Nirterchaltrrngsblatt sum Giefzenev Anzeiger» (Geneval-Anzeigev) 1893 - Samstag, den 15. Juli. Der Staatsanwalt. Novelle von Wolfgang Hellmuth. ------- (Nachdruck verboten.) I. Zehn volle Stunden schon währte mit geringfügigen Unterbrechungen die Sitzung des Schwurgerichts. Längst hatten die Gasflammen angezündet werden müssen und in ihrem flackernden, gelblichen Lichte erschienen die Gesichter der Männer, welche da an den Richtertisch und auf die Geschworenenbank berufen worden waren, um über das Schicksal eines Menschenlebens abzuurth eilen, noch müder und abgespannter als zuvor. Eine schwüle, drückende Atmosphäre erfüllte den großen Raum — jene schwere, athembeklemmende Luft, welche den Aufenthalt im Zuschauerraum eines Theaters während des letzten Actes so unbehaglich zu machen pflegt. Und der letzte Act einer Tragödie war es ja auch hier, der die eng zusammengedrängte Menge hinter der Barrwre in athemloser Spannung erhielt und die zarter besaiteten Gemüther unter ihnen hier und da mit kleinen Schauern des Entsetzens durchrieselte. Die Beschuldigung, welche gegen den blassen jungen Mann auf der Anklagebank erhoben worden war, lautete auf das schwerste aller Verbrechen, das die bürgerlichen Gesetze kennen, und ehe der Tag zur Rüste ging, mußte die Entscheidung fallen über Sein oder Nichtsein eines Menschendaseins. Man war unter den Zuhörern keineswegs sicher, nach welcher Seite hin die Waage der Themis ihr Zünglein neigen würde; denn der Angeklagte hatte wieder und wieder seine Unschuld betheuert, und Niemand war da, der auf Grund eigener Anschauung hätte Zeugniß geben können von dem Hergang der düsteren That, welche man Jenem zur Last legte. Ein Fräulein Martha Bergmann, eine ältliche, wohlhabende Dame, welche sehr zurückgezogen gelebt und in dem Rufe etwas übertriebener Sparsamkeit gestanden hatte, war eines Abends von ihrem nach mehrstündiger Abwesenheit heimkehrenden Dienstmädchen mit zertrümmertem Schädel todt auf dem Fußboden des Wohnzimmers gefunden worden, und verschiedene augenfällige Umstände hatten keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie das Opfer eines Raubmörders geworden sei. Einige Schubfächer standen weit offen und ihr Inhalt war auf den Dielen zerstreut, während sich an anderen Möbeln deutliche Spuren vorsanden, daß der Verbrecher erfolglos versucht hatte, die festen Schlösser aufzusprengen. Allem Anschein nach war er verscheucht worden, noch ehe er die Früchte seiner ruchlosen That hatte einheimsen können; denn nach den Aussagen des Mädchens, das mit den Gewohnheiten seiner unglücklichen Herrin ziemlich genau vertraut gewesen war, hatte Fräulein Bergmann in den von dem Mörder durchsuchten Fächern niemals Geld oder Kostbarkeiten aufbewahrt. Die alsbald am Thatorte erschienenen Beamten der Criminalpolizei hatten noch an demselben Abend feststellen können, daß ein reducirt aussehender Mensch im Laufe des Nachmittags bei verschiedenen anderen Bewohnern des Hauses um ein Almosen gebeten hatte, aber überall mit leeren Händen fortgeschickt worden war, weil sein scheues Gebühren den Leuten unheimlich erschien. Auch fand sich Jemand, der wahrgerom- men hatte, wie dieser Mensch in auffälliger Hast, angstvolle Blicke um sich werfend, das Haus wieder verließ. Da eine ziemlich genaue Beschreibung von seinem Aeußeren gegeben werden konnte, war es den eifrigen Nachforschungen der Behörde schon innerhalb zweimal vierundzwanzig Stunden gelungen, ein Individuum zu verhaften, in welchem alle Bewohner des fraglichen Hauses übereinstimmend und mit vollster Sicherheit den abgewiesenen