W 1893. Etvl, z jcu, 4:f JiM ■fsniy -rtlbr .' ••< ,s <^T-----h—(Szs * tr-E., 6^ ’^g^G^T). «■'S dB-? ■+■ NntevhattnnKKblatt znin Gietzensv AnZeigev (Gensval-Anzeig-v) ■~ •■vi?Afc.,.1 ____ Samstag, den 18. November. Herzenskämpfe. Roman von Theodor Schmidt. (Fortsetzung.) Siebzehntes Capitel. In einem traulichen Zimmer in einem der reizendsten Häuser der Breitenstraße der Residenz saß Frau von Grabau mit ihrer Freundin und Gesellschafterin, Fräulein Löben. Frau von Grabau war mehr elegant als schön; Niemand wußte, wie alt sie war, ja, noch mehr — Niemand konnte es rathen, für Dreißig sah sie zu alt, für Vierzig zu jung aus. Ihr dunkles Haar war noch stark und üppig, ihre Wangen färbte noch eine zarte Röthe, ihre dunklen Augen sprühten noch Feuer und Leben, und noch keine Falte oder Runzel verunzierte ihre hübschen, angenehmen Züge. Als ihr Gemahl, ein in der Residenz seiner Zeit hochangesehener Mann, starb, ließ er seine Frau in den besten Verhältnissen zurück und die junge Wittwe, noch in der Blüthe ihrer Jahre, in der besten Gesellschaft ausgenommen, fühlte sich wohl in ihrer freien, unabhängigen Stellung. Die Damen waren eben von Einkäufen aus der Stadt zurückgekehrt und irgend etwas hatte Frau von Grabau besonderes Vergnügen verursacht, denn ihre Augen funkelten und eÄt frohes Lächeln erhellte ihre Züge. „Ich versichere Ihnen," sagte sie zu Fräulein Löben, „ich habe nie einen so feinen, eleganten Herrn gesehen; Doctor Wildung ist ja ganz nett, aber mit Jenem nicht zu vergleichen. Frau Räthin Petersen sagte mir, er habe sie neulich mit Bitten bestürmt, daß er mir vorgestellt werde. Wie ich höre, ist er auch sehr reich: er soll sich in Amerika ein großes Vermögen erworben haben und bewegt sich hier in der besten Gesellschaft. Ich habe wirklich noch nie einen Mann mit so feinen Manieren und von so sprudelndem Geiste kennen gelernt. Frau Räthin Petersen meinte, er werde mir vielleicht morgen seine Aufwartung machen — ob er kommen wird? — Was meinen Sie, kleidet mich besser das grüne Kleid mit den Spitzen oder das blaue mit der reichen Sammetgarnitur?" Es war ein klarer, sonniger Maitag, als Frau von Grabau in eleganter Toilette, mit einer feinen Handarbeit sich kokett in den Sammtfauteuil zurücklehnte, während Fräulein Löben ihr vorlas. Davon jedoch hörte Jene kein Wort; all' ihre Gedanken eoncentrirten sich in der Visite, die sie so sehnlich erwartete; und als es hastig an der Hausthür klingelte und dann feste, männliche Schritte den Corridor herabkamen, da ergoß sich ein freudiges Erröthen über ihre Züge und ihre Hand zitterte fast, als sie ihren Verehrer begrüßte. In siebzehn Jahren gehen große Veränderungen in der Welt vor, und Niemand hätte in dem eleganten Herrn mit dem dünken Vollbart den einstigen Maler und Spieler Werner Horst wiedererkannt. Er hatte stch ein elegantes Haus ge- miethet, es auf das Kostbarste ausgestattet und stch in den besten Gesellschaften eingesührt. So bedurfte es nur noch eines Zieles, um stch seine Stellung zu sichern: einer guten Hetrath. Er brauchte kein Geld, wohl aber gute Verbindungen; als er von Frau von Grabau hörte, glaubte er gefunden zu haben, war er suchte, und alsbald that er die geeigneten Schritte, sich ihr zu nähern. Lächelnd und erröthend lauschte Frau von Grabau den Complimenten und Schmeicheleien des galanten Fremden, und als dieser nach einer langen, lebhaften Unterhaltung sich endlich wieder verabschiedete, geschah es mit dem festen Entschluß, das