AntevhMtrrirgSblatt sum Gietzenev 2lnzeigev (Gensval-2lnzeigev) Nr. 32 1883 WM UMß Z^UE^WMLAAM Donnerstag, den 16. März. Tante Hannas Geheimniß. Original-Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung). Als Armgard in die Laube trat, sah sie zu ihrem grenzenlosen Erstaunen sich Herrn Julius Steindorf gegenüber, der ganz behaglich am Tische Platz genommen halte. Er hatte eine ihrer seltensten Rosen im Knopfloch und plauderte mit feinem Töchterchen, da« ihm von dem schönen Hause der Tante Armgard nicht genug zu erzählen wußte. . Ich ging so lange in Ihrem schönen Park umher, bi« sich Ihr Besuch empfohlen," nahm er sogleich das Wort, „und muß gestehen, daß sich Ihr Besitz seit meiner Abwesenheit erstaunlich verschönert hat, meine Gnädige! — Ich weiß in der That nicht, was ich mehr bewundern soll, Ihren Geschmack selbst in landschaftlichen Anordnungen oder Ihren praktischen Verstand." „Bedaure, Ihre Bewunderung ablehnen zu müssen, Herr Steindorf!" erwiderte Armgard mit kühler Zurückhaltung. „Mein Gärtner und meine Verwalter verdienen dieselbe, nicht ich. Schade, daß Sie nicht hier blieben," setzte sie, sich an Tante Hannas Sette niederlassend, ruhig hinzu, «ein Deutscher aus Amerika war mit Herrn Marbach von Rotenhof hier. Vielleicht hätten Sie ihm über einen gewissen Herrn Prien aus Chicago berichten können." Sie sah ihn bei diesen Worten fragend an. Er zuckte lächelnd die Schultern. „Damit hätte ich ihm leider nicht dienen können, meine Gnädige! Man kann unmöglich jeden Deutschen in Amerika kennen, obwohl ich mich dort einer ausgebreiteten Bekanntschaft rühmen darf. Ein Mann dieses Namens ist mir übrigens drüben auch niemals begegnet. Wie nennt sich Herr Marbachs Freund?" „Warneck." „Ist mir ebenfalls unbekannt, auch bedaure ich's deshalb nicht, seine Bekanntschaft verscherzt zu haben, da man in der Regel drüben sich als Deutsch-Amerikaner aus dem Wege geht. Apropos, mein gnädiges Fräulein I" fuhr er nach einer kleinen Pause fort. „Ich möchte mir eine recht große Bitte erlauben. Darf ich dieselbe aussprechen?" „Weshalb nicht?" „Ganz recht, weshalb sollte einem alten Freunde eine Bitte verwehrt sein?" sagte Steindorf lächelnd. „Ich empfing ein Telegramm, das mich noch heute zu einer wichtigen Geschäftsreise nach der Hauptstadt zwingt. Dieselbe dürfte acht Tage in Anspruch nehmen. Wollen Sie meine Lotta so lange in Ihrer Obhut behalten, mein gnädiges Fräulein? Ich fuhr mit dem Gedanken daran hierher und hoffte fest auf Ihre mir nur zu wohl bekannte Liebenswürdigkeit." Er blickte sie bittend an, bei den letzten Worten einen Seufzer unterdrückend. „O, ich will gewiß artig sein, Tante Armgard, sehr artig!" schmeichelte Lotta, sich durch einen fragenden Blick mit ihrem Vater verständigend und sich dann wieder zärtlich an sie schmiegend. Armgard antwortete nicht, sondern warf einen fast flehenden Blick auf Tante Hanna, welche auch sofort das Wort nahm. „Das geht nicht, Herr Steindorf!" sagte sie fest. „Begreife nicht, wie Sie Fräulein Holten so etwas zumuthen können. Wir leben hier nicht nach amerikanischem Muster, sondern nach alter deutscher Sitte, welche es einer jungen un- verheiratheten Dame verbietet, das Kind eines Wittwers, wenn auch nur zeitweise, als ihr eigenes bei sich aufzunehmen." „Ist das auch Ihre Meinung, meine Gnädige?" wandte sich Steindorf achselzuckend