Nnt-phalttrirgsblatL 311m Giehensv Anzeigev (Genev^l-Anzeigev) 1883. Dienstag, den 21. November. Herzenskämpfe. Roman von Theodor Schmidt. (Fortsetzung.) Zwanzigstes Capitel. Der milde Sommerabend war einer trüben kalten Nacht gewichen. Martha hüllte flch in einen großen, warmen Shawl, der ihre Gestalt möglichst verdeckte, und begab sich mit fast widerwilligen Schritten durch eine kleine Seitenthür nach dem Weinlaubgang. In der Ferne sah sie Herrn.Lambrechts schanke Gestalt schnell auf sich zukommen. „Ganz gegen meinen Willen bin ich hier," hob sie an, „nur weil Sie mich um meiner Mutter willen darum baten. Was haben Sie mir zu sagen?" „Viel," entgegnete er, „was sich nicht in wenigen Worten zusammenfaffen läßt. Frau Gräfin, fürchten Sie mich nicht I Schauen Sie mich an! Sehe ich aus wie ein Mann, der diese Unterredung aus eitlen, selbstsüchtigen Gründen wünscht?" Sie blickte zu ihm auf und bei dem schwachen Mondschein gewahrte ste, daß auf seinem sonst so ruhigen, sorglosen Gesicht ein Ausdruck tiefer Trauer und heftiger Erregung lag: „Sie können mir vertrauen," fuhr er fort, „voll vertrauen. Lasten Sie uns diesen Laubgang hinabgehen, Sie könnten sich erkälten, wenn wir hier stehen bleiben." Sie schritten den breiten Weg hinab. „Meine Zeit ist kostbar," sagte Martha in kaltem Tone, „ich wage viel, überhaupt gekommen zu sein." „Das weiß ich," entgegnete er, „darum bat ich Sie um Ihrer Mutter willen darum. Wissen Sie, wer sie war? Kennen Sie ihre Geschichte?" „Ja," sprach Martha traurig, „das harte Loos meiner Mutter hat mir das Leben getrübt." „Gott fei Dank, daß mir diese lange Auseinandersetzung erspart ist," versetzte Herr Lambrecht; „also von Ihrer Mutter wissen Sie. — Wissen Sie auch etwas von Ihrem Vater?" L „Ja," gab Martha in bitterem Tone zur Antwort, „auf dem Todtenbette erzählte mir meine Mutter von ihm." „Darf ich fragen, was sie sagte?" „Das kann für Sie von keinem Interesse fein. Bitte, sagen Sie mir schnell, war Sie von mir wollen und lassen Sie mich dann gehen. Der Name meines Vaters erfüllt mich nur mit tiefem Schmerz." „Gräfin," fragte ihr Begleiter, „haben Sie nie daran gedacht, wer ich fein könnte?" Ein kalter Schauer durchrieselte sie. Bis zu der Stunde, wo er ihr goldenes Haar mit seinen Lippen berührt und sie so traurig angeblickt, hatte sie kaum noch an ihn gedacht. Jetzt beschlich sie eine seltsame Furcht; wer konnte er fein, der das Geheimniß ihrer Mutter bewahrte? Sie wandte sich nach ihm um und blickte ihn an; kalt und ruhig blieb ihr Auge auf seinem aufgeregten Gesicht haften. Bei dem schwachen Schein des Mondes glich sie mehr einem Geist, als einem lebenden Wesen. „Haben Sie nie daran gedacht, wer ich sein könnte?" fragte er nochmals. „Nie," antwortete sie kopfschüttelnd. „Möchten Sie nicht Ihren Vater sehen, Martha? Trotz all' seiner Fehler hat er Sie innig lieb." „Mein Vater brach das edelste, treueste Herz," entgegnete sie leidenschaftlich, „wie könnte ich ihn da zu sehen wünschen?" „Still, Kind, still!" sprach er traurig. „Ihre Worte treffen mich gleich einem Dolchstoß. Versuchen Sie, mich ein wenig lieb zu gewinnen. Martha, ich bin Ihr Vater, Werner Horst; ich lege mein Leben in Ihre Hand." Ihr schönes Gesicht war todtenbleich. „Darauf kann ich Ihnen nur erwidern," hauchte sie irt