NnLephattringsblatt jum GLetzenev Anzeigev (Geneval-Anzeig-v) 1893. <5^ -2-D- U M M^W M7tö^AWU D^W Donnerstag, den 23. November. Herzenskämpfe. Roman von Theodor Schmidt. * (Fortsetzung.) Curt wußte nicht, was er von dem Allen halten sollte; die Augen, die sonst immer so hellauf Liebe und Wahrheit strahlten, hatten nicht ein einziges Mal zu ihm aufgeblickt. „Ich bin nicht eifersüchtig, Martha," hob er nach einer kleinen Weile wieder an; „ich habe mich nie um Deine Cor- respondenz gekümmert, nie geforscht, an wen Du schreibst, von wem Du Briefe empfängst; ich habe Dir in allen Dingen stets vollstes Vertrauen geschenkt. Ich würde mich auch jetzt nicht einmischen, wenn mir nicht gesagt worden wäre, daß jene zwei Billete Dir aufgezwungen worden wären, — daß Du sie nur widerwillig in Empfang genommen hättest. Aus diesem Grunde möchte ich wissen, was sie enthielten." Da blickte sie zu ihm auf, und der tief unglückliche Ausdruck ihrer Augen erfüllte ihn mit tiefem Weh. „Curt, wie gern sagte ich es Dir, wenn ich könnte," antwortete sie, „aber ich kann nicht!" „Weißt Du, Mrrtha," sprach er ernst, „daß nichts Dich berechtigt, Geheimnisse vor mir zu haben? Ich meine, in der Ehe muß vollstes Vertrauen und Einigkeit herrschen, getheilte Interessen kann ich mir nicht denken." Es entging ihm nicht, wie es tief schmerzlich über ihre sanften Züge glitt, aber ihr Mund blieb stumm- „Es ist wohl zwecklos, meine Bitte zu wiederholen," fügte er hinzu. „Wenn Du es mir nicht vertrauen willst, kann ich Dich nicht dazu zwingen; ich muß mich mit dem Bewußtsein begnügen, daß es in dem Herzen meiner Gattin Tiefen gibt, die mir verborgen sind." Ein Schauder durchzuckte Marthas Körper, als sie daran dachte, was sie ihm verheimlichte; diese Bewegung war Curt nicht entgangen. „Ich bin Dir ja nicht böse, Martha," sprach er, „ich bin nur betrübt, bekümmert — mehr als ich Dir sagen kann. Welches Geheimniß kann meine Frau vor mir haben?" Diese machte eine kleine Bewegung, als dränge es sie, sich ihm zu Füßen zu werfen und ihm Alles zu sagen. Auf ihren Lippen zitterten die Worte: „Ich bin Martha Horst. Ich habe kein Recht, hier zu sein! — Schicke mich fort!" Schon fing sie zu reden an, aber der Ton ihr eigenen Stimme erschreckte sie, und mit einem scheuen, wilden Blick schwieg sie wieder. Stumm und tiefbekümmert sah der Graf auf die schöne, zitternde Gestalt nieder. Bisher war sie ihm immer unschuldig, rein und edel wie ein Kind erschienen; jetzt mit den Sorgenfalten auf der Stirn, mit dem abgewandten Blick und den stammelnden Worten erschien sie ihm wie eine Fremde und mit einem tiefen Seufzer über die unliebsame Aufgabe fing er von neuem zu fragen an- „Wir wollen dieses Thema fallen lassen, Martha — das erste Geheimniß zwischen uns," sprach er. „Jetzt erkläre mir das andere Geheimniß — wie kam dieses Armband in den Weinlaubgang?" Da war es mit der Ruhe der Armen aus, schmerzlich zuckte es über ihr Antlitz, ein Ausdruck der Verzweiflung trübte ihre blauen Augen und der Graf mußte seine Frage wiederholen, ehe sie dieselbe zu verstehen schien. „Schone mich, Curt," bat sie dann mit flehend erhobenen Händen. „Dich schonen, Martha!" rief er. „Was soll das heißen? Dich schonen? — Was habe ich gethan, daß Du so zu mir reden kannst? Möchte ich Dir nicht, wo ich kann, jede Sorge ersparen? Ich will