Nr. 150, 1893. M MM Ml KDW ***^; /<1AI "^-MSLM ^WMM WLM MLsMV! - - ^g-----M—5>» ^8—-—l3-^£- »- -asg)—' g^j NntevhaltringsblaLt $um Gietzenev Anzeigev (Geneval-Anzergev) " ■<>«.»...., ............ ...—-— _________________ " Donnerstag, den 21. December. Die beiden Schwestern. Novelle von F. Sutau. (Fortsetzung.) Es war an einem Mondscheinabend und Johanna jgß allein in dem noch unbeleuchteten Zimmer am Flügel, als Herr von Bornstetten leise hereintrat, ohne daß sie es bemerkte. Ihre schlanken Finger schlugen wie träumerisch einige Accorde an und gingen dann über zu der jubelnden Begleitung der Frühlingsnacht von Schumann. Voll und weich setzte nun ihre Stimme ein: „Ueber'm Garten durch die Lüfte Seh' ich Wandervögel zieh'n." Bornstetten hatte sich schweigsam an das offene Fenster gesetzt, den Kopf in die Hand gestützt blickte er sinnend auf das junge Mädchen. Wie sie so vor ihm saß in dem Hellen Sommerkleide, den lose aufgesteckten Flechten, umwoben von den blaffen Mondesstrahlen, da erschien sie ihm so gar nicht als Künstlerin, sondern viel mehr ein liebens« und begehrenswerthes Weib! Er empfand es wie etwas Berauschendes, daß diese leidenschaftliche Liebe, die durch jeden Ton von Johannas Stimme zitterte, nur ihm galt, ihm allein! „Sie ist Dein, sie ist Dein!" so schloß Johanna jetzt mit jubelnder Stimme. Bornstetten war erregt ausgesprungen und zu ihr herangetreten. Wär es der Zauber der Frühlingsnacht, der mit den Mondesstrahlen in das Zimmer hineinfluthete, war es die Nachwirkung des herrlichen Liebesliedes, welches ihn gewaltsam hinriß, schmeichelnde Liebesworte zu flüstern, die junge Sängerin in seine Arme zu schließen und den Mund zu küffen, der so süß zu singen wußte- Der junge Offizier gab sich in diesem Moment keine Rechenschaft darüber. Und Johanna? Halb erschreckt und doch beseligt sah sie auf zu dem geliebten Mann. Da fiel plötzlich ein greller Lichtschein auf Johannas Gesicht, und Bornstetten ließ sie langsam aus seinen Armen gleiten. Die Tante trat mit der Lampe in das Zimmer und damit verschwand der ganze Zauber des Frühlingsabends. Ziemlich ernüchtert blickte Bornstetten auf das häßliche Gesicht Johannas, welches bei dem magischen Mondlichte so anziehend zu sein schien. Wie hatte er sich nur so hinreißen lassen, so fragte er sich jetzt fast ärgerlich und zupfte verlegen an den Spitzen seine» Schnurrbartes. Bedächtig setzte die Tante Hopfen die Lampe auf den Tisch und wandte sich dann an Johanna, indem sie ein Blatt Papier hervorzog und ernst sagte: „Erschrick nicht, Kind, soeben kam eine Depesche. Dein Vater ist schwer krank, Du sollst sofort nach Hause kommen. Natürlich begleite ich Dich." Johanna starrte die Tante stumm und erschrocken an, erst nach und nach schien sie das Vernommene zu begreifen. Ach, es war die harte Stimme des Schicksals, die sie erbarmungslos aus dem Zauberlande des Frühlings und der Liebe hinwegrufen wollte! „Ich hoffe, die Krankheit wird nicht so schlimm sein," tröstete die Tante dann Johanna. „Dein Vater ist bekanntlich immer gleich sehr ängstlich, wenn ihm das Geringste fehlt. In einer halben Stunde können wir übrigens abretsen, ich werde sogleich alles Nöthige besorgen. Sie begleiten uns wohl nach dem Bahnhof, Herr von Bornstetten?" wandte sich die Tante jetzt an den jungen Offizier. „Gewiß, mit dem größten Vergnügen!" erwiderte dieser etwas gepreßt. Johannas Blicke irrten wie fragend zu ihm herüber, er schien es jedoch nicht zu bemerken. Ziemlich