Nnterchaltrrirgsblatt znnr Giehenev Anzeigen (Gsneval-Anzeig-v) Nr. 84. 1'2* 1893. M LS LMM I!. ' ■ lEäfiSm MW MW MW KM PW .WM-M Donnerstag, den 20. Juli. s Der Staatsanwalt. Novelle von Wolfgang Hellmuth. (Fortsetzung). Am nächsten Vormittag — es war ein Sonntag und Rodewaldt hatte sich infolgedesien nicht in sein Bureau begeben — wurde ihm durch die Aufwärterin der Besuch zweier Herren angemeldet, deren Namen ihm nur ganz oberflächlich bekannt waren. Einigermaßen neugierig auf den Zweck ihres Erscheinens, hinsichtlich desien es ihm an jeder Vermuthung fehlte, ließ er sie eintreten, und es setzte ihn noch mehr in Erstaunen, als der eine von ihnen, der zum Sprecher aus- ersehen schien, ein Bankbeamter und Reservelieutenant v. Düring, nach einer feierlichen Verbeugung in sehr ernstem Tone begann: „Wir kommen als Bevollmächtigte unseres Freundes, des Rechtsanwalts Doctor Julius Stirner, und wir sind beauftragt, Ihre Erklärungen über ein Vorkommniß entgegen zu nehmen, das sich gestern im Haufe des Herrn Profeffor Hallenstein zu- getragen- Sie sollen sich dahin geäußert haben, daß es Ihnen unmöglich sei, mit dem Doctor Stirner an demselben Tische zu sitzen, und unser Freund ist ohne Zweifel berechtigt, darin eine schwere persönliche Beleidigung zu erblicken, wenn es Ihnen nicht gelingt, uns von dem unverfänglichen Sinn Ihrer Worte zu überzeugen." „Das zu versuchen, meine Herren, habe ich nicht den geringsten Anlaß," erwiderte der Staatsanwalt kühl und ruhig. „Die Erklärung, welche ich Herrn Profeffor Hallenstein gab und welche von Ihnen ganz richtig wiederholt worden ist, läßt, wie ich meine, an Deutlichkeit kaum etwas zu wünschen übrig, und ich bin überzeugt, daß Herr Doctor Stirner keiner Erläuterung bedarf, um ihren Sinn zu verstehen." „Sie geben also die beleidigende Absicht zul — Für diesen Fall, Herr Staatsanwalt, sind wir ermächtigt, im Namen unseres Freundes Genugthuung von Ihnen zu verlangen." „Das heißt: Doctor Stirner will sich mit mir schlagen?" „Ja! — Eine Beschimpfung wie diese kann unter Ehrenmännern wohl nicht gut auf andere Art gesühnt werden." „Unter Ehrenmännern — vielleicht! — Obwohl Sie zu vergessen scheinen, daß unsere Gesetze den Zweikampf verbieten und daß ich vom Staate zum Hüter dieser Gesetze bestellt worden bin. — Aber es ist überflüssig, die Sache unter diesem Gesichtspunkte zu betrachten. Auch wenn ich mich unter Beiseitesetzung meiner Pflicht zu einem Duell entschließen könnte, würde ich eine Herausforderung des Doctor Stirner doch nicht annehmen, da ich eben außer Stande bin, ihn für einen Mann von Ehre anzusehen." Der Bankbeamte warf sich in die Brust, und in dem Bestreben, würdevoll zu erscheinen, setzte er eine wahre Leichenbittermiene auf. „Und auf Grund welcher Thatsachen glauben Sie sich dazu berechtigt? Sie begreifen, daß eine derartige verächtliche Aeußerung über einen Mann, den ich soeben unseren Freund genannt, auch uns, seine Cartellträger, beleidigen muß, sofern sie nicht genügend motivirt werden könnte." „Nun wohl, meine Herren, ich will Ihnen die Motivirung nicht vorenthalten! — Gegen Ihren Freund ist in öffentlicher Gerichtssitzung der Vorwurf erhoben worden, daß er mit vollem Bewußtsein von der Verwerflichkeit und Ehrlosigkeit seiner Handlungsweise, unter gröblicher Mißachtung seiner Pflicht und unter Verletzung seines Eides versucht habe, einen Verbrecher seiner Bestrafung durch die irdische Gerechtigkeit zu entziehen und daß er sich dafür von dem Mörder mit dem Gelds seines unglücklichen