ja nichts, als jeden Kummer von Dir fern halten, Dich glücklich machen! Ich will nichts, als daß Du mich so liebst, wie ich Dich liebe! Inwiefern soll ich Dich schonen?" „Nicht mehr mit Fragen in mich dringen," entgegnete sie bitterlich weinend, „ich kann sie nicht beantworten und sie thun mir so furchtbar weh!" „Glaubst Du, sie seien mir angenehm?" sagte Curt mit leisem Vorwurf. „Martha, die Mutter war dabei, als ich das Armband fand; ich las einen Verdacht in ihren Augen, der mich innerlich empörte. Ich brachte sie mit hierher zu Dir, damit sie ihren Jrrthum einsehe, und bei der Frage, die jedes thörichte Mißtrauen von ihr verscheuchen sollte, wurdest Du vor Schreck ohnmächtig. So klärtest Du ihre Zweifel auf; kannst Du meine Liebe nicht besser befriedigen? — Sprich, wie kam das Armband in den Park?" „Ich könnte Dir eine Unwahrheit sagen, könnte Dir eine erdichtete Geschichte erzählen, die Dich befriedigte — aber das will ich nicht; mag es zum Schlimmsten kommen! Keine Lüge soll meine Lippen beflecken. Die Wahrheit kann ich Dir nicht sagen und jede Ausrede verschmähe ich." Des Grafen Gesicht verfinsterte sich. „Immer mehr Geheimnisse!" sprach er bitter. „So gibst Du also zu, daß Du mir eine Erklärung geben könntest, wenn Du wolltest — Du willst nur nicht?" Martha neigte stumm den Kopf und Curt wandte sich mit bleichem, verstörtem Gesicht von ihr ab. „Willst Du Jemand beschützen, der Dich bestohlen hat?" 560 fragte er, während seine Augen bei diesem Gedanken Heller aufleuchteten. „Nein," erwiderte sie kopfschüttelnd. „Hast Du das Armband selbst verloren?" forschte er weiter. „Frage mich nicht, Gurt!" rief sie mit gefalteten Händen und überströmenden Augen. „Ich will fragen — ich will Alles wissen!" versetzte der Graf zornig. „Wozu all' diese Thorheit! Man möchte mich wirklich für den eifersüchtigen Ehemann in einem Lustspiel halten, der hinter eine Jntrigue zu kommen sucht. Hast Du selbst das Armband verloren, Martha? — Du zwingst mich, heftig zu werden, jetzt antworte mir!" „Ich habe Dir bereits gesagt, daß ich diese Frage nicht beantworten kann," entgegnete Martha. Es lag eine solche Hoffnungslosigkeit auf ihrem schönen Gesicht, eine solche Verzweiflung klang aus ihrer Stimme, daß der Graf nicht wußte, was er sagen, was er davon denken sollte. „Geliebte," bat er innig, „sei aufrichtig gegen mich. Selbst wenn Du unvorsichtig gewesen sein solltest, ich könnte Dir nicht böse sein. Ich kenne ja meine kleine, liebe Frau. Komm', mach' mich nicht unglücklich, sage mir, was Dir fehlt " Der sanfte, zärtliche Ton rührte sie mehr als alle Heftigkeit und gleich einem Kinde, das sich in Schlaf weint, schmiegte sie ihren Kopf an seine Brust. „Gurt," sprach sie weich; „ich kann es Dir nicht sagen. Ich wünschte, ich könnte hier in Deinen Armen sterben, «ährend Du mich so freundlich anlächelst. Sterben wäre leichter, als Deine Fragen beantworten." Und ihre bleiche Stirn küssend, erwiderte er: „Da Du zugibst, daß hier ein Geheimniß obwaltet, und doch Dich weigerst, es mir zu gestehen, muß ich es selbst herauszufinden suchen." Mit diesen Worten ließ er sie aus seinen Armen los und ging langsamen Schrittes au» dem Zimmer hinaus in'» Freie, um in der frischen Luft seine Aufregung ein wenig zu bekämpfen. Wie Gurt, in tiefes Sinnen versunken, den breiten Kiesweg