Bettler wiedererkannten. Der Verdächtige, dessen Persönlichkeit als die eines aus Oesterreich gebürtigen, brodlosen Schreinergesellen Namens Joseph Lechner festgestellt worden war, hatte nach einigem Zaudern zugegeben, daß er an dem betreffenden Tage in jenem Hause gebettelt habe; aber er hatte sogleich auf das Entschiedenste in Abrede gestellt, irgend etwas mit dem an Fräulein Bergmann verübten Verbrechen zu thun zu haben. Nach seiner Er- zählung hatte er zwar an der Wohnungsthür des Fräuleins geklingelt, sich aber nach kurzem Warten wieder entfenrt, weil sich drinnen nichts geregt hatte und weil er deshalb angenommen, daß keiner der Bewohner anwesend sei. In seinem Besitz waren nur wenige Groschen und keinerlei Werthgegenstände vorgefunden worden. Auch ließen sich in seinen Kleidern Blutspuren trotz sorgfältigster Untersuchung nicht nachweisen. Aber der Verdacht der Thäterschaft war trotzdem auf ihm haften geblieben, denn man hatte bald ermittelt, daß er nicht nur schon früher zweimal wegen Diebstahls bestraft worden sei, sondern verschiedene Umstände machten es auch sehr wahrscheinlich, daß er erst in jüngster Zeit eine ähnliche Strafthat, deren Urheber bis jetzt unbekannt geblieben war, begangen habe. Da hatte der Criminalcommissar, welcher die Recherchen leitete, seinen Vorgesetzten eines Tages durch die Mittheilung überrascht, daß Josef Lechner am Ende doch nicht der Mörder des Fräulein Bergmann sei. Der Beamte hatte nämlich herausgebracht, daß die Ermordete an dem verhängnißvollen Nachmittag, welcher der letzte ihres Lebens werden sollte, einen Besucher empfangen habe, und er war durch seine weiteren Nachforschungen zu dem Schluß gekommen, daß diesem Besucher die entsetzliche That vielleicht noch eher zuzutrauen sei, als dem - 326 — vagabondirenden Schreinergesellen. Wenigstens hatte er an dem Tode der alten Dame ein wesentlich größeres Interesse gehabt, als Jener, da er nach ihrem Ableben der alleinige Erbe ihres gesammten Besitzes war. Von verschiedenen Seiten war dem Commissar bestätigt worden, daß zwischen der geizigen, als hartherzig und boshaft verschrieenen alten Jungfer und ihrem Neffen Paul Bergmann, ihrem einzigen lebenden Verwandten, schon seit Jahren ein sehr schlechtes Einvernehmen bestanden habe. Der junge Mann, der eine ziemlich bescheidene Stellung als Buchhalter inne hatte, war ein notorischer Verschwender, dessen kärgliches Gehalt kaum den vierten Theil seiner Bedürfnisse zu bestreiten vermochte und der sich darum seit langem in den Händen von Wucherern befand. Einigemal war ihm seine Tante wohl durch größere Geldgeschenke behiflich gewesen; dann aber, als sie die Ueber» zeugung gewonnen, daß er nicht den Willen oder die Kraft befaß, seine Lebensweise zu ändern, hatte sie ihre Hand von ihm zurückgezogen und alle seine Bittgesuche um weitere Unterstützungen rundweg abgeschlagen. „Nach meinem Tode mag er Alles haben und er mag das Geld dann meinetwegen zum Fenster hinauswerfen," hatte sie wiederholt zu dem Dienstmädchen, das in alle ihre Angelegenheiten eingeweiht war, geäußert- „Mit ansehen aber will ich es nicht und so lange ich lebe, bekommt er von mir nicht mehr einen Pfennig." In der That hatte Paul Bergmann, da ein Testament nicht vorhanden war, alsbald nach der Ermordung des alten Fräuleins ungehindert die Erbschaft angetreten und von Allen, die ihn kannten, hatte wohl Keiner an die Aufrichtigkeit des tiefen Schmerzes geglaubt, welchen er bei der Kunde von dem schrecklichen Ereigniß und bei der Beerdigung seiner Tante zu Tage gelegt. Davon, daß er die Ermordete noch wenige