an Atmgard. „Sollte meine Bitte an kleinlicher Prüderie scheitern? — Das glaube ich nicht, da mein Maßstab für echte Frauenwürde sonst bedenklich zusammen- schrumpfen würde." „Bedaure, trotz alledem die Meinung meiner Freundin theilen zu müssen," erwiderte Armgard mit einem leisen Beben in der Stimme, „ich bin nicht emancipirt genug, um mich über das Urtheil der Welt erheben zu können, wenn diese Welt auch eine sehr beschränkte ist. Mein guter Ruf ist mein kostbarstes Kleinod, derselbe würde an Reinheit einbüßen, falls ich Ihrer an und für sich ganz harmlosen und ungefährlichen Bitte nachgeben würde." „Wenn es Ihnen recht ist, Herr Steindorf," nahm Tante Hanna wieder das Wort, „dann vertrauen Sie mir Ihre Kleine an, obgleich sie keine sonderliche Vorliebe für mich offenbart. Mein Alter schützt vor jeglicher Nachrede." „Sie kommen meiner Bitte zuvor, welche ich nicht an Sie zu richten wagte," rief Steindorf, seinen Aerger mit einer gerührten Maske verdeckend. „Ich danke Ihnen, Tante HannaI — Lotta, bitte die liebe Tante um Vergebung, falls sie Ursache haben sollte, sich über Dich zu beklagen." Das schien Lotta allerdings sehr schwer anzukommen, doch fügte sie sich gehorsam dem Gebot, was Tante Hanna als ihren größten Vorzug anerkannte, da sie das Kind für feine Dressur nicht verantworüich machte. Lotta wollte sich ihrer Aufgabe theatralisch entledigen, doch Hanna schnitt ihr das Wort ab, streichelte ihre Wange und sagte ruhig: „Laß gut sein, Kind, wir werden die acht 126 Tage schon miteinander auskommen. Fahren Sie bald nach der Stadt zurück, Herr Steindorf?" Er blickte nach der Uhr. „Ich werde mich von hier aus direct nach der nächsten Eisenbahn-Station fahren kaffen," erwiderte er, „habe, wie ich sehe, keine Zeit mehr zu verlieren. Falls Sie noch heute nach der Stadt zurück wollen, könnten Sie meinen Wagen benutzen, Tante Hanna! — Oder wird Fräulein Holten sich das nicht nehmen laffen?" „Schicken Sie uns nur Ihren Wagen, Herr Steindorf!" entschied Hanna, „da derselbe doch sonst leer zurückfahren müßte." Herr Julius verbeugte sich zustimmend und nahm von den Damen, sowie von seinem Töchterchen Abschied. Ec wußte es einzurichten, mit Lotta noch einige Minuten allein zu sein, um ihr ein zärtliches Lebewohl und einige Verhaltungsmaßregeln zuzuflüstern, worauf der Wagen vorfuhr und bald mit ihm davon rollte. Lotta sah demselben regungslos nach. War es Comödie oder wirkliche Betrübniß, was ihre Wangen plötzlich erbleichen ließ und ihr große Thränen auspreßte? „Kommt Papa gewiß wieder?" fragte sie, sich langsam zu der verwunderten Armgard umwendend. „Weshalb sollte er nicht wiederkehren, Kind?" rief Jene erschrocken. „Wie kommst Du überhaupt auf diesen Gedanken?" „Ich weiß nicht, es war mir auf einmal, als sähe ich den guten Papa nie, nie wieder. Das wäre schrecklich!" Armgard führte die Kleine in's Haus, wo Tante Hanna sich kopfschüttelnd zu ihr gesellte und ihre geheimen skeptischen Gedanken darüber hatte. „Ist das Wahrheit?" fragte sie sich. „Ist eilte solche Comödie bei einem siebenjährigen Kinde denkbar?" Lotta setzte sich in einen Winkel, theilnahmslos vor sich hinstarrend. Alle Bemühungen, sie hervorzulocken/ blieben vergeblich und rathlos standen die beiden Frauen wie vor einem Räthsel. Als der Wagen von der Station zurückkehrte, um sich zu Tante Hannas Verfügung zu