Nnterchaltriirgsblatt 311m Gietzenev Anzeigen (Geneval-Anz-igep) Nr. 23 1883. ÄSSr-S ;j^W3 MMWEWd MEMMME SS “■'•?. ^WÄWNKV N«AILW WEZ^WU?-- Donnerstag, den 23. Februar. Dämon Gold. Original-Roman von W. Höfs er. (Fortsetzung). Da ragten aus dem Dunkel die Thürme von Moldt hervor; wie drohend erhob sich der alte Bau. Durch die Seele des Barons ging ein geheimes Grauen. Das Erbe seiner Väter, ihre stolze Stammburg, weithin im Lande als der edelsten eine genannt — wie lange noch und das Alles war dahin auf immer. Er hatte den Glanz von Generationen in den Staub gezogen, ihn vernichtet für alle Zukunft. Die Fenster der Frontseite waren dunkel; Alles so still und verödet. Nur die Hunde bellten, als sich ihr Gebieter näherte. Sonst hätte Ruth an der Treppe gestanden und ihn empfangen; Kerzenglanz erfüllte das Haus, es gab Musik und frohe Gäste, — heute erinnerte nur Alles an den Sarg, der jüngst hinausgetragen worden war, an Tod und bitteres Leid. Im Wohnzimmer saßen Tante Anna und Ruth am Kamin. Die sonst so fleißigen Hände des jungen Mädchens lagen müssig im Schooß! Ruth hatte geweint, ihr zartes, liebliches Gesicht erschien im Rahmen der schwarzen Trauerkleidung unsagbar blaß und kummervoll. Hans Adam seufzte, es fror ihn. Gab es denn nirgends auf der Welt mehr einen Punkt, an dem er ausruhen und eine behaglichere Stimmung finden konnte? „War Niemand hier?" fragte er. „Keine Seele." „Und Fräulein Malten?" „Sie ist, dem Himmel sei Dank, abgereist." „Und zwar ohne Gruß oder Abschied?" „Wir wenigstens haben sie nicht wiedergesehen." Der Baron athmete freier. „Es ist gut so," dachte er, „für das heißblütige Geschöpf war hier kein Raum-" Aber er sprach es nicht aus. Sie hatten mit dem Thee auf ihn gewartet und nun zwang er sich zu trinken; alle seine Gedanken waren bei dem unglücklichen Willibald oder schweiften unbemerkt hinüber 'in Annas Zimmer- Zwischen ihm selbst und der schönen Frau war heute eine unübersteigliche Schranke aufgerichtet worden, ein Etwas, das sich niemals bannen ließ — Anna liebte einen Anderen. Und unglücklich wie er selbst, ganz hoffnungslos. Tante Anna wollte auf's Neue seine Tasse füllen. „Sieh' nicht so traurig aus, mein Junge," sagte sie, selbst mit hervorbrechenden Thränen kämpfend. „Unsere arme Cilli ist von allem Leid erlöst; Gott richtet barmherzig, er--" „O Tante, Tante!" Ruth schluchzte laut. „Ich kann es nicht ausdenken, Tante, es ist zu schrecklich. Was haben wir verschuldet, daß uns solches Schicksal treffen mußte!" Hans Adam blickte finster vor sich hin. Wie weit war seine Seele davon entfernt gewesen, an die Todte zu denken. „Ruth!" sagte er nach einer Pause, „ich muß Dir noch eine Mittheilung machen." „Um Gott!" fuhr sie auf. Er hob beschwichtigend die Hand. „Es ist nicht», Kind. Nur daß Du es vorher weißt, um danach Deine Entschlüsse zu treffen. Liflauer kommt morgen hierher." Ruth schauderte. „Er will mich sprechen, Hans?" „So ist es." „Und Du hast ihm eine Unterredung zugesagt?" „Ich habe ihm den Besuch auf Moldt nicht verweigern können. Das Uebrige ist Deine Sache, Ruth." Sie hielt die Hände gefaltet. „Natürlich handelt es sich bei dieser Zusammenkunft um einen endgiltigen Bescheid," rang es sich mühsam von ihren bebenden Lippen. „Lissauer hofft es wenigstens." Dann erhob sich der Baron; er schauderte. „Wie der