Ms «—<5x5 i tT-E., lS—£ 5x9—W. Nntevhaltttngsblatt 311m Gietzsnev Anzeigev (Gensval-Anzeigev) 1893. Eh»S Si.A M "Äi. tr "&s WSMM8Ä ' ■"' * ? SBSMHSro^HB NWßWE 8MAWW ® ÄSUWWWM - Samstag, den 23. Septeurber. Das Erbe. Pleisgekrönte Erzählung von R. Blankenburg. (Fortsetzung.) XII. Pastor Helfer hatte seine Anweisungen gegeben. Kathrine hatte den großen Waschzuber von der Nachbarin geborgt, ein mächtiges Feuer in der Küche angefacht für den Fall, daß ein Bad nothwendig sein sollte, und war dann daran gegangen, für das Wasser zu sorgen. Die bedingten vielen Gänge zum Brunnen und daß sie von ihnen nicht jedesmal so schnell zurückkehrte, wie man bei der geringen Entfernung hätte erwarten sollen, hatten die guten Freunde und getreuen Nachbarn zu verantworten, die sich, man wußte nicht wie, dort zusammengefunden hatten und erstaunte Zuhörer der seltsamen Dinge abgaben, welche sie zu berichten hatte. „Ich hab's gleich gesagt," meinte die Bäckerfrau, „als die Mutter am ersten Tage bei Erich Hagen war, daß mußte einen Haken mit Malte haben." Daran zweifelte nun wohl Niemand, aber sie sprach in einem Tone, als ob nur die höchste Entfaltung der Weisheit ihr dies offenbart haben könne und so hörten die Andern andachtsvoll zu. „Es wäre ihm wohl sehr recht gewesen, wenn er's zum Herrn von Grashagen gebracht hätte," sagte der Wirth des Dorfkruges hinzutretend. „Na, das ist doch zu sehen, wenn Ering krank ist und er gönnt ihm keinen Doctor, einem Kinde, das nicht einmal eine Mutter hat." „Ja, das ist's eben," war die Antwort der Kathrine und sie nickte bedeutsam. „Ach, Du meinst wegen der Marie. Ich will nichts ge> sagt haben, aber es ist wahr, sie hält sich vornehmer, als ihr zukommt." „Ja, es geschehen sonderbare Dinge, das hab' ich immer gesagt," meinte ein alter Mann, der auf seinen Stock gelehnt «eben den Andern stand. „Man hat doch Mancherlei erlebt und gehört." Eine Pause entstand, daun begann die Bäckerfrau von Neuem: „Und daß sie Erich zu sich genommen hat, die Mutter, mein' ich; es mag ihr wohl komisch vorkommen nach dem großen Hof, und sie hat doch sehr herunter gemußt von ihrem hohen Sitze. Es ist ganz gut, wenn's auch einmal die Reichen trifft- Aber sie hat's an ihm nicht verdient." „Ich bin doch neugierig, ob nun Alles an's Licht kommen wird, wie stch's damals verhalten hat, was meinst Du, Kathrine?" Aber Kathrine meinte gar nichts, denn sie nahm schnell und eilfertig ihren Eimer auf und ging in'S Haus hinüber, während die Andern ihre Blicke nach der Landstraße wendeten, die man von hier aus bis zu einer Krümmung verfolgen konnte. Wie gebannt hafteten die Augen Aller auf dieser Stelle, obgleich sie in der sinkenden Dämmerung nur schwach erkennbar war; hatte man dort sich etwas bewegen sehen? Eine Zeit lang blieben Vie Meinungen getheilt und dann sah man, wie eine Gestalt aus dem Dunkel hervortrat. Mit athemlofer Spannung erwartete man ihr Näherkommen, jetzt war sie dem Hause nicht mehr fern. Da öffnete sich seine Thür, angstvoll klang es dem Kommenden entgegen: „Erich, Erich," und die klare Stimme des Mannes antwortete: „Ich bringe ihn, Mutter, er ist hier." „Sie kann Gott danken, daß sie ihren Sohn hat," sagte die Bäckerfrau und wischte sich die Augen, und die Andern stimmten bei. Dann verließen sie den Beobachtungsposten, befriedigt von dem, was sie in Erfahrung gebracht hatten, und gingen nach Hause. Man hatte Ering auf das Bett im Wohnzimmer gelegt. Die Lampe, welche auf dem Tisch in der Mitte brannte, zeigte die matten, bleichen Züge des