Nnterchaltrrirgsblatt 311m Giehsnev Anzeigev (Gsnsvcrl-Anzeigev) Nr 1893. •2^e> UMM M »WMiSWi- MMLÄ '7-1, Ä‘ Ä 1Tj«3.T - *.' q .. v Dienstag, den 14. November. Herzenskämpfe. Roman von Theodor Schmidt. (Fortsetzung.) Der entscheidende Moment war gekommen. Die Sonne war in ihrer schönsten Pracht zur Ruhe gegangen, die abendlichen Schatten hatten stch schon leicht herab- gesenkt, als Martha, wie sie sich über das bleiche Antlitz beugte, sah, wie dte geschlossenen Augenlider und Lippen leicht erzitterten. Die dunklen Augen öffneten sich mit einem ernsten, verwunderten Blick, der Martha bis in's Herz drang. „Martha," hauchte die Kranke, „was ist mit mir, mein Liebling? Muß ich sterben?" „Mama," stieß das zitternde Mädchen hervor, „laß mich mit Dir gehen." „Ich muß Dir etwas sagen," hauchte die Gräfin, „etwas — gebt mir Luft! Mehr Luft! Ich kann nicht athmen! Ich muß Dir von Deiner wirklichen Mutter erzählen, mein Liebling. Vielleicht that ich Unrecht — aber ich hatte Dich so innig lieb — Du warst mir wie mein eigen Kind — Luft! Mehr Luft!" Martha versuchte die Sterbende ein wenig aufzurichten. „Ich wollte Dir sagen, meine geliebte —" Weiter kam die Gräfin nicht; ein plötzlicher Schleier legte sich über ihre Augen, eine fahle Bläffe bedeckte ihr Gesicht und der halbaufgerichtete Kopf fiel schwer in Marthas Arm zurück. Die Gräfin hatte den letzten Athemzug gethan. Fast so bewußtlos wie die Gräfin, die nun für immer Ruhe hatte, ward Martha in das Nebenzimmer auf die Chaiselongue gelegt. Wenige Minuten später kam die Gräfin von Roddeck mit ihrem Sohn und voll Bestürzung vernahm'sie die Nachricht von dem so schnell eingetretenen Tode. „Wo ist die Comtefle?" fragte der junge Graf. „Führen Sie uns zu ihr." Als sie in das halbdunkle Zimmer traten, richtete Martha sich auf. Ihr müder, angsterfüllter Blick fiel auf Curt, dann kam sie ihm mit einem lauten Schmerzensschrei entgegen; er fing sie in seinen Armen auf und lehnte ihren Kopf an seine Brust. „Martha, mein einzig geliebtes Mädchen," hauchte er, „komm', laß mich Deinen Kummer mit Dir theilen." Mit überströmenden Augen stand die Gräfin Roddeck dabei. Der Anblick dieses verwaisten Mädchens, das so schön in ihrem tiefen Schmerz war, rührte das Herz der stolzen Frau Schweigend zog sie sich zurück und ließ die Beiden allein, deren Liebe der Tod geweiht hatte. Dreizehntes Capitel. Die Gräfin von Roddeck redete, der verlassenen Waise auf's Wärmste zu, mit ihr zu kommen, aber Martha war nicht zu bewegen, das Haus zu verlassen. Doctor Abelt, der Anwalt der Verstorbenen, besorgte unter dem Beistand des jungen Grafen alles zur Beerdigung Erforderliche. Die Gräfin Scherwiz wurde in dem Bergsdorfer Familienbegräbniß bald darauf zur letzten Ruhe bestattet. Am folgenden Tage fand die Eröffnung des Testaments statt. Dasselbe war sehr kurz. Außer einigen kleinen Ver- mächtniflen an verschiedene wohlthätige Anstalten und dte Dienerschaft war Martha die alleinige Erbin der herrlichen Besitzungen, der Equipagen, Pferde. Juwelen und des ganzen übrigen, sehr bedeutenden Vermögens der Erblasserin. Das Document enthielt nichts über ihre Adoption oder Verwandtschaft, noch auch nur ein Wort, dar irgend welchen Aufschluß über Marthas Herkunft gegeben hätte. „Ich bringe Ihnen meinen Glückwunsch dar," sprach Doctor Abelt nach Verlesung des Testaments zu Martha. „Ach, ich wünschte nur," erwiderte diese mit Thränen in den Augen, „ich hätte ein Wort über meine