Nnterchaltrrngsblatt 311m Grefzenev Anzeigev (Gensvnl-Anzeigev) 1893 • - cn MM Donnerstag, den 14. December. Dunkele Mächte. Novelle von H. v. Limpurg. (Schluß.) Endlich richtete sich der alte Herr empor und strich das Haar aus der Stirn; derselbe unerbittliche Ausdruck lag um den festgeschloffenen Mund wie vorher und er sagte leise: „Er ist ein Verbrecher und ich habe keinen Sohn mehr! Der letzte Lichtstrahl meines einsamen Lebens ist erloschen, ich stehe allein in der Welt!" Er ließ sich dann nieder an seinem Schreibtisch, schlug die Bibel auf und begann darin all' die köstlichen Perlen zu suchen, die sie für den Christen enthält; aber immer wieder kam er dabei auf die Liebe zurück, auf die Gnade und Barmherzigkeit des Allmächtigen und als seine Augen an der wundervollen Stelle des CorintherbrtcfeS hasten blieben: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist.- die größte unter ihnen" — da schlug er das Buch zu und stand auf. „Es ist vorbei, ich habe kein Kind mehr," sagte er hart und so laut, daß er beinahe selbst vor seiner Stimme erschrak, „und ich kann's nimmermehr fasten, wie man da vergeben und lieben soll, wo man aufgehört hat, zu achten." Arthur war indeß wieder zurück nach der Station gekehrt, seine Erregung hatte sich so weit gelegt, daß er den Bahn- inspector um einen kleinen Imbiß bat, weil sein Vater, den er auf der Durchreise besuchen wollte, lei er nicht zu Hause gewesen sei und er, der Doctor, mit dem nächsten Zug weiter müste. Der Mann setzte auch keinerlei Zweifel in die Worte seines Gastes und fühlte sich sehr geehrt über den Besuch. Endlich kam der Zug, Fels stieg ein, doch nicht, um nach der Residenz zurückzukehren; ein anderer Plan war in seinem kranken Hirn entstanden- Er wollte zu einem Studienfreunde, Doctor Berner, der in der Nähe eine Heilanstalt für Nervenkranke besaß.! Am nächsten Morgen ließ er sich bei Doctor Berner melden, der sehr erfreut den lieben, alten Universitätsfreund empfing. „Fels, grüß Gott!" rief Berner, dem Ankömmling beide Hände entgegenstreckend. „Wie geht es Dir, alter Junge? Aber Mensch, wie siehst Du aus? Du kommst doch nicht als Patient zu mir?" „Nein," lachte Fels rauh, „das wohl nicht, obwohl es in meinen Schläfen faust und tobt, als fei die Hölle darin leben- - big geworden. Aber ich komme mit einer Bitte —" Er brach ab und sah so verstört um sich, daß der er« ' fahrens Nervenarzt keinen Zweifel mehr hegte, wie es um den Unglücklichen bestellt fei. „Hm, wenn Du ganz allein mit mir fein willst, Freund," sagte er endlich, „so komm' hier in das Zimmer, da stört uns Niemand." Zugleich berührte Doctor Berner wie von ungefähr ein weißes Knöpfchen am Thürfchloß, welches Zeichen einen Wärter in die Nähe berief, um auf alle Fälle Hilfe leisten zu können. Tiefathmend sank Doctor Fels in einen der bequemen Armsessel und auch Doctor Berner ließ sich scheinbar gleich» müthig nieder, dann begann er das Gespräch: „Nun, alter Freund, mit was kann ich Dir dienen? Du kommst nicht nur, um mich zu besuchen, sondern auch, um etwas zu erbitten?" „Nenne es so, Oskar," nickte Fels düster, „wir haben uns einst Freundschaft mit Wort und Handschlag gelobt — die Stunde ist da, wo ich an dieselbe appellire." „Und ich werde sie Dir halten, Arthur," sagte Berner feierlich, mit tiefem Ernste, „erzähle mir, was