Nnterchaltrrngsblatt sum Gietzenev Anzeiaev (Geneval-Anzeigev) 1893 UM MW«s«s EMM MM» Samstag, den 22. Juli. Der Staatsanwalt. Novelle von Wolfgang Hellmuth. (Fortsetzung). IV. Es machte einen besonderen Ehrgeiz der Privatiers Ignaz Barteck aus, für seine Freunde stets ein gutes Glas Wein und eine vorzügliche Cigarre in Bereitschaft zu haben. Zwar konnte er sich's niemals versagen, bei den Cigarren den Preis und bei dem Wein die Anzahl der Flaschen zu nennen, die er davon noch im Keller habe; aber die Auserwählten, welche von dem alten Herrn mit diesen Genüssen bedacht wurden, durften sich jene etwas plebejische Gewohnheit um der werthvollen Freundschaft des Herrn Ignaz Barteck willen immerhin recht wohl gefallen lassen. Denn es war jedenfalls ungleich besser, ihn zum Freunde, als zum Widersacher zu haben. Die zahlreichen Acten glücklich erledigter Processe, welche er mit der liebevollen Sorgfalt eines Sammlers in seinem Schreibtisch aufbewahrte, gaben Zeugniß davon, daß es wahrlich nicht gut sei, in Unfrieden mit ihm zu leben. Und doch konnte man sich kein gütigeres Antlitz vorstellen, als das rostge, wohlgenährte Antlitz des silberhaarigen, alten Herrn — kein menschenfreundlichere» Lächeln als das seinige und keine weichere Gemüthsart als die, welche er bei jeder Gelegenheit in Worten und Mienen an den Tag legte. Herr Ignaz Barteck galt für einen wohlhabenden Mann; über den Ursprung seines Vermögens aber waren bei seinen Bekannten — je nachdem ob sie zu seinen Freunden oder zu seinen Feinden gehörten — sehr verschiedenartige Erklärungen im Umlauf. Während die Ersteren mit einem Ausdruck der Hochachtung davon sprachen, daß er es aus eigener Kraft durch Fleiß und Sparsamkeit vom Hausirer, der Thür für Thür bescheidentlich nach alten Kleidern und abgelegten Cy- linderhüten gefragt, bis zum reichen Rentier gebracht, machten die Anderen, sobald von der Wohlhabenheit des ehrwürdigen Herrn Barteck die Rede war, ein bitterböses Gesicht und sprachen wohl gar mit einer eigenthümlichen Handbewegung über die Kehle hin von Cravattenfabrication und schamloser Halsabschneiderei. Wahrscheinlich hatten sie Unrecht, denn wenn auch der alte Herr gar kein Geheimniß daraus machte, daß er noch hier und da zu seinem Vergnügen ein kleines Geschäftchen ab- Meße, so mußten diese Geschäfte doch wohl von durchaus unverfänglicher und harmloser Natur sein. Die Criminal polizei, die unter Umständen nicht einmal vor dem Silberhaar eines Patriarchen Respect empfindet, hatte auf verschiedene Denunziationen hin schon wiederholt eine genaue Prüfung seiner Bücher vorgenommen; aber sie hatte noch nicht ein einziges Mal Gelegenheit gefunden, auf Grund der Wuchergesetze gegen ihn einzuschreiten, und der alte Herr mit dem gütigen Lächeln und dem menschenfreundlichen Gesicht hatte jedes Mal glorreich über die schändlichen Verleumder triumphirt. Er würde sicherlich Jeden, der es gewagt hätte, ihn einen Wucherer zu nennen, wegen schwerer Ehrenbeleidigung vor die Schranken des Gerichts gefordert haben, denn er, der in der Hausir- Periode seines Lebens so manches unsanfte Schimpfwort und so manchen noch unsanfteren Fußtritt geduldig hatte hinnehmen müssen, war in keinem anderen Punkte von so feiner Empfindlichkeit, als gerade in diesem. „Also Sie rathen mir, unverzüglich mit der Pfändung vorzugehen," fragte er eines Vormittags, behaglich in die Ecke seines bequemen Sophas zurückgelehnt, den Doctor Julius Stirner, der ihm gegenüber am Tische saß und seine Aufmerksamkeit zwischen einem Actenstück, einer Flasche Rauen- thaler