traurigem Tone, „daß ich wünschte, ich wäre als Kind gestorben, statt zu leben, um das hören zu müssen." „Haben Sie kein freundliches Wort für mich?" fragte er« „War mein Leben auch nicht rein und makellos, fo bin ich doch Ihr Vater." Schweigend, mit krampfhaft gefalteten Händen schritt Martha neben ihm hin. „O Gott, was habe ich denn gethan, daß ich so gestraft werde?" stieß sie plötzlich in heftiger Erregung hervor und blickte flehend zum Himmel. „Beruhigen Sie sich, Kind," tröstete er sie; „ich will Ihnen nicht wehe thun, nicht in Ihr Schicksal eingreifen; wir können unser beiderseitiges Geheimniß bewahren. Ich würde kein Wort gesagt haben, wenn ich nicht gefürchtet hätte, Sie würden dem Grafen sagen, was neulich Nachmittags vorgefallen ist; Sie sahen in dem Moment Ihrer Mutter so ähnlich, daß ich nicht anders konnte!" Bei Erwähnung ihres Gatten rang sich ein leiser Schrei von Marthas Lippen- „Martha," sprach er, „um Ihrer Mutter willen lassen Sie uns Freunde fein." Er wartete auf Antwort, aber heftiger Zorn und ein bitterer wilder Kummer zerrissen ihr das Herz. Die glitzernden Sterne schienen auf sie herab und der Nachtwind, mit dem zarten Dust der schlummernden Blumen geschwängert, flüsterte S46 worden war. Einundzwanzigstes Capitel. Lambrecht reiste zeitig am nächsten Morgen ab. Melanie war nach dem Frühstück in’S Freie gegangen und Martha befand sich in ihrem Zimmer. So hatte die Gräfin-Mutter Gattin bewunderte. < „ „Ich bemerkte etwas, das mich sehr unangenehm berührte," versetzte die Gräfin, „zweimal beobachtete ich, wie er ihr heim« sich ein Briefchen, ein Billet oder etwas dergleichen zuschob." „Das muß ein Jrrthum von Dir sein, Mutter!" rief Curt heftig, während ihm heiße Röthe in das Gesicht stieg. „Meine Frau würde von Niemand einen Brief annehmen." Mie ich Martha kenne, bin ich ja überzeugt, daß nichts Unrechtes dabei ist," fuhr die Gräfin fort, „gern hätte ich selbst mit ihr gesprochen, wenn die ganze Angelegenheit nicht zu deltcater Natur wäre; doch Du kannst fie leicht mit ein paar vorsichtigen Worten warnen — sie ist noch jung und unerfahren." „Ich verstehe die Sache nicht," rief Curt, indem er heftig vom Sopha aufsprang, „ich muß Martha sofort fragen, wie sich die Angelegenheit verhält." „Uebereile Dich nicht, Curt," sprach die Gräfin, „wozu irgendwelche Scene herbeiführen? Sprich in Ruhe mit Deiner Frau, vielleicht erklärt sich die ganze Sache sehr einfach. - Martha sieht außer Dir sehr selten Herren- Laß es mch nicht gereuen, daß ich Dich wie einen vernünftigen, überlegten Mann behandelt habe." , ± „Ich muß eine Erklärung haben," entgegnete Curt ruhig, aber bestimmt, „ich will diese zwei Billete sehen und wissen, l wovon sie handeln. Keiner soll meiner Gattin auch nur um ein Haar zu nahe treten!" L t , In demselben Augenblick trat Melame mit von der frischen Morgenlust hochgerötheten Wangen in’S Zimmer. „Sieh', Tante," sprach Melanie, „was ich für herrliche Blumen gepflückt habe! Guten Morgen, Curt! Du siehst ja so ernst aus." r ,, Da erst bemerkte sie den peinlichen Ausdruck auf Beider Gesicht. „Ich höre mit Bedauern," fuhr sie fort, „daß Martha nicht wohl ist. Nanette sagte mir soeben, sie liege noch zu Bett. Ich will gleich einmal zu ihr hinaufgehen und sehen, wie sie sich befindet." „Und