irr. 83. -S"®- 1893. »__ A-E^WiMUk KEM-ÄW UDD ^WW>M NE-L Untevhaltungsblatt 31111t GLetzenev Anzeigen (Genep^l-Anzeigev) - ... , _____________ ? Dienstag, den 18. Juli. Der Staatsanwalt. Novelle von Wolfgang Hellmuth. (Fortsetzung). Doctor Julius Stirner, der noch soeben mit erhobener Hand versichert hatte, daß er im innersten Herzen von der Schuldlosigkeit seines Clienten überzeugt sei, mar bei dem unerwarteten Geständniß zusammengezuckt, als ob ihm Jemand hinterrücks einen Faustschlag versetzt habe. Dann war er nach dem hinter ihm stehenden Angeklagten herumgefahren mit einer wilden, wüthenden Bewegung, wie um ihn an der Kehle zu packen oder ihn auf irgend eine andere gewaltsame Art am Weiterreden zu hindern. Sein Gesicht war verzerrt, seine Augen schienen aus ihren Höhlen hervorzutreten und in den dick aufgeschwollenen Adern seines mageren Halses pulsirte in sichtbaren raschen Stößen das Blut. Leise, aber mit Gestikulationen, die deutlich genug seine wahnsinnige Aufregung ver- riethen, begann er auf Paul Bergmann einzureden; doch dieser vernahm augenscheinlich nichts von seinen Worten, denn er starrte unverwandt nach der anderen Seite hinüber und in seinem aschfarbenen Antlitz veränderte sich keine Linie. Nun ertönte auch die Glocke des Präsidenten und die eben noch so lebhafte Bewegung im Saale wich einem tiefen Schweigen. „Angeklagter, Sie geben also jetzt zu, die That begangen zu haben, deren Sie beschuldigt werden? Sie haben Ihre Tante ermordet?" „Ja, Herr Präsident, ich habe sie erschlagen. — Nicht mit Ueberlegung und Vorbedacht, denn dazu hätte ich nimmermehr den Muth gehabt, sondern in der Aufregung eines ver- zweifelten Augenblicks, in welchem ich nicht mehr wußte, was ich that. Ich befand mich in furchtbarster Bedrängniß; meine Gläubiger drohten, sich an meinen Prinzipal zu wenden und wenn ich infolge dessen, wie es fast gewiß war, meins Stellung verloren hätte, mußte auch eine Unterschlagung an den Tag kommen, deren ich mich einige Zeit vorher mit Hilfe falscher Buchungen schuldig gemacht habe. Meine Existenz und meine ganze Zukunft standen auf dem Spiel; es gab keine andere Hoffnung mehr für mich, als die Hoffnung auf eine Rettung durch meine Tante. So ging ich denn zu ihr, obwohl sie mir bei meinem letzten Besuche, der einen ähnlichen Zweck gehabt, mit dürren Worten die Thür gewiesen hatte. Mit den beweglichsten Bitten stellte ich ihr meine unglückselige Lage vor und beschwor sie, mir nur dies eine Mal ihre Hilfe nicht zu versagen. Sie aber schlug mein inständiges Flehen nicht nur rundweg ab, sondern sie schleuderte mir auch eine Fluth höhnischer, beschimpfender Worte in's Gesicht und erklärte mir zuletzt, daß sie nunmehr fest entschlossen sei, mich zu enterben, da sie ihr mühsam zusammengehaltenes Vermögen wohl allenfalls einem Verschwender, nimmermehr aber einem Spitzbuben vermachen wolle. Da, als ich erkannte, daß Alles für mich verloren war, kam es plötzlich über mich wie die Raserei des Wahnsinns und als sie mich zum zweiten Male ausforderte, zu gehen, weil sie keine Gemeinschaft zu haben wünsche mit einem künftigen Zuchthäusler, da schlug ich sie in bänder, unsinniger Wuth mit dem schweren Eisenknopf meines Spazierstockes über den Kopf. Sie schrie um Hilfe und ich schlug von neuem zu — ich weiß nicht wie oft. Wie sie dann regungslos am Boden lag, war es viel mehr ein Gefühl der Genug- thuung, als des Entsetzens, das mich erfüllte. Ich hatte sie niemals geliebt