und einer duftigen Garcia ziemlich gleichmäßig theilte. „Dazu war ich allerdings schon vorher fest entschlossen; denn aus dem Manne ist doch wohl nichts mehr herauszuholen, und es heißt jetzt: Zugreifen — damit mir von dem kleinen Profit, den ich bei dem Geschäft gehabt habe, nicht noch ein Theil verloren geht. Die Wirthschaft wird ja nicht viel einbringen, denn man weiß, wie solche Sachen bei den Auctionen oft unter dem zehnten Theil ihres Werthes verkauft werden; aber es sind auch noch ein paar fertige Bilder da, die der arme Teufel nicht hat an den Mann bringen können und für die ich schon einen Liebhaber finden werde. Denn er ist ein talentvoller Mensch, das ist keine Frage, und es ist eigentlich schade, daß er so jämmerlich zu Grunde gehen muß. Seine Frau war gestern hier und hat mir, da man sie versehentlich hereinließ, eine große Scene gemacht, mit Fußfall und dergleichen. Bei der Gelegenheit erfuhr ich überhaupt erst von dem Vorhandensein der Bilder, denn sie war dumm genug, es mir zu verrathen. Sie wollte nur vierzehn Tage Stundung haben, und ich habe sie ihr natürlich versprochen, denn ich bin zu weich, als daß ich Thränen sehen könnte, und es gab auch gar kein anderes Mittel, sie los zu werden. Hinterher schickte ich selbstverständlich den' Gerichtsvollzieher hin und ließ auf Grund des bereits vorhandenen Pfändungsbefehls die Bilder in Beschlag nehmen. Sie werden sich nicht wenig über ihre eigene Dummheit geärgert haben I — Aber es wird ihnen eine heilsame Lehre sein. Sie werden für die Zukunft wissen, daß — 338 - „Heute in acht Tagen! — Ich hatte die Absicht, ihn durch irgend einen Strohmann dem Alten vorlegen zu lassen." „Thun Sie das nicht, denn Sie würden auf diese Weise Gefahr laufen, Ihr Geld zu verlieren. Das Vermögen des Professors ist nur gering, und er soll fest entschlossen sein, keine weiteren Opfer mehr für seinen Sohn zu bringen. Wenn Sie also kein Mittel haben, ihn zu zwingen —" Die Miene des alten Herrn hatte sich verdüstert- „Den Teufel auch! — Wodurch sonst könnte ich ihn zwingen, als durch die Furcht vor dem Skandal. Er wird es doch nicht auf eine Wechselklage gegen den Doctor an« kommen lassen?" „Und warum nicht? — Der Skandal ließe sich am Ende ertragen. Wenn Sie keinen stärkeren Trumpf gegen ihn ausspielen können, wird e» schlecht um Ihre Aussichten be« stellt sein!" „Und trotzdem wollen Sie mir rathen, die Summe noch größer werden zu lassen? — Ich muß bekennen, daß ich die Logik darin nicht recht verstche." „Er muß Ihnen einen Bürgen stellen — muß noch eine zweite Unterschrift auf dem neuen Wechsel beibringen — die Unterschrift eines sicheren, zahlungsfähigen Mannes — vielleicht diejenige seines Onkels, des Stadtraths Werkenthin." „Aber das ist ja offenbarer Unsinn, lieber Doctor — entschuldigen Sie das etwas kräftige Wort! — Der Stadtrath ist einer der ängstlichsten Pedanten, die je in Schlafrock und Pantoffeln herumgelaufen sind. Bevor er feine Unter- schrift auf einen Wechsel setzte, würde er hundertmal eher da« Geld selbst hergeben." „Freilich! — Ich taxire, daß er weder das Eine noch das Andere thun wird. Aber was kümmert es Sie, ob er von der ganzen Sache überhaupt etwas weiß, oder ob sich Doctor Hallenstein den sauren Gang durch einen etwas eigenmächtigen Federzug erspart? Wenn Sie nur seine Unterschrift auf dem Wechsel haben! — Echt oder unecht, sie macht ihn jedenfalls zu einem vollkommen sicheren Papier." Der Patriarch schwieg ein paar Secunden lang und blickte nachdenklich in die blauen Rauchwolken seiner Cigarre. „Es ist