AntevhaLtNSWSblatt MM GietzeNev Anzsigev (Geneval-AnzergsM Nv. 20 18Ü3. V* -ZH MLSM jBwwMiwwto ^WWMGÄ l^^MsMLr.^MAWkAÄLÄ ■'.<>«££•'- y^sSzt-Mtei JBb;' eSs2-A ß^WWWM Donnerstag, den 16. Februar. Dämon Gold. Original - Roman von W. Höffer. (Fortsetzung). Auch Hans Adam hatte am Fenster gestanden und auf die Landstraße hinausgesehen, erfüllt von uneingestandener Furcht und heimlichem Groll. Ein Scandal, ein schmachvolles Er- eigniß in seinem Hause — das fehlte gerade noch. Dergleichen fliegt wie ein Lauffeuer, es wird ausgeschmückt, vergrößert, entstellt; wohin man kommt, da flüstern die Leute, fragen, spioniren oder wollen, als das Allerärgste, ein mitleidiges Wort sprechen, daß man wohl aus der Haut fahren möchte. Er schrak plötzlich auf. Da war ja der Wagen. Zwei Herren darin, der Arzt und der Physikus. Hoffentlich erwies sich nun die Sache als hinfällig, als ein albernes Hirngespinnst. Er empfing die Herren außerordentlich kühl und ging selbst mit ihnen, um das Sterbezimmer aufzuschließen. Von seinen Lippen brach ein Schrei der Ueberraschung. „Ruth!" Der Arzt runzelte die Stirn. „Herr Baron, Sie haben Ihr Wort gegeben, Jedem, wer es auch sei, den Zutritt zu diesem Zimmer zu versagen?" „Und das habe ich gethan," brauste er auf. „Der Schlüssel ist nicht aus meinen Händen gekommen. Aber freilich, die Tapetenthür! — Man kann eben in solchem Augenblick nicht an Alles denken." „Ruth!" rief er dann wieder. „Ruth, komm' zu Dir!" Sie regte sich Nicht! Die Kammerjungfer mußte herbeigerufen werden und erst mit ihrer Hilfe gelang es, die Ohnmächtige in ein anderes Zimmer zu schaffen. Dann kehrte der Arzt, nachdem er einige vorläufige Anordnungen getroffen, zu seinem Collegen zurück. Die traurige Untersuchung der Leiche begann von Neuem und nun machte der Physikus dem Schloßherrn die Mittheilung, daß man die Behörde benachrichtigen und ihr alles Wertere überlassen müsse. „Ein natürlicher Tod hat nicht staitgefunden," hieß es. Der Baron schäumte vor Zorn. „Wollen Sie nicht etwa gar die Leiche meiner armen Frau in das städtische Krankenhaus bringen lassen?" rief er. „Wollen Sie nicht die Beerdigung verbieten?" „Richt ich," antwortete ruhig der Doctor, „aber das Gericht, Herr Baron. Sie können dagegen nichts einwenden." Dann war Hqns Adam wieder allein. Erst nach Stunden hatte Ruth die Besinnung wieder erlangt, aber sie konnte nicht aufstehen und so blieb der Baron auf sich selbst angewiesen bis zum späten Nachmittag, dann erschien seine junge Schwägerin im Wohnzimmer, bleich wie eine Sterbende, schwankenden Schrittes, mit dunkel umrandeten Augen und einem Gesichte so voll Verzweiflung, daß ihm der Vorwurf auf den Lippen erstarb. „Kleine Ruth," sagte der Baron, „wy? treibst Du für unkluge Dinge? Weshalb sagtest Du mir nicht unter vier Augen, daß Du in Cäciliens Zimmer zurückzukehren wünschest? Wir wären dann zusammen gegangen und hätten dies unangenehme Aufsehen vermieden." Sie erhob mühsam den matten Blick zu seinen Augen. „Hans — Du hattest doch dem Arzt Dein Wort gegeben." Er lächelte sorglos. „Mein Wort gegeben, Ruth! Was heißt das denn gleich? Ich bin doch hoffentlich noch Herr in meinem eigenen Hause?" Sie ließ den Kopf in den Sessel zurücksinken. „Wir verstehen uns nicht, Hans. Ein Versprechen sollte doch