1893 k & *■’* n. ÄW SSiiai lur'll’Vf ■— Nntevbsrltnngsblatt 311m Gietzenev Anzeigen (General-Anzeiger) Samstag, den 16. December. Die beiden Schwestern. Novelle von F. Sutau. (Nachdruck verboten.) I. „Es ist ein Unglück, eine schöne und eine häßliche Tochter zu besitzen. Das habe ich schon tausendmal empfunden und fühle es heute mehr denn je, Valentine," sagte Profeffor Halm im ärgerlichen Tone zu seiner neben ihm in der Gartenlaube sitzenden Gattin. „Heute findet nun das Sommerfest der Concordia statt, welchem wir mit unseren Töchtern beiwohnen müffen, und da können wir erleben, daß Helene, welche die Natur mit äußeren Vorzügen aller Art ausgestattet hat, von den jungen Herren der Gesellschaft ausgezeichnet, die häßliche Johanna aber vollständig ignorirt oder gar wie eine Vogelscheuche behandelt werden wird. Das find dann sehr gemischte Freuden für ein Vaterherz!" „O, glaubst Du, Georg," erwiderte Frau Valentine und mischte eine Thräne aus ihren roch schönen braunen Augen, „daß ich es nicht schon seit Jahren bitter empfinde, daß zwischen unseren Töchtern äußerlich eine so große Ungleichheit besteht, aber als ein Unglück kann ich es nicht ansehen, vor solchen Gedanken soll mich der Himmel bewahren! Johanna ist zwar Helenen gegenüber ein Bild der Häßlichkeit, Johanna ist aber sehr brav, sehr fleißig und sehr talentvoll und kann durch ihre Tugenden und reichen Geistesgaben viel von dem Mangel an äußerer Schönheit ersetzen." „Ach, nach solchen Tugenden fragt die heutige Männerwelt bei den Damen leider nur wenig," gab der Profeffor verdrießlich zurück. „Das Losungswort in Bezug auf die Verehrung der Damen heißt bei unseren jungen Herren nur „Schönheit" oder „Reichthum", und wo keins von beiden anzutreffen ist, da findet man auch keine Verehrer." „Nun, Johanna braucht sich ja nicht unbedingt zu ver- heirathen, um glücklich zu werden, heutzutage gibt es für talentvolle und characterstarke Mädchen nöthigenfalls noch andere ehrenvolle Berufe, als den der Gattin," entgegnete die Frau Profeffor. „O, Du denkst wohl wieder daran, Johanna Gouvernante oder Lehrerin an einer höheren Mädchenschule werden zu laffen?" frug der Profeffor Halm gereizt. „Ich glaube doch, Du wirst in dieser Hinsicht meine pädagogischen und socialen Grundsätze genügend kennen- Ich betrachte es stets als ein Unglück, wenn ein Mädchen den ihr von der Natur der Dinge angewiesenen Kreis des Hauses und der Familie verlaffen und auf dem stürmischen Ocean des Lebens ihr Glück suchen muß." „Es hat aber schon manches Mädchen da draußen im Leben ihr Glück gemacht," bemerkte die Frau Profeffor ruhig. „Ja, von den wenigen Glücklichen unter solchen Mädchen und Frauen, die draußen in der rauhen Welt um ihr Dasein und Glück kämpfen müffen, spricht man mit Vorliebe, aber von den ungezählten Tausenden, die der Thorheit, dem Leichtsinn, der Verführung, der Noth und dem Elend zum Opfer fielen, von denen redet man gewöhnlich nicht." „Nun, zu den Mädchen, welche leicht der Thorheit und der Verführung zum Opfer fallen werden, gehört unsere Johanna nicht, das weißt Du so gut wie ich, Georg. Die Sache wäre offenbar zu überlegen, zumal Johanna allen oberflächlichen Vergnügungen abhold ist und schließlich auch heute gern von dem Sommerfeste wegbleibt." „Das wäre noch besser!" rief jetzt eine kräftige, beinahe kreischende weibliche Stimme