Samstag, den 18. Marz. Nr. 33 1893. Nntevhaltnngsblatt jum Gietzenev Anzeigen (Gsnsval-Anzergsv) Tante Hannas Geheimnis;. Original-Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung). Man brachte Tante Hanna unter des Arztes Leitung nach dem nächstgelegenen Hause, wo man sie mit Freuden aufnahm, da Hunderte sich dazu drängten, ihr diesen Liebesdienst zu erweisen. „Man sage nur noch, daß keine Dankbarkeit mehr auf Erden zu finden ist," meinte der alte Doctor, „hier haben wir den glänzendsten Gegenbeweis." Er unterließ er nicht, einige Collegen rufen zu lassen, um in ihrem Beisein Hannas Kopf noch einmal einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen und ihre Meinung über die oberhalb der Stirne befindliche schwere Wunde zu vernehmen. Diese ging einstimmig dahin, daß die Greisin, von den Donnerschlägen aufgeweckt, sich erhoben und aus dem Bette gestürzt sei, wobei sie sich an irgend einem scharfen Gegenstände schwer verletzt und die Besinnung verloren habe. Doctor Peters wiegte bei dieser sicheren Voraussetzung zweifelnd den Kopf. „Herr Marbach, der jetzige Besitzer von Rotenhof, hat sie gerettet," sagte er, vorsichtig den verletzten Kopf der leise Stöhnenden verbindend, „ich glaube, er äst hier im Hause anwesend, fragen wir ihn doch einmal, wie er die Arme gefunden." Marbach war wirklich noch anwesend, weil er das Resultat der ärztlichen Berathung erfahren wollte, um Fräulein Holten in schonender Weise Mittheilung davon zu machen. Er wurde prüfen und erzählte, daß er die alte Dame ausgestreckt, auf Knz Rücken liegend, gefunden habe. „Sie müßte sich also, wenn die Wunde von einem Fall herrühren sollte, alsdann noch vollständig auf die andere Seite gekehrt haben," bemerkte der alte Doctor mit Betonung „Was immerhin leicht möglich gewesen ist," erwiderte ein jüngerer Arzt. Marbachs Freund Warneck, welcher ebenfalls im Zimmer anwesend war, sich aber im Hintergründe gehalten hatte, trat jetzt näher, um einen aufmerksam prüfenden Blick auf Tante Hanna, deren weitgeöffnete Augen verständnißlos vor sich hinstarrten, zu werfen. „Entschuldigen Sie, meine Herren," sagte er bescheiden, „auch ich war dabei und half meinem Freunde, die alte Dame mit hinauslootsen. Sah aber, daß der Raum verdammt eng und eine Drehung ein Ding der Unmöglichkeit war. Fand auch draußen in« Garten diesen Stock mit bleigefülltem Knopf einen sogenannten Todtschläger, das Ding ist, wie mir scheint nicht zufällig dorthin gekommen." Die Aerzte sahen sich erschrocken an und auch Marbach schüttelte erstaunt den Kopf. „Du hast mir kein Wort von diesem Fund gesagt," bemerkte er halblaut. „Weil ich meine eigenen Gedanken darüber noch gegen Niemand laut werden lassen mochte," erwiderte Warneck ruhig. „Es kommt jetzt meiner Meinung nach hauptsächlich darauf an," wandte er sich wieder an die Aerzte, „es festzustellen, ob ein Raub vorliegt." „Das Häuschen ist, glaub' ich, ganz niedergebrannt," sprach Marbach. „Das ist die Frage," meinte Warneck, „ich werde mich sofort darnach umschauen." „Ich möchte Sie begleiten," sprach Doctor Peters halblaut, „vielleicht bleibt einer meiner Collegen hier bei unserer Kranken, bis eine Wärterin zur Stelle ist, da man Tante Hanna hier um jeden Preis behalten will, obgleich ich unsere arme Freundin am liebsten im Kcankenhause hätte." Das war auch die