Nnterchaltrrngsblatt 311m Gietzenev Anzeigev (Gensval-Anzeigev) Nr. 35 H •2^> ISS 3. MU W Donnerstag, den 23. März. Tante Hannas Geheimniß. Original-Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung). Armgard athmete tief auf und ging in's Haus und sofort zu Lotta hinauf, um sie zu beruhigen. Sie sah sie aufrecht im Bette sitzen, unverwandt nach der Thür starrend und ihr jetzt beide Arme entgegenstreckend. „O, wie fürchte ich mich hier, Tante!" klagte sie, die überraschte Armgard zu sich niederziehend. „Glaubst Du auch, daß mein Papa nicht wieder kommt, wie die böse Frau sagt?" „Von wem sprichst Du, Kind? Wer ängstigt Dich damit? " „Die alte Frau, die immer zu mir kommt, mit der großen weißen Schürze." „Mamsell Evers? — Nun, morgen kommt eine freundliche Wärterin, die der Doctor mitbringt." „Ach, Tante, laß sie fort," bat die Kleine, „auch den Doctor, ich bin ganz gewiß nicht mehr krank. Zieh' mich an, ja, willst Du so lieb sein? — Es ist draußen so schön, ich fürchte mich hier so sehr, ach, so sehr!" Nein, das war keine Comödie — Armgards Herz wurde von diesen Klagen tief ergriffen. Das Kind war verwaist, es fühlte sich unglücklich und verlassen, sollte auch sie sich kalt davon abwenden? Das lag durchaus nicht in ihrer warmen, menschenfreundlichen Natur. Sie blickte Lotta forschend in die Angen, es lag nur Angst darin, doch kein Fieber, auch der Puls war ruhig. „Gut," sagte sie, „dann steh' auf, Kind, ich will Dir beim Ankleiden helfen. Willst Du mit mir ausfahren? ' „Ja, ja, Tante!" jubelte Lotta, wie ein Pfeil vom Bett herabfliegend und sofort mit Schwamm und Waffer hantirend. „Ich kann mich schon ganz allein anziehen, schau, wie ich eile, in zehn Minuten bin ich fertig. Sieh', bitte, nach der Uhr." Armgard mußte lächeln, aber auch die Kleine bewundern. Wie praktisch sie war, wie sie sich tummelte und wie geschmeidig, wie anmuthig dabei Sie ließ sie deshalb ruhig gewähren und dachte unwillkürlich, daß Lotta unter ihrer Hand sich gewiß zu einem lieblichen Mädchen entwickeln würde. Eine heiße Röthe überfluthete bei dieser Vorstellung ihr blaffes Gesicht, da dieselbe doch nur eine Folgerung zuließ. Sie wandte sich mit verdüsterten Zügen dem Fenster zu und schrak heftig zusammen, als die Thür plötzlich ungestüm aufgerissen wurde. „Was? Du bist aufgestanden, Lotta?" fuhr Mamsell Evers, wie eine Bombe hereinschießend, sie zornig an. „Wer hat Dir das erlaubt?" „Ich hab's ihr erlaubt, Evers!" sagte Armgard ruhig. „Das Kind war ganz allein gelassen, es fürchtete sich, und wäre beinahe aus dem Fenster gestürzt." „So, ihr fehlt also gar nichts," knurrte die Mamsell, „ganz, wie ich's mir gedacht habe. — Na, meinetwegen, draußen im Gurten ist's ja auch schöner als —" „Ja, die Luft wird ihr jedenfalls zuträglicher fein, liebe Evers!" schnitt Armgard ruhig die Fortsetzung ab. „Bitte, sagen Sie Conrad, er solle die kleine Chaise anspannen. Ich will mit Lotta eine Spazierfahrt machen." Die Mamsell hätte gern Einsprache dagegen erhoben, doch kannte sie ihre Gebieterin zu gut, um nicht zu wissen, daß sie hier unbedingt den Kürzeren ziehen werde, obgleich sie sich sonst viel herausnehmen durfte- So kniff sie die Lippen zusammen und schoß mit einem wüthenden Blick auf Lotta hinaus. Die Kleine sah recht triumphirend aus, war aber doch schon weltklug genug, um nach einem forschenden Blick in Armgards Gesicht sich ganz mäuschenstill zu verhalten. Diese legte jetzt die letzte