dazwischen und eine ältere Dame, die Tante Hopfen, die verwittwete kinderlose jüngste Schwester der Mutter der Frau Profeffor Halm, trat mit vor Erregung geröthetem Antlitz in die Gartenlaube. „Johanna muß unbedingt an dem Sommeifeste theilnehmen, denn es wäre eine ganz unverdiente Zurücksetzung, das gute, brave Mädchen wie weiland Aschenbrövel zu Hause zu lassen. Ich kann es mir schon denken, Ihr streitet wieder einmal darum, was mit einem solchen häßlichen Mädchen anzufangen sei. Nun, ich will es Dir sagen, verehrter Neffe, daß die Lösung der Frage, die Deine akademische Weisheit schon seit Jahr und Tag vergeblich sucht, von Eurer Tante Hopsen bereits gefunden ist. Ich wollte es Euch eigentlich erst gelegentlich sagen, da die Angelegenheit mit einigen Vorbedingungen verknüpft ist, aber da Johannas Häßlichkeit heute wieder ein Familienärgermß zu werden droht, so will ich mit meinem Plane nicht hinter dem Berge halten." „Wie meinst Du das, Tante?" frug Professor Halm ganz erstaunt und rückte seine Brille zurecht. „Nun, die Sache ist für Jedermann, der Urtheil besitzt, sehr einfach. Die Grazien haben allerdings Johanna nicht in der Wiege geküßt, das kann Jeder sehen, aber die Musen haben an Johannas Wiege gesessen und sie mit genialen Gaben bedacht, das kann nicht Jeder sehen." „Du sprichst in Räthseln, Tante!" rief der Professor und ! erhob sich ungeduldig von dem Gartenstuhle, während feine Gemahlin der Tante Hopfen einen verständnißvollen Blick zu« ■ wandte. „Nun, lieber gelehrter Neffe, ich will Dich nicht länger auf die Folter spanne,! und Dir mittheilen, daß Johanna ein musikalisches Genie und eine herrliche Stimme besitzt und daß wir die beste Aussicht haben, daß Johanna unter der Huld- 590 t nahm'der Capellmeister schon draußen im Vorsaal die eifernde Vier Jahre sind vergangen, in welchen Johanna Halm fast gänzlich der Musik und ihrer gesanglichen Ausbildung ge- lebt hat. Ihre energische Tante war mit ihr nach der Residenz gezogen und dort hatte sie erst bei dem Unterrichte de» Profesiors Weber und später unter der Leitung des Capell- Meisters Braun, besonders in den letzten zwei Jahren, überraschende Fortschritte gemacht. Sie war jetzt vollständig ausgebildet und galt als eine Künstlerin von großer Zukunft. Der Herzog hatte gnädigst ein Engagement Johannas am Hoftheater bewilligt, allerdings mit dem Vorbehalt, die Stimme der jungen Sängerin erst selbst einmal zu hören. Dieses für die junge Künstlerin entscheidende Ereigniß hatte der Hofcapellmeister Weber nun schon seit längerer Zeit auf alle Weise hinauszuschieben versucht. War doch der Herzog, der Johanna noch nicht gesehen und damals in der Audienz nur deren Tante empfangen hatte, ein feiner Kenner und Verehrer der Schönheit, wie sollte da Johanna vor seinen prüfenden Blicken mit ihren unschönen Sügen bestehen? Schließlich waren jedoch alle Ausreden und Ausflüchte des Capellmeisters erschöpft. Der Herzog hatte auch heute befohlen, ihm die, junge Sängerin vorzustellen, und schweren Herzens stieg der Capellmeister Braun in diesem Augenblick die steile Treppe hinauf, die nach der bescheidenen Wohnung von Fräulein Johanna Halm führte, um seine Schülerin zu dem wichtigen Gange nach dem Schlofle abzuholen. Die kluge Tante Hopfen hatte schon von diesem Ereigniß gehört und war bereits dabei, Johanna festlich zu schmücken, i