und ihre letzten Worte hatten meine Empfindungen bis zum glühendsten Hasse gesteigert. Ich wandte mich zum Gehen, — da durchzuckte mich mit einem Male der Gedanke, daß ich mich nun ja auch nicht mit leeren Händen zu entfernen brauche. Es war mir bekannt, daß meine Tante aus Furcht vor Veruntreuungen den größten Theil ihres Vermögens im Hause verwahrte, aber ich wußte nicht, wo sie da« Geld verborgen hielt. Mit Hilft einer Scheere, die auf dem Tische lag, versuchte ich zunächst, die verschlossenen Schrank- thüren aufzusprengen. Aber es gelang mir nicht, und da schließlich die Scheere abbrach, machte ich mich daran, die anderen offenstehenden Möbel zu durchsuchen in der Hoffnung, irgendwo auf einen Geldbetrag oder auf einen Werthgegenstand zu stoben. Mitten in diesem fruchtlosen Bemühen wurde ich durch ein Klingeln an der Wohnungsthür zu Tode erschreckt. Ich schlich mich auf den Fußspitzen über den Gang und blickte durch das kleine Guckloch, das in der Thür angebracht war. Draußen stand ein heruntergekommen aursehender Mensch in schmutzigen und zerrissenen Kleidern — augenscheinlich ein Bettler. Er klingelte noch einmal und wartete eine Weile; dann ging er, indem er etwas Unverständliches vor sich hinmurmelte, die Treppe hinauf. Aber die Todesangst, welche ich während dieser wenigen Augenblicke ausgestanden, hatte jedes Verlangen nach Beute in mir erstickt. Jetzt erst fiel mir ein, daß auch das Dienstmädchen in jedem Augenblick zurückkehren könnte und daß ich rettungslos verloren war, wenn sie mich noch in der Wohnung fand. Ich dachte an nichts Anderes mehr, als an schleunige Flucht. Nachdem ich, um keine ver- rätherischen Spuren meiner Anwesenheit zurückzulassen, trotz des Grauens, das ich davor empfand, ihn zu berühren, den Stock, der mir als Mordwerkzeug gedient hatte, wieder an mich genommen, schlich ich behutsam über die Hintertreppe hinab, die 330 *— Clienten ertheilt habe, diesem Gerichtshöfe keine Rechenschaft schuldig." Der Vorsitzende biß sich auf die Unterlippe, aber er 6e* wahrte doch seine ruhige Haltung. Ohne den Vertheidiger noch eines weiteren Blickes zu würdigen, wandte er sich an den Staatsanwalt mit der Frage, ob er angesichts dieser veränderten Sachlage neue Anträge zu stellen wünsche. Als er verneinte, wurden die Fragen, welche von den Geschworenen zu beantworten waren, formulirt und nach einer kurzen Rechtsbelehrung von Seiten des Präsidenten zog sich die Jury in das anstoßende Berathungszimmer zurück. Ihre Abwesenheit währte kaum eine Viertelstunde; dann traten die zu Richtern berufenen Männer mit ernsten Gesichtern wieder in den Saal und der Obmann verkündete, daß der Angeklagte Paul Bergmann mit Stimmeneinheit des Todtfchlags schuldig befunden worden sei. Der Staatsanwalt beantragte eine Zuchthausstrafe von fünfzehn Jahren; der Vertheidiger verzichtete ebenso wie der Angeklagte aus jede weitere Bemerkung, und nach einer Berathung mit den Beisitzern des Gerichtshofes, welche nur wenige Minuten in Anspruch genommen hatte, verkündete der Präsident das Urtheil, welches dem Anträge des Staatsanwalts entsprach. Scheinbar gefaßt nahm der Mörder den Spruch entgegen, der ihn für immer aus der Gesellschaft ehrlicher Menschen ausstieß; er wurde abgeführt und mit einem tiefen Aufathmen verließen die Zeugen des düsteren Justizdramas den heißen, dumpfigen Saal. In dem für die Mitglieder des Gerichtshofes bestimmten Vorzimmer trafen der Staatsanwalt und der Vertheidiger