Dienstag, den 21. März. --w—--T----6^E-j----S''5--'S^jg^S^S'--------tS-?----*---ExS--w-----fx^J> Nntephattrrngsblcrtt jum Gietzenev Anzeigen (Geneval-Anzeigev) V_>r) Nr. 34. 2893. F SiBIW MSM Tante Hannas Geheimniß. Original-Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung). Das junge Mädchen küßte Hanna zärtlich und verließ dann schweigend mit der alten Doctorin das Krankenzimmer. Der Arzt folgte ihnen. „Wie geht's mit Ihrer kleinen Patientin, Fräulein Holten?" fragte er rasch. „Muß ich hinauskommen?" „Wenn Sie können, bitte ich darum, lieber Doctorl Ich möchte überhaupt eine Wärterin für die Kleine haben, da ich sie nun einmal —" „Am Halse habe," ergänzte der Arzt, als sie zögerte. „Ich besorge Ihnen eine barmherzige Schwester, mein liebes Fräulein — werde sie Ihnen selber bringen)" „Herzlichen Dank!" Der Doctor ging zu der Kranken zurück, die beiden Damen verabschiedeten sich im Hause und gingen dann fort, um nach der furchtbaren Erschütterung sich durch einen Spaziergang erst wieder zu beruhigen. Ohne Verabredung, wie unter einem gemeinschaftlichen Zwange, schlugen sie den Weg ein, welcher aus dem Thore nach der Brandstätte führte. Dieselbe wurde von einer Feuerwehrwache behütet, da mit der Aufräumung de« Schuttes des zweiten Feiertags halber erst am nächsten Tage begonnen werden konnte. Stumm wanderten die beiden Damen, welche von der Wache die Erlaubniß dazu erhalten hatten, durch den Garten, welcher überall die Spuren jenes nächtlichen Ereigniffes trug. Sie wagten kein Wort zu sprechen vor tiefer schmerzlicher Erregung und setzten sich einen Augenblick in die Laube, welche sich am Ende des Obst- und Gemüsegartens befand. „Nun wird Ihnen das kranke Kind auch recht lästig werden, Fräulein Armgard!" begann die Doctorin nach einer Weile. Das junge Mädchen starrte sie wie aus einem Traume erwachend fast erschreckt an. „Lieber Gott, werden Sie nur nicht krank von dieser furchtbaren Aufregung, mein Kind!" fuhr die alte Dame, ihre Hand ergreifend, bekümmert fort. „Wir müffen uns Alle in das Unabänderliche fügen. — Ich sprach von dem kranken Kinde, das Herr Steindorf Ihnen aufgedrängt hat „Es war nicht krank, als er mich darum ersuchte," fiel Armgard hastig ein. „Mag sein, Kind, — wenn er Ihnen nun die Kleine läßt und ohne den Ballast nach Amerika zurückkehrt?" Armgard sah sie erstaunt an und schüttelte dann den Kopf. „Weshalb halten Sie Herrn Steindorf für schlecht, Frau Doctorin?" fragte sie langsam. „Hat er diese Meinung nicht schon vor Jahren gerechtfertigt?" „Nein, er konnte nichts dafür, daß seine Liebe einer Anderen gehörte. Das Herz läßt sich nicht zwingen." „Nun, vielleicht ist sein Herz gefügiger geworden und läßt sich vom Verstände leiten. — Lassen wir ihn, Fräulein Armgard, und kommen Sie rasch mit mir hinweg von dieser Stätte jammervoller Verwüstung." Sie wollten die Laube verlassen, als Armgard, deren Blick am Boden wurzelte, sich rasch bückte, um einen in die vom Regen aufgeweichte Erde tief eingetretenen glänzenden Gegenstand zu betrachten. Sie nahm ein Stöckchen, um denselben an die Oberfläche zu bringen und hob ihn dann auf. Er war ein großer goldener Manfchettenknopf mit einem Monogramm. „W. P." las Armgard. „Hm, der ist in voriger Nacht im Gedränge verloren