sonst so rosigen Kindergesichts und die dunklen Schatten unter den geschlossenen Augen. Der Pastor beugte sich über ihn, schob leise die Lider von den Augensternen zurück und blickte forschend hinein; dann faßte er die kühle, bewegungslose Hand. Sein Gesicht war sehr ernst, als er sich zu Erich wandte: „Wir müssen einen Arzt haben, so schnell wie möglich; können Sie sofort einen Boten schicken?" Erich überlegte einen Augenblick. „Der schnellste Weg ist zur See und wie der Wind jetzt steht, kann ich in zwei Stun- den in Altkirch sein; aber ich glaube, es wird Nebel geben, und dann müssen wir auf dem Landweg zurück, es mag immerhin Morgen werden, bis ich ihn bringe, und —" er sprach nicht weiter, aber seine traurigen Augen ruhten auf dem tobten« bleichen Kinde. Der Pastor verstand, was er sich nicht zu sagen getraute. „Ich werde versuchen, was mir das Beste erscheint," sagte er, „und will's Gott, so wird er mir gelingen lassen, das Leben zu erhalten, bis die ersehnte Hilfe kommt." Mit namenloser Angst hatte die Mutter dem Gespräch der beiden Männer gelauscht, als sich Erich jetzt vom Lager entfernte, folgte ihm ein Blick tiefer Dankbarkeit und herz- erschüttei nder Bejorgniß, und ehe er das Zimmer verließ, stand sie neben ihm. „Erich, wenn es Gefahr hat, — Du bist zwei Nächte nicht zu Bett gewesen — Du mußt so erschöpft sein, und —" sie brach ab und legte die Hand über die Augen. Hatte sie ihn wirklich bitten wollen, sein Leben in Acht zu nehmen trotz der Gefahr, die das dem Kinde bringen mußte? Er konnte es kaum glauben, aber er drückte doch ihre Hand sehr herzlich. „Seid guten Muths, Mutter, Gottes Hilfe wird mir beistehsn." Bange vergingen die ersten Stunden der Nacht, bange für Erich, dessen scharfe Augen die schwere Luft durchspähen mußten, um den richtigen Weg inne zu halten, bange für den Pastor, der auf eigene Verantwortung handeln mußte, wenn nicht Alles verloren sein sollte, und wie bange für die Großmutter, deren Herz vor Weh brechen wollte für den En?el und das kaum weniger bangte für den Sohn I Dann stellte sich bei dem Knaben das Erbrechen ein, welches der Pastor durch jedes Mittel versucht hatte zu erreichen. Es kam heftiger, anhaltender, als er es erwartet hatte, und ihm folgte eine tiefe und todesähnliche Erschöpfung, noch beunruhigender, als jene im Anfang gewesen war. Aber der Puls, so schwach er war, stockte nicht, gleichmäßig matt schlug er gegen die ihn umschließende Hand des Pastors, der neben der Großmutter die ganze Nacht am Krankenbett des Kindes wachte. Und dann kam das Morgen- licht herauf und die verschleierten Strahlen der Sonne erleuchteten die Welt, in der das frische Leben begann, als das Rollen eines Wagens sich auf der Dorfstraße hören ließ. Schneller als sie es für möglich gehalten hatten, kam der von Erich her- beigeholte Arzt. Als er an das Bett des Knaben trat, öffnete dieser zum ersten Male seine Augen, ein leichtes Lächeln zog über das blaffe Gesicht, dann streckte er die Hand aus, aber nicht ihm entgegen, nein, an ihm vorbei dem Manne zu, der neben ihm stand, und der sich herabbeugte und seine Stirn zärtlich küßte. „Ich mache Ihnen mein Compliment, Herr Pastor," sagte der Arzt, nachdem er den Sachverhalt eingehend erforscht hatte, „Sie haben so gut gehandelt, wie ich'» nur hätte thun können ohne die Hilfe von Medicamenten. Aber sagen Sie, war es Jnstinct, der Sie trieb, oder wußten Sie, daß es sich um eine Vergiftung, — ja, Vergiftung handelte?" Er blickte scharf forschend in der Runde herum, als er langsam