Sturm pfeift - hört Ihr es nicht? Gute Nacht! Gute Nacht! Ich möchte schlafen." „Hans!" rief ihm das junge Mädchen noch nach. „Hans, bleibst Du zugegen, wenn Lissauer kommt?" „Sobald Du es wünschen solltest, gewiß." „Ach ja, ja, ich bitte Dich darum." „Du hast nur zu gebieten. Gute Nacht." „Schlafe wohl, Hans." Er ging in sein Schlafzimmer und warf sich auf das Bett, aber ohne Ruhe zu finden. Wäre nur Willibald nicht gewesen I All' das junge Herzensglück fiel in Trümmer, vielleicht auf Nimmerwiederkehr; das kleine Haus an der Berglehne sollte zur Stätte des entsetzlichsten Jammers werden. Willibalds Amtsentlassung war ganz unvermeidlich, ebenso seine sofortige Verhaftung. Und dann kam eine entehrende Strafe, der Name des betrogenen Mannes wurde in allen Zeitungen genannt, er war beschimpft für immer. Man empfand vielleicht für ihn ein vorübergehendes Mitleid, aber kein bedeutenderes, angesehenes Geschäft würde ihm je wieder eine Stellung gewähren; er war ruinirt auf immer. Freilich, der letztere Gedanke brachte nicht gerade die stärksten Befürchtungen. Ruths coloffales Vermögen war ja — 90 - da und man konnte ohne Schwierigkeiten eine bescheidene Rente zahlen — aber dennoch, dennoch! Und der Baron warf ruhelos den Kopf von einer Seite zur anderen. Es war ihm unmöglich, auch nur die Augen zu schließen, geschweige denn zu schlafen. Wenn nun morgen der Bankdirector wieder hierherkam, wenn er so eindringlich fragte und mit den Blicken voll geheimer Furcht ziellos in's Leere sah — konnte man das ertragen, ohne selbst in Fieber zu gerathen? Und Hans Adam sprang auf; er warf sich in die Kleider, zündete die Lampe an und begann zu schreiben. Es mußte sein, er konnte Willibalds blafles, gleichsam erstarrtes Gesicht nicht nochmals sehen. Der Brief wurde lang, er enthielt ein unumwundenes Eingeständniß und die Bitte um Verzeihung; erst gegen den Schluß hin wagte es der Baron, auch einige Worte des Trostes hinzuzufügen: „Man wird Dich für die fehlende Summe haftbar machen, mein armer Willibald, und da Du ohne Vermögen bist, zunächst zur Pfändung schreiten- Ich kaufe in diesem Falle jedes Stück Deines Besttzthum und gebe Alles Dir und Deiner Frau als geliehen zurück. Dergleichen läßt sich ja leicht machen; das Gesetz hat mehr als nur eine Hinterthür — in Betreff Eurer Einrichtung also sei ganz ohne Sorgen, ebenso auch bezüglich der Frage, wovon Ihr zunächst leben werdet. Ruths Kapital ist groß genug, um hier nach Belieben verfügen zu können. Wenn erst meine Bernsteingräberei und die neu anzulegende Zuckerfabrik völlig im Gange sind, trittst Du mit Deinen kaufmännischen Kenntniffen als stiller Compagnon in das Geschäft ein und wir erwerben Unsummen- Vertraue meinen Worten, bester Willibald, ich weiß, was ich sage. Und nun nochmals: laß Dir die Sache nicht besonders zu Herzen gehen. Die schäbigen zweitausend Thaler, welche Dir die Bank zahlte, verwandle ich in sechstausend — ganz abgesehen vom Theilhabergewinn. Du mußt also eine kurze, böse Zeit ertragen, um durch diese Veränderung einen dauernden Gewinn zu erlangen. In alter Freundschaft Dein Hans Adam." Der Baron siegelte den Brief und schrieb die Adresse; wenn er aber gehofft hatte, durch diese Mittheilung an den unglücklichen Willibald nun selbst ruhiger zu werden, dann sah er sich doch getäuscht. Den Kopf in