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(Fortsetzung). „Sonderbar, sonderbar," murmelte der Commerzienrath, als er eine halbe Stunde später wieder seiner Villa zuschritt, „die Leute versuchen genau wie ich ihr Glück im Spiel, Ham# mern sich an eine unter Umständen sehr trügerische Hoffnung. Diese Neigung muß tief in des Menschen Brust liegen und zuweilen sich mächtig regen. Es ist ja auch erklärlich, denn man sucht eben mit dem Glück das Unglück zu bekämpfen, aber welch' ein Unterschied liegt doch nicht in den Verhältnissen der einzelnen Spieler! Gewänne ich zum Beispiel das große Loos, so würde es mich wieder zum reichen Manne machen und ich könnte auch meinen Mitmenschen viel nützen, gewännen die Arbeiter aber das große Loos, so würde wahrscheinlich noch kein einziger von ihnen wohlhabend davon werden, denn der Gewinn müßte an hundertdreiundvierzig Mitglieder vertheilt werden. Ich habe allerdings auch einen weit größeren Einsatz riskirt als die hundertdreiundvierzig Arbeiter zusammen. Es gleicht sich eben in der Welt Alles aus, auch Risiko und Geivinnaussichten." Nach seiner Rückkehr in die Villa begab sich Malten, welcher seit elf Jahren Wittwer war, nach der Veranda seines Gartens. Dort in einer stillen, lauschigen Ecke suchte er seinen Geist zu sammeln, um den aufregenden Scenen, welche bald zwischen ihm und seinem Sohn Ludwig stattfinden mußten, gewachsen zu sein, denn wahrscheinlich erfuhr Ludwig das Unglück, welches Hülsemann betroffen, noch in der Fabrik oder auf dem Wege nach der Villa von irgend einem Bekannten oder gar durch einen Bediensteten Hülsemanns selbst, denn dergleichen Hiobsposten pflegen sich wie ein Lauffeuer zu verbreiten. „Ich werde Ludwig gütlich zureden," dachte Malten, „und er wird vielleicht einsehen, daß es gut ist, einen Act kühler Ueberlegung zu vollziehen und meinem Rathe folgen, er ist ja sonst ein sehr vernünftiger Mensch." Während der Commerzienrath sich dieser stillen Hoffnung hingab, eilte plötzlich sein Sohn mit fliegendem Athem herbei und dem Vater einen Brief reichend, rief er mit bebenden Lippen: „Hier lies, Vater! Ein entsetzliches Unglück ist im Hülsemann'schen Bergwerke passirt." Hastig durchflog Malten den Brief, der von Matthias Hülsemann selbst geschrieben, Ludwig Malten und dessen Vater das entsetzliche Unglück anzeigte. „Ich hatte schon Kunde von der Katastrophe," begann der Commerzienrath mit verschleierter Stimme. „Es ist eine furchtbare Heimsuchung auch für uns. Wir stehen rathlos vor dem Unglücke einer uns so nahestehenden Familie." „Rathlos?" frug Ludwig und seine großen blauen Augen blickten erstaunt auf den Vater. „Wir können doch Hülsemann nach Kräften beistehen, daß ihm der Credit erhalten bleibt und daß er die Grube wieder in leistungsfähigen Zustand setzen kann." „Es ist das ein edler und schöner Gedanke von Dir, mein Sohn, aber ich muß nur fürchten, daß die Ausführung desselben unmöglich sein wird." „Wie? Unmöglich soll es sein, einem Freunde zu helfen?" „Dies meine ich natürlich nicht, Ludwig, aber in dem Hülsemann'schen Falle ist es doch sehr zweifelhaft, ob es sich überhaupt lohnt, die Grube in den alten Stand zu setzen. — Wer bürgt dafür, ob die Aufräumungsarbeiten und Neu- Einrichtungen nicht so viel kosten, daß das ganze Werk unrentabel wird. Außerdem hatte Hülsemann bisher eine billige Wafferkraft, welche Dampfmaschinen ersetzte und das Werk rentabel machte, und gerade diese Wafferkraft dürfte durch den