ISf 3. Nntevhaltnngsblatt z«W Gietzenev Zlnzsigsv (GeMepal-Anzeigev) Donnerstag, den 20. April. —--............. -......>............. ii., .„„■■„■IM.^.l„m. Tante Hannas Geheimniß. Original-Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung). „Was? Ich einen Extrazug bezahlen?" rief der alte Herr ganz entsetzt. „Das sollte mir einfallen, da es mir im Grunde gleichgiltig ist, ob der Mörder geköpft wird oder nicht." „All right!" stimmte Mister Hilbrecht, ihm zunickend, bei. «Ist ganz vernünftig von Ihnen, Sir! — Ich aber will ihn hängen sehen, das will ich!" Er bekräftigte diesen Entschluß mit einem Faustschlag auf den Tisch, welcher alles darauf Befindliche in's Schwanken brachte. „Guten Tag, Herr Doctor!" Mit diesem Gruß trat im selben Augenblick ein einfach, aber sehr anständig gekleideter Tourist, welcher seit einigen Minuten der Unterhaltung am Tische mit sichtlichem Interesse gefolgt war, näher. Doctor Peters blickte den Herrn überrascht an und nickte dann freundlich. „Guten Tag, mein lieber Wolfius? — Was haben Sie denn hier in Göttingen zu thun? Wollen Sie Universitäts- Studien machen?" „Herr Doctor haben immer einen Witz für mich in Bereitschaft," erwiderte Wolfius, dessen geheime Detectiv-Function der alte Herr nicht kannte, indem er ihn nur für einen gewöhnlichen Agenten hielt. „Ich habe einen Auftrag für Herrn Julius Steindorf, den ich hier in Göttingen treffen sollte. Sie haben ihn wohl nicht gesehen, Herr Doctor?" „Herrn Steindorf? — Gewiß habe ich ihn gesehen und auch gesprochen. Er ist jedoch mit dem vorigen Zuge nach Moorkirch zürückgefahren." „Ach, das ist schade," sagte Wolfius in bedauerndem Tone, „hätte ihn so gern gesprochen, er sollte nämlich, wie es heißt, sich hier bei uns in der Nähe ankaufen wollen, und da habe ich ein prachtvolles Gut'für ihn in Vorschlag. — Halb und halb ist mir die Geschichte auch nicht recht glaublich, da er mit seiner Braut ja das schönste Gut der Welt, das schuldenfreie Edenheim, erhält." „Allerdings," meinte der Doctor, „es müßte denn sein, daß er sich von der Frau unabhängig machen und ein eigenes Besitzthum dagegen in die Wagschale werfen will. Da könnte er am Ende nächstens sein väterliches Gut Rotenhof zurückkaufen, da der arme Marbach wohl sterben wird." „Ach, was Sie sagen, Herr Doctor! — Er muß wirklich sterben?" rief Wolfius mit ungeheuchelter Theilnahme. „Der prächtige junge Herr, wie mir das leid thut. Wenn man doch den Thäter packen könnte, welcher die ganze Gegend unsicher macht und so viele Schandthaten auf dem Gewissen hat. Ich könnte den Verruchten mit kaltem Blute köpfen sehen." „Wollen ihn schon packen," sprach jetzt der Amerikaner, ingrimmig ausspuckend, dazwischen. „Kenne den Burschen wie meinen Augapfel, — ist mir diesmal entwischt, aber ich stelle ihn wieder oder ich will verdammt sein." „Sie haben den wirklichen Mörder gesehen?" fragte Wolfius, dem eine leichte Röthe als einziges Zeichen der Erregung in's Gesicht gestiegen war, mit halblauter Stimme. „Yes," den wirklichen Mister Prien, um dessentwillen ich von Amerika herüber gekommen bin." „Dann sollten Sie lieber etwas leiser sprechen," meinte Wolfius, „der Bursche könnte Freunde haben, welche ihn warnen. Weshalb haben Sie ihn denn nicht gepackt und wo ist er geblieben?" „Konnte ich vielleicht hinter'm Zuge herlaufen, der ihn nach Moorkirch entführte, dort treffe ich ihn, will seine Spur schon wiederfinden, hab' eine feine Nase darin. Brauche den deutschen