worden," bemerkte die Doctorin, „mein Mann kann den Knopf der Polizei einliefern, dann wird sich wohl der Eigenthümer dazu finden." In diesem Augenblicke näherten sich feste Schritte der Laube. „Ach, Herr Marbach," rief Armgard, „und auch Sie, Herr Warneck, guten Morgen! — Wollen Sie sich die Unglücksstätte ansehen?" Die Herren grüßten und wurden von ihr der Doctorin vorgestellt. „Es sieht sehr traurig aus," sagte Marbach, „und greift einem ordentlich an's Herz, wenn man sich das kleine reizende, so überaus poetische Heim der alten Dame in's Gedächtniß zurückruft." „Sie scheinen da etwas gefunden zu haben, mein Fräulein!" schaltete Warneck ein, der als Amerikaner nur auf das Practische fein Auge gerichtet und sofort den Manschettenknopf in Armgards Hand gesehen hatte. „Ja, sehen Sie, her Knopf ist von einem Herrn hier verloren und in den weichen Erdboden getreten worden," sagte sie, ihm denselben hinreichend. Warneck betrachtete ihn von allen Seiten, zog sein Taschentuch heraus, um die Erdspuren zu tilgen und den Stempel zu erforschen. „Was wollen Sie mit diesem Funde beginnen, mein gnädiges Fräulein?" fragte er zögernd. „Mein Mann soll den Knopf der Polizei einliefern," be- 134 fragte merkte die Doctorin, den Amerikaner etwas verwundert betrachtend, „der Eigenthümer wird ihn dann gewiß zurückerhalten." „Gewiß," sagte Warneck, „aber versäumen Sie es nicht, meine Damen 1“ „ t „ Nun, wenn Sie so besorgt darum sind," erwiderte Armgard zerstreut, „dann übernehmen Sie es selber, Herr Warneck !" „Ich gehe doch zur Polizei, meine Gnädige!" nahm Marbach, welcher einen Blick seines Freundes aufgefangen, rasch das Wort, „wenn Sie mir den Fund anvertrauen wollen — „Mit Vergnügen," fiel Armgard ebenfalls verwundert em, „wäre dieser Ort zum Scherzen geignet, dann könnte man beinahe fürchten, als ob Sie uns vor der Aneignung fremden Eigenthums, also vor einer Versuchung bewahren möchten." „Ja," meinte Warneck trocken, „es steht beinahe so aus, mein Fräulein! — Dieses Monogramm hier intereistrt mich indeß nur ein wenig und da ich, wie Sie wissen, mich so wie so mit der Polizei hier befreunden muß, so bin ich in der That auf den Eigenthümer dieses Knopfes neugierig." „Ach, wegen jenes Herrn, der " „Ja, mein Fräulein, jenes Herrn Wrllram Prien, meines lieben Freundes, den ich wie eine Stecknadel suche," stel Warneck ruhig ein- „Es kann ja auch ein Anderer sein, wie viele Menschen mit dem Monogramm W- P. gibt's nicht in der Welt." „Es gibt hier in unserer Stadt sogar einen mir sehr nahestehenden Herrn mit diesen beiden Buchstaben," sagte die Doc- torin, „meinen eigenen Mann, welcher den Namen Walter Peters führt, dem dieser Knopf aber nicht gehört. Sie sehen nur daran, wie leicht die Anfangsbuchstaben irre führen." „O gewiß, Frau Doctorin, gebe ich das zu," versetzte Warneck, „gönnen Sie mir deßungeachtet die kleine Hoffnung, meinen lieben Flüchtling hier wieder zu finden." Die Damen ließen ihm gern die Hoffnung und damit den Knopf, worauf sie gemeinschaftlich in die Stadt zurückkehrten. Bei dem Hause der Doctorin trennten sie sich mit der Verab- schiedung, sobald als möglich nach Hause zu fahren, worauf die beiden Herren langsam weiterschritlen. „Glaubst Du wirklich an dieses Monogramm?" Marbach nach einer