für einen Moment zusammen. Bernhardt Rodewaldt ging an dem Advocaten vorüber, ohne ihn zu grüßen und scheinbar, ohne ihn zu sehen; die Augen des Doctor Julius Stirner aber i folgten dem Davonschreitenden mit einem Ausdruck wilden, iödtlichen Hafies, und die unverständlichen Worte, welche seine blassen Lippen hinter ihm drein murmelten, enthielten sicherlich einen nichts weniger als freundlichen Wunsch für den Mann, dem es soeben gelungen war, der Gerechtigkeit z» einem kaum noch erwarteten Siege zu verhelsen- II. In dem Hause des Gymnasialdirectors Profesior Hallenstein hatte sich zwei Tage nach dieser denkwürdigen Gerichtsverhandlung eine kleine Gesellschaft zusammengefunden, zu der auch der Staatsanwalt Bernhard Rodewaldt gehörte. Er war mit dem verdienstvollen und allgemein geachteten Gelehrten fchon seit längerer Zeit befreundet, aber er betrat feine Wohnung heute zum ersten Male. Auch war er den beiden Kindern des Profesiors, einem sünfundzwanzigjährigen Sohne und einer achtzehnjährigen Tochter, noch nie zuvor begegnet, und es war darum wohl zu begreifen, wenn ihn die auffallende Schönheit des jungen Mädchens, das erst vor drei Monaten aus einer Schweizer Penston heimgekehrt war, auf eine sehr angenehme Weise überrascht hatte- Er war nicht darüber im Zweifel, daß ihm niemals ein anmuthigeres und reizenderes Geschöpf begegnet sei, als Elfriede Hallenstein, und feine Bewunderung für ihre jugendfrtsche Holdseligkeit, ihre schalkhafte Grazie und ihren klaren, ungekünstelten Verstand wuchs von Minute zu Minute während der lebhaften Unterhaltung, die er vor dem Beginn der Tafel mit dem Töchterchen des Hauses führen durfte. Weniger günstig war der Eindruck, welchen er von dem Bruder Elfridens, dem jungen Doctor Ernst Hallenstein, empfing. Der Gymnasialdirector hatte ihm mitgetheilt, daß fein Sohn vor Kurzem die ärztliche Staatsprüfung bestanden habe und gegenwärtig als Volontär-Arzt am städtischen Krankenhause thätig sei; in dem Wesen des jungen Mediciners aber war noch viel mehr von dem flotten Corpsstudenten, au> von dem ernsthaften, zum Helfer und Tröster im menschlichen Leiden berufenen Arzte. Wie er die Narben von einigen tüchtigen „Schmissen" mit sichtlichem Stolz auf feinen Wangen | trug, so warf er auch beständig mit studentischen Ausdrücken nach einem zweiten Ausgang des Hauses führte und gewann > so, von Niemanden gesehen, das Freie. — Ich vermag Ihnen nicht zu schildern, meine Herren Richter, welche Qualen ich während der nächsten Stunden und Tage ausgestanden! — | Hundertmal war ich auf dem Wege, mich selbst den Behörden anzugeben, und jedesmal hielt mich doch meine Feigheit und die Liebe zum Leben davon zurück. Ich las in den Zeitungen, daß man jenen Bettler als des Mordes verdächtig verhaftet habe und ich begann neue Hoffnung zu schöpfen. Mein Ge« wiffen regte sich wohl, aber ich tröstete mich mit der Zuversicht, daß man einen Unschuldigen am Ende doch nicht ver- urtheilen würde und daß ich durch diesen Mißgriff der Polizei vorläufig jedenfalls vor Entdeckung gesichert sei. Auch gab mir der Besitz des großen Vermögens, das man mir anstandslos ausgehändigt hatte, ein Gefühl der Sicherheit, durch das die Selbstvorwürfe, mit denen ich mich anfänglich gepeinigt hatte, mehr und mehr erstickt wurden. Als ich dann wahrnahm, daß man dennoch einen Verdacht gegen mich zu schöpfen begann, hatte ich mich, wie ich glaubte, mit mir selber über meine unselige That bereits