richtig —" meinte er endlich — „mit einem gefälschten Wechsel hätte man leichtes Spiel. Aber ich mache dergleichen, offen gestanden, nicht gerne. Es ist niemals ganz ohne Gefahr, und Sie fagen ja selber, daß dieser neue Staats- anwalt — nein, nein, wenn Sie mir nichts Bessere» rathen können, möchte ich doch lieber an meiner ursprünglichen Ab- sicht ^halt^^ rooßenl _ denke, Sie hätten bisher noch niemals Veranlassung gehabt, eine Beherzigung meiner Rathschläge zu bedauern. Etwas wirklich Gesährltches würde ich Ihnen kaum empfehlen, und was die moralische Seite der Sache anbetrifft —" ■ Herr Ignaz Barteck machte eine abwehrende Handbewegung. „Reden wir doch keine Dummheiten. Moral ist ein Ding wie ein Gummiband — sie läßt sich ausdehnen, so lang man nur will, und sie würde am Ende auch noch für das Geschäft ausreichen. — Aber der Doctor wird nicht so dumm sein, in eine solche Falle zu gehen. Er ist kein Student mehr und er weiß, welche Strafe auf eine Wechselfälschung gesetzt ist." „Er trägt sich mit der Hoffnung, eine reiche Heirath zu machen. Wenn Sie durchblicken lassen, daß Sie ein so sicheres Papier schlimmsten Falls noch ein paar Mal prolongiren würden, wird er mit Sicherheit darauf rechnen, den Wechsel früher oder später au» eigenen Mitteln einlösen zu können und wird nicht allzu viele Bedenken haben, da« bequeme Aur- kunftsmittel zu ergreifen. — Uebrigens wissen Sie ja bester als ich, wie man dergleichen anzufangen hat, denn Sie be- dienen sich dieses kleinen Geschäftskniff« doch wohl nicht zum ersten Mal." . „Ich will mir's überlegen. — Aber er hat am Ende nun lange genug in dem ungeheizten Salon gewartet. 3M» Ihnen unangenehm, wenn ich ihn hier hereinführen lasse? Doctor Stirner stand auf und nahm seinen &ut „Er darf mich selbstverständlich nicht sehen. 34 W Geschäft und Sentimentalität zwei Dinge sind, die sich nicht mit einander vertragen." Er zog ein paar Mal an seiner Cigarre, um den aromatischen Rauch mit der überlegenen Ruhe eines Weltweisen und mit dem heiteren Behagen eines vollkommen zufriedenen Menschen von sich zu blasen. „Ein gutes Glas Wein — nicht wahr, lieber Doctor?" fügte er hinzu. „Es hat nicht Jeder einen solchen Tropfen in seinem Keller. Ich kaufte die Restparthie von hundertundfünfzig Flaschen bei dem Concurse des Bankiers Schmalenbach. Ich wette, daß er beim Einkauf seine zehn Mark für die Bouteille bezahlt hat." „Kann wohl sein!" bestätigte Doctor Stirner etwas zerstreut, indem er seinem ehrwürdigen Geschäftsfreunde das Acten- stück wieder zuschob. „In der Sache mit dem Maler brauchen Sie also keinen weiteren Rath. Giebt es sonst noch etwas Neues?" ~ ,, , „Nichts, Doctorchen! — Schlechte Zeiten — die Geschäfte sind flau — man kann gar nicht vorsichtig genug zu Werke gehen." „Gewiß! — Der Staatsanwalt Rodewaldt hat erst gestern die Gebrüder Tobias in Haft nehmen lassen, und es heißt, daß an ihre vorläufige Freigabe nicht zu denken ist, obwohl der Schwiegervater des Herrn Hugo Tobias eine Caution bis zu hunderttausend Mark angeboten hat." Ein überzeugender Ausdruck von Herzensgüte trat auf des Patriarchen rosiges Antlitz. „Ich hätte es ihnen voraussagen können, den beiden Tobias," meinte er lächelnd. „Sie sind bei all' ihrer Klugheit doch immer Dummköpfe gewesen, veritable Dummköpfe, die sich nie ordentlich darauf verstanden, ihren Geschäften die rechte Form zu geben. Und die Form, Doctor — das ist die Hauptsache! — Man kann heuzutage Alles machen — Alles, sage ich Ihnen, wenn man nur eine unschuldige Form dafür zu finden weiß. Aber das ist eine