heilig sein " „Das kommt sehr darauf an. Wie Vieles gelobt man nicht, dem Zwänge des Augenblicks gehorchend, aus purer Höflichkeit oder aus Jrrthum — um es sehr schnell wieder zu vergessen. Dahin gehörte auch dieser Fall." Ruth antwortete nicht, erst nach langer Pause fragte sie, mühsam sprechend: „War Wolfram hier?" „Nein," gab er zurück. „Wie kommst Du darauf, Ruth?" „Weil er mir gestern schrieb und in seinem Briefe für heute einen Besuch in Aussicht stellte." „Gut. Dann lassen wir ihn abweisen." Ruth sah auf. „Abweisen?" wiederholte sie ganz erstaunt. „Weshalb, Hans?" „Weil ich denke, daß an diesem Tage jeder fremde Besuch störend sein muß. Aber ganz wie Du wünschest, Ruth." Sie legte matt die verschlungenen Hände in den Schooß. „Wofram kommt hierher als mein Vormund, Hans. Und überdies — ist er uns wirklich ein ganz Fremder?" „Wie Du wünschest, Ruth," sagte nochmals der Baron. Seltsam, sie verstanden sich an diesem Tage durchaus nicht. Etwas später kam Erich, den die Schreckensbotschaft unterwegs schon erreicht hatte. Er bot tieferschüttert dem Jugendfreunde die Hand. „So schnell mußte es kommen, mein armer Hans? So ganz plötzlich!" „Wir sind immer noch wie gelähmt," sagte der Baron. „Wir sehen uns an und zweifeln an der Wirklichkeit der Dinge." Ein wehmüthiges Lächeln umspielte Erichs Lippen. „Es — 78 — ging ja erst ganz kürzlich mir selbst ebenso," seufzte er. „Dergleichen Tage sind schrecklich." Dann wandte er sich zu dem jungen Mädchen. „Sie sehen sehr schlecht aus, Fräulein Aßmann. Sind Sie krank?" Ruths Lippen bebten so sehr, daß sie kaum sprechen konnte. „Ich bin vielleicht auch ein wenig krank, Herr Wolfram, aber darauf kommt es nicht an. Man hat mich so furchtbar, so unerhört beleidigt." Eine Blutwelle trat plötzlich in Erichs Gesicht. „Beleidigt?" wiederholte er. „Wer wagte das?" „Thorheitl" warf Hans Adam ein. „Bitte, Fräulein Aßmann, erzählen Sie mir Alles." Ruth schauderte. „Es handelt sich um Adele Malten," sagte sie. „Die Person möchte mich zur Giftmischerin stempeln, sie bezeichnete mich in Gegenwart des Arztes als die Mörderin meiner Schwester." „Was?" Und Wolfram sah von Einem zum Andern. „Das ist doch wohl ganz unmöglich, Hans Adam?" „Es ist wirklich so, wirklich, Herr Wolframl" rief Ruth, indem sie die gefalteten Hände zu ihrem Vormund emporhob. „O, fügen Sie mir ein gutes Wort, aber ehrlich, ganz aus Herzensgrund, halten Sie mich solcher Abscheulichkeit fähig?" Er faßte plötzlich ihre gerungenen Hände. „Ruth, welche Frage! Wie kann Ihnen ein solcher Gedanke überhaupt nur beikommen? Und wenn die ganze Welt Sie für schuldig hielte, so wüßte ich doch mit voller Gewißheit, daß auch nicht einmal ein gehässiges Gefühl in Ihrer Seele Raum hätte — um von Tollheiten, wie die eben gehörte, nicht erst zu sprechen." Ruth weinte heiße Thränen „Ich danke Ihnen, Herr Wolfram," schluchzte sie. „O, ich danke Ihnen tausendfältig." Erich wandte sich wieder zu dem Schloßherrn. „Du hast der Person natürlich gleich Dein Haus verboten, Hans?" sagte er. „Wo finde ich sie jetzt?" Der Baron zuckte die Achseln. „Sie ist noch hier, Erich. Dergleichen kann man doch nicht über das Knie brechen. Was wolltest Du denn auch von ihr?" „Ich will sie zur Rechenschaft ziehen," war die in etwas scharfem Tone