Opfers habe belohnen lassen wollen- Er hat diese ungeheuerliche Beschuldigung nicht zurückgewiesen, und bis zu dem Augenblick, in welchem das Ehrengericht der Anwaltskammer eine Entscheidung über sein Verhalten abgegeben haben wird, kann er deshalb keinen Anspruch darauf erheben, wie ein Gentlemen behandelt zu werden. — Sollte es ihm gelingen, sich vor dem Forum seiner Standesgenossen von jener Anklage zu reinigen, so werde ich bereit sein, ihm jede Genugthuung zu gewähren, auf welche er Anspruch erheben darf." Die Bewegung, mit welcher der Staatsanwalt seine letzten Worte begleitet hatte, ließ keinen Zweifel darüber, daß er den Cartellträgern des Herrn Stirner nichts weiter zu sagen habe und die Verhandlungen als beendet ansehe. Mit etwas verlegenen Gesichtern zogen sich die beiden Herren zurück, und da sie nicht wtederkehrten, mußte Rodewaldt wohl annehmen, daß der Rechtsanwalt sich vorläufig mit seiner Erklärung zufrieden gegeben habe. III. Das ehrengerichtliche Verfahren, welches unmittelbar nach der Verhandlung jenes Mordprocesses gegen Doctor Julius Stirner eingeleitet worden war, nahm einen ziemlich überraschenden Verlauf. Diejenigen seiner Collegen, welche den Rechtsanwalt näher kannten, zweifelten im Grunde des Herzens keinen Augenblick an der Richtigkeit der Anschuldigung, welche der Angeklagte Paul Bergmann gegen ihn erhoben; denn ihnen war es längst kein Geheimniß mehr, daß Stirner sowohl in Civilprocessen wie in Straffachen ohne große Skrupel die Vertretung und Vertheidigung der anrüchigsten Personen über- nahm, sofern nur auf einen erklecklichen Gewinn für ihn selber dabei zu hoffen war. Er galt für den ständigen Berather und Rechtsbeistand einiger notorischer Wucherer, und es war ihm erst unlängst durch allerlei geschickte Kniffe gelungen, ein paar Gründer der gefährlichsten Sorte, die durch ihre schwindelhaften Manipulationen zahlreiche kleine Leute um sauer erworbene Sparpfennige gebracht hatten, vor entehrender Bestrafung zu bewahren. Aber wenn man den Advocaten auch für schuldig hielt, so glaubte man doch nicht daran, daß er sich aus freien Stücken zu einem Eingeständniß dieser Schuld, das seine Ver- urtheilung möglich gemacht hätte, bequemen würde. Seine Unterredungen mit Paul Bergmann hatten keinen Zeugen gehabt. Wenn er die Angaben des jetzt Verurtheilten als völlig aus der Luft gegriffen bezeichnete, so stand eben eine Aussage gegen die andere, und es war unausbleiblich, daß diejenige des Rechtsanwalts zuletzt für gewichtiger angesehen werden mußte, als die des Mörders, der möglicher Weise durch eine verzweifelte Lüge seinen Kopf zu retten gehofft hatte. Alle Welt erwartete von der bevorstehenden Verhandlung also kein anderes Ergebniß, als höchstens eine Rüge für das unpaffende Benehmen, welches Stirner dem Präsidenten des Gerichtshofes gegenüber beobachtet, und die allgemeine Ueber- rafchung war nicht gering, als der zur Reinigung seiner Ehre vorgeladene Rechtsanwalt mit dreister Stirn erklärte, Paul Bergmann habe nur die Wahrheit gesagt und er habe ihm allerdings empfohlen, seine That, deren er auf dem Wege des Jndicienbeweises kaum hätte überführt werden können, bis zum letzten Augenblick in Abrede zu stellen. Von der ungewöhnlich hohen Belohnung, welche ihm der Mörder versprochen haben sollte, wollte er freilich nichts wiffen, sondern er erklärte, daß es lediglich seine Auffaffung von den Pflichten und Rechten eines Vertheidigers gewesen sei, welche seine Handlungsweise bestimmt habe. Und diese