3um Metzenev Anzeigen (Geneval-Anzeigev) SJ g, 1883 N> WM Samstag, den 19. August. (Fortsetzung.) „Nun, Sie haben uns an dem heutigen Abend doch immerhin einen interessanten Beweis geliefert, welcher Helden» thaten ein entschlossener Mann in gefährlichen Augenblicken fähig ist," höhnte Neukamp. „Sicherlich gehörte kein geringer Das goldene Kalb Novelle von Reinhold Ortmann. Valentini stürzte in einem höchst befremdlichen und jammer» vollen Aufzuge herein. Seine elegante Gesellschaftstoilette, deren modischer Schnitt und tadelloser Sitz stets seinen ganz besonderen Stolz ausmachte, war kaum noch wieder zu erkennen. Sie war von oben bis unten mit Staub und Spinngeweben bedeckt; die großen weißen Flecken auf den Rückentheilen des Fracks gaben Kunde davon, daß der Träger des letzteren sich irgendwo sehr innig an eine abfärbende Wand geschmiegt haben müsse, und der rechte Aermel war überdies in seiner ganzen Ausdehnung aufgerissen. Wie schwer auch noch immer der furchtbare Ernst der eben durchlebten Stunde auf allen Gemüthern lasten mochte, die überwältigende Komik dieses unerwarteten Anblicks konnte doch mcht ganz ohne Wirkung bleiben. - Ebithas Lippen kräuselten sich zu einem flüchtigen Lächeln, Hugo Neukamp aber und der Oberst brachen in ein lautes Gelächter aus. , --In des Teufels Namen, Herr, wo kommen Sie denn Äber^tere dem noch immer kreidebleichen und mit allen Gliedern schlotternden Juristen zu. „Sie haben es doch nicht etwa mit Hülfe Ihrer glücklichen Magerkeit fertig ge- bracht, wirklich in ein Mauseloch zu kriechen?" . der Nachwirkung der ausgestandenen Todesangst hatte der Assessor augenscheinlich alle Empfindlichkeit verloren, so daß ihn der gutmüthige Spott dieser Frage nicht im mindesten verletzte. „Woher ich komme?" wiederholte er. „Nun, vom Boden natürlich! Wo sollte man sich denn sonst verbergen, da doch alle Ausgänge von diesen nichtswürdigen Aufrührern besetzt waren! — Im zweiten Stock schien es mir nicht viel sicherer als hier unten und so stieg ich denn noch höher hinauf, bis ich nicht mehr weiter konnte. Aber es war — beim Zeus! — nicht sehr angenehm unter dem schmutzigen alten Gerümpel da oben, und Sie müssen schon entschuldigen, meine Damen, wenn ich mich Ihnen in einem nicht mehr ganz salonfähigen Anzuge präsentire. Man konnte in dem abscheulichen Verschlage nicht die Hand vor den Augen sehen; überall gab es heimtückische Nägel, an denen man sich die Kleider oder di« Haut zerreißen konnte, und dabei herrschte da oben eine Kälte, die einem das Herz im Leibe ersticken ließ. — Seien Sie versichert, meine Herrschaften, daß ich an dies intime, kleine Souper gedenken werde bis an das Ende meines Lebens." „Da Ihre Sympathieen so augenfällig auf der Seite der Excedenten sind, darf ich Ihnen allerdings nicht weiter zu- muthen, an denselben zum Verräther zu werden," lautete Neukamps höhnische Erwiderung. „Aber vielleicht hätten Sie sich doch noch größere Verdienste um diese Ihre Schützlinge erworben, wenn Sie denselben die schöne und eindrucksvolle Rede von heute Abend schon am Vormittag gehalten hätten. Es wäre dadurch mancher dieser Wackeren vor dem Zuchthaus und dem Gefängniß bewahrt geblieben." „Laß uns nach Hause gehen, Papa!" sagte Monika rasch, als sie eme dunkle Röthe in des Doctors Antlitz aufsteigen sah. „Nicht wahr, Herr Doctor, Sie werden die Güte haben uns