Stunden vor ihrem Tode gesprochen, hatte er gegen Niemanden etwas erwähnt, obwohl eine solche Mittheilung unter den obwaltenden Umständen doch sehr naheliegend gewesen wäre. Ein Zufall erst hatte diese Thatsache zur Kenntniß des Criminal- commiffars gebracht und sein Verdacht gegen Paul Bergmann war rege geworden, als derselbe jenen Besuch mit aller Bestimmtheit in Abrede gestellt hatte, obwohl zwei glaubwürdige und von einander durchaus unabhängige Zeugen aussagten, daß sie ihn gegen vier Uhr Nachmittags in das Haus hätten eintreten sehen. Das Ergebniß der weiteren Erhebungen war nur danach angethan gewesen, den einmal erwachten Verdacht zu verstärken. Der Commissar hatte festgestellt, daß Paul Bergmann gerade an jenem Tage bedeutende Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen gehabt hätte und daß es ihm an den dazu erforderlichen Mitteln vollständig gefehlt. Die Vermuthung, daß er sich durch die verzweifelte That aus seiner bedrängten Lage zu befreien versucht habe, lag also sehr nahe, und namentlich der Staatsanwalt mußte schon nach den ersten Meldungen des Commissars einen starken Verdacht gegen den jungen Buchhalter gefaßt haben, da er alsbald seine Verhaftung verfügt hatte. Auch bei seiner verantwortlichen Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter hatte Paul Bergmann erklärt, seine Tante seit Monaten nicht mehr gesehen zu haben; aber als ihm dann jene Zeugen gegenüber gestellt wurden, die seinen Eintritt in das Haus beobachtet hatten und als vollends ein in dem Wohnzimmer des ermordeten Fräuleins vorgefundenes Taschentuch unzweifelhaft als fein Eigenthum recognoscirt wurde, war er doch genöihigt gewesen, seinen Besuch zuzugestehen. Er räumte ein, sich in Verlegenheit befunden und seine Tante um ein Darlehen gebeten zu haben; aber er wies mit Entrüstung den Verdacht von sich ab, als hätte er seine Hand zu einer so fürchterlichen That gegen sie erhoben. Nach seiner Darstellung hatte er sich kaum eine Viertelstunde in der Wohnung aufgehalten und war im besten Einvernehmen von der alten Dame geschieden, nachdem sie ihm eine größere Summe für einen der nächsten Tage versprochen. Mit dieser letzteren Angabe war nun allerdings das Zeugniß der Zimmervermietherin, bei der Paul Bergmann wohnte, kaum in Einklang zu bringen. Denn diese Frau bekundete, daß ihr Miether an jenem Abend Spuren großer Aufregung gezeigt habe und bis lange nach Mitternacht wie ein Verzweifelter in seinem Zimmer auf- und niedergestürmt sei- Den Rest der Nacht müsse er dann ebenfalls durchwacht haben, denn sein Bett sei am nächsten Morgen unberührt gewesen und er habe ausgesehen wie Jemand, der soeben von einer schweren Krankheit erstanden sei. Auch andere Verdachtsmomente hatten sich gefunden und so war nach einer Voruntersuchung, welche sich über mehrere Monate erstreckt hatte, trotz seines beharrlichen Leugnens und obwohl ein directer Beweis sür seine Schuld nicht erbracht werden konnte, die Anklage nicht gegen Josef Lechner, sondern gegen ihn erhoben worden. Wie bei allen früheren Vernehmungen war Paul Bergmann auch bei der heutigen Hauptverhandlung dabei geblieben, daß er unschuldig sei und von der Ermordung seiner Tante zuerst aus einem Extrablatt Kenntniß erhalten habe, das am Morgen nach der That auf den Straßen verkauft worden fei. Eine große Anzahl von Zeugen war vorgerufen worden, und wenn die Aussagen der einen sehr bedenklich für bett Angeklagten erschienen, so waren die Bekundungen Anderer wiederum danach angethan, den Glauben an feine Schuld zu erschüttern. Sein Benehmen während dieser für ihn so