Detectiv nicht, der sich irgendwo verkrochen hat." „Sie suchen doch nicht den Herrn Eckert?" Mister Hilbrecht zog seine Brieftasche hervor und nahm eine Karte heraus, von welcher er den Namen Eckert las. „Criminal-Commiflar Frenze! sendet Herrn Eckert den Mister Hilbrecht aus Chicago, welcher Mister Prien genau kennt." So las der Amerikaner und legte die Karte wieder bedächtig in seine Brieftasche. „Weshalb haben Sie auf diese Karte hin Herrn Eckert nicht aufgesucht, Mister Hilbrecht?" fragte Wolfius erstaunt. „Weil ich ihn nicht finden konnte, — kutschirte von Nest zu Nest, fand keine Spur von ihm, aber eine von Mister Prien, und kam hierher." „Das war gut und klug von Ihnen gehandelt, Mister Hilbrecht," sprach Wolfius freundlich. „Es ist em seltsames Zusammentreffen, daß ich just diesen Herrn Eckert kenne und sehr befreundet mit ihm bin. Ich traf ihn in der kleinen Harzstadt L, wo er krank därniederltegt Er war sehr unglücklich und theilte mir so viel von seiner Mission mit, daß ich ihm versprach, meine Augen offen zu halten und jeden Verdächtigen, der mit dem mir gegebenen Signalement Aehnlichkeit besäße, mif’s Korn zu nehmen." „Da konnten Sie aber bös hereinfallen, mein Lieber!" meinte der Doctor kopfschüttelnd. „Ein Detectiv muß Spitz- buben-Augen haben und die Spreu vom Weizen sofort zu unterscheiden wissen." 182 — „Nein, er muß ein Allerweltsmensch, ein Commödiant sein," fiel Mister Hilbrecht mit großer Entschiedenheit ein, „sonst fängt er keinen geriebenen Spitzbuben. Sage Ihnen, Gentlemen, wir haben drüben famose Detectivs. Ist da ein gewisier Mister Haws, könnt' ihn nicht für vieles Geld haben, war just hinter einer Falschmünzer-Gesellschaft her, der hält' ihn mir aus dem rollenden Zuge herausgeholt. Ihr Mister Eckert ist ein Kohlkopf, aber kein Detectiv, der überhaupt nicht krank werden darf." Doctor Peters lachte belustigt auf. „Gott fei Dank, daß es nur wenige von dieser Sorte gibt," bemerkte er dann, „wäre sonst ein Unglück für uns Aerzte." Wolfius hingegen war sehr ernst geworden. „Schelten Sie meinen Freund Eckert nicht, Mister Hilbrecht," sagte er halblaut, „ich wette mit Ihnen, daß er den Mister Prien noch eher fängt als Sie " „Wetten?" schrie der Amerikaner. „Wie hoch? Kalkulire, Mann, daß Sie dabei liegen, by Jowel" „Ich wette um zehn Flaschen Sect, Siri" „Abgemacht, Sie sind Zeuge, Doctor I" Mister Hilbrecht reichte ihm die Hand, welche Wolfius kräftig schüttelte. „Sie reisen aber mit uns," sagte der Amerikaner, „dürfen Ihren Freund nicht sprechen." „Selbstverständlich, ich reise mit Ihnen, Mister Hilbrecht!" Ueber das ernste Gesicht des Detectivs zog's wie leiser Spott. „Eine Bedingung muß ich im Namen meines Freundes daran knüpfen," fuhr er rasch fort, „die Erlaubniß Ihrerseits, Sie holen zu lassen, wenn der Vogel im Netze steckt, um die Persönlichkeit festzustellen." „All right, er kann mich rufen und ich komme, werde Ihnen meine Adresse in Moorkirch geben." „Dann müssen Sie sich ja immer zu Hause halten, Mister Hilbrecht!" wandte der Doctor ein. „Verdammt, das geht nicht, muß den old boy doch packen ' „Er darf Sie dort nicht sehen, Mister Hilbrecht!" sprach Wolfius. „Bleiben Sie hier, bis mein Freund Eckert Sie ruft" „Halten Sie mich für ein Rhinozeros, Sir?" schrie der Amerikaner zornig. „Wär' mir eine schöne Wette! — Nein, gleiche Sonne, gleiches Recht, ich lasse von seiner Spur nicht mehr und werde Ihnen das F ld nicht allein überlassen." Doctor Peteis