daß er, wenn ihm eine erwartete größere Summe wirklich einginge, zunächst mir helfen würde, Großvater. Das traf mich mitten in's Herz." Die Augen des Alten glänzten heller. „Er wollte Dir Geld vorschießen, Erich? — Siehst Du, das sind die MoldtS, Cavaliere in jedem Zuge, treue, ehrenfeste Freunde. Ich habe sie immer so aufrichtig lieb gehabt." Erich nickte. „Ich sagte Dir ja, es traf mich mitten in's Herz. Einen Zeitpunkt, in dem Hans Adam ohne große Erwartungen wäre, in dem er nicht besonders eine sehr namhafte Summe nächstens zu erhalten hofft, gibt es zwar niemals, sein unbekümmerter, sorgloser Leichtsinn ist geradezu erstaunlich; aber er fühlt warm und geht an keinem fremden Unglück ohne Theilnahme vorüber; das habe ich heute gesehen und — ich will morgen Nachmittag jene Summe auf das Schloß bringen. Es muß dies Schwanken und Zögern endlich ein Ende nehmen." Der alte Herr bedeckte das Gesicht mit den Händen. „Du hast Recht, Erich," sagte er nach einer Pause, „es muß sein. Gott helfe Dir tragen, mein armer Junge! Ich gäbe mit Freuden den Rest meiner Tage für Dich hin, Du weißt es ja!" „Sprich nicht so, Großvater. Wir tragen den Schlag miteinander und werden darüber hinaus kommen. Gute Nacht jetzt!" „Gute Nacht, mein Junge. Und gräme Dich nicht zu sehr, hörst Du, sieh' nicht so ernst, so traurig aus, Kind." Sein Enkel drückte ihm die Hand und dann trennten sie sich, um zu schlafen. Der nächste Morgen verging für Erich mit Anordnungen und Besichtigungen, dann, am Nachmittag, ließ er den Wagen anspannen, um nach Moldt zu fahren. Es war doch ein schwerer Augenblick, als er den Eisenschrank ausschloß, um die Obligationen heraus zu nehmen. Zwölftausend Thaler, Alles, was das Fach überhaupt barg, was er selbst bisher als Nothpfennig, als einen Reservefond betrachtet hatte - nun sollte er es hingeben. In einem leinenen Beutel lagen an anderer Stelle noch etwa tausend Mark baares Geld — das war das Letzte, worüber er zu verfügen hatte. Vor ihm im Sopha saß der Alte. Unruhigen Blickes verfolgten seine Augen jede Bewegung des jüngeren Mannes; ihm zog sich das Herz zusammen, als er das Knistern der Papiere hörte, aber er sprach kein Wort und nur beim Abschied hielt er die Hand seines Enkels minutenlang fest. „Erich, wenn ich aus Liebe zu Dir irrte, wenn es besser, barmherziger gewesen wäre, Dich von vornherein Alles wissen zu lassen, mein armer Junge - kannst Du mir dann den Mißgriff aus aufrichtigstem Herzen verzeihen? Der Gutsbesitzer drückte gerührt die bebende, ungewöhnlich kalte Hand des alten Mannes. „Sprich nicht vom Verzeihen, Großvater, und laß uns überhaupt den Verlust des Geldes nicht so schwer nehmen, als sei gar ein lieber Mensch gestorben. Andere haben in dieser Unglücksnacht noch viel mehr verloren." „Das ist richtig, aber —" _ . , ,,, „Nein, Großvater, kein Aber. Wollen rott in dieser Stunde Übereinkommen, von der Sache nicht wieder zu sprechen? Wirklich niemals?" Der Alte schlug in die dargebotene Hand. „Niemals!" bekräftigte er. „Laß fahren dahin, es ist doch immer nur todtes Metall, das Verlorene, kein Herz, kein Leben. Wir wollen es vergessen." c . Draußen fuhr der Wagen vor und Erich nahm seinen