Mutter erfahren." Doctor Abelt und Doctor Greling, langjährige Freunde der Verstorbenen, waren als Vormünder Marthas ernannt- Bis zu ihrem einundzwanzigsten Jahre war ihr ein bedeutendes Jahrgeld ausgesetzt mit der Bestimmung, im Schloß zu Bergsdorf zu wohnen. Nur falls sie sich vor jener Zeit vermählte, sollte sie sofort in den vollen Besitz ihres Eigenthums kommen. Während der wenigen Tage, welche die junge verwaiste Erbin noch in dem großen, vereinsamten Hause in der Residenz verbrachte, leistete Melanie von Selten ihr Gesellschaft; bei ihr, der edlen, selbstlosen Melanie, fand das arme, tief, bekümmerte Mädchen den meisten Trost, und diese vergaß, wenn sie die Trauernde liebkoste und ihr das goldene Haar aus dem lieblichen, schwermüthigen Gesicht strich, daß dieses Mädchen es gewesen, das ihr den Geliebten geraubt hatte. Statt der glänzenden, jugendlichen Schönen, die Curts Herz gewonnen hatte, sah Melanie jetzt nur ein bekümmertes, einsames Mädchen, und Martha hing an ihr wie an einer Schwester. Gegen Ende Juni begab sich Martha mit ihrer neu- . engagirten Gesellschafterin, der verwittweten Frau Regierungsrath Balzer, nach Bergsdorf. In das Heim ihrer Kinderzeit zurückgekehrt, beschloß Martha, unter den Briesen und Papieren der Verstorbenen - 834 -ü zu suchen, ob sich da nichk etwas finden würde, das ihr Aufschluß über ihre Herkunft geben könnte. Sie suchte und suchte — aber vergebens; sie fragte die älteren Leute, die seit lange in den Diensten der Gräfin gestanden hatten, aber auch sie konnten oder wollten ihr nichts sagen. Endlich gab Martha die Hoffnung auf, je etwas über dieses so gut bewahrte Ge- heimniß zu erfahren und suchte es zu vergeffen. Schnell rückte die Zeit näher, zu welcher Martha dem Geliebten versprochen hatte, die Seine zu werden. Die Gräfin Roddeck begegnete der Braut ihres Sohnes immer freundlich und liebenswürdig, in ihrem Herzen hegte sie aber immer noch etwas wie Unwillen gegen Die, welche unbewußt ihren Lieblingsplan und Lieblingswunsch durchkreuzt hatte. Als der Frühling mit feinen Knospen und Blüthen kam, da fand die Hochzeit in der kleinen, hübschen Kirche zu Bergs- dorf statt, und von all' den geladenen Gästen wünschte der jungen Frau Niemand so von Herzen Glück, wie Melanie von Selten. Unter den Gästen befand sich auch Herbert von Kal- born. Mit Freuden hatte er seines Freundes Einladung angenommen, denn er sehnte sich darnach, Melanie wiederzusehen. Er stand an ihrer Seite, als der Wagen, der das junge Paar entführte, davonrollte. „Die sind glücklich," seufzte er. „Ach, welch' beneidens- werthes Loos haben manche Menschen; an Curts Himmel ist, glaube ich, keine Wolke; bei mir allein fehlt aller Sonnenschein!" „Ihnen!" rief Melanie erstaunt. „Seit ich denken kann, hat mein Vetter stets von Ihnen als einem der glücklichsten 9J?cnfdjßtt Qßtcbct/' „Ich kann mich ja auch nicht beklagen," versetzte Herbert, „ich habe bisher gelebt wie die Blumen, ohne mir um etwas Gedanken oder Sorgen zu machen. Erst, wie sich der Ehrgeiz in mir regte und es mich nach einem gewisien Schatz gelüstete, erst da fing ich an, ernster über das Leben nachzudenken, und wie ich in mich blickte, da sah ich wohl, daß ich jenes Schatzes nicht werth war. Wer gewinnen will, muß auch kämpfen." „Warum thun Sie das nicht?" entgegnete Melanie trotz des inneren Kummers voll Interesse. „Sie sind zu gleichgültig. Vor Allem muß ein Mann Zutrauen zu sich selbst haben, wenn er