dahinschritt, kam ihm sein Waldhüter entgegen. „Was wollt Ihr, Samter?" fragte er diesen, der mit entblößtem Kopfe vor ihm stehen blieb, in leichtgereiztem Ton. „Ich komme mit einer unliebsamen Neuigkeit," war dessen Antwort. „Ich sagte dem Herrn Grafen neulich schon, daß sich zwei berüchtigte Wilddiebe hier herumtrieben, und ich bin überzeugt, daß sie jetzt wieder hier ihr Wesen treiben. Ich wollte es dem Herrn Grafen schon gestern Abend sagen, da sah ich Sie aber mit der Frau Gräfin gehen und wollte Sie nicht stören." „Ihr saht mich?" fragte Gurt erstaunt. „Wo und wann?" „Kurz nach zehn Uhr. Sie gingen ja mit der Frau Gräfin — ihr Gesicht konnte ich genau sehen." Mit keinem Wort, keinem Blick verrieth der Graf seine Gattin. „Ganz recht, ganz recht," erwiderte er hastig. „Nun, wie steht's mit den Wilddieben?" Samter erging sich in eine lange und breite Auseinandersetzung, von welcher der Graf aber kein Wort hörte. Seine Frau war also im Park gewesen! — Und nicht allein — wer war mit ihr? Das also war es, weshalb sie vor Schreck ohnmächtig geworden war? Wäre es denn möglich, daß sich hinter diesem lieblichen, unschuldigen Gesicht Schuld und Sünde bargen? Gurt mochte sinnen und nachdenken, so viel er wollte, — er fand keine Lösung — und dennoch, das Geheimniß mußte aufgeklärt werden! Als er Marthas Zimmer wieder betrat, faß dieselbe noch genau so, wie er sie verlassen hatte, still und regungslos wie eine Statue. „Ich muß es ertragen lernen," sagte sie sich, al« seine nahenden Schritte sie ausschreckten, wie er aber näher trat, sank ihr beim Anblick seines Gesichts aller Muth. „Martha," sprach er mit vor Erregung heiserer Stimme, „ich weiß Alle«, Du kannst mir nichts mehr verbergen!" „Du weißt Alles?" wiederholte sie tonlos, indem sie aufstand und mit gefalteten Händen vor ihn hintrat. „Ja, ich weiß Alles!" Da erinnerte sie sich wieder der Worte, die er ihr vor langer Zeit scherzend zur Antwort gegeben, als sie ihn gefragt hatte, was er thun würde, wenn feine Frau ihn betrogen hätte. „Du weißt Alles," sagte sie noch einmal und sah ihn fest dabei an; „meintest Du auch, was Du sagtest? — Muß ich gehen?" Er verstand nicht, worauf sie anspielte. „Meintest Du auch, was Du sagtest?" fragte sie noch einmal leise. „Ich meine stets das, was ich sage," versetzte er, „und, Martha, nun es dahin gekommen —" In dem Augenblick klopfte Nanette an die Thür und meldete den Herrn Minister von N. Dieser Gast war eine zu wichtige Persönlichkeit, um ihn warten zu lassen, und mit eiligsten Schritten ging Gurt, ihn zu begrüßen. Der Graf bemühte sich redlich, dem Gespräch des hohen Herrn mit Interesse zu folgen, aber nur einzelne Worte davon drangen an sein Ohr. Nicht des Ministers, sondern Marthas Stimme hörte er, Martha« Stimme, die wieder und wieder fragte: „Muß ich denn gehen?" Was meinte sie nur damit? Wohin denn gehen? Und wozu? Das konnte nur ein thörichtes Mißverständniß sein, das sich aufklären mußte, sobald der hohe Gast sich entfernt halte. Doch so bald sollte er von diesem nicht freikommen. „Wenn Sie nicht anderwärts in Anspruch genommen fein sollten, Herr Graf," sagte der Minister, „wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mit mir nach Erlenbach fahren wollten, da ließe sich die fragliche Angelegenheit gleich ohne weiteren Aufschub erledigen." Was blieb Graf