sah auf Wolfius, der ungeduldig die Achseln zuckte Es fchien ihm plötzlich ein anderes Licht über die Persönlichkeit desselben aufzugehen und sein Vorschlag ihm vollständig berechligt zu sein. „Bitte, Mister Hilbrecht," mischte er sich deshalb ver- mittelnd ein. „Ihr Zorn ist grundlos, Herr Wolfius hat recht, sein Vorschlag ist sehr vernünstig- Wenn jener Mensch Sie dort erblickt, so ist er hinreichend gewarnt, um sofort von d-r Blldfläche zu verschwinden. Mir ist es allerdings ganz unbegreiflich, weshalb er nach dem Schauplatz feiner Verbrechen zurückkchren sollte. Wenn Sie sich doch nur nicht in der Person geirrt haben." „Unsinn, Sir! — Kenne den Vogel zu genau! Es war Mister William Prien, darauf will ich gleich hunderttausend Dollars verwetten. Aber hier in dem Neste bleib' ich doch nicht." „Lassen Sie uns einen Ausweg suchen, Mister Hilbrecht!" begann Doctor Peters auf's Neue- „Setzen Sie zum Exempel eine kurze Frist, Herr Wolfius!" . Mn, sagen wir drei Tage," erwiderte der Detectrv rasch, „geben Sie mir diese kurze Frist, da ich meinen Freund doch erst instruiren muß, Sir!" Der Amerikaner schüttelte ungeduldig den Kopf. „Unsinn, Mann, weder Sie noch Ihr Freund, der kranke Detectiv, kennen den Mister Prien, was wollen Sie dort ohne mich beginnen? Und weiter, Sir! — Was soll ein Kranker dort? — Kommt mir wahrhaftig beinahe der Gedanke, als ob Sie den Kerl entwischen lassen möchten." „Der Gedanke wäre doch zu dumm, Mister Hilbrecht!" rief der Doctor. „Ich bürge für diesen Herrn, — geben Sie nach, bleiben Sie drei Tage hier, mein Gott, die kurze Frist gewährte ja selbst der Tyrann von Syrakus." Der Amerikaner lächelte als Republikaner verächtlich über diesen ihm völlig unbekannten Tyrannen, den er für irgend einen deutschen Monarchen halten mochte. Endlich aber gelang es der vereinten Ueberredung der beiden Herren, ihn zum Bleiben zu bewegen. Er gab Handschlag und Wort darauf, versicherte aber energisch, daß er genau nach dreimal vierundzwanzig Stunden auch ungerufen abreisen werde. Dann begleitete er Beide nach dem Bahnhof und sah ihrer Abfahrt zu- ♦ * • Mittlerweile war Julius Steindorf mit dem Schnellzuge bis zur letzten Station vor Moorkirch gekommen und hier ausgestiegen. In dem eine Viertelstunde entfernten Dorfe, wo er hinreichend bekannt war, miethete er sich ein kräftiges Reitpferd und sprengte mit verhängten Zügeln über die Chaussee, welche an Rotenhof vorüber nach Evenheim führte. Wo er sich eine Strecke abschneiden konnte, benutzte er ohne Skrupel die Feldwege und nur vor dem früheren Heim, da« er um eines Weibes willen verscherzt, hielt er das Pferd an, um mit wilderregten Augen hinüber zu schauen. Seine Lippen bewegten sich dabei lautlos, wie in einem inneren Krampfe und wüthend ließ er die geborgte Reitgerte über das Pferd sausen, daß es im rasenden Galopp mit ihm davon stürmte- Wie die Gedanken während dieses tollen Rittes in seinem fiebernden Gehirn tobten, wie höhnend die Zeilen des verhäng- nißvollen Docnments in den Händen des verhaßten Doctors vor ihm in der Luft tanzten und — dann? — „Die Hölle ist los!" murmelte er plötzlich, als ob ihm die Kehle zugeschnürt wäre und mit einem Ruck hielt er das dahinstürmende Pferd an. Das gehetzte Thier zitterte heftig, er ließ es im Schritt gehen, nicht aus barmherziger Schonung, sondern nur deshalb, weil er, als er Edenheim'schen Boden betrat, sein Blut beruhigen, seine Gedanken sammeln und ordnen wollte, um einen Entschluß