auf dem Heimwege Ihren Schutz zu gewähren?" Doctor Asmus wandte sich von seinem Gegner ab und erwiderte nach einem tiefen Athemzuge: „Sie dürfen über mich befehlen! — Aber ich bin aller- dings gleich Ihnen der Meinung, daß es rathfam fein wird, diesen Weg bald anzutreten, ehe neue Ansammlungen in der Umgebung der Fabrik stattgefunden haben." „Es bedurfte dieses Appells an Ihre Ritterlichkeit wohl kaum, sagte Neukamp, indem er nach dem Diener klingelte. „Ich werde die Herrschaften in meinem Wagen nach Hause geleiten, und Den möchte ich sehen, der es wagen wollte, uns unterwegs anzugreifen." ,r 3*cüdn>elfung kam nach dem Vorhergegangenen einer absichtlichen Beleidigung gleich und sie wurde unzweifelhaft von dem Doctor wie von allen anderen Anwesenden als eine solche gedeutet. Monika erblaßte, der Oberst runzelte unwillig die , 9a machte eine rasche Bewegung gegen ihren Verlobten, wie wenn sie ihn bestimmen wollte, durch ein freundliches, begütigendes Wort den Eindruck seiner fast ge- hässigen Aeußerung abzuschwächen. Alle aber blickten in ängst- ltcher Erwartung auf den jungen Arzt, der nach ihrem Em- pfinden vollauf berechtigt gewesen wäre, die kränkende Rede des Anderen auf ebenso feindselige Art zu erwidern. Aber diese Befürchtung erfüllte sich nicht. Doctor Asmus würdigte ihn weder eines Blickes, noch einer Entgegnung; er verbeugte sich stumm gegen die Familie Hasselrode und wandte sich nach dem Ausgang des Zimmers. In dem Moment je- die Tbür hJftin nnnÄs-n"! Drücker legen wollte, wurde - ,uyig >1», yvynre neuramp. „Vicyernly geyorle kem geringer die Thür heftig von Außen aufgestoßen, und der lange Assessor j Muth dazu, sich an einem Ort zu verbergen, an dem Sie 386 li geflüchtet haben! Der Oberst lachte von Neuem, Hugo Neukamp aber machte ein ärgerliches Gesicht und wiederholte ungestüm das Klingelzeichen, das bis jetzt ohne Erfolg geblieben war. Auch diesmal wartete er vergebens auf das Erscheinen seines Dieners, und es blieb in der That nur die Annahme übrig, daß sich die Domestiken in der Furcht vor einer Wiederholung der Tumulte an irgend einem anderen Orte in Sicherheit gebracht hatten, sobald sie eine Möglichkeit dazu gesehen. Als mehrere Minuten verstrichen waren, ohne daß sich etwas im Hause regte, sagte der Oberst, welcher zu Asmus getreten war und ihn in leisem Gespräch festgehalten hatte, mit ziemlich entschiedener Betonung: „Ihre Leute haben sich allem Anschein nach aus dem Staube gemdcht, lieber Sohn, und auf dar Anspannen Ihres Wagens würden wir unter solchen Umständen doch wohl allzulange warten müssen. Ich nehme für mich und meine Töchter die Begleitung des Doctor Asmus mit herzlicher Dankbarkeit an und ich denke, auch der Herr Assessor wird sich uns be- rettungslos und elend hätten umkommen müssen, wenn es den Excedenten etwa eingefallen wäre, das Haus in Brand zu stecken." Valentini erschauerte in nachträglichem Entsetzen über diese furchtbare Möglichkeit. „Ach, machen Sie doch keine schlechten Witze!" stieß er mit einem verzerrten Lächeln hervor. „Wir sind ja am Ende nicht in Afrika oder in einem Jndianerkriege. Aber ich leugne allerdings nicht, daß ich mich keineswegs sehr behaglich unter Ihrem Dache fühle und daß ich Ihr gastliches Haus je eher, desto lieber verlassen möchte. Ich würde Sie in meinem de- rangirten Zustand gar nicht erst noch einmal belästigt