Herz dieser hübschen, selbstgefälligen Wittwe zu erringen und sie bald als die Seine heimzuführen. An demselben Tage machte er aber noch eine Bekanntschaft- Er lernte in seinem Club Herbert von Kalborn kennen. Dieser fand Gefallen an dem immer heiteren, gesprächigen Herrn Lambrecht, der ihm versprach, ihm bei seiner Candidatur bei der nächsten Landtagswahl behilflich zu sein und zur Revanche dafür bat Herbert, ihn bei seinem intimen Freunde, dem Grafen von Roddeck, einführen zu dürfen. Achtzehntes Capitel. Unter dem tiefblauen Himmel Italiens, der immer nur auf die Menschheit herablächelt, erholte die junge Gräfin Martha sich allmälig wieder; konnte sie auch keinen Tag, keine Stunde ihr Geheimniß vergessen, so lastete es doch nicht so schwer auf ihr, die großartige, herrliche Natur des Südens brachte sie auf andere Gedanken. Erst nach vollen sechs Monaten kehrten sie wieder in die Heimath zurück, und voll Freude über Marthas gutes Aussehen wurden sie von Curts Mutter und Melanie jubelnd begrüßt. „Willst Du uns begleiten, Curt?" fragte feine Mutter wenige Tage später. „Ich will einen Besuch bei Frau von Grabau machen." „Leider muß ich auf dieses Vergnügen verzichten," entgegnete dieser, „ich erwarte den Besuch eines Herrn Lambrecht, eines Freundes von Herbert." Der Name glitt an Marthas Ohr vorüber, ohne daß sie — 642 =s weiter darauf geachtet hätte. Der Wagen rollte davon und heiter und lächelnd saß sie an der Gräfin Seite. Sie sahen einen großen, schlanken Herrn durch den Park kommen, aber keine Ahnung hegte Martha, daß es ihr Vater war. Curt empfing seinen Gast in seinem Arbeitszimmer, desien Hauptschmuck ein herrliches Gemälde über dem Kamin bildete, Marthas Porträt, das dem Maler Dornbusch herrlich gelungen war. Die Sonne fiel schräg durch das Fenster und ließ ihre Strahlen in vollem Glanz auf das goldene Haar und schöne Antlitz fallen; die blauen Augen und süßen Lippen lächelten auf den Beschauer herab, in jedem Zuge prägte sich tiefer Seelenadel und edle Unschuld aus. Sofort beim Eintreten fiel Herrn Lambrechts Blick auf das Gemälde, er stutzte und stieß unwillkürlich einen leisen Ausruf der Ueberraschung aus. Dann trat er näher und betrachtete es lange. Wachte oder träumte er? Das Zimmer, der Graf, Alles verschwand vor seinen Augen wie in einem dichten Nebel, er sah sich wieder in den Bergedorfer Wäldern, im kühlen Schatten hoher Bäume, vor sich Magdalenens schönes Antlitz, unter seinen zärtlichen Worten erröthend und den sanften Blick zu Boden senkend. „Sie bewundern das Bild," sagte der Graf, „es ist auch wirklich ein Meisterwerk." »Ich — ich kannte früher Jemand, der diesem Bilde ähnlich war," stammelte Herr Lambrecht. „Es ist das Porträt meiner Frau," erklärte Curt; „ich bedaure, daß die Damen nicht zu Hause sind; doch wir gedenken nächster Tage unsere Villa auf dem Lande zu beziehen und würden uns freuen, wenn Sie uns dann auf einige Tage das Vergnügen Ihrer Gesellschaft machten. Mein Freund, Herr von Kalborn, versprach, Mitte nächster Woche zu uns zu kommen, — vielleicht schließen Sie sich ihm da an?" Paul Lambrecht nahm diese Einladung dankend an und verließ in gehobener Stimmung das Haus, denn mit Recht durfte er sich sagen, daß er auf den jungen Grafen einen entschieden günstigen Eindruck gemacht hatte. Einige Tage waren verflossen und Lambrecht machte seinen Besuch in der Villa des Grafen Roddeck. «Ich glaube, die Damen sind im Garten," sagte Graf Curt, als der Diener Herrn