Schachtsturz verloren sein, denn ich hörte, daß das bisherige Oberwaffer vollständig in die Tiefen der Grube gesunken sei. Und dann sind wir auch gar nicht in der Lage, mit großen Summen Herrn Hülsemann zu Hilfe eilen zu können, denn ich habe im letzten Jahre einige empfindliche Verluste gehabt und bin mit dem Reste meiner Kapitalien stark, sehr stark in geschäftlichen Unternehmungen, zumal auch in dem neuen eng» lischen Patente engagirt. Soll ich da ein Wagniß unternehmen, welches vielleicht auch unsere Fabrik dem Ruine entgegen# treibt? Das kann Niemand von mir verlangen." „Aber was soll aus Hülsemann in dem Unglücke werden. Seine Tochter ist meine Braut, wir können unmöglich kaltblütig zusehen, wenn die bisher hochangesehene Familie an den Bettelstab kommt," erwiderte Ludwig sehr aufgeregt. „Nun, das Schlimmste brauchen wir doch noch nicht für Hülsemann zu befürchten. Vielleicht ist das Unglück gar nicht so groß, vielleicht findet er einen großen Kapitalisten, welcher als Theilhaber in die Firma tritt. Jedenfalls sind wir nicht in der Lage, Hülsemann mit großen Summen beistehen zu können. Dieser Standpunkt muß unter allen Umständen festgehalten werden." Ludwig seufzte tief und schüttelte erregt sein Haupt. „Diesen Standpunkt theile ich nicht, lieber Vater," entgegnete er dann mit Entschiedenheit, „wir sind mit Hülsemanns viel zu sehr befreundet und ich schätze den alten Herrn nebst seiner Tochter viel zu hoch, als daß ich bei dem Unglücke kaltblütig zusehen könnte." „Du mißverstehst mich, Ludwig, und erregst Dich jetzt ohne Noth," erwiderte Malten jetzt beschwichtigend, denn ihm bangte vor einem Streite mit dem Sohne in dieser Angelegenheit. „Lassen wir jetzt die Angelegenheit ruhen. Gleich nach Tisch begeben wir uns -aber nach dem Bergwerke und untersuchen mit Hülsemann selbst, wie gegenüber dem Unglücksfalle zu rathen und zu helfen ist." $ * * Im Laufe des Nachmittags fuhr ein Wagen, in welchem der Commerzienrath Malten und dessen Sohn saßen, nach dem Hülsemann'schen Bergwerke. Vor dem Grubenhause angekommen, stiegen die beiden Herren aus dem Wagen und frugen nach Herrn Hülsemann. „Ah, der Herr Commerzienrath erweisen uns die Ehre," ries ein herbeieilender Grubenbeamter. „Herr Hülsemann ist leider nicht zugegen. Sie haben wohl schon von dem Unglück gehört, welches uns letzte Nacht betroffen. Es ist eine furchtbare Katastrophe über das Bergwerk hereingebrochen; der Schaden ist ganz unberechenbar. Herr Hülsemann, welcher bereits heute früh drei Uhr in den vorderen Schachten der Grube war, ist vor Schreck und Aufregung über das entsetzliche Unglück krank geworden und mußte heute Vormittag nach Hause gebracht werden." „Schrecklich I Schrecklich!" riefen der Commerzienrath und Ludwig. „Ja, es ist wirklich schrecklich für unseren alten Herrn I" entgegnete der Beamte. „Wir wollen uns aber doch das Bergwerk und den Schachtsturz einmal ansehen, wenn es möglich ist," sagte dann Ludwig mit bebenden Lippen. „Können Sie uns führen?" „Ich allein kann es nicht wagen," erwiderte der Beamte, „ich will aber den Obersteiger herbeirufen lassen, der soll uns sühren." Ein Bergmann holte den Obersteiger Krützner herbei. Der Obersteiger war in seiner Kleidung ganz durchnäßt und sah furchtbar aufgeregt aus. „Guten Tag, meine Herren," rief er aber freundlich, als er den ihm bekannten Commerzienrath Malten 'und Ludwig sah. „Es ist gut, daß Sie kommen. Unser armer Herr hat infolge des schrecklichen Unglücks ganz den