will, daß Andere ihm vertrauen." „Fräulein Melanie," rief da Herbert plötzlich, „wollen Sie einen Pact mit mir schließen? Wollen Sie meine Freundin sein? Ein Mann ist manchmal nur dann edler Thaten fähig, wenn ihn ein edles Mädchen dazu antreibt. Seien Sie meine Freundin, und nichts soll mir zu einem Versuch zu hoch oder zu schwierig sein, wenn Sie mir helfen wollen. Ich würde Ihre Freundschaft höher schätzen, als die Liebe der ganzen Welt!" Herbert war ahnungslos davon, daß seine Worte eigentlich nichts Anderes waren, als eine Liebeserklärung, und Melanie lächelte, als sie in sein hübsches, von Eifer geröthetes Gesicht sah. „Wenn Sie meinen, daß Ihnen das von Nutzen.sein kann, will ich Ihre Freundin sein," sagte sie munter. „Gut," rief Herbert und ergriff ihre Hand, „ich nehme dankend Ihr Anerbieten an und wenn je die Zeit kommen sollte, wo Sie eines kräftigen Armes und starken Herzens bedürfen, stelle ich Ihnen mein Leben zur Verfügung." Diese Worte vergaß Melanie nicht. Vierzehntes Capitel. Curt von Roddeck war mit seiner jungen Frau von der Hochzeitsreise nach der Residenz zurückgekehrt. Die junge Gräfin war so reizend und anmuthig wie immer, nur besaß sie als Frau noch eine ruhige, edle Würde, die ihre Schönheit noch erhöhte, und hätten sich nicht all' ihre Gedanken auf ihren Gemahl concentrirt, so hätten die Huldigungen und Schmeicheleien, die ihr von allen Seiten zu theil wurden, ihr wohl das Köpfchen verdrehen müssen. So lebte sie wie in einem langen, köstlichen Traum. In Liebe war sie aufgewachsen, Kummer und Sorge kannte sie nur dem Namen nach. Den einzigen Schmerz, den sie je erfahren, linderte die Alles heilende Hand der Zeit. Eines Morgens schien die Sonne so hell, die Blumen standen in höchster Blüthenpracht und die Zweige der hohen Bäume neigten sich, als wollten sie Martha unter ihren Schatten einladen. Alles erschien so frisch und froh, und die junge Frau setzte einen leichten Strohhut auf jhr goldenes Haar, hing ein dünnes Tuch um die Schultern und ging hinaus in's Freie; die Thür, die nach dem Park führte, stand offen, sie schritt hindurch und den breiten, schattigen Fußweg hinab. Immer weiter und weiter ging sie, bis ihr Blick plötzlich erschrocken auf der Gestalt einer ärmlich gekleideten Frau haften blieb, die in eigenthümlicher Stellung auf einem moosbewachsenen Steinblock dicht am Gitter saß. Neugierig hatte sie den Fußweg hinabgeblickt, als der erste Schimmer von Marthas Hellem Kleide sichtbar wurde, und die Kinder, die in der Nähe spielten, gefragt: „Wer ist die Dame dort im weißen Kleide und mit dem goldenen Haar?" ' „Das ist die junge Gräfin Roddeck," hatten die Kinder geantwortet. Da trat ein seltsamer Ausdruck in das Gestcht der Frau und ihre Augen folgten einer jeden Bewegung der großen schlanken, weiß gekleideten Gestalt. Martha aber sah sie erst, als sie ihr ganz nahe war, und da fiel ihr das tief bekümmerte und immer noch schöne Gesicht, der müde Blick der großen, blauen Augen und die Schwere und Mattigkeit der ganzen Gestalt auf. Als sie der Frau noch näher kam, stand diese auf und sagte, den Blick fest auf das junge, schöne Antlitz vor ihr gerichtet: „Verzeihung, gnädige Frau, ich bin viele Jahre von Deutschland fern gewesen, daß ich seit lange keine deutsche Blume sah. Wollen Sie mir eine der Rosen schenken, die da im Parke stehen?" . Martha brach eine der schönsten Rosen und reichte sie der Frau. „Sie sehen so müde aus," sagte sie