schweigsam wurde dann der Weg nach dem Bahnhof zurückgelegt; als sie anlangten, war der Nachtzug schon signalisirt, so daß Bornstetten die beiden Damen nur in größter Eile in den Wagen geleiten konnte. Ein flüchtiger Händedruck, einige kurze Abschiedsworte wurden zwischen den reisenden Damen und dem Offizier aus» getauscht und der Zug brauste davon. Johanna lehnte den Kopf in die Polster des Wagens zurück. Im wilden Durcheinander jagten die Gedanken durch ihr Hirn. Bald packte sie heiße Angst um das Leben des geliebten Vaters und dann wieder erfaßte sie ein wonniges Glücksgefühl bei der Erinnerung an die letzten verlebten Stunden. Sie zweifelte nicht einen Moment daran, daß es Bornstetten ehrlich und aufrichtig mit ihr meinte. Das bindende Wort wäre wohl auch schon gesprochen, wäre die Tante nicht so plötzlich mit der Schreckensnachricht zu ihnen getreten. „Seid Ihr einig?" tönte der Tante Stimme jetzt plötzlich an Johannas Ohr. Diese fuhr betroffen aus ihrem Sinnen empor und sagte: „Was meinst Du, Tante?" „Ich meine, ob Bornstetten sich erklärt hat. „Erklärt — nein!" „Nicht! Nicht erklärt!" rief die Tante aufgeregt. „Er hielt Dich doch in seinen Armen, als ich in das Zimmer trat! Ich will nicht hoffen, daß er Dich an der Nase herumführt, es wäre ein himmelschreiendes Unrecht." „Das wird er nicht thun, denn Bornstetten ist ein durch und durch ehrenhafter Character," erwiderte Johanna und die ganze felsenfeste Ueberzeugung der Liebe sprach aus ihren Worten. Ein Halten des Zuges und das Einsteigen anderer Reisenden unterbrach die Unterhaltung. Bald darauf waren sie am Ziel ihrer kurzen Fahrt und Johanna betrat klopfenden Herzens das Elternhaus. Die Schwester Helene kam ihnen mit dick verweinten Augen entgegen. „Es ist gut, daß Ihr noch heute Abend gekommen, der arme Papa ist schwer, sehr schwer krank, er hat schon einige Male nach Dir gefragt, Johanna!" Mit diesen Worten führte ste die Schwester und die Tante nach dem Krankenzimmer, wo sie von Frau Valentine mit von Thränen erstickter Stimme leise begrüßt wurden. Johanna unterdrückte nur mühsam einen schmerzlichen Aufschrei, als sie Ihren Vater leichenblaß auf seinem Lager liegen sah. Die Schatten des Todes schienen sich schon über seine erstarrten Züge auszubreiten. „Ist Johanna gekommen?" fragte er jetzt mit matter Stimme. »Hier bin ich, Vater," rief sie leise, kniete nieder an seinem Bette und erfaßte eine seiner kalten Hände. Bei allem Schmerz freute es sie doch, daß ihr Vater, der sich sonst ziem- lich gleichgiltig gegen sie gezeigt, nun doch nach ihr so dringend verlangte. „Nicht wahr, Johanna — Du verläßt sie nicht — Du sorgst für sie--für meinen armen, süßen Liebling, meine Helene — mein Sonnenkind," kam es langsam in abgebrochenen Sätzen von des Kranken Lippen. „Gewiß, Vater, ich werde sie nie verlassen," sagte Johanna und eine schmerzliche Enttäuschung spiegelte sich auf ihren Zügen. „Und Du läßt sie so weiter leben, so glücklich - läßt sie keine Noth und keinen Kummer erfahren. — Auch Deine Mutter wirst Du zu Dir nehmen müssen--ach, ich habe schlecht für meine Familie gesorgt. Den Rest des Vermögens haben die Studien Eurer Brüder verschlungen und von der kärglichen Pension werden die Mutter und Helene nicht leben können. Ach, ich habe schlecht für meine Familie gesorgt," jammerte der kranke Professor wieder. „Ja, das hat er allerdings," murmelte die Tante Hopfen ingrimmig, „die ganze Familie möchte er nun der armen Johanna zur