Kopf verloren. Vielleicht unterstützen Sie unsere Bemühungen, an dem Bergwerke zu retten, was noch zu retten ist." „Wenn wir helfen können, wird es geschehen," erklärte Ludwig. „Führen Sie uns an die Stätte des Unglücks, Herr Obersteiger." „Gleich, gleich," entgegnete dieser und geleitete die Herren an die Grubeneinsahrt, und alsbald ging es in das düstere Bergwerk. „Bis in den dritten Schacht können wir getrost einfahren," sagte der Obersteiger, „und dann werde ich Ihnen das Unglück zeigen, meine Herren." Bald hielten die Männer im dritten Schachte und ein unheimliches Rauschen und Rollen zeigte ihnen bereits an, daß sie sich in der Nähe des Unglücks befanden. Noch ungefähr hundert Schritte stiegen ste in einem Seitenstollen empor und nun sahen sie bei flackerndem Lampenscheine das grausige Unglück. Dort an Stelle der beiden großen Schachte, in welchen die Kohlen seit drei Jahren so reichlich gewonnen worden waren, sah man weiter nichts als einen gähnenden Abgrund und stürzende, hochaufschäumende Waffermassen. „Das ist eine Katastrophe furchtbarster Art, das ist ja der Ruin des ganzen Bergwerks," schrie der Commerzienrath entsetzt auf. „O, mein armer, unglücklicher Freund Hülsemann! Wie soll man da retten können?" Mit dem Ausdrucks des Schreckens, der Angst und des tiefen Seelenschmerzes blickte auch Ludwig Malten in den furchtbaren Abgrund und in die tosenden Waffermaffen. „Gibt es denn hier gar kein Mittel, die Grube vor vollständigem Untergange zu retten?" frug Ludwig Malten dann mit bebenden Lippen den Obersteiger. „Ich halte es nicht für unmöglich," erwiderte dieser, „wenn man den Versuch macht, einen neuen großen Abflußcanal zu bauen." „Aber dann fehlt ja das Wasser immer noch oben in dem Werke, wo es bisher als Triebkraft diente," sagte der Commerzienrath mit trostloser Miene. „Das Unglück ist eben doppelter Art, hier die Katastrophe und oben die Vernichtung der Wasserkraft." „Man müßte dann wohl eine große Dampfmaschine anschaffen, um die oben fehlende Wasserkraft zu ersetzen," entgegnete der Obersteiger kleinlaut- „Ja, lieber Mann, Sie reden nur vom Standpunkte des Bergwerkbetriebes und nicht von den Unkosten und von der Rentabilität," bemerkte der Commerzienrath bitter. „Eine große Dampfmaschine als Ersatz für die verlorene Wasserkraft anzuschaffen, das wäre an sich keine große Schwierigkeit, aber ich fürchte nur, daß, wenn die Dampfmaschine sammt den dazu gehörigen neuen Anlagen angeschafft und hier in der Tiefe ein kostspieliger Abzugscanal gebaut werden soll, diese Neuschöpfungen dann so viel kosten, daß das Bergwerk überhaupt nicht mehr rentiren kann. Das Bergwerk kostet dann im Kapital wahrscheinlich das Doppelte als jetzt, bekommt wegen der Dampfmaschine auch größere Betriebskosten und fördert aber deshalb täglich keinen Centner Kohlen mehr." „Dies müßte erst die Zukunft lehren," sagte der Obersteiger schüchtern, und brachte die Herren wieder aus dem Bergwerke. „Hier ist leider Alles verloren," flüsterte der Commerzien- rath seinem Sohne zu, als Beide wieder in den Wagen stiegen. „Aber wollen wir denn gar keinen Versuch machen, um zu Helsen, lieber Vater!" bat Ludwig. „Es ist ja vergebliche Mühe. Mit dem Bergwerke steht es wie mit einem sinkenden Schiffe, es ist unrettbar verloren und lohnt nicht mehr, ein kostspieliges RettungSwerk zu unter- nehmen- Außerdem bin ich auch gar nicht im Stande, mit einer solchen großen Summe, wie sie zur Rettung des Bergwerks nöthig sein