Du, Curt," sagte die Gräfin, „machst inzwischen vielleicht eine Promenade mit mir durch den Park — wenn Du nicht anderweit zu thun hast. Ich möchte ein wenig pW Luft schöpfen, bevor es so lästig heiß wird." I In Wahrheit aber wollte sie etwas Zeit vergehen lassen, ihr süße Worte des Friedens zu; und wieder sah sie im Geiste | 1 das bleiche, schöne Gesicht, die kalten, farblosen Lippen, die selbst im Sterben noch von Liebe flüsterten. „Um Ihrer Mutter willen!" wiederholte er dringender. < Da wandte sie sich zu ihm und legte ihre Hand in die feine» „Es sei," sprach sie sanft, - „um ihretwillen wiederhole ich die Worte von Verzeihung und Liebe." Wie verlangte es ihn darnach, die weinende, tiefbekummerte I Gestalt in die Arme zu schließen und zu trösten, aber er wagte I es nicht. „Sie sind ein Engel!" rief er. „Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn Sie mich erbarmungslos von sich j gewiesen hätten! Sie haben mich gerettet. Ich will versuchen, Ihrer würdig zu werden, will versuchen, mich zu bessern. — Die Zeit drängt, hören Sie mich an! Wir müsien unser Ge- heimniß bewahren. Ich habe ein neues Leben begonnen; ch bin reich und stehe geachtet da. In nächster Zert gedenke ich mich zu verheirathen — erschrecken Sie nicht — rch sehe ein besseres, höheres Leben vor mir — doch Alles hängt von Ihnen ab. Unmöglich könnte ich die Schmach, die ich schon emmal gelitten, ein zweites Mal ertragen. Sobald unser Gehennmß I bekannt wird, sobald die Welt erfährt, daß ich Ihr Vater bin, muß auch mein Leben bekannt werden; dann erfährt die Welt, I daß ich Werner Horst bin und dann ist's um mich geschehen; ich würde meinem Leben ein schnelles Ende machen und nicht I erst warten, daß neue Schmach und Verachtung mich trifft. Sie sehen, mein Leben liegt in Ihrer Hand!" I „Ich trage kein Verlangen, das zu verrathen," erwiderte Martha kummervoll; „mein Glück aber ist zerstört; ich kann meinem Gatten nicht mehr in’S Auge sehen. Haben Sie I mir noch etwas zu sagen?" „Nein," gab er zur Antwort, „wie Sie wiffen, reise ich heute ab und werde nie wieder hierher zurückkehren. Wrr müssen einander als Freunde begegnen und vergeffen Sie nicht, daß Sie mein Leben in Ihrer Hand haben. Sind Sie ern- verstanden?" r ~ ,, „Ja," versetzte sie in hoffnungslosem Tone, „es ist wohl das Beste. Nun versprechen Sie mir das Eine: wollen Sie, wenn ich vor Ihnen sterbe, meinem Gatten die ganze Wahrheit sagen? Er wird Sie nicht verrathen." Er versprach es und sie lenkten ihre Schritte wieder dem Martha," hob er, nachdem sie eine Welle schweigend nebeneinander hivgeschritten waren, an, „Martha, Sie sind mein eigen Fleisch und Blut. Lasten Sie mich nur ernmal meinen Namen hören; sagen Sie nur einmal, bevor wir scheiden: Gott segne Dich, Vater." Da wandte sie ihm ihr Gesicht mit tieftraurigem Ausdruck zu, den er nie vergaß, und leise hauchten ihre Lippen: „Gott segne Dich, Vater! Lebe wohl!" , „Hätte ich Martha immer bei mir gehabt," dachte Lam- brecht, als sein thränenfeuchtes Auge der entschwindenden Gestalt folgte, „dann wäre ein anderer Mensch aus mir geworden." In dieser Nacht, während das ganze Haus in Schweigen und Dunkelheit gehüllt war, da befand sich Eine unter seinem Dach, die die Qualen eines lebendigen Todes erlitt; in dieser Nacht verlor das schöne, junge