Weile. . „Ich möchte darauf schwören, daß der Knopf meinem theuren Prien gehört, dieser also in jener Laube anwesend war." Marbach blieb überrascht stehen. „Woher hast Du diese Ueberzeugung so rasch gewonnen?" Warneck schritt langsam weiter. „Nur kein unnöthiges Aufsehen machen, alter Junge! erwiderte er ruhig- „Warten wir damit bis im Gasthof." Sie kehrten rasch dorthin zurück. Als sie sich in einem Zimmer unter vier Augen befanden, zog Warneck den Knopf Marbach blickte den Freund erregt an, er war ganz blaß geworden. „ „Das läßt allerdings darauf schließen — „Daß William Prien auf der Brandstätte gewesen ,st und dort diesen Knopf verloren hat," ergänzte Warneck. Beide blickten sich an, wie von dem gleichen Gedanken „Hältst Du diesen Menschen eines blutigen Verbrechens fähig?" fragte Marbach leise. „Wenn er durch die Umstände dazu gezwungen wird, — ja!" erwiderte Warneck fest. „Sollte er es gewußt haben, daß dre alte Dame vom Hause abwesend war?" „ . , , ., . , Weshalb nicht, vielleicht hat er sie wegfahren sehen und sich dann näher nach ihr erkundigt. Jedenfalls glaubte er, mit der alten Person leicht fertig zu werden. Das Gewitter kam seinem Plane mächtig zu Hilfe und ohne diesen Knopf wäre jeder Verdacht gegen ihn ganz unmöglich gewesen. Woher aber sollte dieser fremde Mensch es erfahren haben',' daß die Tante Hanna just eine bedeutende Summe im Hause hatte?" fragte Marbach kopfschüttelnd. „Wie es auch sehr leichtsinnig erscheinen könnte, weshalb sie dieselbe nicht mit hinaus nach Ebenheim genommen." . „Ja, das sind Fragen, welche uns die Me leider niemals wird beantworten können," versetzte Marbach. „Vielleicht ist sie just um des Geldes willen in ihr Haus zurückgekehrt, wer kann's wiffen. Was die Kenntniß unseres William Prren anbetrifft, so kann derselbe ganz zufällig davon erfahren haben. Das wird oft von Dienern und Boten ganz arglos erzählt, sei es im Wirthshause, sei es auf der Straße. Ein solcher Ge- selle hat feine Ohren und rasche Auffassung. „Seine Frau also soll aus dieser Gegend stammen? Sie hat es mir oft erzählt und dabei den Namen des Fräulein Holten als den ihrer Freundin genannt" „Und sie ist erst kürzlich gestorben?" fragte Marbach nach- „Im December vorigen Jahres, die Sorgen mögen sie umgebracht haben, da Mister Prien fein Gehalt zu verspielen PfteSt,e‘®ie unglückliche Frau, sie hinterließ doch keine Kinder V Ich glaube, es muß noch ein Kind vorhanden gewesen sein," erwiderte Warneck, „ob Knabe oder Mädchen, kann ich nicht verrathen, da es irgendwo in einer Pension war. Ich erinnere mich, daß sie mir einmal von ihren tobten Kindern erzählte, welche sie glücklich pries, da dieselben mit einem sol- chen Vater doch elend geworden wären." „Das klingt von einer Mutter entsetzlich. „Mag sein, lieber Freund, aber recht hatte sie doch, die arme Frau. Ich denke mir, daß die Zukunft und das Gluck der Kinder von der Lebensstellung und dem Character der Vaters hauptsächlich abhängen, daß der Mann die Familie hebt oder herabzieht und eine Heirath in solchen Fällen, die leider nur allzu häufig sind, allemal den Kindern zum Fluche wird. An Bildung waren diese beiden Menschen sich ja gleich, denn sonst ist die Kluft noch viel tiefer. Es ist eine Schmach, daß die meisten Menschen