Dich bekümmert." „Oskar," frug Arthur nach einer Weile finsteren Nachdenkens, „kannst Du einen Menschen in hypnotischen Schlaf versetzen?" „Ja Aber was soll diese Frage?" „W llst Du — mich selbst hypnotisiren?" „Hm und aus welchem Grunde. Ich muß dies als Arzt und Mensch wissen, ehe ich Deine Frage beantworte." „Aber Du gibst mir Dein Wort, zu schweigen?" „Gewiß, mein Freund, Du weißt es aus Erfahrung, daß dies eine Hauptsache in unserem Berufe ist." Es verging abermals eine geraume Zeit, ehe Arthur Fels düster emporblickte. „Du sollst der erste und einzige Mensch sein, der von meinem Seelenzustand etwas erfährt," begann er dann eintönig; „wisse, daß ich einst, um die Geliebte glücklich zu machen, ihrem Besitz nicht allein entsagte, sondern im hypnotischen Schlafe ste zwang, einem Anderen ihr Jawort zu geben —" „Sie hatte sich vorher bereit erklärt, Deinen Willen zu thun?" „Ja und ich Elender benutzte dies, sie dem Befehle ihres Vaters geneigt zu machen. Nun ist sie unglücklich — und ich werde wahnsinnig, wenn ich mit dem Stachel im Herzen weiter leben muß." „Was verlangst Du also von mir? Welchen Auftrag soll ich Dir im hypnotischen Schlafe ertheilen?" frug Doctor Berner, unverwandt das Teppichmuster am Boden studirend. 586 Und Der Hausarzt, der sich bald einfand, schüttelte bedenklich den Kopf und erklärte nach genauer Untersuchung, die rechte Lunge sei durchschossen und er wisse nicht, ob der Fürst gerettet werden könne. ..... - Therese erbleichte, aber sie blieb standhaft, und als sie allein war, hob sie still die gefalteten Hände gen Himmel und murmelte: „Herr mein Gott, nun will ich sühnen den Mei« schmerzt mich." , ,, Schon war die Sonne längst untergegangen, ee hatte acht Uhr geschlagen, als unten im Schloßhof ein seltsam unruhige» Treiben entstand, ein Gehen und Schlürfen, unterdrückte Commandorufe und dazwischen dumpfes Stöhnen. Erstaunt trat die Fürstin auf den Balkon und sah eine Laterne duster ausflammen, doch die Leute um das Licht her drängten so zu« sammen, daß etwas Anderes sich nicht erkennen ließ. Ein seltsam angstvolles Gefühl schlich in ihr Herz, kurz entschlossen eilte sie hinaus, die Treppe hinunter und wollte aerade die Hausthür öffnen, al« dieselbe von außen aufgemacht — und die leblose Gestalt Fürst Sereco» auf einer Trage hereingebracht wurde. Therese fuhr jäh zurück doch schon batte sie sich so weit in der Gewalt, daß sie möglichst deutlich fragen konnte: „Was ist hier geschehen, Ihr Leute?' .Ein — Unglück, Euer Durchlaucht," stammelte der alte Kammerdiener athemlos, „Seine Durchlaucht Fürst Nikolaus kam, uns zu sagen, daß — daß unser gnädigster Herr im I Walde läge und da — holten wir ihn herein." „Haben Sie schon nach dem Herrn Geheimrath gesandt? Und dann rasch, Clemens, bringen Sie Licht in's Schlafzimmer. Ein anderer Diener muß eilig Eis und Compreffen besorgen- Fant den Handschuh in's Gesicht geschleudert und ihn beschimpft, sodaß er mich fordern mußte." „Sergei," schrie die junge Frau entsetzt auf, „war sagst Du da. Blut soll um meinetwillen fließen? Allmächtiger Gott, nur das nicht! Laß Dich anflehen I Verhindere da« Duell." „Nein," gab er eiskalt zurück und verschränkte die Arme über die Brust, „nimmermehr! Er oder ich! Man soll nicht sagen, daß ich mich von meiner Frau hintergehen lasse." „Beim Himmel, ich bin