die Hand gestützt, blieb er grübelnd und sinnend am Schreibtisch sitzen, ohne Schlaf, ohne inneren Frieden, bis der Morgen heraufdämmerte und das Leben des neuen Tages um ihn her erwachte. Wie viele Pläne, wie viele Hoffnungen waren nicht während dieser langen, eisigkalten Nacht in seinem arbeitenden Hirn geboren worden und nach kurzem Dasein wieder gestorben. Eins stand ja immer im Wege, wohin er auch blicken mochte, Eins hielt ihm das unübersteigliche Hinderniß entgegen, wo er auch den Weg offen glaubte — das Geld. Immer, immer das Geld. Als die Strahlen der blassen Wintersonne in das Zimmer drangen, erhob sich Hans Adam und machte flüchtig Toilette. Unter seinen Augen lagen dunkle Ränder, das Gesicht war ohne Farbe. Er schien seit dem letzten Abend um Jahre gealtert; die ganze Haltung hatte an Frische, an Elasticität verloren. Den Kaffee trank er allein wie gewöhnlich und ging dann in's Wohnzimmer, wo Ruth am Tische saß und schrieb. Hans Adam legte seinen Brief neben die Mappe- „Du bist so gütig, das Weitere zu veranlassen, nicht wahr, liebe Ruth?" Sie sah freundlich zu ihm auf. „Hans — wie schlecht Du aussiehst!" „Ist das ein Wunder, Ruth? Bricht nicht von allen Seiten zugleich das Verhängniß über mich herein?" Und als sie ihn ohne Antwort ließ, setzte er seufzend hinzu: „Dein Brief geht an die Vorsteherin eines Diakonissen- hauses; ist es nicht so?" Sie nickte stumm. „Ich konnte es mir ja denken. Ach, Ruth, wenn Du freundlicher, barmherziger gegen mich handeln wolltest!" „Indem ich den Commerzisnrath heirathe?" Er schüttelte den Kopf. „Du kannst es nicht, das weiß ich ja." „Aber Du denkst, ich müsse das Widerstreben in mir energisch bekämpfen und das Opfer bringen, Hans?" „Nein!" antwortete er. „Nein, kein Opfer, Ruth- Ich müßte mich selbst verachten, hätte ich ein wehrloses Kind so in's Unglück gestürzt, obgleich allerdings mehr, weit mehr auf dem Spiele steht, als Du Dir träumen läßt." Sie sah ihn angstvoll an. „Was denn, Hans? Ich bitte Dich, sage mir Alles, was es auch sei." Er trat an's Fenster und blickte hinaus. „Nichts, Ruth, nichts." Dann hörte er, daß sie weinte. „O, Hans, Du verur, theilst mich im tiefsten Herzen, Du nennst mich lieblos — undankbar." Der Baron näherte sich Ruth und streichelte langsam das blonde Köpfchen. Es war eine ruhige, jeder zärtlichen Aufwallung entbehrende Bewegung. „Weine nicht, Ruth," bat er- „Willst Du mir eine Viertelstunde Gehör geben?" „In Bezug auf Lissauer?" Er schob die Mappe zurück. „Nicht in Bezug auf diesen Herrn. Aber vollende erst dann den Brief an die Diakonissen» anstatt, wenn wir miteinander gesprochen haben. Willst Du das?" „Gern," antwortete sie ruhig. „Aber Du mußt mich nicht zu überreden suchen, Hans, mußt nicht vom Hierbleiben sprechen. Das würde nur meinen Kummer vergrößern, mich noch unglücklicher machen. Denkst Du denn überhaupt, es sei für mich so leicht, die Heimath auf immer zu verlassen, Dich selbst und alle meine Freunde vielleicht nie im Leben wiederzusehen? Denkst Du, ich ginge gern aus dieser Gegend fort?" Er sah sie an. „Weshalb bestehst Du denn darauf, Ruth? Es ist Dein eigener Wille, der Dich in die Ferne treibt." Sie schüttelte den Kopf. „Es ist das Gebot der Noth- wendigkeit, Hans. Ich muß gehen! Was Du auch einwenden mögest: ich muß." „Aber nicht weit fort, Ruth, und