bedeutsamen und zugleich qualvollen Procedur konnte nur zu seinen Gunsten sprechen. Er folgte den einzelnen Aussagen mit großer Aufmerksamkeit, und wenn er hier und da eine Aeußerung, die ihn schwer belasten konnte, zu berichtigen oder zu entkräften suchte, geschah es jedesmal mit einer ruhigen Bescheidenheit, welche die Geschworenen nothweudig für ihn einnehmen mußte. Er schien der Entscheidung des Gerichtshofes mit zuversichtlichem Vertrauen auf einen für ihn günstigen Ausgang entgegenzusehen und nur die fahle Bläffe seiner Wangen und das nervöse Zittern, welches zuweilen seinen Körper schüttelte, mochten ausmerksamen Beobachtern die Vermuthung nahe legen, daß diese Zuversicht eine erheuchelte fei. Der Präsident leitete die Verhandlung mit Unparteilichkeit und Ruhe; aber er war doch schon wiederholt genöthigt gewesen, den Vertheidiger des Angeklagten in höflicher Form zurechtzuweifen, wenn derselbe bei dem Bestreben, die Glaubwürdigkeit der Belastungszeugen zu verdächtigen, einen gar zu weit gehenden Eifer an den Tag gelegt hatte. Ueberhaupt konnte sich Paul Bergmann über einen Mangel an Interesse bei seinem Rechtsbeistand wahrlich nicht beklagen. Der lange, schmalschulterige, etwa zweiunddreißigjährige Mann, dem der schwarze Amtstalar in unschönen Falten um die hageren Glieder schlotterte, war von einem Feuer und von einer Beweglichkeit, wie wenn es sich um die Vertheidigung seines eigenen Schicksals handle. Seine scharfen, grauen Augen hefteten sich durchdringend auf das Gesicht jedes Zeugen, dessen Worte eine ungünstige Wendung in dem Geschick seines Clienten herbeizuführen drohten, und wenn er sich dann von dem Präsidenten die Er- laubniß erbeten hatte, selbst zu inquitiren, so wußte er diese durch die düstere Majestät des Gerichtssaales ohnedies befangen gemachten Personen mit seinen Kreuz- und Querfragen jedesmal in die vollste Verwirrung zu treiben. Schon seit zwei Jahren galt Doctor Julius Stirner für einen her schneidigsten und rücksichtslosesten Rechtsanwälte der Stadt; aber er hatte doch kaum je zuvor so erstaunliche Proben seiner Gewandtheit abgelegt, als gerade bei dieser Verhandlung. Man konnte sich keinen ausfälligeren Gegensatz denken, als den zwischen seinem übereifrigen Benehmen und der vornehmen Gelassenheit des Staatsanwalts, der in unerschütterlicher Ruhe hinter seinem Pulte saß und nur selten mit einem kurzen Wort in den Gang der Zeugenvernehmung eingriff. Er mochte noch um einige Jahre jünger sein, als der Vertheidiger, oder sein hübsches, offenes Gesicht, sein dichtes, welliges Haar und seine jugendlich kraftvolle, elastische Gestalt ließen ihn doch wenigstens jünger erscheinen. Er war erst vor Kurzem in das verantwortliche Amt des öffentlichen Anklägers berufen worden, und das große Publikum hatte bis dahin wenig Gelegenheit gehabt, sich mit seiner Person zu beschäftigen. In den Reihen der Zuschauer hätte man heute mehr als einmal die flüsternde Bemerkung hören können, daß dieser Staatsanwalt sich seine Aufgabe eigentlich gar zu leicht mache und daß er von dem Ver- - 327 - theidiger, der ihm an Geschicklichkeit augenscheinlich so weit überlegen fei, sicherlich geschlagen werden würde. Als er sich dann aber im Laufe der Verhandlung einmal erhob, um in schlichten, doch treffenden und eindringlich wirkenden Worten die immer wiederholten Versuche des Doctor Stirner, den Josef Lechner als den Schuldigen erscheinen zu laffen, zurückzuwetsen, und als er dann auf eine heftige Entgegnung des Vertheidi« gers mit unveränderter Ruhe, aber mit wahrhaft vernichtender Schärfe der Gründe