Gesicht seine Jugend und strahlende Schönheit; ein reines, liebendes Herz lehnte sich gegen ein strenges, finsteres Schicksal auf; ein goldenes Haupt warf sich schlaflos hin und her, und in der Ftnsterniß der Nacht kamen ihr immer und immer wieder die Worte in den Sinn: „Ich will die Sünden der Väter an den Kindern heimsuchen." Die junge Gräfin von Roddeck bat den Himmel, daß er sie sterben lasten möge, da das Leben für sie zu traurig ge- freies Feld und als ihr Sohn eintrat, ging sie sofort ohne viele Umschweife auf ihr Ziel los. „Curt," hob sie an, „ich denke, Du kennst mich zu gut, als daß Du mir irgendwie Gehässigkeit oder ein ungebührliches Eingreifen in Deine Angelegenheiten zumuthen könntest. Nicht wahr?" „Ich meine es sehr ernst, lieber Sohn," sagte sie auf eine scherzende Antwort von diesem. „Ich habe Martha wirklich von Herzen lieb, aber sie ist sehr jung und kennt die Welt noch wenig. Sie ist so einfach und unschuldig, daß ich es doch sür meine Pflicht halte, Dich auf etwas aufmerksam zu machen, das mir an einer Anderen wohl kaum aufgefallen wäre." „Was hat meine Frau gethan?" entgegnete Curt lächelnd. „Hat sie sich irgend eines furchtbaren Formfehlers schuldig gemacht?" „Nein," sagte die Gräfin, „es handelt sich hier um etwas ganz anderes. Findest Du nicht, daß Herr Lambrecht ein sehr hübscher Mann ist, der sicher, wo er will, gefallen muß?" „Was hat das mit Martha zu thun?" fragte Curt schnell. „Das sollst Du gleich hören," gab die Gräfin gelasten zur Antwort. „Es fiel uns Allen auf, wie er gleich am ersten Tage seines Hierseins von Martha entzückt schien. Ich habe durchaus nichts gegen ihn, er ist eben ein feiner Weltmann, — aber ich glaube, er hat sich bemüht, in Martha Gefühle der Freundschaft für sich zu erwecken." „Was bringt Dich auf diesen Gedanken?" fragte der junge Graf ohne besonderes Interests; denn ihm erschien es sehr natürlich, daß Herr Lambrecht ebenso wie alle Anderen seine ehe Curt seine Gattin sah, er sollte erst ein wenig auf andere Gedanken kommen. Sie nahm den Arm ihrer Sohnes und schritt mit ihm den schattigen Laubgang hinab. Es war ein herrlich klarer Morgen, die Vögel sangen, die Blumen blühten, die ganze Natur war heiter und froh. Da sah Curt plötzlich etwas in dem dichten, hohen Grase glitzern. 1 „Was ist das?" fragte er und bückte sich gleichzeitig darnach. Beinahe aber hätte er es vor Erstaunen wieder fahren lasten. Es war ein Armband seiner Frau, dasselbe, das sie am vorhergehenden Abend am Arm gehabt hatte. „Marthas Armband!" rief feine Mutter in höchstem Erstaunen aus. „Wie in aller Welt kommt das hierher? ' Sie erhielt keine Antwort, aber ein dunkler Schatten glitt über feine Züge. Einen Moment sahen Mutter und Sohn einander stumm an, dann lenkte Curt seine Schritte schnell dem Hause zu. Auf der Treppe begegneten sie Nanetten, Marthas Jungfer. „Ist die Frau Gräfin schon unten?" fragte Curts Mutter. „Nein, die gnädige Frau fühlt sich sehr unwohl und hat ihr Zimmer noch nicht verlassen," lautete die Antwort. „War sie nicht im Park?" fragte Jene heftig. „Nein, meine Herrin ist krank und hat ihr Zimmer nicht verlassen," wiederholte die Jungfer mit sehr erstauntem Gesicht. „Frage die Jungfer nicht weiter," sagte Curt zu seiner Mutter, als Jene weiter gegangen war, „Martha