gegebene Antwort. „Du wünschest doch sicherlich nicht, daß eine Beleidigung wie diese ungerügt bleiben möge?" Hans Adam lächelte. „Ereifere Dich nicht, Erich," fagte er äußerst gelasien. „Du meinst es ja gut, das wissen wir, Ruth und ich, aber fei völlig überzeugt, daß die Verteidigung meiner Schwägerin mir sehr am Herzen liegt und daß ich sie ernstlich nicht angreifen lasien würde. Scandale dagegen möchte ich nach Möglichkeit vermeiden, das wirst Du ja begreifen." Erich zuckte die Achseln. „Richt auf Ruths Kosten, Hans." „Durchaus nicht, mein Lieber. Aber Fräulein Aßmann und ich sind in allen Stücken so ganz einig, daß Du Dir jedes Echauffement füglich ersparen kannst. Laß uns jetzt übrigens von etwas Anderem, dringend Rothwendigem reden," setzte er dann hinzu. „Du bist ohne Zweifel hierher gekommen, um Deiner Mündel anzuzeigen, daß Dir Leopold AßmannS Nachlaß, ihr Erbe also, durch das Amtsgericht für sie übermittelt worden ist, nicht wahr?" Es war, als habe eine kalte Hand plötzlich das Gesicht des Gutsherrn von Dornau versteinernd berührt. Er neigte mehr förmlich, al» freundschaftlich den Kopf. „Allerdings," versetzte er. „Diese Anzeige ist zwar nicht nothwendig, aber ich betrachte dieselbe als persönliche Artigkeit." „Natürlich, natürlich, mein Bester. Wir können also über das Geld jetzt gleich einige unerläßliche Worte sprechen." Wolfram sandte dem Schloßherrn einen ruhigen, ja kalten Blick. „Es gibt da meines Wissens nichts zu erörtern," versetzte er. „Dar Geld ist in guten Hausposten angelegt und kann bleiben, wo es bisher war." „Im Großen und Ganzen vielleicht, obgleich ich auch das kaum glaube. Die Kapitalien sollen anstatt der armseligen pier Procent deren fünfzig tragen. Doch davon später. Eine verhältntßmäßig kleine Summe muß indessen sofort flüssig gemacht werden." „Ich verstehe Dich nicht, Hans." „Dann werde ich deutlicher reden. Meine Schwägerin hat mir die Verwaltung ihres gesammten Vermögens, die Verwendung in meinem persönlichen Interesse ausdrücklich übertragen. Ist es nicht so, liebe Ruth?" Das junge Mädchen weinte noch immer- „Ja, Hans, nimm Alles hin. Ich gebe es Dir mit Freuden." „Siehst Du, Erich." Der Gutsherr zuckte die Achseln. „Wenn Fräulein Aßmann mündig geworden ist, kann sie eigene Verfügungen treffen, Hans, aber früher nicht. Das solltest Du wissen, denke ich." Der Baron wechselte die Farbe. „Natürlich weiß ich es. Aber mit dem Justizrath Gebhardt wird man ja fertig werden, ich war schon bei ihm und habe ihn halb und halb gefügig gemacht. Dann kommt es einzig und allein auf Dich an, Erich! — Und ich sollte meinen, daß Du einem alten Freunde Deinen Beistand nicht versagen werdest. Sechstausend Thaler muß ich haben, ich sage es Dir, ich muß — koste es denn, was es wolle." Erich blieb durchaus ruhig. „Es ist nicht die rechte Stunde, um über dergleichen Dinge zu verhandeln," sagte er ablenkend. „Wohin begibt sich Fräulein Malten, wenn sie Dein Haus verläßt, Hans?" „Das weiß ich nicht. Sage mir lieber, ob Du einwilligst, sechstausend Thaler sogleich flüssig zu machen, Erich? Es hängt an der Beantwortung dieser Frage weit mehr, als Du Dir träumen läßt." Erich reichte seiner Mündel zum Abschiede die Hand. „Ich empfehle mich Ihnen, Fräulein Aßmann. Seien Sie versichert, daß ich