antwortete, da gab es sowohl in den Reihen der Zuhörer wie auf den Bänken der Geschworenen eine nicht geringe Ueberraschung, und man sah dem Ausgang des Dramas mit noch höherer Spannung entgegen als zuvor. Run hatten auch die gerichtlichen Sachverständigen ihre Gutachten abgegeben. Der Phystkus hatte bekundet, daß der Tod der alten Dame ohne jeden Zweifel durch mehrere kraftvoll geführte Schläge mit einem stumpfen Instrument — einem Hammer oder irgend einem anderen eisernen Gegenstand — verursacht worden sei; und die Erklärung eines Chemikers, welcher sowohl die Kleidungsstücke des Josef Lechner als diejenigen des jetzt Angeklagten untersucht hatte, war dahin aus- gefallen, daß er Spuren von Menschenblut weder in dem einen, noch in dem anderen Falle mit Bestimmtheit habe nachweisen können. Die Beweisaufnahme wurde damit geschlossen und nach einer Pause von wenig Minuten, während deren kein Einziger der Zuschauer seinen Platz verließ, ertheilte der Präsident dem Staatsanwalt zur Begründung der Anklage das Wort. In dem weiten Saale war es todtenstill, als Bernhard Rodewaldt fein Plaidoyer begann. Er sprach nur mit halblauter, ruhig und gleichmäßig klingender Stimme, unter Ver» zrcht auf alle theatralischen Wirkungen und in knappen, wort- kargen Sätzen. Aber jeder dieser Sätze war wie ein Keulen- schlag auf das Haupt des Angeklagten, und Diejenigen, welche retzt zu Paul Bergmann hmübersahen, bemerkten wohl, wie sein Kinn immer auf die Brust herabsank und wie das con- vulsivffche Zittern in immer kürzeren Zwischenräumen seinen Körper überlief. Einmal neigte er sich zu dem vor ihm sitzen- den Vertheidiger hinab und flüsterte ihm etwas zu. Es mußte eine Frage gewesen sein, denn Doctor Stirner schüttelte mit zornigem Stirnrunzeln den Kopf und bedeutete ihn durch eine ungeduldige Handbewegung, zu schweigen. Denselben Eifer, den er während des ganzen Tages bewiesen hatte, bekundete der Rechtsanwalt auch jetzt. Mit seinem langen Bleistift machte er sich unaufhörlich Notizen und als der Staatsanwalt feine nahezu einstündige, meisterhafte Rede mit der an die Geschworenen gerichteten Aufforderung geschloffen hatte, den Angeklagten des vorbedachten und überlegten Mordes schuldig zu sprechen, da sprang er wie von einer Feder geschnellt empor und wartete kaum auf die vorgeschriebene Ermächtigung von Seiten des Präsidenten ab, um mit seiner Erwiderung zu beginnen. Nach den Begriffen der großen Menge war er ohne Zweifel ein viel glänzenderer Redner, als der öffentliche Ankläger. Mit großer dialectischer Gewandtheit und mit einem anscheinend unerschöpflichen Vorrath an klangvollen Tiraden trat er für die Unschuld seines Clienten ein, der nach seiner Darstellung das beklagenswerthe Opfer eines unseligen Jrr- thums und eines verhängnißvollen Uebereifers der Anklage- behörde geworden war. Dabei vermied er geflissentlich jedes tiefere Eingehen auf die von dem Staatsanwalt hervorgehobenen Belastungrmomente. Die gefährlichsten derselben ließ er ganz unberührt und was er zur Widerlegung der übrigen vorbrachte, bestand mehr in schwungvollen pathetischen Redensarten, als in logischen und überzeugenden Gegengründen. Trotzdem war die Wirkung, welche er auf die Geschworenen erzielte, unverkennbar eine sehr bedeutende. Er hatte bei Beginn der Sitzung von dem ihm gesetzmäßig zustehenden Ablehnungsrechte mit kluger Berechnung dahin Gebrauch gemacht, daß die Jury jetzt vorwiegend aus einfachen Leuten von geringerer Bildung zusammengesetzt war, und einem alten Erfahrungssatze folgend, wandte er sich nun viel mehr an das Gemüth, als an den