nicht für immer. Hast Du nie daran gedacht, daß es eine Form unseres ferneren Zusammenlebens gibt, gegen die Niemand etwas dreinreden könnte? Hast Du immer nur Dein eigenes Schicksal im Auge gehabt, nie aber ein klein wenig auch das meinige?" Er war ihr nicht näher gerückt, er hatte nicht versucht, ihre Hand zu erfassen; sein ernstes, blasses Gesicht schien vielleicht in diesem Augenblicke noch blasser als vorher, trotzdem aber konnte doch das junge Mädchen nicht umhin, die Bedeutung seiner Worte zu verstehen. Ruth erschrak so sehr, daß sie zitterte. „Hansl" „Bist Du beleidigt?" fragte er. Sie schüttelte den Kopf, ihre Augen schloffen sich wie in halber Ohnmacht. „Gewiß nicht, gewiß nicht." „Das freut mich," sagte er mit tiefem Athemzug. „Ruth, ist es nicht sür uns Beide am besten, wenn Du meine Frau wirst — sobald es die Gesetze erlauben? Sind wir nicht vom Schicksal aufeinander angewiesen?" Sie blieb stumm; jedes seiner Worte fiel schwer und kalt auf ihr Herz. Hans Adam war ehrlich, er sprach nicht von Liebe, er suchte kein Gefühl zu heucheln, das er nicht auch wirklich empfand. Das Schicksal, hatte er gesagt, nicht das eigene zärtliche Verlangen. Und nun mußte sie ihm antworten. War das Wirklichkeit oder ein Traum? — Hans Adam bat und sie sollte ihm versagen, was er zu erlangen wünschte; sie sollte seine Hoffnungen zerstören? Es gab also doch noch ein Weh, größer und tiefer als alle früheren, eins, an das ihre Seele bisher nie gedacht, das sie für eine Unmöglichkeit gehalten haben würde — noch bis vor wenigen Augenblicken. „Nun, Ruth?" „Hans," sagte sie kaum verständlich, „es kann nicht sein." - 91 „Warum nicht, Ruth? Wir warm von jeher güte Freunde; Ich habe immer geglaubt, Du hieltest etwas von mir." „Immer," antwortete sie. „Immer. Auch jetzt in dieser schmerzvollen Stunde halte ich viel von Dir, Hans." „Nun also!" rief er. „Weshalb solltest Du daher nicht meine Frau werden? Aber ich weiß, was Dein Feingefühl verletzt," setzte er dann schnell hinzu. „Du findest, daß ich so kurz nach dem Tode der armen Cilli das Wort der Werbung noch nicht aussprechen dürfte und in gewisser Weise hast Du darin allerdings Recht, meine kleine Ruth, aber Du vergißt über dies rein persönliche Empfinden den Druck der Verhält« nisse. Es sind volle anderthalb Jahre, bis Du mündig und dadurch disposttionsfähig bist — nach einem Vierteljahre aber können wir heirathen und dann gehen Erichs Rechte auf mich über. Das ist der Grund, weshalb ich die Aussprache zwischen Dir und mir in einer scheinbar unpassenden Weise beMeunigt habe — ich sage beschleunigt! Denn daß wir uns auch ohnehin ganz von selbst gefunden hätten, glaube ich doch bestimmt." Und nun wollte er ihre Hand ergreifen, aber Ruth kam ihm durch eine schnelle Bewegung zuvor; sie stand auf und flüchtete an das Fenster. Ihre Lippen zuckten, sie verhüllte mit dem Taschentuchs das kalte, blasse Gesicht. „Quäle mich nicht, Hans. Es ist unmöglich." „Warum, Ruth? Dein Herz ist frei, Du liebst keinen Anderen, weshalb also willst Du es nicht sein, die den Sonnenschein früherer Tage nach Moldt zurückbringt? Ist es nicht so natürlich, so einfach, daß sich da, wo in den vertrauten Kreis eine plötzliche Lücke hineingeriffen wurde, nun die Zurückgebliebenen um desto enger aneinander schließen? — Du könntest in Deinem Vaterhause