für die nächste Stunde zu fassen. Immer finsterer wurde dabei sein Gesicht, das eine aschfahle Farbe angenommen hatte. Es erschien plötzlich wie gealtert unter der Wucht der Gedanken. „Bah, — Hirngespinnste, Kinderei!" murmelte er. „Jetzt beißt es, das Letzte aus dem Schiffbruch retten. Der Doctor kann vor Abend nicht hier sein und —" Er brach ab und schüttelte sich wie von einem plötzlichen Grauen gepackt. Dann wurde er ruhiger, sein Gesicht glättete sich und nahm den Ausdruck stiller Resignation wieder an. So gelangte er nach Ebenheim, wo ihm von Mamsell Evers der Bescheid wurde, daß Fräulein Holten nach der Stadt gefahren fei. „Und wann kehrt meine Braut zurück?" fragte er, sich gewaltsam bezwingend. „Das kann ich nicht sagen, sie war gestern auch dort und kehrte erst gegen Abend wieder zurück." „Ich will hier warten!" sagte er kurz und schritt die Treppe hinauf in's Wohnzimmer. „Wünsche ein wenig zu schlafen," wandte er sich noch einmal zu der Mamsell, als diese sich entfernte, „und werde mich deshalb, um vor Störungen sicher zu fein, einschließen. Wenn, das Fräulein zurückkehrt, klopfen Sie nur an." , , Die Mamsell ging und hörte kopfschüttelnd, wie Steindorf den Schlüssel umdrehte. Die Rollgardinen waren der Sonne halber herabgelassen, er konnte ungestört ruhen. Einen Augenblick stand er in der Mitte des ebenso geräumigen als behaglichen Zimmers, dessen gedämpftes Licht wohlthätig auf feine erhitzten Augen einwirkte. War ihre Abwesenheit ein Glück oder ein Unglück für ihn? — Er schien einen Augenblick darüber zu grübeln und richtete sich dann entschlossen auf. Er war mit sich im Reinen, da er sich, nach jener Vollmacht zu schließen, unbedingt sagen mußte, daß nicht die Liebe zu ihm, sondern der Tod seiner Kindes sie in seine Arme geführt habe und es jetzt nur noch -ilbrechtl" geben Sie urze Frist jtlich über iür irgend der gelang ihn zum rt darauf, it vierund- Dann be- lbfahrt zu- Schnellzuge । hier aus- >rfe, wo er stigeö Reit- ie Chaussee, e. Wo er ne Skrupel das er um an, um mit ipen beweg- mampfe und seid sausen, te. es in seinem Des verhäng- iten Doctorr als ob ihm hielt er das tterte heftig, er Schonung, en Boden be- und ordnen >e zu fasten, as eine asch« stich wie gelte er. „Jetzt Der Doctor em plötzlichen esicht glättete eder an. So ll Eoers der gefahren sei. ugte er, sich uch dort und ib schritt die in wenig zu sell, als diese r Störungen t zurückkehrt, wie Steindorf m der Sonne Einen Augen- en als behag' ig aus seine Unglück für grübeln und ch im Reinen, bedingt sagen c Tod seines jetzt nur noch Armgard Holten befand sich in ihrem Hause in Moorkirch. Hierher war sie geflüchtet vor der qualvollen Unruhe ihres Innern, vor einem Schreckgespenst, das sie verfolgte, seitdem Doctor Peters die Vollmacht zum Handeln von ihr erhalten hatte. Sie fürchtete sich vor ihren eigenen Gedanken, da die für ihn einen einzigen Weg gab, den der Selbsterhaltung und des eigenen Vortheils. „Ja, des Vortheils," murmelte er mit einem hohnvollen Blick auf die lebensgroßen Brustbilder von Armgards Eltern, „die theure Braut hat'S mir ja freigestellt, nehmen wir also unser Recht, da die Zeit mangelt, ihre Rückkehr zu erwarten. Vorwärts also!" Er entledigte sich geräuschlos seiner eleganten Stiefel und lächelte befriedigt bei dem Gedanken, die Sporen, welche man ihm in jenem Dorfe angeboten, ausgeschlagen zu haben. Ja, Herr Julius konnte in diesem Augenblick noch an kleinliche Nebendinge denken