Verstand dieser schlichten, von dem Gefühl ihrer schweren Verantwortung fast erdrückten Männer. Sein feuriger Appell an die Stimme ihres Herzens, feine immer wrederholte Versicherung, daß er selber von der Unschuld dieses unglücklichen jungen Mannes so fest überzeugt sei wie von seiner eigenen, konnte nicht ohne Eindruck auf die Geschworenen bleiben, und als er sich zum Schluß mit erhobener Rechten auf den ewigen Richter über den Wolken berief, da gab es im Zuschauerraum viel hörbares Schluchzen und auf den Bänken der zur folgenschweren Entscheidung berufenen Männer viel nach- denkliche und bewegte Gesichter. Wäre jetzt der Wahrspruch erfolgt, so würde sich kaum die erforderliche Mehrheit für die Verurtheilung des Angeklagten gefunden haben. Aber der Staatsanwalt gab durch eine höfliche Geberde gegen den Präsidenten hin zu erkennen, daß er noch einmal das Wort zu ergreifen wünsche und schon nach dem ersten Satz, den er gesprochen, lag es abermals wie Grabesstille über dem von Menschen dicht erfüllten Raum. Er ahnte auch jetzt nicht die comödiantische Art des Verteidigers nach; aber er folgte seinen Ausführungen Schritt für Schritt, und er widerlegte sie in seiner klaren, schlichten Weise mit geradezu zermalmender Schärfe. „Auch ich wende mich an Ihr Gewissen, meine Herren Geschworenen," schloß er, „und auch ich mahne Sie wie der Herr Vertheidiger an die Rechenschaft, welche Sie einem unbestechlichen und allwissenden Richter dereinst abzulegen haben werden. Wie die Verhältnisse einmal liegen, würde Ihr Verbiet, das diesen Angeklagten von Verbrechen und Strafe freispricht, fast gleichbedeutend sein mit einer Schuldigerklärung jenes Anderen, der bereits Monate lang schwer genug unter dem furchtbaren Verdacht des Mordes gelitten hat. — Und die Verantwortung dafür — so meine ich — können Sie unmöglich auf sich nehmen. Sie sind nicht berufen und nicht berechtigt, Mitleid zu üben — und eine Barmherzigkeit, die int Widerspruch stände mit Ihrer innersten Ueberzeugung, wäre nicht nur eine Feigheit, sondern sie wäre zugleich ein schwerer Verstoß gegen Ihre beschworene Pflicht. — Aber ich wende mich nicht nur an Sie, sondern ich wende mich auch an den Angeklagten selbst, der in diesem Augenblick noch die Macht hat, jeden Schatten schimpflichen Verdachts von einem Unschuldigen hinweg zu nehmen und zugleich sein eigenes Schicksal um so viel milder zu gestalten, als ein offenes und reumütiges Bekenntniß es noch zu mildern vermag. Denken Sie an Ihre im Grabe ruhenden Eltern, Bergmann! Denken Sie an die Lehren, die Sie als Kind von den Lippen Ihrer Mutter vernommen haben! — Werfen Sie die furchtbare Last von Ihrem Herzen und gestehen Sie Ihre Schuld!" Gerade weil er bis dahin mit wenig erhobener, fast nüchtern klingender Stimme gesprochen hatte, brachten diese seine letzten Worte einen gewaltigen Eindruck auf alle Hörer hervor. Laut und feierlich waren sie von den Wänden des Saales widerhallt und der tiefe Ernst in dem edel gebildeten Gesicht des Redners hatte ihnen eine noch tiefere Wirkung gegeben. Ein leises Rauschen und Murmeln ging durch den Raum. Niemand hatte dem jungen Staatsanwalt diese Schlagfertigkeit und die bewunderungswürdige Gabe der Rede zugetraut. Mit finster zusammengezogenen Brauen stand Doctor Stirner zu einer Erwiderung auf; aber noch ehe das erste Wort über seine Lippen gekommen, klang es über seinen Kopf hinweg dumpf in den Saal hinein: „Ich bekenne mich schuldig, meine Herren Richter!" Leichenfahl, aber straff aufgerichtet und mit hoch erhobenem Haupte stand Paul Bergmann an der Schranke der