wird uns die ganze Sache aufklären. Sobald sie aufgestanden ist, wollen wir zu ihr gehen." „Es wäre wohl besser, Du gingst allein." „Nein, Mutter, ich bitte Dich, mich zu begleiten. Lese ich doch in Deinen Augen einen tiefen Zweifel über meine Frau; bitte, komm' mit, damit Du siehst, wie grundlos es ist." Sie stiegen die Treppe hinauf und auf ein Klopfen an Marthas Thüre rief eine matte Stimme: „Herein!" Martha war aufgestanden und faß in ihrem Boudoir, das Frühstück noch unberührt vor sich auf dem Tische. Beim Anblick ihres bleichen Gesichts und ihrer trüben, glanzlosen Augen vergaß Curt, was ihn eigentlich herbeigeführt hatte, und besorgt fragte er: „Was ist Dir, meine Liebe? Du siehst so krank und angegriffen aus." „Der Kopf schmerzt mich und ich habe nicht geschlafen," erwiderte sie mit einem verwunderten Blick auf ihre Gäste. „Wünscht Ihr etwas von mir oder wollt Ihr mir nur eine Morgenvisite abstatten?" Sie wollte lächeln, aber ihre bleichen Lippen zitterten. Da fiel ihm der eigentliche Zweck seines Hierseins ein. „Ich komme mit einer Frage," versetzte er lächelnd. „Als guter Sohn machte ich heute Morgen mit meiner Mutter einen Spaziergang durch den Park; gestern Abend, als wir uns „Gute Nacht" sagten, trugst Du dieses Armband, und heute Morgen finde ich es in dem Laubgang — und doch hast Du Dein Zimmer noch nicht verlassen. Wie ist das zugegangen, Martha?" Mit diesen Worten hielt er ihr das Armband hin, und ein langer, unterdrückter Schrei entrang stch ihren bleichen Lippen. Curt sprang hinzu und fing die Bestnnungslose gerade noch zeitig genug in seinen Armen auf, um sie vor dem Hinfallen zu schützen. „Da hast Du die Antwort," sagte die Gräfin in würdevollem Tone und richtete sich stolz auf. „Sei auf Deiner Hut, Curt! Mir scheint, als schwebe ein dunkler Schatten über unserem Hause. Warum wurde sie ohnmächtig? In Deinen Worten lag doch nichts so Erschreckendes!" Zweiundzwanzigstes Capitel. Als Gräfin Martha die Augen wieder aufschlug und ihres Gatten Gesicht über sich gebeugt sah, stieß sie einen Angst- und Schreckensschrei aus. Die Züge Curts, die sie nie so ernst und streng gesehen hatte, blickten zornig auf sie herab; kein Lächeln wie sonst spielte um seine Lippen; seine umdüsterte Stirn verrieth Angst, Kummer und Zorn. Trotzdem klang seine Stimme sanft, als er sagte: „Habe ich Dich erschreckt, Martha? Wie Deine Hände zittern! Was ist Dir? — Ich bin Dir ja nicht böse, Kind, nur — nur verstehe ich nicht —" Sie wollte etwas erwidern, aber die Kräfte versagten ihr, und sie brach in bittere, leidenschaftliche Thränen aus. Curt suchte sie mit zärtlichen Worten zu beruhigen, während seine Mutter das Zimmer verließ. „Komm', ich will Dich jetzt nicht quälen," sprach er, „später erzählst Du mir, wie die ganze Sache stch verhält; jetzt lege Dich noch ein wenig nieder und versuche zu schlasen — Du flehst blaß und angegriffen aus." Martha hörte auf, zu weinen; sie ließ den Kopf in die weichen Sophaktffen zurücksinken und lauschte mit einem Gefühl der Verzweiflung seinen Worten. Nachdem Curt der Jungfer strenge Weisung gegeben hatte, ihre Herrin nicht zu stören, verließ er das Zimmer. Seine Mutter erwartete ihn inzwischen mit großer Spannung und fragte neugierig, als er bei ihr eintrat: „Nun, Curt, was ist los? Warum war