so kopflos in die Ehe springen, ohne sich klar zu machen, daß eine solche Kette an Gewicht zummmt und zur unerträglichen Folter werden kann. Gott sei Dank, daß ich keine Frau an mich ketten werde. — Doch zum Henker mit dem Philosophiren," unterbrach er sich lachend, „bin ja ganz vom Wege abzewichen. Wird wohl das Beste sem, setzt gleich mit einem gewiegten Criminalbeamten in Verbindung zu treten/* ,,Laß uns doch zu dem Commiflar gehen, welcher das Möbel auf der Brandstätte untersuchte," meinte Marbach. „Gut, ihm werde ich die ganze Sache übertragen, — er wird den Fingerzeig freudig begrüßen." „Und dann?" fragte Marbach zögernd. „Willst Du mit mir zurückfahren nach Rotenhof?" , „Nein, mein Junge, Du hast ja schon dre nöthlge Fracht. — Ich fuhr, wie Du weißt, mit einem Landmann hierher, weil ich die Unthätigkeit nicht ertragen kann und werde yem. hervor. „Besteh' ihn Dir genau," sagte er, Marbach denselben darreichend. „Untersuche jede F^che und merke Dir den Stempel. Hast Du?" „Es scheint ein englischer Stempel zu sein," bemerkte Marbach. Warneck nahm den Knopf, um ihn noch einmal zu unter- suchen. „Natürlich," sagte er, „besteh' ihn, bitte, recht genau." „Ist bereits geschehen — es ist ein Stern mit der eng- lischen Umschrift: gold-wlght — also Goldgewicht und dem Namen Finch " „Gut, das Monogramm auch gesehen?" „Versteht sich, es sind doch die Buchstaben —" Er hatte den Knopf umgewandt und starrte verblüfft darauf hin. „ , . ,, „ , „Zum Henker," brummte er, „hier stehen ,a die Buch- staben O- W." „All right, old boy! — Otto Warneck, mein Monogramm, und hier ist der gefundene ganz gleiche Knopf, nur mit anderen Buchstaben versehen. Der Goldschmied Finch, von welchem ich meine Knöpfe gekauft habe, hat unzweifelhast auch diesen Knopf mit W. P. in seinem Laden gehabt, weil sein Name und Stempel auf demselben sich befindet. Dieser Finch aber wohnt in Chicago." 135 - Abend ober morgen früh, wie es mir paßt, mit ihm zurückfahren. Mach' Dir um mich keine Sorgen, alter Jungs!" Er klingelte, um ein Frühstück zu bestellen, worauf sich beide Herren, nachdem sie dasselbe eingenommen, zur Polizei begaben, um Rücksprache mit jenem Commisiar zu halten und ihm den gefundenen Manfchettenknopf vorzulegen. Der Beamte hörte aufmerksam die Geschichte des Ameri» kaners an. „Und Sie haben die Ueberzeugung, daß dieser Mister Prien, welcher mit Ihrem Vermögen durchgegangen ist, sich hierher gewandt hat?" fragte er, als Warneck geendet. „Die Ueberzeugung habe ich allerdings, Herr Commisiar!" versetzte Warneck. „Ja, sogar die Gewißheit, daß derselbe im Garten des vom Blitze eingeäscherten Hauses gewesen ist." Das Gesicht des Beamten zeigte den Ausdruck höchster Ueberraschung und Spannung. „Dieser goldene Manschettenknopf ist heute von Fräulein Holten dort im Garten gefunden worden," fuhr Warneck rasch fort, „bitte, Monogramm und Stempel genau zu betrachten." „Sie glauben, daß diese Buchstaben den Beweis für Ihre Behauptung liefern?" fragte der Commisiar achselzuckend. „Zum Theil allerdings, William Prien, das stimmt, und der Stempel erst recht. Vergleichen Sie denselben gefälligst mit meinen Knöpfen, Herr Commisiar! — Habe die Dinger bei Finch in Chicago gekauft und von ihm stammt auch dieser gefundene Knopf, oder