nichts unterlassen werde, was in Ihrem Interesse etwa früher oder später geboten erscheint- Fräulein Malten wird der Verantwortung nicht entgehen." Dann wandte er sich zu dem Schloßherrn. „Adieu, Hans!" „Und Deine Antwort, Erich?" „Die hast Du längst erhalten. Auch zu Gunsten eines Freundes kann ich mit meinem Gewissen keinen Pact abschließen." „Ach, sollten Deine Gründe in der That so uneigennütziger Natur fein, mein guter Erich?" „Adieu, Hans, ich bin zu jeder Zeit und an jedem anderen Ort gern bereit, Dir Rede zu stehen, das vergiß nicht." Noch ein kühler Gruß, dann ging Wolfram fort, obwohl ihn der Baron zurückzuhalten suchte. „Du hättest Dich für mich verwenden können, Ruth," sagte dieser in einem beinahe anklagenden Tone. „Ich muß die sechstausend Thaler nothwendig haben." „Hans — und daran denkst Du heute?" Er war im Begriffe, aufzufahren, besann sich aber noch zur rechten Zeit- „Hielt da nicht unten ein Wagen, Ruth?" „Vielleicht derjenige Wolframs." „Nein — er kam zu Pferde." Hans Adam horchte- „Schwere Schütte auf der Treppe," flüsterte er. Ruth hielt die Hände gefaltet. „Wenn man mich ver- haften will, Hans — muß ich dann nothwendig folgen?" „Nichts, nichts l" antwortete er. „Geh' fort, Ruth, bleibe in Deinem Zimmer und komm' gar nicht zum Vorschein, hörst Du?" Sie ging, ohne ihn anzusehen, Frostschauer in allen Adern. Jetzt wollte man Cäciliens Leiche von hier entfernen, .sie wußte es. Durch die halbverschloffene Thür drangen alle diese Schreckenslaute zu ihren aufgeregten Sinnen. Han» Adam empfing auf dem Corridor mehrere Herren, die ihn dann in sein Arbeitszimmer begleiteten. Wieder wurden die schweren Schritte hörbar, eilige Flüsterworte gingen von Mund zu Mund, man brachte Lichter und öffnete und verschloß verschiedene Thüren. Zuletzt trugen die Männer eine schwere Last, langsam — O - bis der auf. bedächtig; die Dienstmädchen schluchzten, eine weibliche Stimme schrie laut, wie in unstillbarem Jammer. Das war Adele; Ruth hörte es und schauderte. Ihre Todfeindin! Was soll aus unserer Jugend werden? (Nachdruck verboten.) . Wer hätte wohl nicht schon sogenannte altkluge, zehn, bis merzehniährlge Bengels beobachtet, wie sie mit herausfordern, den Blicken auf weniger belebten Straßen und Plätzen an den Erwachsenen vorübergehen und Cigarre oder Pfeife rauchen? Wer wäre wohl nicht schon einmal Zeuge gewesen, daß halb, wüchsige Burschen öffentliches und Privateigenthum beschmutzen und verhetzen? Schreiber dieses hat ost Gelegenheit gehabt, zu beobachten, daß ein Theil des erwachsenen Publikums sich über derartige Fläzereien noch freute, der geringere Theil achfel. zuckend vorübergeht, selten aber jemand jene Bengels zur Rede setzt. Woran mag dies wohl liegen? Nun, mit kurzen Worten: an der Erziehung. Unsere Jugend wird, namentlich in Städten, viel zu wenig beaufsichtigt und geräth, meist sich selbst überlassen, in den freien Stunden in böse Gesellschaft und mit dieser auf schlechte Wege. Besonders in den Großstädten wirkt der Besuch der Tingeltangel von eben der Schule entwachsenen Burschen und Mädchen höchst verderblich. Jetzt trug man die arme Cäcilie hinaus, plumpe Hände hatten den Körper berührt — Ruth glaubte, daß sie sterben müsse vor bitterem, furchtbarem Weh. In ihrer Tasche knisterte