bis zu unserer Hochzeit leben, Ruth! Die Pastorin würde Dich sicherlich mit der größten Liebe auf« nehmen und an der Stelle, wo einst Deine Wiege stand, müßten unsere Hände ineinander gelegt werden. Ist das nicht ein guter, freundlicher Gedanke, meine kleine Ruth?" Aber sie schüttelte nur todestraurig den Kopf. „Ich kann nicht, Hans. Gott weiß es, ich kann nicht. Und bätest Du mich noch tausendmal und führtest Du alle Gründe der Vernunft, der Ueberlegung mir gegenüber an — es wäre doch ewig, ewig unmöglich." „Weshalb, Ruth? Sage mir nur, weshalb?" „Ist es nicht genug, wenn ich das fühle? Hier hat nur das Herz eine Stimme. Aber still jetzt," fügte sie hastig hin- zu. „Tante Anna kommt-" Hans Adam stützte den Kopf in die Hand und sah ruhig vor sich hin, ja beinahe mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Ob er während der letzten Minuten Gelegenheit gehabt hatte, tiefer, viel tiefer zu blicken, als Ruth sich träumen ließ? Sie stand immer noch am Fenster und hielt das Taschentuch an den Augen. Es war ganz still im Zimmer, als die alte Dame eintrat, es sah so wenig nach einer stattgehabten Liebeswerbung aus, daß weder der Baron noch Ruth ihre Stellungen zu verändern brauchten. Auch das schärfste Späher- äuge hätte hier nichts Auffälliges entdeckt. Tante Anna schüttelte den Kopf. „Wie Ihr ausseht, Kinder! Und Du weinst schon wieder, Ruth? Willst Du denn durchaus krank werden, Liebe?" Das junge Mädchen schauderte. Ohne zu antworten, ja, ohne die Blicke zu erheben, trat sie an den Tisch. „Ich will nur meinen Brief beenden, Tante — dann mache ich einen weiten Spaziergang hinaus in's Freie." Die alte Dame streichelte mütterlich das blasse Gesicht ihrer Nichte. „Aber nicht zum Kirchhof, Kind, hörst Du?" „Nein, Tante." Dann nahm Ruth die Feder wieder zur Hand, aber ehe sie schreiben konnte, berührte der Baron mit leichtem Druck ihren Arm. „Ruth, Du solltest nichts übereilen." Sie senkte nur noch tiefer den Kopf, aber seine Worte blieben unbeachtet und ohne Entgegnung. Wie es in ihrer Seele stürmte, das sah er ja nicht- So ist es vielleicht unseren ersten Voreltern gewesen, als der Engel mit dem flammenden Schwert hinausdeutete auf den steinigen Weg ohne Quell oder Schatten. Hinter ihnen lag das Para- dies, in dem sie bisher ohne Sorgen oder Leid gelebt, vor ihnen das Exil, die Wanderung durch die Wüste- Es gab keine Umkehr, kein Wiedergewinn - das einmal Verlorene war dahin auf ewig. Ruth hielt die Feder in der Hand, aber sie schrieb nicht- Ihre Gedanken wanderten, wie aufgeschreckte Vögel durch die Luft fliegen, hierhin und dorthin, ziellos in alle Fernen. Das Herz that ihr weh zum Sterben, ach, so weh, wie nie zuvor. Der Baron verließ das Zimmer; er lächelte zufrieden. Die Dinge standen für ihn besser, als er gehofft — er glaubte es wenigstens. „Außer für den Herrn Commerzienrath Lissauer bin ich heute für Niemand zu sprechen, Fischer — wer es auch sei." (Fortsetzung folgt.) Me unsichtbaren Jeinde des Menschen. Von Silvester Frey. (Nachdruck verboten.) Es war gewiß eine der wichtigsten Errungenschaften, welche düs menschliche Wissen zu verzeichnen hat, als man zu dem Ergebniß kam, daß unser Körper selbst von kleinen, unsichtbaren Lebewesen bevölkert sei, welche als die grimmigsten Feinde desselben seinen Untergang herbeizuführen suchen. Bereits