stellen, war Lotta bereits zu Bett gebracht, da sie sich in Krämpfen wand und wahrhaft erschreckende Thränen-Ausbrüche bekam. Der Kutscher erhielt die Weisung, nach Hause zu fahren und dort einen Brief an den Arzt, welcher seit Jahren Armgards Vertrauen und die Gutspraxis besaß, sogleich zu besorgen. „So," murrte Tante Hanna, „nun hat Herr Julius Steindorf doch seinen Willen durchgesetzt. Er scheint die alte Zaubermacht noch immer zu besitzen." „Aber, Tante Hanna," rief Armgard beinahe entrüstet, „Sie glauben doch nicht etwa, daß wir es mit einer kleinen Simultantin zu thun haben?" „Mein liebes Kind," versetzte Hanna sehr ernst, „was ich glaube oder nicht, kommt gar nicht mehr in Betracht der That- sache gegenüber, daß Herr Steindorf trotz alledem und alledem seinen Zweck erreicht hat. Nur mit dieser schwerwiegenden Thatsache haben wir jetzt zu rechnen. Sie haben das Kind dieses Mannes, welcher Sie einst so tief beleidigt und sich nicht entblödet hat, noch heute Ihre Liebe für ihn als unzweifelhaft hinzustellen, wie man zu sagen pflegt, am Halse. Wissen Sie, was dies für Herrn Julius und was es der Welt gegenüber für Sie bedeutet, liebe Armgard?" Diese schwieg einen Augenblick. Dann aber richtete sie sich stolz auf und antwortete mit fester Stimme: „Was jener Herr denkt und deutet, kann mir persönlich sehr gleich sein, Tante Hanna! — Für mich bedeutet die Geschichte nichts weiter, als ein wenig Samariterthum gegen ein fremdes krankes Kind, weshalb das Urtheil der Welt mir hier ganz gleichgiltig sein kann." „Dann bin ich beruhigt," sprach Hanna mit einem tiefen Athemzug, „und kann leichten Herzens nach Hause reisen." „Nein, Tante Hanna, ich lasse Sie nicht fort," rief Armgard bittend, „Sie versäumen zu Hause nichts und könnten mir hier die sicherste Mauer gegen jede üble Nachrede bilden. Wenn Sie zum Exempel die Pflege der Kleinen übernehmen —" Hanna sah sie forschend an und nickte dann recht nachdenklich. „Gut, es wird wohl das Beste sein, das Kind, wie ich beabsichtigt, auch hier unter meine Flügel zu nehmen. Möchte aber doch erst mal heimkehren, um mein Haus zu bestellen. Ich könnte mit dem Doctor zurückfahren —" „Und ich lasse Sie morgen Vormittag wieder abholen, Tante Hanna!" fiel Armgard sichtlich erleichtert ein. Der Arzt kam erst spät Abends, da er einen Pfingst« Ausflug mit seiner Familie gemacht hatte. Er hatte einige Medikamente mitgebracht, welche Lotta mit Widerstreben nahm und dabei fortwährend nach ihrem Papa jammerte, wobei sie Armgards Hand krampfhaft festhielt und sie anflehte, bei ihr bleiben zu dürfen, da sie lieber sterben, als mit der unfreund« lichen alten Tante wegreifen wolle. „Ein nettes kleines Pflänzchen," brummte der Doctor, nachdem er Alles erfahren, „komme selbst wie Tante Hanna auf den Gedanken, daß wtr's mit einer Simulantin zu thun haben. Na ja, Herr Julius war als junger Mann auch nicht ohne, erinnere mich seiner ganz wohl. Hätten noch einige Monate fortbleiben sollen, Fräulein Holten, zum Henker, Eden- Heim wäre noch nicht zu Grunde gegangen." Armgard erröthete und verließ dann schweigend das Zimmer. „Er hat sie ja am Rhein getroffen," sprach Hanna leise, „und ist, als sie vor seiner Annäherung geflohen, ihr hierher gefolgt. Der Elende legt es darauf an, sie in sein Netz zu locken." „Um ihr Vermögen zu erhalten, natürlich. Hoffentlich wird