vollständig abgefunden und ich war trotzig entschlossen, mich bis auf das Aeußerste zu vertheidigen. Darum, meine Herren Richter, leugnete ich so lange und so beharrlich meine Schuld. In der Einsamkeit des Gefängnisses freilich stellten sich nach und nach die schrecklichen Vorstellungen wieder ein, unter denen ich unmittelber nach dem Morde gelitten hatte. Ich war zuweilen dem Wahnsinne nahe und eine innere Stimme rief mir unaufhörlich zu, meine Schuld zu bekennen und freiwillig die Strafe auf mich zu nehmen für das, was ich gethan- Auch glaubte ich wahrzunehmen, daß es um meine Sache schlecht bestellt sei und ich würde darum wohl schon früher ein Geständniß abgelegt haben, wenn nicht —" Er hielt inne, als ob es ihm schwer würde, den begonnenen Satz zu vollenden; als aber der Vorsitzende in gütig mahnendem Tone fragte, wodurch er von einem Bekenntniß zurückgehalten worden sei, da warf er entschlossen den Kopf zurück und sagte mit fester Stimme: „Durch den Rath meines Vertheidigers, Herr Präsident! Er glaubte meine Freisprechung erwirken zu können und er hinderte mich deshalb daran, mein Verbrechen zu gestehen." „Das heißt — Sie wollen damit sagen, daß Sie auch | Ihren Herrn Vertheidiger getäuscht haben, wie Sie uns zu täuschen versuchten. Sie haben den Glauben an Ihre Unschuld in ihm zu erwecken gewußt." „Nein, meine Herren Richter! Ich hatte Herrn Rechtsanwalt Stirner auf sein dringendes Vorhalten schon bei dem ersten Besuch, den er mir im Untersuchungsgefängniß abstattete, meine That eingeräumt; aber ich hatte ihm allerdings gleichzeitig eine Belohnung von dreißigtausend Mark versprochen, wenn es ihm durch seine Vertheidigung gelänge, meine Freisprechung herbeizuführen." Von allen Ueberraschungen dieser an dramatischen Zwischenfällen so überreichen Gerichtsverhandlung war jedenfalls keine gleich sensationell und Aussehen erregend gewesen, als diese mit dem Ausdruck der vollsten Wahrhaftigkeit vorgebrachte Erklärung des Angeklagten. Unter den Zuhörern wurden Rufe des Unwillens und der Entrüstung laut, sodaß der Präsident mit allem Nachdruck eine Räumung der Zuschauerplätze androhen mußte, um Ruhe zu erzielen. „Sie haben gehört, Herr Rechtsanwalt," wandte er sich an den Vertheidiger, „welche Beschuldigung der Angeklagte gegen Sie erhebt. Ohne Zweifel sind Sie gewillt, dieselbe auf der Stelle als eine grobe Unwahrheit zu bezeichnen." Doctor Julius Stirner hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt; ein höhnisches Lächeln war auf seinem farblosen Gesicht, und indem er den langen Schnurrbart durch die Finger gleiten ließ, sagte er, ohne sich zu erheben, in spöttisch herausforderndem Tone: „Wenn ich eine solche Absicht gehabt hätte, Herr Präsident, so würde es Ihrer besonderen Aufforderung nicht erst bedurft haben. Ich glaube zu wissen, was ich mir und meiner Standesehre schuldig bin. Mich über die letzte Bemerkung des Angeklagten zu äußern, habe ich vorläufig keine Veranlassung. Ich bin über die Rathschläge, welche ich meinem - 831 - jenschast r er 6e* theidiger sich an sser uer« Als er iroorenen i Rechts- Jury in vesenheit Richtern en Saal il Berg- befunden russtrafe enfo wie ich einer rlche nur idete der ranwalts entgegen, Menschen ufathmen l heißen, stimmten liger für an dem ar, ohne iter aber ' wilden, Iche seine n sicher- sür den igkeit zu von dem stein, em- daß sein nden habe Kranken- iers aber als von enschlichen n einigen t Wangen lusdrücken >r Hallen- Gerichts- n, zu der irte. 