ich will verdammt sein zur — zur —" Er konnte nicht gleich das schlimmste Loos finden, im Stillen aber meinte er — zur Heirath. Der Commisiar verglich die Knöpfe und nickte erregt. „Das sieht allerdings so aus," sagte er dann, „bitte, Herr Warneck, geben Sie mir gefälligst eine genaue Personalbeschreibung jenes Menschen." „Na, er ist groß und schön gewachsen, Hände und Füße klein, meiner Ansicht nach viel zu klein für die Figur —" „Aber doch groß genug, um Dein Geld zu packen und damit durchzugehen," bemerkte Marbach, vor deffen innerem Auge sich seltsamerweise eine bestimmte Gestalt entwickelte. „All right, oldboy! — Haare blond, dito Bart, Augen — meiner Treu, weiß nicht genau, welche Farbe sie haben, — nehmen mir grau an, — Blick scharf, brauchte keine Brille, — Nase fein gebogen, mit einem Wort, ein verdammt hübscher Kerl, in den fast alle Weiber vernarrt waren." „Besondere Kennzeichen?" fragte der Beamte, ohne eine Miene zu verziehen. „Denken Sie recht darüber nach, weil hierauf besonders vigilirt werden muß." Warneck dachte nach. „Der ganze Kerl steht lebendig vor mir," sagte er endlich, „aber ich wüßte wirklich nicht, seinem äußeren Menschen einen Makel anzuhängen. Etwas hat er freilich, was aber der Bart verdeckt: zwischen Kinn und Unterlippe eine rothe Linie, als ob er einen scharfen Peitschenhieb erhalten hätte. Er zeigte mir dieselbe einmal und sagte, daß sie von dem Messetschnitt eines Indianers, in desien Hände er gerathen, herrühre. Der Kerl habe ihn scalpiren wollen, wogegen er sich so Übermensch» lich gewehrt, daß er nur diesen Schnitt, deffen feine Narbe gar nicht verblassen wolle, davon getragen habe. In seiner grenzenlosen Eitelkeit hat er alles Mögliche aufgestellt, um das rothe Merkmal zu vertilgen, weil der Kinnbart viel älter mache, wie er behauptete." „Wollen hoffen, daß es ihm bis heute noch nicht gelungen ist," sagte der Commissar, zufrieden lächelnd. „Da wir den Mann nun also mit der Katastrophe der vorigen Nacht direct in Verbindung bringen müssen, so habe ich unter allen Umständen auf stricte Verschwiegenheit Ihrerseits, meine Herren, zu rechnen, indem wir es jedenfalls mit einem geriebenen Burschen zu thun haben. Ihre erste Aufgabe, Herr Warneck, besteht nun darin, auf einige Zeit aus dieser Gegend zu verschwinden, denn wenn er sich hier aufgehalten hat, weiß er auch bestimmt Ihre Anwesenheit und den Zweck Ihres Hierseins." „Und wird jetzt schon eben deshalb über alle Berge sein," rief Warneck. „Vielleicht — vielleicht auch nicht, — es ist eben in dieser Geschichte noch Vieles unerklärlich und dunkel." „Zum Exempel, weshalb dieser Mensch mit einem Vermögen in der Tasche einen neuen Diebstahl begehen sollte?" schaltete Marbach ein. „O, das läßt sich ja leicht erklären," sagte der Beamte, „hat ihn doch Herr Warneck als Spieler bezeichnet. Ein solcher geht keiner derartigen Gelegenhest aus dem Wege, um das Seine los zu werden." „Den Henker auch," rief Warneck erschreckt, „wie konnte ich das nur vergessen. Sie haben recht, Herr Commissar, mein Geld ist längst zum Teufel, hätte mir die Reife ersparen und ruhig daheim bleiben können." „Bah, Dir ist doch auch an der Bestrafung des Schurken gelegen, alter Freund!" meinte Marbach, den Arm um feine Schulter legend. „Und