die gewichtigen Worte sprach. Erich hatte die Augen gesenkt, die Mutter war todtenblaß und schlug die Hände zusammen, der Pastor sah sehr ernst aus und die Kathrine stieß einen unterdrückten Schrei aus. „Vergiftung," wiederholte er noch einmal entschieden; „Gott sei Dank, der Versuch ist mißglückt und mein kleiner Patient wird sich erholen, wenn wir freilich auch Geduld haben müffen, bis alle Wirkungen aus dem Körper entfernt fein werden. Wie und auf welche Weife ihm das Gift beigebracht worden ist, welcher Art es war, ob durch Unvorsichtigkeit oder ob durch vorberechnete Bosheit der Tod des Knaben herbeigeführt werden sollte, das wird die Untersuchung ergeben. Ich habe die Pflicht, diesen Fall der Polizeibehörde mitzutheilen und ich werde es sofort nach meiner Heimkehr in Altktrch thun." Ties erschüttert hörten sie Alle, die EringS Krankenbett umstanden, die Auslastung des Arztes, aber Niemand erhob eine Einwendung dagegen, denn er sprach nur aus, was sie selbst in banger Ahnung gefürchtet hatten und was die Nachrichten, welche in den nächsten Tagen das ganze Dorf erregten, bestätigten. Aber wo war Der, welcher unter dem furchtbaren Verdacht des Mordversuchs gegen das Leben des eigenen Kindes stand? Malte war an jenem Abend zu später Stunde heimgekehrt, und während der Knecht ihm die Pferde abgenommen und in den Stall geführt hatte, öffnete ihm Mine die Hausthür, indem sie ihm auf feine ungeduldige Frage nach der Kathrine mitthellte, daß sie am Nachmittag nach Crumbach gegangen und noch nicht zurückgekehrt sei. Da er nicht nach Ering gefragt hatte, so hatte sie auch nichts von ihm gesagt, sondern war in ihre Schlafkammer gegangen. Von dort hatte sie denn gehört, wie er in die Wohnstube gegangen war und nach geraumer Zeit die Thür zu dem Zimmer öffnete, in dem er Ering verlasten hatte, als er am Nachmittag fortfuhr. Da er ihn dort nicht fand, war er nach oben gegangen, dann langsamen Schrittes herabgestiegen und in die Küche getreten, wohin er sie gerufen hatte. Ganz bestürzt und ängstlich HM er ausgesehen, als er sie fragte: „Wo ist Ering?" Da sagte sie ihm denn, daß Erich Hagen gegen Abend dort gewesen war und daß er den Knaben mit nach Crumbach genommen hatte. Maltes Kniee hatten ordentlich unter ihm gezittert, als er das erfuhr, und die Stimme hatte hohl und wunderlich geklungen, als er sagte: „Es ist gut und Du kannst nun schlafen gehen." Jetzt war ihr das klar geworden, aber in der Nacht damals hatte sie nicht recht acht darauf gegeben, denn sie war müde und sehnte sich nach ihrem Bett. Sie schlief auch sogleich ein und erwachte am nächsten Morgen erst, als die Leute zum Frühstück kamen. Da wunderten sich Alle, daß der Herr nicht kam, aber als sie in sein Zimmer ging, sah sie, daß er nicht da war und in seinem Bett hatte auch Niemand geschlafen. Sonst war Alles in Ordnung gewesen und als sie bemerkten, daß die Hausthür aufgeschloffen war, glaubten sie, er sei schon früh Morgens nach Crumbach gegangen, um nach seinem Kinde zu sehen. So hatten sie denn den ganzen Tag auf seine Rückkehr gewartet, aber vergebens, und in der Nacht waren dann die Polizeibeamten aus Altkirch angelangt, um ihn zu suchen. Da war es denn klar geworden, daß er fort war auf Nimmer- wiederkehr. Einer der Männer war im Hause geblieben, um zu untersuchen und in Verwahrung zu nehmen, was ihm nöthig schien, die Andern waren zurückgegangen, um zu melden, was sie gefunden hatten, damit man weitere Schritte zur Verfolgung des Verbrechers thue. Ein paar Tage waren