Kunst, die sich nicht lernen läßt; man muß das Talent dazu int Blute haben I — Wie gefällt Ihnen übrigens die Cigarre? — Neueste Ernte — prachtvolles Vuelta abajo-Blatt — wie? — Aber sieben- hundertundfünfzig Mark sind auch ein Stück Geld, für das man am Ende schon etwas verlangen kann — nicht wahr? — Alle Wetter! Was giebt es denn schon wieder? — Die Malerfrau ist doch nicht etwa noch einmal gekommen?" Die letzte Frage war im Tone wirklicher Besorgniß an die eintretende Madame Barteck, eine Matrone, die ohne Weitere» in der Eingangsscene de» „Macbeth" hätte mitwirken können, gerichtet gewesen, und bei der Abneigung seines weichen Gemüths gegen Thränen und Klagen konnte die Unruhe des Patriarchen wohl begreiflich erscheinen. Aber er athmete erleichtert aus, als er einen Blick auf die von seiner besseren Hälfte überbrachte Visitenkarte geworfen hatte. „Es ist der junge Doctor Hallenstein," meinte er. „Er wird wieder prolongiren wollen und womöglich noch ein paar hundert Mark dazu. Aber ich habe keine Lust mehr — es wächst mir zu sehr an." Doctor Stirner hatte hoch aufgehorcht, als Barteck den Namen Hallenstein nannte. Er legte dem alten Herrn, der sehr geneigt schien, den Besucher abzuweisen, die Hand auf das Knie und sagte: „Schicken Sie ihn nicht fort, Barteck! - Ste können ihm immerhin noch weiteren Credit geben — ich stehe für C®er Patriarch riß höchlichst erstaunt die etwas wässerigen Aeuglein auf. , c v ‘ Sie — Doctor? — Ach, das ist doch wohl nur Spaß! - Ich denke, Sie sind mit den Hallensteins spinnefeind?" „Vielleicht eben deshalb!" war die lakonische Antwort. „Wie viel schuldet Ihnen der junge Mann?" „Na, es mögen so um die Fünftausend herum sem — mit den Interessen natürlich und mit den Cigarren, die er hat in Zahlung nehmen müssen; denn baares Geld hätte ich selbstverständlich nicht so viel an ihn gewagt." „Und der Wechsel ist schon in nächster Zeit fällig?" 339 durch Ihr Schlafzimmer, vorausgesetzt, daß Ihre Frau Ge- mahltn nichts dagegen einzuwenden hat- Aber ich rathe Ihnen noch einmal: Suchen Sie den Doctor Hallenstein an den Angel« haken zu bekommen, wenn nicht Ihr schönes Geld zum Teufel sein soll." Er schüttelte dem Patriarchen die Hand und verließ auf dem von ihm bezeichneten Wege die Wohnung. Als das An« schlagen der Glocke verkündet hatte, daß die Entreethür hinter ihm zugefallen war, ließ Ignaz Barteck den Doctor Hallen« stein in das Wohnzimmer bitten. Der junge Arzt sah blaß und übernächtig aus, wie nach einer besonders schweren Kneipsitzung, und der sorglos heitere Ton, in welchem er den ehrwürdigen alten Herrn begrüßte, klang etwas unnatürlich und forcirt. „Schlechte Zeiten, lieber Herr Barteck," sagte er, indem er sich wie ein guter alter Bekannter neben den Hausherrn auf das Sopha setzte. „Nicht einmal in der Lotterie gewinnt man mehr, wie rechtschaffen man sich auch darum bemühen mag. Am Ende, so sauer es ist, bleibt einem doch nichts Anderes übrig, als zu heirathen." Herr Ignaz Barteck nickte gütig. „Ein guter Gedanke, Herr Doctor, den Sie längst hätten zur Ausführung bringen sollen- Wenn man jung und hübsch ist wie Sie, kann es ja am Ende so schwer nicht sein, eine glänzende Parthie zu machen." „Danke für die gute Meinung! — Sie glauben also, daß ich rasch zum Ziele kommen werde, wenn ich mich ernst« lich ins Zeug lege?" Der Patriarch begriff die Bedeutung dieser diplomatischen Frage und trat als ein vorsichtiger Mann den Rückzug an. „Glauben, lieber junger Freund — glauben kann ich natürlich nur, was ich sehe, denn die Frauen sind unberechenbar, und