und darüber lächeln. Sonderbares Menschenhirn, das in den sürchterlichsten Augenblicken armseligen Gedanken nachhängen kannl Wieder stand er aufhorchend still, rollte da nicht ein Wagen? Bah, sie waren ja bei der Heuernte beschäftigt, er hatte es trotz seiner roilben Aufregung sehr wohl bemerkt. Er ging geräuschlos nach der Thür, welche in Armgards Boudoir führte, dieselbe war, wie er vermuthete, verschlossen. Der elegante Herr zog einen krumm gebogenen Nagel aus der Tasche, um dar Schloß zu öffnen. Seine wohlgepflegte, schöngeformte, weiße Hand zitterte nicht bei diesem unheimlichen Thun. Dann zog er den Nagel plötzlich wieder zurück und starrte vor sich hin. „Wie lautet doch der Schlußpastus jener famosen Vollmacht ?" fragte er sich, seine Gedanken anstrengend. „Richtig, wenn ich die Verlobung aufheben wolle, wäre meine holde Braut zu jedem Opfer bereit. — Hätte gleich mit dem alten Narren von Doctor unterhandeln und die Sache in’s Reine bringen sollen, anstatt^jetzt zum gemeinen Einbrecher zu werden. Hm, wenn ich ihr einige Zeilen hier ließe, sie schwiege gewiß, weil sie zum Schaden noch Spott ernten würde. Und doch widerstrebt es mir, weil sie unerwartet heimkehren und mich dabei überraschen könnte. Vielleicht hat sie nicht viel Baares im Hause, die Zeit verrinnt, es würde zu spät sür mich!" Er athmete schwer, der Angstschweiß perlte ihm auf der Stirn. Die kleine Standuhr schlug die vierte Nachmittagsstunde. „Vor sieben kann der nächste Zug nicht eintreffen," rechnete er, „ich halt's hier nicht aus. Also hin zu ihr auf dem schnellsten Renner aus ihrem Stall. Noch wagt man es nicht, mir Widerstand entgegen zu setzen. Um Halbsechs Uhr muß ich in Moorkirch sein und eine Stunde später schon über alle Berge. Bah, den Kopf hoch und Deinem Stern vertraut, Du bist jetzt aller Ketten ledig!" Er schauerte wieder zusammen, zog dann rasch die Stiefel an und verließ das Zimmer. „Habe drinnen Kopfschmerzen bekommen," sagte er zu der überraschten Mamsell, „will lieber nach der Stadt reiten, begegne meiner Braut vielleicht unterwegs." „Wollen Sie vorher etwas genießen, Herr Steindorf?" fragte sie gemeffen. „Ein Glas Wein, wenn ich bitten darf, aber rasch," sagte er im Vorbeischreiten. Dann ging er schleunigst nach dem Pferdestall, wo sein abgehetzter Gaul sich an der Krippe gütlich that, suchte den besten Renner heraus und befahl einem dienstfertig hinzutretenden Knechte, denselben sogleich zu satteln und vor's Haus zu sühreu. . „Der versteht sich auf Pferde," brummte der Knecht einem Kameraden zu. „Und auf's Commandiren," meinte dieser mit einem scheuen Blick auf die dahinschreitende elegante Gestalt. Mamsell Evers stand bereits mit dem Wein auf der Treppe. Er stürzte zwei Gläser davon hinunter, schwang sich dann auf's Pferd und ritt im schärfsten Trabe davon. alten Zweifel wieder Besitz von ihr genommen hatten und sie unablässig mit der Frage peinigten, ob sie nicht recht daran gethan, einem Ertrinkenden den letzten Strohhalm der Rettung zu entziehen, ihn grausam angesichts des sicheren Hafens in's stürmische Meer wieder hinauszustoßen? Das gemordete Kind schien die Hände nach ihr auszustrecken, um sie festzuhalten und an ihre Pflicht zu mahnen. Ihre ganze Willenskraft und klare, kalte Lebensanschauung, die sie sich so schwer erkämpft halte, waren von ihr gewichen und nur die Schwäche und mnthlose Resignation zurückgeblieben!. Sie wunderte sich über die eigene, jäh aufgeflackerte That- kraft, mit