Ansicht der Collegen, doch fügt; man sich jetzt und verließ das Haus, während der jüngere Arzt zurückblieb. Leider fanden die Herren das Häuschen fast ganz niedergebrannt, doch waren verschiedene halbverbrannte Gegenstände gerettet worden, unter Anderem auch der alte Secretär, in welchem sie nach der Behauptung des Malers Reinhardt, der sich bei der Rettung einiger Familien-Porträts, die der Greisin ganz besonders theuer waren, den halben Bart versengt hatte, ihre Werthsachen, Papiere und ihr Geld aufbewahrte. „Gott sei Dank, daß diese Scharteke gerettet worden ist," sagte der Maler, „ihr ganzes Vermögen steckt darin." „Auch ein nettes Sümmchen in Baar, das sie vor wenigen Tagen von mir empfangen," bemerkte ein Bankier, welcher den Doctor Peters freundlich begrüßte. „Muß diese alte Dame aber beliebt sein!" rief Warneck ganz verblüfft. „Alle Welt scheint hier auf der Brandstätte versammelt und um ihr Wohl und Wehe besorgt zu sein." „So ist es auch, mein lieber Herri" sprach der Maler sehr ernst. „Tante Hanna hat das Kunststück fertig gebracht, in dieser ganzen Stadt und Umgegend keinen einzigen Feind zu besitzen. Arme und Reiche — Junge und Alte hängen an " ihr mit gleicher Liebe, und deshalb wird der Herrgott es nicht zugeben, daß sie uns in solcher jammervollen Weise genommen wird. Nicht wahr, Doctor, Sie flicken unsere alte Freundin wieder zusammen." 130 „Kann nichts versprechen, müssen es Gott anheimstellen," brummte der Arzt. „Wissen Sie's bestimmt, Reinhardt, daß in dem alten Möbel hier sich ihre Werthsachen befinden?" „Ganz bestimmt, Doctorl — Aha, man will sich davon überzeugen." Wirklich näherten stch jetzt einige höhere Gerichts» und Polizei-Beamte, welche eifrig mit Marbach und Warneck sprachen. Schutzleute mußten die noch immer umherlungernde Menge zum Verlassen des Gartens auffordern, das auch ohne Widerspruch in Ruhe geschah. Nun erst wollte man, da es mittlerweilen tagte, an die Oeffnung des Möbels gehen. „Der Secretär ist offen," rief der Polizei-Commiffar, der m-t einem seiner eigenen Schlüffe! probirte. Man blickte sich betreten an, worauf der Beamte den Inhalt des Möbels zu prüfen begann. „Nummer eins Schmuckstücke, welche nur als Andenken einen Werth zu haben scheinen," sagte er, einige Gegenstände kleinen Fächern entnehmend. „Sonst dergleichen, wie es scheint, ist nichts vorhanden." „Das ist undenkbar, Herr Commiffar!" rief der alte Maler erregt. „Sie wissen, ich gehörte zu ihrem intimen Freundeskreise und habe häufig genug einen Blick in dieses Möbel hineinwerfen dürfen. Tante Hanna besitzt ganz seltene Schmuckstücke, deren Diamantenwerth ein kleines Vermögen blldet und die sie längst, wie sie mir oft gesagt, veräußert hätte, um unterschiedliche Thränen mit dem Gelbe zu trocknen, wenn sie nicht edle Herzen, die sie ohne ihr besonderes Verdienst dadurch hätten ehren und auszeichnen wollen, zu tief verletzen und kränken würde. — Suchen Sie nur genau nach, es muß sich jedenfalls noch finden. Warten Sie, Herr Commiffar, jetzt bin ich orten« irrt, in diesem großen Schubkasten hier rechts unten müssen die Werthsachen liegen." Der Beamte zog den bezeichneten Kasten auf, er war bis auf ein alterthümliches Armband mit Rubinen und einigen Ringen, welche darin umherlagen, leer. „Der Teufel auch," rief Reinhardt bestürzt, „das sieht ja