Auffaffung vertheidigte er nun in einer Rede, wie sie scharfsinniger und glänzender vielleicht noch niemals für eine verlorene Sache gehalten worden war. Bei einer gelehrten Disputation des sechszehnten Jahrhunderts würde er mit den oratorischen Kniffen und Kunststückchen, von denen seine lange Rechtfertigung voll war, ohne Zweifel einen großen Erfolg davon getragen haben; vor diesem aus nüchternen und scharf denkenden Juristen zusammengesetzten Ehrengerichtshofe aber versagten seine dialectischen Taschenspielerkünste ihre Wirkung. Man mochte wohl im Stillen bedauern, daß so viel Geist und Talent in den Dienst schlechter Instinkte gestellt worden sei; aber man ließ sich dadurch nicht abhalten, denjenigen Spruch zu fällen, welcher durch die Gebote der Standesehre vorgeschrieben war. Der Name des Doctor Julius Stirner wurde aus der Liste der Rechtsanwälte gestrichen. Das Recht zur Ausübung der Advocatur war ihm durch das Urtheil der Anwaltskammer für alle Zukunft entzogen worden. Die Angelegenheit, deren Kenntniß eigentlich erst jetzt in weitere Kreise des Publikum; gedrungen war, erregte nicht geringes Aufsehen und man beschäftigte sich ein paar Tage oder Wochen lang sehr angelegentlich mit der Person des Doctor Stirner- Dann aber wurde die Sache über einer neuen Sensations-Affaire vergessen, und man kümmerte sich nicht weiter darum, was aus dem ehemaligen Rechtsanwalt geworden sein möge. — — Noch an demselben Tage, an welchem der Spruch des Ehrengerichts ergangen war, hatte Bernhard Rodewaldt einen Brief' erhalten, der die Namensunterschrift Stirners trug. Nach der Fassung dieses augenscheinlich in großer Aufregung hingeworfenen Schreibens konnte der Staatsanwalt nicht daran zweifeln, daß der Ausgestoßene ihn für den eigentlichen Urheber seines Geschickes ansah und daß er von glühendstem Hasse gegen ihn erfüllt war. Der Brief wimmelte von gröblich beleidigenden Wendungen und in einem sehr brüsken Ton forderte Stirner noch einmal für die ihm angeblich zugefügte Beschimpfung Genugthuung mit den Waffen. „Wenn Sie auch diesmal feige genug sein sollten, mir die geforderte Satisfaction zu verweigern," hieß es da am Schluffe, „so werde ich mir meine Genugthuung zu erzwingen wissen, indem ich Sie bei erster Gelegenheit auf offener Straße züchtige wie einen Buben. Seien Sie versichert, mein Herr Staatsanwalt, daß ich Ihnen nichts schenken werde — Ihnen weniger als irgend einem Menschen auf Erden!" Bernhard Rodewaldt hatte diesen Brief in den Papierkorb geworfen und hatte nicht daran gedacht, ihn zu beantworten. Mit einem Menschen, der durch das Urtheil seiner Standesgenossen in aller Form für ehrlos erklärt worden war, hatte er nichts mehr zu schaffen, und den Drohungen Stirners legte er nicht die geringste Bedeutung bei. In der That waren dieselben auch allem Anschein nach gar nicht ernsthaft gemeint gewesen oder der Briefschreiber hatte sich bei ruhiger Ueberlegung eines Besseren besonnen. Der Staatsanwalt hörte nichts mehr von ihm, und nur durch einen Zufall erfuhr er mehrere Wochen später, daß Doctor Stirner an die Spitze eines großen Auskunfts- und Detectiv - Bureaus getreten sei. Elfriede Hallenstein hatte Rodewaldt seit jener ersten Begegnung nicht wieder gesehen, und er vermied geflissentlich alle Orte und Veranstaltungen, wo er mit ihr oder ihrem Vater hätte zusammentreffen können. Einigen Berührungen mit dem Doctor Ernst Hallenstein hatte er freilich nicht aus dem Wege gehen können; denn der junge Arzt hatte die Gelegenheit