Versorgung aufbürden." Aber großer Gott, er war ein Sterbender, und in solcher heiligen Sterbestunde umfaßt das letzte Denken wohl stets Die, die wir am innigsten geliebt haben auf Erden. Hier war es das leichtsinnige, kokette Ding, die Helene, die allerdings trotz der Thränen, die über das zarte Gesicht strömten, wunderlieblich aussah, während Johannas rothes, verweintes Gesicht zum Erbarmen häßlich war. „Gott sei Dank, daß Bornstetten sie nicht so sieht," dachte die Tante, er ist ja doch auch nur ein Mann, schwach und wankelmüthig in der Liebe wie Alle!" Der Kranke suchte sich jetzt etwas aufzurichten und er rief: „Helene!" »Mein lieber Papa! Du wirst nicht sterben!" erwiderte diese schluchzend und ihr holdes Gesicht neigte sich dicht über ihn. Sein brechender Blick ruhte noch einmal voll inniger Zärtlichkeit auf dem blonden Köpfchen. „Laßt sie glücklich werden! Valentine — Johanna — auch Du — liebe Tante — sagt es auch ihren Brüdern!" — Das waren des Professors Halm letzte Worte. Tief erschöpft sank sein Haupt jetzt in die Kissen zurück und er athmete immer tiefer und schwerer. Als dann die Strahlen der Morgensonne nach einer bangen Nacht durch die verhängten Fenster in das Zimmer hinein lugten, da spielten ihre zitternden Lichter auf das bleiche Todten- antlitz des Professors Halm, und feine Frau und Töchter standen in Thränen aufgelöst um fein Sterbelager. Tante Hopfen allein lief energisch hin und her und besorgte die nöthigen Anordnungen. Sie setzte die Todesanzeige für die Zeitungen auf, sandte Telegramme an die Söhne du Hauses und bereitete die Begräbnißseierlichkeiten vor. Dam erst, als sie all' diese nothwendigen Dinge erledigt, entrichtete auch die Tante ihren Tribut, den solch' ein Trauerfall ersor. dert, und weinte einige aufrichtige Thränen Über den schnellen Tod ihre» Neffen, der in vielen, die Erziehung nnd Versorgung seiner Kinder betreffenden Fragen manchen Streit mit der guten alten Tante gehabt hatte. VII. Einige Wochen sind seit den geschilderten Ereignissen vergangen. Es ist Sommer geworden und die heiße Julisonne brütet auf den stillen Straßen der kleinen Residenz. Der herzogliche Hof und die ersten Familien der Stadt befanden sich auf Reisen. Auch Johanna und Tante Hopfen hatten im Winter von einer kleinen Erholungsreise geträumt, durch den plötzlichen Tod von Johannas Vater sind diese Pläne aber zu Nichte geworden. Johanna hat, trotz des anfänglichen Protestirens der Tante, in ihrer Großmuth nicht zu weit zu gehen, ihres Vaters letzte Wünsche treu befolgt. Sie haben eine größere Wohnung bezogen, und Johannas Mutter und die Schwester Helene sind jetzt ihre Hausgenossen in der Residenz und werden von Johanna reichlich versorgt. Helene hat in ihrer unwiderstehlichen schmeichlerischen Weise die gestrenge Tante auch schon längst mit diesen unwillkommenen Veränderungen ausgesöhnt. Helene, die kleine, schlaue Person, hat sich sofort klar gemacht, daß ihre nächste Lebensaufgabe fein müsse, das Herz der nicht unbemittelten Tante zu gewinnen. Sie ist deshalb unverdrossen um die alte Dame beschäftigt und umgibt sie mit einer Fülle von Aufmerksamkeiten, welche diese in der schmeichelhaften ausgesuchten Weise von Johanna nie erfahren hat. Die Trauer um den Vater, der sie doch so sehr geliebt, ist nicht allzu tief bei Helene gewesen. Zunächst hat sie sich eine höchst elegante Trauertoilette Herstellen lassen, ziemlich unbekümmert darüber, ob Geld dazu vorhanden sei, diese Eleganz zu