was freilich der guten alten Tante schlecht gelang. ..Diese Rose mußt Du noch in’s Haar steckenI" so ver- Stimme Johannas. . „Ach was, blau und roth paßt bet einem Mgen Mädchen immer zusammen," erwiderte die Tante, welche in ihrem Geschmacks sehr conservativ nach der guten alten Zeit geblieben. Jetzt öffnete der Capellmeister, da sein Klopfen nicht ge- vollen Protection Seiner Hoheit des Herzogs eine große Künstlerin und berühmte Sängerin werden wird." „Johanna, große Künstlerin, berühmte Sängerin? nef Profeffor Halm kopfschüttelnd und lächelte spöttisch. „Das Mädchen ist selbst zum Singen zu häßlich I" „Selbst zum Singen zu häßlich?" rief zetzt Tante Hopfen und lachte laut. „Da kann man fehen, daß Eure Gelehrsamkeit Euch oft für andere Dinge ganz blind macht. Wer wird bei einer solchen herrlichen Stimme, wie sie Johanna besitzt, nach der Häßlichkeit ihres Gesichts fragen. Uebrtgens ist auch $u hoffen, daß die weitere Entwickelung Johannas und etwas Toilettenkuost die unschönen Züge ihres Gesichtes mildern ter 'als Stern erster Größe am herzoglichen Hoftheater glänzen wird, dann werdet Ihr sagen: Das dankt sie allein ihrer alten Tante!" ,, .. ,,, „Gewiß, wir werden Dir immer dankbar fein, hebe Tante!" rief Frau Valentine gerührt. Ihr Gemahl jedoch schien nichts von Dankbarkeit zu empfinden- , „Verzeihe, beste Tante," sagte er, „Du kommst mir aber WClrb6ttl.,< „Run, wo hast Du denn aber auf einmal die Entdeckung her, Tante, daß Johanna wirklich eine solche bedeutende Stimme besitzt," frug der noch immer mißtrauische Profeffor., ,O, da müßte ich nicht, ehe ich ein zweites Heim rn Eurem Hause fand, elf Jahre in der Residenz gelebt und in Opern und Concerten Stimmen zu beuriheilen Gelegenheit gehabt haben!" rief Tante Hopfen mit Pathos. „Außerdem bm ich ja auch musikalisch und habe in Johannas Stimme schon vor Jahren eine große, wunderbare Kraft und Schönheit entdeckt. I Am letzten Samstag verschaffte ich mir über meine Entdeckung I Gewißheit. Ich reiste bekanntlich an diesem Tage mit Johanna in die Residenz und ließ, was ich Dir, lieber Neffe, bisher verschwiegen habe, die Stimme Johannas von dem Hofcapell- meister Braun prüfen und diese Prüfung fiel geradezu glänzend aus. Der Capellmeister war ganz begeistert für Johannas wundervolle Stimme, welche zwei Octaven umfaßt. Ich schilderte dem Herrn Hofcapellmeister gleich die Verhältnisse, gab an, daß der Vater des jungen Mädchens vier Kinder besitze und von diesen zwei Söhne studiren laffe, es also nöthig sei, die hohe Protection des Herzogs anzurufen, um die Stimme Johannas von berühmten Lehrern der Gesangskunst ausbilden zu laffen. Wir müffen also um eine Audienz bei dem Herzoge nachsuchen, und ich werde sie nachsuchen, wenn Du es nicht thun magst, lieber Reffe." t Der Professor Halm war schließlich mit dem Plane der Tante Hopfen, in welchen die Frau Profeffor bereits eingeweiht war, einverstanden, und so konnte die ganze Familie Halm m beruhigter Stimmung an dem Sommerfeste, welches der schönen Helene neue Verehrer und der häßlichen Johanna manche verstohlene spöttische Bemerkung einbrachte, theilnehmen. Mit bewunderungswerthem Eifer betrieb Tante Hopsen in den folgenden Tagen ihren Plan betreffs der Zukunft ihres Schützlings. Sie reiste abermals mit Johanna nach der nahe gelegenen Residenz und erwirkte dort eine Audienz beim