Dir stets treu gewesen," antwortete das junge Werb, die gerungenen Hände zu ihm aufh-bend, „Sergei, wenn Du mich jemals geliebt hast, erbarme Dich, schone jenes unschuldige Leben!" „Verführerin," höhnte er, dicht vor sie hintretend, „Du scheinst Denjenigen verhängnißvoll zu werden, deren Herzen für Dich entflammen. Weißt Du auch wohl, daß Dein ehemaliger Verehrer, der interessante Obersöcsterssohn, in einer Irrenanstalt als wahnsinnig untergebracht wurde?" Nein, das Unglück hatte die arme Frau noch nicht gewußt und mit einem gellenden Aufschrei sank sie auf einen Stuhl. Höhnisch lachend fuhr ihr Gemahl fort: „O, endlich einmal natürliche Off nheit! Der wahnsinnige Doetor Fels thut Dir leid, er konnte Dir so schön den Hof machen." , „Ja, ich - habe ihn einst geliebt," stammelte sie außer i sich, „ihm allein gehörte einst mein Herz — und er ist um | meinetwillen wahnsinnig geworden!" Aber sie war schon allein, schallend fiel die Thür hinter dem Fürsten in's Schloß und er ballte die Faust beim Weiter« aeben" , Elende, falsche Weiber," knirschte er zwischen den Zähnen, „es ist eine wie die andere! Sie find Alle falsch, aber ich will Dir die Falschheit noch austreiben I" Zum Mittagsmahls fand sich nur der Fürst ein, denn feine Gemahlin ließ sich entschuldigen. Hinter verschlossenen Thüren rang sie die Qual eines ganzen Menschenlebens nieder und al« sie dann endlich hinaustrat, schien sie um Jahre gealtert. — Ruhig sprach sie mit der Dienerschaft, ließ sich Kaffee bringen, that, als sei nichts vorgefallen und ordnete an, daß etwaiger Besuch abzuweisen sei. „Ich bin nicht wohl, mein Kopf nun rasch vorwärts!" Sie öffnete selbst die Thür zum Schlafgemach, faßte mit an, als man den durch Blutverlust ohnmächtigen Gatten aus sein Lager bettete und zeigte überall die größte Umsicht und Wenige Wochen darauf, an einem heißen Julitage, saß die Fürstin Sereco in ihrem Boudoir und schrieb Briefe; sie war sehr ernst und auf der Platte des Schreibtisches schim« merte eine Thräne, aber die Hand zitterte nur wenig, als sie den Brief an die Mutter mit folgenden Zeilen beendete: „Sergei ist sehr aufgeregt. Er lebt in der krankhaften Idee, daß sein Vetter Nicolaus Sereco, der seit acht Tagen bei uns ist, mir den Hof macht und ich ihn begünstige- Es sind dies auch für mich schwere Zeiten, denn ich sitze meist wie eine Gefangene im Zimmer, um auch das kürzeste, gleichgültigste Zusammentreffen mit jenem jungen Manne zu vermeiden. Nichtsdestoweniger gibt es fast täglich für mich eine Scene. Doch nun lebe wohl, meine liebe Mama; bete für mich und ich bete für Dich! Deine Therese." Sie hatte kaum das elegante Papier in den Umschlag ge« schoben, als der Fürst sehr erregt eintrat. „Nun, Madame," rief er zornig, „hier finde ich Sie, als sei nichts vorgefallen — und Nicolaus besitzt dabei die Granate, | welche Sie gestern im Sommertheater an der Brust trugen. Wie geht das zu? Meinen Sie, ich ließe mich von meiner Gemahlin an der Nase herumführen?" Therese erhob sich ebenso erstaunt wie unwillig. „Ich verstehe Dich nicht, Sergei," antwortete sie sest. „Willst Du mir erklären, weshalb Du hier eindringst, um mich zu belei« digen? Ich sühle durchaus keine Schuld in Betreff Deines „Aber er liebt, er vergöttert Dich," sprudelte der wie wahnsinnig eifersüchtige Fürst heraus, „er verfolgt