bezahlen. Das reich mit Spitzen garnirte schwarze Kleid stand Helenen allerdings entzückend, besonders wenn sie wie jetzt in der Rosenzeit hie und da eine mattgesärbte Rose in die schwarzen Spitzen oder in das blonde Haar steckte. Sie wußte damit einen so malerischen Effect zu erzielen, und dabei machte es doch stets einen so ganz unabsichtlichen Eindruck, so daß Niemand ahnte, mit welcher Sorgfalt ein solches Arrangement vor dem Spiegel von Helenen einstudirt war. In letzter Zeit besonders verwendete Helene unendliche Sorgfalt auf ihre Toilette. Bornstetten, der erst feit Kurzem von einer längeren Reise zurückgekehrt, war nämlich jetzt wieder täglicher Gast im Hause; und dessen Bewunderung zu erregen, erschien Helene als eine ganz werthvolle Beschäftigung, der vielleicht ein hoher Preis zu Theil werden konnte. (Fortsetzung folgt.) Am heiligen Aöend. Weihnachts,Erzählung von Gustav Lange. —----- (Nachdruck verboten.) Wieder einmal war es erschienen, da» herrliche, schöne, glückverheißende Fest, da» Fest, um deffentwillen schon Wochen vorher fleißige Hände sich gerührt. Der Tag hatte sich bereits zu Ende geneigt, und vom Hellen Himmel schimmerten die Sterne herab ans die Erde, die sich in ihr weißes Festkleid gehüllt. Heute aber blitzten ihnen tausend von Lichtern entgegen; aus dem Palast des Reichen und aus der Hütte des Armen, von der mit Schmuck und Zierrath überladenen Tanne des Millionärs, wie von dem einfachen Bäumchen des Tagelöhners mit feinen spärlichen Lichtern strahlte der Glanz hinaus in die Nacht, in so manchen Fällen wohl der einzige Freudenstrahl im Jahre und gerade darum um so mehr Freude erweckend. Nur in einem sonst vornehm und stattlich aussehenden — 599 — Hause brannte kein Christbaum, finster, wie in einsamer Trauer lag er da, nur nanchmal blinkten die Scheiben im flackernden Lichte einer Laterne. Drinnen in dem einen Zimmer schien ebenso wenig Weihnachtsfreude zu herrschen, wie dieselbe sich durch Lichterglanz nach außen kundgab. Unweit de» offenen Kamins, in dem ein offenes Feuer loderte und zuweilen einen blutrothen Schein über.den tepptchbelegten Fußboden warf, faß eine alte Dame, ihr von weißem Haar umrahmtes Gesicht tief in die Lehne des Sessels zurückgebogen, die Augen wie zum Schlummer geschlossen. In dem Gemach ging mit gleichmäßigen Schritten, deren Schall indeß durch die weichen Teppiche abgeschwächt wurde, ein Mann auf und nieder. Die Hände auf den Rücken gelegt, da« silberhaarige Haupt auf die Brust vornübergebeugt, so durchwanderte er den Raum. Rur zuweilen, wenn er in die Nähe des Kamins kam und der rothe Schein des Feuers seine Gestalt streifte, war es möglich, die unklaren Umrisse seiner Gesichts« züge zu erkennen; die hohe Stirn, die scharfgeschnittene, leichtgekrümmte Adlernase und das massive, glattrasirte, etwas vorstehende eckige Kinn verliehen dem Ausdruck des Gesichtes etwas Harter, Unbeugsames, man konnte auf den ersten Blick erkennen, einen Mann vor sich zu haben, zu dessen Hauptvorzügen fester, unbeugsamer Wille und Energie gehören. Ein Blick aber in die grauen, trotz des Alters noch immer hellstrahlenden Augen, die jetzt in einem feuchten Schimmer erglänzten und aus denen sich hin und wieder eine Thläne stahl und über die von tiefen Furchen durchzogene Wange rollte, lehrte, daß trotz der äußeren rauh erscheinenden Hülle der Mann in sei- nem Innersten ein anderer war, oder es geworden durch irgend welche Umstände, die tief bewegt auf ihn