im Jahre 1675 entdeckte Antony von Leevenhoek in Delft diese wichtigen Organismen, welche man seitdem Bakterien genannt hat; aber die entscheidende Rolle, welche sie augenblicklich in der Wissenschaft etnnehmen, gewannen sie erst durch die Forschungen neuerer Gelehrter. Die Benennung selbst rührt von dem griechischen Worte her, welches so viel wie „Stäbchen" bedeutet. Sie deckt auch keineswegs sämmtliche Arten dieser winzigen Organismen, sondern selbstverständlich nur diejenigen, welche das stäbchenartige Aussehen haben. Andere erhielten, je nach dem Aussehen, von der Wissenschaft die ihnen zustehen« den Namen; so wurden die kugeligen und eirunden „Mckro- kokken", die geraden, fadenartigen „Bacillen", die wellig gelockten „Vibrionen", die steifen schraubenähnlichen „Spirillen" und endlich die langen, spiralförmig um sich gewundenen „Spirock- äten" genannt. Alle diese Wesen sind so klein, daß sie erst unter einer außerordentlichen Vergrößerung für das menschliche Auge wahrnehmbar werden. Ein Beispiel wird das verdeutlichen, wenn der Mensch selber in dieselben Verhältnisse gerückt würde, nähme er eine Größe an, wie sie etwa die höchsten Berge der Schweiz besitzen. So wird es verständlich, daß der Raum, welchen ungefähr ein Stecknadelkopf darbietet, von 636 Millionen solcher Batterien bevölkert werden kann. Ausgeglichen wird solche winzige Kleinigkeit vollkommen durch die Vermehrungssucht, deren sich diese Organismen befleißigen. Sie findet allein durch Spaltung statt. Nehmen wir nun an, daß sich eine solche Batterie innerhalb einer Stunde in zwei Individuen spaltet — diese wieder nach derselben Zeit in vier, nach der dreifachen in acht — so würde die Nachkommenschaft schon nach vier und einem halben Tage im Stande sein, das gesammte Weltmeer auszufüllen. Glücklicher Weise kann es schon deshalb nicht dahin kommen, weil diese Organismen denn doch auch ihre Feinde haben, welche unablässig beflissen sind, die Reihen derselben zu lichten oder ganzen Ansamntlungen von ihnen den Garaus zu machen. Selbstverständlich haben diese Lebewesen, wie sie dem Aussehen nach völlig verschieden sind, so auch keineswegs dieselbe Größe. In unsere Verhältnisse gerückt, würde sich das eine neben einem andern oftmals wie dis-Mücke zum Elefanten verhalten. Vom Forscherauge beobachtet, bietet sich auch in ihrem Dasein dieselbe Abwechselung und Selbständigkeit des Gebührens, wie sie den uns sichtbaren Organismen eigen. Wenn sie in dichtem Gewimmel den Wassertropfen erfüllen, gewähren die nach allen Richtungen durcheinander fahrenden Stäbchen und Schrauben einen überraschend fesselnden Anblick; man glaubt in einen Mückenschwarm oder Ameisenhaufen zu blicken. Hurtig Vermischtes Gegen das Faulen der Kartoffeln in den Kellern. Bekanntlich zieht der gebrannte Kalk begierig die Feuchtigkeit an sich. Bringt man solchen nun beim Einkellern der Kartoffeln in die Mitte des Haufens, unter oder über denselben, so macht er die Kartoffeln trocken und erhält sie völlig gesund. Vergleichende Versuche haben, wie uns von fachmännischer Seite geschrieben wird, ergeben, daß die in der Weise behandelten Kartoffeln gesund blieben, während andere derselben Sorte und Farbe, die aber nicht mit ungelöschtem Kalk aufgeschichtet worden waren, faulten. Der Kalk wird durch eine dünne Schicht von Reisig, Stroh