ich für meine Person habe mich niemals besonders gut auf sie verstanden. — Aber ich hoffe, daß Sie einen guten Erfolg haben werden, und ich wünsche es Ihnen aufrichtig, wie ich meinen Bekannten stets das Allerbeste wünsche." „Sie sind ein Menschenfreund — ich weiß es! — Und da Sie sich, wie ich zu meiner Freude sehe, ein wenig für mich interessiren, werden Sie mir auch die kleine Bitte nicht abschlagen, mit der ich heute zu Ihnen komme. Sie müssen meinen Wechsel noch einmal um drei Monate prolongtren, Verehrtester — zum letzten Mal, wie ich Ihnen auf mein Wort versichern kann." Ignaz Barteck sah zwar immer noch sehr gütig und wohlwollend aus, aber er wiegle mit einer Geberde des Bedauerns das silberhaarige Haupt- ..Unmöglich, Herr Doctor, — leider ganz unmöglich! — Die Zeiten sind zu schlecht und das Geld ist zu knapp! — Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich selber mich in der allergrößten Verlegenheit befinde. Gestern schon wollte ich Ihr Accept, wenn auch mit empfindlichem Verlust, weiter begeben, um mir etwas Geld darauf zu verschaffen, und heute werde ich mich nun wohl in der That schweren Herzens dazu entschließen müssen." Das heitere Lächeln verschwand von dem Gesicht des jungen Arztes und machte einem Ausdruck banger Sorge Platz. „Aber das ist gegen die Verabredung, Herr Barteck," sagte er, unruhig auf seinem Sitze hin und her rückend. „Sie versprachen mir ausdrücklich, daß der Wechsel bis zum Fälligkeitstage in Ihren Händen bleiben würde." „Was wollen Sie, junger Freund — Roth bricht Eisen, wie das Sprüchwort sagt; sollte sie da nicht 'mal ein gegebenes Versprechen brechen können? — Und dann: haben nicht auch Sie mir wiederholt versprochen, daß Sie Ihren Wechsel pünktlich einlösen würden? — Und kommen Sie nicht heute, um mir zu sagen, daß Sie auch diesmal außer Stande seien, Ihr Wort zu halten?" „Freilich! — Aber ich verlange ja nicht, daß Sie mir ohne Entgelt gefällig sein sollen. Ich bin bereit, Sie in freigebigster Weise zu entschädigen, wenn Sie mir ein neues Darlehen von tausend Mark und für das alte einen Aufschub von drei Monaten gewähren. Ich gebe Ihnen dafür mit Vergnügen einen neuen Wechsel über sechstausendfünshundert Mark." Der Patriarch wurde plötzlich sehr ernst. „Was fällt Ihnen ein, junger Mann? — Halten Sie mich etwa für einen Wucherer? — Und wenn Sie mir auch eine Belohnung von zehntausend Mark versprächen, ich könnte es doch nicht thun. Wie ich Ihnen schon sagte: ich bin selber um tausend Thaler in großer Verlegenheit." Doctor Hallenstein stand auf und begann im Zimmer umherzugehen. Seine Gemüthsstimmung war ersichtlich - die denkbar schlechteste, und es wurde ihm gewiß nicht leicht, sich so tief zu erniedrigen, wie es der Fall war, als er sagte: „Aber selbst, wenn es so wäre — was ich Ihnen, offen gestanden, nicht recht glaube, lieber Herr Barteck, — welchen Nutzen könnten Sie davon haben, das Papier heute zu ver« werthen, wenn Sie es doch nach acht Tagen selber wieder einlösen müßten? — Und ich sage Ihnen voraus, daß dies der Lauf der Dinge sein würde; denn ich selbst — daran läßt sich nun leider nichts ändern — bin zur Zahlung gänzlich außer Stande." „Um so schlimmer für Sie! — Ich bin ein gutmüthiger Mensch — viel zu gutmüthig für einen Geschäftsmann, und Sie werden mir zugeben müssen, daß ich Sie bisher immer mit der größten Nachsicht und Geduld behandelt habe. Aber ich weiß nicht, in welche Hände der Wechsel nun gerathen wird und ob auch der neue Inhaber Lust dazu haben wird, so viel Rücksicht zu nehmen. Sie werden sich darauf