dann — schlägst Du unser Wiedersehen so gering an?" „Nein, nein, old boy — er wäre ja ohne mich auch unerkannt und frei aus diesem schanbvollen Verbrechen entkommen." „Ja, meine Herren, so ist es und nun lassm Sie uns ohne Abschweifung bei der Sache bleiben. Ich wiederhole also, Herr Warneck, daß Sie unbedingt auf eine Weile von hier verschwinden müssen-" „Meinetwegen, vielleicht treffe ich ihn unterwegs, will die Augen schon offen halten." „Ihr Freund muß über Ihre Reise stets auf dem Laufenden erhalten werden." „Das ist selbstverständlich, mittlerweile thun Sie das Ihrige, Herr Commissar!" „Versteht sich, werde ihm meine besten Kräfte auf die Fersen setzen." Die beiden Herren schüttelten dem Beamten die Hand und gingen. „Willst Du lieber sofort mit nach Rotenhof zurück?" fragte Marbach den Freund. „Wenn Du mich placiren kannst.—" „Gewiß, es geht ganz gut, Du willst doch erst morgen reisen?" „Ja, ich gehe in die Berge und telegraphire von Station zu Station. — Will deshalb heute noch mit Dir beisammen bleiben." Nach einer halben Stunde fuhren sie bei dem Doctor vor, um Fräulein Holten abzuholen. Das Wetter war herrlich an diesem zweiten Pfingsttage, die Luft so klar und wundervoll, von Blüthendust gleichsam durchtränkt, daß Armgard Holten es in der Einsamkeit ihre« Zimmers nicht aushalten konnte und nach Tisch in den Garten hinaustrat. Sie vermied es, an jenem Fenster, hinter welchem Lotta krank lag, vorüberzugehen, da eine ihr selber unerklärliche Abneigung gegen das Kind, welche sie vergebens zu be« kämpfen suchte, Besitz von ihr genommen hatte. Das Fenster des Krankenzimmers, das im ersten Stock sich befand, stand offen. Armgard warf aus der Entfernung einen Blick dahin und blieb erstarrt stehen. Die Kleine hatte das Bett verlassen und sich weit hinausgebeugt- Offenbar war Niemand bet ihr, da der Arzt erst die Krankenwärterin mit* brachte. Mit hastigen Schritten eilte Armgard hinzu. „Lotta, was machst Du für Geschichten?" rief sie hinauf. „Geh' in's Bett zurück." , Tante — ich will zu meinem Papa! schluchzte das Kmd in so'herzbrechenden Tönen, daß es sicherlich keine Comödie sein konnte. „Ec kommt nicht wieder und Du läßt nnch mit der schrecklichen Frau allein." „Leg' Dich in's Bett, Lotta!" gebot Armgard. „Ich komme zu Dir!" "Ja, wenn Du auf der Stelle gehorchst." Das Kind verschwand vom Fenster. (Fortsetzung folgt.) 136 - Fall war- Die seidenen Frühjahrskleider zeigen meist auch changierenden Fonds mit ein« oder mehrfarbigen Mustern in einfachem Faoonns- oder Relief-Genre. Alle lila, grünen oder altrosa Töne sind modern- Auch hier ist Cröpe de Chine mit Spitzen« | aarnierungen, mit Sammetärmeln und Jäckchen, mit ombrrerten Seidenecharpes und breiten Perlfranzen sehr beliebt. Neu ist reinfarbig ponceaurother Crspe de Chine zum ganzen Anzug, nur auf gleichfarbigem Surrahfonds gearbeitet, aber ohne zeg- lichen Aufputz, höchstens am unteren Rande des Rockes mit schmaler Einzel« oder Doppelfraisur umgeben. Eine andere sehr elegante Robe besteht aus lachsrosa Crche de Chine und ist untenherum zweimal mit Ecru Duchesse-Spitze besetzt. Die rosa Crepe-Taille hat große Fraise-Sammt-Puffenärmel, die nur etwas über den Ellenbogen hinabreichen und hier gleichfalls mit Ecru-Spitzen'Manschette