würde, Hülsemann unter die Arme zu greifen." „Wahrscheinlich verfügt aber auch Herr Hülsemann noch über namhafte Baarmittel," wandte Ludwig ein. „Ich will das nicht bestreiten, aber angesichts einer solchen Katastrophe, wo Hülsemanns Bergwerk, welches sein Haupt- besitzthum ist, so gut wie verloren angesehen werden muß und wo er wahrscheinlich große laufende Verbindlichkeiten zu decken hat, will dies nicht viel sagen. Hülsemanns Bankerott ist deshalb so gut wie unausbleiblich, denn da das Bergwerk ruinirt ist, fürchtet natürlich jeder Gläubiger, sein Geld zu verlieren. Es muß eben leider unter solchen traurigen Verhältnissen zum Concurse kommen." Der Commerzienrath schwieg und Ludwig seufzte tief. Nach einer Pause fuhr der erstere mit leiser Stimme fort: „Ludwig, dieses Unglück Hülsemanns ist gewiß ein harter Schlag auch für uns, zumal für Dich. Aber laß Dir rathen. In solchen Fällen hilft nicht der Schmerz, nicht die Sentimentalität, sondern nur die ruhige, kühle Erwägung. Hülsemann kann nicht verlangen, daß wir uns für ihn aufopfern, denn es ist zu unsicher, ob das Bergwerk wieder rentabel wird, und dann sind wir auch ruinirt. Unvernunft wäre es daher, sich an Hülsemanns zu ketten, und so leid es mir auch thut, ich muß in Deinem eigenen Interesse wünschen, lieber Ludwig, daß Du Dein Verhältniß mit Fräulein Hülsemann löst. Es war, Gott sei Dank, nur eine heimliche Verlobung und das Verhältniß kann einschlafen, ohne daß ein Stadtklatsch darüber entsteht." Ludwig Malten blickte bei den letzten Worten seinen Vater mit wachsendem Staunen an, dann rief er mit wehmüthig ängstlicher Stimme: „So denkst Du mich handeln zu lassen, Vater! Ich soll das Mädchen, der ich mit herzlicher Liebe zu- gethan, verlassen, weil ihrem Vater ein großes Unglück zustieß, ich soll das Unheil noch mehren, welches über die Familie Hülsemann bereits in erdrückender Schwere hereingebrochen ist. — 231 =* Nein, Vater, das kannst Du nicht von mir verlangen. Ich habe keine schnöde GeldHeirath geplant, als ich um Käthe Hülsemann freite, ich bewarb mich um das Herz eines edlen Mädchens und habe, als meine Werbung Gehör fand, mein Wort gegeben, Käthe Hülsemann ist meine Braut und sie wird auch deshalb meine Frau. Das Unglück ihres Vaters kann mich unter keinen Umständen veranlassen, mein gegebenes Wort zu brechen. Das wäre ein Schurkenstreich, der mir das Leben verbittern würde, so lange ich athmete.« „Bei Dir scheint leider die Vernunft nicht zu Gehör zu kommen. Ich habe Dir ja nun wiederholt erklärt, daß ich es selbst im hohen Maße bedauere, -daß wir Hülsemann nicht helfen können, und daß es mir sehr schwer geworden ist, Dir zur Aufhebung der Verlobung zu rathen. Aber die eiserne Nothwendigkeit zwingt mich dazu, Dir dies dringend anzurathen. Was soll ich in dieser ernsten Lage mit meinen Gedanken hinter dem Berge halten, Ludwig? Ich erkläre Dir nur noch, daß ich große Verlusts gehabt habe und daß es dringend nöthig ist, daß Du in pekuniärer Hinsicht eine günstige Heirath machst, wenn ich Dir unsere Fabrik in blühendem Zustande hinterlassen soll.« „Großer Gott, auch diese Sorge und Prüfung wälzt sich noch auf mein Haupt!« klagte Ludwig. „Ja, ich habe allerdings Pflichten gegen Dich, Vater, aber diese Pflichten können doch nicht so weit gehen, daß ich eine andere heilige Pflicht vergesse.« „Du willst mich also verlassen, Ludwig?