haben, wenn im ganzen Haufe nur ein einziges lebendes Wesen aufzutreiben gewesen wäre, bei dem ich mich hätte unterrichten können, ob jetzt wirklich die Lust rein ist. Es ist Alles wie ausgestorben — weiß der Himmel, wohin diese Feiglinge sich reitwillig anschließen. „Aber das ist doch keine Frage," versicherte Valentmt eifrig. Herr Neukamp wird vielleicht die Freundlichkeit haben, uns mit einigen Waffen zu versehen!" „Dessen bedarf es nicht!" erklärte der Doctor ruhig. „Ich übernehme die Bürgschaft dafür, daß Ihnen nichts ge- schieht, sofern Sie die Leute, die uns begegnen könnten, nicht etwa durch Ihr Benehmen zu neuen Gewaltthätigkeiten herausfordern l" „Ich?! — Ach, du lieber Gott!" jammerte der Assessor. „Mir ist wahrhaftig nicht fehr herausfordernd zu Muths." „Natürlich bleibst Du unter meinem besonderen Schutz, Ediths I" sagte Neukamp, indem er den Revolver vom Tisch nahm und ihn, nachdem er ihn prüfend betrachtet, in die Brusttasche seines Rockes steckte. „Es wird doch gut sein, wenn für den Nothfall auch wirksamere Vertheidigungsmittel da find, als schöne Worte." Monika legte ihre Hand auf Doctor Asmus Arm und bat, indem sie mit ihren ausdrucksvollen, grauen Augen flehend zu ihm aufsah: „Kommen Sie — unsere Mäntel sind draußen, und es wird Zeit, daß wir uns zum Fortgehen rüsten." Rascher, als es wohl unter anderen Umständen der Fall gewesen wäre, hatte sich die kleine Gesellschaft in ihre winter- lichen Ueberkleider gehüllt, und der Einzige, dessen zitternde Hand durchaus nicht das linke Aermelloch feines Pelzes finden konnte, war der Assessor Valentini. Aber auch ihm hatte der Oberst endlich mit einem kräftigen Ruck zur Vollendung seiner Toilette geholfen, und nachdem Neukamp noch einmal vergeblich nach den Dienstboten gerufen, traten alle Sechs schweigend in die Winternacht hinaus. Rings um sie herrschte eine fast undurchdringliche Finster- niß. Nur die weiße Decke des hartgefrorenen Schnees, der unter ihren Tritten knisterte und knarrte, verbreitete eine matte Helligkeit, welche wenigstens die in unmittelbarer Nähe befindlichen Gegenstände zu erkennen gestattete. Die nächste Umgebung der Villa war jetzt ganz menschenleer; aber bei den Fabrikgebäuden, an denen sie vorüber mußten, standen einige kleine Gruppen, in denen anscheinend sehr eifrig debattirt wurde. Doctor Asmus, der mit Monika und dem Obersten voranging, lenkte seine Schritte so, daß sie hart an den Leuten vorüberkamen; der Assessor drängte sich so dicht als möglich an den jungen Arzt heran, Neukamp aber, der Ediths am Arme führte, blieb absichtlich um mehrere Schritte zurück, damit es nicht etwa den Anschein gewänne, als wünsche auch er durch den Doctor gedeckt zu werden. Die Arbeiter mochten nicht wenig erstaunt sein, als sie des kleinen Zuges ansichtig wurden; aber es wurde kein feindseliges Wort gegen die Vorübergehenden laut. Die lebhaften Gespräche verstummten vielmehr völlig, so lange sie sich in Hörweite befanden, und an einer Stelle, wo der Weg ziemlich enge war, traten die dort aufgestellten Männer schweigend bei Seite, ohne daß es einer Aufforderung dazu bedurft hätte. Noch ein paar hundert Schritte weiter und jede Gefahr war überwunden, denn schon schimmerten aus verhältnißmäßig geringer Entfernung die Lichter der Stadt herüber, die so friedlich dalag, als ob zu ihren Bewohnern nicht einmal eine