Dich mit seinen Blicken und hat mir soeben erklärt, daß ich eine solche Perle wie Dich gar nicht verdiene." „Bin ich etwa daran schuld? Er reist ja bald wieder ab und dann sällt der Grund Deiner Erregung gleich weg.' „Hoho, Du meinst, ich ließe mir diese Beleidigung ge« fallen?" tobte Sereco. „Mit NichtenI Ich habe dem jungen WM „Ich erkläre mich völlig bereit, Dir zu gehorchen und j Deinen Befehl zu erfüllen, Oskar, wenn Du mir aufgibst — mir eine Kugel vor den Kopf zu schießen." eg Es blieb eine Weile still im Zimmer, dann erhob sich Berner langsam von seinem Stuhl und trat, den Freund mit sonderbar starrem Blick unverwandt ansehend, dicht vor ihn hin; dann hob er die beiden ausgebreiteten Hände gegen dielen auf, die Finger ein wenig nach innen gebogen. Arthur Fels aber lächelte unheimlich, er schaute in das paralysirende Auge des Freundes, bis fein Sinn sich verwirrte — und er zurücksank in die Polster. „Das Erschießen werde ich Dir nun nicht auftragen, armer Arthur," murmelte Doctor Berner vor sich hin, „wenn Du erwachst, sollst Du vergessen haben, daß Oskar Berner, Dein einstiger Comilitone, Dich als Arzt behandelt, aber Du darfst zu dem einen begangenen Verbrechen nicht noch ein zweites und größeres hinzufügen. Wache auf!" Er verließ das Zimmer und rief den Wärter herein, ihm die größte Vorsicht empfehlend, denn wenn der Kranke erwachte, würde er woh! in Tobsucht verfallen. Armer Arthur! Als er die Augen öffnete und sich in dem kleinen, eleganten Gemach, dessen Fenster mit Gitter verwahrt waren, sah, da legte er nur die Hand an die Stirn und ^EbJst^die Fran Fürstin schon erwacht?" frug er den Wär» ter. ,Md wo bleibt mein Vater? Mir ist, als ob ich eine Kugel suche; hat sie nicht in meinen Schläfen gesteckt?" „Ja gewiß, Herr Doctor," gab der in der Behandlung der Wahnsinnigen sehr bewanderte Wärter zur Antwort, „wir haben sie herausgenommen und Sie können sie sehen, wenn es Ihnen gefällt." Ja, aber wissen Sie, sagen Sie es Dornröschen nicht ; sie könnte sonst meinen und ihre Thränen legen sich mir wie eine Centnerlast aufs Herz. War nicht Doctor Berner hier? „O nein, nur unser Herr Director. Aber ich will ihn rufen, denn er frug schon nach Ihnen, Herr Doctor!^--------- * • * 687 gib, welchen ich am Altäre geschworen, will meinen Gatten treu pflegen — und sei es bis zum letzten Athemzug l" Schwere, unendlich schwere Tage und Wochen folgten, in denen Fürst Sereco mit dem Tode rang und dennoch, Dank seiner kräftigen Natur, immer von Neuem die Oberhand über -en Tod behielt. Er war ein unleidlich jähzorniger und rastloser Kranker, doch die Geduld der stillen, schönen Frau, die wie ein Schutzengel nicht von seinem Lager «ich, blieb stets dieselbe. Mild und fürsorglich reichte sie ihm den Trank und die Arzenei, ordnete die Kissen und erneute die Eisblase auf dem Haupte; und wenn er sie noch so oft mürrisch zurückstieß oder rauh anfuhr, sie ward nie unlustig, sie hatte das köstliche Corintherwort sich in's tiefste Herz geschrieben: Die Liebe ist langmüthig! Und sie erlebte auch eine Stunde der Genugthuung. Al- Sergei eines Tages, nach einem Ausbruch wilvesten Fiebers, eingeschlummert war, saß sie an seinem Lager und die physische Schwäche übermannte ihr den zarten Körper derart, daß sie die heiße Stirn in die Hand stützte und Thräne um Thräne über