das Briefblatt mit den wenigen Worten von der Hand der Todten — das wollte sie Erich Wolfram anvertrauen! Immer, wenn es galt, sich aus irgend einem Grunde recht fest und sicher anzulehnen, um des Schutzes ganz gewiß zu fein, dann hatte sie ja an ihn gedacht. Die Männer mit dem grünverhangenen Korbe waren jetzt zur Hausthür gelangt und Hans Adam verabschiedete an Treppe die Gerichtspersonen. Es sollte also keine Verhaftung erfolgen. Ruth athmete Wenigstens das Aergste blieb ihr erspart- Sie horchte, ob der Baron zu ihr schicken würde? Rach einer Viertelstunde kam ein Dienstmädchen und brachte ihr einige Zeilen von Adams Hand. „Schlafe, Ruth," schrieb er, „suche Deine Kräfte wieder herzustellen. Ich habe für meine sämmtlichen Hausgenossen die Bürgschaft übernommen — Niemand von uns darf sich aus dem Schlosse entfernen, dafür hat aber auch vorläufig keine Verhaftung stattgefunden. Schlafe, Ruth, ich ordne das Alles." Die Hand mit dem Papier sank müde herab; Ruth schau, bette. „Ja schlafen, schlafen — wer es nur könnte!" I r,,k Adele sah ihm, während er sprach, unverwandt in's Ge- sicht. „Und Fräulein Aßmann?" fragte sie. . "“e^^etin bleibt unter dem Schutze ihrer Tante selbstverständllch hier. Aber auch Ihnen, Fräulein Malten, will ich sehr gern für einige Wochen oder Monate das Gast- recht meines Hauses anbieten. Suchen Sie in aller Ruhe eine convenirende Stellung und bleiben Sie auf Moldt, bis diese gefunden ist." „Zusammen mit Fräulein Aßmann?" rief ste im Tone unterdrückter Leidenschaft. „Niemals!" „Dann bedauere ich lebhaft. Die Schwester meiner armen Frau steht mir.natürlich näher als eine Fremde, selbst wenn diese die Gunst und das Wohlwollen der Verstorbenen m so hohem Maße besessen hätte, wie eben Sie, mein Fräu- lern. Das muß Ihnen begreiflich sein." Adele neigte den Kopf. „Unter Verhältnissen, wie die, welche hier thatsächlich vorliegen, Herr Baron?" Jetzt lächelte er, aber so eiskalt, daß sie das vorschnelle Wort bereute. „Ich verstehe Sie nicht, Fräulein Malten." «Dann kann füglich unsere Unterredung als beendet gelten. Ich verlasse morgen das Schloß." Hans Adam verbeugte sich kühl. „Es thut mir leid, das nicht gestatten zu können, mein Fräulein. Bis auf Weiteres darf Niemand von hier fortgehen, also auch Sie nicht." In den Augen der Gesellschafterin blitzte es plötzlich auf. ! «Eines etwaigen Zeugnisses wegen?" rief sie. »Ja. Eines eidlichen Zeugnisses wegen." Sie wich zurück wie unter der Androhung eines Schlages. „®ut! Gut!" murmelte sie fast tonlos. Er grüßte sehr förmlich und ging aus dem Zimmer, es ihr überlassend, ob sie länger bleiben oder endlich die Ruhe suchen wolle. Adele sah starr auf den Fleck, an dem er ge- standen; sie stützte sich immer noch gegen den Tisch, unfähig, das nervöse Zittern zu beherrschen. Die Schritte des Barons verhallten auf dem Corridor, er schloß feine Thür und dann wurde Alles still. Wie geistesabwesend sah Adele vor sich hin. Ihre Ge. danken durchlebten zum tausendsten Male jette Stunde, in der Hans Adam und sie im Kahn auf schaukelnder Fluth allein waren, sein Arm um ihren Nacken geschlungen, sein lächelnder Blick so nahe, nahe dem ihrigen. Damals berauschte der Ton seiner schmeichelnden Stimme ihr Herz, damals glaubte sie ihm heimlich theuer zu