die alte Liebe hinreichend eingerostet sein und ihr Stolz dem Abenteurer die Rechnung durchkreuzen, denn sonst —" Der Doctor stockte und blickte besorgt in Hannas nachdenkliches Gesicht. „Freilich, freilich," murmelte der Arzt, „sie ist ja ein Frauenzimmer, von welchem man nun einmal jede Dummheit erwarten kann, unberechenbar wie ein Apriltag. Dieser Stein- darf hat eine gute Verbündete in seinem Töchterlein, das, wie ich fürchte, nach genauer Instruction schon zu handeln versteht. — Sie sollten hier bleiben, Tante Hanna!" „Kehre morgen schon wieder hierher zurück, Herr Doctor I — Fräulein Holten hat mich bereits darum ersucht." Der Doctor stieß einen langgezogenen Pfiff aus und lachte dann spöttisch auf. „Dachte es mir," brummte er, „Eine ist wie die Andere, eine hübsche. Fratze wirft alle Grundsätze über'« Haufen."^ „Sie sind boshaft, Doctor!" sprach Hanna unwillig. „Verurtheilen Sie nicht zu früh. Was kann sie dafür, daß dieses Kind plötzlich krank wird? Ich bleibe hier, um dem Gerede der Menschen die Spitze abzubrechen und die Kleine zu pflegen. Ob diese mich nun um sich haben mag oder nicht, sie bleibt in meiner alleinigen Obhut, darüber können Sie und die übrigen guten Freunde sich beruhigen." „Recht so, Tante Hanna!" erwiderte der Doctor zufrieden. „Die Geschichte ist so verdammt schlau eingefädelt, daß die guten Freunde, sie mögen wollen oder nicht, ein Haar darin finden müssen. Der Kerl hatte stets Routine in solchen Dingen, hat in Amerika aber sein Talent zur Blüthe gebracht und den Goldfisch im ersten Anlauf schon im Netze, wenigstens vor der Welt schon zur Stiefmutter seines talentvollen Töchterchens gezwungen. Das macht ihm so leicht Keiner nach. Uebrigens, Tantchen," setzte er leiser hinzu, „wüßte ich eine Karte, um sein Spiel zu übertrumpfen. Fräulein Armgard müßte auf der Stelle wieder verreisen." „Das hieße Furcht zeigen, kluger Doctor, und das Spiel aus der Hand geben," bemerkte Hanna ruhig. „Hier packen Sie Ihre Recepte nur ein und vertrauen Sie dem weiblichen Stolz, der nicht so leichtfertig in die Brüche geht, wie Sie glauben." In diesem Augenblick erschien Armgard wieder mit einem offenen Briefchen in der Hand. „Von Herrn Steindorf," sagte sie, „er hat diese Zeilen einem Freunde, den er auf einer Zwischenstation getroffen und 127 ■(V chen Gut Tante Hanna war mit dem Doctor Peters in die Stadt zurückgekehrt und vor ihrem stillen Heim abgestiegen. Sie saß noch lange in Gedanken versunken auf ihrer Veranda und Klickte in das vom Mondlicht überfluthete Gärtchen, ohne die Schönheit dieser Nacht zu empfinden, da ihre Gedanken fern in der Vergangenheit weilten, deren Bilder sich so seltsam mit dem Geschick ihrer jungen Freundin in Ebenheim verknüpften. Eben deshalb hatte sie stets mit Armgard Holten sympathisirt And sie ganz besonders in ihr Herz geschlossen. Hatte sie sich in dem Character derselben so sehr irren können? — Konnte ss denkbar sein, daß die stolze, energische Armgard ihre ganze Vergangenheit verleugnen und den plumpen Fallstricken dieses gedrungen waren, um die Bewohnerin zu retten. Menschen, der sich seines Sieger über sie bereits gerühmt, er- Ein Blitz, dem zugleich ein furchtbarer Donnerschlag folgte, sagte den erschreckten Bewohnern der Stadt, daß es irgendwo eingeschlagen haben muffe. Wenige Minuten später ertönte auch schon der Feuerruf