« srug der Com- merzienrath im bitteren Ton. „Verlassen? Nein, das will ich nicht, Vater, Du wirst stets einen dankbaren Sohn finden, wenn Du meiner Hilfe bedarfst. Jetzt halte ich es aber für meine Pflicht, dem ehren- werthen Herrn Hülsemann beizustehen, soviel meine Kräfte vermögen. Ich besitze von meiner seligen Mutter ein Kapital von circa sechzigtausend Mark, vielleicht kann Herrn Hülsemann damit gedient sein, vielleicht finde ich überhaupt einen Ausweg aus der Calamität. Es ist für mich als Ingenieur eine ehrenvolle Aufgabe, das Bergwerk retten zu helfen. Und von Käthe Hülsemann sage ich mich unter keinen Umständen los, Vater, das erkläre ich jetzt frank und frei, denn ich habe keinen Grund dazu. Sollte Herr Hülsemann verarmen und mein Vater die Heirath nicht billigen, so werde ich eine Stellung als Ingenieur zu finden wissen, die eine Familie ernährt.« Einen Augenblick schien es, als würde der Zorn den Commerzienrath über diese Erklärung des Sohnes übermannen, denn die Augen des alten Herrn blitzten zornig auf, dann kniff er aber fest die Lippen zusammen, hielt sich die linke Hand vor die Stirn und schwieg. Auch Ludwig sprach kein Wort mehr, aber er fühlte deutlich, daß er mit feinen letzten Erklärungen im hohen Maße den Unwillen des Vaters erweckt hatte und daß er sich mit demselben über diese ernsten Fragen nie werde verständigen können. Als nach einigen Minuten der Wagen wieder vor der Malten'scheu Villa hielt, trennten sich Vater und Sohn schweigend von einander. * * ♦ In der Hülsemann'schen Villa saß ganz erschöpft in einem Lehnstuhl ein alter, weißhaariger Mann und rang verzweifelnd die Hände, während ein junges, schönes, aber "todtenbleiches Mädchen zitternd neben dem Stuhle stand und den Greis zu trösten suchte. „Papa, das Unglück ist vielleicht doch nicht so groß, als Du fürchtest!« sagte sie wiederholt und wischte verstohlen eine Thräne nach der anderen aus ihren blauen Augen. unser Unglück ist leider nur zu riesengroß!« jammerte der Greis, welcher kein anderer als der Bergwerksbesitzer Matthias Hülsemann war. „Auf Verluste und Unglücksfälle muß ja der im Kampfe des Lebens stehende Mensch stets gefaßt sein, aber in seinen alten Tagen, wo man nichts Bedeutendes wieder schaffen kann, die Früchte einer dreißigjährigen Thätigkeit und das ererbte Vermögen dazu durch ein schreckliches Unglück zu verlieren, das ist ein Schlag, von welchem ich mich nicht wieder erholen werde. Die Fefix-Grube, unser Bergwerk, unser Besitzthum, ist durch den Schachteinsturz ruinirt und wir sind an den Bettelstab gebracht. O, barmherziger, allmächtiger Gott, warum muß ich ein solches Unglück in meinen alten Tagen erleiden!« „Armer, armer Vater!" schluchzte jetzt Käthe, seine Tochter. „Ja, es ist wirklich entsetzlich für Dich, dieses Unglück noch erleben und ertragen zu müssen.« „O, Kind, klage nicht um mich, denn viel schlimmer als mich wird leider Dich das Unglück treffen." Erstaunt blickte das junge Mädchen den Sprecher an und sagte so zuversichtlich als möglich: „O, sorge Dich nicht um mich, Vater, ich hoffe auch ohne Reichthum glücklich zu werden. Ludwig Malten ist mein treuer Bräutigam und wird mich nicht verlassen.« „Ach, Du kennst die Welt und ihre Täuschungen noch nicht, mein Kind,« erwiderte Hülsemann. „Die Umstände, unter denen Ludwig Malten um Dich freite, haben sich seit letzter Zeit sehr verändert und man kann es ihm kaum verargen, wenn er anderen Sinnes wird und die heimliche Verlobung aufhebt.