genau nach einem Raub aus, da die ordnungsliebende Tante Hanna dergleichen Dinge nicht so wüst umherliegen ließ." „Ich fürchte jetzt selber, daß die Geschichte darnach aus- sieht," sagte der Commiffar, die Gerichtsherrn anblickend, welche ebenfalls sehr bestürzt zu sein schienen und ihn erregt auffor- derten, die Untersuchung fortzusetzen, während der Amerikaner suchend durch den Garten schritt. „Hier links befanden sich ihre Werthpapiere, dort oben ihr baares Geld," fuhr Reinhardt hastig fort. Die Werthpapiere waren vollständig vorhanden, das baare Geld war verschwunden- Tiefe Stille herrschte unter den Anwesenden, während der Commiffar noch sämmtliche Behälter untersuchte und auch das kleinste Fach nicht vergaß. Es fand sich in der That nichts weiter mehr vor. „Nun, meine Herren?" fragte Warneck, welcher seinen Rundgang durch den Garten vollendet hatte und nun hinzutrat, erwartungsvoll. „Es liegt hier offenbar ein Raub vor," sprach der Commiffar mit fester Stimme. „Somit ein Raubmord!" ergänzte Warneck ebenso bestimmt. Alle blickten ihn entsetzt, ja sogar mißtrauisch an. „Dieser Herr wird recht behalten," nahm Doctor Peters jetzt erschüttert das Wort, „ich selber war über die Natur der schweren Verwundung im Zweifel — nun bin ich überzeugt. Die Unglückliche wird durch das Gewitter geweckt und von dem Diebe, als sie sich im Schreck bemerklich gemacht, mit jenem Totschläger ermordet worden fein. Vielleicht wird der Un- hold niemals entdeckt werden, da ich leider Gottes befürchten muß, daß Tante Hanna wohl am Leben, aber geistig tobt bleiben wird." „O, das wäre ja gräßlich!" rief der alte Maler, die Hand über die Augen legend, um die hervorquellenden Thränen zu verbergen. „Da nun nicht anzunehmen ist, daß die Greisin den Mörder in der Nacht gesehen hat," bemerkte der Commiffar, „so kann uns nach dieser Seite hin ihr Zustand nicht weiter beirren oder die Entdeckung des Thäters davon abhängig sein. Ich möchte die Herren nur um strengste Geheimhaltung des hier Verhandelten bitten, weil dies das Gelingen aller in der Sache nothwendigen Schritte bedingt. Kann ich auf Ihr Ehrenwort rechnen?" Die beiden Freunde, sowie Reinhardt und der Arzt versprachen es mit Handschlag und Wort, während die Herren vom Gerichte zum „Bau" gehörten, wie der Maler Reinhardt mit einem gewaltsamen Anlauf zu seinem gewohnten Humor bemerkte- Das alte Möbel wurde, nachdem es so gut als möglich geschloffen worden, durch herbeigerufene Feuerwehrmänner nach der Polizei geschafft, ebenso die anderen geretteten Sachen, um kein vorlautes Gerede zu veranlaffen. Dann begaben sich die Herren in sehr ernster Stimmung nach Hause, die beiden Freunde aber nach dem Gasthof, wohin sie ihre Pferde wieder zurückgeschickt hatten, um nach einem Imbiß eiligst nach Rotenhof zurückzukehren. Am nächsten Morgen ritt Marbach nach Ebenheim, um Armgard Holten von dem schrecklichen Ereigniß der letzten Nacht so schonend als möglich in Kenntniß zu setzen. Das junge Mädchen hörte ihm wie erstarrt zu, obwohl sie das Unglück nur dem verhängnißvollen Blitzstrahl, nicht aber einem Verbrechen zuschrieb, da sie von dem Verdacht eines solchen keine Ahnung erhielt. Allerdings hatte der Blitz ja das Häuschen eingeäschert, doch die alte Dame keineswegs getroffen, da auch nicht die geringste Spur des electrischen Funkens an