Hand an Lottas Toilette und nahm sie dann mit sich nach ihrem Zimmer, um sich selber zu der Ausfahrt zu rüsten, worauf sie nach fünf Minuten die kleine bequeme Chaise bestiegen und wohlgemuth in den herrlichen Sonnenschein hinausfuhren. Lotta lehnte tief in dem weichen, bequemen Polster und spielte, strahlend vor Entzücken, Verstecken neben der hochgewachsenen schlanken Armgard. „Gefällt'- Dir, Lotta?" fragte Jene, freundlich auf sie niederblickend. „O, es ist zu schön, liebes, liebes Tantchen!" rief die Kleine, sich zärtlich an sie schmiegend. „Bitte, laß' mich bei Dir bleiben, Du bist so gut." „Ei, Lotta, was würde Dein Papa zu dieser Bitte sagen!" „O, ich weiß bestimmt, was er sagen würde," erwiderte das Kind mit dem alten Ausdruck überlegenen Verständnisses, der Armgard so unangenehm berührte- „Du scheinst für Dein Alter überhaupt zu viel von Dingen zu wissen und zu plaudern, die Du nicht verstehst," erwiderte letztere deshalb tadelnd, „ich liebe dergleichen nicht, Lotta, obgleich Du armes Ding nichts dafür kannst. — Sieh', jetzt kommen wir zu den schönen Bergen. — Durch den Hohlweg, Conrad!" gebot sie dem Kutscher, als dieser hielt und sich fragend umblickte. Zu beiden Seiten eines gut erhaltenen Weges erhoben sich felsige Berge mit Tannen und dichtem Gestrüpp wild bewachsen, welche wohl eine halbe Stunde weit sich erstreckten 138 - und die malerischste Partie dieser an Naturschönheit reichen Gegend bildeten. Ungefähr in der Hälfte machte der Weg eine Krümmung, um rechts einer kleinen Waldpartie mit einem Bächlein Raum zu geben. Um diese Krümmung bogen plötzlich zwei Spaziergänger, welche stehen blieben, um den Wagen vor» über zu lassen. „Ah, Sie sind's, meine Herren!" rief Armgard, sofort halten lassend. Die Hüte ziehend, näherten sich Marbach und Warneck. „Wir haben uns die Berge angesehen, meine Gnädigste," sagte Marbach, „da mein Freund morgen eine Reise unter« nimmt. Der Tag ist zu herrlich!" „Ja, es ist hier draußen prachtvoll," erwiderte Armgard, „wollen wir ein wenig aussteigen, Lotta?" „Ich möchte lieber hier im Wagen bleiben,-Tante!" Marbach machte ein höchst überraschtes Gesicht, als er die Kleine erkannte und in seinen hübschen, offenen Zügen malte sich etwas wie Unmuth. Doch bezwang er sich sofort und öffnete den Schlag, um Armgard die Hand zum Aussteigen zu bieten. , c Sie gingen langsam den kleinen Bach entlang, während Warneck am Wagen stand und mit Lotta von Amerika plau» beite. Die Kleine lag dabei wie eine Lady tief im Wagen zurückgelehnt. In diesem Augenblick fielen mehrere Schüsse dicht hintereinander. Man hörte einen gellenden Aufschrei, die Pferde bäumten sich und stürmten dann wie rasend vorwärts. An Marbachs Kopf war eine Kugel vorbeigesaust, ohne ihn zu streifen, während Warneck seitwärts zu Boden gesunken war, also getroffen zu sein schien. Das Furchtbare hatte sich blitzschnell, sozusagen im Handumdrehen ereignet. Außer sich vor Entsetzen stürzten Armgard und Marbach zu dem regungslos am Boden liegenden Warneck, um ihn aufzurichten. Doch schien hier alle Hilfe vergeblich zu sein, da die weitgeöffneten Augen bereits den Ausdruck des Todes trugen, die Kugel, welche offenbar von Mörderhand auf ihn abgesandt worden war, ihr sicheres Ziel also nicht verfehlt hatte. „O, das ist gräßlich!" stöhnte Marbach. „Keine Hilfe möglich, da auch die Pferde Gott weiß wohin gestürmt sind." „Und das Kind im Wagen!" fchrie Armgard wankend auf. „Mein