vergangen. Ering hatte sich wunderbar erholt, wenn er auch freilich noch recht blaß aussah und tiefe Schatten unter den Augen hatte- Er durfte zum ersten Mal im Freien sein und saß auf der Bank vor der Thür, zu müde zum Laufen und Spielen, aber sich des warmen Sonnenscheins erfreuend, als er den Postboten auf das Haus zuschreiten sah. Es war ein seltenes Ereigniß, daß ein Brief für die Großmutter einlief, und er erbot sich, ihn hineinzutragen. Neben ihr stehend, beobachtete er sie, während sie die wenigen Zeilen las. Er bemerkte, wie ihre Hände bebten, als sie ihn dann zusammenlegte und in die Tasche schob. War es das, was ihn zu der ängstlichen Frage veranlaßte: „Großmutter, ist er — bringt er Nachricht von meinem Vater?" Er hatte seinen Namen noch nicht erwähnt und die Großmutter, die nicht wußte, wie viel er von den Vorkommnissen der letzten Zeit bemerkte oder verstanden hatte, hatte ebenfalls nicht von ihm gesprochen. Jetzt sah sie, wie Ering» Augen in bangender Erwartung auf ihrem Gesicht ruhten und sie wandte sich zu ihm: „Dein Vater ist fort, Ering, er kommt nie wieder." Er stieß einen Seufzer aus. „Das ist gut, Großmutter. Ich habe den lieben Gott darum gebeten, denn — e» wäre doch zu, zu schrecklich, wenn — " Er verbarg sein Gesicht gegen ihr Kleid und sie strich sanft mit der Hand über den dunklen Kopf. „Mein armes Kind, Du hast nun Niemand auf der Erde, al» Deine alte Großmutter," meinte sie klagend, aber er unterbrach sie: „Und Onkel Erich," sagte er, indem er die Augen hell zu ihr aufschlug. „Großmutter, nun kommst Du wieder nach Grashagen, upd Onkel Erich wohnt bei uns, denn, siehst Du, wir können doch nicht allein in dem großen Hause leben und für die ganze Wirthschaft sorgen." Und als sie nicht sofort antwortete, schlang er die Arme um sie: „Nicht wahr, Großmutter, so muß es sein." Sie nickte wohl, aber zweifelnd und mit bekümmerter Miene, so daß er wieder hinaurging dahin, wohin der Sonnenschein ihn lockte. Da saß er und blickte gespannt von seiner Bank auf die Straße, die nach dem Meere führte, bis die Sonne sich zu neigen begann und der Abend kühler wurde. Da rief ihn die Großmutter herein, sehr gegen seinen Willen, denn er wollte so gern auf den Onkel warten- Er mußte ihm sein Anliegen noch heute vortragen, weil der Großmutter Art und Weise ihm nicht vertrauenerweckend gewesen war, und er wußte schon, drinnen im Zimmer würde er bald so müde werden, daß — und da fingen auch seine Augen schon an, schwer 3K 441 ES zu werden, es half nichts, er mußte zu Bett und bis morgen warten. Erich kam später nach Hause als gewöhnlich. Er war mit der Marie beim Vater gewesen und hatte seinen Segen zu ihrer Verbindung erbeten. Alle die bösen Reden, die in Bezug auf Malte den Ort während der letzten Tage durch- schwirrt hatten, waren auch zu dem alten Manne gedrungen. So hatte er sich seines eigenen Urtheils und der Vermittelung, die er den Anträgen eines solchen Menschen für seine Tochter geliehen hatte, herzlich zu schämen begonnen. Das hatte ihn um so bereitwilliger gemacht, jetzt Erichs Bitte zu willfahren, die von Maries Lippen und Augen kräftig unterstützt wurde. „Das ist, wie's kommen soll," und: „Es soll wohl so sein," war zwar seine ganze Antwort, aber der Händedruck, den er Erich zu Theil werden ließ, war herzlich genug und er küßte Marie in aufrichtiger Freude. Dann hatten sie einen glücklichen Abend zusammen verlebt, die Drei miteinander, an dem von Vergangenheit und Gegenwart die Rede gewesen war, aber nicht von der Zukunft. Und