enden, so daß dazu lange Landschuhe getragen werden müffen. Ueber der Taille wird ein vorn weit offenes, hinten mit Postillonschoß gearbeitetes Jäckchen aus Fraise-Sammet ohne Aermel gezogen. Selbstverständlich sieht ein solches Costüm ziemlich theatralisch aus, aber wie schon oben bemerkt, trägt der größte Theil der neuen Robenmodelle einen etwas extravaganten Charakter. Die neuen Frühjahrsconfections sind eigentlich durchweg geschmackvoll, in Capeform, kleinen Paletots, langen Regenmänteln rc. Hier herrscht neben den klein karrierten englischen Geweben der doppelseitige Stoff, der auf einer Fläche changierend, auf der anderen einfarbig wirkt. Gleichviel ob Paletots, Capes Rcdaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. oder Mäntel, immer sind zwei- oder dreifache Schulterkrageü auf den Confections angebracht, außer dem üblichen Halsab- schluß, der in Stehkragen, Maria Theresia-Fraisen. Kaskaden- Rüschen rc. besteht und meist vorn noch eine Schleife mit langen Enden hat. Viele von den Capes sind ä jour gearbeitet, d.h. sie sind aus Stoff« und Paflementeriestreifen aowechselnd Zusammengesetzt. Die Paletots sind meist mit buntseidenem Futter versehen, für sehr junge Mädchen mit schottisch karrier- tem Surrah, was sehr hübsch aussieht. Die neuen Damenhüte haben gekräuselte Ränder aus Crepe, Surrah oder Sammet, die Köpfe sind zum großen Theil sehr klein und aus durchsichtigen Paffementerien oder Tüllstickereien mit Pailletten hergestellt. Zur Garnierung werden sehr phan- tastische bunte Vögel und Flügel, in verschiedenen Farben i schillernd, schmale und breite Sammetschleifen, viele Reiher« aigretten' Sammet-Blumen, Aehren und Früchte verwendet. Sämmtliche Hüte haben Bindeecharpes. Für junge Mädchen werden breite schräggeschnittene Sammetschleifen, Posen von den verschiedensten Vogelarten und volle Rosetten aus Babybändern I in allen Farben verwendet. Hier fehlen natürlich die Binde- Unter den Frühjahrs-Reuheiten für Schirme zeichnet sich besonders ein sehr leichter, feiner, graciöser Entoutcas aus, dessen Gestell außerordentlich dünn ist, und der deßhalb semen Namen „Gracioso" vollständig rechtfertigt. Man bezieht ihn häufig mit Seidenstoff von den Kleidern, zu denen man ihn tragen will und gibt ihm eine eben solche Kappe. Er ist allerdings nicht übermäßig dauerhaft, da er niemals mit schwerem Stoff bezogen wird. Er hat oben am Griff eine Schlupsöse aus drei Finger breitem Moirseband, das immer zur Farbe des Bezuges paßt. „Gracioso" ist kein sehr HA Scharm, I aber doch immerhin groß genug, um ihn als Stutze zu be nutzen. ______________ Irühjahrsmoden. | Die Frühjahrstoiletten für dis kommende Saison sind, - wie die „Magdeb. Ztg." schreibt, von unbeschreiblicher Grazie, allerdings zum Theil auch so eigenartig, daß sie kaum den Eindruck von Alltags- und Straßenklsidern machen, sondern vielmehr an Costüme erinnern, die für besondere Festlichkeiten bestimmt sind. Schon die Gewebe sind von ungewöhnlicher Eleganz dadurch, daß wenigstens die Hälfte der ney erschienenen Stoffe mit Seide durchwtrkt ist, was natürlich reizende Effecte erzielt, natürlich auch die Materialien viel theurer macht. Dw meisten Zeuge sind in changierendem Genre gewirkt, wodurch auch für die Garnierungen ein