Hut. „Auf Wiedersehen, Großvater. Soll ich Hans Adam grüßen?" „Danke ihm von mir für das gute Wort, Erich, danke ihm tausendmal. Und dann, mein Junge — behalte mich lieb in der schweren Stunde, hörst Du?" Er streckte die Arme aus. „Mein Einziger, mein letztes Glück." „Wie Du Dich nur aufregst, Großvater, Deine Stirn glüht. Kann ich auch wirklich mit Ruhe fortgehen? „Gewiß, gewiß — Gott sei mit Dir!" Der Wagen fuhr davon und noch aus dem Fenster desselben sah Erich das blasse Gesicht des Alten, der ihm nach- blickte. Die Hand hob sich zum Gruß, dann hatten die rollenden Räder den Hof verlassen.. Auf Moldt hielt vor dem Portale die Equipage des Com« merzienrathes und als Erich die Treppe hinaufging, begegnete ihm der von einem Lakaien geleitete Finanzmann persönlich. tteßm. — 88 — Es wurde ein kühler Gruß gewechselt, dann wollte der Guts- besttzer das Zimmer des Barons aufsuchen, als ihm plötzlich Ruth entgegentrat. Das junge Mädchen kam aus dem kleinen Salon und hielt mit der Rechten das Taschentuch gegen die Lippen gepreßt. In ihren Augen standen Thränen. „Herr Wolfram! Gottlob, daß Sie kommen!" Es war wie im unterdrückten Jubel hervorgestoßen; Ruth streckte beide Hände aus. „Haben Sie eine Viertelstunde für mich übrig?" „Wann und wo Sie wollen, Fräulein Aßmann." „Ach — ich danke Ihnen." Sie öffnete die Thür des Bibliothekzimmers und ging ihm voran. „Meine Seele schrie nach Ihnen, Herr Wolfram, ich dachte während der letzten Stunden nur an Sie und daß Sie mir helfen sollten." Ruth weinte; sie litt es, daß Erich ihre beide» Hände gefaßt hielt. „Wie unglücklich bin ich!" schluchzte sie. Er hatte bisher geschwiegen, um den Sturm in seiner Seele gewaltsam niederzukämpfen — das Beben seiner Stimme hätte ihn ja verrathen müssen. Jetzt küßte er die kleine gefangene Hand. „Was ist Ihnen geschehen, Fräulein Aßmann? Sagen Sie mir Alles; ich bin Ihr Vormund und werde für Sie einstehen, wo es notwendig ist." „Das wußte ich. Und doch — es handelt sich im Grunde nur um eine Gewiffensfrage. Sie sollen für mich entscheiden, Herr Wolfram, Ihnen vertraue ich wie keinem anderen Menschen." Er küßte wieder stumm ihre Hand. „Nun — ich bin begierig." Ruths hübsches, schüchternes Gesicht färbte sich purpurn. „Der Commerzienrath Lissauer hat um meine Hand angehalten," sagte sie halblaut. „Und Sie gaben ihm hoffentlich sofort einen Korb, nicht wahr?" Ruth nickte- „Ich that es, aber — war das auch ganz recht? Dieser Mann hält Hans Adams Schicksal in seinen Händen. Er drohte." „Weiß der Baron, was zwischen Ihnen und dem Com- merzienrathe geschah, Fräulein Aßmann?" „Er war zugegen und hörte jedes Wort." „Und?" „Schwieg durchaus. Hans Adam denkt im tiefsten Herzen, daß ich das Opfer bringen müsse; er spricht es nur nicht aus. Der Commerzienrath sagte, daß er Fristen bewilligen werde — ich verstehe das nicht ganz — und daß er gerade jetzt ein anderes, noch viel bedeutenderes Rittergut gekauft habe. Auf den Erwerb von Moldt, auf Gewaltmaßregeln will er verzichten, wenn ich feinen Antrag annehme. Was soll nun geschehen, Herr Wolfram? O, ich dachte mit solcher Sehnsucht an Sie, alle meine Wünsche riefen nach Ihnen." Seine Brust hob sich