armer, alter Conrad, ich werde die Unglücklichen suchen." Plötzlich horchte sie auf. „Ich höre menschliche Stimmen und Pferdegewieher," sagte sie schwer athmend, „sie werden Hilfe gefunden haben und zurückkommen." In der That kam der Wagen langsam zurück. Der Kutscher, dessen Gesicht leichenblaß war, schien die Zügel nur mechanisch zu halten, da die Pferde von zwei handfesten Land« leuten geführt wurden. „Gott sei Dank!" stieß Armgard halblaut hervor. „Dort scheint wenigstens Alles unversehrt geblieben zu sein." Marbach warf ihr einen finsteren Blick zu. Dachte sie wirklich nur an das Kind jenes Mannes, der sie einst so schmählich verlassen? Er war bei dem Freunde niedergekniet, um seine Wunde zu untersuchen. Der Schuß war seitwärts durch den Hals gegangen und hatte die Schlagader zerrissen, deren Blutung Marbach in keiner Weise zu stillen vermochte, obwohl er sein Taschentuch wie eine Binde ihm fest um den Hals gebunden hatte. Die mörderischen Kugeln, denn es waren mehrere Schüsse hintereinander, deren eine ihm selber gegolten, gefallen, hatten ihn jedenfalls sogleich getödtet. Eine Mörderfaust hatte dies vollbracht und keine andere konnte es gewesen sein als diejenige, welche Tante Hanna so grausam zugerichtet. Marbachs Blick flog drohend zu der Bergwand empor, welche dem Mörder als schützendes Versteck gedient. Auf seinem hübschen, intelligenten Gesicht prägte sich der Ausdruck eines festen Entschlusses. Mit finster zusammengezogenen Braunen schaute er Armgard nach, welche dem Wagen entgegeneilte. Plötzlich hörte er einen Schreckensschrei, der ihn erbeben machte. Sorgsam den Freund niedergleiten lassend und seinen Kop auf ein erhöhtes Rasenstück bettend, begab er sich rasch dorthin und sah die junge Dame am Wagenschlag mit einer Ohnmacht ringend. „Was ist denn hiernach geschehen?" fragte er, Armgard mit seinem Arm stützend und einen spähenden Blick in den Wagen werfend. „Das Kind —" schluchzte sie, „es ist auch getroffen — tobt I" „Großer Gott I" Marbach ließ die sich gewaltsam aufraffende Armgard los und bückte sich zu Lotta nieder, die regungslos in den Kissen ag. Von der Stirn rann das Blut und gab dem weißen Ge« icht einen erbarmungswürdigen Ausdruck. Das Kind mußte sich in jenem verhängnißvollen Augenblick aufgerichtet und so, unmittelbar hinter oder neben Warneck, die Todeskugel mitten in die Stirn erhalten haben- Es konnte nur einem unseligen Zufall zugeschrieben werden, da es nicht denkbar war, daß dem Kinde, welches der Mörder vorher nicht einmal bemerkt haben konnte, die Kugel gegolten. „Abscheulich!" sagte Marbach, seine Bewegung bekämpfend. „Armes Ding! — Es hat sich aufgerichtet und den Tod mit empfangen. Die Kugeln sind von einer sicher treffenden Hand abgesandt worden, denn sowohl mein Freund wie die Kleine hier sind sofort tobt gewesen. Was fehlt denn Ihrem Kutscher, gnädiges Fräulein?" „Der Anblick des Kindes hat den Armen so aufgeregt," versetzte Armgard mühsam- „Und Ihr habt die Pferde wohl zum Stehen gebracht, meine Freunde?" wandte sich Marbach an die Bauernburschen. „Ja, Herr! — Wir kamen just zupaß, die Rackers wollten justament in die Steinschlucht sausen." „Brav von Euch, helft mir nun, noch einen Todten oder Verwundeten nach Rotenhof tragen. Conrad wird die Pferde jetzt wohl allein regieren können." „Gern, Herr Marbach!" „Wollen Sie sich zu dem Kinde setzen, gnädiges Fräulein? — Oder vielleicht mit nach Rotenhof und von dort meinen