durch die Straßen. „In Tante Hannas Haus!" Das war genug, um Alt und Jung hinauszutreiben und das Eigenthum der Greisin, welche ja gar nicht daheim war, wie man sich zurief, zu retten. „Doch, Kinder, Tante Hanna ist daheim!" rief Doctor Peters, welcher sich ebenfalls nach dorthin begab. „Ich selber habe sie nach Hause gebracht. Um Gotteswillen, das Haus steht in Flammen, vorwärts, wer laufen und retten kann." Ja, das traute Heim der guten Tante schien unrettbar verloren zu sein, da die Flammen von allen Seiten empor« züngelten. Doch schon war die Feuerwehr zur Stelle, um den Kampf mit dem Elemente aufzunehmen. Zwei Männer aber waren die Allerersten gewesen, welche in's brennende Haus ein* Diese beiden waren Leonhard Marbach und sein amerikanischer Freund. Sie hatten sich in der Stadt, wohin sie nach ihrem Besuche in Edenheim geritten waren, bei einigen Freunden verspätet und die Heimkehr trotz des noch andauernden Gewitters angetreten, als der letzte furchtbare Schlag, womit sich das Unwetter vollständig erschöpfte, sie gerade vor Tante Hannas Haus erschreckte, weil sie im ersten Augenblick die Empfindung hatten, als wären sie selber davon getroffen worden- Sie vermochten nur mit Mühe ihre Roffe zu bändigen, welche mit ihnen durchzugehen drohten, und bemerkten in nächster Minute schon das brennende Haus. Von den Pferden herunter und diese anbinden, war das Werk weniger Augenblicke. Marbach rief drinnen vergeblich mit dem Aufgebote seiner Lungen nach Tante Hanna und beide Männer suchten besorgt in den ihnen völlig unbekannten Räumen nach der Greisin, während Rauch und Hitze immer unerträglicher wurden. Endlich, — es waren allerdings erst wenige Minuten verflossen, aber diese ihnen unendlich lang erschienen, fanden sie die kleine hingestreckte Gestalt, anscheinend leblos, und trugen sie sorgsam in's Freie, wo sie dieselbe zuerst in die Laube brachten und auf eine Bank war das? — Umfing sie noch ein schrecklicher Traum oder war es Wirklichkeit, was sie dort, wenige Schritte entfernt, in einem kleinen Nebenzimmer, wo sie ihre Papiere, ihr Geld und ihre sonstigen Werthsachen aufbewahrte, plötzlich ganz deutlich erblickte? Ein Mann stand vor dem geöffneten Secretär und wühlte in ihren Papieren umher, steckte Verschiedenes zu sich, nahm die nicht unbedeutende Summe, welche sie wenige Tage vorher von ihrem Bankier erhalten, an sich und wandte sich dann zu dem großen Spiegel, in der offenbaren Absicht, Toilette zu machen. Er nahm eine Perrücke von seinem Kopfe, legte einen Vollbart ab und betrachtete sich hohnlächelnd im Spiegel. — Tante Hanna sah sein Gesicht, stieß einen surchtbaren Schrei aus und glitt vom Bett herab. Sie sah dann, schon halb besinnungslos, eine Gestalt über sich und brach zusammen. niederlegten. Das Gewitter hatte sich verzogen, der Regen aber auch zum Glück ganz aufgehört, während die Feuerwehr herangerasselt und die halbe Bevölkerung nachkam, um nach ihrer alten guten Tante Hanna zu sehen. Die Freude war groß und wahrhaft rührend, als man erfuhr, daß sie gerettet worden sei. Aber sie sollte ja todt sein, wie ihre Retter gesagt, dort in der Laube sollte die Gute liegen, welche für Jeden Trost und Rath gehabt. Ein Lichtlein brannte in der Laube, um dem Doctor zu leuchten, während die Flammen in dem Häus« liegen werde? Tante Hanna seufzte tief auf bei dieser