dunkle Kunde von den stürmischen Austritten bei der Hartog- schen Fabrik gedrungen wäre. Da glaubte Doctor Asmus, der mit schärfster Aufmerksamkeit umherspähte, zu seiner Linken etwas wie den Schatten einer menschlichen Gestalt wahrzunehmen, die mit lautlosen Schritten über den Schnee dahinhuschte. „Wer da?" rief er stehen bleibend mit lauter Stimme in die Dunkelheit hinein. Aber es kam keine Antwort zurück, und auch das schärfste Auge vermochte nichts von den Umrissen oder den Bewegungen eines lebenden Wesens wahrzu- I nehmen. „Glauben Sie, daß man uns verfolgt?" flüsterte zähneklappernd und kaum vernehmlich der Assessor. „Vielleicht wäre es gut, wenn wir im Laufschritt die Stadt zu erreichen suchten" „Niemand hindert Sie daran, Herr!" rief der Ober/!, den die schlotternde Aengstlichkeit des jungen Menschen m endlich nervös machte, ärgerlich zurück. „In Zukunft aber werden Sie sicherlich gut thun, bei solchen Gelegenheiten hübsch daheim hinter dem Ofen zu bleiben." Neukamp hatte das kurze Verweilen der Vorhut benutzt, um mit langen Schritten an ihnen vorüberzugehen und die Spitze zu nehmen. m . „Wollen Sie Jagd machen auf Gespenster, lieber Schmie- gerpapa?" fragte er über die Schulter zurück. „Hier giebt es jetzt nichts Gefährliches mehr, als vielleicht einige Hasen, Sie gingen weiter und hatten nach Verlauf von zehn Minuten das erste Gebäude der Stadt, ein niedriger Gärtnerhäuschen, erreicht. Wenn bis dahin die Spannung, die auf Allen lastete, das Zustandekommen einer eigentlichen Unterhaltung verhindert hatte, so schien ihnen jetzt dar Gefühl, sich endlich in vollkommener Sicherheit zu befinden, die Sprache wieder zu geben. Monika wenigstens brach das Schweigen, indem sie, zu ihrem Begleiter gewendet, sagte: „Sie haben sich seit so langer Zeit fern von uns gehalten, Herr Doctor — hatten Sie denn einen Grund, uns böse ^in^Fräulein Monika!" erwiderte er, indem er ihre Hand, die auf seinem Arm ruhte, ein klein wenig an M drückte. „Ihnen wenigstens könnte ich niemals böse sein. Sie werden mir immer der Inbegriff alles Guten und Edel- müthigen bleiben." , „Nicht doch!" mahnte sie mit gesenktem Köpfchen. „Aber, wenn Sie uns nicht zürnten, warum kamen Sie nicht rote sonst, gelgentlich wenigstens, zu einem flüchtigen Besuch heran/ - Der Papa hat so oft nach Ihnen' gefragt und auch Editha -- „Evitha?" - Der Ton, in welchem er diesen Namen wiederholte, mußte ihr wohl mehr verrathen haben, als em lange Erklärung. Wenigstens fragte sie nicht weiter, obwohl er ihr ja die eigentliche Antwort noch turntet schuldig geblteven war und sagte statt dessen hastig: | „Ihre Patientin in Eberbach ist inzwischen hoffentlich — 387 SM wieder hergestellt worden. Und es sind keine üblen Folgen von ihren Verletzungen zurückgeblieben — nicht wahr?" „Sie wird durch die Narben der Brandwunden auf Stirn und Wangen dauernd entstellt bleiben, und ein wohlhabender Bursche des Dorfes, der ihr in den Tagen ihrer Schönheit versprochen hatte, sie zu heirathen, ist infolge dessen bereits von dem heimlichen Verlöbniß zurückgetreten. Der alte Meh- nert hat eben Unglück mit seinen Kindern." „Wie abscheulich ist das l" rief Monika in aufrichtiger Entrüstung. „Also nur ihr Gesicht war es, das er geliebt hatte?" „Verurtheilen Sie ihn nicht zu hart, Fräulein Monika I" mahnte Doctor Asmus bitter. „Welchen Ausdruck des Un- willens