oder Häcksel, oder in einem Korbe oder Sack von den Kartoffeln getrennt gehalten und in faustgroßen Stücken eingelegt. Nach Abräumung der Kartoffeln läßt sich dieser Kalk noch zur Düngung benutzen. * * * Blumentöpfe aus gepreßtem Papier. Den mannigfachen Verwendungen des gepreßten Papiers fügt Pou- und munter schwimmen die Kleinwesen vorwärts, dann ohne umzukehren ein Stück zurück- Oder sie ziehen in Bogenlinien dahin — bald langsam, unter Zittern und Wackeln, bald in plötzlichem Sprunge raketengleich fortschießend. Sie drehen sich der Quere nach wie ein Kreisel, oder sie ruhen lange Zeit gänzlich, um plötzlich wie der Blitz auf und davon zu fahren. Die längeren Faden „Bacillen" fchmiegen und biegen den Körper beim Baden in den Wassertropfen. Jetzt kommen sie rasch und gewandt von der Stelle, dann wieder langsam, schwerfällig, als hätten sie Mühe, durch Hinderniffe ihre Bahn zu nehmen — etwa wie der Fisch, welcher durch Wasserpflanzen oder Meertang dahin schwimmt. Eine Zeit lang verweilen sie auf derselben Stelle, als wollten sie sich ausruhen. Plötzlich zittert der kleine Faden und kehrt zurück, um bald darauf wieder vorwärts zu steuern. Mit allen diesen Bewegungen ist stets eine schnelle Achsendrehung verbunden, wie bei einer um die Mutter sich drehenden Schraube, dies wird besonders deutlich, wenn die kleinen Individuen geknickt sind; dann sieht es aus, als ob sie sich taumelnd umherwälzen. Auch die wellenförmigen Vibrionen und die schraubenartigen Spirillen verursachen ein Bild des übermütigsten Treibens. Oft zucken sie, Meteoren vergleichbar, hin und her, daß sie dem Beobachter kaum zum Bewußtsein kommen, oder sie rollen mit einer Geschwindigkeit dahin, daß das Auge trotz der scharfen Bewaffnung Mühe hat, ihnen zu folgen. Diese Miniaturwesen also sind ine größten Feinde des Menschen — seine Verheerer, die an dem inneren Mark zehren, in den edelsten Theilen, an den entlegensten Schlupfwinkeln, bis der Gesammt-Organismus vernichtet ist und der Tod sein Opfer hinwegführt. Allerdings können sie vereinzelt oder in geringzähligem Beisammensein keinen großen Schaden anrichten. Da würde der Mensch sie schon verwinden, indem er sie ruhig und stolz gewähren läßt oder einfach abschüttelt durch eines der - Mittel, mit welchem er ihnen beizukommen weiß. Aber die Gefahr liegt eben darin, daß sich diese Kleinwesen mit einer Schnelligkeit, die geradezu unheimlich ist, vermehren; sie liegt ferner darin, daß wir auch nicht immer sichere Mittel und Wege haben, die ihnen den Garaus machen können. Dabei ist es betrübend, daß eine Zahl der allerbösesten Krankheiten gerade durch solche Mikro-Organismen hervorgerufen wird. Vor etwa vierzig Jahren fand man, daß der Milzbrand auf dem Verheerungswefen einer solchen Bacille beruht. Später wurden Typhus und Aussatz ebenfalls auf solche Schmarotzer, welche sich des Menschen als Beute bemächtigten, zurückgesührt. Die Rose, welche an unserm Körper aufblüht, um ihn zu entstellen oder gar dem Tode zuzuführen — was ist sie anders als das Werk von Kleinwesen, welche sich an ihm festgenistet haben! (Schluß folgt.) GemernnÄtzrges. „Sie sind doch 'ne zu gute Frau, Frau Meestern," sagte ein Berliner Schusterjunge zu der Frau seines Meisters. — „Na, wieso denn, mein Junge?" fragte die Meisterin. — Schusterjunge: „Weil Se immer