ihr zu entdecken ge- wesen war. „O, hätte ich die gute Tante Hanna doch überredet, gleich hier zu bleiben," klagte Armgard, in Thränen ausbrechend, „wie furchtbar lasiet dieses Versäumniß auf mir." „Ich bitte Sie aufrichtig, mein gnädiges Fräulein, sich doch keiner unnützen und völlig unverdienten Selbstquälerei hin- zugeben," tröstete Marbach die Faffungslofe. „Ja, ich bin, wenn anders meine Menschenkenntnis mich nicht im Stich läßt, davon überzeugt, daß die alte Dame ihrem Entschluß, heimzu- kehren, jedenfalls treu geblieben wäre und sich nicht von Ihnen zum Bleiben hätte überreden lassen." „Sie mögen recht haben, Herr Marbach," erwiderte Arm- gard, ihre Thränen trocknend, „und die Gute lebt ja auch noch, wir dürfen also trotz ihres hohen Alters die Hoffnung noch festhalten. — Die Aerzte geben sie doch nicht auf?" „O nein, sie hoffen, sie am Leben zu erhalten, fürchten aber eine dauernde Geistesschwäche." „Das wäre entsetzlich und schlimmer noch als der Tod," rief Armgard zusammenschaudernd. „Die Aermste, sie befinbet sich doch in guten Händen?" „In den besten, wie der Arzt versichert, meine Gnädige! — Man scheint in der Siebe und Treue um diese alte Dame buchstäblich zu wetteifern, alle Häuser und Herzen sind ihr geöffnet. Ein beneidenswerther Lebensabend!" „Allerdings," stimmte Armgard bei, „nur wenige Auserwählte hienieden dürfen sich eines solchen Lebensabends rühmen, der jedoch auch ein so vollständig verdienter ist. Tante Hanna ist eine alte Jungfer, aber sie gibt uns das leuchtende Beispiel der Selbstlosigkeit und Hingebung, wie Gattin und Mutter beides nicht erhabener bewahrheiten können. Ihre Familie umfaßt diese ganze Gegend und Sie dürfen überzeugt sein, daß sowohl in jedem Palast wie in jeder Hütte die Klage um Tante Hanna eine ebenso allgemeine als aufrichtige sein wird. Wenn irgend eine auf der Welt das gehässige Vor- urthell gegen den sogenannten Altjungfernstand bannen müßte, dann dürfte es unsere Tante Hanna sein." Marbach erhob sich jetzt, um sich zu empfehlen. „Ich fahre nach der Stadt," sagte er, „und werde mich zugleich nach dem Befinden Ihrer alten Freundin erkundigen, mein gnädiges Fräulein! — Wenn Sie es wünschen —" „Ich wünsche noch Eins, das mir unklar geblieben, wissen, Herr Marbach!" unterbrach ihn Armgard hastig. „Wie hat man Tante Hanna gefunden und wer hat sie gerettet? 131 Der junge Mann erröthete wie ein Mädchen und blickte verlegen vor sich hin. „Mein Freund Warneck und ich," begann er endlich zögernd, „ritten gestern Nachmittag nach der Stadt, wo wir uns im Kreise alter und neuer Freunde verspäteten- Als wir nach Mitternacht heimkehrten, schlug gerade vor uns der Blitz in jenes Häuschen ein, das mir bereits durch meinen Freund Reinhardt bekannt geworden. Ungewiß, ob die alte Dame bei Ihnen, mein gnädiges Fräulein, sich noch befinde oder bereits zurückgekehrt und alsdann in Gefahr sei, zu verbrennen, drangen wir tn's Haus und fanden sie endlich bewußtlos vor ihrem Bette liegen. Ihre Rettung war für uns weder mit großer Mühe noch mit Gefahr verbunden, Gott sei Dank waren auch bald Aerzte zur Stelle, welche sie in ihre Obhut nahmen." „Sie haben also die Gute gerettet!" rief Armgard, ihm tiefbewegt beide Hände entgegenstreckend, welche er verwirrt ergriff und an seine Lippen führte. „Und Sie sagten mir kein Wort