Gurt, da er keine Entschuldigung hatte, anderes übrig, als der Aufforderung zu folgen? Von ihrem Fenster aus beobachtete die unglückliche junge Fran, wie ihr Gatte davonfuhr; wie lechzte ihr Herz nach einem Blick aus feinen Augen, nach einem Wort von feinen Lippen, — sie beobachtete ihn mit fo bitterem, leidenschaftlichem Kummer, daß sie gern gestorben wäre. Glaubte sie doch nicht, daß sie ihn in dieser Welt je wiedersehen würde- In dieser einen Stunde entschloß sie sich zu einem Schritt, den sie später auf das Bitterste bereute. Nun er Alles wußte und er ernstlich meinte, was er einst gesagt hatte, beschloß sie, nicht erst zu warten, bi» er sie von sich schicken würde, sondern gleich zu gehen. Wie sie da am Fenster stand, den heiter lächelnden Himmel, die duftenden Blumen und die in der Sonne erglänzenden Büsche und Bäume betrachtend, da zogen viele Bilder an ihrem inneren Auge vorüber. Wie würde die stolze Gräfin, welche nicht» so hoch stellte wie edles Blut, die Kunde aufnehmen, daß die Gattin ihres Sohnes die Tochter Werner Horsts sei? Sie stellte sich das in ihrem Stolze tiefgekränkte Antlitz der Gräfin vor; sie hörte schon im Geiste die wenigen verächtlichen Worte, mit welchen sie den Jrrthum ihres Sohnes beklagen würde, — o nein, besser gleich gehen, da sie doch einmal gehen müßte, als das ertragen! Sie malte sich das Erstaunen Melanie» aus — Melanies, auf der kein Makel von Sünden Anderer ruhte. Besser für Gurt, er hätte seine Liebe mit Füßen getreten und Melanie von Selten geheirathet. — Das Schwerste, das Bitterste aber von Allem, das waren die letzten Worte ihres Gatten; die kalten, grausamen Worte, mit dem er seinen Jrrthum wieder gut machen würde, — wie konnte sie das ertragen und weiterleben? O nein, sie konnte nicht warten, bis die Sonne ihrer Liebe untergegangen war: besser, sich mit einem Male losreißen, als stückweise. — Sie wollte fort, wollte Alles verlassen, was ihr lieb und theuer war, und dahin gehen, wo Niemand, der sie je gekannt, sie wiederfinden würde! - 86i sie noch hür und mg hatte, um ihn iurt, ihn che junge ach einem n Lippen, Kummer, , daß sie n Schritt, es wußte 'schloß sie, !, sondern nett. imen sein jnen sehr i wollten, weiteren es hohen te davon Marthas ld wieder t damit? thörichtes der hohe ihr vor t gefragt ien hätte. > ihn fest Muß ich ibett Him- länzenden an ihrem n, welche men, daß fei? 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Die Sonne sank golden im Westen, die Blumen deckte der erste Thau, die Vögel verstummten und begaben sich zur Ruhe, aber noch immer ging Graf Curt unruhig und ungeduldig im Parke auf und ab. Endlich hatte er keine Ruhe mehr; er ging in die Dienerstube und fragte den Stallburschen, ob er nicht wisse, wo die Gräfin hingefahren sei. „Ja," erwiderte dieser, „Frau Gräfin hieß Friedrich bis zur Goldenen Krone fahren und dort auf ste warten." Da rief die Stimme seiner Mutter aus dem Hause nach ihm. „Was gibt es, Mutter?" fragte er in das Haus zurückkehrend. „Melanie fand in Marthas Zimmer dieses Btllet," sagte sie mit weicher Stimme, „es ist an Dich adresstrt." Schweigend nahm er den Brief und las. Die ihn beobachteten, sahen, wie sein Gesicht während des Lesens todtenbleich wurde und wie er schwankte, als habe er einen tödtlichen Schlag erhalten. Wie durch einen dichten Schleier las er