Herzog. Gnädigst wurde von dem hohen Herrn nun auch eine Prüfung des jungen Mädchens durch den berühmten Director des Con- servatoriums angeordnet. Diese Prüfung fiel sehr glänzend aus. Es war unverkennbar, daß eine außerordentlich schöne und kräftige Stimme in der Kehle des jungen Mädchens steckte und der Director des Conservatoriums erbot sich sofort, den Unterricht Johannas selbst zu übernehmen, weil diese ja unter Protection des Herzogs selbst stand, als dieser die vie versprechende Stimme und Begabung Johanna Halms inzwischen auch von seinem Hofcapellmeister Braun hatte rühmen hören. Triumphirend kehrte die Tante von ihrem Ausflug nach der Residenz in die kleine Universitätsstadt zurück. Ich habe Alles in's glückliche Fahrwaffer gebracht, ‘ verhört wurde, die Thür. . „Blau und roth," murmelte er ingrimmig zwischen den wirklich jetzt vor wie die berühmte Martha mit dem Milchtopf. Du siehst unsere Johanna bereits als berühmte Opernsängerin, während ich mir das häßliche Mädchen noch nicht einmal als bescheidene Concertsängerin vorstellen kann. Ihr Frauen schwärmt eben für die unmöglichsten Dingel" Mit diesen Worten verließ der ungläubige Profeffor Halm hohnlächelnd das Zimmer und ein böser Blick der verhöhnten Dame folgte ihm. Während dieser Unterredung lehnte Johanna schweigend am Fenster und blickte hinauf zu dem sternbesäten Himmel. So war denn über ihr Schicksal entschieden, sie, die Häßliche, sollte hinaustreten in die Oeffentlichkeit, in der Ausübung einer Kunst, die den Einsatz der ganzen Person erforderte. - Wohl dünkte es sie unendlich verlockend, sich der geliebten Kunst gänzlich hinzugeben und damit jene Bahnen zu betreten, die zu den Höhen des Lebens führen. Aber würde sie dieselben auch erreichen, wo ihr alle j ne Reize fehlten, die doch gewöhnlich der Frauen höchste Macht sind? Würde, und wenn sie das Vollkommenste in der Kunst leistete, die Welt es bei ihren Leistungen vergeffen, daß sie häßlich, daß ihr Aeußeres von der Natur aufs Stiefmütterlichste bedacht war? Wirr und unklar zogen solche Gedanken durch Johannas Hirn, denn noch war sie jung und unerfahren, um die ganze Tragweite derselben zu erfaffen. Noch lag das Leben vor ihr, in jene rosigen Schleier gehüllt, mit welchen die Jugend und ihr Hoffen es umkleiden. Ach, wenn diese Schleier vom rauhen Schicksal zerrissen werden, dann versinken auch die holden Jugendträume und mit ihnen die schönste Zeit des Erdendaseins. Sollte auch Johanna nur einen kurzen Traum des Glückes träumen? i II. — 591 — Zähnen, „und unser Herzog mit seinem empfindlichen Schön« heitsstnn, das Weib ist wohl toll!" „Ach, der Herr Capellmeister!" rief Tante Hopfen, arglos dem Erzürnten die Hand entgegenstreckend. „Sieht sie nicht nett aus, unsere Künstlerin?" Damit führte sie den Capellmeister dicht vor Johanna, die vor dem Spiegel stand, mit einer rothen Rose in der Hand. Der Anzug des jungen Mädchens war entsetzlich überladen und ihr etwas großer, unschöner Kopf hob sich so unvortheil« haft wie möglich aus all' den Spitzen und Bändern heroor. „Zu viel des Guten, meine Gnädigste," sagte der Capellmeister, die Toilette aufmerksam musternd. „Das habe ich auch gesagt!" rief Johanna mit Hellen Thränen in den Augen. „Aber die Tante meint ja, bei Hofe wäre all' der Putz und Staat unumgänglich nöthig." „Welch' ein Unsinn!" erwiderte der