in freundlichem Tone, „Sie kommen wohl von weit her?" „Ja, viele, viele Meilen weit," lautete die Antwort. „Kann ich Ihnen sonst irgendwie helfen?" fragte Martha weiter und zog halb die Börse aus der Tasche. „O nein-, nein!" wehrte die Fremde hastig ab. „Es verlangte mich nur nach einer solchen Rose, für die ich Ihnen herzlich danke." Und als traute sie sich nicht, auch nur noch ein Wort hinzuzufügen, wandte fie sich hastig um und war bald zwischen den dichten Bäumen verschwunden. Verwundert schaute Martha ihr nach. „Was für ein schönes, kummervolles Gesicht!" murmelte sie. „Da steht eine ganze Geschichte darauf geschrieben." Fünfzehntes Capitel. Die Zeit verstrich und mit dem nahenden Weihnachtsfeste fand in der Villa Roddeck große Vorbereitung für die. dazu erwarteten Gäste statt. Unter diesen befanden sich auch Curts Mutter und Melanie, welche ihre Tante nicht verlassen hatte, und Herbert von Kal- born, der keine Gelegenheit versäumte, der „Freundin" zu be- . weisen, daß er mit festem, ernstem Willen auf dem besten Wege war, ein Mann von Ruhm und Namen zu werden: er hatte mit Eifer die diplomatische Carrisre erfaßt und dabei schon manche Lorbeeren geerntet. Ein glänzender Ball sollte das Weihnachtsfest der Glücklichen krönen. . Endlich war der sehnlich erwartete Abend da. Dar Schloß glich in seiner glänzenden Beleuchtung einem wahren Flammenmeer. Das ganze Schloß, die auf das luxuriöseste ausgestatteten Räume, die herrlich duftenden exotischen Pflanzen, die kleinen, so melodisch sprudelnden Fontainen, die rauschende Musik, die blitzenden Juwelen und Diamanten, die schönen, frohen Gesichter, glich fast einem Feenmärchen. Die junge Gräfin in weißem Atlas und kostbaren Spitzen, mit den weithin berühmten Roddeck'schen Diamanten in dem goldenen Haar und auf dem blendendweißen Nacken, sah schöner aus denn je; selbst die stolze Gräfin Roddeck, als sie ihre Schwiegertochter so sah, fand in der ällgemein bewunderten d- 685 u „Sie haben eine Kranke hier, die mich zu sehen wünscht? süß in ihre Brust zurück. Sie hätte lachen können über das traurige Klagen des Windes draußen; das war der Trauergesang von Schmerz und Weh, Noth und Tod; was hatte das mit ihr zu thun, die mit einem Lächeln auf den Lippen diesen schwermüthigen Tönen lauschte und dabei dachte, wie glücklich ste sei- Da kam Fried« Frau Seidel ihr die Thur, rich, ein alter Diener des Hauses, auf das Boudoir zu; als r,nF'w ß f er sich seiner jungen Herrin näherte, sah er sich flüchtig nach allen Seiten um, damit Niemand höre, was er ihr zu sagen hob die Gräfin an. , , , , , , LU ... „Ja, die Frau, die zur Miethe bei mir wohnt," versetzte Frau Seidel, „der Arzt meinte, sie könne jede Minute sterben. - Sie liegt oben," suhr ste sort, „soll ich die Frau Gräfin $eUe Seife näherte sie sich dem Bette und dann stieß sie einen leisen Ausruf der Ueberraschung aus- Bleich und abgezehrt mit tiefen Schatten unter den Augen, lag dort dasselbe schöne Gesicht, das Martha diesen Sommer gesehen hatte. Es war die elbe Frau, die ste diesen Sommer am Parkthore um eine Rose gebeten hatte. Mit brennendem Blick ruhten die großen, traurigen Augen auf ihr; die Lippen zitterten und bebten, vermochten aber kein Wort hervorzubringen. „Sie wünschten mich zu sehen," Hub Martha an, „ich auf ihr. Es war ein kalter, trüber Morgen ohne einen einzigen Sonnenstrahl, als Martha sich zum Ausgehen zurechtmachte. „Sie werden frieren, Frau Gräfin," sagte