fein--und heute--- , ,, Irischen war Cäcilie gestorben und Ruth hatte eine halbe Million geerbt, Ruth, die der Baron bisher wie ein bloßes Kind behandelte, die er vollständig übersah. Adele schlich fast taumelnd in ihr eigenes Zimmer. Sie warf sich vor dem Bette auf ihre Kniee, um den Kopf in den Kiffen zu verbergen und zu schluchzen wie eine völlig Verzweifelte. (Fortsetzung folgt) Sie wies, als ihr die alte Haushälterin durchaus einige Erfrischungen aufdrängen wollte, Alles zurück, schloß Thüren und Fenster und zog die Decke bis über das Gesicht hinauf. „Schlafen! - Schlafen! — Wenigstens aber doch nichts sehen und hören." ♦ * * Es waren einige Stunden später, als der Baron von einem abendlichen Parforceritt aus der Stadt zurückkehrte. Er hatte nicht allein verschiedene Telegramme aufgegeben, sondern auch dem unbezwinglichen Verlangen nach Luft und Bewegung Rechnung getragen. Einen ganzen Tag im Hause zu verbringen, nichts Anregendes zu hören und gar noch unangenehme Einzelheiten zu erörtern, das war seiner Natur unmöglich. Er verabschiedete an der Hausthür den Bedienten und ging die Treppen hinauf, um sich in sein Schlafzimmer zu be- geben, da glänzte ihm aus der zollweit geöffneten Thür des kleinen Salons ein schwacher Lichtschimmer entgegen — er blieb stehen und sah in den heute gar nicht benutzten Raum hinein. Am mittleren Tisch lehnte Adele; sie schien ihn zu er. warten. ®6. war ein böses, hartes Lächeln, das secundenlang die Mundwinkel des Barons umspielte; er schien zu zögern, sich abwenden zu wollen, dann öffnete er vollends die Thür und trat, dieselbe hinter sich in's Schloß ziehend, ein. »Fräulein Malten? Sie haben nach diesem aufgeregten I Tage die Ruhe noch nicht gesucht?" Die Gesellschafterin mochte wohl eine andere Anrede et* wartet haben; dunkles Roth überflog ihr Antlitz. Sie trug ein schwarzes Kleid und ebensolchen Ausputz; das einzige Helle an ihr war jenes Medaillon, das, offen zur Schau gestellt, aus den Falten der Spitzenkrause hervorsah. „Herr Baron," sagte sie mit bebender Stimme, „darf ich um einige Minuten Gehör Bitten?" Hans Adam blieb neben ihr stehen, ohne für sich selbst oder sie einen Sessel herbeizuziehen. „Bitte, mein Fräulein." Adele zitterte so stark, daß sie ihre Hand auf die Tisch. ? ?lre wußte. „Was haben Sie mit Bezug auf mich beschlossen, Herr Baron? In Ihrem Hause kann ich schwerlich noch länger bleiben?" boch einige Tage," antwortete er. „Ich schickte einer Tante meiner verstorbenen Frau ein Telegramm, infolge dessen sie ohne Zweifel morgen hier eintreffen wird. Damit sind die Forderungen des äußersten Anstandes, wie ich hoffe, erfüllt." - 80 - Hierfür giebt es nur ein Mittel. Strengste Aufsicht durch die Polizeibehörden und für Schulpflichtige durch die Schulbehörden. Aber die Polizei erfährt leider nicht alles, steht schließlich den Ausschreitungen jugendlicher Frevler ziemlich machtlos gegenüber und muß die erforderliche Bestrafung der Schule zuweisen. Daß aber von jeher seitens solcher Eltern, die entweder nicht die Kraft oder auch die Lust haben, ihren Kindern eine gedeihliche Erziehung zu geben, obendrein noch die Schuld auf den Lehrer bezw. auf die Schule geschoben wird, ist wohl allgemein bekannt. Und wehe dem Lehrer, der einmal einem argen Früchtchen