Capellmeister. „Einfach und geschmackvoll heißt dort die Losung. Ihr schwarzseidenes Kleid und allenfalls den Perlenschmuck hätte ich pasien- der gefunden, als diese forcirt überladene Toilette. Doch nun ist es leider zu spät zu einer Aenderung und wollen wir nur der jungen Dame den großen Mantel über die Schultern werfen, damit wir nicht schon unterwegs Aussehen erregen. Der Herzog verlangt Pünktlichkeit, wir müssen eilen." „Aber diese schöne Rose," wagte die Tante schüchtern einzuwenden. „Um Gottes willen, fort mit dieser Rose! Stecken Sie dieselbe an Ihren Busen, werthe Dame!" rief der Capellmeister ärgerlich, indem er mit seiner Schülerin davoneilte. Wenige Minuten darauf standen sie Beide in dem Musiksaal des herzoglichen Schlosses. Johanna wurde von dem Capellmeister den hohen Herrschaften urb einigen Damen vom Hofe vorgestellt und die Herzogin geruhte gnädigst, einige Fragen nach ihren Studien an sie zu richten. Das wenig einnehmende Aeußere Johannas schien auf die hohe Frau nicht solchen abschreckenden Eindruck zu machen wie auf den Herzog, der soeben seinem Capellmeister ganz entsetzt zuraunte: „Aber lieber Braun, diese Sängerin ist ja monströs! Diese Erscheinung als Liebhaberin auf der Bühne ist kaum denkbar. Jeg- liches Toilettenverständniß scheint ihr auch abzugehen." „Daran ist die Tante der jungen Dams schuld, Hoheit," stotterte Braun, „die hat sie im blinden Unverstand herausgeputzt wie einen Pfau." Der Herzog lachte jetzt und sagte: „Run, ich bin wirklich gespannt auf die Stimme, die uns all' diese äußeren Mängel soll vergessen lassen!" „Das wird sie, Hoheit! Es ist eine Stimme, welche uns über das Alltägliche zu erheben vermag, mit einem Klang wie aus einer anderen besseren Welt," erwiderte der Capellmeister ruhig, fast feierlich. „Mein Gott, Sie werden ja ganz poetisch, lieber Braun, und spannen meine Erwartungen auf's Aeußerste," erwiderte der Herzog. „Ich bitte, zu beginnen." Der Capellmeister führte Johanna an den Flügel. Die Vorliebe des Herzogs für Mozart'fche Opern kennend, hatte er zunächst die Arie der Susanna: „Endlich nahet sich die Stunde" aus Figaros Hochzeit gewählt. Athemlos lauschte das kleine Auditorium dem vollendeten Vortrag dieser Arie. Welche Töne und welch' ein Ausdruck kam bei dem Gesänge Johannas zur Geltung. Sehnsucht, Liebe, den ganzen berückenden Zauber der duftenden Sommernacht athmeten sie. Man glaubte das Säuseln des Windes, das Rieseln des Baches zu vernehmen, und dann wieder in der Schlußstrophe: „Daß ich mit Rosen kränze Dein Haupt —" Daß ich Dich kränze mit Rosen —" nur den Hellen Jubel eines glücklich liebenden Herzens. Niemand von den Zuhörern, auch nicht der Herzog, dachte jetzt noch an das häßliche Aeußere Derjenigen, bereit Lippen so wunberbar herrliche Töne entquollen. Der Abel einer göttlichen Kunst lag wie verklärenb auf ben unschönen Zügen Johannas. Triumphirenb sah sich ber Capellmeister um, al» seine i Schülerin bie Arie beenbet, er las in Aller Mienen, welch' einen Erfolg sein Schützling bamit errungen hatte. Der Herzog unb bie Herzogin baten um weitere Lieder, und Johanna trug noch einige Opern-Arien mit derselben Bra- vour vor. Dann äußerte die Herzogin den Wunsch, ein Lied von Schumann ober Schubert zu hören. Johanna blätterte in einem Schubertalbmn, bas auf bem Flügel lag, unb hatte gerabe „Des Mäbchens Klage" auf- geschlagen, als