doch lag sie in Erichs Gedanken, als er am Lager de« Alten saß, Hand in Hand mit Marie, und noch mehr, als er auf dem einsamen Heimweg war. Wie und auf welche Weise würden sich die Verhältnisse gestalten mit Grashagen und mit der Mutter, wie mit Ering? Ja, mit der Mutter! Erich hatte den Wunsch nicht vergessen, den der Pastor ihm an das Herz gelegt hatte, aber — er wußte nicht, auf welche Welle er die Mauer der Zurückhaltung niederbrechen sollte, die sich zwischen ihnen erhob. Wie sollte er es machen, ihr die Versicherung zu geben, daß er längst keinen Groll mehr in seinem Herzen gegen sie hegte? Als er sich seinem Häuschen näherte, sah er, daß noch Licht au« dem Fenster schimmerte. Sollte sie ihn erwartet haben? Er beschleunigte seinen Schritt und mit einem Gefühl der Beschämung trat er in das Zimmer. Sie saß am Tisch, ein offenes Schreiben in der Hand, welches sie bet seinem Eintritt niederlegte, während sie aufstand und sein Näherkommen erwartete. „Mutter," begann er sich entschuldigend, „es thut mir sehr leid, daß ich Euch habe warten lassen. Ihr habt viel durch« gemacht in diesen Tagen und solltet nichts von Eurem Schlaf entbehren, aber, aber —" Er kämpfte mit einer ihm deutlich anmerkbaren Verlegenheit, „ich habe Euch etwas Besonderes zu sagen. Ich soll Euch einen Gruß bestellen und —" Sie schien seine Worte nicht zu beachten, sie deutete auf den Brief, welcher vor ihr lag und sagte mit seltsam dumpfer Stimme: „Lies ihn, Eüch." Er blickte sie einen Augenblick fragend an, dann beugte er den Kopf über das Schreiben: „Geehrte Frau! Ihr Schwiegersohn, der Gutsverwalter Malte Hamann, war am 5. d. M. bei uns, um uns zu veranlassen, ihm statt der von Ihnen bei uns niedergelegten Werthpapiere einen Wechsel auf ein Bankhaus in Amerika zu übergeben. Da uns das Gebühren des Mannes auffallend erschien, er auch keine Ermächtigung von Ihrer Seite beibrachte, weigerten wir uns, seinem Begehren zu willfahren. Ec gerieth, nachdem er vergebens versucht hatte, uns seinen Wünschen geneigt zu machen, in eine heftige Aufregung und verließ unser Bureau. Heute erhalten wir den von uns Ihnen übergebenen Depositenschein zerrissen zurück mit der Auf« forderung, eine unferm Belieben anheimgestellte Summe für ihn nach Baltimore überweisen zu wollen, worauf wir selbst, verständlich nicht eingegangen sind. Wir machen Ihnen im Gegentheil davon Mittheilung, indem wir zugleich eine neue, ganz in denselben Worten ausgestellte Bescheinigung Ihres Guthabens bei uns übersenden, zugleich mit einer Berechnung der bis zum heutigen Tage fälligen und nicht abgehobenen Zinsen. Ergebenst I. B. Berndt, Bankhaus." Erich hatte den Brief gelesen, einmal, zweimal, dann wandte er seinen erstaunten Blick auf die Mutter, deren Antlitz von dunklem Roth übergossen, von der höchsten Erregung zeugte. „Ich verstehe es nicht," sagte er, „was bedeutet —" Sie unterbrach ihn. „Sagt es Dir nicht das Datum des Ausstellungsscheines," rief sie klagend, „muß ich es aussprechen und meine eigene Schmach über die Sippen bringen? Es ist Dein Geld, Erich, jeder Pfennig gehört Dir, es ist das Einzige, was ich Dir von Deinem Erbe zurückgeben kann. Es ist das, was ich —" sie unterbrach sich, und die Hände vor das Gesicht schlagend, stöhnte sie im Tone bittersten Schmerze«: „Ich kann die Worte nicht finden zu dem Bekenntniß meiner Sünde, o Gott, mein Gott, erbarme Dich." Sie sank auf ihren Stuhl und dann fühlte sie, daß Erich den Arm um ihre Schulter legte und sich über sie neigte. „Mutter, e« wird Euch leichter