Nannette, ihre Jungfer, und hüllte ste noch in ein warmes Tuch. „Ja, aber eine Morgenpromenade wird mir gut thun, erwiderte Martha, „wenn der Graf nach mir fragen sollte, so sagen Sie ihm nur, ich sei ausgegangen, werde aber um zehn Uhr wieder zurück sein." Als Martha das ihr bezeichnete Häuschen erreichte, öffnete habe. c . „Frau Gräfin," sprach er dann und zog em zusammen« - gefaltetes Blatt Papier hervor, „ich soll Ihnen dies geben, hinaufführen? ohne daß Jemand davon hört oder steht." Hastig öffnete Martha das Billet, es war fast unleserlich, als ob die Hand, die er geschrieben, heftig gezittert hätte. „Frau Gräfin," lautete es, «der Arzt sagt mir, ich muffe sterben; schon seit zwei Tagen ringe ich mit dem Tode, ich kann die Welt nicht verlaffen, bis ich Sie gesehen habe. Wenn ich Sie nicht noch einmal sehen und sprechen kann, habe ich keine Antwort auf die Fragen, die mir im Jenseits vorgelegt werden. Auf der Schwelle des Todes flehe ich Sie an — kommen Sie zu mir — zögern Sie nicht. Und wenn Ihnen die Liebe und das Glück Ihrer Umgebung werth ist, so sagen Sie Keinem ein Wort hiervon. Sie finden mich in dem kleinen, grauen Häuschen unten bei den Weiden." „Sonderbarl" sprach Martha, nachdem sie gelesen- «Wer hat das gebracht, Friedrich?" „Frau Seidel, die unten bei den Weiden wohnt." „Wollte sie nicht auf Antwort warten?" „Nein, sie bat mich nur, der gnädigen Frau das zu geben, wenn Niemand dabei fei." „Es muß eine Bitte um Geld fein," dachte Martha, als „Nein, bemühen Sie sich nicht, ich kann allein gehens Selbst als Martha die schmale Holztreppe hinaufstieg, klangen ihr die Worte in den Ohren: „Auf der Schwelle des Todes flehe ich Sie an." Das Räthfel sollte bald gelöst werden. . Auf ihr Klopfen rief eine matte Stimme: „Herein I Wann wird die junge Gräfin je das Bild vergessen? Es war ein kleines, kahles, aber sauberes Zimmer, m das Gräfin Martha trat. An der einen Wand stand ein schmales Bett, davor ein kleiner Tisch; in dem Ofen brannte ein helles sie wieder allein war. „Ich wünschte, daß, wer es auch geschrieben haben mag, mir einfach gesagt hätte, was er wollte." Aber die seltsam feierlichen Worte: „Auf der Schwelle des Todes flehe ich Sie an," wollten ihr nicht aus dem Sinn und drangen immer durch die lustigen Klänge der Ballmusik hindurch. „Du scheinst müde, Martha," sagte Curt zu seiner jungen Frau. „Nein, ich bin nicht mehr müde," versetzte sie schnell, „nur —" Dann stockte sie plötzlich, denn sie erinnerte sich der Worte: „Wenn Ihnen die Liebe und das Glück Ihrer Umgebung werth ist, so sagen Sie Keinem ein Wort hiervon." „Nun?" wiederholte Curt lächelnd, doch sah er verwundert, daß seine Gattin erröthete und die Worte ihr auf den Lippen er starben. ,,, r Sie gab eine ausweichende Antwort und wandle sich ab. Wie gern hätte sie ihm das Billet gezeigt und ihn gefragt, was er davon halte, und doch hielt sie eine seltsame Furcht davon zurück, ste wagte nicht, dem geheimnißoollen Befehl zu« wider zu handeln- Sie war froh, als die Baromn Golzach sich verabfchiedete; bald folgten auch die anderen Gäste ihrem Beispiel, und nachdem der letzte Gast das Haus verlassen, zog sich auch die Familie, befriedigt von dem herrlichen Abend, zurück. Fast zum ersten Male floh die junge Gräfin der Schlaf. Unruhig warf sie den goldenen Kopf hin und her und zum ersten Male hörte sie aus den Klängen des Windes den bitteren Schmerzensruf von Noth und Verzweiflung. „Dieser Unruhe muß ich