welcher sie die Vollmacht geschrieben und sich nrplötz- lich zum Handeln aufgerafft hatte und entfloh nach der Stadt, von dem unbestimmten Angstgefühl getrieben, daß jede nächste Stunde ihr irgend etwas Entsetzliches bringen müsse. Er würde kommen, um Rechenschaft von ihr zu fordern für ihren Wort- bruch, der Mann, den sie einst mit einem Kmderherzen so leidenschaftlich geliebt, und vor dem sie jetzt ein Grauen, eine unsägliche Furcht empfand. Auch hier in der Stadt mußte er sie finden, fein erster Weg würde doch ihrem Haase gelten. Wohin sollte sie vor ihm flüchten? „In's Hospital - zu Tante Hanna!" sprach sie unwillkürlich diesen rettenden Gedanken laut und entschlossen aus, ohne zu bemerken, daß die alte Wirthschafteriu sie bekümmert beobachtete und sich besorgt im Zimmer zu schaffen machte, um in ihrer Nähe zu fein, da sie ihr Fräulein noch für recht krank hielt. t r P - Die plötzliche Energie Armgards beruhigte sie em wenig, sie brachte ihr geschäftig Hut, Handschuhe und Sonnenschirm und bemerkte zu ihrem Manne, daß das Fräulem recht merkwürdig seit ihrer Verlobung geworden sei, was dieser sehr natürlich fand, da die alte Siebe, welche so lange eingerostet gewesen sei, nun eine viel „dollere Consuschon ' bei einem Frauenzimmer anrichten thäte. Armgard schritt in der gewohnten graziösen Haltung durch die Straßen dem etwas entlegenen Krankenhause zu. Man blickte der anmuthigen Gestalt nach, grüßte vielfach und machte seine Glossen über die verliebte Erbin, welche mit ihrem Reich- thum so lange auf den ungetreuen Liebsten gewartet und sich endlich noch zum Gespött der Stadt gemacht hatte. Man gönnte ihr diesen Mann von Herzen, der sie doch nur um ihres Geldes halber jetzt heirathe und verurtheilte sie, daß sie nicht einmal so viel Ansmndsgefühl bewahrt und das Trauerjahr um das so schmählich gemordete Kind innegehalten habe. Armgard hörte glücklicherweise nichts von diesem Urtjeil, anscheinend ruhig und stolz schritt sie dahin, freundlich die Grüße erwidernd, doch Niemand Rede stehend. So gelangte sie unangefochten in's Krankenhaus, wo der Arzt sie freundlich begrüßte und sofort auf ihre Bitte zu Tante Hanna führte. „Sie hat heute einen besonders guten Tag, zeigt eine erfreuliche Aufmerksamkeit für die Außenwelt und nimmt merklich an körperlichen Kräften zu," sagte der Arzt, sie die Treppe hinauf geleitend. „Gehen Sie dort nur hrnem, mein gnädiges Fräulein, Tante Hanna sitzt in ihrem Lehnstuhl am Fenster, j Armgard dankte ihm und öffnete behutsam die Thür. In dem freundlichen Zimmer duftete und blühte ein reicher Blumenflor, da man von allen Seiten der gute» Tante Hanna die schönsten Sträuße sandte, unbekümmert, ob sie sich daran erfreuen konnte oder ob ihr Auge theilnahmlos darüber hin- ■ftreifte. Dankbare Herzen hatten das Bedürfmß, ihrer Siebe -für die Greisin Ausdruck zu geben und wären unsagbar glücklich gewesen, hätten sie ahnen können, daß Tante Hanna be- reits die Nähe ihrer Sieblinge empfand und ihr Blick mit entern firmenden Ausdruck auf den Blumen hastete. Die Wärterin erhob sich bei Armgards Erscheinen und deutete lächelnd auf die Kranke, deren Stuhl dicht an bas offene Fenster gerückt war, Damit ihr der volle, ungehinderte Ueberblick des blühenden Gartens zu Theü werde. (Fortsetzung folgt.) 184 Vermischtes» Gemeinnütziges. Praetifche Winke für Sparsame Hausfrauen. 