dazu äugens heinlich mit großem Eifer gesucht- Je weniger sich Bernhard Rodewaldt zu ihm hingezogen fühlte, desto lebhafter schien das Wohlgefallen zu sein, welches der Doctor an ihm gefunden. Als er erfahren hatte, in welchem Weinhause der Staatsanwalt zu speisen pflegte, erschien auch er fast täglich in demselben, und ungeachtet der ziemlich kühlen Haltung, welche der Andere ihm gegenüber beobachtete, geberdete er sich bald ganz so, wie wenn sie seit Langem vertraute Freunde wären. Anfänglich hatte Rodewaldt, der sich jener von seinem Bekannten entworfenen Schilderung erinnerte, den Argwohn, daß es dem jungen Arzte vielleicht nur um die Erlangung eines Darlehens zu thun sei; da aber Ernst Hallenstein niemals ein derartiger Ansinnen an ihn stellte, mußte er schließlich wohl daran glauben, daß es lediglich Zuneigung sei, was ihn zu diesem Aufdrängen seiner Freundschaft bestimmte, und er hatte unter solchen Umständen nicht das Herz, dieselbe bestimmt und un- zweideutig zurückzuweisen. Der Name Elfriedens wurde seltsamer Weise niemals zwischen ihnen genannt, und so wußte der Staatsanwalt trotz seines Verkehrs mit dem Doctor nicht, ob die Beziehungen Stirners zu dem Hause Hallenstein noch fortbestanden oder ob sie inzwischen vielleicht sogar einen noch intimeren Character angenommen hatten. ,, _ L Bei einem Wohlthätigkeitsconcert, dessen Besuch Rodewaldt aus besonderen Rücksichten auf seine amtliche Stellung nicht hatte vermeiden können, sah er sich plötzlich von dem Gymnastaldirector angeredet. Die Begrüßung, welche Professor Hallenstein ihm zu Theil werden ließ, war eine sehr sreundschaftliche und hatte wenig Aehnlichkeit mit seiner damaligen Verabschiedung. , , , „Warum in aller Welt haben Sie sich nie mehr bei uns sehen lassen, mein lieber Herr Staatsanwalt?" fragte er lebhaft. „Ich hoffe, daß es nur die Last Ihrer Geschäfte war, welche Sie davon zurückhielt; denn ich würde, es aufrichtig beklagen, wenn jenes leidige Vorkommniß bei Ihrem ersten Besuche Ihren freundschaftlichen Gesinnungen für mich und meine Familie Eintrag gethan hätte- Ihr Benehmen bei jener Gelegenheit ist mir selbstverständlich später als vollkommen correct erschienen, und ich würde vielleicht sogar Veranlassung haben, mich für die darin enthaltene Warnung noch besonders bei Ihnen zu bedanken, wenn nicht glücklicher Weise meine Tochter selbst das peinliche Mißgeschick abgewendet hätte, von dem wir durch die Bewerbung dieses sauberen Herrn Doctorr bedroht waren." , . Bernhard Rodewaldt horchte hoch auf. Etwas wie eme beglückende Hoffnung durchströmte plötzlich seine Brust und mit unsicher klingender Stimme fragte er: g 335 ~ »Ihre Tochter selbst, Herr Professor? — Darf ich vielleicht fragen, inwiefern —" „Meine Elfriede wurde bei der Beurtheilung dieses Herrn eben von einem besseren Instinkt geleitet als ich. Ich hatte ihr auf seinen ausdrücklichen Wunsch nichts von seinem Sin* trage mitgetheilt, und als er ihr an jenem Tage, da Sie uns so plötzlich verließen, zum ersten Mal von seiner Liebe sprach, wies sie ihn ganz kurz und unzweideutig ab- Ich hatte mir also ganz überflüssiger Weise Sorge und Kopfzerbrechen gemacht; denn wenn er auch der vollkommenste aller Menschen gewesen wäre, würde ich doch selbstverständlich niemals daran gedacht haben, meine Tochter zu einer Heirath zu zwingen, welche nicht ihren eigenen Wünschen entsprach. — Wollen Sie übrigens meiner Elfriede nicht wenigstens einen „Guten Abend" wünschen, lieber Herr Staatsanwalt? Sie war es, welche