Wagen benutzen?" „Ich danke Ihnen, Herr Marbach!" versetzte Armgard, noch immer nach der gewohnten Fassung ringend. „Benutzen Sie, bitte, meinen Wagen für Ihren Todten. Nur so rasch als möglich jetzt fort von dieser Mordstätte, damit wir ärztliche Unterstützung finden." „Dann fahren Sie in Gottesnamen mit der armen Kler- nen nach Ebenheim, da Rotenhof näher liegt und Sie den Weg auch nach Ihrem Heim nicht zu Fuß zurücklegen können, gnädiges Fräulein!" Armgard ließ sich willenlos von ihm in den Wagen heben, wo sie Lottas Kopf mit ihrem feinen Battisttuch verband unb denselben dann in ihren Schooß bettete, während die stämmigen Landleute den todten Warneck vorsichtig aufhoben und der traurige Zug sich nach Rotenhof zu in Bewegung setzte. ♦ * ♦ Der alte Doctor Peters war nach Ebenheim und Rotenhof gekommen, um den ärztlichen Todtenschein dort wie hier auszustellen. Bei Beiden wäre von vornherein jede Hilfe vergeblich gewesen," sagte er, „diese Schüsse mußten den sofortigen Tod bringen. Sie glauben also an kein Ohngefähr, sondern an absichtlichen Mord, Herr Marbach?" „Ganz bestimmt, Herr Doctor! — Ja, ich bin sogar fest überzeugt, daß es dieselbe Hand gethan, welche den Schlag gegen Tante Hanna geführt." Der Doctor blickte ihn ganz entsetzt an und meinte nach einer Weile: „Das wäre ja in unserer Stadt und Umgegend ein recht herrliches Leben alsdann. — Zum Henker noch einmal, ich danke dafür, so unversehens einige Kugeln hinterrücks in den Pelz zu bekommen. Es sieht freilich ganz darnach aus, obgleich ich nicht begreife, was der Mord hier für einen Zweck gehabt- Bei unserer Tante Hanna war's doch ein regelrechter Raubmord — aber hier —" Er schüttelte den Kopf und reichte dem jungen Gutsbesitzer, - 139 der kein Wort darauf erwiderte und nur die Achseln zuckte, die Hand zum Abschied. „Ich fahre Sie selber zurück nach der Stadt, Herr Doctor!" sagte Marbach. „Werde dem Gerichte gleich die nöthige Anzeige machen." „Ja, das ist allerdings nothwendig, — wo wollen Sie Ihren Freund begraben lasten?" „Er soll hier auf meinem Grund und Boden schlafen, — will den armen Kerl wenigstens in meiner Nähe behalten. — Ob Fräulein Holten wohl dem Vater der Kleinen die nöthige Mittheilung zukommen lasten kann?" setzte er etwas zögernd hinzu. „Ja, hab' mit ihr darüber schon gesprochen," erwiderte der Arzt achselzuckend, „ist eine vertrackte Geschichte, da der Herr Steindorf seine Adresse nicht hinterlasten hat. Er wollte ja nach der Residenz, wie Fräulein Holten glaubt, aber ihn dort aufzufinden, wird nicht gut möglich sein." „Es müßte dann vielleicht die dortige Polizei benachrichtigt oder ein darauf bezüglicher Aufruf an verschiedene große Zeitungen gesandt werden." „Das läßt sich hören, Herr Marbach I" rief der Doctor. „Wollen, wenn's Ihnen recht ist, in Ebenheim vorfahren und Fräulein Holten diesen Vorschlag machen. Eine recht fatale Geschichte für die Arme, welche ganz und gar aus ihrem gewohnten Geleise dadurch gekommen ist." Der Wagen war mittlerweile vorgefahren und die beiden Herren fuhren davon. Armgard Holten war mit Allem einverstanden. Sie dankte dem jungen Nachbar und bat ihn, das Weitere zu veranlasten, auch das Nöthige für das Begräbniß der Kleinen zu besorgen. Das sonst so ernste, in allen Dingen ruhige Mädchen, welches selbst bei Tante Hannas Schicksal ihre Fassung bewahrt hatte, konnte jenen traurigen Auftrag kaum hervorbringen und kämpfte sichtlich mit ihren Thränen. Marbach