« „Vater, das befürchtest Du?" schrie in entsetzlicher Angst das junge Mädchen auf. „Käthchen," seufzte der alte Herr, „ich wünsche Dir natürlich alles Gute, aber daß der Sohn des stolzen Commer- zienraths Malten ein Mädchen heirathen werde, dessen Vater ein Bettler geworden ist, dos kann ich nicht erwarten. Ludwig Malten ist deshalb noch kein schlechter Mensch, er hat um Dich als um die Tochter eines wohlhabenden Mannes gefreit, und jetzt bin ich verarmt. Das ist in vielen Fällen ein zwingender Grund, Verlobungen rückgängig zu machen. Auch wird der Commerzienrath jetzt seinen Segen zu Eurer Verbindung verweigern.« (Fortsetzung folgt.) Iogekstimmen. Von Ernst Kreowski. ---— (Nachdruck verboten.) Jüngst, als der bekannte Professor Garner, ausgerüstet mit allen technischen und physikalischen Hilfsmitteln, sich anschickte, die Sprache der Affen zu studiren, hat man hin und wieder spaßhafte Glossen darüber gemacht. Als wenn er der erste und einzige wäre, der sich mit einer so anscheinend zwecklosen Sache befaßt hätte! Schon der äußerst gelehrte Jesuit A. Kircher widmete vor nahezu dritthalbhundert Jahren den Thierstimmen eins der kuriosesten Kapitel seiner Masurgia universalis. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hören wir von einem Rechtscandidaten Namens Großer aus Breslau, welcher ein Lexikon über die Sprache der Gänse schreiben wollte und sich deßhalb ■ auch in einem Stammbuch Lexico- graphus anserinus nannte. 1800 veröffentlichte ein gewisser G. E. Wetzel ein Werk über die Sprache der Thiere. Auf dem Titelblatt sind verschiedene Vierfüßer: Hund, Pferd, Affe, Stier rc. abgebildet und darunter die Sentenz: „Sie lügen nicht, Wahrheit ist ihre Sprache.« Haben die Thiere eine Sprache? Gewiß: die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der Geräusche, noch mehr die musikalisch klingenden Töne bilden diese freilich nur Empfindungen ausdrückende Sprache. Sie ist am reichsten, wohllautendsten bei den Vögeln zu finden, obgleich sie sich auch bei einigen, wie Kuckuck und Käuzchen auf- und absteigend auf den Umfang einer kleinen Terz beschränkt. Dessenungeachtet ist das Stimmorgan der Sing- und hühnerartigen Vögel vollkommener, als das der übrigen Thiere. Dieser Umstand erklärt es auch, warum sie höhere, dem menschlichen Stimmorgan nahekommende Fähigkeiten zu entwickeln vermögen. Hierbei kommen zwei Factoren in Betracht: die Nachahmungsfähigkeit, die den meisten Singvögeln eigen, und die Beschaffenheit der Zunge. Vögel, die eine dicke, abgerundete Zunge haben, wie der Staar, der Papagei, der Rabe, die Elster, die Amsel u. a. lernen mehr oder weniger deutlich sprechen. Dem Papagei vor allen 232 fehlt nichts zum automatischen Hervorbringen menschlicher Laute. Da erzählt der Schiffscapitän Patau von einem grauen Papa- gei, den der Maschinenmeister an Bord erzogen hatte. Der l Vogel sang auf die spaßhafteste Weise und ebenso falsch, rote sein Herr, den Refrain eines Trinkliedes: „Quand je bois du vin clairet, Tou touvne au cabaret“ zu deutsch: „Sitz ich bei der vollen Tonne, Dreh'« sich Tisch und Bank der Wonne." Die Nachahmungssähigkeit des Papagei ist nicht minder groß, wie das Vermögen, zu sprechen. Er ahmt alle Laute nach, die sich in seiner Umgebung hören lasien. Aber auch der Staar, dieser Cantor loci unter den Singvögeln, thut ihm gleich. Er miaut wie eine Katze, quakt wie ein Frosch und lernt deutlich sprechen. Eine Wittroe in St. Gallen besaß einen Staar, welcher das als Tischgebet tagtäglich vernommene Vaterunser ganz deutlich und vollständig herzusagen verstand. Von