Vorstellung, die Ihr im Herzen wehe that, als beträfe es ihr eigen Fleisch und Blut, und begab sich dann zur Ruhe- Sie hatte es nicht bemerkt, daß eine dumpfe Schwüle in der Atmosphäre lag, daß die Rosen betäubenden Duft aus- strömten und der Mond nach und nach durch einen Schleier verhüllt erschien. Auf ihrem Herzen lastete es wie ein Alp, -rs war ihr, als hätte sie in Armgards Nähe bleiben, sie schützen müssen vor irgend einem unheimlich dräuenden Geschicke. So legte sie sich zur Ruhe und fiel bald in einen sie bleiern umfangenden Schlaf. Die Greisin hatte zum ersten Male in ihrem Leben vergessen, die Fenster des Wohnzimmers, welche sie bei der Heim- Lehr mechanisch geöffnet, wieder zu schließen, während sie ihr Schlafzimmer ungelüstet gelassen hatte. Die tiefe Bekümmer- Riß, welche von ihrer Seele Besitz genommen, hatte ihren Blick so sehr von Außendingen abgelenkt, daß selbst die Gewohnheit augenblicklich ihre Macht über sie verlor und nur die mechanische Gewalt der unwiderstehlichen Ermüdung sie zum Schlafe zwang. — Mitternacht war soeben vorüber, durch das Brausen des Sturmes, welcher das heraufziehende Gewitter begleitete, waren von den Thürmen die zwölf Glockenschläge erklungen. Pfeilschnell hatte sich der Himmel mit schwarzen Wolken bedeckt und das Mondlicht ausgelöscht. Blitze suhren herab, daß secunden- lang der Himmel auflohte, der Donner rollte mächtig hinterdrein, und in den Häusern glänzten überall die Lichter auf. Auch um Tante Hannas kleine Villa tobte der Sturm und entblätterte die schönsten Rosen. Die offenen Fenster klirrten unaufhörlich, der Regen ergoß sich in's Zimmer, doch die Greisin hörte es nicht, sie rang im Traume mit einer furchtbaren Macht, mit dem Alp, der sich auf ihrer Brust gelagert, ihr die Kehle zuschnürte, daß sie nicht schreien, — die Augen geschlossen hielt, daß sie nicht um sich schauen, nicht erwachen konnte. Ihr angstvolles Stöhnen verschlang der Sturm, — doch jetzt fiel ein Lichtstrahl auf ihre geschlossenen Lider, sie vermochte die Augen zu öffnen, sich zu erheben und — was AUN —" „Zu Tisch, meine Herrschaften!" fiel Armgard hastig ein. Ich lasse Sie nicht ohne Abendbrod fort." emporloderten. , . Arme Tante Hanna, ihr Eigenthum, all ihr Hab und war verloren. „Was thut's," meinten die Leute, „wenn sie nur am Leben bleibt!" Und sie blieb am Leben, aber ihr Bewußtsein war gestört. (Fortsetzung folgt.) tzer hierher reiste, zur Besorgung mitgegeben. Der Herr hat K;*t «kören wollen und nur das Briefchen im Hofe abgegeben, nachdem er sich erkundigt, ob die Tante noch mit der »einett Zotta anwesend sei. Die Magd hat ihm geantwortet, daß die Kleine erkrankt sei und Tante Hanna hier bleiben werde." „Und der Brief? Was ist's damit?" fragte Tante Hanna verwundert. . „Er enthält überschwengliche Dankesworte für Sie und für mich, zärtliche Grüße und Ermahnungen für Lotta und die Anzeige, daß er, Herr Steindorf nämlich, vielleicht noch einige Tage länger, als er glaubte, fortbleiben werde." „Nette Aussichten," brummte der Doctor, „gratulire dazu, meine Damen. Vielleicht kommt er gar nicht wieder und läßt Ihnen das Kind aus lauter Dankbarkeit." „Das wäre nicht das Schlimmste," meinte Hanna trocken. «Der Kleinen könnte es nur zum Vortheil gereichen. Und 128 — Gemeinnütziges. Wechfelwirthfchaft in der Gärtnerei. Ebenso wichtig, wie in der Landwirthschaft