Lambrecht in das Zimmer führte. Er schritt seinem Gast voran die Terrassenstufen herab; Herr Lambrecht folgte ihm, und wie sein Blick bewundernd über die herrlichen Blumenbeete glitt, blieb sein Auge plötzlich auf etwas haften, das sein Herz fast stillstehen und seinen Körper in höchstem Schrecken erzittern ließ. Hatte Magdalene ihre Jugend und Schönheit wiedergefunden, war sie von den Todten auferstanden, um ihn in seiner Schmach vor der ganzen Welt bloszustellen? Seine Augen starrten die Erscheinung an, es entrang sich seiner Brust ein tiefes Stöhnen, und nur mit Mühe vermochte der starke Mann, sich aufrecht zu erhalten. Aber steh', es war kein Trugbild seiner Sinne — denn neben ihr stand eine vornehme Dame mit edlen Zügen, und jetzt trat der junge Graf heiter lächelnd zu den beiden Damen heran. Herr Lambrecht zitterte, als die Gestalt sich ihm näherte; krampfhaft durchzuckte es sein Gesicht und seine Hände bebten, als der Graf ihm die Dame als seine Gemahlin vorstellte. , Lambrecht war zu erregt, um einen ruhigen Gedanken fassen zu können- Gleich einem Dolchstoß durchzuckte ihn Marthas melodische Stimme; dieselbe Stimme hatte er zuletzt seinen Namen in wilder Verzweiflung ausstoßen hören. Er erwiderte Marthas liebenswürdige Begrüßung mit ein paar kaum verständlichen Worten, dann wandte er sich hastig ab. „Was ist Ihnen?" fragte der Graf, erschrocken über das bleiche, aufgeregte Gesicht seines Gastes. „Nichts, nichts," stammelte dieser hastig, „es ist schon vorüber, der starke Blumenduft hat mich etwas betäubt." Noch immer starrte er die junge Gräfin an — er konnte sich das Geheimniß nicht erklären, denn Magdalene hatte ihm seiner Zeit keine Silbe über die Adoption Marthas durch die Gräfin Scherwiz gesagt. Gewaltsam nahm er sich zusammen, denn schon zog sein seltsame» Benehmen der Anderen Aufmerksamkeit auf sich. Die Gräfin-Mutter glaubte, die Schönheit ihrer Schwiegertochter habe einen so tiefen Eindruck gemacht, während ihr Sohn in stummer Ueberraschung dabei stand und sich im Stillen fragte, ob es möglich sei, daß sein Gast sich vor seinen Augen in die junge Frau verliebte. Mit einer verzweifelten Anstrengung gewann Paul Lambrecht seine äußere Ruhe wieder; es konnte ja doch nur eine zufällige Aehnlichkeit sein, die ihn so betroffen machte. Man setzte sich zu Tisch, man plauderte und lachte, und Herr Lambrecht unterhielt sich lebhaft mit der jungen Gräfin. Dann folgte diese der Aufforderung, setzte sich an den Flügel und sang mehrere Lieder mit ihrer vollen, glockenhellen Stimme. Wer konnte sie sein, die mit Magdalenens lieblicher Stimme sang? Da plötzlich — und — bis an den letzten Tag seines Lebens vergaß Paul Lambrecht nicht den tödtlichen Schrecken, der ihn dabei durchzuckte — plötzlich, wie ein elec- trischer Schlag kam ihm der Gedanke: konnte sie nicht Magdalenens und seine Tochter sein? Wer sonst konnte diese Züge, dieses Lächeln haben? — Er mußte seine Neugierde befriedigen, er mußte wissen, ob sie es war! Sobald die junge Gräfin das Lied beendet hatte, trat er zu ihr und begann sich lebhaft mit ihr zu unterhalten. Er beugte sich zu ihr herab und sein erstaunter Blick fiel auf ihre juwelengeschmückten Finger. Da zwischen kostbaren Ringen mit Perlen und Diamanten gewahrte er einen einfachen Goldreif, auf welchem das Wort „Treue" eingravirt war. Diesen Ring hatte er vor dreiundzwanzig Jahren mit eigener Hand an Magdalenens Finger gesteckt. Er erinnerte sich, daß diese ihm gesagt hatte, eine