gefaßt machen müssen, mein lieber junger Freund, daß das Papier im Falle der Nichtzahlung Ihrem Herrn Vater zu Gesicht kommt." „Das wäre eine abscheuliche Handlungsweise, um so abscheulicher, als Sie mir wohl einige Unannehmlichkeiten und meinem Papa eine große Aufregung — dem Inhaber des Wechsels aber nicht einen Pfennig von seinem Gelbe einbringen würde. Denn selbst wenn mein Vater Willens wäre, für mich einzutreten, wozu er ja, wie Sie wissen, nicht die geringste rechtliche Verpflichtung hat, würde er gerade in diesem Augenblick völlig außer Stande sein, eine so erhebliche Summe zu bezahlen. In einigen Monaten wäre das Alles ganz ander». Ich hoffe bestimmt, in längstens sechs Wochen meine Verlobung mit einer sehr wohlhabenden jungen Dame publiciren zu können und ich würde dann Credit genug haben, um innerhalb vierundzwanzig Stunden den zehnfachen Betrag Ihres Guthabens aufzubringen." „Und der Name dieser jungen Dame? — Wäre es in« discret, sich nach ihm zu erkundigen?" „Freilich wäre es das! — Ueber solche Dinge spricht man nicht, bevor sie zur vollendeten Thatsache geworden sind — selbst nicht zu einem so ehrenwerthen Manne, wie Sie, mein lieber Herr Barteck, es in meinen Augen sind." „Ich verdenke Ihnen das nicht — so wenig, als Sie es mir verdenken, daß ich auf bloße Zukunftsmusik •*- und wenn es auch lauter Flöten und Cymbeln wären — nicht einen Pfennig gebe. — Ja, wenn Sie mir eine wirkliche, eine greifbare Sicherheit bieten könnten!" Es war etwas Ermuthigendes im Klange dieser letzten Worte, das den bedrängten Doctor wie in neuer Hoffnung aufhorchen ließ. „Eine Sicherheit?" fragte er. „Welcher Art soll dieselbe sein? — Wollen Sie, daß ich Ihnen schriftlich mein Ehrenwort verpfände?" Herr Ignaz Barteck machte eine ablehnende Bewegung. „Was thu' ich damit, Herr Doctor? — Sie sind ja kein Offizier! — Nein, es müßte etwas Solideres fein, etwas, das mich wenigstens in meinem Gewissen vor dem Vorwurf bewahrt, aus Freundschaft für Sie wie ein leichtfertiger Verschwender gehandelt zu haben. Sie müssen mir einen Bürgen bringen, einen achtbaren, zahlungsfähigen Mann, der seinen Namen mit auf den neuen Wechsel setzt." (Fortsetzung folgt.) s= 340 =2 Geinernnütziges. Das Einmachen. Ueber das Einmachen schreibt Frau Helene Dorn in der „Stütze der Hausfrau" Folgendes: Hauptregeln beim Einmachen sämmtlicher Früchte und Gemüse. 1. Man befleißige sich der peinlichsten Reinlichkeit und Sauberkeit. 2. Man halte sich Gesäße verschiedener Größe, die nur zum Einmachen bestimmt sind. Gut verzinnte Kupfer- und Messingkeffel verdienen allgemein den Vorzug. Nebenbei müssen aber noch Töpfe und Schüsseln von Steingut und Porzellan immer zu diesem Zwecke vorhanden sein. 3. Man lasse die Früchte niemals in den Einmachekesseln erkalten und längere Zeit darin stehen, um jede Grünspanbildung zu verhüten. 4. Man koche sämmtliche Einmachegläser, Töpfe, Steinkruken und Büchsen, wenn sie leer geworden sind, bald aus, und nochmals vor dem Gebrauch, und lasse sie gestülpt, womöglich am warmem Ofen oder in der Sonne austrocknen. Stellt man leere Gläser auf den Herd, so versäume man nicht, ein Papier darunter zu legen. 5. Man nehme nur fleckenlose, vollkommene Früchte und reifes Gemüse möglichst frisch zum Conserviren und ernte sie nicht bei Thau und Regenwetter oder in der Mittagshitze, die leicht Gährung hervorruft. Die Früchte sollen wohl aromatisch, aber nicht ganz reif sein. In letzterem Zustande tragen sie bereits einen Zerstörungskeim in sich. 6. Alle Ingredienzien, welche man noch zum Einmachen braucht: Zucker, Essig, Salz, Gewürz rc., müssen vom besten Fabrikat sein. 7. Man sei besonders vorsichtig bei der Gewürznelke, das Köpfchen derselben gibt Hellen Früchten schwarze Flecken. Entweder muß es herausgebrochen werden oder man kocht das Gewürz nur im Saft mit durch. 