die blasse, magere Wange rann. Wie hatte sich dies süße, liebliche Gesichtchen verändert! Er war um Jahre gealtert besonders jetzt unter dem Zacken des Schmerzes. Da, ehe Therese es dachte, öffnete der Kranke die Augen und blickte auf sie, die ganz in sich versunken, ihn gar nicht beachtet hatte. Eine Weile kämpften gute und schlechte Empfindungen in seinem Innern, dann aber streckte er plötzlich ihr seine Hand entgegen. „Therese," begann er leise und so mild, wie sie ihn noch nie gehört, „bist Du krank — ödes weinst Du über mich?" Sie raffte sich erschrocken auf, trocknete die Thränen und wollte mit einigen ablenkenden Worten das Zimmer verlassen; doch er hielt sie fest, beinahe voll Angst. „Geh' nicht fort," bat er dringend, „sprich zu mir und — und — laß Dir danken, daß Du mich so treulich pflegst. Ich — verdiene es nicht, denn —" „Rege Dich nicht auf, bester Sergei," beruhigte ihn die junge Frau, „es ist ja Alles ganz natürlich und ich thue nur meine Pflicht für Dich." «O, Therese, ich habe nie für Dich Pflichten erfüllt; ich habe Dich mit meiner Leidenschaft unglücklich gemacht — kannst Du mir verzeihen?" „Gewiß, Sergei, ich hege keinen Groll gegen Dich, aber nun schlafe, rege Dich nicht auf!" „Bleibe bei mir, Therese, laß mich Deine Hand halten — ich denke, dann werde ich selbst ein besserer Mensch, wenn Du gute, heilige Seele mir vergiebst." „Sprich nicht so, Sergei," und wieder stürzten die Thränen au» den Augen Theresen», „ich bin keine Heilige, sondern — ein sehr schwaches sündiges Geschöpf wie wir Menschen alle." Die Krankheit des Fürsten wurde immer schlimmer, der Arzt gab die Hoffnung fast ganz auf, und versuchte al» letztes Mittel, eine Luftveränderung vorzuschlagen. Man sollte den Kranken nach Schloß Weilern bringen! Therese widersprach nicht, sondern traf mit liebevoller Umsicht und treuem Pflichteifer die nöthigen Vorbereitungen und an einem schönen Septembertage ward die Reise angetreten. An der letzten Bahnstation empfing Graf Weilern die Tochter und den Schwiegersohn und selbst sein oberflächliche» Gemüth erschrack beim Anblick beider. War da» sein Kind? Kaum zwanzig Jahre alt zogen sich bereits einzelne weiße Fäden durch das dunkelblonde Haar und die schönen Augen lagen tief in den dunkelumränderten Höhlen. Und das war seine Schuld ganz allein! £3 Langsam fuhr der Wagen durch die sich herbstlich färbende Landschaft. Vor einem Jahre hatte dort im Walde Therese zum letzten Male den Geliebten getroffen. Der Gedanke stieg heiß auf in ihre Seele, doch sie schüttelte ihn ab, nur dem sterbenden Manne an ihrer Seite, der ihre Hand nicht loslaffen wollte, durfte ihr Sinnen und Denken gewidmet sein! Das schwere Wiedersehen Theresens mit der völlig gebrochenen Mutter war vorbei. Erschöpft ruhte Fürst Sereco im weichem Lehnstuhl aus und Therese ordnete still sorgend wie er ihre Art war, die Sachen im Zimmer, welche er bedurfte. Da rief er mit einem Male ihren Namen, so angstvoll wie noch nie zuvor. „Schicke — nach dem Pfarrer — und dem Notar — ich — ich sterbe." Der Pastor kam sogleich, auch der Amtsvorsteher, der den mit rauher, halbgebrochener Stimme hervorgestoßenen letzten Willen des sterbenden Fürsten zu Protokoll nehmen mußte; dann ward der Fürst ruhig . „Laßt mich allein — allein mit meiner Frau!" stöhnte er und man willfahrte