die Worte, die sich wie mit Flammenschrift in sein Herz einbrannten und ihm bei alledem ein Räthsel waren. „Curt," begann der Brief, „ich will nicht warten, bis Du mich von Dir schickst — ich gehe ungeheißen. Du weißt Alles. Ach, dann mußt Du mich verachten, mußt Du voll Abscheu und Verachtung auf mich herabsehen; aber es war nicht meine Schuld. Glaube mir, Curt, geliebter Curt, es war nicht meine Schuld; ich leide für die Sünden Anderer. Ich kann Dir mein Lebewohl nicht schreiben, — meine Augen haben keine Thräneu, aber ste haben Dich zum letzten Mal gesehen. In meinem Herzen nagt ein brennender Kummer, der mich bald verzehren wird. Du warst mein Leben, meine Liebe, mein Alles I Du warst der Sonnenschein meines Lebens l Ich gehe von Dir in Kälte und Finsterniß, wo ich Dich nie, nie, nie mehr wiedersehen werde! Zum letzten Male darf ich Dich „mein Gatte, mein Geliebter" nennen und tausend Küsse auf die Worte drücken. Geliebter, vergib mir! Lebe wohl!" Curt las den Brief wieder und wieder, ohne auch nur ein« dieser traurigen, unglücklichen Worte zu verstehen. Rur das Eine wußte er: daß ste von ihm gegangen war und er sie niemals wiedersehen würde. Ein Schrei, den seine Mutter nie vergaß, entrang sich seinen bleichen Lippen. Der starke Mann — er taumelte wie ein Kind. „Hier, Mutter, lies," sprach er dann heftig, „und sage mir, was es bedeutet." Auch aus ihrem Gesicht wich jeder Blutstropfen, während sie las. „Das sind auch mir räthfelhafte Worte," sagte sie endlich traurig, „was läßt sich thnn?" „Ich muß sie finden!" rief Curt. „Mutter, rufe die Dienerschaft herbei! Alarmire das ganze Haus, wir —" „Fasse Dich nur erst," fiel die Gräfin ihm in's Wort und legte ihre Hand besänftigend auf seinen Arm, „und komme zur Besinnung. Wir müssen die Ehre unseres Hauses wahren; was auch geschehe, dieses Geheimniß muß unser Geheimniß bleiben; nie ist der geringste Makel auf das Haus Roddeck gefallen, laß auch uns diesen Namen flechenlos erhalten." Gekränkter Stolz, gekränkte Liebe hatten ihr fast die Sinne geraubt; die letzte Unterredung mit ihrem Gatten hatte ihre Nerven überreizt, ihren Kopf und ihr Herz in höchste Aufregung versetzt. Aus dem Chaos wilder Gedanken trat nur ein Entschluß klar hervor: „Ich muß fort, ehe man mich fortschickt!" Heftig schrieb ste ein paar Zeilen an ihren Gatten und bedeckte ste mit leidenschaftlichen Küssen, dann öffnete sie ihren Schreibtisch und füllte ihre Börse mit allem Gold, das sie zur Hand hatte. Dann zog ste die Klingel und befiellte bei der etntretenben Jungfer ihren Wagen. „Wollen Frau Gräfin ausfahren?" fragte biese, auf bas Höchste erstaunt. „Ja, ich will eine lange Fahrt machen," gab Martha mit eigenthümlichem Lächeln zur Antwort. Schweigenb kleibete sie sich an. Aber mit keinem Blick mehr sah sie sich im Zimmer um, in bem sie eine so glückliche Zeit verlebt hatte. Unb lange, lange Zeit sprach Nanette von bem seltsam starren, unnatürlichen Ausdruck auf dem Gesichte der Gräfin, als sie das Schloß verlassen hatte. „Wohin soll ich fahren?" fragte der Kutscher. „Nach Gernsheim," gebot die Gräfin, „halten Sie wie gewöhnlich an der Goldenen Krone und warten Sie später dort auf mich." Dreiunbzwanzigstes Capitel. Graf Curt konnte bie Zeit nicht erwarten, wo er wieber daheim sein würde. Während der ganzen langen, einfilbigen Fahrt