sein, wenn Ihr mir Alles ae- sagt habt." Einen Augenblick schwieg sie, dann sah sie empor. „Ich muß es," sagte sie in gebrochener Stimme, „es tödtet mich, wenn ich noch länger schweige. Du bist mein Richter, Erich, und zu Deinen Füßen muß ich um Vergebung flehen." Er schloß ihre Hand fest in die seine und blickte mit dem Ausdruck tiefer Theilnahme und Liebe in ihr bleiches Gesicht, während sie ihm die Schuld und das Elend ihres Lebens be- kannte. Sie fing von der Zeit an, wo sie in das Hau» seines Vaters gekommen war und sprach von den Tagen, wo sich zu- erst in ihrem Herzen der bö>e Wunsch geregt hatte, Hertha an seine Stelle zu setzen. Malte hatte dieses Verlangen in ihr erkannt und seine schlauen Worte hatten es genährt und be- festigt. „Sein Einfluß war groß auf mich geworden, schon ehe Du in da« Vaterhaus zurückkehrtest und Dich meinen Wünschen so energisch widersetztest. Ich war erzürnt auf Dich, Erich, aber ich weiß — ich weiß, ich hätte es nicht gethan, wäre nicht der Teufel gewesen, dem ich den Finger gegeben hatte und der die Hand ergriff. Er fand mich am Schreib- tisch des Vaters an dem Nachmittag, an dessen Morgen wir von Deiner Flucht gehört hatten, er sah, wie ich die Schuldverschreibungen in der Hand hatte, auf denen der Vater bemerkt hatte, daß sie aus dem Besitz Deiner Mutter stammten, — er war'«, Erich, der den gottlosen Plan ersann, und ich — o Gott, warum streckte mich Deine Hand nicht nieder, ehe ich sie ihm übergab zusammen mit dem baaren Selbe, das in Gold und Silber vorhanden war." Erich antwortete nicht, aber er beugte sich einen Augenblick nieder, und seine Wange berührte ihre Stirn. (Schluß folgt.) Zur Eröffnung des Menen Weaters. Eine CoupSbetrachtung. In leichtem, luftigem Flattergewande soll die Muse des Neuen Theaters am Sonntag den 1. October ihren Einzug halten. E» wird, wie wir soeben aus dem „Anzeiger" er« sehen, „Der Registrator auf Reisen" gegeben. Keine Jbsen'sche Pathologie, kein Wildenbrnch'sches Hohelied auf das schwarz-weiße Banner, kein moderner Eheconflict — „das hat kein Schiller geschrieben, das hat fein Goethe gedicht' und ist doch halt so voller Poesie" — so ähnlich sang einstens in Berlin der unvergeßliche Helmerding Adolf L'Arronge, der greife Dircctor des Deutschen Theater», der feine Bühne zu einem tonangebenden Musterinstitut für älteren und modernen Classicismu» erhoben, blinzelt in feinen eigenen Schöpfungen so gerne und verstohlen nach dem Volke. Der Vater von „Mein Leopold" kann nicht vergessen und weiß ganz genau, wie harmlos, rührselig und treu unser deutsches Völkchen ist und bleibt trotz aller Schlagwörter, wie fin de siede und decadence. So schrieb er auch ben „Registrator auf Reifen". Eine harmlofe Geschichte, gemüthliche Conflicte (wenn da« Wort hier überhaupt am Platze ist), mehr witzige al« geistvolle Wort- und Situationskomik und dabei da« Janze — mit Jesang! — 448 — Durchmustern wir an der Hand des Anzeigezettels das weitere Repertotr des Herrn Reiners. Hier muffen, abgesehen von der Bühnenwiedergabe, über die unser Urtheil noch aussteht, unbedingt künstlerischer Geschmack und verständ- nißvolles Eingehen auf die Interessen des Publikums gewaltet haben- Da ist vor Allem Paul Lindaus Schauspiel „Die Sonne", eine trotz aller Anfeindungen der Kritik tief begründete, herzerquickende Schöpfung. Eine sonnenhelle Oase inmitten der grauen Nebelwüste, die von Norden her unsere vaterländische Literatur zu ersticken droht — nein, nein, das wäre zu sehr im Sinne der seligen Frau Marlitt