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Mit einem gewissen Bedauern hatte der Staatsanwalt diese durch das Auftreten des Doktors hinreichend bestätigte Characteristik vernommen; aber er hatte das Mißfallen, das ihm der Bruder erregte, sehr bald und sehr vollständig über dem Wohlgefallen an der liebreizenden Schwester vergessen. Aus ärmlichen Verhältnissen hervorgegangen und durch die Umstände frühzeitig zu ernster Arbeit gezwungen, hatte Bernhard Rodewaldt bisher wenig Gelegenheit gehabt, die Freuden heiterer Geselligkeit zu genießen, und die Namen der jungen Damen, mit denen er außerhalb seines Berufes in Berührung gekommen war, hätten sich leicht an den Fingern herzählen lassen. Darum muthete ihn Elfriedens ungesuchte Liebenswürdigkeit wie etwas ganz Neues, bisher Ungekanntes an; darum tönte ihm ihr silberhelles Lachen wie die süßeste Musik in das Ohr und darum ließ jeder freundliche Blick ihrer lachenden braunen Augen sein Herz in rascheren Schlägen klopfen. Er war eben in einem sehr eifrigen Gespräch mit ihr begriffen und lauschte in Hellern Entzücken ihrem zugleich klugen und naiven Geplauder, als sich die Thür des Salons öffnete, um die lange, hagere Gestalt des Doctor Julius Stirner sichtbar werden zu lassen. Der Professor hatte eine kleine Weile zuvor geäußert, daß man noch nicht zu Tische gehen könne, weil man aus das Erscheinen eines lieben Freundes zu warten habe, und nach der Art der Begrüßung, welche der Hausherr dem Eintretenden zu Theil werden ließ, konnte Rodewaldt nicht daran zweifeln, daß kein Anderer als Stirner mit jenem „lieben Freunde" gemeint gewesen sei. Er verfärbte sich ein wenig und brach die Unterhaltung mit Elfriede so plötzlich ab, daß das junge Mädchen ganz erstaunt und betroffen zu ihm aufsah. Einige hastige, kaum verständliche Worte der Entschuldigung murmelnd, zog er sich, um einer etwaigen Begrüßung durch den Rechtsanwalt auszuweichen, tiefer in den Hintergrund des Zimmers zurück, und er nahm gleich darauf eine günstige Gelegenheit wahr, um dasselbe unauffällig ganz zu verlassen. Während er draußen auf dem Gange rasch nach Hut und Ueberrock griff, beauftragte er das verwundert zusehende Mädchen, ihn mit einer eiligen und dringenden Abberufung bei dem Hausherrn zu entschuldigen. Noch ehe aber die Dienerin ihren Auftrag hatte ausführen können, trat der Professor selbst heraus und fragte in höchstem Erstaunen, was dieser plötzliche Aufbruch bedeuten solle. Für einen Moment dachte Bernhard Rodewaldt wohl daran, bei dem eben erfundenen Vorwand zu beharren; aber die — überdies sehr unwahrscheinlich klingende — Lüge widerstrebte seiner ehrlichen Natur und seiner Achtung vor dem liebenswürdigen Gelehrten so sehr, daß er, nachdem das Mädchen außer Hörweite war, ganz offen erklärte: „Ich bitte Sie, mich für heute zu beurlauben, verehrter Herr Professor, weil zwingende Gründe es mir unmöglich machen, mit Herrn Doctor Stirner an dem nämlichen Tische zu sitzen." Director Hallenstein war sehr bestürzt. „Darum also vermieden Sie es, ihn zu begrüßen? — Ich habe allem Anschein nach eine Ungeschicklichkeit begangen, ihn zugleich mit Ihnen einzuladen; aber wie hätte ich ahnen können, daß eine so weitgehende Feindschaft zwischen Ihnen besteht I — Oder hätte Ihre Entschließung etwa einen anderen Grund? — Wären es vielleicht gar Bedenken gegen die Ehrenhaftigkeit des Rechtsanwalts, welche Ihnen den Aufenthalt in einer Gesellschaft unmöglich