reiche Dame habe ihr Kind an Kindesstatt angenommen; jetzt galt es, in Erfahrung zu bringen, wer diese Dame war. Er zog Herbert von Kalborn in eine lebhafte Unterhaltung und warf gelegentlich die Worte hin: „Die junge Gräfin ist eine reizende Frau — ich erinnere mich nicht gleich ihrer Abstammung. Sie ist wohl Sein Herz klopfte bang bei dieser Frage, aber er verbarg seine Aufregung unter einem ruhigen Lächeln. „Die Tochter der Gräfin Scherwiz," gab der Graf zur Antwort, „das heißt, deren Adoptivtochter, die nur den Namen der Gräfin trug und das ganze, sehr bedeutende Vermögen geerbt hat." „Und wer waren ihre wirklichen Eltern?" fragte Lambrecht weiter, und alle Farbe wich aus seinem Gesicht. „Das habe ich nie gehört," versetzte Herbert, „ich glaube, entfernte Verwandte der Gräfin Scherwiz. Doch, Sie entschuldigen mich," fügte er rasch hinzu, als Melanie von Selten sich mit einer Frage an ihn wandte. Neunzehntes Capitel. Bestürzt, verwirrt, von einer Fluth von Gedanken und Empfindungen bestürmt, blieb Lambrecht wie an den Boden gewurzelt stehen. Welche Freude — welcher Stolz für ihn — seine Tochter, sein einziges Kind — eine der schönsten und gefeiertsten Damen der Residenz — an einen Grafen verheirathet zu sehen! Als Vater der Gräfin Roddeck war ihm mit einem Male seine Stellung gesichert. Welch' stolzer Augenblick für ihn, wenn er von «seinem Schwiegersohn, dem Grafen" und von „seiner Tochter, der Gräfin" reden konnte. Doch bei ruhigerer Ueberlegung mußte er sich eingestehen, daß eine un- übersteigliche Kluft ihn von seinem Kinde trennte. Sobald er sich als ihr Vater zu erkennen gab, würde er mehr verlieren, als gewinnen. Bei einer so wichtigen Angelegenheit würde keine aus der Luft gegriffene Angabe über seine Persönlichkeit stichhaltig sein, und er wäre gezwungen, sich als Werner Horst zu erkennen zu geben; damit fiel der stolze Bau, mit dem er so mühsam seine elende Vergangenheit zugedeckt hatte, in Trümmer. Er mußte Frau von Grabau gestehen, daß er sich einer Lüge schuldig gemacht, als er ihr gesagt hatte, er sei niemals verheirathet gewesen, und damit würde er alle Hoffnung verlieren, daß sie je die Seine würde. Der Gedanke, so viele und große Vortheile vor Augen zu W ö43 B Lambrecht, indem er ihr zu dem Tische folgte, und als er ihr )as gewünschte Bild reichte, legte er das Billet daraus. Er ah, wie sie zögerte und im Begriff war, es bei Seite zu werfen. „Um Ihrer selbst, um Ihres Gatten willen," flüsterte er ihr zu — nnd sie nahm es. So geschickt Lambrecht es gemacht zu haben glaubte, so satte die Gräfin-Mutter doch leider das kleine Manöver beobachtet. Ihr erster Gedanke war, aufzustehen und die Aus- jändigung des Billets zu fordern; in der nächsten Minute mußte sie aber über ihre eigene Idee lachen. Es konnte ja rgend eine Notiz, der Titel eines neuen Buches sein — wie konnte sie auch nur eine Secunde etwas Unrechtes argwöhnen. Hätte sie gesehen, wie Marthas Züge sich beim Lesen der wenigen Zeilen mit tiefer Zornesröthe übergoffen, so würde ie dieselbe später gewiß milder beurtheilt haben. Nein und ausendmal nein! Nimmermehr würde sie diesem Fremden, der hr noch vor vier kurzen Wochen unbekannt gewesen, eine Unterredung unter vier Augen gewähren. Wozu auch? Wenn er etwas über ihre Eltern wußte, so mochte er es ihrem Gatten mittheilen; dann wäre endlich der Bann gelöst — war ihr wch schon seit einiger Zeit, wie wenn ein flammendes Schwert drohend über ihrem Haupte hing. Verächtlich