ist auch die Wechselwirth- schast in der Gärtnerei, und man wird bald herausfinden, daß es nicht gut thut, dieselben Gemüse und andere Pflanzen Jahr für Jahr auf derselben Stelle anzubauen; es ist nicht einmal dieses zwei Jahre zu wiederholen. Es entstehen dadurch krankhafte und schwächliche Pflanzen und der Boden wird ausgesogen. Dem wird am besten vorgebeugt, wenn man tief und flach wurzelnde Pflanzen, Hackfrüchte rc. in einer gewiflen Reihenfolge pflanzt. Wenn man gemischte Gemüse auf demselben Boden pflanzt, so kann das auf eine Reihe von Jahren fortgesetzt werden, man muß nur den Platz jedes Jahr für die betreffende Gemüse-Art wechseln. Hat man Kohl, Blumenkohl, Radieschen, Rüben oder dgl. dieses Jahr gepflanzt, so baue man das nächste Jahr Tomaten, Eierpflanzen, Psefferpflanzen u. s. w. und Süßkorn oder Rankengewächse im darauffolgenden. Eine derartige Fruchtfolge erhält dem Boden seine Nährstoffe und vergrößert demgemäß die Ernte. * ♦ * Bei milder Witterung versäume man nicht, seinen Pflanzen durch Oeffnen der Fenster die dieselben zu neuer Thätigkeit anreizende frische Luft zuzuführen. Doch verhüte man, daß die Pflanzen, besonders solche, welche im geheizten Zimmer standen, dem scharfen Luftzug ausgesetzt sind. Die Lüftung geschieht während den Mittagsstunden- * * Das Lichtbedürfniß der Zimmerpflanzen, welches wohl zu unterscheiden ist von dem Sonnenbedürfniß, ist ein ganz bestimmtes, ohne welches ein Gedeihen nicht möglich ist. Es gibt wohl Pflanzen, welche ganz ohne Licht üppig vegetiren, so viele Pilze, doch die weit überwiegende Mehrzahl verlangt ein mehr oder weniger Helles Licht. Bei den meisten Pflanzen ist dieses Lichtbedürfniß so groß, daß davon das Blühen überhaupt abhängig ist und die Pflanze nicht blüht, wenn sie nicht dasjenige Quantum an Tages- und Sonnenlicht erhalten hat, welches sie ihrer Natur nach braucht; dagegen freudig ihre Blüthen entwickelt, wenn man ihr bezüglich des Standortes gerecht wird. Selbst für die Pflanze, die ihre gebührende Wärme und Feuchtigkeit erhält, bleibt dieser Erfahrungssatz bestehen und der Gärtner wird den Unterschied des Blühens kennen, ob er die Pflanze in seinem Treibhause weit ab vom Licht oder demselben nahestehen gehabt hat. In der Zimmergärtnerei liegen die Berhältniffe genau ebenso. Das Lichtbedürfniß muß man durch Erfahrung kennen lernen und man halte die allgemeine Regel fest: „Je feiner das Blatt, desto größer das Lichtbedürfniß, je derber, desto geringer." » * Buxbanm. In Gemüsegärten auf kalkhaltigem Boden zeigen sich in der Regel viele Schnecken und finden in den Bux- baumeinfaffungen willkommenen Schutz, weshalb sich die Ein- faffung von Gemüsebeeten mit Buxbaum aus diesem Grunde nicht empfiehlt. ♦ * ♦ Das Reinigen der Manern hinter den Spalieren ist eine der erfolgreichsten, leider aber ost vergeffenen Arbeiten. Wir entfernen mit dem Moos die Schlupfwinkel von Hunderten schädlichen Jnsecten, den Zuchtboden tausender schädlicher Pilze, und manch schöner Spalierbaum ist schon an einer verschmutzten Mauer zu Grund gegangen. Auch die Hinterseite des Geästes wie die etwaigen Spalierlatten werden bei dieser Gelegenheit mit gereinigt. * * ♦ Um Metallgegenstände vor dem Anlaufen zu schützen, überstreiche man dieselben mit durch Weingeist verdünntem Kollodium, jedoch muß beim erstmaligen Bestreichen der