höher, kräftiger, aber dennoch waren es sehr gemischte Gefühle, die ihn bewegten. Ruth brauchte den väterlichen Freund, den Gewissensrath, in einer Angelegenheit, bei der ihr Herz betheiligt war — er durchschaute vollständig, was sie empfand. „Ein Opfer, Fräulein Aßmann?" sagte er mit gedämpfter Stimme. „War es das, woran Sie dachten?" „Muß ich nicht? Bin ich nicht ein ganz schlechtes, eigennütziges Geschöpf, wenn ich das Unglück über die Meinigen hereinbrechen lasse, ohne zu helfen?" „Das glaube ich nimmer. Wollen Sie Ihre ganze Zukunft der Verzweiflung überliefern, nur, um dem Baron eine Galgenfrist zu erwerben? — Hans Adam und ich sind Freunde, ich schätze seine guten Seiten sehr hoch, aber daß er jemals wirthschaften lernt, glaube ich nicht. Hätten Sie ihm und Ihrer Frau Schwester das ungeheure Opfer wirklich gebracht — nach Jahresfrist wäre es vergeblich gewesen." Ruth senkte den Blick, ein tiefer Seufzer hob ihre Brust. „Ich glaube es auch," gestand sie. „Es wäre vergebens." „Vollständig, Fräulein Aßmann, besonders da die Zusagen solcher Leute, wie der Commerzienrath einer ist, doch wenig oder keinen wirklichen Werth besitzen. Er fände später unschwer eine Handhabe, um Alles zurücknehmen zu können." Ruth sah mit dem Ausdruck eines kindlichen Vertrauens in Erichs Gesicht. „Ich danke Ihnen," sagte sie. „Mir sind Felsenlasten vom Herzen genommen." „Und Sie geloben mir, sich von keiner Seite überreden, von Niemandem ein Versprechen abtrotzen lassen zu wollen, Fräulein Aßmann?" „Ja! — O ja, ich gelobe es." „Geben Sie mir darauf die Hand; Ihre Zusage soll für mich den gleichen Werth besitzen, wie andererseits das Ehrenwort eines Mannes." Ihre kleine Rechte lag in der seinen. „Sie wissen, ich lüge nie, Herr Wolfram." „Gottlob, ich weiß es,"' sagte er aus tiefster Brust. „Und nun Adieu für heute, meine ängstliche, kleine Schutzbefohlene. Kommt der Herr Commerzienrath zum zweiten Male, so verweisen Sie ihn an mich." „Das soll sicherlich geschehen." Dann führte Ruth ihren Gast in das Zimmer des Barons und ließ die beiden Herren allein. Hans Adam sah das vor zwei Menschenaltern von der Hand seines verstorbenen Vaters aufgesetzte Document, er hörte die Geschichte desselben und sein erster Impuls war, das Geld zurückzuweisen. „Ich nehme nichts, Wolfram!" „Du nimmst, was Dein ist und was ich gleich jetzt mit hierher gebracht habe, Hans. Es muß fein, auch für mich selbst, das erkennst Du." „Dann aber nur als Darlehen," wehrte sich der Baron. „Ich zahle Dir die Summe mit Zins und Zinzeszins zurück." Ein leichtes Lächeln umspielte Erichs Lippen. „Wir wollen es hoffen," sagte er nur. „Gott gebe es." Hans Adam ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab; sein Geist war schon jetzt wieder mit den weittragendsten Plänen beschäftigt. „Zwölftausend Thaler," sagte er, „und wie vom Himmel fällt mir die Summe in den Schooß. Der liebe Gott verläßt doch keinen Deutschen." „Da ist denn zuerst meine arme Cäcilie," fuhr er fort, „sie muß nach Nizza. Ach, Gott sei gepriesen, daß das Geld ausreicht, um ihr den Aufenthalt im Süden zu ermöglichen! — Dann meine Ueberschwemmten. Vor der Hand lasse ich die große Scheuer zu