1) Vor dem Wegstellen der Feuerungszeräthe nach beendigter Heizzeit empfiehlt es sich, Schaufel, Schürhaken und Kohlenbehälter auszuspülen, sie dann gut in der Sonne trocknen zu lassen und sie hierauf mit Petroleum zu bestreichen. Diese einfache Methode schützt die genannten Geräthschaften den Sommer über vor Rost- 2) Fensterleder müssen nach dem Gebrauch rein ausgewaschen und zum Trocknen aufgehängt werden; jedoch sind sie nachher in noch halbfeuchtem Zustande zusainmenzurollen und wegzulegen, sonst werden sie hart und brechen leicht- 3) Silberne Löffel und überhaupt Silber- geräth, welches nicht täglich im Gebrauch ist, bleiben vor dem sogenannten Beschlagen bewahrt, wenn man sie in weiches, mit fein pulverisirter Kreide bestreutes Papier einwickelt. 4) Zahnbürsten darf man nach dem Gebrauch nie in geschlossenem Raum aufbewahren, sie müssen vielmehr offen hängen oder liegen, damit sie bald und gut austrocknen. ♦ ♦ ♦ Den Holzwurm in Möbeln kann man — wenn thunlich, — durch Eingießen von Petroleum, Benzin, Naphthalin, Schwefelkohlenstoff, Jnsectenpulvertinktur, durch Jmpräg« niren (Kyanisiren) des Holzes mit Quecksilber-Sublimat (giftige Dämpfe!) vertilgen. Ein weiteres Mittel soll darin bestehen, an passenden Stellen der Möbel (im Innern des Kastens) dünne Brettchen von Erlenholz anzubringen, welches Holz die Würmer lieben und wohin sie sich zurückziehen, um dann vertilgt zu werden. Zierpflanzen, die an faulenden Wurzeln kranken und zu verderben drohen, lassen sich in vielen Fällen retten, wenn man die Erde mit zerriebener Kohle — am besten von hartem Holze — vermischt. Die Kohle, als Streupulver benutzt, ist auch im Stande, größere Wunden an Saftgewächsen zur Heilung zu bringen. ♦ * Härungs-Rouladen (Rollmöpse). Fette Häringe, womöglich nur milchens, legt man einen Tag in Wasser und einen Tag in abgeschöpfte Milch, schneidet den Kopf, die Flossen, sowie die Haut ab, spaltet sie der Länge nach, entfernt die Gräten und bestreicht jede Ftschhälfte auf der Innenseite mit einem Gemisch von feingehackten Capern, Chalotten, Citronen- schale und etwas Senf; dann rollt man die Ftschhälsten zusammen und steckt ein Holzstiftchen hindurch. Die Häringsmilch wird zu Brei zerhackt, in Essig zerquillt und über die in einen Steintopf gelegten Fisch-Rouladen gegossen, zu denen man noch einige Citronenscheiben und ein paar Löffel Capern, Lorbeerblätter und Pfefferkörner thut. Nach sechs Tagen sind sie schon genügend marinirt. Beim Anrichten mischt man etwas Salatöl unter die Sauce. » * ♦ Fleischbrühe mehrere Tage aufzubewahren. Jede Hausfrau weiß, daß man von einem großen Fleischstück eine ver- hältnißmäßig viel kräftigere Bouillon erhält, als wenn man von der gleichen Gewichtsmenge Fleisch wiederholt die gleiche Quantität Brühe kocht. Um diesen Vortheil ausnutzen zu können, koche man gleich für mehrere Tage die erforderliche Bouillon, fülle sie in Weinflaschen und verschließe sie oben zunächst mit einer fingerdicken Schicht von Rindsfett oder Butter, um die Bouillon hermetisch abzuschlteßen. Wenn diese Fettschicht erstarrt ist, verkorkt man die Flaschen und bindet ein Stückchen Watte darüber. ♦ » ♦ Wurst und Schinken, welche angeschnitten sind, verbinde man an der Schnittfläche mit einer Scheibe geräucherten Specks. Dadurch wird ein Austrocknen verhindert. Die Toiletten der künftigen Fürstin von Bulgarien. Aus Paris wird dem „Wiener Tagblatt" geschrieben: „Die Toiletten, welche zum Trousseau der Prinzessin von Parma, Braut des Fürsten Ferdinand von Bulgarien, gehören, sind eine Sammlung von zehn