dieser Lernfreiheit, auf welche wie stets die Umgebung einwirkt, machen auch einige Singvögel wie der Weidenzersig und die Calanderlerche, besonders aber der von den mexikanischen Rothhäuten poetisch „Contlatolli“ — 400 Zungen — genannte Spottvogel und der prachtvolle Lyrafasan ausgiebigen Gebrauch. In des letzteren Stimme wechseln die seltsamsten Naturlaute miteinander ab. Seit die Europäer in Australien eingewandert sind, täuscht er nicht selten den einsamen Wanderer durch deutliches Rädergeknarre, Hundegebell und Pferdegewieher. Daß die Vögel Stimmen nachahmen, und daß diese Eigenschaft großen Einfluß auf den Gesang ausübt, dürfte übrigens nur weniger bekannt sein. Wie mancher Kanarienvogel hat den Schlag des Finken oder der Nachtigall, oder beides? Ein Finke j- B, der sich in einer an Nachtigallen reichen Gegend aufhält, singt viel schöner, als wenn er ohne diese Umgebung aufwächst. Denn kein Vogel singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist; dazu lieferte der Engländer Barrington, der die ausführlichsten Versuche über den Gesang angestellt hat, wohl als erster, den Beweis- Es gelang ihm nämlich, einen Sperling so aufzuziehen, daß er den Schlag des Hänflings, freilich nicht so schön und weich, hatte. Es kommt also auf den Lehrmeister an und den wissen alle Vogelzüchter wohl zu schätzen. Die Ruhlaer, die das Finkenhalten seit undenklichen Zeiten betreiben, unterscheiden bei den Finken 40 Arten von Gesang. Diese haben sie in ein zierliche« Syrern von Klaffen, Ordnungen, Unterabtheilungen gebracht und mit seit- tarnen Namen bezeichnet, z. B. der gute Bräutigam, das doppelte Kienöl oder Quakte, das Hochzeitsbier, das tolle Gutjahr rc. Daß die Vögel nur aus einer Tonart singen, dürfte ebenfalls nicht so allgemein bekannt sein. In einem Zimmer können beispielsweise viele Vögel singen, ohne disharmonische Wirkung hervorzurufen: unstreitig das sicherste Merkmal, daß alle Gesänge einer Tonart und zwar, wie sorgfältige Untersuchungen gezeigt haben, zumeist der H-moll-Tonart angehören. Da nun auch alle eigentlichen Volksmelodien in Molltönen erklingen, dürften des Menschen Lehrmeister im Gesänge wahr- scheinlich die Sing-Vögel gewesen sein. — Ist nun ihr Singen, Zwitschern, Pfeifen an und für sich als Liebeslocken zu betrachten, so bilden sie in ihrer Gesammtheit ein vielstimmiges, nuancenreiches Orchester, in welches die unmusikalischen Schreie der Raubvögel als schrille Dissonanzen, oder, wie der die ganze Tonleiter und alle Vokale vom dumpfen U bis zum jauchzenden, kreischenden I umfassende Ruf der Eulen, als abenteuerliches, nervenerschütterndes Element hineinragen. Der Lyriker par exellence unter den Singvögeln ist die Nachtigall. Was haben nicht schon die Dichter aller Zeiten und Völker zu ihrem Preise gesungen! Ihr gehört eins der größten und melodienreichsten Kapitel in der Weltlitteratur; wie es auch gelehrte Forscher unternommen haben, die hell schmetternden Schläge, Triller, Läufer, schmelzenden Cadenzen und lang ausgehaltenen Flötentöne ihres Liebesgesanges zu ergründen. A. Kircher war wohl der erste, der das versucht hat. Er bediente sich dazu eines eigentümlichen Metro- noms: eine Saite, anderthalb Fuß lang, die so gespannt war, daß eine vollständige Schwingung einem Pulsfchlag entsprach. Die Höhe der Noten bestimmte er, indem er sie mit dem Ton einer Saite vergleicht, die einen Schritt lang, von Strohhalmsdicke und durch ein Psundgewicht gespannt ist! Ebenso