schweigend seinem Wunsche. „Therese," stammelte er mühsam, „nimm mich in — Deine Arme I Wenn Du mich — auch nicht — lieben kannst — ich habe es in diesen schweren Tagen gelernt, Dich, Du Gute, aus vollem Herzen zu lieben und hoch zu schätzen, und — und will an Deinem Herzen — sterben — hast Du mir vergeben?" „Ja, Sergei," sprach die junge Frau feierlich, „ich habe es längst gethan! Gott segne Dich, mein armer Gemahl!" Er wurde still in dem dunkel behangenen Gemach; der letzte Kampf war ein schwerer, furchtbarer und die arme Therese flehte zu Gott empor, ihr Kräfte zu verleihen, um stark zu bleiben. Endlich gegen Mitternacht war der Todeskampf des Fürsten vorbei. Mit letztem, brechendem Blick stammelte er noch den Namen seiner Gattin, dann sank sein Haupt zurück und die Seele entfloh der sterblichen Hülle. Bleich wie ein Geist trat gleich darauf die junge Wittwe ins Nebenzimmer, wo die Eltern mit dem Oberförster Fels, der ein Freund des Hauses geblieben war, beisammen saßen. Abwehrend erhob sie die Hände, sie wollte keinen Trost, «ur den Oberförster blickte sie fragend an: „Herr Oberförster, Sie haben einst erklärt, daß Sie gewisse Fehler nicht vergeben könnten- Ich will Ihnen aber sagen, daß ich am Sterbebette gelernt habe, voll und ganz zu vergeben; ich verstehe nun das schöne Wort: „O lieb' so lang Du lieben kannst." Der starke, strenge Mann taumelte jäh zürück bei diesen Worten; er wollte etwas erwidern, aber vor seiner Seele tauchte ein bleiches Männerantlitz auf, welches sich flehend zu ihm gewandt, und er vernahm seine eigene harte Stimme: J h habe keinen Sohn mehr — und seufzend wandte er sich ab. Wie von Furien getrieben stürzte er heim, er konnte und durfte kein Wort des göttlichen Trostes sagen, denn das erste aller Gebote hatte er mit Füßen getreten. Auf seinem Schreibtisch lag ein Brief aus der Anstalt, wo Arthur sich noch immer befand; der Director schrieb, daß der Patient zwar tiefsinnig, aber sonst nicht bedenklich krank sei, auch wohl an eine Verschlimmerung nicht mehr zu denken wäre und srug an, ob der Vater ihn nicht zu sich nehmen wolle. Das war ein Wink vom Himmel! Der starre, strenge Oberförster sank in die Kniee und weinte wie ein Kind; erst jetzt fühlte er das Vaterherz sich ganz und voll regen und die Liebe erwachen zu dem unglücklichen Sohne. Noch am selben Morgen erhielt Director Berner von dem Oberförster ein Telegramm: Schicken Sie Arthur baldmözlich. Droben im Schloß ward die Beisetzung des Fürsten mit all' der düsteren Feierlichkeit, die seinem Rang und Namen zu- kam, vorbereitet. In tiefem, kreppverhüllten Trauergewrnde hielt die junge Wittwe selbst die Todtenwache und manch' einer, der bei der Trauung zweifelnd über das Glück der Braut geflüstert, meinte jetzt ergriffen: „Sie müssen doch wohl glücklich gelebt haben, sonst würde die Wittwe nicht so bleich und ernst all' die Pflichten der Liebe an dem Todten erfüllen." Weithin hallten die Kirchenglocken zur Stunde der Beisetzung. Unter den dumpfen Klängen eines Milttärmufikeorp» aus der nächsten Stadt setzte sich der Tcauerzug in Bewegung; Kränze, Palmen und Lorbeer schmückten den Sarg. Dem Fürsten Sereco ward im Tode mehr Theilnahme gebracht, al» je im Leben, wenn nicht der Hauptantheil davon auf seine Gemahlin fiel. Doctor Fel», der inzwischen im Forsthause angekommen 