machen, der auch er angehört?" „Ich bitte Sie, mir die Antwort darauf zu erlassen, Herr Professor," sagte Rodewaldt ausweichend. „Herr Doctor Stirner gehört, wie ich vermuthe, zu Ihren näheren Freunden." „Er verkehrt seit mehreren Monaten in meinem Hause und ich gestehe, daß ich lebhaftes Gefallen an seinem scharfen Verstände und an seiner geistreichen Unterhaltungsgabe gefunden habe. Ueber seinen Character aber bin ich zur Zeit noch völlig im Unklaren, und wenn irgend ein Makel auf demselben haften sollte, so bitte ich Sie dringend, mir nicht zu verschweigen, was Sie darüber wissen." Der Staatsanwalt machte auch jetzt eine verneinende Bewegung; aber noch bevor er die ablehnende Antwort hatte geben können, fuhr der Professor mit vermehrter Eindringlichkeit fort: „Es handelt sich dabei für mich nicht blos um die Furcht, vorübergehend einen bedenklichen Gast unter meinem Dache zu haben, sondern es sind ganz andere, unendlich viel wichtigere Dinge, welche da auf dem Spiele stehen könnten. Im Vertrauen gesagt, Herr Staatsanwalt: Doctor Stirner bewirbt sich um die Hand meiner Elfriede, und ich bin bis zu diesem Augenblick nicht abgeneigt gewesen, ihn zu meinem Schwiegersohn zu machen. Begreifen Sie nun, daß es ein ganz besonderes Interesse für mich haben muß, die Beweggründe Ihrer befremdlichen Entschließung kennen zu lernen?" Es war gut, daß die unsichere Beleuchtung des Ganges den Augen des Professors verbarg, wie blaß Bernhard Rodewaldt mit einem Male geworden war. Seine Erwiderung ließ eine kleine Weile auf sich warten; dann aber klang es mit der ruhigen Entschlossenheit eines wohlüberlegten, festen Entschlusses von seinen Lippen: „Ich begreife es vollkommen, aber ich bedauere, Ihnen nach dieser vertraulichen Mittheilung die gewünschte Antwort erst recht schuldig bleiben zu müssen. Nicht ich kann mich dazu berufen fühlen, Ihnen eine Auskunft zu ertheilen, die möglicherweise das Glück und den Herzensfrieden Ihrer Tochter gefährden könnte. Nehmen Sie immerhin an, daß es allein eine Empfindung persönlichen Hasses gegen den Doctor Stirner fei, die mich von hier vertreibt und versuchen Sie, mir wegen der gesellschaftlichen Unart, die in meinem Benehmen liegen mag, nicht allzu lebhaft zu zürnen." Der Professor sah in der Thai recht verdrießlich aus. „Ich kann Sie zum Reden natürlich ebensowenig zwingen als zum Hierbleiben, Herr Staatsanwalt," meinte er, „und da ich Sie nach wie vor für einen Ehrenmann halte, muß ich auch die Motive Ihres Schweigens wohl refpectiren. Aber es darf Sie nicht Wunder nehmen, wenn ich den Rechtsanwalt von Ihrer Entfernung und von der Erklärung, welche Sie • mir für dieselbe gegeben haben, in Kenntniß setze. Ich glaube das nicht nur ihm, sondern auch mir selber schuldig zu sein." Zustimmend neigte Bernhard Rodewaldt das Haupt. „Gewiß! — Und ich habe nicht die geringste Einwendung dagegen zu machen. Wenn Herr Doctor Stirner nach einer näheren Begründung Verlangen trägt, so soll sie ihm nicht vorenthalten bleiben." Es war eine ziemlich kühle Verabschiedung, welche dem Staatsanwalt zu Theil wurde, und als er auf die Straße hinaustrat, um langsam den Heimweg nach seiner einsamen Junggesellenwohnung einzuschlagen, war ihm das Herz recht schwer. Er konnte seine Handlungsweise nicht bedauern; denn was er gethan hatte, war ihm als ein unabweisliches Gebot der Ehre erschienen, und wenn er noch einmal vor die nämliche Entschließung gestellt worden wäre, würde sie