schwang sich plötzlich auf den Wagen und fuhr so jäh und rasch davon, daß der alte Arzt, welcher sich noch nicht niedergelassen, mit einem leisen Fluch zurücksank und sich erschreckt festhielt. „Was haben Sie denn nur so plötzlich, Herr Marbach?" schrie er unwillig. „Wollen die Pferde durchgehen?" „Es schien eben, als ob sie Lust dazu hätten," erwiderte der junge Mann, sich verlegen umwendend. „Entschuldigen Sie, Herr Doctor, thut mir aufrichtig leid, daß Sie davon alterirt worden sind." „Ei was, ich hätte nur einfach hinabstürzen und den Hals brechen können," brummte der Alte, sich den Hut gerade rückend. „Mich dauert die kleine Holten, fürchte wirklich, daß sie ernstlich krank davon wird. Was der vertrackte Steindorf hier in der Heimath zu suchen hat? — Hätte drüben bleiben können, dann wäre das Alles nicht passirt." Marbach sah ihn überrascht an und blickte dann nachdenklich in die Ferne. „Merkwürdig," sagte er endlich, „daß Fräulein Holten sich viel mehr aus dem allerdings sehr traurigen Ende des fremden Kindes zu machen scheint, als aus dem schrecklichen Schicksal der ihr doch so sehr befreundeten Tante Hanna." „Na, das ist immerhin aus verschiedenen Gründen erklärlich, junger Herri" versetzte der Doctor, ihn forschend anblickend. „Zuerst ist Tante Hanna sehr alt und dieses Kind natürlich sehr jung, zwei krasse Gegensätze, welche zu Gunsten der Kleinen bedeutend in die Waage fallen. Sodann, und das denke ich mir als die Hauptursache, war das Kind ihrem Schutze anvertraut, während Tante Hanna selbstständig zurück in ihr Verderben rannte. Eine solche Schutzbefohlene ist immerhin eine Gewissenssache und tritt zum Uebersluß noch der Umstand hinzu, daß es just das einzige Kind einer alten, vielleicht noch immer nicht ganz eingerosteten Liebe ist." Bei diesen Worten des alten Arztes gab Marbach den Pferden einen so heftigen Schlag, daß sie sich bäumten und dann im Galopp fortstürmten. Er vermochte die feurigen Thiere kaum zu bändigen und mußte seine ganze Kraft auf- bieten, um die Herrschaft wieder zu erlangen. Der Doctor saß ganz ruhig. Er lächelte still vor sich hin und rauchte unbekümmert seine Cigarre- Als die Pferde wieder ruhig forttrabten, sagte er: „Das scheinen empfindliche Schwerenöther zu sein, müssen die Peitsche bei ihnen schonen, wie mich dünkt." „Ja, sie wissen genau, wenn sie ungerecht bestraft werden," bekannte Marbach lächelnd, „und das war in der That vorhin der Fall." Wieder lächelte der Doctor eigenthümlich vor sich hin, er wußte ja, weshalb es geschehen. In der Stadt wurden die beiden Herren von neugierigen Bekannten umringt, da das blutige Ereigniß in dem bekannten Hohlweg bereits die Runde machte und allgemeines Entsetzen erregte. Das Gerücht, daß ein unheimlicher Mordgeselle die Umgegend unsicher mache, war gewiß darnach angethan, alle Gemüther mit Angst und Schrecken zu erfüllen, zumal dasselbe jetzt durch einen Augenzeugen, welcher nur durch ein Wunder demselben Schicksal entgangen war, vollauf bestätigt wurde- Der Maler Reinhardt, welcher sich sogleich seines jungen Freundes bemächtigt hatte, war ganz außer sich über den Tod des armen Warneck. „Sollte der Schuft, welcher ihm das Seine ausgeführt hat, ihm nun auch das Leben genommen haben?" fragte er CttCßt« „Wer weiß," meinte Marbach, „doch bitte ich Sie, lieber Reinhardt, sich nicht weiter über diese Vermuthung äußern zu wollen, da dergleichen, um den Schuldigen sicher zu