gesagt; immerhin ein beveutsames Schauspiel. — Es finden sich noch Dumas nervenerschütternder „Fall Clernenceau", „Der Unterstaatssecretär" des feinsinnigen Adolf Wil- brandt, Voßens ergreifendes Seelengemälde „Schuldig", „Der Steh auf", die allerneueste Schöpfung des unvergänglichen Papa Kneifel, des großen Henriks spitzfindiges und kraftvolles Problem „Der Volksfeind", der ebenso graciöse ttts leichtfertige Pariser Schwank „Die Rosa-Dominos", das von dem früheren Feuilleton-Redacteur der „Frankfurter Zeitung" mit glücklichem Talent geschaffene Lustspiel „Eine Palastrevolution" rc. rc. Auch soll das moderne ein- actige Schauspiel eines Gießener Autors, der ungenannt bleiben will, zum ersten Male das Licht der Rampe erblicken. Beinahe hätten wir „Cavalleria rusticana“ (Schauspiel) übersehen- Als Schauspiel hat das italienische Meisterwerk eine gleich packende Wirkung und wird — ohne den farci- nirenden, betäubenden Reiz der Mascagni'schen Musik — dem Empfinden näher gerückt und menschlich-erklärlicher. Das Personal-Verzeichniß zeigt lauter neue Namen. Herr Reiners hätte — so hoffen wir wenigstens — alle Anfeindungen und Mißhelligkeiten, die ihm seither geworden sind, nicht treffender und schneidiger beantworten resp. aus der Welt schaffen können, als durch das Engagement einer neuen, that- kräftigen Künstlertruppe. Hoffentlich finden feine Darmstädter Erfolge in Gießen ein Echo. Ein Theaterdirector soll, wenn irgend möglich, der Zeitungsfehde aus dem Wege gehen. Die Bühne, die Bühne und immer wieder die Bühne muß fein Rhodus fein und bleiben. Schon das in Aussicht gestellte Gastspiel einer Nuscha Butze muß jedem Theaterkundigen zeigen, daß Herr Reiners ernstlich Willens ist, fein Institut auf das Niveau zu heben, das einem Provinztheater überhaupt erreichbar ist. Allerdings sollte das Publikum auch feine Rolle gut zu spielen bemüht sein. Gerade dem Publikum der Provinzstadt sind von Alters her die sonderbarsten und un- definirbarsten Vorurtheile eingeimpft. Der eigenen, vaterstädtischen Bühne steht der Provinzler ganz subjectiv gegenüber. „Na, man kann sich den Rummel 'mal ansehen, allerdings, wenn ich nach Frankfurt komme oder wie ich in Berlin war — gar kein Vergleich I" Er bedenkt dabei nicht, wie diese scheinbar zur Schau getragene Theatererfahrung in Wirklichkeit zerbröckelt vor einem eingefleischten Vorurtheil, welches die eigene Urtheilslofigkeit documentirt und eine ebenso unberechtigte als unentschuldbare Grausamkeit gegen die einheimischen Künstler heraufbeschwört. Sind aus den Reihen der Provinz-Schauspieler nicht die hervorragendsten Bühnengrößen hervorgegangen? Niemand wird als Sonnenthal geboren. Kann ein einfaches Converfationsstück — den hohen Kothurn meidet Reiners und mit Recht — auf einer kleinen Bühne nicht ebenso anschaulich und zu Herzen sprechend verlebendigt werden, als in dem prunkvollen Theatersaal der Großstadt? Vielleicht ist die Wirkung auf ersterer noch intimer. Wir hätten noch viel auf dem Herzen; doch die Zeit drängt. Unsere Station ist gleich erreicht. Zum Schluß: Herr Reiners hat — allerdings soll er auch nicht als „dies Kind, kein Engel ist so rein" gelten — mit dem Gießener Publikum üble Erfahrungen gemacht. Trotz alledem eröffnet er wieder die Saison. Dieser Muth allein ist schon anerkennens- werth. Wie sagt doch Ludwig Börne in seinen dramaturgi- chen Blättern? „Ich wollte, daß ich auch sagen könnte: wer mag vor solchen Menschen spielen? Dar Drama sei, wie es wolle, der Zuschauer sei, wie er wolle, gut