Wohnungen einrichten und im Frühling wird gebaut, lauter massive Häuser natürlich. Ich schenke den Leuten die große Haferkoppel — dahin dringt das Wasser nie. Nach diesen beiden vornehmsten Verpflichtungen kommt ein Plan, den ich schon lange hegte —" „Hans! Hans! Schon wieder Pläne?" „Die Bernsteingräberei, Du weißt es ja. Ich habe verschiedene Fischer beauftragt, nach neuen Spuren zu suchen. Ein ganz bedeutendes Lager muß hier ja doch vorhanden sein." „Weshalb, Hans. Du hast keinen stichhaltigen Grund, das anzunehmen, denke ich." Der Baron lachte. „Es sind immer ab und zu Stücke Bernstein gefunden worden, Du ängstliche Seele I Woher kommen denn die?" „Das waren einzelne zerstreute Stückchen ohne Werth." „Freilich, Die großen Blöcke sind noch mit Sand bedeckt. Du sollst sehen, daß ich Recht habe, Erich." Und dann, als Jener schwieg, fügte er hinzu: „Ich werde Dich schon überzeugen, alter Junge. Mein Himmel, was gibt es nicht in nächster Zeit Alles zu thun, besonders auch Willibalds Hochzeit. Er ist mein langjähriger Freund und ich will ihm seinen Ehrentag glänzend gestalten. Der erste Eingeladene bist Du, Wolfram." „Ich danke Dir, Hans, aber —" „Erlaubst Du mir ein offenes Wort?" unterbrach er sich selbst. „Ich bitte Dich darum." „Nun gut. Gibt es nicht Verpflichtungen, Hans, noth- wendige Ausgaben, die allem Uebrigen voranstehen sollten? Hast Du keine Schulden?" Der Baron lächelte sorglos. „Und vergißt Du ganz die 39 - de später un- tu können." en Vertrauens ie. „Mir sind eite überreden, 'en zu wollen, Zusage soll für its das Ehren- Sie wissen, ich tiefster Brust, kleine Schutz - zum zweiten er des Barons n sah das vor irdenen Vaters selben und fein gleich jetzt mit auch für mich "ich der Baron, jeszins zurück." Sippen. „Wir es." m Zimmer auf en weittragender," faßte er, in den Schooß. fuhr er fort, , daß das Geld I« ermöglichen! Hand lasse ich ib im Frühling Ich schenke den :gt das Wasser chtungen kommt Ich habe ver- zu suchen. Ein sanden sein." »altigen Grund, und zu Stücke e! Woher kom- ohne Werth." it Sand bedeckt. izu: „Ich werde mmel, was gibt >ers auch Willi- mb und ich will itjte Eingeladene unterbrach er m, Hans, noth« rnstehen sollten? ißt Du ganz die große Erbschaft, Erich? Der Alte in Frankfurt soll eine halbe Million besitzen." „Er soll — soll, oder auch diese Erzählungen sind Fabeln. Rechnest Du nicht lieber mit Thatsachen, Hans?" „Hm, das weiß ich noch nicht. Die Thatsachen sind doch im Leben zumeist recht unliebsam: Advocaten und Gerichtsvollzieher, dergleichen ist Factum; grau, scheußlich, widerwärtig. Aber die Hoffnung trägt immer Engelszüge, ich könnte mir das Dasein ohne ihre stete Nähe überhaupt nicht denken." Dann vertiefte er sich wieder in den Anblick des alten Documentes. „Das war hübsch von meinem Vater," sagte er, „so hätte ich es auch gemacht. Als der Freund in Noth gerieth, stürzte er einfach seine Cassa und gab hin, was sie enthielt. Ich will das Geld nicht wieder haben, Erich, ich komme mir vor wie ein Straßenräuber, indem ich es annehme. Du kannst auch diesen Betrag gar nicht entbehren, am wenigsten in diesem Augenblick." Erich erhob sich. „Ich muß es," antwortete er, „und ich