müßten Sie dann erst für Diejenigen haben, für die es nicht einmal eines wohlgebildeten Antlitzes bedarf, sondern die schon einer wohlgefüllten Brieftasche ihre Liebe —" Er vollendete nicht, denn ein lauter Aufschrei aus dem Munde Edithas, die etwa um fünf Schritte vor ihnen ging, machte ihn in jähem Schrecken verstummen. Er sah ihre schlanke Gestalt wanken und dann in die Arme Neukamps sinken, der zugleich mit mächtiger, weithin schallender Stimme rief: «Zu Hülfe I — Haltet den Mörder!" Aber an die Verfolgung des Mörders, von dem nirgends etwas zu erblicken war, dachte in diesem Augenblick Niemand aus der kleinen Gesellschaft. (Fortsetzung folgt.) „cheffiegettes!" Eine Saisonplauderei von Silvester Frey. (Nachdruck verboten.) „Nein, diese Fliegen!" Meine anmuthige Begleiterin zog das seine Battisttuch hervor und suchte sich durch Schläge, welche sie bald nach dieser, bald nach jener Richtung austheilte, der zudringlichen Gesellen zu erwehren. Die Galanterie erforderte es schon, daß ich ihr bei dieser Beschäftigung, für so erfolglos ich sie auch hielt, Hilfe leistete. Wir waren etwas abseits von der übrigen Gesellschaft gerathen, mit welcher gemeinsam mir diesen Ausflug unternommen hatten. Während die Uebrigen, hier und dort still stehend, um einen Käfer zu betrachten oder den characteristischen Wuchs eines Baumes, ein wenig zurückblieben, waren wir gleichmäßig vorwärts geschritten. Meine hübsche, kluge Begleiterin verstand es, die Fäden der Conversation so geschickt zu spinnen, daß man sofort darin verstrickt war. Zu dem Zauber, welchen ihr gesammtes Wesen ausströmte, kam der feinere und gewiß nicht geringe, daß sie allerliebst zu plaudern verstand. „Wenn nur diese Fliegen nicht wären!" rief sie ärgerlich, indem sie von Neuem das Taschentuch hin und her bewegte. „In diesem Augenblick möchte ich die Thiere sogar beneiden!" „Inwiefern?" „Lieber Himmel! Das liegt doch auf der Hand! Denken Sie sich das Vergnügen, tief in Ihre Augen blicken zu dürfen, Ihre blühenden Wangen zu streifen, Ihre knospenden Lippen zu küssen." Sie hob drohend den kleinen Finger. „Sprechen wir von etwas Anderem!" „Nein, bleiben wir bei den Fliegen!" „Meinetwegen also! - In jedem Falle jedoch bitte ich Sie, dem Gespräche eine andere Richtung zu geben! - Ich möchte etwas Ernstes, Gediegenes hören, keine landläufigen Schmeicheleien! — Sagen Sie mir also, mein Herr Doctor, wie es kommt, daß mich gerade diese unverschämten Thiere in einem fort belästigen, während Sie, wie ich zu meinem Unwillen bemerke, weit mehr von ihnen verschont bleiben?" Sie war stehen geblieben. „Gestatten Sie mir, mit einer Anecdote zu antworten?" versetzte ich. „Wenn sie zutreffend ist!" „König Georg II. von Großbritannien rief einst bei der Tafel in Gegenwart einer Schaar seiner Höflinge, als ihn eine Fliege fortwährend belästigte und nach jedesmaligem Fort» scheuchen immer wieder auf seine Nase zurückkehrte, im größten Unwillen: „Ich beherrsche doch drei große Reiche! Hast Du böses Thier denn darin gar keinen anderen Platz, als gerade meine Nase!" Ich sah deutlich, wie ein lachender Zug über das Antlitz meiner hübschen Begleiterin fuhr. Dabei bewegte sie die Rechte nach der eigenen Nase, wie wenn sie eines dieser lästigen In- secte in diesem Augenblick von dort verjagen müsse. Gleich darauf lachte sie hell auf. „Nun treiben Sie geradezu