eingewirkt. Welche Gedanken mochten wohl das Hirn des Mannes bei seiner ruhe- losen Wanderung in dem Gemach durchkreuzen? schweiften sie zurück in vergangene Zeiten, dachte er vielleicht an einst fröhlicher verlebte Weihnachtstage, was nun jetzt so ganz anders geworden. Gewiß, das Letztere war der Fall. Julius Northmann, der Name des Mannes und die im Sessel am Kamin sitzende Matrone, feine Gemahlin, hatten nicht immer solche einsame, freudenleere Festtage verlebt, wie in den letzten Jahren seines Lebens. Einstmals Chef eines großen Handlungshauses in der kleinen Residenz, in welcher er auch jetzt noch lebte und den Nest seines Lebens zuzubringen gedachte, hatte nicht« zu seinem Glücke gefehlt. Wenn es ihm auch an- fang» schwer geworden war, aus kleinlichen Verhältnissen ohne sonderlich großes Kapital sich empor zu arbeiten, so waren doch alle seine Unternehmungen vom Glück begünstigt gewesen, seine junge thatkräftige Frau, mit der er alle Sorgen des Lebens getheilt, hatte ihn dabei, soweit e» in ihren Kräften lag, unterstützt und schon nach wenigen Jahren stand die Firma Julius Northmann als eine der geachtetsten in der Stadt da. Aber mit seinem Ansehen war auch sein Stolz gewachsen, er dachte nicht mehr an seine kleinlichen Verhältnisse zurück, selbst mit seinen Angehörigen unterbrach er jeden Verkehr und so kam es auch, daß er bezüglich seines einzigen Kindes, eines hübschen aufgeweckten, geistreichen Knaben, auf den er stolz war, allerlei hochfliegende Pläne hegte und dem Knaben schon frühzeitig eine ganz verkehrte Lebensanschauung einzuprägen suchte, damit dieser, auf das von seinem Vater ererbte Geld pochend, sich über Andere, die nicht gleichen Reichthum wie er aufzuweisen hatten, erhaben fühlen sollte. Was nun in dieser Richtung der Vater sündigte, suchte die Mutter einigermaßen wieder auszugleichen und da Theophil, so hieß der Knabe, von Natur ein gutes, leicht empfängliches Gemüth befaß, so kam es, daß der Einfluß der Mutter bei ihm die Oberhand behielt und er mit den Anschauungen seines Vaters in Gegensatz gerteth, was besonders später, als dann Theophil in das väterliche Geschäft eintrat, um sich dem Kaufmannsstande zu widmen, zum Durchbruch kam. Ein besonderer Lieblingsgedanke Julius North- manns war, daß sein Sohn ein reiches Mädchen heirathen müsse, damit der bereits vorhandene Reichthum noch mehr vermehrt würde und er hatte sogar schon eine Wahl bezüglich seiner zukünftigen Schwiegertochter getroffen und mit diesem Geständniß hoffte er eine« Tage« seinen Sohn zu überraschen. Daß derselbe in dieser Beziehung anderer Meinung sein könne, wie er selbst, daran dachte er nicht im Entferntesten und wenn dieser manchmal auch sonderbare Anwandlungen hatte insofern, daß er in seinem Verkehr nicht immer die nöthige Rücksicht nahm und mit einfachen Bürgersöhnen Freundschaft schloß und durchaus keinen Anflug von dem Stolz, wie er selbst besaß, u te'kmmte er sich doch nicht an den Gedanken gewöhnen, daß Theophil einstmals ein anderes junges Mädchen als das- Mige, welches ihm von seinem Vater bestimmt, als Gattin Umführen, noch viel weniger, daß seine Wahl auf ein armes Mädchen fallen würde. nr Eines Tages, nach Schluß des Geschäftes - die anderen Angestellten des Hauses hatten die Geschäftsräume bereits verlassen — erbat sich Theophil von seinem Vater eine Unterredung und hierbei überraschte er ihn nun mit dem Geständ- niß, daß er seine zukünftige Gattin bereits gewählt habe, die Tochter eines