schwebte ihm Marthas bleiches, thränenüberströmtes Antlitz vor. Ja, er war hart und unfreundlich gegen sie gewesen. — Mochte sie ihre kleinen Geheimnisse haben; Melanie hatte Recht — sie war sicher so rein, wie sie schön war. Und er trieb die Pferde zu schärferem Trabe an, ungeduldig, wieder zu seiner Frau zu kommen, ungeduldig, dieselbe wieder in seine Arme zu schließen und den scheuen, angfivollen, verzweifelten Ausdruck von ihrem Gesichte zu bannen. Zu Hause angelangt, begab er sich sofort nach Marthas Zimmer. Auf sein Klopfen erfolgte keine Antwort. Leise drückte er auf die Klinke und trat ein — aber nirgends war das liebe Gesicht zu sehen, das ihn sonst immer mit frohem Lächeln zu begrüßen pflegte. „Ah, sie wird sich wohler fühlen und hinuntergegangen sein," dachte er erfreut. Doch wie er da inmitten des eleganten Boudoirs stand, beschlich ihn eine seltsame, nicht zu beschreibende Augst — war es ein Vorgefühl des nahenden Unglücks ? Da auf dem Tische tickte eine kleine, reich mit Juwelen besetzte Uhr, — in den Vasen verbreitete üppig blühendes Heliotrop, Marthas Lieblingsblume, einen köstlichen, fast berauschenden Duft, — dort lag ein noch aufgeschlagenes Buch, in dem sie- kürzlich gelesen hatte: Alles wies auf ihre Nähe hin — aber wo war sie? Curt begab sich in das Wohnzimmer; da saß Melanie und las, aber kein goldener Kopf hob sich bei feinem Eintritt. „Wo ist Martha?" fragte er erregt. „Ich weiß nicht," entgegnete Melanie und sah ihn betroffen an, „ich habe ste seit heute Morgen nicht gesehen." In dem Augenblick trat seine Mutter ein; auf ihren Zügen lag der kalte, stolze Ausdruck, den Curt so gut kannte. „Wo ist Martha, Mutter?" fragte er heftig. „Ich glaubte, sie wäre bei Dir." „Deine Gattin beehrte mich nicht mit ihrer Gesellschaft," lautete die stolze Antwort. „Als ich vor ungefähr einer Stunde zu ihr gehen wollte, ließ sie mich nicht ein. Ich werde sie sicherlich so bald nicht wieder belästigen." „Aber wo ist sie?" fragte Curt dringlicher. „Ich weiß nicht," versetzte die Gräfin, gleichgültig mit den Achseln zuckend; „frage doch Nanette." Curt zog heftig an der Klingel und fragte die Eintretende nach ihrer Herrin. „Frau Gräfin ist ausgefahren," antwortete diese. Erleichtert athmete Curt auf. „Sagte ste, wohin sie ginge?" fragte er weiter. 6= 552 ss „Ich muß sofort nach Gernsheim!" stieß Curt hervor, und nach kaum zehn Minuten jagte er in tollem Ritt die Allee hinab. (Fortsetzung folgt.)' Der Kugelblitz. Von H. Bredrow. (Schluß.) Merkwürdig ungleich ist auch die Wirkung der Kugelblitze aus ihre Umgebung. Während sie hier mit explosiver Gewalt wirken, scheinen sie dort jeder Gewaltthätigkeit sorgsam aus dem Wege zu gehen. Bisweilen wirft die heftige Explosion die Betroffenen nur zu Boden, bisweilen genügt schon die bloße Annährung, um den Tod des Menschen herbeizusühren. Besonders gefährlich wirken die Kugelblitze in großen Versammlungen. Im Jahre 1871 fiel während der Sonntagspredigt in Solingen eine einer Bombe gleichende Feuerkugel vom Kirchthurm in die Kirche und explodirte auf halbem Wege zwischen Dach und Pflaster mit schrecklichem Krachen. Die Kirche war plötzlich mit Rauch und Feuer gefüllt, drei Personen wurden sofort getödtet und mehr als 100 wurden verwundet. Etwas Aehnliches geschah 1769 im Schauspielhaus zu Feltre, in der Mark