spielen ist immer möglich und wird immer empfunden und mit Dank ausgenommen." Mit Dank?! So sagt Ludwig Börne; Herr Reiners kann.jetzt praktisch erproben, ob der unsterbliche Kritiker Recht hat! J. B—r. GsinernnÄtziges. Eine empfehlenswerthe Zimmerpflanze. Die vor mehreren Jahren aus Afrika importirte und von Hooker ienannte Impatiens Sultani blüht fast ununterbrochen den gröberen Theil des Jahres und gewährt diese sich schön bauende, mit hellrosa Blüthen bedeckte Pflanze einen ungemein lieblichen Anblick. Sie ist sehr raschwüchsig und bewurzeln sich Stecklinge bei etwas Bodenwärme in ganz kurzer Zeit, nur darf man sie nicht zu feucht halten, da sie überhaupt leicht zur Fäulniß neigen, eine etwas trockene Luft sagt ihnen mehr zu, als eine feuchte Atmosphäre. Die bewurzelten Pflanzen setze man in eine Mischung von einem Theil Rasen-, zwei Theilen Laub- und Haide-Erde, sowie ili Theil Sand. Um sie schnell zu kräftigen Exemplaren heranzuziehen, ist es von Nutzen, der Mischung etwa» Hornspäne oder getrockneten, zerkleinerten Kuhmist zuzusetzen. Bringt man Pflanzen, welche bis dahin in einem temperirten Hause gestanden haben, in die Wohnräume, so kommt es vor, daß die Pflanzen in der ersten Zeit einen Theil ihrer Blätter abwerfen. Sie beginnen jedoch gleichzeitig neue Blätter zu produciren und in kurzer Zeit werden sie wieder voll belaubt sein. Gegen directe Sonnenstrahlen sind sie zu schützen, ein halbschattiger Standort sagt ihnen am meisten zu. Auch zu Gruppenpflanzungen im Garten eignen sie sich und gewähren, von einem Kranze Lobelien eingefaßt, einen reizenden Anblick. ♦ Eine genaue Abbildung einer Pflanze zu erhalten. Man reibt ein Blatt Papier mit gepulvertem Drachenblute (in jeder Apotheke zu erhalten). Auf dieser Papier legt man den Theil der Pflanze, von welchem man einen guten Abdruck haben will, drückt ihn darauf oder reibt so, daß sich das Pulver daran ansetzt. Dann legt man dar Papierblatt auf ein anderes angefeuchtetes und wird so einen Abdruck erhalten, der einer lithographischen Abbildung ähnlich ist. Stark geäderte Pflanzenblätter auf der Rückseite mit Oel- färbe bestrichen, auf Papier gelegt, mit einem Papierblättchen überdeckt und abgerieben, bewirkt das Verfahren auf noch kürzerem Wege. Vermischtes. Anzüglich. Commerzienrath (neu geadelt, der einen Fremden in seinem Schlöffe herumführt): „Diese alte Rüstung stammt von einem meiner Vorfahren!" — Graf: „So! Haben die denn mit altem Eisen gehandelt?" O, diese Fremdwörter! Aeltere junge Dame (erzählend) : „Wenn meine Verwandten in Indien spazieren gehen, fliegen die Eskimos in Schaaren in der Luft umher!" Ein unruhiger Gast. Rentier Meier (am Stammtische): „Jetzt seh' mir einer den Apotheker an! Acht Jahre hindurch hat er seinen Sitz dort in der Ecke gehabt, sechs Jahre hat er dann unter'm Spiegel geseffen, jetzt hat er sich wieder den Platz beim Fenster genommen — der Mensch muß rem Quecksilber im Leibe haben!" ♦ * Im Boudoir. „Nun, Anna, hast Du die Rose für mein Haar schon gefunden?" — „Ja, Frau Baronin! Jetzt hab' ich wieder das Haar verlegt!" der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gietzcn. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag Uir mich, I mich, i an sein Geld zi beiter c fröhnte Leute k schwach' hat er er auf Es wai meinem Gabe, i die Best der Bai Geheim Vaters Besitz g an jenei ihn mir er auch und dar Erich, S und — Du an und jetzi ich will von mei Er mir, f(t( als er i über die nicht vo Se sie lebha in deutli ich weit frei Herr „ „N Augen x