583 war und in der Anstalt für ganz unschädlich schwermüthig galt, war sogleich in sein Zimmer g-führt worden, während der Director fich in das ihm angewiesene Fremdevstübchen begab, um sich vor der Ankunft des Oberförsters, der dem Begräb- niffe des Fürsten beiwohnte, etwas anrzuruhm und den Staub abzuschütteln. Am offenen Giebelfenster seines Zimmers stand indeffen der arme Doctor Fels und lauschte mit seltsam flimmernden Blicken den feierlichen Glockentömn, welche durch die Luft hin zu ihm schallten; in seinem umdüsterten Geiste regten sich seltsame Empfindungen und Erinnerungen. Er athmete tiefer auf, legte die Hand an die Stiin und sagte: „Was ist das? Sind'« nicht Todtenglocken? Und von dem gräflichen Erb- begiäbniß herüber klingt dumpfe Musik. Wer wird zur Ruhe gebracht? Wahrscheinlich Therese, ja, die arme Therese!" Noch eine Secunde lauschte er, dann schlich er die Treppe hinab in's Schlafgemach des Vaters; hier hing über dem Bette ein geladener Revolver und Artbur nickte unheimlich: „Ah, da ist der Freund, den ich suchte! Vielleicht bedarf ich seiner Hilfe; komm' mit." Und weiter schritt er leise aus dem Hause in den Wald. Der Wahnsinn hatte den unglücklichen jungen Mann wieder ergriffen. Immer weiter trieb es den Unglücklichen fort und hinein in den Wald, während fort und fort die Glocken klangen; ja, es war sicherlich Therese und sein Opfer, die man drunten in den Reihen ihrer Ahnen zur ewigen Ruhe bettete! Sie war erlöst, schwebte als seliger Engel nun dem ewigen Gotterthron zu — während er, ausgestoßen in ewige Finsterniß, ihr fern bleiben mußte. „Kein Wiedersehen, keine Hoffnung," schrie er jetzt gellend, „selbst im Tode n.cht. Aber weshalb lebe ich denn noch? Weshalb martern und peinigen mich die Furien, die noch nicht einen Moment von mir wichen. Ha, ich hab' ja hier ein Mittel dagegen, rasch, unfehlbar, verlockend! Ein einziger Augenblick — und ich werde ruhig daliegen, ohne Schmerz, ohne Gefühl, nur in den Schläfen sieht man ein kleines, rundes Loch! O, Therese, wie verlockend ist es, wenn ich selbst im Tode Deinen Spuren folgen dürfte! Therese, würdest Du mir böse sein oder würdest Du noch als Engel aus dem Paradiese zu mir Dich hernieder neigen und flüstern: Ich kann Dir nicht zürnen!" Die Glocken verhallten feierlich, ein leiser Windzug trug die ernsten Töne des Schlußchorals vom Erbbegräbniß herüber und der unglückliche junge Arzt hob das schöne, todtenbleiche Antlitz empor. „Ich komme, meine Einziggeliebte! Ich komme!" rief er dann. Durch den Wald tönte der Schuß, die hohe Gestalt lag regungslos am Boden, ein leichtes Lächeln umspielte die bärtigen Lippen. — Arthur Fels hatte nur zu gut getroffen, sein Tod war sogleich eingetreten. Bei der Hermkehr des Oberförsters entdeckte man erst das Fehlen des Kranken und — auch die verschwundene Waffe über dem Bett. Doctor Berner wußte genug und bot tieferschüttert dem erregten Vater die Hand. „Es ist kein Zweifel, mein armer Freund hat selbst den Tod gesucht- Kommen Sie, Herr Oberförster, wir wollen die Leiche suchen!" Es dauerte auch nicht lange, bis man den stillen Schläfer fand, neben ihm die abgeschossrne Pistole. Halb bewußtlos vor Herzeleid kniete der Vater neben ihm nieder und sah Doctor Berner wie aus weiter, weiter Ferne an. „Lasten Sie mich allein. Ich muß Abschied nehmen