machen, nicht in aller Leute Mund sein muß. Ich gehe jetzt zum Gericht, um die Anzeige zu machen. Erwarten Sie mich, bitte, in Ihrer Wohnung, da ich so mancherlei mit Ihnen zu überlegen habe." Der Maler versprach es und Marbach ging erst geradewegs zn dem ihm bekannten Polizei-Commissar Frenzel. „Ich stand auf dem Sprunge, nach Rotenhof hinauszufahren, mein lieber Herr Marbach!" rief der Beamte ihm erfreut entgegen. „Hat das Gerücht von neuen Verbrechen gelogen?" „Leider nein, Herr Commissar!" versetzte Marbach düster. „Die Geschichte ist schrecklich genug." Er erzählte mit kurzen Worten, was sich in jenem Hohlwege zugetragen. „Und das Kind ist ebenfalls tobt?" „Mausetodt." „Sagten Sie nicht, daß auch Ihnen eine Kugel zugedacht gewesen sei?" „Es schien so, da dieselbe mir dicht am Kopf vorbeipfiff. Nur der Umstand, daß ich im langsamen Fortschreiten begriffen war, rettete, wie ich glaube, mein Leben." „Weil der Schütze kein sicheres Ziel hatte, wie bei Ihrem Freunde," bemerkte der Beamte, „das ist erklärlich. Nehmen wir nun an, daß Herr Warneck jenem Schützen ein Hinderniß war, welches er um jeden Preis aus dem Wege räumen mußte, weshalb aber schoß er auf Sie und, was noch unerklärlicher, auf das Kind?" „Letzteres hat er zufällig getroffen, wie auch der Kutscher behauptet," sagte Marbach, „die Kleine wollte also im Wagen bleiben, wo sie zwischen dem weichen Polster beinahe verschwand und wahrlich für ein Hündchen gehalten werden konnte zumal aus der Ferne, wie es mich sogar in der Nähe schon täuschte. Warneck stand am Wagenschlage mit dem Kinde plaudernd. Da hat es sich im selben Augenblick, als die Schüsse fielen, erhoben, wie der Kutscher mir vorhin in Ebenheim selbst erzählte und ist auch sofort getroffen worden, weil der Mörder mehrere Male hintereinander schoß- Was nun mich selber anbetrifft, Herr Commissar," setzte er kopfschüttelnd hinzu, „so mag er vielleicht in mir den Freund seiner Verfolgers gehaßt haben, wer kann's wissen!" „Allerdings, auch mag ihn eine plötzliche Mordlust gepackt haben." (Fortsetzung folgt-) 140 Aeccpt gegen Aeifröcke. In unheimlicher Stille bereitet sich ein Gespenst, das wir für immer abgethan wähnten, vor, auf's Neue in das Reich der Lebens zurückzukehren und die Menschen mit seiner scheußlichen Erscheinung zu quälen. Dieser Revenant ist — man sollte es in unserer Zeit kaum für möglich halten — die Krinoline, der Reifrock. In der That haben wir mit unseren eigenen Augen bereits die Vorboten der Krankheit in einer Modenzeitung gesehen, wo einige sogenannte Glockenröcke abgebildet waren. Der Anblick war zum Rasendwerden: die reinen. Figurinnen für einen Ball im Jrrenhause. Und das soll nun Mode werden, soll wohl gar übergehen in den eigentlichen Reifrock/ in dem die Frauen einherwackeln wie wandelnde Hühnersteigen? Da soll doch ein unheiliches Donnerwetter . . Nein, nicht gleich fluchen, versuchen wir es vorerst mit dem liebreichen, vernünftigen Zuspruch. Wenn ihr die Geschichten der Trachten verfolgt, schöne Frauen und liebreizende Mädchen, so werdet ihr finden, daß nur in den finsteren Zeiten der Fleischabtödtung ein Werth darauf gelegt wurde, das Ebenmaß des weiblichen Körpers durch allerlei geschmacklose Künsteleien in der Kleidung zu verunzieren. Das Gewand sollte das Weib darunter zu einem unergründlichen Räthsel machen, wie denn auch wirklich Jahrhunderte lang die Frauen Costüme trugen, die alle die herrlichen Linien ihres