geachteten, aber vermögenslosen Beamten. Julius Northmann brauste natürlich gewaltig auf, als er diese Worte aus dem Munde seines Sohnes vernahm, sah er doch dadurch seinen Plan gefährdet, doch Theophil, dem sonst ein Wunsch seines Vaters als Befehl galt, erklärte diesem rundweg, nur das Mädchen seiner Wahl und keine Andere nehme er zur Gattin. Frau Northmann hatte zwar vorläufig durch ihr Dazwischentreten Schlimmeres verhindert und auf die Zeit vertröstet, aber lange ging es nach diesem Auftritt doch nicht mehr und eine« Tages, als Vater und Sohn wieder hart aneinander geriethen und jeder unentwegt auf seinen, Standpunkte verharrte, da ließ sich Julius Northmann von seiner Leidenschaft soweit hinreißen, daß er beleidigende Worte über die Braut seines Sohnes gebrauchte und diesem selbst schließlich sogar das Hau» verbot. Dies war zu viel für Theophil und vertrauend auf seine Kraft, sein Wollen und Können, verließ er noch an demselben Tage mit nur geringen Baarmitteln das Elternhaus. Wohl wurde es ihm unendlich weh um's Herz, als er zum letzten Male den wohlbekannten Messinggriff des Thores faßte, als er den Giebel des Vaterhauses sah, der vom Sonnenstrahl vergoldet, herabwinkte, zum letzten Male ihn grüßend, doch so schwer es ihm auch wurde, das, was ihm von dem leiblichen Vater widerfahren, war zu viel, dagegen bäumte sich fein Stolz auf und ließ alle andern Rücksichten schwinden. Mit ihm verließ auch das junge Mädchen, um deretwillen er dies Alles ertrug, die Stadt und kein Mensch wußte, wohin sie sich begaben. Anfangs wollte es Julius Northmann gar nicht glauben, daß es Theophil wirklich ernst mit feinem Fortgang war, er hoffte noch immer auf seine Rückkehr; doch Tage, Wochen, Monate vergingen, er kehrte nimmer wieder. Da stellte sich auch die Reue ein, erst selten und leise, dann öfter und dringender pochte sie an. Oft stand er stundenlang unthätia an seinem Pulte und starrte hinüber zu dem Platze, den sein Sohn einst innegehabt und der nun verwaist war, und nicht selten verwünschte er seinen Hochmuth, der ibn zu dieser Heftigkeit verleitet; er wurde anderen Sinnes und schaute nicht mehr mit jener Geringschätzung auf Diejenigen herab, deren Reichthum nicht auf der gleichen Stufe stand, wie der seinige, und mit Freuden würde er seine Einwilligung zu der Heirath des Sohnes gegeben haben, wenn dieser nur reumüthig zurückgekehrt wäre. Er zog Erkundigungen ein, wohin sich sein Sohn gewandt, doch vergebens; nur bis zu einem Hafen der Nordsee ließ sich die Spur der beiden Verschwundenen verfolgen, selbst Bekanntmachungen in Blättern hatten keinen Erfolg. Die Beiden waren und blieben verschwunden. So manche Nacht hatte er schlaflos zugebracht, von banger Sorge gequält und mehr als einmal des Tages mußte er dessen gedenken, den er durch feine Heftigkeit und starren Sinn hinaus- getrieben in die Ferne. Ja, die Reue und der Gram, sie nagten an seinem Herzen und ließen ihm Tag und Nacht keine Ruhe, darum war er auch schneller gealtert, und wie es bei ihm der Fall, wie der Schmerz an seinem Lebensmark zehrte, so erging e» auch seiner Gattin. Wenn sie ihm auch direct keine Vorwürfe machte, so la« er doch stet» in ihren stummen, auf ihn 600 gerichteten Blicken die Worte heraus: „Du allein hast unfern Theophil hinausgetrieben." Das Geschäft hatte er bald nach dem Fortgang feines Sohnes verkauft, er verließ das Haus, wo ihn Alles an den Verlorenen erinnerte und zog hinaus vor das Thor, dort, so hoffte