das Fell ordentlich gegerbt hat I Da kommen Vater und Mutter gerannt und „stecken" es dem „Gerbermeister" in schönster Form. Warum hat er sich aber auch an dem Früchtchen vergriffen! Eines aber bedenken viele und besonders jene Leute nicht, daß die Schule nicht nur die Aufgabe hat, Kenntniffe zu vertheilen, sondern daß ihr Zweck auch darin besteht, Erziehung und Disciplin zu verbreiten, und daß dies ohne Beistand der Eltern, der Behörden und des gejammten Publikums kaum erfüllt werden kann. Mittel und Wege nun, der Verrohung der Jugend entgegen zu arbeiten, sind schon viele genannt worden. Man hat die Gründung von Vereinen vorgeschlagen, die, aus Männern und Frauen bestehend, ihren Mitgliedern die Pflicht auferlegen, den auf offener Straße vorkommenden Unarten, Rohheiten und Sittenlosigkeiten der Kinder bezw. der Jugend überhaupt, durch Wort und That entgegen zu treten und nöthigenfalls bei der Polizei, den Eltern oder Lehrern Anzeige zu erstatten. Das klingt wohl sehr schön, und kleine Erfolge werden nicht ausbleiben. Wie aber jetzt die Dinge stehen, werden Verweise Erwachsener meist nur mit Hohnlachen und Spott ausgenommen, sobald Derjenige, der die Rüge ertheilt, nicht durch Körperstärke oder sociale Stellung imponiert. Frauen können es heutzutage kaum wagen, dergleichen Rohheiten entgegen zu treten. Setzen sich diese doch der Gefahr aus, mit unflätige« Reden bedient zu werden, und Stein- oder Schneeballwürfe sind noch nicht das Aergste. In den Dunkelstunden aber sind die Frauen ganz besonders allen möglichen Insulten der verwahrlosten Jugend ausgesetzt. Anders ist es bei den Männern. Gerade sie sollten bei solchen Vorgängen nicht theilnahmslos vorüber gehen und die Bürschchen in ihre Schranken zurückweisen. Hilft das nichts, dann kann den Eltern Anzeige gemacht werden. Schlägt endlich auch dies nicht an, nun so bleibt noch immer Meldung des Vorgekommenen an die Lehrer und schließlich an die Polizeibehörde übrig. Zu dem letzteren Mittel aber soll nur bei ganz schlimmen Fällen oder im Wiederholungsfälle geschritten werden. Hat nun ein „Verein gegen Verrohung der Jugend" ein Register über die Namen und Adreffen der Widerspenstigen, so hat er auch die Mittel, manches zu beffern. Es können solche rohe Buben dann z. B. bestraft und in Aussicht darauf gebessert werden, wenn sie erfahren und erleben, daß solch rohes Betragen ausschließt von der Theilnahme an Schulfesten und Prämien, an öffentlichen Schulaufzügen, an Weihnachts- bescheerungen und dergl. Den Hieb eines Vorübergehenden, ja selbst eine gehörige Tracht Prügel gönnen manche Eltern ihren rohen Bengels recht wohl und sehen darin vielleicht ein Straf- und Heilmittel für sie, das sie selbst der Sorge enthebt, ihnen selbst fernerweit aufzupaffen. Manche Eltern aber stimmen mit ein in das Geheul ihres auf frischer That bestraften „Herrn Jungen" und der Strafer muß ohnehin für seine gute That ehrverletzende Reben einstecken, wenn er nicht gar von einem für das angeblich leibliche Wohl seines ungezogenen Sprößlings zu sehr besorgten Vaters wegen thätlicher Beleidigung dem Strafrichter zur Anzeige gebracht wird. Wie aber schon die Schuljugend gegenwärtig arg verroht ist, so ist dies in noch größerem Maße mit den Lehrlingen der Fall. Deren Rohheit und