so sehr besorgt um mir sind, Se schmieren mir de Butterstulle immer so gut, bet ick sie überall anfaffen kann, ohne.det ick^mir die Hand fettig mache." Ein armer Bauer ha*zu einem bevorstehenden Feste für sich und seine Familie einen Braten heimgetragen. Am Vorabend des Festes begibt sich Alles gewohnheitsgemäß zur Ruhe, im wonnigen Vorgefühl des seltenen Genuffes schwelgend. Um Mitternacht wacht der Bauer plötzlich auf, erhebt sich seufzend von seiner Lagerstätte und ruft: „O Gott, wenn a'armer Mann amal 'was hat, wird's gar yimmer Tag!" * * Wie er's meint! Ein Lehrer behandelt die Wort- bildungslehre und läßt sich zu den aufgezählten Nachsilben Beispiele und Sätze anführen. „Wer nennt mir ein Wort mit der Nachsilbe „heit"." - „Freiheit." — „Richtig. Bilde mal einen Satz, in welchem dies Wort vorkommt!" — „Ich wollte, wir hätten frei heit!" marode jetzt auch diejenigen von Blumenvasen hinzu, als deren Vortheile besonders die Leichtigkeit, Unzerbrechlichkeit, Undurch- lässtgkeit und Fäulnißwidrigkeit hervorgehoben werden. Durch die Zusammenpressung auf den entsprechenden Grad erhält das Papier eine große Härte und eignet sich auch zur Erzeugung von Luxusvasen durch Anbringung von Bildwerken, einer Lage Email, von Zeichnungen und sonstigen künstlerischen Ausstattungen- Einfach hergestellte Töpfe gehen als Maffenwaare zu den billigsten Preisen. » Topferdbeeren. Zweck des Nachstehenden ist, den Liebhaber auf die Annehmlichkeit in Töpfen gezogener Erdbeeren, bezüglich Pflege und freien Verfügung aufmerksam zu machen und zu einem Versuch anzueifern. Ein zur Zeit der Reife mit Früchten behangenes Erdbeerstöckchen gereicht sicher nicht nur dem Liebhaber zur größten Freude, sondern auch ein damit geschmücktes Fensterbrett zieht erfahrungsgemäß Blicke der Bewunderung auf sich, denn auch da ist die Möglichkeit geboten, recht erfreuliche Ernten zu erzielen. Bereits in Töpfen kultivirte Erdbeeren kann man leicht, da dieselben zu jeder Zeit versendbar sind, beziehen, so in Erfurt, woselbst auch Heftchen über Cultur- Anweisung zu haben sind. * Ein neues Waschpulver. An Stelle der Seife wird jetzt zum Waschen der Wäsche vielfach Waschpulver an- gewandt, welches billiger als Seife und außerdem viel wirk- samer als diese ist, so daß man mit Hilfe des Waschpulvers gewöhnlich auch Zeit beim Waschen spart. Ein neues Wasch- pulver, dessen Erfinderin, die Amerikanerin Elisabeth Forster O'Neal ist, finden wir im „Americ. Soap. Journ." veröffentlicht. Daffelbe besteht aus 20 Theilen Waschsoda, 10 Theilen beste Potasche, 60 Theilen Borax, 6 Theilen Wein- steinsalz, 5 Theilen Oxalsäure und 1/2 Theil lösliches Waschblau im fein gepulverten Zustande innigst zusammengemischt. Bei Anwendung dieses Waschpulvers wird die schmutzige Wäsche, sei es weihe oder bunte, vorher eingeseift und dann in kaltem Wasser liegen gelassen. Ein Eßlöffel des Pulvers wird in kochendem Wasser gelöst und die Wäsche in dieses gebracht, worin man sie fünf Minuten kochen läßt. Beim jedesmaligen Einträgen neuer Wäsche muß man die Lauge erst zum Kochen bringen. Ein weiteres Waschen der Wäsche ist nicht mehr nöthig, da dieselbe bereits nach dieser Zeit rein ist und alle Flecken verschwunden sind. Die Wäsche braucht nur im Wasser ausgewaschen zu werden- Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.