er, würden die quälenden Gedanken nicht so oft kommen. Doch, wenn auch die Ortsveränderung und die Zeit die Wunde hatten vernarben laffen, ganz geheilt war sie nicht und zuweilen brach sie mit um so größerer Heftigkeit auf, wie dies auch heute der Fall. Was wird wohl Dein Sohn machen? Diese Frage war es, die sich ihm jetzt bei der Wanderung durch das Gemach zum so und sovieltsten Male aufdrängte. Weilt er noch unter den Lebenden, kämpft er vielleicht mit Roth und Elend, mäh- rend der Reichthum der Eltern nutzlos in der Truhe ruht, oder ist das Glück ihm hold gewesen und er denkt nun nicht mehr an die Eltern, die vergehen vor Gram und Weh? — Draußen vor den Fenstern auf der Straße wurde mit eitlem Male ein ungewöhnlicher Lärm hörbar. Northmann trat an das Fenster, doch konnte er nur so viel in dem Dunkel unterscheiden, daß sich verschiedene Leute um irgend einen Gegenstand angesammelt. Seine Gattin war durch dieses Ge- räusch gleichfalls aus ihrer dumpfen Lethargie, in welcher sie bisher verharrt, aufgeschreckt und hatte sich halb aufgerichtet in dem Seffel. „Was muß nur da draußen los sein, Vater?" unterbrach sie das Schweigen. „Ich will einmal Nachsehen," entgegnete Northmann und verließ das Zimmer. Nur wenige Schritte war er vor die Hausthür gegangen und er befand sich bei einer Gruppe Leute, die sich um einen Menschen bemühten, der wie leblos auf dem hartgefrorenen schneebedeckten Boden lag und anscheinend kein Lebenszeichen von sich gab. Zu einer früheren Zeit würde der ehemalige Hausherr sich kühl abgewandt und die Fürsorge um den Menschen Anderen überlaffen haben, ohne sich weiter darum zu bekümmern, ob hier vielleicht seine Hilfe *am Platze und ohne dem Gebot der Nächstenliebe Folge zu leisten- Anders heute, nachdem die Eiskruste, die sein Herz ehemals umgab, durch die ihn betroffenen Schicksalsschläge geschmolzen und er sich mehr um das Wohl und Wehe seiner Mitmenschen kümmerte, geleitet von dem Gedanken, daß sein in der Ferne weilendes einziges Kind vielleicht auch einmal auf die Hilfe Anderer angewiesen. Er wandte sich an einen der zunächststehenden Männer um Auskunft über den Vorgang und erfuhr nun, daß vor einigen Minuten der hier am Boden liegende Mann, der von einem kleinen Knaben begleitet, der jetzt weinend neben der leblosen Gestalt stand, hier auf dieser Stelle plötzlich umgesunken und es bis jetzt noch nicht möglich gewesen sei, ihn zum Bewußtsein zurückzurufen. Kaum hatte Northmann diese Worte vernommen, als er den Kreis der Neugierigen auseinandertheilte und mitten unter sie trat. „Schafft den Mann hier in's Haus," redete er die Leute in befehlendem Tone an, „denn wenn noch irgend welches Leben in dem Unglücklichen ist, so kann dies durch längeres Liegen hier auf dieser Stelle vollends vernichtet werden." (Schluß folgt.) Veviirifchtes. Der Brief das Christkindl. Die Wiener „Deutsche Ztg." erzählt: Die beiden jungen Damen, die auf dem Sopha aneinandergeschmiegt saßen, hatten offenbar sehr wichtige Dinge zu besprechen. Denn im Flüstertöne hatte die Couversation begonnen und hatte sich dann allmälig zu einem ziemlich lebhaften und erregten Dialog entwickelt. Auf der einen Seite eindringliches Zureden — oas war Fräulein Melanie B. — auf der andern von lautem Schluchzen unter- brochenes Sträuben — das war Fräulein Gabriele W., die Tochter des Hauses. „Nie und nimmermehr I So weit werde ich meinen Stolz nicht vergessen. Soll ich vielleicht um seine Liebe betteln? Wenn er nicht Augen