ber Herzog zu ihr herantrat. „Singen Sie bas Lieb, Fräulein, es ist ein Lieblingslieb der Herzogin," bat er freundlich. Und nun erklangen in tief ergreifenden Tönen die Worte des großen Dichters durch den Salon. In meisterhafter Weife wußte das junge Mädchen den Ton der Entsagung, den die Melodie so wunderbar innig ausdrückt, zu treffen. Die Zuhörer waren begeistert, hingerissen, und in den Augen der Herzogin schimmerten Thränen. „Kind, wie kommen Sie bei Ihrer Jugend zu solcher Tiefe der Empfindung!" rief die Herzogin freundlich theilnehmend, als Johanna jetzt geendet. „O Hoheit, wie könnte man singen, wenn man sich nicht hineinzusetzen vermöchte in das, was Dichter und Componist uns mit ihren Kunstwerken offenbaren wollen!" erwiderte Johanna mit leuchtenden Augen. „Sie sprechen da ein großes Wort gelassen aus," sagte der Herzog lächelnd. „Eigentlich müßte wohl dieses Mitempfinden, dieses gänzliche Aufgehen der eigenen Persönlichkeit in eine andere künstlerische, bie Grundlage aller und jeder Gesangskunst bilden. Wenn bie Sänger unb Sängerinnen bas nicht verstehen, bleibt ihre Kunst eine seelenlose. Sie, mein Fräulein, haben diese hohe Aufgabe voll und ganz erfaßt und ich schätze mich glücklich, daß Sie an unserer Bühne Ihre Laufbahn beginnen werden." Ein helles Roth färbte Johannas Wangen bei diesen schmeichelhaften Worten. Strahlend hell erstand die Zukunft in diesem Moment vor ihren Augen, als gäbe es keine Hemmnisse, keinen Schatten auf der Künstlerbahn, die sie zu wandeln gedachte, mehr. Die huldvollen Worte des Herzogs waren gleichbedeutend mit Johannas Engagement an der Hofbühne unter glänzenden Bedingungen. in. In der kleinen Residenz erregte stets jedes Engagement eines Sängers ober einer Sängerin bas größte Interesse. Sa würbe auch jetzt Johanna Halms Name in allen Kreisen genannt. „Die Stimme ber neuen Sängerin soll schön sein, aber ihr Aeußeres häßlich wie die Nacht, bie Herrschaften protegiren sie aber sehr!" Solche unb ähnliche Steuerungen gingen von Mund zu Mund, bis dann endlich eines Tages Johannas Name auf dem Theaterzettel stand und nun alle Kunstfreunde ber Residenz nach dem Tempel Thalias sirömten, um selbst zu hören, zu urtheilen und zu kritisiren. Es war eine der ersten Vorstellungen der Saison und ber Zuschauerraum schon vor Beginn ber Ouvertüre bis auf ben letzten Platz gefüllt, auch ber herzogliche Hof war sehr zahlreich erschienen unb überall herrschte Spannung unb Erwartung. Die größte Erregung aber spiegelte sich auf ben Gesichtern ber Insassen einer kleinen Seitenloge ab, in welcher die ganze Familie des Professors Halm, bie Eltern, bie schöne Tochter Helene, die beiden Söhne und bie Tante Hopfen natürlich mit einbegriffen, versammelt war. Manch' berounberttber Blick flog zu bem reizenben Blonb- köpfchen Helene Halms empor. Trotzbem bie junge Dame an berartige Bewunderung längst gewöhnt, blickte sie jedoch mit ben großen blauen Kinderaugen so unschuldig und erstaunt um sich, als wäre sie ein frisch vom Himmel gefallener Engel. Nur ei» sehr feiner Beobachter unb Menschenkenner hätte hier zu tmrchschauen vermocht, daß diese ganze zur Schau getragene Kindlichkeit durchaus nicht natürlich war und Helene bie Kunst bes Kokettirens schon recht gut verstäub. (Fortsetzung folgt.) sa 592 V-vinischtes Mandel-Bretzeln. 