Ihren Spott mit mir! Wissen Sie, daß das gar nicht schön von Ihnen ist! Ich meinte, Sie würden mir etwas recht Sachliches, Gediegene» mittheilen! Wozu unterhält man sich mit Euch Herren der Schöpfung, wenn Ihr nicht einmal im Stande seid, uns vom schwachen Geschlecht einen Theil Eures Wissens und Eurer Gelehrsamkeit abzugeben!" Ich verbeugte mich ceremoniell. „Sie geloben also Besserung?" „Ich kann sofort mit meinem Vortrage beginnen!" „Sie sollen eine aufmerksame Zuhörerin an mir finden!" „Unsere Stubenfliege heißt auf lateinisch Musea domestica. Alle Mittel, welche man gegen sie anwenbet, pflegen sich nicht zu bewähren. Das beste ist, man nimmt trockene Kürbisblätter, zündet sie in dem Zimmer an, wo sich die Fliegen befinden, und räuchert sie durch den entstehenden Qualm hinaus. Will man Gegenstände vor ihnen beschützen, so muß man sie mit Lorbeeröl bestreichen. Hätte also König Georg II. von Großbritannien seine Nasenspitze auf diese Weise geschützt —" „Sie fallen schon wieder in Ihren scherzhaften Ton zurück." „Verzeihung! — Ich werde mich also bemühen, bei der Sache zu bleiben!" „Vielleicht kennen Sie noch einige recht wirksame Mittel, mit welchen man den Fliegen ohne große Mühe den Garaus machen kann! Sie wissen, meine Wohnung hat einen Vordergarten. Von diesem aus überfluthen diese garstigen Thiere die gesammten Räume geradezu in Schaaren. Ich bin gezwungen, einen steten Krieg wider sie zu führen." „Es ist vielleicht besser, Sie schließen Frieden, indem Sie sich diesen Gegnern auf Gnade oder Ungnade ergeben." „Soll das in der That heißen, daß es unmöglich ist, sich ihrer mit Erfolg zu erwehren?" „Es waren einmal —" „Sie antworten mit einem Märchen —" „Mit einer Fabel aus dem Thterreich, wenn Sie mir gütigst die Erlaubniß ertheilen.....Also es waren einmal vier Fliegen, die hatten Hunger. Die erste machte sich über eine Wurst her, denn diese schien zum Fressen schön. Allein die Fliege starb an Dünndarmentzündung, weil die Wurst mit Anilin gefälscht war. Die andere Fliege naschte am Mehl; und siehe da, sie verendete an Magenverengung, weil das Mehl mit Schwerspath vermengt war. Die dritte Fliege trank aus einem Milchtopf. Da ging auch sie elendiglich zu Grunde, weil natürlich die Milch mit Kalk verfälscht worden. „Gestorben muß nun einmal sein!" dachte die vierte Fliege. Während dessen flog sie todesmuthig auf ein Fliegenpapier, worauf ein Todtenkopf gemalt war mit der Aufschrift: „Sicher wirkendes Fliegengift." Dort saß sie, trank und trank und war guter Dinge und starb — nicht, denn auch das Fliegengift war gefälscht!" „Nicht übel!" sagte meine schöne Begleiterin, indem sie sich auf die Bank niederließ, an welcher wir soeben vorüberschritten. „Gestatten Sie?" fragte ich, indem ich mich ihr zugesellte. „Aber bitte, nicht zu dicht, Herr Doctor!" „Sie wollen also absolut nicht» von mir wissen! Wo ich doch nur darauf bedacht bin, zu Ihren Diensten zu stehen!" „In der Thal! Und das beweisen Sie, indem Sie sich so nahe zu mir setzen, daß mein Barsge-Kleid Gefahr läuft, von Ihnen zerknittert zu werden I" „Pah! Es geschieht nur, um durch den Rauch meiner Cigarre die Fliegen von Ihnen fern zu halten!" Sie lachte hell auf. „Für gar so naiv dürfen Sie mich denn doch nicht halten! Eine Frau, die, wie ich, schon einmal verheirathet gewesen, nimmt die Worte und Handlungen der Männerwelt