ein Ende machen," dachte sie- „Vor zehn Uhr wird morgen Niemand beim Frühstück fein; ich «erde mich um acht ankleiden und nach den Weiden gehen. i Wenn Curt mich bemerkt, wird er glauben, ich mache eine Morgenpromenade." Doch schon dieses unschuldige Geheimniß lastete schwer Schönheit und Anmuth derselben Drost dafür, baß Melanie i von Selten nie Herrin dieses alten Schlosses sein konnte. Als Curt mit ihr am Arme die glänzend erhellten Räume durchschritt, hörte er diese voll Freude und Ueberraschung zum ersten Male mit Wärme und Bewunderung von seiner Gattin reden. Und als sie' in ein kleines, stilles Boudoir kamen, fanden sie Martha, die sich auf ein paar Minuten hierher zurückgezogen hatte. e ; ~ „Ich bin müde," antwortete ste auf eine Frage ihres Gatten, „müde von Glück und Vergnügen." Curt lächelte, und die Gräfin, die Martha feit ihrem Hochzeitstag nicht geküßt hatte, beugte sich zu ihr herab und drückte ihrs Lippen herzlich auf das schöne Gesicht, das bei dieser Berührung vor Freude erglühte. „Du hast mich heute Abend entzückt," sagte sie herzlich, „ich glaube wirklich, Du erringst Dir Aller Herzen." Dann ging sie weiter und ließ die beiden Gatten alldm. „Ach, Curt, ich bin zu glücklich," sprach Martha, „eine einzige Sorge hatte ich: daß Deine Mutter mich nie lieb gewinnen würde. Aber jetzt weiß ich das besser und ich hoffe, daß ich ihr einst noch ebenso lieb werde, wie Melanie." „Noch viel lieber," erwiderte Curt mit einem innigen Blick in das schöne Antlitz. ,, , „Dann bleibt mir nichts mehr zu wünschen übrig," sagte Martha mit einem Seufzer unaussprechlicher Befriedigung. „Ich kann nicht bei Dir bleiben, Kind," sagte Curt, „ruhe noch eilt paar Minuten, ich komme dann wieder und hole Dich." Lächelnd begegneten sich ihre Blicke, und viele Jahre vergingen, ehe Curt denselben glücklichen Ausdruck wieder auf dem schönen Gesicht sah. . Aus der Ferne tönten zu Martha dis Klänge der Musik herüber, dann und wann von dem klagenden Ton der Winde unterbrochen, welche die Wipfel der Bäume und mit dem Schmerzensrufe einer verlorenen Seele die Mauern des Schlosses umkreisten- Aber die schöne, junge Gräfin, die keine Sorge kannte, ruhte behaglich in dem kleinen, matt erleuchteten Bou« doir, während der Schein des Kaminfeuers auf ihren Juwelen glitzerte und einen Heiligenschein um ihren goldenen Kopf warf. Die Erinnerung an die Worte der Gräfin klangen noch fürchte, ich habe sie erschreckt, warten Sie ein paar Minuten, dann werden Sie bester im Stande sein, zu reden." Die fieberhaft glühenden Augen der Kranken schloffen sich, und schweigend betrachtete Martha dar schöne, traurige Gesicht, dessen hohe Stirn von tiefen Sorgenfalten durchfurcht war. (Fortsetzung folgt.) Merkwürdige Fnstinkthandlungen der Thiere. Von Dr. Curt Grottewitz. (Schluß.) Mehrere Vögel, die in großen Heerden leben, wie die Kibitze und die Kraniche, bilden eine gut organistrte Gesellschaft, die besonders ihre Wachtposten aufstellt, um von jeder nahenden Gefahr augenblicklich unterrichtet zu werden. Die Kraniche schicken auf ihren Reisen eine Art Eclaireurs voraus, welche das Land auszukundschaften haben, wenn es ihnen nicht ganz geheuer erscheint. Aehnliche Gesellschaften giebt es auch unter den Säuge- thieren. So bei den Rennthieren und wilden Rindern, die meistens starke muthige Thiere zu ihren Führern erwählen, welche die Route angeben, die.die Herde einschlagen soll, und welche für die anderen wachen