davon, wollen sich meinem Dank entziehen. Diese That wird Ihnen unvergessen bleiben." „Sie überschätzen dieselbe, meine Gnädige!" wehrte Marbach fast ängstlich ab. „Verdient die einfachste Menschenpflicht einen solchen Dank? Gott gebe nur, daß es den Aerzten gelingen möge, ihr geistiges Leben zu retten, denn sonst wäre meine That allzu gering und besser unterblieben." „Hoffen wir es, Herr Marbach!" sagte Armgard weh- müthig. „Doch — sagten Sie nicht vorhin, daß Sie nach der Stadt fahren?" „Ja, mein gnädiges Fräulein." „Haben Sie einen Platz für mich übrig?" „Ich fahre selber, benutze den Vordersitz meines kleinen Jagdwagens, wenn Sie sich mir anvertrauen wollen?" „Gewiß, ich bin Ihnen dankbar dafür, Herr Marbach, da mein alter Kutscher nicht ganz wohl ist. Ich möchte zu Tante Hanna, man wird mich doch zu ihr lassen?" „O sicherlich, — Sie erlauben, daß ich vorfahren lasse?" „Ich bin in fünf Minuten zu Diensten!" Mamfell Evers gerieth ganz außer sich, als Armgard ihr die Mittheilung über Tante Hanna machte. „Und nun wollen Sie auch fort, Fräulein," schluchzte sie, „und mich arme Kreatur mit meinem Schmerz und dem amerikanischen Ding allein lassen!" Armgard schrak zusammen, da sie über das schreckliche Er« eigniß die kranke Lotta vergessen hatte. „Ich bringe eine Wärterin aus der Stadt mit, liebe Evers," beruhigte sie die aufgeregte Mamsell. „Kann die Kleine doch nicht auf die Straße setzen. Es ist eine unangenehme Geschichte mit diesem Kinde, man kann aus dem Zustande desselben nicht klug werden." „Ja, es ist ein kluges Ding," zeterte die Evers, „das man sich nicht rasch genug vom Halse schaffen kann- Na, Fräulein, bleiben Sie nur nicht zu lange weg, Herr Marbach wartet unten schon auf Sie-" Die Mamsell schaute den Davonfahrenden eine Welle nach und nickte dann energisch vor sich hin, wobei sie mit der Rechten nach ihrer Gewohnheit eine wegwerfende Bewegung machte, welche diesmal dem Herrn Julius Steindorf und seiner Lotta galt. Der kleine elegante Jagdwagen von Rotenhof erregte seiner beiden Insassen halber eine Art Aufsehen der Stadt, besonders unter der gebildeten Bevölkerung. Man blickte verduzt hin, zog den Hut, die Damen grüßten und steckten die Köpfe zusammen, während in Armgards Augen eine stille Genugthuung aufleuchtete. Diese Fahrt muß unbedingt jene» ärgerliche Gerücht, das sie und Julius Steindorf zusammen nannte, mit einem Schlage verstummen lassen. Lieber mochte man an eine Verbindung mit Marbach glauben, eine solche konnte sie wenigstens nicht in ihren eigenen Augen erniedrigen. Mochte der kluge Herr Julius sie auch durch die aufgezwungene Pflege seines Töchterleins zu compromittiren und dadurch an sich zu ketten suchen, so entwand sie ihm doch in dieser Stunde einen Haupttrumpf, indem sie der öffentlichen Meinung ein neues Räthsel aufgab. Sie fuhren an der Brandstätte vorüber, wo nur schwarze Mauerreste noch emporragten. Gestern noch bot das allerliebste Häuschen ein trauliches Heim stiller Zufriedenheit, selbstgenügsamen Glücks, unter dessen Dache unzähligen Hilfsbedürftigen aller Klassen Rath, Trost und Hilfe gespendet worden war. Tante Hannas frischer und fröhlicher Geist war umnachtet, vielleicht gar — entsetzlicher Gedanke — zum Blödsinn ver« urtheilt, ihr Heim vernichtet, während ihre geliebten Rosen abgebrochen und auf dem Erdboden