Anklagebank. Seine blutlosen Lippen, die soeben das inhaltschwere Wort gesprochen, waren fest zusammengepreßt und seine Augen, in denen es jetzt wie Fiebergluth brannte, waren unverwandt auf das Gesicht des Staatsanwalts gerichtet. Ein paar Augenblicke hindurch war es still geblieben; denn das Unerhörte, Unfaßliche des Vorganges schien alle Anwesenden in lähmende Erstarrung gebannt zu haben. Dann aber ging eine mächtige, geräuschvolle Bewegung durch den Saal, jeder der Hörer — die Richter selbst mit einbegriffen — fühlte das Bedürfniß, seinem Erstaunen, seiner tiefen seelischen Erschütterung irgend einen Ausdruck zu geben, und in dieser allgemeinen Erregung, von der nicht ein Einziger aus- 828 genommen war, achtete man wenig auf das Benehmen des Vertheidigers, das unter anderen Umständen wohl einige Aufmerksamkeit erregt haben würde. (Fortsetzung folgt.) HeineiirnMzrges« Dicke Bohnen ü la Bechamel. Die in Salzwafser abgekochten Bohnen läßt man abtrocknen und richtet sie mit folgender Sauce an- Einen Löffel Mehl schwitzt man in einem Stiche Butter gelb, fügt etwas abgekochte und ungerahmte Milch, sowie ein wenig Salz hinzu, läßt unter fortwährendem Umrühren Alles 10 Minuten kochen und gibt ein Stückchen Butter, etwas Bratenjus oder Liebigs Fleischextract, sowie ein wenig Pfeffer bet, ohne jedoch die Sauce nochmals kochen zu lasten. Die fertige Sauce muß ziemlich dick sein. • * * Bewahrung des Kaffee-Aromas. Der gebrannte Kaffee, wenn er lange steht, verliert bekanntlich sein Aroma. Um die» zu vermeiden, fügt man auf ein Kilo Kaffee sofort nach dem Brennen zwei Löffel gestoßenen Zucker hinzu. Dieser umgibt im Augenblick den Kaffee und saugt da» Aroma in sich hinein. Auf diese Weise hat man immer einen vorzüglichen und kräftigen Kaffee. * , Eierbier. Man setzt ein Liter Bier mit 120 Gramm Zucker, etwas ganzem Zimmt und einigen Stückchen Citronen- schKe zum Feuer und läßt es bis zum Kochen kommen; inzwischen werden sechs ganze Eier mit der Schneeruthe oder dem Quirl zu Schaum geschlagen und das kochende Bier unter fortgesetztem Schlagen hinzugegoffen, worauf man das Eierbier in Gläser füllt und aufgibt. * Feiner Kartoffelsalat. Die in der Schale gekochten Kartoffeln zieht man ab, schneidet sie in Scheiben, bestreut sie mit Salz und Pfeffer und übergießt sie mit einer Taste kräftiger, kochender Fleischbrühe aus Liebigs Fleischextract. Dann bereitet man die Sauce. Man rührt Oel mit zwei rohen Eigelb an, fügt Essig, Citronensaft, eine geriebene Zwiebel, zwei harte durchgeriebene Eidotter, etwas gehackte Petersilie und Zucker hinzu und vermischt mit dieser wohlschmeckenden Sauce die Kartoffelscheiben. ♦ Es ist sehr mißlich, wenn es im Orte selbst keine Spitzenwäschereien gibt, die oft kostbaren Spitzen selbst zu waschen, sie verlieren meistens ihre Grundform und die kleinen Picots legen sich um. Auf eine einfache Art kann man Spitzen selbst waschen, daß sie wie neu aussehen. Man näht auf ein Brett, besten Größe man je nach der Breite der Spitzenkragen, Fichus oder Volants wählt, weißen, groben Flanell, heftet die Spitzen vorsichtig darauf, daß sich keine Falten bilden und besonders die Picots nicht umgebogen werden, dann näht man Mull oder Moustelin über die Spitzen und reibt sie in lauwarmem, schaumig geschlagenem Seifenwaster zwischen den Händen. Man spült sie in klarem Master nach, bis sich kein Seifenschaum mehr zeigt, als Stärkemittel nimmt man ein bis zwei Blatt aufgelöste weiße Gelatine. Nach dem Trocknen plättet man sie leicht mit einem warmen Eisen; sie werden wie neu sein. Schwarze Spitzen braucht man nur