Sie unter der Menge herausfand und mich auf Ihre Anwesenheit aufmerksam machte. Vielleicht würde es ihr wehe thun, wenn Sie nicht einmal einen Gruß für sie hätten." Natürlich war Bernhard Rodewaldt mit Freuden bereit, dieser Aufforderung Folge zu leisten, und er fand Elfriede, über deren Wangen bei seinem Eintritt ein allerliebstes Er- röthen huschte, fast noch anmuthiger und holdseliger, als bei jener ersten Begegnung. . Anfänglich zwar war man auf beiden Seiten etwas verlegen und die Unterhaltung wollte nicht recht in Fluß kommen; dann aber gab eine Beethoven'sche Symphonie, die soeben gespielt worden war, doch Gesprächsstoff genug, um Beiden über die erste Verwirrung hinwegzuhelfen. Jedenfalls verließ der Staatsanwalt für den Rest des Concerts die kleine Loge nicht wieder, und da er sich, um die Nachbarschaft nicht zu stören, nur im Flüsterton mit Elfriede unterhalten konnte, mach'e wohl, ohne daß er selbst etwas davon ahnte, die Art, in welcher er sich häufig zu ihr neigte und der Ausdruck, welchen seine Züge dabei annahmen, ihrem Verkehr in den Augen etwaiger Beobachter einen Anschein von Vertraulichkeit geben, den hervorzurufen er gewiß nicht beabsichtigt hatte. Nach Beendigung der Aufführung geleitete Rodewaldt, der sich wie in einem Rausch des Entzückens befand, den Professor und feine Tochter bis an die Droschke und reichte dort Elfrieden die Hand, um ihr beim Ernsteigen behülflich zu sein. „Gute Nacht, mein Fräulein!" flüsterte er ihr zu. „Werde ich hinzufügen dürfen: „Auf Wiedersehen?" „Ja!" gab sie leise zurück. „Besuchen Sie uns bald; denn Sie werden immer willkommen sein!" Und dabei verrieth ihm nicht nur der Blick ihrer schönen, glänzenden Augen, sondern auch der leichte Druck ihrer kleinen weichen Hand, wie aufrichtig die Versicherung gemeint war und eine wie köstliche Verheißung darin verborgen lag. Mit glücklich lächelndem Antlitz sah er der davonrollenden Droschke nach, so lange er sie noch in dem Gewühl der übrigen Wagen zu erkennen vermochte. In einer freudig gehobenen Stimmung, wie er sie bisher nur in wenigen Momenten seines Lebens empfunden, wandte er sich zum Gehen; aber er hatte kaum einige Schritte gethan, als er eine Berührung am Arme fühlte, die nur eine absichtliche gewesen sein konnte. Er sah sich um und blickte in das fahle Gesicht des Doctor Stirner, dessen scharfe, graue Augen mit einem tückischen Glitzern auf ihn gerichtet waren. „Auf ein Wort, Herr Staatsanwalt! — Ich habe Einiges mit Ihnen zu reden!" Unwillig hatte Rodewaldt sich von ihm losgemacht. „Ich habe keine Sprechstunden auf der Straße! Melden Sie sich bei dem Bureauvorsteher auf der Staatsanwaltschaft, wenn Sie mir etwas mitzutheilen haben, und ich werde dann prüfen, ob eine Veranlassung für mich vorhanden ist, Sie zu empfangen." „Oho — nicht so hochmüthig, mein verehrter Herr! — Was ich Ihnen zu sagen wünsche, geht den Bureauvorsteher bei der Staatsanwaltschaft ganz und gar nichts an. Das kümmert Sie allein, denn es bezieht sich auf Ihre Bemühungen um die Gunst einer Dame, welche Ihnen niemals angehören wird — verstehen Sie wohl: niemals, da ich fest entschlossen bin, es zu verhindern!" Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ging der Staatsanwalt weiter; Stirner aber blieb an seiner Seite und ging in gleichem Schritt neben ihm her. „Sie haben meinen Brief nicht beantwortet," fuhr er fort, und der heisere Klang seiner Stimme bewies zur Genüge, in wie großer Aufregung er sich befand, „und Sie haben vielleicht geglaubt, daß ich nicht der Mann sei, Ernst zu machen mit dem, was« ich Ihnen darin angedroht. Aber sehen Sie sich vor! — Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und ich wiederhole noch einmal: Geschenkt ist Ihnen Nichts! — Ein einziger Tropfen kann das Gefäß zum Ueberlaufen bringen, und der erste weitere Versuch, sich dieses Mädchen zu gewinnen, brächte Sie mit unfehlbarer Sicherheit ins Verderben! — Sie wissen, von wem ich rede, und ich rathe Ihnen —" Er kam nicht weiter; denn Rodewaldt, der ihn bis dahin ruhig hatte sprechen lassen, blieb plötzlich stehen und schnitt ihm die Vollendung des begonnenen Satzes ab. „Wenn Sie mich nicht jetzt auf der Stelle verlassen, werde ich genöthigt sein, Sie so zu behandeln, wie man einen zudringlichen Strolch oder einen lästigen Bettler behandelt, — bas heißt, ich werde Sie von dem ersten besten Schutzmann verhaften lassen. In Ihrem eigenen Interesse empfehle ich Ihnen, nrich dazu nicht erst zu treiben." Es war etwas in dem Ton seiner Worte, das keinen Zweifel an ihrer Ernsthaftigkeit aufkommen ließ, und die furchtlose Festigkeit seiner Haltung mußte den ehemaligen Rechtsanwalt zugleich davon überzeugen, daß er sich von irgend welchen Einschüchterungsversuchen kaum einen Erfolg versprechen dürfe. Auch hätte es Rodewaldt wenig Mühe gekostet, seine Verheißung zur Wahrheit zu machen; denn sie befanden sich noch in der Nähe des Concertlocals, die Straße war stark belebt und das behelmte Haupt eines Polizeibeamten wurde in geringer Entfernung sichtbar- So begnügte sich Doctor Stirner denn damit, ein höhnisches Gelächter anzuschlagen und mit dem giftigsten Ausdruck, dessen er fähig war, zu erwidern: „Sie drohen mir mit der Polizei? — Natürlich! — Die Polizei ist ja auch dazu da, um Kinder und Feiglinge zu beschützen. Die Hauptsache von dem, was ich Ihnen zu sagen hatte, wissen Sie übrigens nun und wir begegnen uns hoffentlich bald an einem Orte, wo Sie mir wohl oder übel auch für das Andere Gehör schenken müssen." Indem er mit ironischer Höflichkeit an seine Hutkrempe griff, drehte er sich um und ging nach der entgegengesetzten Richtung davon. Die beglückte Stimmung des jungen Staatsanwalts aber war durch diese Begegnung recht häßlich zerstört worden. Er hatte all' seine Selbstbeherrschung aufbieten müssen, um den frechen Patron nicht mit einem Faustschlag zu Boden zu schinettern, und stürmisch hämmerte das Blut noch lange in einen Schläfen. Wenn er bis dahin nur eine Empfindung kalter Verachtung für den ehemaligen Advocaten gehabt hatte, rer sich zum Spießgesellen eines gemeinen Mörders gemacht, o fühlte jetzt auch er etwas wie Haß in seinem Herzen empor* eimen, und er bedauerte fast, daß der Elende ohne die verdiente Züchtigung davongekommen war. Schließlich aber gewann doch das glückliche Ereigniß dieses Abends wieder die alleinige Herrschaft über seine Gedanken, und der holde Trauni, welcher damals ein so jähes, wehmüthiges Ende gefunden, gaukelte ihm aufs Neue allerlei herrliche, lockende Bilder vor, deren sonnige Farbenpracht durch keine Erinnerung an Doctor Julius Stirner mehr beeinträchtigt wurde. (Forts, f.) Gin Komiker in Wakd und Kain. Plauderei vou H ero Max. ------- (Nachdruck verboten.) Wollte man so kühn sein und von einer unbewußten, iummen, anschaulichen Dichtung der Mutter Erde in Bezug auf ihre Pflanzenwelt sprechen, so könnte man sagen: Die Erde 336 drückt in ihrer Pflanzenproduktion eine Summe von Gedanken aus. Sie spricht in den Bäumen großartig, elegisch und episch, — in