Körpers durchschnitten und verzerrten, bis eine unförmliche Puppe daraus wurde. Wir wissen, daß Zucht und Sitte durch diese Verunstaltung wenig gefördert wurden, weil sich die Menschen nun einmal nicht nehmen lasien, für einander in Liebe zu entbrennen. Das römisch-griechische Zeitalter hingegen gab den Frauen die edelste Bekleidung; diejenige, welche der Schamhaftigkeit genügt und doch der Schönheit keinen Abbruch thut. Und in der Gegenwart, da man sich über den Eiser der Zeloten lächelnd hinwegsetzt, war man wieder nahe daran, eine Frauentracht zu haben, die alle Vorzüge des Wuchses, der Haltung und de« Ganges bei dem Weibe zur vollen Geltung kommen ließ, ohne durch Jndecenz das Auge zu verletzen. Der gefältelt fallende Rock, der anliegende Leib: sie ersetzen in unserem rauheren Klima glücklich das herabfließende Gewand der Griechin, ließen ahnen, wie hübsch die Frauen gewachsen seien und verriethen doch wieder nicht mehr, als ihre Trägerin selbst verrathen haben wollte; sie waren bequem und aller erdenklichen Variationen fähig, so daß die Modisten, diese Leute-Auszieher und -Anzieher, ohnedies alle Hände voll zu arbeiten Hatten- Aber nein, das genügte ihnen nicht. Sie kamen darauf, daß zu wenig Stoff verbraucht werde bei den modernen Frauenkleidern. Folglich schickten sie die Schleppe in die Welt und erlitten dabei eine empfindliche Schlappe, denn sie griff nicht durch, obgleich aus ästhetischen Rücksichten nicht so viel gegen sie einzuwenden wäre, als aus praktischen und gesundheitlichen Bedenken. Mit der Schleppe im Ballsaale kann man sich sogar befreunden; sie hat etwas Feierliches, Majestätisches, das am rechten Platze schon seinen Eindruck macht. Aber der Straßenschleppe war der Garaus bald gemacht. Als die Damen merkten, welchen Schmutz sie bet trockenem Wetter auf- wirbelten und welche Blößen sie sich bei Regen gaben, wenn sie die Schleppe hochnehmen mußten, da verschwana dieses Anhängsel überraschend schnell und die enttäuschten Modisten sannen auf ein neues ruchloses Mittel, ihrer Hypertrophie an Stoffen ledig zu werden. Da verfielen sie denn auf den Reifrock, die Schlaumeier, und um die Frauenwelt zu ködern, flöten sie ihr zugleich vor, daß anstatt der niederen englischen Schuhkleidung die Hakenschuhe wieder eingeführt werden sollen- Reifrock und Hakenschuhe — warum nicht auch die weiße Perrücke und die Schönpflästerchen und der Teig aus Eselsmilch und Mehl, den man als Maske über Nacht auf dem Gesichte trägt? Das möchte sich ja über die Maßen ergötzlich machen, wenn unsere Frauen in altmodischen Reifröcken sich in dem modernen Dramwaywagen zusammendrängten und beim ersten Oeffnen der Thüre durch die Federkraft der Krinolinen ein paar zarte Wesen herausflögen wie aus dem Rohr geschossen! Da« wäre ja prächtig, wenn das Frauengymnasium von lauter Krinolinen besucht würde und die Telephonistinnen im Reifrock ihren Dienst versähen. Halten wir uns im Ernste bei diesen grotesken Vorstellungen nicht weiter auf — es ist ja nicht denkbar. Die Frauen werden den gallischen Gänsen, die Krinolinen anziehen, diese eklige Mode nicht nachmachen. Davor wird sie ihr guter Geschmack bewahren, der ja stets an der französischen wie an der englischen Mode so lange herumcorrigirt, bis die Sache ein Gott und den Menschen wohlgefälliges Aussehen gewinnt. Sollte es aber wieder Erwarten thörichte Jungfrauen und Weiber geben, die sich beim helllichten Tage mit einer Krinoline