Martha so erschrocken?" „Sie ist sehr krank," entgegnete dieser traurig, „sie war nervös, aber nicht erschrocken. Was hätte sie auch zu fürchten? Ich war zu schroff gegen sie." „Hat sie Dir gesagt, wie das Armband in den Laubgang gekommen ist?" „Nein, sie fühlte stch so krank und angegriffen, daß ich nicht weiter mit ihr darüber gesprochen habe. Ich bin ja auch überzeugt, daß die ganze Sache sich sehr einfach aufklären wird," setzte er schnell hinzu, als er den eigenthümlichen Ausdruck auf dem Gesicht seiner Mutter gewahrte. Trotz dieser Versicherung lastete es diesen Morgen schwer auf des Grafen Brust, er fand nicht Ruhe, bis das Räthsel mit den Briefen und dem Armband gelöst sein würde. Zweimal ging er an Martha» Thüre und hörte theils voll Befriedigung, theils voll Ungeduld, daß sie noch schlief, endlich kam die Jungfer, ihm zu melden, daß ihre Herrin wach sei, aber sehr krank zu sein scheine. Mit sprachlosem Erstaunen sah Curt, welcher Wechsel in einigen Stunden mit dem heiteren, schönen Gesicht vorgegangen war! Alle Farbe war aus demfelben gewichen, bis zu den Lippen war es todtenbleich und unter den blauen Augen lagen tiefe, dunkle Schatten. — Konnte das nur Krankheit oder Abspannung sein? Warum faltete sie wie in stummer Todesqual krampfhaft die Hände, als sie ihn erblickte? „Martha," hob Curt an, „Du siehst aus, als ob Du entsetzlich littest. Sprich, was ist Dir? Welcher Kummer könnte Dich bedrücken, von dem ich nicht wüßte? Was macht Dich krank? Warum siehst Du mich so seltsam an? War ist zwischen uns getreten?" Er schwieg, doch es erfolgte keine Antwort. „Wenn ich nicht wüßte, daß Du kein Geheimniß vor mir hast," fuhr er fort, „müßte ich glauben, es laste etwas furchtbar Schweres auf Dir. Schau' doch nicht so traurig aus! Schau' mich an, Geliebte, und wenn Dich irgend etwas drückt, so sage es mir — daß ich es mit Dir theile." Curt legte den Arm um seine Gattin und zog ihren Kopf an sich. „Hat Dich Jemand beleidigt oder gekränkt?" fragte er zärtlich. „Nein," versetzte sie, „wie kommst Du auf diese Idee?" „Bist Du dessen sicher," fprach er dringlicher, „hat Dich keiner unserer Gäste irgendwie verletzt?" „Nein," sagte sie wieder, aber er sah, wie sie schmerzlich „Meine Mutter glaubte gesehen zu haben, daß Herr Lam- brecht Dir mehrmals kleine Billete zugeschoben habe und Dich damit beleidigt haben mußte — ist das wahr?' Er sah, wie sie bei dieser Frage leicht zusammenzuckte. „Allerdings gab er mir zweimal ein kleines Briefchen," stotterte sie verlegen, „aber beleidigt hat er mich nicht damit." s 848 ss brud wort Vevnrischtes sanft Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Stin schwi dacht nicht ihm Lipp kein nur Wel< betret Ehe Inte Der Kugelblitz. Von H. BredroW. er h Dich begn die i die! strak klein respi wem stets nicht zwei nur Grur Protest. Geistlicher: „Michel, Michel, das kann nicht so weiter gehen, sieben Kinder zu Haus und jeden Tag betrunken!" — Bauer: „Die Kinder net, Hochwürden, bloß ich!" (Fortsetzung.) Am 2. Januar 1890, 9 Uhr 25 Minuten Vormittags sah der Professor der Naturgeschichte Senor Garcöran in Ponte- vedra, Spanien- bei heiterem klaren Himmel eine Feuerkugel von der Größe einer Orange auf die Leitungsdrähte der elektrischen Beleuchtungsfabrik zu Pontevedra fallen. Durch ein