250 g Mandeln abgezogen und gestoßen, 250 g Zucker, 250 g Mehl, 250 g Butter nebst der Schale einer Zitrone zu einen Teig vermischt den man , etwas kalt stellt, bis er steif geworden. Hierauf formt man Bretzeln, bringe sie auf ein mit Mehl gut bestrichenes Blech, be- I streicht sie mit Ei, bestreut sie mit Zucker und backt sie in gelinder Hitze. * , Verwendung der Aepfel zu — Kaffee. Die Aepfel, auch angefaulte, nachdem sie sauber ausgeschnitten sind, werden zu kleinen Stückchen geschnitten, ohne daß man das Kernhaus oder sonst etwas entfernt, hernach gut gedörrt und im Mörser zu Mehl gestoßen. Nimmt man zum Kaffee die Htilfte Bohnenmehl und die Hälfte solches Mehl, so merkt nur ein Feinschmecker den Unterschied. Man kann aber auch wenb aer Bohnenmehl verwenden, sogar ganz weglassen, oder auch I nur Apfelmehl mit Cichorien gebrauchen und erhält emen woyl- schmeckenden Kaffee. Das Mehl läßt sich in Blechbüchsen oder in irdenen Töpfen aufbewahren und ist wegen seiner Billig- feit, hauptsächlich aber wegen seiner günstigen Einwirkung auf die Gesundheit nicht nur den Vegetarianern, sondern Jedermann zu empfehlen. * , ♦ Ein treffliches Apfelmus, welches sich fünf Jahre hält und in gesegneten Obstjahren bereitet werden kann, wird folgendermaßen zubereitet: Man nimmt -in weites Gefäß und macht es nicht ganz voll mit Waffer; man schneidet die Apfel, ohne sie zu schälen, in Viertel; man nehme die Kernhäuser heraus, sammle aber die Kerne, zerquetsche sie und gebe sie mit dem Aepfel in das Gefäß; man bindet letzeres mit Papier zu und stelle es in einen mäßig heißen Ofen; wenn die Aepfel | ganz weich und kalt sind, streiche man das Fleisch derselben mit einem hölzernen Löffel durch ein Sieb Auf zedes Pfund Obst nehme man nach dem Zerquetschen 3/4 Pfund gestoßenen Zucker, koche gelinde, bis sich Gallerte bildet. Man grebtdie । Masse in Gefäße und verschließe dieselben mit thlerischer, Blase. Soll sich das Mus nur eine kurze Zeit halten, so braucht 1 man weniger Zucker anzuwenden. * * * Kartoffeln bei Frost zu versenden. Man taucht die Säcke, in welchen die Kartoffeln versendet werden sollen, in kaltes Waffer, füllt dann die Kartoffeln ein und begießt die Säcke von außen wieder mit kaltem Waffer. Auf diese Werse verpackt, halten die Knollen den stärksten Forst aus. Der Grund ist ein ganz natürlicher, denn durch die Nässe werden dre Zwischenräume des Gewebes der Säcke ausgefüllt und das außen sich bildende Eis verhindert das Eindringen der Kälte oder vielmehr das Entziehen der Wärme, die in den Kartoffeln enthalten ist. # ♦ Gefrorene Eier gerrietzbar zu machen. Man vermischt frisches Brunnenwaffer mit etwas Salz und legt Die gefrorenen Eier hinein. Hierdurch wird der Frost heraurge- zogen und die Eier werden so brauchbar wie zuvor. Ein famoser Thee. Lieutenant (zu seinem Burschen): „Blasius, ich habe für heute zwei Kameraden zum The«r geladen. Du wirst Alles besorgen, was dazu nöthig ist - Eier, Butter, Schinken, Sardinen, Käse - Thee habe ich gestern selbst ein Pfund gekauft — hier ist er - um sechs Uhr soll Alles parat sein, so daß dann der Thee gleich sermrt werden kann. Verstanden?" — Blasius: „Zu Befehl, Herr Stellte* nantI" — Um 6 Uhr kehrt nun der Herr mit seinen beiden Gästen moidshungerig vom Exerzieren heim. „Alles in Ord* Eg?" — „Zu Befehl, Herr LieutenantI" Die Krtegsmänner machen es sich bequem. Der Tisch