sehen lassen, so haben wir Männer auch noch ein Eisen im Feuer, um solchem gröblichen Unfug ein Brandmal aufzudrücken. Es ist dies der Boycott des Reifrockes. Unverzüglich wird dann ein Aufruf an die Männer ergehen, der Jeden beschwört, keiner Frau, die einen Reifrock trägt, und sei sie durch die heiligsten Bande: als Mutter, Schwester, Braut, Gattin, mit ihm verknüpft, öffentlich seine Begleitung angedeihen zu lassen. Mag sie allein gehen, wenn ihr der Reifrock lieber ist. Ein verständiger Mann darf eine solche Narrheit mit seiner Person nicht decken; selbst in einem Gigerl müßte sich das Gewissen regen- Wenn die Männer festhalten an dem Boycott — und das werden sie in diesem Falle —, dann sind sie stärker als die Krinoline. Die Modisten mögen dann von ihrem überschüssigen Stoff Luftballons steigen lassen, da» ist ein unschuldiges Vergnügen; uns aber werden sie damit nicht mehr steigen lassen! (Neues Wien. Tagebl.) Ed. Pötzl. Vermischtes. Aus der Schule. Lehrer: „Was Ihr also zu sagen habt, wenn Ihr Euch als artige Kinder für ein Geschenk dankbar erweisen wollt, habe ich Euch jetzt erklärt. Was würdest Du also sagen, wenn Dir Dein Onkel eine Tasche voll Aepfel schenkt, Fritz?" - Fritz: , Onkel, gib mir die andere Tasche auch noch voll." Literarisches — Das schönste Geschenk zur Konfirmation ist unstreitig die im Verlage von I. C. Hinrichs in Leipzig erschienene „Sternbibel". Der stattliche Band läßt keinen Zmeisel darüber, daß diese Ausgabe des Gotteswortes mehr als alle anderen höchste Gediegenheit mit edler Schönheit verbindet und dies in einem Formate, welches die tägliche Benutzung recht wohl noch gestattet. Der geschmackvolle Einband in dauerhaftestem Safsianleder ist ganz vorzüglich und macht schon äußerlich die „Sternbibel" zu einem wirklichen Prachtstück. Die „Sternbibel" enthält Altes und Neues Testament nebst Apokryphen. Der „Revidierte Text" ist noch immer unsere alte Lutherbibel, nur konnten manche Stellen besonders im Alten Testament auf Grund der vielen Fortschritte der Sprachwissenschaft genauer übersetzt werden, als es Luther und seinen Zeitgenossen möglich war. Geschmückt ist die Sternbibel mit 15 trefflichen Lichtdrucken: zum Alten Testament, deren 30 nach berühmten Meistern, zum Neuen Testament 14 der jedes deutsche Gemüth so ungemein ansprechenden Bilder von Professor Heinrich Hofmann in Dresden, denen sich als 15. das Titelbild (Christus segnend) anschließt. Dieses ist wohl das schönste Bild, das je einer deutschen Bibel vorangestellt worden ist und die Unterschrift „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid" ist ein sehr sinniges Motto für eine Bibck, die in allen schweren Tagen, welche das Haus treffen, den sichersten Trost gewähren kann. Die der letzten Lieferung beigesügte Familienchronik ist eine würdige, freudig zu begrüßende Beigabe. Für alle die, denen die Ausgabe von 40 Mark für ein gebundenes Exemplar auf einmal zu hoch ist, führt die Verlagshandlung nach wie vor die Ausgabe in 30 Lieferungen zu I Mark. Diese können in beliebigen Zwischenräumen bezogen werden, so daß Jedermann sich mit Leichtigteit in den Besitz der herrlichen Bibel setzen kann. Schli-ßlich sei noch besonders auf die Einzelausgabe des Neuen Testamentes hingewiesen, die also ausschließlich Hosmann'sche Bilder enthält. Für 15 Mark dürfte es kein schöneres und passenderes Confirmationsge- schenk geben! Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.