kann es. Sorge nicht um mich, Hans." Der Baron sah ihn an. „Ich weiß schon, wie Du es anfangen willst, Wolfram. Zuerst entläßt Du den Verwalter und nimmst dessen Arbeit auf Deine eigenen Schultern, dann vermiethest Du im Sommer die obere Etage Deines Hauses an Badegäste und verkaufst den Inhalt der Treibhäuser in die Stadt. Ist es nicht so?" Erich lächelte. „Genau so, Hans, und dabei befinde ich mich durchaus wohl. Ich ringe und kämpfe, bis mir der Sieg zu Theil geworden ist. Du kennst ja meinen Wahlspruch." „Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten!" sagte halb- laut der Schloßherr. „Ich kann Dir da nicht folgen, Erich. Weshalb denn leben, um ewig zu resigniren? Ich will mich selbst und Andere glücklich wissen." Dann schrieb er einen Schuldschein über zwölftausend Thaler. „Du wirst das Geld sehr bald zurückerhalten, Erich. Die Bernsteingräberei macht uns zu Millionären — ja, ja, auch Dich, denn wenn Moldt an seinem Strande und in den Dünen die braunen Schätze birgt, so ist ja jedenfalls Dornau ebenso reich gesegnet. Vielleicht war dieser Sturm der Ausgangspunkt eines neuen, überaus großen Glückes!" Während er das sprach, glänzte sein schönes Gestcht im Widerschein der inneren Freude- „Einige fünfzig Leute werde ich vorläufig engagiren," setzte er hinzu, „später jedenfalls Hunderte." Erich antwortete nicht. Es war ausfichtslos, gegen die großen Erwartungen, welche Hans Adam hegte, mit den Waffen ruhiger Ueberlegung zu Felde zu ziehen, das wußte er aus Erfahrung und verabschiedete sich, ohne dem Schloßherrn widersprochen zu haben. Ein bitteres Gefühl blieb aber in seinem Herzen zurück: jene zwölftausend Thaler, während eines Menschenalters in redlicher Arbeit erworben — jetzt waren sie wie welke Blätter in alle vier Winde zerstreut. Als die Equipage hielt, erschien in der Thür die Haushälterin mit gerungenen Händen und thränenüberströmtem Gesicht. „Ach, Herr Wolfram! Herr Wolfram!" Erich erschrak. „Was ist geschehen?" rief er. „Ach — der liebe, alte Herr! Nein, gehen Sie nicht gleich hinein, ich —" Aber Erich schob die Frau ohne Weiteres bei Seite und eilte in das Wohnzimmer, wo sich bei feinem Erscheinen die Dienstboten scheu und leise in den Winkel drängten. Auf dem Sopha saß noch in derselben Stellung, wie er ihn verlassen, gegen das Rückenpolster gelehnt, sein alter Großvater — aber Acht mehr mit dem herzlichen, liebevollen Lächeln und dem klaren Blick, den Erich an ihm kannte- Die Augen waren geschloffen und das Antlitz um einen Schatten bleicher als sonst wohl. Nur um einen Schatten — aber dennoch-- Die Dienstmädchen weinten und ihr lautes Schluchzen weckte den Gutsherrn aus seiner Erstarrung. „Todt!" — ein schauriger Gedanke, wo immer er dem Menschen jählings entgegentritt, eine eiskalte Hand, die sein warmes Herz berührt, daß es seine Schläge im Augenblick aussetzt und stille zu stehen scheint unter der Wucht des Verhängnisses. „Und so habt Ihr ihn gefunden?" fragte Erich. „Ja, Herr. Kein Zug war verändert, kein Glied bewegt. Er muß ganz sanft hinübergegangen sein." Der Gutsbesitzer winkte den Leuten, sich zu entfernen; er sah aus dem Fenster in die Herbstnacht hinaus und seine Seele