Trsvisanüe, wo mehr als 600 Personen während eines heftigen Gewitters versammelt waren. Durch eine große, im Dachwerk befindliche Oeffnung drang eine Feuerkugel von der Größe einer Kanonenkugel größten Kalibers, löschte alle Lichter aus und tödtete oder verwundete über 40 Personen- — Sehr merkwürdig erscheint der folgende, von Abbe Spallanzani berichtete Vorfall. Unweit Pavias weidete während eines heftigen Gewitters im August 1791 etwa 150 Schritt von einem Bauernhöfe entfernt eine Herde Gänse. Ein etwa 12 Jahre altes Mädchen und ein jüngerer Knabe liefen auf die Gänse zu, um sie Heimzutreiben. Auf derselben Wiese befanden sich noch ein 9 bis 10 Jahre alter Knabe und ein ungefähr 50 Jahre alter Mann. Plötzlich erschien 3 bis 4 Fuß von dem Mädchen entfernt eine etwä zwei Faust große Feuerkugel, auf dem Boden dahinkriechend, lief rasch auf die nackten Füße des Mädchens zu, verschwand unter ihren Kleidern, kam unter kugelförmiger Gestalt oberhalb ihrer Mieders wieder zum Vorschein und schwang sich dann unter Geräusch in die Luft empor- Als sie unter den Röcken des Mädchens verschwand, erweiterten sich diese wie ein Regenschirm, der geöffnet wird. Das Kind fiel zu Boden, kam jedoch bald wieder zu Bewußtsein. Sein ^.Körper zeigte vom rechten Knie bis gegen Mitte der Brust eine oberflächliche Erosion, auch zeigte das Hemd an den entsprechenden Stellen Brandspuren. Die Wiese zeigte in der Umgebung des Ortes keinerlei Spuren der Feuerkugel, die sich nach dem von Spallanzani genau festgestellten Zeugnisse der Anwesenden von unten noch oben und nicht in umgekehrter Richtung bewegt hatte. Vergangene Jahrhunderte machten die Erklärung des Kugelblitzphänomens leicht; sie deuteten es je nach den begleitenden Umständen als einen Ausfluß himmlischer und teuflischer Mächte, und es lassen sich in der heiligen wie in der profanen Litteratur aller Zeiten manche Angaben finden, die mehr oder minder deutlich auf ihre Entstehung durch den Anlaß eines Kugelblitzes Hinweisen. Heute hat es dis Wissenschaft nicht so bequem, und wenn wir uns mit der Erklärung dieses Phänomens beschäftigen, so drängt sich uns mit aller Gewalt die tiefe Wahrheit des Dichterwortes auf: Ins Innere der Natur dringt kein erfchaffner Geist; Zu glücklich, wem er nur die äußre Schale weist. Daß zwischen dem Kugelblitz und den gewöhnlichen elektrischen Erscheinungen in der Atmosphäre unmittelbare Verwandschaft und enger Zusammenhang herrschen, ist von vornherein klar und es scheint nach einigen Beobachtungen sogar, als ob Strahlenblitze in die Kugelform übergehen können. Außer dem oben erwähnten Falle von St- Stephan am Gratkorn spricht dafür besonders der von dem französischen Physiker Plante fest- gestellte Uebergang eines Blitzstrahls in mehrere Blitzkugeln. Plante verfolgte am Morgen des 18. August 1876 von Meu- don aus ein in der Umgegend von Paris losbrechendes Gewitter. Gegen 7 Uhr drang aus der Wolke ein vor allen andern sich auszeichnender Blitz nach unten, indem er eine Kurve beschrieb, die einem ins Längliche gezogenen 8 ähnelte. Der Blitz war während mehrerer Augenblicke sichtbar und bildete eine Art Rosenkranz, der aus lauter leuchtenden, an einem schmalen Lichtfaden gereihten Kügelchen bestand. Er schien Paris in der Richtung nach Vaugirard zu treffen, schlug, wie sich später herausstellte, in