riß sie das Billet in kleine Stücke und streute es in alle Winde. An dem Abend saß Lambrecht lange, lange in dem Lesezimmer, aber er wartete vergebens auf Martha. „Ich muß sie sprechen," dachte er, „sie kann mich ver- rathen — wie wahnsinnig habe ich gehandelt! Sie muß erfahren, wer ich bin." Das war leichter gesagt als gethan; denn am folgenden Tage ging die junge Gräfin ihm sorgfältig aus dem Wege. Noch war sie nicht entschloffen, was sie thun sollte; sie hätte ihrem Gatten so gern davon gesagt und doch wagte sie es nicht. Da schrieb Lambrecht ihr ein zweites Billet; aber auch diesmal war das Glück ihm nicht günstig; stunden« und stundenlang suchte er vergebens, es der Gräfin zuzustecken. Endlich begegnete er auf der breiten Treppe derselben mit ihrer Schwiegermutter. Während er mit ein paar scherzenden Worten dicht an ihnen vorüberstreifte, schob er der jungen Gräfin das Briefchen in dis Hand, — unbemerkt, wie er meinte, aber in Wirklichkeit war es dem scharfen Blick der Gräfin so wenig entgangen, wie das erste Mal. Sie sagte kein Wort darüber, war aber fest entschlossen, bald zu ergründen, was diese geheime Correspondenz eigentlich zu bedeuten habe. Als die junge Gräfin dies zweite Billet las, war sie fast der Verzweiflung nahe. Was konnte er nur von ihren Eltern wissen, dieser Fremde, bett sie fürchtete? Warum nur mochte er sie um ihrer tobten Mutter willen bitten? — Was half es? Sie mußte gehen. Dem wachsamen Auge bet Gräfin-Mutter entging es nicht, baß ein neuer Schatten Marthas schöne Züge trübte, daß sie traurig mK unruhig war. Curt hatte an bem Tage einen weiten Ritt gemacht, er war müde und zog sich frühzeitig zurück. Noch ein paar Minuten verweilte er neben seiner Gattin und beobachtete ihre zarten, schlanken Finger, die sich eifrig mit einer feinen Hand- arbeit beschäftigten. Das Schicksal wollte, daß ihm das Armband auffiel, das ihren rechten Arm umschloß: ein breites, goldenes Band, reich mit Perlen verziert, das er ihr kurz nach der Hochzeit geschenkt hatte. „Dieses Armband ist wirklich das schönste, das Du besitzt, Martha," bemerkte er, „meinst Du nicht auch, Mutter?" Diese trat hinzu und betrachtete das Band. „Ja, es ist sehr schön," entgegnete sie in kühlem Tone- Sie vermochte nicht eher wieder freundlich gegen die Gattin ihres Sohnes zu fein, bis sie wußte, was diese veranlaßte, von einem ihr fast Fremden Billete entgegenzunehmen. (Fortsetzung folgt.) laben und doch nicht daranfassen zu dürfen, brachte ihn halb von Sinnen. „Mein eigenes, einziges Kind!" Diese Worte hallten immer und immer in seinem Innern wieder. Er hatte allen Hinder- niffen getrotzt und sie besiegt, eins aber hatte sich ihm unbemerkt genähert und das war die Liebe zu der schönen, edlen Dame, seiner eigenen Tochter. Er beschloß, zu fliehen und so bald nicht wieder in diese Gegend zu kommen; aber der junge Gras wollte nichts von einem so baldigen Abschied hören und schließlich gab Lambrecht seinen Bitten nach und versprach, noch einige Tage zu verweilen. Die Natur verlangte ihr Recht; er fing an, Liebe für Martha zu empfinden; es gab Zeiten, wo der falsche, treulose Mann sich nach einem Wort von den Lippen seiner Tochter sehnte, — wo es ihn darnach verlangte, sie, in seine Arme zu schließen und ihr zu sagen, daß sie sein, sein eigen Kind sei. Er hätte sich selbst um dieser Regung willen hassen können! Sollte er einer momentanen Schwäche halber des guten Rufes, den er sich so mühsam erworben hatte, wieder verlustig