Ueberzug gleich in der gewünschten Stärke aufgetragen werden, weil bei nochmaligem Ueberstreichen gewöhnlich Flecken und kleine Bläschen entstehen. So behandelte Gegenstände behalten, wenn sie sonst nicht im Gebrauch sind, jahrelang ihre« reinen Metallglanz. Sehr vortheilhaft ist dieses Verfahre« namentlich bei Denkmünzen, Prunkgefäßen, u. dgl., welche nie cser nur selten in Gebrauch genommen werden, in Glasschränken oder offen stets zur Ansicht stehen, und welche durch öfteres Putzen viel von ihrer Schönheit verlieren. • * Mittel gegen das Schimmeln des Brodes. Wenn die Brode aus dem Ofen kommen, so thut man sie in einen noch mit Mehl behangenen Sack in der Weise, daß sie mit der oberen Rinde auf einander zu liegen kommen. Hierauf bindet man den Sack zu und hängt ihn an einem luftigen Ort frei auf. Braucht man dasselbe, so nimmt man es einen Tag früher heraus, benetzt es ein wenig mit einer in Waffer getauchten Bürste und legt es in den Keller. Dieses Verfahren sichert das Brod mehrere Wochen lang vor allem Schimmel. Vermischtes. Amerikanisch. Der Dichter Poe stieg einst an einem kalten Decemberabend in einem Wirthshause ab und fand, als er in die Wirthsstube trat, alle Plätze am Kamin besetzt, so daß er nicht zum Feuer kommen konnte. „Hausknecht", rief er, „gib sogleich meinem Pferde ein paar Dutzend Austern!" — „Hafer wollen Sie sagen?" — „Ich weiß, was ich sage: ein paar Dutzend Austern!" — Der Hausknecht gehorcht; die gesammte Gesellschaft, die sich am Kamin wärmt, kann sich der Neugier nicht erwehren, ein so seltsames Thier zu sehen, und geht in den Pferdestall. Unterdeffen nimmt sich Poe den besten Platz am Feuer, bald kommt der Hausknecht und mit ihm die Gäste zurück und versichert, der Gaul wolle keine Austern. — „Will er keine? Nun gut, so setze mir einen Tisch her und bringe sie mir; vor allen Dingen vergiß den Pfeffer nicht!" Beleidigte Opferwilligkeit. Bürger (zu einem als Lang-Kneiper und Lang-Schläfer bekannten alten Haus): „Einen Sonnenaufgang haben Sie wohl noch nicht gesehen, Herr Candidat?" — O, glauben Sie ja nicht, daß mir wegen eines schönen Naturgenusses das Opfer zu gering wäre, einmal eine Stunde länger zu kneipen." ♦ * * Milderungsgrund. Richter: „Sie haben dem Zeugen einen Zahn ausgefchlägen; können Sie etwas zu Ihren Gunsten anführen?" — Angeklagter: „'s war 'n hohler — den hätt" er sich doch bald ziehen lassen kNüffen!" ♦ * * Vorgesorgt. Professor: „Herr Candidat, ich bin erstaunt, Sie in einem solchen Zustande anzutreffen! Wissen Sie denn nicht, daß morgen Sonntag ist?" — Candidat: „Drrrum e—eben!" * ♦ * Heimgezahlt. Herr (der ein Zimmer miethen will): „Was soll der Saustall monatlich kosten?" — Hausherr: „Wenn's keine Junge haben — zehn Mark!" ♦ ♦ Streckenrapport. Erster Schütze (zum Jagdherrn): „Habe soeben einen starken Rehbock krank geschossen. Sie müssen nachsuchen lassen!" — Zweiter Schütze: „Einen Fuchs sehr krank geschossen. Er ist noch ins nächste Treiben gewechselt!" — Dritter Schütze: „Leider einen Hafen krank geschossen!" — Jagdpächter: „Hols der Teufel! Da kann man ja vor Aerger selbst krank werden!" * * Zur Musiktheorie. «Lehrer: „Was giebt es für Noten?" — Fritz: „Ganze, halbe, viertel, achtel u. f. w- — Lehrer: „Welche Noten haben den größten Werth?" — Fritzr „Die Banknoten." Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.