wiederholte das traurige Wort, das er heute dem jungen Mädchen gesagt: „Vergebens!" Der Bankdirector hatte Mutter und Braut nach Moldt gebracht und etwas später war die Hochzeit der beiden Verlobten auf das Glänzendste gefeiert worden. Hans Adam durchsuchte alle Kammern und alle Schränke des Schlosses, um für das weinumsponnene Nest des jungen Paares die' ver- schiedenartigsten Schätze zusammenzutragen, hier einen Schrank mit uralter Schnitzarbeit, da Porzellan aus dem vorigen Jahrhundert, Silberzeug und Damast mit eingewebten biblischen Erzählungen. Das Alles wurde renovirt und in Stand gesetzt; der Baron gab das Geld aus wie warmes Brod. Aber dafür sah er auch den Jubel der drei Menschen, die sich in das Paradies versetzt glaubten. Jedes Stück wurde bewundert, für jedes unter taufend Glücksgefühlen der beste Platz ausgewählt;- Willibald ging nur noch mit Hammer und Zange umher, er war ganz berauscht vor Freude. „Wenn nicht der jüngste Tag heranbricht," sagte er einmal. „So viel Seligkeit kann ja keine Dauer haben." Dann lachte Hans Adam, wie er nur zu lachen verstand. „Du unkluger Willibald! Bist Du zufrieden? Habe ich meine Sache gut gemacht?" „O, Hans, wo lebt ein Freund, wie Du es bist!" „Thorheit! Demnächst kaufst Du das Haus und ich erlaube mir, die dem Garten zunächst liegende Landstrecke Deiner Frau Gemahlin für den Anbau von Rüben und Kartoffeln ganz ergebenst zu verehren. Das macht sich Alles." „Bist Du ein Krösus?" fragte Willibald. „Besitzest Du den Schlüssel zum Berge Sesam?" „Ich werde ihn wenigstens demnächst besitzen. Man meldet mir aus Frankfurt, daß Leopold Aßmanns Tage gezählt sind." „Schreibt er Dir?" fragte der Bankdirector- „Steht Ihr miteinander in irgend einer Verbindung?" Ein Schatten flog über die Stirn des Barons. Es war auf den Brief Cäciliens aus Frankfurt keine Antwort gekommen, das fiel ihm in diesem Augenblicke doch schwer aufs Herz. „Wir correspondiren allerdings nicht," versetzte er, „aber wozu auch? Das Testament habe ich seinerzeit selbst in der Hand gehalten." Und dann wie immer den unliebsamen Gesprächsgegenstand verlassend, setzte er hinzu: „Wie macht es sich mit der Bank? Wird die Filiale benutzt?" „Weit stärker, als man erwartete. Besonders Depositen sind in großer Anzahl vorhanden. Das Kellergewölbe des Hauses hat verschiedene Fächer, die wir in Miethe geben und die sehr begehrt sind. Wahre Unsummen lagern da zuweilen, Gelder, die erst nach Wochen für irgend eine Anzahlung gebraucht werden sollen und nun so lange sicher untergebracht sein müssen." „Baar?" fragte Hans Adam. „Ja. Gold und Kassenscheine. Solcher Fach hat zwei Schlüssel; den einen bekommt der Miether und den anderen habe ich." „Der macht Dir schlaflose Nächte, was?" „Das that er in der ersten Zert wirklich; ich trug ihn beinahe immer in der Hand und legte ihn Nachts unter mein Kopfkissen, aber jetzt bin ich ruhiger geworden. Man gewöhnt sich eben an Alles." Hans Adam begrüßte noch die glückliche junge Frau in ihrer schwer errungenen Häuslichkeit und dann begab er sich wieder auf das Schloß. „Noch kein Brief, Cilli?" Die Baronin schüttelte seufzend den Kopf. „Nicht«, Hansi! Ich denke oft, daß auch der