und sie im Falle der Gefahr beschützen. Ein äußerst merkwürdiges Phänomen, das bei vielen Thieren vorkommt, ist die List, sich todt zu stellen. Die sibirischen wilden Gänse z. B. werfen sich, wenn ihnen Jemand nahe kommt, plötzlich wie todt zur Erde und rühren sich nicht mehr. Sie thun das allerdings nur zur Zeit der Mauser, wo sie, ihrer Federn beraubt, nicht fliegen können. Wenn sie so unbeweglich daliegen, so werden sie nicht so leicht bemerkt, und sogar in dem Falle, daß ein Feind sie entdeckt, wird er sie als todt und ungenießbar verschmähen. So entgehen diese Thiere oft gerade dadurch dem Tode, daß sie den Glauben erregen, jenem schon verfallen' zu sein. Dieselbe List wird auch von mehreren Käfern, sogar von Fischen, dann auch von Füchsen, Wölfen und noch marchen anderen Thieren angewendet. Bemerkenswerth ist folgender Fall, den der Amerikaner Morgan erzählt: Eines Tages drang ein Fuchs in den Hühnerstall eines Farmbesitzers ein, würgte eine große Anzahl Hühner hin und füllte seinen Magen so reichlich damit an, daß er aus der kleinen Oeffnung, durch welche er hereingeschlüpft war, nicht wieder herauskonnte. Der Besitzer fand ihn am anderen Morgen, auf den Boden hingestreckt, scheinbar todt infolge von Uebersütterung; er nahm ihn bei den Beinen, trug ihn arglos heraus und ließ ihn in der Nähe des Hauses auf das Gras fallen. Kaum fühlte Meister Reinecke sich frei, so sprang er auf die Beine und entwischte. Auch von Affen hat man beobachtet, daß sie sich todt stellen, allein hier nicht zu dem Zwecke, einer Gefahr zu entgehen, sondern vielmehr um andere Thiere an sich heranzulocken. So legte sich ein Affe regungslos auf den Rücken und wartete, bis Raben, die ihn für todt hielten, nahe genug an ihn herankamen, um sie zu sangen. Hatte er einen der überlisteten Vögel erfaßt, so pflegte er ihm die Federn auszurupfen und sie an der Oeffnung des Kieles auszusaugen. Eine große Rolle bei den Jnstinkthandlungen der Thiere spielt auch die Nachahmung. Diese ist keineswegs nur den Affen eigen; auch andere Thiere, selbst die Insekten liefern für diesen Trieb vortreffliche Beispiele. Darwin beobachtete, wie sich Hummeln dadurch den Honig aus einer Blume holten, daß sie mit ihren Tasten Löcher in den Kelch bohrten. Die Bienen, die vorher dieselben Blumen häufig aufsuchten, um den Saft auf die gewöhnliche Weise von innen aufzunehmen, folgten nun plötzlich dem Beispiele und holten den Honig aus den Löchern, welche die Hummel angebohrt hatten. Katzen haben die Gewohnheit, sich das Gesicht zu waschen. Wenn nun aber ein junger Hund, wie es häufig vorkommt, von einer Katze erzogen wird, so nimmt er ebenfalls die Gewohnheit an. Ein Hund, der mit einer sechs Wochen älteren Katze zusammenlebte, und während zwei Jahren nie mit einem Thier seinesgleichen zusammenkam, ahmte alle die Eigenschaften nach, die wir sonst an Katzen beobachten. Er hüpfte wie eine Katze, leckte seine Pfoten, rollte einen Ball oder spielte mit einer Maus. Er ist ferner bekannt, wie Papageien und Staare verschiedene Stimmen «achzuahmen lernen. Aus der Fähigkeit der Nachahmung beruht ja auch zum großen Theil die Erziehung, die verschiedene Thiere, z. B. der Adler, ihren Jungen angedeihen lasten. Merkwürdig aber ist, daß Thiere bisweilen durch Nachahmung ihre ganze Lebensweise verändern können. So nahm man einem Adler, der drei Eier in seinem Neste hatte, zwei davon weg und legte zwei Gänseeier an deren Stelle. Der Adler