nicht immer für so baare Müme, wie sie gelten sollen." »Hat Ihnen Ihr verstorbener Herr Gemahl diese Ansicht beigebracht?" „Nehmen wir den Fall, daß er es gethan!" „Dann hat er nicht gut um Sie gerathen! Dann wollte er, daß Sie. nachdem er gestorben, einsam, ohne Stütze durch da» Leben hinwandern!" „Lassen wir das! ... In jedem Falle hat er mich gelehrt, daß die Fliegen sich in keiner Hinsicht an die Rauchwolken kehren, mit denen die Herren der Schöpfung das Dasein erfüllen. ... Ich traute diesem blauen Geringe! zuerst auch verschiedene Kräfte zu. Allein im Laufe der Ehe, welche ich führte, kam ich zu der bestimmten Ueberzeugung, daß sie nur in der Einbildung beruhen. Ich konnte so nahe bei meinem Gatten sitzen, daß ich wie eingehüllt war in den von Euch so vergötterten blauen Dunst. Die Fliegen ließen sich dadurch ebensowenig verscheuchen, wie die — Sorgen!" Sie war ernst geworden, beinahe traurig. Eine Pause trat ein, während welcher ihr großes braunes Auge sinnend in die Ferne lugte. Ich suchte die kleine Hand zu erhaschen. Sie entzog mir dieselbe, indem sie that, als ob sie mein Unterfangen nicht bemerkt habe. „Uebrigens," fuhr sie fort, „erinnere ich mich auch eines Falles, in welchem sich die Fliege als ein durchaus nutzbringendes Lebewesen bethätigt hat. Es war in Rußland, ich glaube in einem Dorfe bei Kiew, wo sich die Geschichte zugetragen hat- Ein Bauernmädchen fiel bei Gelegenheit einer Flußfahrt in die Wellen und ertrank. Da sie, aus dem Wasser gezogen, kein einziges Lebenszeichen mehr verrieth, wurde sie mit ihren Leichenkleidern angethcm und aufgebahrt. Am zweiten Tage flog durch die geöffnete Thür in das Zimmer, wo die Todte lag, eine große Fliege. Sie setzte sich der Leiche auf die Nase und kroch dann in dieselbe hinein. Plötzlich nieste die Todte, schlug die Augen auf und erhob sich von ihrem Lager. Man kann unmöglich die Freude der Mutter des verstorbenen und nunmehr wieder lebendig gewordenen Mädchens und die Verwunderung der anwesenden Leichengäste schildern- Als die Bauern das Jnsect wieder zum Vorschein kommen und im Zimmer Herumfliegen sahen, erklärten sie einhellig, daß die Seele in Gestalt einer Fliege in den tobten Körper zurückgekehrt sei und denselben zum Leben gebracht habe. Anstatt de» schon zugerüsteten Todtenschmauses wurde nun ein Freudenfest gefeiert, wobei man den Beschluß faßte, nie mehr eine Fliege zu tödten, nachdem man erkannt, einen wie wichtigen Zweck sie unter Umständen im Dasein des Menschen zu erfüllen hätten" „Sie erzählen allerliebst, meine gnädige Frau! Sagen Sie mir nur da» Eine: wäre es nicht sehr hübsch, wenn Sie dies angeborene Talent weiter entwickeln möchten?" „Wie soll ich das verstehen?" „Je nun! . . . Ich denke es mir etwa so! . . . Es ist Winterabend und die Flamme spielt im Kamin. Im Zimmer herrscht jene stilvolle Behaglichkeit, wie sie nur durch das Walten einer Frau hervorgebracht werden kann. Nehmen wir an, daß es draußen außerdem so kalt ist, daß der Schnee unter den Sohlen Derer knirscht, welche darüber hinweg schreiten. Und ein Anderer sitzt dabei, der wie berauscht von dem holden Ton ist, welcher an sein Ohr schlägt. Er kann sich nicht satt hören an dieser ihm so innigwerthen, klangvollen Stimme! Sie aber wissen dies und erzählen unablässig, immerfort —" „Von den Fliegen?" fiel sie gleichgültig ein. Ich sprang auf. „Ah, wie