weiterer Raum geschaffen ff. Reizend sind z. B. Lodenstoffe in sraise und blau, in resedagrün und Modefarben, in Heliotrop und Creme, und diese werden noch gehoben durch große Sammt - Puffärmel, Gürtel und Schleifen in denselben Farben changierend, event. auch durch gleichartige Perlpaffementerien, Treffen rc. Neben den Loden- stoffen sind einfache und changierende Cachemirs glatt und vicotiert, d. h. mit keinen erhabenen Knötchen bedeckt, vor- Händen, Popline in einfarbig und changiert. Ein besonderes Reich für sich bilden die Crepons mit ihrer krausen Außenseite, die verarbeitet eigenartige Toiletten geben. Zu ihrem Ausputz werden Seidenstoffe und Spitzen verwendet, denn sie reprasen- Heren sich als ein leichteres Genre, und deshalb hält man ihnen auch die schweren Garnituren fern. Sie eignen sich besonders für die Robe mit dem neuen Glockenrock, der oben fest wie ein Handschuh um die Hüften schließt, nach unten sehr weit ausfällt und in mehreren Stufen besetzt ist. Sehr graciüs ist z. B. das Arrangement von fünf schrägen Doppelvolants, von denen das untere handbreit aus Surrah oder anderer leichter Seide besteht, während die obere schmal, Fraisur aus dem Stoff des Kleides gemacht ist. Zwischen jedem dieser Sätze ist ein etwas über handbreiter freier Raum, so daß das letzte Volants-Paar bis über die Knies hinauf reicht. Modern ist auch ein Besatz von fünf Puffen, gleichfalls in regelmäßigen Zwifchensätzen angebracht, oder ein fünfmaliges Arrangement aus je drei oder fünf Linien schmalem Sammtband bestehend. Selbstverständlich sind die Taillen jedes Mal entsprechend garniert; der sehr weite Puff am Oberärmel ist noch immer fest- gehalten, sieht in den leichteren Materialien auch bei weitem nicht so unmöglich aus, wie dies bei den schweren Stoffen der Vermischtes. Rache ist süß. Er:.....und mit der Zeit würden Sie es lernen, mich zu lieben!" — Sie (hochmüthig): „Sie irren sich — ich werde es niemals lernen!" — Er: „Ganz Unrecht kann ich Ihnen schließlich nicht geben. Sie sind vielleicht schon zu - alt, um noch zu lernen." Natürliche Wirkung* „Die Sommerfrische scheint recht kräftigend auf Sie gewirkt zu haben; als Sie hier wegreisten, fchlotterte der Anzug nur so um Ihre Glieder und jetzt sitzt er wie angegoffen." — „Freilich, s hat za auch alle Tage geregnet!" * , Die kleine Social demokratin. Die kleine Hedwig (hat eine politische Unterhaltung ihrer Eltern belauscht): „Papa, ich will aber auch meinen Zukunftsstaat!" — Papa: „Du? Haha! Was ist denn Dein Zukunstsstaat?" — Die kleine Hedwig: „Ein Brautschleier und ein Myrtenkranz/ Vor der Saison. Hausarzt: „ . . . Gnädige Frau können ganz beruhigt sein — Sie haben keine Spur von einem Leberletden." — Dame (die für Karlsbad schwärmt): „Leb- ster, bester Herr Doctor, wenn ich* Sie aber darum bitte! Ein kleines Mißverständnis Die Lehrerin hat ihrer Schülerschaar mitgetheilt, daß am nächsten Tage m Heimathkunde unterrichtet werde. Die kleine Ella kommt vergnügt nach Hause und rüst der Mutter frohlockend zu: „Mama, aber morgen giebs was Feines in der Schule.' — „Wm denn?" — „Etwas Reizendes," versichert Ella. „Wir bekommen jetzt Unterricht in Heirathskunde" - . • Junge Frau (im Schlächterladen): „Ich bitte um ein I Stück von der Kalbstaille."