durch kalten Thce zu ziehen und dann noch feucht zu plätten. ♦ Alte seidene Ball- oder Hutblumen sollte man nicht fortwersen, sondern sie auseinander lösen und in das Bassin der Petroleumlampen werfen. Sie klären da» Petroleum, da sich alle kleinen Unreinlichkeiten desselben in die Blumen setzen. Der Kuß. Die transatlantische Botschaft, daß das Küsten nach dem Gutachten eine» ärztlichen Forums gesundheitsschädlich sei und kurzweg abgeschafft werden müste, hat folgendes hübsche Capriccio gezeitigt. Ueber die im bräutlichen Frühlingsschmuck daliegende Erde huscht mit leisem, heimlichem Tritt ein schelmischer Knabe mit rosigem Antlitz und verschmitztem Lächeln. An der Seite trägt er den wohlgesüllten Köcher, und aus sicherem Hinterhalt, aus überhängenden Blüthenzweigen und grünenden Hecken hervor richtet er seine Pfeile auf die ahnungslosen Menschenkinder, und will sich zu Tod lachen, wenn er eines so recht mitten ns Herz hinein getroffen hat. Da fällt sein Blick auf ein holdseliges Geschöpf, ein Engelchen, das am Wege sitzt und, bitterlich weinend, die kleinen Hände vor die Augen hält; — und, weil Amor mit ihm nahe befreundet ist und überhaupt keine Thränen sehen mag, setzt er sich theilnehmend daneben und will den Grund seines Kummers misten. „O, ich bin so unglücklich," schluchzte das Engelchen „wenn Du wüßtest, was sie mir anthun wollenI — Da ist drüben über dem großen Master ein Mann, ein furchtbar gelehrter Mann, der will auf einmal die Menschen gegen mich aufhetzen!" — Amor machte ein verwundertes Gesicht. „Was will er denn damit bezwecken?" — „Abschaffen soll man mich, sagt er," flüstert das Engelchen leise, „das Küsten sei unästhetisch, ungesund und altmodisch, und sei zu gar nichts nütze--" „Der Kerl ist verrückt!" ruft Amor entrüstet dazwischen. --Und das Alles gerade jetzt, mitten im Frühling, wo das Leben so wunderschön ist und die Menschen mich so lieb haben!" — schließt das Engelchen mit zitternder Stimme und einer neuen Thränenfluth. Der Knabe neben ihm zieht^ die Stirn in Falten und Überlegt. „Wenn sie Dich abschaffen wollten," sagt er dann über- zeugend, „so müßten sie zuerst mir den Garaus machen, denn Kuß und Liebe gehören von Rechtswegen zusammen, — und mich, das weißt Du doch, können sie in alle Ewigkeit hinein nicht umbringen!" — Das Engelchen hebt mit neuer Hoffnung den Kopf. „Was würden überhaupt die Menschen anfangen ohne Dich?" fährt Amor tröstend weiter, „die Grethe, da drüben in dem Häuschen, hat erst gestern ihrem Hansel gesagt, Du seiest das süßeste Ding auf der ganzen Welt!" — „Und gelt, ich muß doch auch immer dabei sein, wenn eine Mutter ihr Kindletn herzt, oder wenn z. B.--ein Bub' und ein Mädel--sich so recht innig lieb haben?" meint das Engelchen erglühend. „Natürlich!" bekräftigt Amor, „das geht einfach nicht anders. — Und dem alten Bösewicht, der es so schlimm mit Dir meint — denn alt ist er doch jedenfalls? —" „Uralt," bestätigt das Engelchen. — „Dem wollen wir schon einen Streich spielen," lachte Amor mit lustigem Augen- zwinkern, — „wir fliegen zu ihm hinüber und ich schieße einen Pfeil auf ihn, einen ganz scharfen — weißt Du, und mitten ins Herz hinein! Dann wollen wir doch 'mal sehen, ob er nicht wieder Freundschaft mit Dir schließt!" — „Wenn er aber dann doch nichts mit mir zu thun haben wollte?" — tönte es halb zaghaft. „Dann wäre er ein ganz merkwürdig thörichtes Subject," sagte Amor verächtlich, „dann verdiente er, daß — man ihn in einem Spiritusglas an die Weltausstellung schickte! —" Redactton: A. Schryda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.