Trägheit übersteigt mitunter alle Begriffe. Niederträchtige Streiche, wie absichtliche Zerstörung der Werkzeuge u. s. w., zeigen die Richtung der Sinnesart dieser kaum der Schule entwachsenen Rüpel an. In den Abendstunden treiben sie sich alsdann, Cigarren rauchend, mit halbwüchsigen Mädchen Unfug treibend, in den entlegensten Theilen der Promenaden umher. Wir fragen nun: Was soll daraus werden und was folgt aus solchen trüben Erfahrungen? Das Beste kann natürlich nur gethan werden durch Hebung der allgemeinen Sittlichkeit und Gottesfurcht, und wo heutzutage Schule und Kirche nicht mehr ausreichen, müssen Volksbildungsvereine sie zu unterstützen suchen. Nicht darin liegt deren Hauptaufgabe, einzelne wiffenschaftliche Themen zu behandeln und eine falsch verstandene Ausklärung unter den Männern zu vertreten, sondern darin, Männer und Frauen immer wieder daran zu mahnen, daß es nur dann in der Welt besser werden kann, wenn jeder Einzelne an sich arbeitet und über sich und seine Umgebung wacht, und daß jeder Mensch erst Pflichten zu erfüllen hat, ehe er daran denken kann, ein Recht auf Genuß und Freiheit zu haben. Anderntheils aber ist es auch eine weitere gebieterische Pflicht, sich der Lehrlinge überall anzunehmen, zu sorgen für die Wahl guter Lehrmeister, für Abfassung richtiger Lehrverträge, für Veranstaltung von Unterhaltungsabenden für Lehrlinge. Hier müssen Innungen und Ortsvereine helfend eingreifen. Um alles in der Welt aber lasse man sich durch einige Mißerfolge nicht abschrecken. Sicher fallen auch einige Körnchen auf guten Boden, und steiniger Acker läßt sich in ertragsfähiges Land umgestalten. Wer Ohren hat zu hören, der hörel Egon W. Vermischtes. Jdeen-Association. Richter (in den Acten blätternd): „Sie sind schon vorbestraft wegen . . . wegen . . . wie heißen Sie?" — Angeklagte: „Eva ..." — Richter (unterbrechend): „Ach ja, ich weiß, Sie sind bestraft wegen Obstdiebstahls!" ♦ * Er kennt sie! Hausfrau (zum neuen Dienstmädchen): „Also Ausgangtag haben Sie alle vierzehn Tage!" — Mann: „Na, Du thust ja, als ob das Mädchen eine halbe Ewigkeit bei uns bleiben sollte!" ♦ * * Feldwebel: „Schmalzmeier, wenn Sie nicht gleich Ihr Maul zumachen, dann laff' ich zur Straf' die Compagnie an halben Tag d'rinn 'rummarschiren I" * Nach dem Essen. Gast (in einem vornehmen Hotel): „Kellner, zahlen!" — Kellner: „Für Suppe 45, ein Fleisch garnirt 1.50, eine Omelette 2.30, Wein 3.80 . . . Bitte, was haben Sie noch?" — Gast (dumpf): „Hunger!" Reinlichkeit. „Hier, diesen Brief bringen Sie fort, Johann; aber waschen Sie sich erst die Hände, sonst müssen Sie auf der Post noch Ueberporto bezahlen!" * * ♦ Au! Schuster: „Sie wünschen ein Paar Stiefel, vielleicht gefallen Ihnen diese Zugstiefel?" — Kunde: „Wo denken Sie hin? Zugstiefel bei meinem Rheumatismus!" * * Der gute Jagdherr. Alter Wilderer (zu einem Collegen): „Unser Herr Graf ist doch ein seelenguter Mann. Jetzt, wo einem der ewige Wildbraten zum Hals 'raus wächst, setzt er Fasanen aus. Gibt's doch endlich einmal eine Abwechselung im Küchenzettel!" * * * In der Neujahrsnacht. Student (bezecht): „Herr Gendarm, kö—können Sie mir zu meinem Schlüssel nicht die pa—passende Wohnung suchen?" Redaction: A. Schcyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.