Lichtloch oder Fenster drang sie in die Fabrik, traf den Apparat zur Vertheilung des Lichtes und sprang auf die arbeitende Dynamomaschine über. Vor den Augen der erschreckten Ingenieure und Arbeiter prallte sie zweimal von der Maschine zum Conductor und vom diesem zur Maschine; dann fiel sie nieder und zersprang mit einer scharfen und deutlichen Detonation in eine Menge von Stücken, ohne einen Schaden anzurichten oder eine Spur ihrer rätselhaften Existenz zu hinterlassen. Wären nicht die Ecken der dicken Kupferplatten, die zur Armatur des Kreisschließers gehören, geschmolzen und die Lichter in verschiedenen Theilen der Stadt für einige Secunden erloschen, so hätte man das Ganze für einen Trug der Sinne halten können. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, daß sowohl in der äußeren Erscheinung der Kugelblitze, wie in den Bedingungen, unter denen sie austreten, große Verschiedenheit herrscht. Das Aussehen wechselt fast von Fall zu Fall: eine feurige Kugel von der Größe der aufgehenden Sonne, eine 2 bis 3 Fuß im Durchmesser haltende Kugel, Kugeln groß wie ein Kopf, faustgroße Feuerkugeln, ein Blitz in der Größe eines kleinen Hühnereies, das sind einige der gewöhnlichsten Größebezeichnungen. Die Art der Bewegung wird in ziemlicher Uebereinstimmung als eine rollende oder drehende bezeichnet, während die Angaben über die Farben auseinandergehen. Bei einem starken Gewitter im August 1888 in Hermagor, österreichische Südalpen, erschien über der Herdplatte des Gasthauses ein leuchtender Ball in der Größe einer Kegelkugel. Sein Licht war blau und dem einer Spiriturflamme ähnlich: er war in Rotation, bewegte sich wälzend über die Herdplatte und fiel sodann zu Boden. Eine Feuerkugel, die im April 1777 während eines heftigen Gewitters aus dem Thurmfenster der Kathedrale in Siena hervorkam, war purpurroth und schleuderte, bevor sie am Blitzableiter in die Erde fuhr, unter schwefelähnlichem Geruch mehrere große Funken von sich. Andere werden als Kugeln von lebhaftem Roth, als goldenes Ei, als runde Flamme von röthlicher gelber Farbe bezeichnet. Während sie geräuschlos unter starkem Blitzen oder als Blitz erscheinen, verschwinden viele von ihnen unter heftigen Detonationen, ähnlich der Salve eines Gewehrfeuers oder dem gleichzeitigen Abfeuern mehrerer Geschütze, manchmal jedoch auch mit ganz schwachem Geräusch wie der Knall eines schwachen Kupferhütchens. Belm Zerplatzen schleudern sie oft Flammen oder Funken umher, oder zertheilen sich in mehrere kleine Kugeln und hinterlassen einen starken Geruch nach Schwefel, bisweilen mit Rauch verbunden, sowohl im Freien wie im Zimmer; der Schwefeldampf kann so stark werden, daß er die Anwesenden mit der Gefahr des Erstickens bedroht. Für den Weg und die Richtung der Kugelblitze scheint ein erkennbares Gesetz nicht zu existieren. Bald folgen sie denselben Leitern, an denen der gewöhnliche Blitz entlang läuft, bald streifen sie wie in freier Willkür nach den verschiedensten Richtungen. In einem solchen Falle erschien in der Küche eines Bauernhauses bei Gewitter eine etwa faustgroße Feuerkugel durch den Kamin, bewegte sich zwischen den Füßen der gerade mit Kochen beschäftigten Bäuerin hindurch und setzte ihren Weg fort, ohne zu zünden und ohne sogar das Spinnrad und verschiedene andere