ihren Blüthen und Früchten didaktisch, — in ihrem tausendfachen Blumenflor lieblich und lyrisch! Aber siehe da, auch das komische Genre ist vertreten! Er ist der Komiker im Reiche der Pflanzenwelt, der kurzbeinige, großhutige Pilz, wenn er im Frühling, Sommer, — besonders aber im Herbste — nach einem günstigen Regenguß gnomenhaft in Busch und Hag hervorlugt. Wie ein Kobold erscheint er über Nacht plötzlich und ungeahnt auf einem Fleck der Bildfläche. Welche reiche Physionomik! Vom koketten hochstieligen Parasol, desien schuppiger Hut ost einen Durchmeffer von einem Fuß erreicht, — bis zum drolligen, kleinen Bovist, der wie eine Kanonenkugel ungestielt aus der Erde hervorschießt, und dem ihm verwandten Staubpilz, kenntlich schon von fern an seinem eigenartigen kräftigen Geruch. Ein humoristisches Lebensbild entwickelt dieser kleine Staubpilz schon vor unseren Augen: in der Jugend ist er wohlschmeckend und angesehen wie flaumiger Bisquit; älter, grau und zäh und ungenießbar wie ein Philister, um zuletzt sein Inneres in dürren Staub zu verwandeln, der, mit den Augen des Menschen in Berührung gebracht, nicht ungefährliche Eigenschaften für diese besitzen soll. Ein wie reiches, wechselvolles Bild entrollt das komische Geschlecht der Pilze vor unseren Blicken! Besehen wir uns das stummwirkende Personal dieses Naturtheaters genauer! Wie sie Gesichter und Gestalt annehmen, die kleinen Kobolde! Da tritt uns zuerst der dicke, respektable, braunkuttige Kapuziner entgegen, als wolle er sich zu einer Kapuzinerpredigt über das lustige Gesindel um ihn her anschicken, — nicht weit von ihm steht der aufgeschwollene Fltegenschwamm, der wie ein zorngerötheter Hauswirth aus dem Busche giftig nach einem schlanken Helmpilzchen hinüberblickt, das keck wie ein jüngster Lieutenant im Moos steht! Dort äugt ein Satanspilz wie ein Mephisto seitwärts, wo sich ein gemächlicher, fleischiger Butter schwamm, dem ich die Rolle der komischen Alten zuertheilen möchte, breit macht; jung ist er butterweich und delicat, wie auch sein Vetter, der Schmerling, alt dagegen, vollgesogen, schwammig und aufgeblasen. Hier hängt der sentimentale Thränenpilz seinen trüben Gedanken nach und an der Chausiee lauert der spinöse Tintenpilz auf alle Tagesneuigkeiten, um schließlich seine Pilzexistenz in eine tintenartige Flüssigkeit aufzulösen. Tief im Schatten des Buchenwaldes, zu Füßen der Wach- holderbüsche, verträumt der idealere Reizker, im Volksmunde „Schüffelchenschwamm" genannt, von graugrüner Färbung, während sein Säst orangegelb ist, — sein Dasein, wenn es nicht im Kochtopf der Bäuerin endet. In seiner schalenartigen Vertiefung birgt der Reizker den Tau des Waldes und sieht aus, als Habs soeben eine kleine Blumenelfe ein Bad in seinem zierlichen Hütchen genommen. Ja, auch poetische Züge weisen die Komiker des Waldes auf, denn seht, dort! Sieht es nicht aus, als habe die Bachnixe ihr Spielzeug, das sie aus dem Meeresgrund sich heraufgeholt, achtlos hingestreut? An Gebilde aus der Oceantiefe erinnern sie, der zierliche goldgelbe Hahnenkamm, die rosigen, ästigen Korallenschwämmchen — dort leuchtet der schöne Erdstern herauf! Auch die Farben des Blumenbeetes ahmt das Pilzvölkchen nach. Der erst rosenrothe, dann dunkelroth-sammtene Spei- teufel blickt düster-prächtig drein, der narziffenduftende, schwefelgelbe Ritterpilz und seine violetten rc. Brüder stehen wie buntgekleidete Pagen da; — die Familie der Täublinge hat sich vielfarbig herausgeputzt und die der Glasköpfe