werden? — Nein, nein, das durfte nicht fein! — An demselben Tage geschah es, daß er mit Gräfin Martha und Melanie von Selten eine Promenade durch den Park machte und sich beim Blumenschneiden eine tiefe Schnittwunde beibrachte, daß es heftig blutete und Melanie in das Haus eilte, um etwas englisches Pflaster zu holen. Lambrecht aber gehörte zu den Menschen, die kein Blut sehen können, und blaß und matt lehnte er gegen das Eisengitter. „Ich will Ihnen den Finger einstweilen mit dem Taschentuch verbinden," sagte Martha mit einem theilnehmenden Blick auf sein Gesicht. Sie nahm seine Hand in die ihrige, und indem sie sich herabbeugte, um den Finger zu verbinden, streifte ihn ihr goldenes Haar — diese Berührung durchzuckte ihn wie ein elec- trischer Schlag; ihre warmen, weichen Finger hielten die seinen so sanft, ihr schönes Gesicht mit dem mitleidigen Ausdruck war so reizend — und sie war ja sein, sein Kind! Und für einen Moment vergaß er alle Gefahr, dachte er an nichts in der Welt, als daß sie Die wäre, die er als kleines Kind in den Armen gehalten hatte; er beugte sich über sie und preßte einen Kuß auf das goldene Haar. Dann aber, als er sah, was er gethan hatte, stockte ihm plötzlich der Äthern. Die junge Gräfin prallte zurück, eine dunkle, flammende Röthe übergoß ihr Gesicht, aus ihren Augen schoß tiefste Ent- rüstung. Sie war eben im Begriff, einen heftigen Ausruf zu thun, als er ihr mit tiefer Trauer im Antlitz zuvorkam. „Still, Gräfin!" sagte er. „Wenn Ihr eigenes Glück Ihnen lieb ist, so schweigen Sie still. Ich - ich kannte einst Ihre Mutter und Sie sehen ihr so ähnlich." Ehe Martha Zeit blieb, etwas zu erwidern, war Melanie zurückgekehrt und voll Erstaunen bemerkte sie den seltsamen Ausdruck auf dem schönen Gesicht, aber sie sagte nichts. Lambrecht wünschte sehnlichst, er wäre seiner Absicht gefolgt und abgereist; jetzt blieb ihm nur noch ein Ausweg, er muhte dis junge Gräfin sehen, ihr Alles sagen und es ihr anheimstellen, sein Geheimniß zu bewahren. Und er schrieb ihr folgendes Billet: „Ich bitte Sie, über das heute Geschehene tiefes Schweigen zu beobachten, bis ich Sie gesprochen habe. Ich werde Ihnen Alles erklären. Die Ehre einer Familie — ja, mein Leben hängt von Ihrem Stillschweigen ab. Wollen Sie mir eine Unterredung gewähren? Ich kannte Ihre Eltern und habe Ihnen viel zu sagen. Wollen Sie mich heute Abend nach dem Thee int Lesezimmer treffen? Ich werde Sie nicht lange zurückhalten." , M „ Leider fand er nicht so bald Gelegenheit, thr das Briefchen zukommen zu taffen; doch endlich glaubte er den geeigneten Moment dazu gekommen. Es war von einer Photographie die Rede und Martha trat an einen großen runden Tisch, aus dem eine Menge Bücher und Bilder lagen, um die besprochene Photographie herbeizuholen. „Erlauben Sie, daß ich Ihnen suchen helfe," sagte Herr WWW •“ 544 ■“ Der Kugelblitz. Von H. Bredrow. —— (Nachdruck verboten.) Es giebt eine ganze Anzahl prächtiger Naturerscheinungen, die den meisten Menschen Zeit ihres Lebens unbekannt und unzugänglich bleiben, sei es well sie höchst selten auftreten, sei es weil Ort und Zeit ihres Erscheinens die Beobachtung erschweren- Wie Wenigen ist in nordischer Winternacht der unvergeßliche Anblick der Aurora borealis, dieser Königin aller terrestrischen Lichterscheinungen zu Theil geworden; wie Wenige haben auf dem wogenden Nebelmeer einer Herbstnacht das bleiche Thor des Mondregenbogens schi umern sehen; wie Vielen sind die Phänomene des