ist fein säuberlich gedeckt und hergerichtet. Da öffnet sich die Stubenthür und herein tritt Blasius mit einer großen dampfenden Schüffel. „Wie — auch eine Platte Braunkohl?" ruft freudig überrascht beim Anblick des Gerichts einer der Gäste aus; er hatte ja nur auf Thee mit Hindernissen gerechnet I Dem Hausherrn wird ahnungsvoll zu Muthe, er wirft einen prüfenden Blick aus die Platte, die wirklich nach garnirtem Braunkohl aussieht. „War soll das? Ich befahl doch nur Thee!" — „Da ist er ia! erwidert triumphirend Blasius, auf die Schüffel weisend. Er hatte das Pfund Thee kunstgerecht als Gemüse gekocht und mit Schinkenschnitten, Spiegeleiern und Sardinen zierlich garnirt! Redaction: A. Scheyda. ^Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Gemeinnütziges. Marzpian. */2 Pfd. Mandeln gebrüht, abgezogen und gerieben oder gestoßen,' ‘/2 W Zucker gerieben und tüchtig mit den Mandeln vermengt (mit der Hand oder Löffel), dann für 10 Pfg. Rosenwasser nach und nach daran getham aus gelinder Hitze austrocknen laffen, den Schnee von 2 Eiweiß daran gerührt und wieder erkalten laffen, auf ein Brett genommen, in Mehl gerollt und allerlei Formen ausgestochen oder mit dem Meffer zu Kartoffeln, Semmeln, Obst u. s. w. geformt; darauf in mäßiger Hitze ungefähr 1/4 Stunde gebacken und über Nacht stehen gelaffen. * * Problematisches Lob. „Haben Sie meinen letzten Roman gelesen, lieber Freund?" — „Jawohl." — „Nun, wie hat er Ihnen gefallen?" - „Ich habe das Buch mit dem größen Vergnügen aus der Hand gelegt." Aus der höheren Töchterschule. Profeffor: „Fräulein Laura, Ihr Aufsatz ist so flüchtig geschrieben, daß ich ihn kaum lesen konnte." — Laura: ,,O, entschuldigen Sie, Herr Profeffor, meine Feder war so schlecht!' — Professor (furz): „So, dann hätten Sie sich eine andere ausrupfen sollen!" e , Unverschuldet. Vater (zu einem um die Hand der Tochter anhaltenden Cavalier): „Bevor ich Jhnen das Jawort gebe, gestatten Sie mir die Frage: Haben Sie Schulden? - Cavalier: „Vollständig unverschuldet." Wurst wider Wurst. 'Zwischen einem Hauswirth und einem Miether soll kürzlich folgendes drastische Zwiegespräch stattgefunden haben. Wirth: „Haben Sie Kinder? — Miether. „Nein." — Wirth: „Das ist sehr gut, denn an Miether mit i Kindern vermiethe ich nicht." — Miether: „Haben Sie Kinder?" - Wirth: „Ja, vier." - Miether: „O, das thut mir leid, bei Wirthen mit Kindern, miethe ich nicht! Was man Alles liebt. Lehrerin (in der oberen Klaffe eines Mädchenpensionats docirend): „Die Neigungen des Menschen wechseln vielfach mit seinem Lebensalter. Wenn \ man alt ist, liebt man die Ruhe, die Zurückgezogenheit, den Frieden, dagegen wenn man jung ist, liebt man — nun, Bertha < — Bertha : „Den Lieutenant." * Genügsam. „Ich muß'meiner Frau die eine Gerechtigkeit widerfahren laffen, daß sie sich mit sehr Wenigem begnügt." — „Mit sehr Wenigem? Was soll ich erst von der meinigen sagen, die begnügt sich mit gar nichts." D i ch t e r s e h n s u cht. Dem Berliner Echo wurde folgendes Inserat eingesendet: „Ein junger Beamter mit gutem Ge* halt und im Besitze von Vermögen sucht auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege eine Lebensgefährtin. Sie muß vor Allem von poetischem Gemüth (er selbst dichtet auch) und nicht über 30 Jahre alt sein. Vermögen Nebensache. Proben der I Gedichte bitte an ... . einzusenden."