grausam Sie sind! Also da Sie nicht anders wollen, bleiben wir bei den — Fliegen!" „Nachdem ich meine Geschichte erzählt habe, ist die Reihe wieder an Ihnen!" „Richtig! Mir fällt ein, daß ich noch ein Mttel gegen die Fliegenplage auf Lager habe. Es rührt von Professor Jäger, dem bekannten Enthusiasten über alles Wollene, her. Er behauptet, daß die Fliege eine instinctive Abneigung gegen diesen Stoff hat. Personen also, welche sich, wie er es an« räth, beständig und ganz und gar in Wolle kleiden, wären demnach vor der Zudringlichkeit dieses Jnsect» für immer geschützt!" „Da» läßt sich hören!" „Wohl gemerkt: eine echte, unverfälschte Schafwolle! Sie darf nicht einmal eine andere Farbe angenommen haben, alr jene gelblich verwaschene, welche sie von Natur besitzt. Am besten ist es sogar, wenn sie noch ihren ursprünglichen Geruch, der so unausstehlich ist, beibehalten hat." „Lieber Himmel! Man wird von Tag zu Tag älter!" „Wie!" rief ich aus. „Das sagen Sie, die mit allen Reizen der Jugend ausgestattet sind! . . . Schelten Sie mich, so sehr Sie wollen! Bekennen Sie sich zu Grundsätzen, die meinen liebsten Hoffnungen einen Damm setzen! Allein zwingen Sie mich nicht dazu, Zeuge zu sein, wie Sie sich selbst verleumden!" „Wie aufgeregt Sie sind!" „Es handelt sich ja doch um eine Dame!" „Sie irren sich: es handelt sich blos um — Fliegen!" „Zur Strafe sitzt eben wieder eine auf Ihrer Wange!" „Nun wohl! Ich gestatte Ihnen, sie zu verjagen!" „Sie müssen jedoch still halten!" „Wissen Sie, daß das feine Gefahren hat?" „Inwiefern?" „Ich erinnere mich eines Falles, wo ein junger Mann unter dem Vorgeben, eine Fliege verscheuchen zu wollen, einfach und entschlossen die betreffende Stelle — ich glaube, er mar sogar auch die Wange — geküßt hat!" „Wenn ich mir nun dasselbe auch erlaubte?" „Habe ich es Ihnen verboten!" versetzte sie mit einem Blick, der mein Herz vor Glück überströmen ließ. „Selma! Theures, geliebtes Wesen!" rief ich aus, indem ich sie in meine Arme schloß. „Was machen Sie?" sagte sie, indem sie sich den Anschein gab, al» wollte sie sich meiner Liebkosungen erwehren. „Ich verjage Fliegen," erwiderte ich, indem ich einen Kuß nach dem andern auf die blühenden Wangen, den kleinen rosigen Mund heftete. So saßen wir eine Weile, innig umschlungen und dar Glück kostend, welches unvermuthet in unsere Herzen eingezogen war. „Du hast es mir eigentlich recht schwer gemacht, mich zu erklären," nahm ich schließlich da« Wort. „Ich? • - . Inwiefern?" „Immer, wenn ich daran ging, Dir da» Geständniß meiner Liebe zu machen, hast Du Dich hinter diese verdammten Fliegen verschanzt. Es fehlte wirklich nicht viel, so wäre ich überhaupt gar nicht dazu gekommen." „Das geschah Dir schon recht! . . . Warum ließest Du überhaupt so lange auf Dich warten!" „So hast auch Du mich schon früher ein wenig gern gehabt," rief ich ebenso erstaunt wie erfreut. „D, eine ganze Zeit!" „Aber, mein Lieb! Wie konnte ich es wagen? Assessor Liebenow war doch immer an Deiner Seite! Ich glaubte wirklich, er sei Dir nicht gleichailtia!" „Der abscheuliche Mensch I Ich ließ ihn mir nur gefallen, weil Du gar keine Anstalten machtest, Dich zu einer Erklärung emporzuraffen. Du weißt ja: In der Roth —" „Frißt der Teufel Fliegen!" fiel ich lachend ein. Redaction: A. Scheyda. —Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. S 308 —