im Wege stehende Gegenstände umzuwerfen. Als die erschrockene Bäuerin zur Thür stürzte und sie öffnete, kam die Feuerkugel hüpfend auf sie zu, ging nahe an ihren Füßen vorbei, drang in ein nach außen sich öffnendes Zimmer, überschritt die Schwelle und gelangte in den Hof. Sie durchsetzte diesen, drang in eine Scheuer ein, stieg auf die Hintermauer, leuchtete, unter dem Rande des Strohdaches angekommen, auf und verschwand dann unter einer so gewaltigen Explosion, daß die Bäuerin in Ohnmacht fiel. Die Scheune ging in Flammen auf. — Das ist aus vielen Fällen ein Beispiel für die anscheinend völlig regellose Bewegung des Kugelblitzes. Bisweilen scheint jedoch sein Lauf vom Zuge der Lust beeinflußt zu werden. Auch die Schnelligkeit ist eine höchst wechselnde; während der gewöhnliche Blitz meist nur den tausendsten Theil einer Sekunde oder noch geringere Zeit dauert, sieht man die Kugelblitze durch Zeiträume von einigen Sekunden bis zu mehreren Minuten leuchten, doch immer wenigstens so lange, daß man ihren Lauf mit dem Auge verfolgen kann. In vielen Fällen läßt sich der Ort, von dem die Feuerkugel ausgeht, nicht feststellen, meistens kommt sie von oben, aus der Gewitterwolke, häufig durch den Kamin hinab; bisweilen geht ihr Flug in horizontaler Richtung, selten findet ein Aufsteigen von unten nach oben statt, wie in dem folgenden Falle: Zu St. Stephan am Gratkorn ging ein Blitzstrahl senkrecht zum Himmel und endete in eine Kugel, die plötzlich erlosch resp. platzte, ähnlich einer Rakete. Der Kugelblitz tritt meistens als Begleiterscheinung heftiger elektrischer Entladungen in der Atmosphäre auf; doch kommen auch Fälle vor, in denen er, wie das selten auch der gewöhnliche Blitzstrahl thut, „aus heiterem Himmel" stürzt. Das oben erwähnte Beispiel aus Spanien zeigt einen solchen Fall. Bei einem Tornado, der am 19. August 1890 die Gegend von Saint-Cloude heimsuchte, erschien als häufiges elektrisches Phänomen auf dem ganzen Wege, den die Trombe nahm, die Feuerkugeln, welche theils explodirten, theils zündeten, bald Zertrümmerungen anrichteten, bald spur- und geräuschlos verschwanden. Sie traten nicht nur im Freiem auf, sondern drangen auch zahlreich in die Häuser. Das Licht dieser Blitzart ist weit weniger blendend als das der gewöhnlichen Strahlenblitze. An eine bestimmte Jahreszeit sind sie nicht gebunden, ja sie treten im Winter sogar vergleichsweise häufig auf. Ebensowenig scheinen sie gewisse Erdgegenden vor andern zu bevorzugen. (Schluß folgt.) ,Was haben Sie für eine Lieb- — „Selbstverständlich Moor- „Darf ich die Briefe sehen?" „Ich habe sie vernichtet," gab sie in leisem, gezwungenem Ton zur Antwort. • „Willst Du mir sagen, was sie enthielten?" fragte er weiter. „Das kann ich nicht," stieß sie stockend hervor. (Fortsetzung folgt.)! Mißverstanden. Commerzienrath: „Wie weit ist denn mein Sohn eigentlich schon mit seinem Flötenblasen?" — Lehrer: „O, es geht ganz gut, nur bläst er nicht rein!" — Commerzienrath: „Wie haißt? Wie kann es geh'» gut, wenn er nicht 'reinbläst?!" Ni 0/ Durch die Blume. „ lingsblume, Herr Lieutenant?" Röschen, gnädige Frau!" * * Das kleinere Nebel. Mann: „Der Junge macht mich noch rasend mit seinem Geschrei!" — Frau: „Ich werde ihm noch war Vorsingen." — Mann: „Rein, da laß ihn lieber schreien!"