erscheinen wie Modedämchen nur in den neuesten Farben: papageigrün, hochroth, wachsgelb rc. Die Dickfüße erscheinen wie Kirchenprälaten in blaßlila und vellchenblau. Welche Farben! Welche reiche Gestaltung! Ein ironisches Schild hängt die Natur diesen Pilzgebilden an! Je schöner, je giftiger! Je einfacher, je mehr ist ihnen zu trauen! Im Allgemeinen stimmt dies; die Natur sucht einen Ausgleich zu bahnen zwischen schön und nützlich und angenehm. So ist die Nachtigall die schlichteste und bezaubernste Sängerin, die farbenprächtigsten Blumen des Herbstes sind duftlos und der grauröckige einfache Champignon ist der vornehmste unter der Familie der Pilze. Er ist der König, die Anderen sind feine Vasallen. Machen wir ihm unsere Reverenz! — Es ist reizend, mit Goethe zu singen, frisch hinaus: Durch Wald und Feld zu schweifen, Mein Liedchen wegzupfeifen, So geht's den ganzen Tag! Und es gibt kaum ein intereffanteres Studium, kaum eine köstlichere Unterhaltung für den Naturfreund, der Wald und Flur durchstreift, und die Erscheinungen, die seinem Auge sich dort bieten, mit Interesse verfolgt, als das Studium der Familie der Pilze — giftiger sowohl wie genießbarer Mitglieder — an der Hand eines gut illustrirten Werkes. Mir erschloß sich diese — ich sage Wunderwelt — in ihrer verschiedenartigen Physiognomie zuerst in Thüringen, in desien Laub- und Nadelwäldern eine unglaubliche Menge von Pilzen emporsprosien. Wir sammelten dort dieselben auf unseren * Studien- excursionen in dazu angefertigte weiße Säckchen- Zu Hause wurde die eingeheimste Sammlung nach dem Werke aussortirt und durchstudirt. Man kann, ohne sich selbst zu gefährden, giftige Pilze nicht stundenlang im geschlossenen Zimmer aufbewahren; sie wirken in größerer Menge schon betäubend und ohnmacht- erregend durch ihren penetranten Duft. Von den eßbaren Pilzen stehen obenan natürlich der Champignon und die Trüffel, die Familie der Morcheln und Lorcheln, der Steinpilz und Reizker, welche besonders in Thüringen sehr geschätzt sind; ferner der Maischwamm, der einen sehr ähnlichen giftigen Bruder besitzt; sodann die ganze Verwandtschaft des Steinpilz: Ziegenlippe, Schmerling rc. und der vom Volke weniger gekannte Butterpilz, der, wie auch Bovist und Staubpilz, in Italien geschätzt und viel gegessen wird. Auch der kokette Parasol ist eßbar, aber sein Fleisch ist zäh und trocken. Das Komische seiner Erscheinung ist beim Pilz also auch mit dem Nützlichen verbunden, und es wäre wünschenswerth, daß man seinen edleren Sorten, die in unseren deutschen Wäldern häufig find, einige Aufmerksamkeit schenken wollte, um eventuell für einen Theil der Bevölkerung einen ergiebigen Nahrungszweig daraus zu schaffen; mögen auch Trüffeln immerhin „Kaviar" für das Volk bleiben. Der Gedanke, den ich hier anzuregen versucht, ließe sich jedenfalls überlegen. Und wenn man zuerst über den Komiker Pilz lustig mitgelacht hat, so soll man zuletzt Respect vor ihm haben, denn man weiß ja nicht, was aus der Familie der Pilze in Zukunft noch werden kann! Vermischtes. Uebertünchte Höflichkeit. Kannibalenmutter (vor der Abreise ihres Sohnes nach Europa): „Im Umgang mit jungen Damen bist Du noch sehr linkisch. Damen mußt Du stets den Vortritt lassen, indem Du sagst: „Nach Ihnen, mein Fräulein!" — Junge Deutsche (zu dem als Gast bei Tafel anwesenden Fremdling): „Was darf ich Ihnen noch reichen? Wonach haben Sie Appetit?" — Kannibalenjüngling: „Nach Ihnen, mein Fräulein!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.