lagen, ein Bild trostloser Zerstörung, welche das Unheil dieser Nacht verschuldet. Ueber Armgards Wangen tropften Thränen bei diesem Anblick, — den sie wortlos in sich aufnahm. „Soll ich Sie gleich zu der Kranken fahren, mein gnädiges Fräulein?" fragte Marbach endlich leise. „Nein, wenn ich bitten darf, erst zu meinem Hausarzt, Doctor Peter», der an der neuen Promenade wohnt." Es lag ihr daran, gesehen zu werden. Der Arzt, war nicht mehr daheim, sie blieb deshalb bei der alten Frau Doetorin, mit welcher sie zusammen Tante Hanna besuchen wollte, und bat Marbach, sie hier, wenn er heimfahren wollte, wieder abzuholen, was derselbe mit sichtlicher Freude versprach. „In zwei Stunden etwa?" fragte er und Armgard nickte zustimmend. Die alte Frau Doctorin, welche mit ihrer verstorbenen Mutter einst sehr befreundet gewesen, blickte ihr forschend in die Augen und meinte dann, daß der junge Besitzer von Rotenhof einen sehr guten Eindruck mache und sicherlich eine vielumworbene Parthie sein werde, wozu Armgard ein nachdenkliches Gesicht machte, ihn lobte und sehr zerstreut schien, was die alte Dame, welche Armgard besonders lieb hatte, mit sichtlicher Befriedigung zu bemerken schien. Dann aber drehte sich die Unterhaltung einzig um die arme Tante Hanna und Armgard bedauerte es, daß der Doctor sie nicht selber in sein Haus genommen, wo die Gute doch jedenfalls am besten aufgehoben gewesen sei. „Er hat's ja wollen, meine Beste," rief die Doctorin, „und auch ich hätt's so gern gesehen, aber es war nicht möglich, Ruhmanns, zu denen man sie in der Eile zunächst geschafft, dazu zu bestimmen. Sie ist ja auch dort gut aufgehoben, es hätte Tante Hanna eben ein Jeder gern genommen." Unter diesem Gespräch hatte sich die alte Dame, da Armgard jede Erfrischung energisch sich verbeten, zum Ausgehen gerüstet, worauf Beide das Haus verließen. Sie wurden, bis sie zu ihrer Kranken gelangten, noch vielfach durch Bekannte aufgehalten, erreichten aber doch endlich das Ruhmann'fche Haus und standen nach wenigen Minuten am Bette der Unglücklichen, welche in ihrer Unbeweglichkeit, ihrer starren Apathie schon mehr einer Leiche glich. Ihr Gesicht war so weiß wie die Binde, welche um ihre Stirn gelegt war und die weitgeöffneten Augen blickten mit blödem Ausdruck in's Leere. „O, das ist entsetzlich," flüsterte Armgard, fassungslos in Thränen ausbrechend, „und keine Hoffnung auf eine Aenderung dieses Zustandes, der schlimmer ist als der Tod?" „Keine als durch ein göttliches Wunder, mein liebes Fräulein!" sprach der Doctor, welcher leise eingetreten war. „Glauben Sie mir," fuhr er flüsternd fort, „daß ich nur mll Widerstreben auf ihre leibliche Genesung hoffe, well der Tod hier in der That eine Wohlthat wäre." „Und was kann die Ursache dieser Geisteslähmung sein, lieber Doctor?" fragte Armgard, sich gewaltsam fassend. „Unzweifelhaft eine tieferliegende Verletzung des Gehirns, welche sozusagen die directe Leitung der seelischen Thätigkeit unterbrochen hat. Wir vermochten diese Ursache, ohne das Leben der Kranken zu gefährden, nicht anders festzustellen, als durch die Wirkung, welche nur darauf zurückzuführen ist." Armgard beugte sich über Tante Hanna, sah ihr in die Augen und nannte mit zärtlichem Tone ihren Namen- Doch nicht der leiseste Ausdruck oder die kleinste Regung deutete auf ein Erkennen