St. Elmsfeuers, der Nebensonnen, des Zodiakallichtes, jder Fata Morgana tönende Worte geblieben und nie durch die Pforte des Auges dem innern Sinne geoffenbart worden' Nureinzelne Auserwählte, die der Natur nicht nur in Frühlingswonne und Sommerglanz, sondern auch in allem Sturm und Wetter der trüben Jahreszeiten treu bleiben, werden von ihr mit dem Anblick ihrer geheimsten Schätze belohnt und entzückt. Entzücken mit Schrecken vermischt aber verbreitet sie, wenn sie ihrer Werkstatt eines ihrer seltensten Geschenke entnimmt und dem erstaunten Sterblichen die Erscheinung des Kugelblitzes vor das geblendete Auge zaubert. Man hat zu Zeiten geglaubt, die Existenz des Kugelblitz's überhaupt bestreiten zu müssen, und noch heutzutage ist die Zahl der etwa seit Mitte des vorigen Jahrhunderts be» obachteten und zuverlässig beschriebenen Fälle eine beschränkte. Unter meinen zahlreichen Bekannten hat ein einziger die Erscheinung selbst beobachtet, und ich bin überzeugt, daß viele Leser in ihrem Umgangskreise vergebliche Umfrage danach halten werden. Es erscheint daher angebracht, zuerst einige Beispiele sür das Auftreten des Kugelblitzes anzuführen. Einer überaus heftigen elektrischen Entladung unter gleichzeitigem starkem Schneegestöber und wunderbar schönem Elmsfeuer wohnte der russische Topograph Pastuchow am 6. und 7. September 1891 im Kaukasus bei. Er nächtigte an beiden Tagen auf dem Gipfel des fast 4000 m hohen Chalaza. Am zweiten Abende hatte er sich bei einer Temperatur von 0,5° R. mit seinen Begleitern, acht Kosacken, kaum zum Schlafe niedergelegt, als ein Donnerschlag, so furchtbar, daß der Berg buchstäblich erdröhnte, sie wieder erweckte. Unter seinem Filzmantel hervorschauend sah Pastuchow die St. Elmsfeuer wie am vorigen Abend ihre Tänze beginnen, mit jedem Donnerschlage erlöschen und ebenso plötzlich wieder aufleuchten. Plötzlich flimmerte mit schrecklichem Summen etwas an seinen Augen vorüber. Nach einigen Minuten wiederholte sich die Erscheinung, ohne daß er sie aufzufassen vermochte. Er bereitete sich aus die genaue Beobachtung vor und brauchte nicht lange zu warten. Von neuem begann es in derselben Richtung zu summen und aufzuleuchten, und diesmal sah et deutlich eine in 3/< m Entfernung von ihm vorüberfliegende kleine Feuerkugel, etwas größer als eine Walnuß. Sie flog wellenförmig, scheinbar rikochettierckd, und gab ein Summen von sich, ähnlich dem einer Biene, die an ein Glas stößt. Dies wiederholte sich mehrmals, und bisweilen flog die Feuerkugel so nahe an Pastuchows Gesicht vorbei, daß er unwillkürlich die Augen schloß. Die electrische Spannung wurde immer größer; manchmal klapperte bei den Donnerschlägen die ganze Oberfläche des Berges, als ob man von ihr ein Dach aus Eisenblech abrisse. Dann vergingen Minuten, und es ertönte kein Schlag; nur das Summen ward stärker, und ein Erdhügel auf dem Berge zischte buchstäblich wie eine gigantische Theemaschine. Alle Kosacken erwarteten, wie sich nachher herausstellte, etwas Außerordentliches, Schreckliches. Der Schnee fiel stark wie zuvor, der Wind ward stiller; Flammen gab es unzählige. Plötzlich leuchtete eine Kugel auf, dann eine andere, noch eine dritte und schließlich — schneller als Worte beschreiben können, blitzte ein schreckliches Licht auf, erschallte ein betäubender Donner, und es riß den Beobachter an den Füßen, zog ihn vom Platze fort und warf ihn auf den Rücken. Alle fühlten sich an den Beinen getroffen, Manche so stark, daß sie dieselben abgerissen glaubten; doch war Niemand getödtet. Dieser Schlag bildete das Ende der Erscheinung. Ganz verschieden von diesem Falle ist die folgende Mittheilung, die Herr Babinet im Jahre 1852 der französischen Akademie der Wissenschaften machte. Nach einem sehr starken Donnerschlage, jedoch nicht unmittelbar darauf, sah ein Hand, werter in einem Hause der Straße Saint-Jacques, von Pro- feffion ein Schneider, einen Kugelblitz in seiner Stube erscheinen, als er nach beendigter Mahlzeit seitwärts am Tische saß. Ein mit Papier beklebter Rahmen, der den Kamin verschloß, fiel plötzlich wie von einem mäßigen Windstoß umgeworfen, und aus dem Kamin kam eine feurige Kugel von der Größe eines Kinderkopfes ganz langsam hervor und wandelte in geringer Höhe über den Ziegelsteinen des Fußbodens langsam dahin. Ihr Aussehen war nach der Aussage des Handwerkers wie das einer Katze von mittlerer Größe, die sich zusammenqekugelt hat und sich sortbewegt, jedoch ohne sich auf ihre Pfoten zu stützen. Die Feuerkugel erschien mehr glänzend und leuchtend als heiß und entzündet; der Beobachter hatte keine Empfindumg von Wärme. Die Kugel näherte sich seinen Füßen wie eine junge Katze, die spielen und sich nach Katzengewohnheit an den Füßen reiben will. Der Schneider zog jedoch die Füße zurück und vermied durch mehrere vorsichtige, aber, wie er sagte, stets langsame, sanfte Bewegungen die Berührung mit dem Meteore. Dieses schien mehrere Minuten (?) neben den Füßen des sitzenden Schneiders, der es vornüber geneigt aufmerksam betrachtete, zu verweilen. Nachdem es noch einige Bewegnngen in verschiedenen Richtungen aurgeführt hatte, ohne die Mitte des Zimmers zu verlassen, erhob es sich vertikal bis zur Kopfhöhe des Schneiders, der sich wieder aufrichtete und auf seinem Stuhle zurückbog. Als die feurige Kugel sich etwa 3 Fuß vom Boden erhoben hatte, verlängerte sie sich etwas und richtete sich schief gegen ein Loch, das etwa 3 Fuß hoch über dem oberen Gesimse der Kamins angebracht war. Dieses Loch diente dazu, das Rohr eines Ofens aufzunehmen, den der Schneider während des Winters gebrauchte. Doch konnte der Blitz, wie jener sich ausdrückte, das Loch nicht sehen, weil es mit Papier verklebt war. Die feurige Kugel ging jedoch gerade auf dieses Loch zu, schälte das Papier ab, ohne es zu verletzen, und stieg in dem Kamin empor. Am Ansgange des Schornsteins, der wenigstens 20 m über dem Boden des Hauses lag, angelangt, brachte sie eine entsetzliche Explosion hervor, die einen Theil vom Ende des Schornsteins zerstörte und die Trümmer in den Hof warf. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Erkennungszeichen. Neffe (der seinen schwerkranken Onkel besucht hat, zur Wärterin): „Ob er mich noch erkennt?" — Wärterin: „Natürlich; er sah doch gleich nach dem Geld- schrank hinüber!" * , • Kurz und bündig. A.: „Nun, was ist aus den zwanzigtausend Mark geworden, die Deine Schwester geerbt hat?" — B.: „Ein Schwager!" * ♦ ♦ Gerechte Abscheu. Ladnerin: „Wünschen Sie vielleicht die Strümpfe fleischfarbig?" — Käufer: „Um Gotteswillen! Ich bin Vegetarianer!" e * ♦ Anderen Grund. „Sehen Sie nur, der Herr Baron ■ hat schon eine gewaltige Platte, er ist doch noch nicht so alt!' = — „Ja, vorn Alter hat er sie anch nicht, er hat sie von der 1 Jugend!" __ Ul gewi der wide Weit schne „nm War zusai Schc Unte gewi sicht Lasst erkä' »ich Jhrl Kem Mu! ersp wisst dem sage! Sie nur geda Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.