8. Man koche bei Früchten und Gemüsen, die grün bleiben sollen, wie Reineclauden und Bohnen, und bei Nüssen, wenn die Frucht nicht candiren soll, ein Stückchen Alaun im Wasser oder Zucker mit. 9. Man halte darauf, daß sämmtliche Gon» serven genügend Flüssigkeit überstehen haben; die Früchte werden der Zerstörung viel eher preisgegeben, sobald ste nicht damit bedeckt find. 10. Man verschließe alle Conserven so luftdicht wie möglich und lege ein mit Arac oder Oel getränktes Papier auf den Inhalt. 11. Man versehe jedes Gefäß mit einer Etikette, worauf Inhalt und Jahreszahl verzeichnet sind. 12. Man verwahre sämmtliche Conserven, getrocknet, gesäuert oder gezuckert, in einem nicht zu Hellen, ziemlich kühlen, aber trockenen und gleichmäßig temperirten Raum, nicht über 12 Grad Reaum., und nehme zum Theil nur Portionsgläser, damit die Conserve hintereinander verzehrt werde. 13. Man zerschlage beim Einkochen des Steinobstes eine Anzahl Kernhäuser, schäle die Kerne ab und gebe sie mit in die Einmachegläser, sie erhöhen das Aroma. 14. Man sei beim Oeffnen der Gläser recht vorsichtig, nehme die Früchte nur mit einem silbernen Löffel heraus, streiche die Fläche wieder glatt, lege das Papier sorgfältig darauf oder erneuere es mitunter und binde wieder fest zu. Reste dürfen nie in die Gläser zurückgegeben werden. 15. Man unterziehe die Conserven öfterer Prüfung, um sie rechtzeitig vor dem Verderben zu schützen. Sobald sich Störenfriede zeigen, muß der Inhalt entweder bald verbraucht oder aufgekocht werden, um dadurch die Zerstörung»» keime zu tödten. 16. Früchte, die wiederholt umschlagen, rühre man zu Marmelade, um sie noch gebrauchen zu können. Vermischtes. Pech. Zechpreller: „Ja, sehen Sie, wenn der Mensch Pech hatl Nun habe ich mich in der Unfallversicherung versichert und nirgends werde ich mehr hinausgeworfen I" * • * Im Ballsaal fragt ein Herr seine Tänzerin: „Um wie viele Jahre ist Ihre Schwester älter als Sie?" — Die junge Dame antwortet: „Das weiß ich wirklich nicht, denn fo oft ich um ein Jahr älter werde, wird sie um eines jünger und es steht zu erwarten, daß wir sehr, bald Zwillinge werden." Entsetzliche Perspective. Uhrmacher: „Ich würde Ihnen zu einer von den Stutzuhren rathen, die braucht nur alle sechs Wochen aufgezogen zu werden." — Rentiersfrau: „Um des Himmels willen, dann hätte mein Mann ja gar nichts mehr zu thun!" Junger Mann (schwärmerisch): „Für Sie, mein Fräulein, würde ich mit Freuden mein Leben opfern!" — „So, dann heirathen Sie mich doch!" — Von der unter dem Titel »Hausschatz des Wissens* im Verlage von W. Paulis Nachf. (H. Jerosch) in Berlin erscheinenden Bibliothek gemeinverständlicher, reich illustrirter Werke, die in 17 Bänden die wichtigsten Zweige des allgemeinen Wissens umfaßt und durch einen den Abonnenten gratis verabfolgten Generalregisterband den Besitz eines Conversationslexicons entbehrlich macht, liegen uns die Hefte 15 bis 30 vor. Die Ausstattung derselben ist die gleiche wie die der vorhergegangenen Hefte, solid und gediegen, und angesichts des außerordentlich billigen Preises des ganzen Werkes (Mk. 7,50 für den elegant in Leinwand gebundenen, 50 Bogen Text und ca. 500 Illustrationen, Farbentafeln u. s. w. enthaltenden Band, 30 Pfg. pro Lieferung) geradezu als unübertroffen