sicherlich genau in demselben Sinne ausgefallen fein. Aber wenn nicht Unzufriedenheit, so war es doch aufrichtige Betrübniß, die ihn erfüllte. Erst jetzt wurde er sich mit voller Klarheit bewußt, wie tief der Eindruck gewesen war, welchen der Liebreiz Elfriedens auf ihn gemacht; erst jetzt kam ihm die Erkenntniß, daß er auf dem besten Wege gewesen war, sich einem schönen, beglückenden Traume hinzugeben, der nun unter dem rauhen — 332 Hauche einer feindseligen Wirklichkeit in Nichts zerstoben war, wie eine schillernde, farbenprächtige Seifenblase. Wenn Profeffor Hallenstein mit der Absicht umging, den Antrag des Doctor Stirner anzunehmen und ihn zu seinem Schwiegersöhne zu machen, so konnte es doch wohl keinem Zweifel unterliegen, daß er sich zuvor des Einverständniffes seiner Tochter versichert hatte und daß die Neigung Elfriedens längst diesem körperlich unschönen, aber gesellschaftlich gewandten und witzigen Rechtsanwalt gehörte. „Es hat nicht sollen sein!" murmelte der Staatsanwalt ein paar Mal wehmüthig vor sich hin, und wenn er nachher auch über seine eigene Sentimentalität zu lächeln versuchte, fühlte er doch recht wohl, daß ein Stachel in seinem Herzen zurückgeblieben sei, desien Druck er schmerzlich empfand, so oft er an Elfriede Hallensteins anmuthiges Gesichtchen und an ihr silbernes Lachen zurückdachte. Mit noch größerem Eifer als sonst saß er für den Rest dieses Tages und bis tief in die Nacht hinein über seinen Acten, in deren stumm beredten Blättern sich ihm so viele düstere Schattenseiten des menschlichen Lebens offenbarten. Die rückhaltlose Hingabe an seine Pflicht half ihm allgemach über die Bitterkeit jener Erinnerung hinweg und zuletzt — so wollte er sich selber wenigstens glauben machen — war in seinem Innern nur noch eine Empfindung des Mitleids für das schöne, ahnungslose Kind, das die erste Liebe seines reinen Herzens an einen Unwürdigen weggeworfen hatte. (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Nützlichkeit des doppeltkohlensauren Natrons. Das doppeltkohlensaure Natron wird in den Haushaltungen vielfach noch immer nicht genügend gewürdigt, obwohl es sich doch als sehr nützlich erweist. Quirlt man z. B. im Sommer eine kleine Mefferspitze voll Natron in Milch oder Sahne — auf je ein Liter ein derartiges kleines Quantum — so wird dieselbe nicht gerinnen. Hartes, zähes Fleisch, ebenso altes Gemüse wird durch die Anwendung von etwas Natron schnell weich; Bratensauce bräunt sich rasch, wenn man ein wenig Natron zusetzt. Auch saures Compot, welches schon viel Zucker verbraucht hat, wird durch den Zusatz einer ganz kleinen Dosis Natron milder. * ♦ • Die Tomate. Trotzdem die Nachfrage nach Tomaten in den Großstädten in der Regel bedeutend ist, wird der Cultur dieser Pflanze noch wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Tomate treibt einen aufrechten, der Georgine ähnlichen Stengel mit einigen Seitenzweigen und ist ein sehr reichtragendes, dankbares und leicht zu behandelndes Gewächs, welches ähnlich wie die Kartoffel zwar keine Kälte verträgt, aber auch in unserem gemäßigten Klima im Freien gedeiht. Warme Sommer sind dieser Pflanze jedoch zuträglicher, als die naßkalte Witterung und deshalb wird dieselbe in England oft in Glashäusern gebaut, in denen sie während des ganzen Jahres die im Winter sehr gesuchten und hoch bezahlten Früchte liefert. In der Nähe von Brighton sieht man diese Treibereien, welche in großer Zahl von den dortigen Farmern während der kalten Jahreszeit zur Tomaten-Cultur benutzt werden, deren jährlicher Ertrag auf 600,000 Mark geschätzt wird. Auch bei uns dürfte die Tomaten-Cultur in größerem Maßstabe als ein Mittel zur Hebung der Gemüse-Gärtnerei mit Recht zu empfehlen sein. ♦ An den dicken Bohnen breche man die Spitzen aus, sobald sich die bekannten schwarzen Milben (Blattläuse) finden, die leider in diesem Jahre besonders massenhaft auftreten. Das ausgekniffene Laub ist zu entfernen und zu verbrennen. . Die Myrthe. Wenn man sich ein Myrthenbäumchen ziehen will, ist es nothwendig, das frifch abgeschnittene Reis sofort einzupflanzen. Man nimmt dazu einen kleinen Topf, thut zuerst eine Lage Scherben hinein, dann gute, mit etwas Sand gemischte Erde. Da hinein pflanzt man recht tief das abgeschnittene Reis und bedeckt es mit einem hierzu paffenden Glase. Man stelle den Topf vier Wochen an's Fenster, aber so, daß die Sonne nicht darauf scheint, und begieße einen Tag um den andern. Das Waffer muß abgestanden sein. Hat das Reis ein bis zwei Blätter getrieben, so entferne man das Glas, laffe aber nicht die Sonne direct darauf scheinen, auch darf die Erde nicht ganz austrocknen, es würden dann viele Blätter -abfallen. Im Winter ist es nothwendig, die Myrthe in einem frostfreien Raume aufzubewahren, 4—6 Grad Wärme genügen. Schneide immer die*verblühenden Rosen ab: das befördert den Nachtrieb neuer Blumen. Außerdem sollen keine Rosenblätter auf dem.Rasen.herumliegen. Weißgelbe Strohhüte zu waschen. Man macht eine Seifenlösung (Seife wird in Waffer gekocht); mchdem diese lau geworden, thut man einen Kaffeelöffel voll Brausepulverstoff (aus der Apotheke oder Droguenhandlung) Ne tt und wäscht dann den Hut mittelst eines Schwammes tüchtig damit. Auf diese Weise werden die Strohhüte wieder wie neu. Appretirt wird mit Gummi oder Traganthwaffer. Vermischtes. Vorschlag zur Güte. Mutter: „Es ist. ein wahres Elend mit meinem Sohne, seit er studirt, ist die Schwindsucht —" — Apotheker (der es eilig hat, unterbrechend): „Schwindsucht? Da ist - isländisch Moos gut." - Mutter: „Ach nein, ich meinte: die Schwindsucht ist in semem Portemonnaie!" - Apotheker: „Ach so, das ist etwas Anders Dann taffen Sie — isländisch weg und geben Sie ihm oloft — Moos!" * • * Großer Unterschied. Freier: „Eins möchte ich noch bemerken, Herr Director: mein Onkel ist notorisch retch und ich bin sein Erbe!" — Director: „Es wäre mir sehr angenehm, wenn das notarisch wäre!" Schadenfreude. Student (nach der Reichstagswahl in Berlin): „Ha, Herr Profeffor Virchow — auch 'mal durch- gefallen?!" * , ♦ Mahnung. Die ganze Hochzeitsgesellschaft ist versammelt. Man erwartet nur noch den zukünftigen Ehemann. Endlich erscheint ein Mann von 70 Jahren. „Ein anderes Mal," sagt der Standesbeamte, „kommen Sie etwas früher > Unbegreiflich. Lieutenant (nachdem er bereits den dritten Hasen gefehlt): „Unbegreiflich! Habe dem Kerl doch mitten durch's Herz gezielt^' * Zuvorkommend. „Aber, Karl, bist Du schüchtern bei Deiner Olga!" - „O, was fällt Dir ein! Gestern hat sie mir schon gestanden, daß ich sie liebe." Bescheiden. Was kosten die Clavierauszüge zu den Nibelungen? — Ungebunden 90 Mark. — Na, dann geben Sie mir doch lieber däs Lied: „Fischerin, du Kleine. Herr: „Was machen Sie da oben? Wollen Sie wohl augenblicklich 'runter!" - Dieb (auf einer Leiter): „Bitte, stören Sie mich nicht. Ich bin mondsüchtig!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.