von meinem armen Sohn — er ging von mir, hinausgestoßen wie ein Mrstethäter — und nun ist es zu spät, ihm zu verzeihen." Schweigend zog sich der Doctor zurück, eine Thräne glänzte in seinem Auge. Was der strenge, unbeugsame Mann dort draußen empfunden neben der Leiche des unglücklichen Sohnes, wer will es mit Worten zu schildern versuchen! Lange, lange währte es, bi« er fich müde, völlig gebrochen, erhob und die ineinander verschlungenen Hände emporhob zum blauen Himmelszelt. „O lieb', so lang Du lieben kannst, O lieb', so lang Du lieben magst, Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Wo Du an Gräbern stehst und klagst I" sagte er laut und feierlich, während Thräne um Thräne au« seinen Augen Dann. „Es ist zu spät, zu spät!" Der verwittweten Fürstin Sereco wurde der Tod de« Doctor Fels lange Jahre hindurch verschwiegen. Ihre zarte Gesundheit war durch die schweren Heimsuchungen überhaupt so angegriffen, daß sie gleich am Tage nach dem Begräbnisse ihres Gemahles in Begleitung der Mutter eine Reife nach Italien zu ihrer Erholung antrat. Erst nach drei Jahren erfuhr die Fürstin den Tod Arthurs. Sie blieb Wittwe bis an ihr sieben Jahre später erfolgtes Lebensende und vermachte den größten Theil ihres Einkommens den Armen. Vermischtes. Beleidigter Stolz. Dienstmädchen: „Geld geben wir nicht; wenn Sie aber etwas zu esten haben wollen —" — Bettler: „Dat ploob ich, jetzt, wo Alles im Manöver ir, soll unsereins den Rothstappen spielen!" • * ♦ Telegrammstyl. Der glückliche Vater eines Zwillingspärchens schickt seinem fernen Bruder folgende Depesche: „Un-- geheure Freude — wir haben heute Zwillinge bekommen - später mehr!" ♦ Frühe Liebe. Gymnasiast: „Run, unsere Tanzstunden bald zu Ende gehen, fühle ich erst, wie innig ich Sie liebe, Fräulein Mariechen. Ich werde meine Studien möglichst beschleunigen und sobald ich angestellt bin, werde ich Sie heirathen." — Fräulein Mariechen: „Ach ja, seien Sie so gut!" * » * Ein zerstreuter Lieutenant. Lieutenant: „Gewehr --auf!" — Feldwebel: „H^rr Lieutenant, die Mannschaften sind ohne Gewehr angetreten." — Lieutenant: „Ach so! — Gewehr--ab I" ♦ * ♦ Schwäbischer Humor. Volksfestphotograph zu zwei Leuten vom Lande, die sich aufnehmen laffen wollen: „Einer von Euch muß sein Hut runterthu'." — Einer der Beiden: „Aber warum denn, Herr Photograph? 's wär' doch besser, wenn wir alle zwot d'Hüt' auflasse würdet." — Photograph: „Rix! Wie soll mer denn nachher euch Boide von enander kenne?" ♦ * * Eine neue Getreidesorte. Ein Oeconom, welcher sich seine Frau au« dem Pensionat einer Großstadt geholt hatte, zeigte dieser eines Tages seine Getreidefelder, welche indeß schon abgeerntet waren, so daß nur noch Stoppelfelder vor ihnen lagen. — „Gott, wie herrlich!" rief plötzlich die junge Frau. „Jetzt weiß ich doch auch, wie die Schwefelhölzchen wachsen!" • ♦ • Im Dusel. Ein Studiosus kommt spät am Abend stark angezecht nach Hause und will sich noch waschen. Sein Waschtisch steht neben dem Fenster und er gießt daher das Wasser aus der Kanne statt in das Waschbecken zum Fenster hinaus- — Stimme von unten: „Was soll denn das Heruntergießen von Wasser — ich werde die Polizei holen!" — Studiosus: „Was wollen Sie denn eigentlich — wie kommen Sie überhaupt in mein Waschbecken?!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.