brütete sämmtliche Eier aus, indesten starb die eine junge Gans sehr bald. Der Adler zerstückelte sie und setzte sie der anderen Gans zum Fräße vor. Allein dieser fiel es nicht ein, die Fleischnahrung, an welche die vegetarischen Gänse nun einmal nicht gewöhnt sind, zu sich zu nehmen. Jedoch da sich der Adler nicht darauf versteifte, seiner Brut nichts als animalische Speise zu verabreichen und gar nicht daran dachte, des Gänsleins wegen eine neue Tischordnung einzuführen, so gewöhnte sich das letztere einfach daran, das Fleisch zu essen, wie es der junge Adler that, mit dem es aufgezogen wurde. Bisher vollständig unbegreiflich ist uns der Instinkt, der den Thieren die Richtung ansagt, in welcher ihre Wohnung liegt. Der Franzose Fabre nahm mehrere Bienen aus einem Stocke, machte sie durch ein Zeichen kenntlich und trug sie in einer geschlossenen Pappschachtel etwa drei Kilometer weit hinweg. Dann ließ er sie frei, und wirklich kamen eine große Anzahl der Bienen nach ihrem Ausgangspunkt zurück. Er wiederholte dieses Experiment mehrere Male und fand, daß es dabei ganz gleichgültig war, ob die Insekten auf großen Umwegen, und sogar nach mehreren Rundgängen nach der drei Kilometer entfernten Stelle gebracht wurden. Es konnte also nicht von dem. Zufall abhängen, daß diese Bienen den Weg zurück nach ihrem Stock fanden, woher sie freilich diesen Instinkt der Richtung nehmen, das wissen wir nicht. Bei Vögeln, die jährlich ihre Wanderungen in andere Länder unternehmen und sich doch zu ihrem früheren Neste zurückfinden, ist dieser Instinkt zu bekannt, als daß wir ihn noch merkwürdig finden. Der seltsamste und unheimlichste aber von allen Instinkten ist wohl derjenige, den mehrere Wespenarten besitzen. Dieselben fallen Spinnen, Insekten und Raupen an und picken ihnen die Nervenstränge auf, so daß die Thiere nicht getödtet, sondern nur gelähmt werden. Sie bringen dann ihre Opfer, die noch lange Wochen trotz der Vernichtung des Nervensystems leben können, in Löcher, die sis vorher ausgehöhlt haben und bewahren jene hier auf, damit sie der Brut als Nahrung dienen. Das Ueber- rafchende dabei ist, daß diese Wespen genau die Stelle wissen, an welchen der Nervenknoten oder die einzelnen Ganglien der verschiedenen Thiere liegen. Den Spinnen versetzen sie einen einzigen Stich in den großen Ganglienknoten, der die Hauptmasse der Nervensubstanz bei diesen Thieren darstellt. Die Käfer legen sie auf den Rücken und stechen ihnen in die Haut zwischen dem ersten und zweiten Beinpaare, wo die Centralstelle der Nerven liegt. Den Raupen bringen sie mehrere Stiche bei genau an der Stelle, wo die einzelnen Rückenmarksknoten liegen, kurzum, bei jedem Thiere kennen diese unheimlichen Feinde anatomisch genau die Stelle, wo ihre Opfer ihren Zwecken entsprechend zu treffen sind. Beruht hier der Instinkt auf einem grausamen und fast raffinirten Kunstgriff, so haben andere Instinkte etwas Rührendes und Erhebendes. Der Hund, der sich an seinem Herrn so gewöhnt, daß er sich für ihn opfert, oder in Trauer dahinwelkt, wenn jener stirbt, der Vogel, der ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben sich dem überlegenen Feinde entgegensetzt, wenn dieser seine Jungen angreift, sie geben uns Beispiele dafür, daß die Natur nicht nur Gefallen findet an Grausamkeit und Zerstörung, daß auch hier Züge zu finden sind, die wie liebliche Idyllen auf uns wirken. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.