oder Empfinden hin, da» Leben pulsirte noch in diesem Körper, weiter nichts. (Fortsetzung folgt ) - 13Z - Genreinnütziges. Sauerkohlbrühe als Putzmittel für Messing. Die abgegoffene Brühe des gekochten Sauerkohls gibt ein vortreff' liches Putzmittel für Messing ab. Ist das Messing sehr schmutzig, so lege man es kurze Zeit in die Brühe und nehme noch etwas feine Asche zu Hülfe. Hartnäckige Flecken in einem Messingsieb, die keinem anderen Mittel weichen wollten, ergriffen vor dieser Brühe sofort die Flucht. * * ♦ Hundehaltungs-Regeln. Um einen Hund gesund zu erhalten, lasse man ihm stets genügende Bewegung im Freien. Wenn er dann und wann angekettet ist, so stehe seine wetterdichte Hütte so hoch, daß ihr Boden nicht naß wird, und an einer Stelle, wo im Sommer die Sonne sie nicht bescheinen kann. Man laffe den Hund nie hart, sondern stets auf reinlichem Stroh liegen, das mindestens jede Woche erneuert werden muß. Man dulde nie, daß um die Hütte der Hundekoth liegen bleibt, sondern halte stets alles reinlich. Reines Waffer fehle niemals, man sorge dafür, daß dasselbe täglich dreimal, im Sommer noch öfter, erneuert werde. Der Trinknapf fei stets so rein, wie der Futternapf, der am besten aus emailliertem Eisen bestehe. Als Futter diene altgebackenes Brod, das nicht so säuert wie frisches; dasselbe wird mit Waffer überbrüht und etwas Salz und Schmalz, oder auch unverdorbene Gemüse sowie Fleischreste und weiche Knochen dazu gethan. Das Futter darf nie zu warm, aber auch nicht zu kalt sein. Kartoffeln sind nur gekocht und zerdrückt, und nur dann und wann zu füttern. Im Sommer versäume man nicht, dem Hunde ab und zu saure Milch vorzusetzen. Der Futternapf muß täglich ausgewaschen werden, denn versäuerte Futterreste sind der Gesundheit des Hundes äußerst schädlich, benehmen ihm schließlich die Freßlust und führen zu krankhaften Zuständen- Als Universalheilmittel dient gutes gereinigtes Leinöl, innerlich wie auch äußerlich. Bet auffallendem Kranksein ziehe man jedoch einen guten Thierarzt rechtzeitig zu Rathe. Hundebesitzer, die ihre Hunde nicht selbst abwarten, müffen sich täglich überzeugen, ob ihre Befehle allenthalben auch befolgt werden; das ist ihre Pflicht gegen die Thiere und gegen ihre Mitmenschen, damit letztere nicht durch vernachlässigte Hunde in Gefahr gerathen. * * Schulet das Seifenwafser nicht weg! Wenige Leute wissen, daß gewöhnliches Seifenwasser, als Düngemittel benützt, von großem Werthe ist. Weinstöcke, Obstbäume rc-, die man damit düngt, zeigen eine überraschend schnelle und kräftige Entwickelung. Wer einen Garten besitzt, sollte Seifenwasser niemals nutzlos weggießen lassen. ♦ * Kitt für gesprungene Eisengefätze. Eisenfeilfpäne und Thon werden zu gleichen Theilen innig zusammengemischt und mit Leinöl bis zur Salbenconsistenz verrieben. Dieser Kitt wird mit etwas Leinöl aufgetragen und ist nach einigen Wochen so fest geworden, daß die Gefäße wieder benutzt werden können. Rattengift. Ratten kann man nach The Paper Record dadurch vertreiben, daß man altes Papier mit Oxolsäure- Lösung tränkt und in nassem Zustand in die Rattenlöcher und Wege stopft. Die Ratten sollen dann auf immer wegbleiben. * * ♦ Das Fertiggekochtsein eines Fisches erkennt man nach der Ansicht vieler Hausfrauen und Köchinnen daran, daß man den Boden des Kochgefäßes