vollkommenen Wunderwerken. Da ist vor Allem ein Reisekleid, aus grau-lila Changeant-Wollstoff, ganz besetzt mit licht goldbraunem Sammet. Die Taille ist im Ton des Kleides gestickt, mit einer Chemisette aus dem gleichen Velour glace, ein Sammet, der sehr dünn, sehr leicht, sehr weich ist und jetzt vielfach zu den reizendsten Toiletten verwendet wird. Dieser Sammet ist eine Erfindung aus der allerletzten Zeit, die kaum dem gleichnamigen Gewebe ähnlich sieht, das früher für Kleider wenigstens nur ganz glatt verwendet werden konnte, da es sonst viel zu schwer war. Nach der Reisetoilette die Besuchstoiletten. Die eine ist aus grauem Satin glace mit langer Schleppe, die mit gelben Federn besetzt ist. Der Sattel ist auf grauer Seide gestickt, mit Einsätzen aus gelbem Grosgrain. Der Devant, gleichfalls aus gelbem Grosgrain, ist mit Renaissance-Spitzen bedeckt. Die Aermel sind sehr reich geschnitten, aus grauem Atlas mit gelbem Federnbesatz. Ein kleiner Hut vervollständigt diese Toilette; als ganzen Aufputz hat der Hut Maschen aus gelbem Allas, in denen zwei mattsilberne Aigretten stecken. Die zweite Besuchstoilette ist noch viel eleganter, das Kleid aus licht himmelblauem (couleur ciel de mai) Seidencrepe, die Taille griechisch drapirt, mit einem Sattel aus venetianischer Guipure. Als Gürtel dient ein einfaches Goldband, mit Steinen besetzt. Ein reich drapirter Umhangkragen aus dem Stoff des Kleides und ein großer Rembrand-Hut aus schwarzem Reisstroh mit mehreren schwarzen Straußfedern gehören zu dieser Toilette. Die „Gar- den-Parties" sind natürlich nicht vergessen worden. Das Kleid für solche Veranstaltungen ist aus weißem Cräpon mit Einsätzen aus weißer Guipure, durch welche man das Unterkleid aus zart rosafarbenem Taffet durchsieht. Von reizender Einfachheit ist ein Hauskleid, Genre Marie Antoinette, regenbozm- färben, mit einem Fichu aus weißem Tüll. Zwei Toiletten sind für intime Diners bestimmt, ein Directoir - Costüm aus Pekin mit ziemlich breiten rosa und weißen Streifen und großem Revers, der Devant ist aus weißer Seidenmousseline. Das zweite Kleid ist aus silbergrauem Atlas, reich drapirte Taille mit einem Knoten auf der Brust. Sehr originell ist ein Kleid Genre teagown für den Fünf - Uhr - Thee. Das Unterkleid, in Prinzeßform geschnitten, aus wassergrünem Atlas, darüber ein Spitzenhemd, festgehalten durch mehrere Perlen- reiben, die in Festons herabhängen. Ungcheure Aermel aus Velours glace vervollständigen dieses Costüm. Eine große Gala-Touquets, ganz japanisch in Farbe und Zeichnung. Das Kleid ist ganz glatt, nur mit einer Spitzenberthe am Ausschnitt. Schließlich ist noch eine sehr elegante Soiree-Toilette zu erwähnen» enganliegend, aus einem Atlasstoffe, der vollkommen an die Farbentöne der Perlmutter erinnert. Der Devant ist aus Duchessespitzen mit Perlenstickerei und Orchideen in Rokokostickerei. Das Schnapshuhn. A.: „Wie? Sie füttern Ihre Hühner mit Nordhäuser und Zucker?" — B.: „Ja, ich will doch sehen, ob nicht eins 'mal'n fertigen Knickebein legt!" ♦ ♦ Sonderbares Sparsystem. Theaterkassier (zu einem Bekannten): „... Bei uns werden jetzt großartige Ersparungen gemacht! ... Sie glauben gar nicht, was uns das - Geld kostet!" ♦ ♦ Zeitbild. 91.: „Sie schauen aber schlecht aus!" - B.: „Ja, der Fasching hat mich so angestrengt!" — A.: „Haben Sie denn so viele Bälle besucht?" — B.: „Nein! Aber ich bin Beamter im Leihhaus!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.