hat, zu sehen, so ist das nur ein Beweis dafür, daß ihm nichts an mir liegt. Dar kann ich übrigens schon daran erkennen, daß er immerfort hinter der S. her ist, hinter der koketten Person. Nein, dar erlebt er nicht." Sie hatte sich so in Eifer geredet, daß sie gar nicht bemerkte, wie ihr Schwesterchen, die kleine Ida, die im Erker auf dem weißen Bärenfell eingeschlummert war, sich rührte und pfiffig vor sich hinblinzelte. Eine halbe Stunde später saß Ida int Kinderzimmer und malte auf ein Blatt, das offenbar aus einem Schulheft herausgeriflen war, mit glühendem Eifer und gewaltiger Tintenverschwendung große Buchstaben. Da kam gerade Vetter Gustav, der Papas Buchhalter war und vielleicht sein Compagnon werden konnte, wenn — ja, wenn er nicht der schwarze Bösewicht wäre, von dem eben im Salon die Rede war- — „Was thust Du da, Kind?" — „Ich schreibe einen Brief." Dabei machte sie gerade unter die Unterschrift einen großen Klecks als Schlußpunkt. „Geh', Gustav, schreib' mir die Adreffe!" — Mit Vergnügen, an wen geht's denn?" — „Schreib'nur: Wohlgeboruen Christkindl — ja, wie soll man eigentlich schreiben? Am Hof oder int Himmel?" — „Natürlich int Himmel I" — „Also gut. Aber Gustav, Du mußt mir noch einen Gefallen thun. Borg' mir fünf Kreuzer." — „Aha, für die Marke! Schon wieder Alles vernascht? Na, gib nur her, ich werde den Brief schon in'S Kastel werfen!" — „Du Gustav, aber nicht vergessen I" — Er lachte und ging. Draußen aber faltete er das Briefchen auseinander — der vorwitzige Mensch — und las: „Libes Kristkintl! sei so gut und schenk doch der Gabi zu Weihnachten den Gustav. Sie hat in so lib und er is so grauslich mit ihr. Und sag im, die Gabi ist tausendmal schöner als die S-; die hat neilich bei uns ire halbe Frisur verloren und dan kan sie ihre Zäne aus dem Mund heraus nenten und die von der Gabi sind festgewachsen. Und vergiß auch nicht auf deine Ida!" — „So steht die Geschichte?" rief Gustav aus. „Das hätte ich früher wissen sollen." Und stracks steckte er den Christkindlbrief in die Rocktasche und rannte eiligst in den Salon. — Die gute Ida hatte darauf einen sehr großen Aerger- Als sie in den Salon trat, stand der Gustav, der kecke Mensch, da und hielt die Gabi int Arme. „Aber Gustav, was thust Du?!" platzte sie heraus. — „Aber Jdchen, ist Dir denn das nicht recht, daß ich die Gabi lieb habe?" — „Ja, aber was wird denn das Christkindl sagen? Das wird ganz böse, daß ich's zum Narren gehalten habe." — „Ah! Du meinst wegen des Briefes?" — Jetzt machte sie aber ein ganz empörtes Gesicht. — „Du hast ihn am Ende gar gelesen?" — Er gestand lachend ein. — „Nein, die Gabi hat wirklich Recht. Du bist ein abscheulicher Mensch. Jetzt kann ich wieder etwas Anderes wünschen" — es klang ganz weinerlich — „und noch einmal einen so langen, großen Brief schreiben." — Und sie lief schmollend au» dem Zimmer. Auch ein Vortheil. „Man hat doch," klagte kürzlich ein Theater-Director einem Collegen, „den ganzen Tag keine Ruhe, bald kommt Der, bald Jener." — „Ja," antwortete der College, „wenn ich a Bissel Ruh' haben will, setz' ich mich an die Kasse, da hab' ich gleich welche." ♦ ♦ ♦ Zarte Anfrage. Dame: „Sagen Sie mal, würden Sie je des Geldes wegen heirathen, Herr Baron?" — Herr: „Wie viel haben Sie denn?" * ♦ Poetisch. „Also diese Stiefel waren die letzte Arbeit Ihres verstorbenen Vaters?" — Schusterstochter: „Ach ja, sie waren fein Schwanengesang!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.