Onkel gestorben sein könnte." „Das ist unmöglich. Ich erhalte täglich Nachrichten — auch heute. Sein Befinden wird schlechter und schlechter." (Forts-f.) - 40 — Gemeinnütziges. Gegen die Plage der aufgesprungenen Hände, wo die Oberhaut durch Wechsel von Nässe und trockener Wärme, besonders Strahlwärme de» Ofens oder Feuerherdes, ruinirt wurde, bewährt sich nach vr. P. Niemeyer das Bestreichen mit ftisch ausgepreßtem Citronensaft. Die im ersten Augenblicke dadurch hervorgerufene Schmerzhaftigkeit möge man um so leichter mit in Kauf nehmen, al» die Säure diese Eigenschaft mit dem ebenfalls für solche Beschwerden empfohlenen, aber nicht so heilkräftigen und sauberen Glycerin theilt. * ♦ * Frostschäden an Obstbäumen. Ein recht gutes Mittel, um die durch Frost entstandenen Riffe und Wunden der Bäume zu heilen, welches der Wärme und Kälte gleich gut widersteht, die Wunden dicht abschließt und dem gesunden Theile nichts schadet, ist dieses: Man nehme zwei Drittel Theer und ein Drittel Copallack, wie er zum Lackiren verwendet wird, koche beides kurze Zett miteinander und wende es kalt an; erkaltet wird die Schmiere so dick, daß man sie gerade noch mit dem Pinsel auftragen kann. Der Anstrich übertrifft an Haltbarkeit und Tüchtigkeit jeden anderen. * * * Springerle. V2 Kilogr. gestoßener Zucker wird mi1 5—6 Eiern eine Stunde lang nach einer Seite hin verrührt, worauf man eine Meflerspitze voll Pottasche nebst i/2 Kilogr- vom feinsten trockenen Mehl nach und nach hinzumischt, dann ^beliebige Stückchen von dem Teig auf das Kuchenbrett nimmt und ‘/2 Centim dick aufrollt. Nun bindet man etwas Mehl in ein Muffelinläppchen, siebt die kleinen Springerleformen damit aus, drückt die Teigstückchen hinein, schneidet sie rings um die Form sauber ab, legt die Springerle auf ein mit Wachs bestrichenes, mit gestoßenem Anis und gehackter Citronen- fchale bestreutes Blech, läßt sie zwölf Stunden am warmen Ofen trocknen und bäckt sie bei gelinder Hitze, damit sie ganz hell bleiben. ♦ » * Carrdirte Bretzeln. Man nimmt 14 hartgekochte Eidotter, 375 Gramm Butter, zu Sahne gerührt, 375 Gramm Zucker, Vs Kilo Mehl und rührt dann von vier ungekochten Eiern noch die Dotter hinzu. Hiervon werden kleine Bretzeln geformt, die mit Eiweiß oder einem Guß von Zucker und Eiweiß bestrichen werden. Diese Bretzeln sind vorzüglich. Eier-Marzipan. Ein* Pfund Zucker wird mit fünf Eier schaumig gerührt, 10 Gramm Ammonium, P/s Pfund Mehl daran gegeben und wie mit dem Waffer-Marzipan verfahren. » * ♦ Schweizer Wecken. V2 Pfund gestoßener Zucker wird mit vier Eiern gut gerührt, Vs Pfund Mandeln geschält und länglich geschnitten, Vs Pfund Weinbeeren, die Schale einer Citrone, sowie fast Vs Pfund Mehl hineingemengt. Eine Form wird gut mit Butter ausgestrichen, mit Bröseln bestreut, die Mafle hineingefüllt und bei mäßiger Hitze im Rohre gebacken. ♦ * * Cacao-Creme. Eine halbe Stange in kleine Stückchen geschnittene Vanille kocht man mit 1 Liter süßem Ruhm langsam aus. Zu 125 Gramm bitterem Cacaopulver mischt man 250 Gramm Puderzucker und zwei Eßlöffel voll Mehl; den Rahm seiht man durch, bringt ihn wieder zum Kochen, rührt das Gemische hinein, bringt es unter beständigem Rühren zum Kochen, rührt die Creme mit 8 Eidottern ab, zieht den steifen Schnee der 8 Eiweiße hindurch und füllt die Masse in Krystall- schalen, welche man vor dem Serviren mit Baiser und Confect hübsch verziert. Emfacher ist es, wenn man die Vanille mit dem Zucker fein stößt und so unter Cacao und Mehl mischt. Vermischtes. Poesie und Prosa. Dame: „Schon der Name Frühling erfüllt einen mit Entzücken, da denkt man gleich an Nachtigallen, Rosen, Wiese, Sonnenschein —" — Alter Herr: ,Ja, die Hauptsache bleiben aber immer warme Unterkleider!" In einer Sackgasse. Herr: „Ja, was wollen Sir denn von mir, daß Sie so zudringlich sind?" — Strolch: „Nur um eine kleine Gefälligkeit wollte ich Sie gebeten haben". — Herr: „Und die wäre?" — Strolch: „Morgen werde ich heirathen und da wollte ich Sie nur gebeten haben, mir für diesen Tag Ihren Eherings» leihen". Auch ein „Stück". Dame: „Draußen am Fenster steht: „Stück 50 Pf." und jetzt verlangen Sie für die Waschschüssel 1 Mark und es ist sogar noch ein Sprung drin". — Kaufmann: „Nun, dann stimmt's doch, jedes Stück 50 Pf., macht 1 Mark". * * Ein ästhetischer Spitzbub. Gauner (der im Zuchthaus photographirt werden soll): „Bitte, kann ich nicht ein Album oder sonst etwas in die Hand bekommen, damit es ein hübscheres Bild giebt?!" » * Prognosticon. Erste Kinderfrau: „Gieb Acht, unsere Irmgard wird einmal eine ganze Gnädige!" — Zweite Kinderfrau: „Warum?" — Erste Kinderfrau: „Nun, einmal lacht sie, einmal weint flennte aber weiß sie warum!" Vor Gericht. Richter: „Der Angeklagte hat Sie also zu überreden gesucht, daß Sie schweigen. Mit was wollte er Ihnen denn den Mund stopfen?" — Zeuge: „Mit zwei Paar , alten Hosen und drei zerrissenen Hemden". Deutlich. Maler (zum Besteller, dessen Portrait er eben vollendete): „Nun, wie gefällt Ihnen Ihr Bild?" — Besteller (nachdem er es einige Zeit betrachtet): „Wissen Sie was? Machen Sie mir aus dem Portrait lieber eine Landschaft!" Eingegangen. Frau*(am Mittagstisch): „Schade, Onkel, daß Du Dich heute mit Rindfleisch begnügen mußt! Wärst Du morgen zu uns in die Stadt gekommen —" — Gatte: „Hätten wir Dir einen Hasen oder Rehrücken vorgesetzt!" — Onkel: „Na, wißt Ihr was? Da bleib ich einfach bis übermorgen da". * Eine Ausrede. Arzt * seinen Clienten auf der Straße treffend): „Ich habe Sie von dem schweren Magenkatarrh befreit, Sie sind wieder gesund, heiter, haben guten Appetit und doch wollen Sie mich nicht bezahlen." — Client: „Aber Doc- tor, Sie haben mich so hergestellt, daß ich mein ganzes Geld verfreffen hab'." ♦ * Kein Wunder. A-: ,*Wer ist denn nur der kleine schäbige Herr dort?" — B.: „Ein früherer Geflügelhändler; vor einigen Jahren konnte er seiner Tochter noch zehntausend Gulden Mitgift geben, jetzt ist er gänzlich verarmt-" — A-: „Nun, das ist kein Wunder, wenn Jemand an einer einzigen Gans so viel zusetzen muß!" * * Widerspruch. „Kennen Sie den Herrn da?" — „Ja, das ist der Börsianer Mandel, ein herabgekommener Emporkömmling." ♦ ♦ Der poetische Einbrecher. „Nichts Herrlicherer gibt es, als in einer Sommermondnacht durch's Gartenfenster einzubrechen!" Rcdactton: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.