Vaugirard, Grenelle u. s. w. ein und zwar in kugel- oder eiförmiger Gestalt. Wahrscheinlich ist er in der Nähe des Bodens in mehrere Körner getheilt worden, denn man hat nur einen einzigen Blitz die Erde in dieser Richtung erreichen sehen. Es siel ein sehr starker Regen und die von der elektrischen Entladung durchsetzte Luft war ganz und gar mit Wafferdampf gesättigt. — Wenn nun auch die Annahme eines inneren Zusammenhanges von Kugel- und Strahlenblitz richtig sein sollte, so sind doch die Bedingungen, unter denen eine solche Umwandlung vor sich geht, in ziemliches Dunkel gehüllt, das sich erst seit Kurzem ein wenig zu erhellen beginnt. Wie wir nämlich in dem Funken der gewöhnlichen Elektrisiermaschine ein Analogon des Zackenblitzes besitzen, so meint man neuerdings in einem anderen physikalischen Versuche eine Aehnlichkeit mit dem Vorgänge des Kugelblitzes entdeckt zu haben. Bei Untersuchungen Über die Entladung elektrischer Funken in verdünnter Lust beobachtete Herr Kighi, besonders wenn der Entladungskreis große Widerstände enthielt, eine sonderbare Gestalt der Funken. Auf der positiven Elektrode bildete sich eine Art rother oder rosafarbiger Flamme, die sich nach der negativen Elektrode hin zu verlängern schien und kurz vor Erreichen derselben verschwand. Der Funke bestand aus einer leuchtenden Masse von ziemlich langsamer Bewegung; das Leuchten legte in einem Falle den 17 cm betragenden Weg zwischen den Polen in ]/6 Stunde zurück, hätte also zum Durchlaufen einer 1 m langen Strecke eine Sekunde gebraucht. Durch Abänderungen der Versuchsbedingungen ließ sich bewirken, daß die Funken nicht aw einer leuchtenden Masse, sondern aus mehreren einander folgenden bestanden. Ließ Righi die Entladung nicht im Reclpienten der Luftpumpe, sondern in eine Röhre erfolgen, so begab bisweilen die bewegliche Lichtmasse sich vor Erreichen der negativen Elektrode zum positiven Pol zurück. In anderen Fällen stand sie, nachdem ein bestimmter Punkt der Bahn erreicht war, für den Rest der Entladuiigsdauer still. Momentphotographien der bewegten Lichtmaffen von je Vso Sekunde Expositionsdauer zeigten, daß unter Umständen die vom positiven Pol ausgehende Masse eine ovale Gestalt hat und beim Loslösen von der Elektrode die Form eines Waffertropfens annimmt, der von einem Glasstabe abfällt. Werden anstatt der verdünnten Luft andere Gase genommen, so ändern sich die Erscheinungen. Könnte man diese Versuche in freier Snft im Großen wiederholen, so würde die leuchtende Masse offenbar große Aehnlichkeit mit dem Kugelblitz zeigen. Anwesenheit von Wasserdampf erleichterte bei Versuchen, die Plant« vornahm, die Entstehung der elektrischen Kugeln. Es liegt mithin die Annahme nahe, daß der Kugelblitz eine langsame Entladung der Elektricität einer Gewitterwolke in verdünnter Luft fei, sobald die Elektricität ausnahmsweise mächtig und die Wolke oder die stark elektrisierte feuchte Luftsäule, welche die eine Elektrode des Versuchs vertritt, dem Erdboden sehr nahe ist. Diese Erklärung läßt freilich noch viele Fragen offen und genügt den Forschern nach dem „Warum?" das „Warum" durchaus nicht. Doch zeigt sie wenigsten» den Weg und die Möglichkeit, in Zukunft das Räthsel dieser wunderbaren Naturerscheinungen befriedigend zu lösen. Redaeiion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.