zu bezeichnen. Von den uns vorliegenden Heften enthalten die Nummern 15, 23, 25 und 27 die Fortsetzung der mit getreuen Nachbildungen der seltensten Originale reich ausgestatteten „G esch ichte der Weltliteratur" von Julius Hart und behandeln die altpersische, hebräische, ägyptische und griechische Literatur, letztere bis zur Blüthe- zeit des griechischen Dramas durchgeführt; eine vortrefflich ausgeführte Farbendrucktafel zeigt uns eine Seite aus dem berühmtesten der ägyptischen Todtenbücher, dem Ani-Papyrus des Britischen Museums. Die Hefte 16, 18, 20, 22, 24, 26, 28 und 30 enthalten die Bogen 10 bis 28 der (bereits vollständig in einer besonderen Ausgabe erschienenen) „Weltgeschichte" von M. Reymond, welche die Geschichte der Hebräer, Phöniker, Chinesen, Inder, Jranier und Hellenen, sowie den Anfang der Geschichte der Römer behandeln, und hinsichtlich des illustrativen Theiles namentlich interessante Abbildungen indischer Götterbilder und Baudenkmäler bringen. Eine sehr klar und übersichtlich gehaltene Farbendruckkarte der „Morgenländischen Reiche" begleitet Heft 24. Die „Entwickelungsgeschichte der Natur" von Wilhelm Völsche ist in den Heften 17 und 19 bereits bis zum Abschluß des ersten Buches gediehen, das als Entwickelungsgeschichte der Wissenschaft gewissermaßen die Einleitung des ganzen Werkes bildet und uns in seinem diesmal vorliegenden Theile mit den Nachfolgern des Kopernikus bis auf Newton bekannt macht und in seinem letzten Abschnitte die Erweiterung des Weltbildes zu einer Entwickelungsgeschichte des Kosmos behandelt und die Genesis der Entwickelungslehre von den Anfängen einer wissenschaftlichen Geologie bis auf Darwin vorführt. Eine reichhaltige Porträt- gallerie der hervorragendsten Denker und Forscher, welche an dieser Entwickelungsgeschichte der irdischen und kosmischen Naturerkenntniß mitwirkend betheiligt waren, bildet den interessanten Hauptinhalt des illustrativen Theiles dieses Abschnittes. Vom „Thierreich", an dessen Bearbeitung der Director des Berliner zoologischen Gartens, Dr. Heck, und andere namhafte Fachmänner betheiligt sind, liegen die Hefte 5 und 6 (21 und 29 des „Hausschatzes") vor. Die Arbeit von Dr. Ludwig Staby, welche die ersten vier Stämme des Thierreiches umfaßt, gelangt in denselben zum Abschluß und Bruno Dürigen macht uns mit den Krebsthieren der ersten Klasse des fünften Stammes (der Gliederfüßer) bekannt, deren mannigfaltige Formen und interessante Lebensverhültnisse uns in Wort und'Bild vorgeführt werden. — Jugend-Gartenlaube. (Verlag der Kinder-Gartenlaube in Nürnberg. Vierteljährlich 1 Mark.) — Band IV Heft 1 (1893). Das vorliegende Heft ist geradezu klassisch zu nennen. Es überrascht uns der äußerst mannigfaltige Inhalt, dann aber auch die Vortrefflichkeit desselben. Nehmen wir die Gedichte, so zieht uns „Das Vogelnest' an. Von den Erzählungen ist eine jede vorzüglich. „Trotzköpschens Großthaten" von C. Zastrow ist lebhaft, bewegt: es schildert die Erlebnisse eines Knaben im Kriege 1870/71. „Juli" von S. v. Adelung versetzt uns in die Alpen und erzählt von der edlen, tapferen, rettenden That eines gemüthvollen Knaben. Eine Perle scheint uns aber „Fußtapfen" von H. Rodatz zu feilt. Die kleine Erzählung greift ja bis in das Innerste der Seele hinein, erweckt die edelsten Regungen, ist vortrefflich in allen Einzelheiten. Wir glauben, daß die Lectüre, wie sie neuerdings die Jugend-Gartenlaube bietet, in jeder Familie gelesen werden muß. Der Preis ist vierteljährlich nur 1 Mark. Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.