ohne Schmerzempsindung berühren kann. Die Ansicht ist durchaus richtig und es spielt hier dieselbe Erscheinung eine Rolle, wie bei flüssigen Metallen. Bekanntlich tauchen Hüttenarbeiter die Hand ungestraft ganz kurze Zeit in geschmolzenes Eisen oder Blei, oder durchschneiden den Strahl flüssigen Metalls, der aus einem Schmelzofen fließt. Es entsteht in diesem Falle um die Hand, infolge der raschen Verdunstung der Feuchtigkeit derselben, eine Dampfhülle, welche die Hand vor der Verbrennung schützt- Es sollen deshalb Leute mit sehr trockener Haut das Kunststück nicht wagen; ebenso wenig gelingt es, wenn die Flüssigkeit nicht sehr heiß rst. Auf die Fifchpfanne angewendet, ergibt der Vorgang, daß man sich nicht verbrennt, wenn der Fisch gar ist, weil die Pfanne alsdann eine sehr hohe Temperatur besitzt, welche die Bildung der Dampfhülle ermöglicht. Gummibäume wollen schattig stehen. Viele Blumenfreunde sind'der Meinung, der Gummtbaum, weil er aus heißen Ländern stammt, müsse in ein recht sonniges Fenster gestellt werden. Gerade das Gegentheil, ein nicht sonnig gelegenes Fenster behagt ihm am besten- Wie ost sieht man nicht Gummi- bäume mit ganz gelbgrünen, kränklichen Blättern, was vom sonnigen Standpunkt herrührt. Oeviirischtes. Große Gourmands sind die Mäuse. Nach Mittheilungen aus Amerika sollen sie Naturbutter und Margarin- butter unterscheiden können. Die Beobachtung wurde in einem chemischen Laboratorium gemacht, wo einige Büchsen mit Butterproben in einer Nacht von Mäusen heimgesucht wurden, während andere unberührt blieben. Die Untersuchung zeigte, daß die ersteren allein Naturbutter enthielten. Der Versuch wurde wiederholt, und es ergab sich auch da, daß die Mäuse der Naturbutter vor der Margarinbutter den Vorzug gaben. Jede kluge Hausfrau wird sich also fortan — Mäuse als Hausthiere halten müssen. * Ein Verächter der „Etikette". „Ah, was ist denn das für eine miserable Sorte?' — „Ich bitt' sehr: Niersteiner!" — „So? Das ist Wohlsein Taufname?" Sein einziges Interesse. A.: „Lieber Freund, etwas sehr Wichtiges..." B.: (Bergfex) ihn unterbrechend: „Wie viele Meter über dem Meeresspiegel?" • * Cathederweisheit. Professor:„MeineHerren,Achilles trug in der Schlacht einen Helm mit einem Federbusch aus Roßhaaren." * * Jdeenverbindung. Mama: „Nun, Lieschen, zeige dem Herrn Doctor Deine Zunge!" — Lieschen: „Muß ich ihm eine lange Nase auch dazu machen, Mama?" Letzter Ausweg. „Wie hat sich der Doctor nur entschließen können, ein so häßliches Mädchen zu heirathen?" — „Er war total fertig, da blieb ihm kein anderer Ausweg, entweder Gift oder — Mitgift!" * * Stoßseufzer. Reisender: „. . . Und dann -kamen wir nach einer blühenden Insel, die herrenlos sein soll." — Backfisch: „Herrenlos? Ach das muß.eine schreckliche Insel sein!" Selbstgefühl. Baronin (neu geadelt): „Gott, was würde sagen Dein Vater, wenn er Dich jetzt sähe, Meyer?" — Baron: „Was würd' er sagen? ... .Herr Baron würd er sagen!" * Nettes Kompliment. Er: „O, Elli, wirst Du auch glücklich mit mir werden?" — Sie: „Gewiß, Arthur; ich bin ja so anspruchslos!" ♦ # ♦ Vorahnung. A. (imTheater): „Du, wer ist denn der Herr dort dicht beim Ausgang?" — B.: „Das ist der Dichter der heutigen Premiore." Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Vexlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.