erfolglos wie er, versuchte auch Bar ring ton den Nachtigallenschlag zu fixiren. Die geschriebenen Noten ließ er von einem Flötenbläser wiedergeben; aber das klang nicht wie natürlicher Gesang, weil, wie Barrington gesteht, es unmöglich ist, die Dauer der einzelnen Noten zu bestimmen. Bechstein kam in seinen Untersuchungen insofern weiter, als er die lange Modulationskette zerlegt und auf diese Weise 25 Strophen unterschied, die er mit den seltsamsten Silben bezeichnete. Ob Nachtigallen auch sprechen lernen, das dürste kaum erwiesen sein. Zwar erzählt Plinius von zwei den Söhnen des Kaisers Claudius gehörigen Nachtigallen, welche sogar griechisch und lateinisch sprachen und auch Kircher weiß von Nachtigallen in einem Regensburger Wirthshaus zu berichten, daß sie sich Nachts erzählten, was bei Tgg vorgegangen; aber diese Erzählungen sind doch wohl nichts'weiter, als amüsante Fabeln. Neben der Königin des Gesanges behaupten die Sing- oder Weiß drossel, die sich längst den Ehrennamen der „Waldnachtigall" errungen, überhaupt, wie es im Liede hecht : „Amsel, Droffel, Fink und Staar und die ganze Vogelschaar eine mehr oder minder hervorragende Stellung. Ihrer viele umschwebt goldene Sage und Mythe. Die Stimme der Schwalbe, welche den'Römern und Hebräern so eigenthüm- lich erschien, daß sie dem Vogel den Namen darnach gaben, tönt dem Volke als ein Lied unschuldiger Freude, süßer Wohllaut der Befriedigung, doch öfter noch wie Klage um den Wandel irdischen Glücks. Auch das Alterthum, bemerkt Masius, spricht einstimmig von dem Seufzen, dem debile murmur der Schwalbe. Und der griechische Mythus verwandelte die Progue, die unwiffend ihren eigenen Sohn getöbtet, in den ruhelosen Vogel, der mit dem Blutmal auf der Brust jammernd die Häuser der Menschen umflattert. Wer hat nicht schon bei Dichtern vom Schwaneng ,ange gelesen? Nach germanischer Ursage ziehen Schwäne über den Häuptern der Helden singend einher, gleich als rufe sie Walhalla zur Unsterblichkeit. Fühlt der Schwan den Tod nahen, so strömt er sein letztes Leben in erhabenen und entzückenden Melodien hin. Dies ist zwar eine Fabel, aber eine der sinnigsten des Alterthnms, welches in diesem Vogel die Psyche ahnte und sich ein Bild schuf von der Leben weckenden Kraft, die aus den Pforten der Todes uns entgegen weht. Aber auch Vögel, die unsere lieben Haus- und Hofgenoffen sind, dürfen nicht vergessen werden- Wer beobachtete nicht schon die Ver- sammlnugen und Gerichte der St ö r ch e, dieser „Menschenthiere", wie Scheitlin sie nennt, wenn sie auf herbstlich grauer Flur den Abzug gen Süden berathen. Die Schnattersprache der Gänse rettete das Kapitol; und der Sperling, diesen frechen Schreihals, trugen nach Catull schöne verliebte Römer- innen am Busen- Und nun der Hahn! Herodes Agrippa ehrte sich selbst wahrlich nicht minder, als der Hahn, da er diesem, der ihn auf einer Nachtreise fröhlich gegrüßt hatte, kostbare Geschenke sandte. Die Griechen und Römer ahnten göttliches Wesen in ihm. Mohamed gebot ihm zu huldigen als dem Wächter, der die himmlischen Heerschaaren zu ihrem Dienst erwecke. Nach Masius liegt des Hahnes Mission im Gesänge; er ist in Stadt und Dorf der Rufer zu Arbeit und Kampf. , ~ , So hat jedes Lebewesen seine Mission, feine eigene Sprache. Oemnifchtes. Empörend. Schuldner (zu dem eintretenden Gläubiger): „Schon wieder da? Mann, Sie könnten einem das Schuldenmachen verleiden!" Nedaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen