Samstag, den 14. Oktober. 1893 । D B § M der r%''’rju«TT.-/ LS- Dunkle Mächte. Novelle von B. Corony. (Fortsetzung.) „Seiner Glückes? — Deine Antwort befriedigt mich wenig. Ich meine, zwischen Eheleuten darf es keine gesonderten Interessen geben, und wenn der Eine sich geehrt und erhoben fühlt, muß der Andere ebenso denken und empfinden. — Nun, vielleicht ist dar heutzutage nicht mehr Mode. — Sieh', .ich hegte keine Liebe für meinen Gatten, ja, ich sah mich sogar in mancher Hinsicht recht enttäuscht, denn mir flammte glühender Ehrgeiz in der Brust, und er war mit seinem Alltagsloose zufrieden. Wenn nur das Mahl zur bestimmten Stunde auf dem Tische stand und die bescheidene Miethe rechtzeitig bezahlt wurde, so genügte ihm das vollkommen. Ich dachte anders, ging aber trotzdem wie ein treuer, ehrlicher Kamerad neben ihm her, half ihm über viel Trübes hinweg, belebte seinen Muth immer wieder von Neuem und ließ mir nie anmerken, daß ich ein schöneres Loos ersehnte. Um keinen Preis der Welt hätte ich ihn gekränkt- Er war ein guter Mann und konnte nichts dafür, daß er so wenig Energie besaß. Freilich dachte ich oft, es wäre für uns Beide besser, wenn er am Nähtisch säße oder am Küchenherd stände, und ich an seiner Stelle ins Bureau gehen und mit den Vorgesetzten verhandeln dürfte; aber wenn mir auch solche Worte auf der Zunge schwebten, ausgesprochen wurden sie nicht. Er lebte und starb in dem Wahn: ich sei eine der glücklichsten Frauen und habe meine ganze Seligkeit bei ihm gefunden. Hätte er aber vorwärts gestrebt und Großes erreicht, so würde ich in Anbetung vor ihm auf den Knieen gelegen, würde ihn vergöttert und zu ihm wie zu einem leuchtenden Gestirn aufgeblickt haben- Mit Dir meint es das Schicksal besser. Georg legt Dir Lor« deerkränze zu Füßen, doch Du hebst sie nur auf, um ihre Blätter achtlos in den Staub zu streuen. Es thut mir um Deiner selbst willen leid, daß Du nicht anders empfinden kannst." Auf Rafaelen» bebende Lippen drängten stch die Worte: „Aber Dein Herz ist frei und das meine ist es nicht. Du folgtest dem Gatten aus eigenem Antriebe und ich fügte mich dem Willen einer Sterbenden." Die alte Frau ließ ihr jedoch keine Zeit, sich in solcher Weise zu vertheidigen. Sie war bereits auf den Corridor getreten und zog die Thüre hinter stch zu. Magda flog der Scheidenden nach. Es war ihr, als müsse sie derselben etwas anvertrauen. — Aber neben der hohen, kräftigen Gestalt hergehend, suchte sie vergebens in ihrem Gedächtniß. Was sie so geheimnißvoll zu Frank zog und doch wieder abstieß, dieses seltsame Gemisch von Bewunderung, Unterwürfigkeit und zornigem Aufbäumen hätte ja doch auch sogar ein beredterer Mund nicht zu schildern und zu erklären vermocht. Wenn sie selbst des Räthsels Lösung nicht finden konnte, wie sollte dies dann Anderen gelingen? Die Wittwe kehrte nach P- zurück und las, in ihrem gemüthlichen Stübchen sitzend, immer wieder die glänzenden Kritiken, welche das neu erfchienene Werk als ein epochemachendes priesen. „Viele Tausende wissen es nun schon," flüsterte sie, endlich die Blätter zusammenfaltend und an die Brust drückend. „Ein Leben voll Entbehrungen liegt hinter mir, ich bin eigentlich nie jung gewesen, weil ich die Freuden der Jugend nie kennen lernte, aber nun möchte ich doch mit keiner Anderen tauschen, denn mein höchstes Ziel ist erreicht. Ich darf mich die Mutter des berühmten Arztes nennen." VII. Georgs Stern begann wirklich in immer hellerem Lichte zu strahlen — und nach abermals zwei Jahren wurde des Namens „Frank" nie vergessen, wenn man von bedeutenden Männern der Gegenwart sprach. Aber das häusliche Glück wollte dessenungeachtet nicht in Claus witz einziehen. Rafaelen« Schönheit hatte sich zur vollsten Blüthe entfaltet und schien gleichsam veredelt, doch die Nixenaugen blickten oft so traurig und träumerisch, daß man ungestillte Sehnsucht oder schmerzliche Klagen in ihnen zu lesen glaubte. Diese Melancholie zu bezwingen, war Frank mit eiserner Ausdauer bemüht gewesen, doch vergebens. Zwar dankte ihm die junge Frau mit freundlichem Lächeln, wenn er stets Neues ersann, um sie zu erfreuen und ihr Zerstreuung zu verschaffen, es mußte ihm aber dennoch klar werden, daß er keinen Antheil an ihrem Seelenleben habe, und diese Erkenntniß erfüllte ihn mit namenloser Erbitterung und Verzweiflung. In solcher Stunde höchster Erregung brach das Rauhe, Heftige, Herrschsüchtige seines Charakters, brach eine fast wilde Eifersucht unaufhaltsam hervor, und es spielten sich Scenen ab, welche Rafaelens Zart- sinn verletzten und eine noch tiefere Kluft zwischen den beiden für immer aneinander geketteten Menschen aufriß. Zuweilen war es dann Magda, die, leidenschaftlich aufflammend, Franks Sache führte. „Du verkennst Dein Glück I Du weißt nicht, was es heißt, geliebt zu fein und unumschränkte Macht über ein stolzes Herz zu besitzen!" rief sie einst, als wieder ein peinlicher Auftritt stattgefunden hatte. r-' M - „Weißt Du es denn?" fragte die junge Frau, sie über* rascht anblickend. „Nein, aber ich ahne es. Kann sich nicht auch der Bettler ungefähr denken, wie Dem zu Muthe ist, der auf seidenen Kiffen ruht und sich mit allen Wundern feenhaften Glanzes umgeben darf? In Deinen Adern muß Eiswaffer statt Blut fließen, weil nichts Dich zu erwärmen vermag." „Du selbst machtest mir die bittersten Vorwürfe, daß ich mich bewegen ließ, Georgs Braut zu werden." „Das that ich! Mich ergriff damals eine unbeschreibliche Angst, ob um Dich oder um ihn, weiß ich nicht. Zwischen Euch treten, Euch auseinanderreißen, trennen für Zeit und Ewigkeit hätte ich mögen; vielleicht, well mir das Elend vorschwebte, das ich nun täglich vor Augen habe. Es ist ja etwas von einer Kaffandra in mir, von einer unseligen Hellseherin, der sich das Unheil schon zeigt, wenn rosige Wolken es noch anderen Sterblichen verhüllen. Ja, ich würde Dich gern von den Stufen des Altars zurückgestoßen haben — doch des Schicksals Schritt ist nicht zu hemmen. Von Erich hast Du Dich losgesagt; jetzt finde die Kraft, Dich Deiner neuen Lebensaufgabe voll und ganz zu weihen. Du sollst Frank nicht unglücklich machen, nicht hemmen in seinem Flug zur Sonne, indem Du ihn durch das Bleigewicht häuslichen Unfriedens in den Staub herabziehst." „Du sprichst immer nur von ihm und nie von mir," sagte Rafaele befremdet. Mazda warf sich an ihre Brust. „Verkenne mich doch nicht! So Vieles stürmt auf mich ein. Wie die wildbewegte Woge über das Ufer hinweg, so strömt, was ich denke und fühle, über meine Lippen. Ich kann es nicht ändern. Mehr als Freundin und Schwester warst Du mir immer und bist es mir noch, deshalb möchte ich Dich ausgesöhnt wissen mit Deinem Loose und eins mit den Pflichten, die Du übernommen hast. Ich weiß ja, ich sehe es stündlich, welch' ein gewaltiger Character Georg ist, wie er der Natur ihre verborgensten Kräfte abringt und dank seiner unbeugsamen Energie selbst dort Sieger bleibt, wo bereits Alles verloren scheint und Andere längst zaghaft und an der Grenze ihres Könnens angekommen, den Kampf aufgegeben haben. Ist es zu verwundern, wenn dieser geistige Gigant die Scheidewand, welche Du zwischen ihm und Dir errichtetest, mit einem Schlage niederschmettern möchte, wenn Deiner ewigen kühlen Freundlichkeit gegenüber sein Zorn oft zu verheerenden Flammen emporlodert? Ich begreife das, denn wenn ich Jemand so unaussprechlich liebte, wie er Dich, und könnte ihn dann nicht aufrütteln aus seiner Lethargie, nicht losreißen von der Vergangenheit und nie einen Funken begeisterter Bewunderung in ihm entzünden, während die Welt staunend vor meinen Thaten stände, so würde ich lernen, ihn zu hassen. — Doch warum sage ich Dir das Alles und was hilft es? Dein Mund bleibt ja doch stumm, well Dein Herz Dir keine Vorwürfe macht." Mit ihrem gewöhnlichen Ungestüm wandte sich Magda ab und eilte fort. Sinnend stützte Rafaele den Kopf in die Hand. Sie hatte immer gemeint; Alles in Gegenwart der Mutter Versprochene auch getreulich gehalten zu haben und war sich des reinsten Willens bewußt. Selbst in edelster Absicht eine Lüge auszusprechen und Andere über ihre wahren Gefühle zu täuschen, widerstrebte be.n aufrichtigen und stolzen Gemüthe der jungen Frau, daß aber etwas geschehen müsse, um das häusliche Leben in Clauswitz wenigstens erträglich zu gestalten, wurde ihr allmälig klar. Streng richtend unterwarf sie ihr Betragen, dem Gatten gegenüber, ernster Prüfung. Vielleicht machte eine herzliche, freundliche Aussprache doch Alles besser und endete endlich die beklagenswerthen, immer wieder neu auftauchenden Zwistigkeiten. Der Versuch sollte wenigstens gemacht werden. Ein reizendes, wenn auch etwas trauriges Lächeln verklärte Rasaelens Antlitz, als sie bald daraus in das Arbeitszimmer Franks trat. „Ich komme zu Dir, weil ich mich im Unrecht fühle und Dich versöhnen möchte," sagte sie weich und ohne zu wissen, welch' berückenden Klang sie in diese Worte legte. Frank blickte erstaunt in die wunderbaren, in einem sanften Gemisch von hellbraun und grün strahlenden Augen, er blickte auf die weiße Hand, die sich ihm entgegenstreckte, sprang empor und umschlang, während eine dunkle Blutwelle seine Stirn färbte, das schöne Weib. Als sähe er die Sonne flimmernd und siegreich schwere, dunkle Wolken zertheilen, war ihm z, Muthe, und Rafaele mit stürmischer Leidenschast in die Arme pressend, rief er aus: „So habe ich Dich nun errungen, Du süßes, seltsames, herrliches Wesen! Ich mußte ja, daß ich es endlich erreichen mußte, und hätte mir der Himmel nicht geholfen, so würde ich zur Hölle meine Zuflucht genommen haben! Es gibt keine Seligkeit für mich, so lange D u mir fern stehst. Deine Seele, Deine Gedanken, Deine Wünsche müssen mir gehören! Und so ist es jetzt! Nicht wahr, das willst Du mir sagen, das drängt es Dich, Du Stolze, Unnahbare, mir zu vertrauen?" „Nein, Georg täuschen darf und will ich Dich nicht," erwiderte sie, sich sanft loswindend, „das würde der Heiligkeit dieser Stunde wenig entsprechen und mich vor mir selbst erniedrigen. Dein bin ich für dieses Leben, der Mutter Wunsch und Gebot vereinigte uns, aber daß ich Dir keine zärtliche Neigung darzubieten hatte, wußtest Du. Ich hegte einst eine tiefe, unendliche Liebe — sie mußte begraben werden — aber so wie damals, wie in dieser schönen, sorglosen Zeit kann ich nie wieder empfinden. Etwas, das auch kein Gott wieder zu erwecken vermöchte, ist gestorben in mir. Meine Hand in die Deine legend, sprach ich offen und ehrlich. Heute wurde mir aber klar, daß ich meine Mission bisher doch nicht im Sinne der Dahingeschiedenen erfüllte; deshalb stehe ich jetzt vor Dir und sage: Es soll besser zwischen uns werden. Ich will mich künftig an Deinem Streben nach Kräften betheiligen, will mich Deiner Erfolge freuen, wie der eine« theuren Freundes! Du sollst mich nie mehr kalt, verschlossen und düster finden, ich werde —" „Genug! Fernere Versprechungen kannst Du Dir sparen," unterbrach Frank sie rauh und schob sie fast heftig zurück. „Ich erhoffte — ja, erwartete mehr und bin mit Dem, was Du mir wie ein kärgliches Almosen bietest, nicht zufrieden. Den Vorwurf der Unaufrichtigkeit darf ich Dir allerdings nicht machen, aber ich fetzte voraus, gerade Dein Stolz würde Dir überwinden helfen. Was hat Erich von Degenfeld denn ge- than, um sein Glück festzuhälten? Wollten wir selbst anneh- men, daß er unschuldig wäre, so könnte doch sein Mangel an Energie nur Mitleid und Verachtung erregen. Warum wußte er sich nicht zu rechtfertigen? Ich begreife, daß e» Fälle geben kann, wo man Ehre und Seligkeit opfert, well man von dunklen Mächten dazu gezwungen wird, daß man aber freiwillig das Theuerste hingibt, daß man feig zurückweicht, ohne den Kampf zu wagen, wenn er auch noch so wenig Aussicht aus Erfolg bietet, das begreife ich nicht. Es ist jämmerlich, wenn ein Mann sich bei Seite schieben läßt, wenn er nicht gleich Simfon Alles in Trümmer stürzen möchte, über den Häuptern Derjenigen, die ihm feindlich und hindernd in den Weg treten. Fühlst — verstehst Du das nicht?" „Ich kann ihn nicht verurtheilen, an dem einst meine ganze Seele mit überfluthender Zärtlichkeit hing." „Und nach hängt!" „Wäre es fo, dürftest Du mir dann zürnen? Wir sind nicht für unsere Empfindungen, sondern nur für unsere Handlungen verantwortlich, die meinen werden immer rein und ehrenhaft fein." „Ich wiederhole Dir aber, daß ich mit diesen Brosamen, die Du mir wie einem hungernden Vogel hinwerfen willst, nicht zufrieden bin!" rief Frank, sich immer mehr und mehr erregend. „Dein unumschränkter Besitz ist es, den ich verlange, der mich entschädigen soll und muß für Vieles — ach, für unendlich Vieles. Meinst Du denn, das Bewußtsein, Dich an einer unzerreißbaren Kette neben mir herzuschleppen, könne mir genügen? Da kennst Du mich schlecht! Deine Seele begehre ich, Dein ganzes Denken will ich ausfüllen. Wie ich in Air, so sollst Du in mir das Höchste sehen! Vermagst Du das nicht? Ist Dir eine so rückhaltlose Hingebung unmöglich? Wird sie Dir es immer sein?" „Ja, Georg. — Mehr als treue, schwesterliche Freundschaft darfst Du nie von mir verlangen." „Und um mir das zu sagen, bist Du gekommen?" „Um Dir die Hand zu einem schönen, innigen Freundschaftsbunde zu bieten." „Haha!" lachte er schneidend und bitter auf. „Für so bescheiden darfst Du mich denn doch nicht halten. Von einem Verhältnis, wie es Hysterische oder überspannte Dichter zwischen Mann und Weib für möglich halten, kann keine Rede sein. Freundschaft sproßt vielleicht auf dem Boden einer kühlen gegenseitigen Zuneigung hervor, als arme, verkümmerte, duft- und farblose Pflanze, wo jedoch die oft giftige, aber immer entzückende Wunderblume „Liebe" ihre Wurzeln schlug, da kann das arme kleine, an der Erde kriechende Gewächs nicht fortkommen. Nichts oder Alles ist mein Wahlspruch I Erringen oder selbst zu Grunde gehen auf den Trümmern zerschellter Hoffnungen! — Du bist mein. Der Ring an Deiner Hand kettet Dich an mich, und ich werde nie freiwillig diese Fessel lösen. Kann ich Dich nicht losreißen von Dem, was Dich an die Vergangenheit knüpft, dann desto schlimmer für uns Beide! Glück oder Verzweiflung, Jammer oder grenzenlose Lust! — Ein Mittelding gibt es in diesem Falle nicht." „So weisest Du zurück, was ich Dir mit warmem, treuem Herzen bieten wollte?" „Ja! Es ist mir zu wenig. Ich bin kein Bettler, der für Pfennige oder für ein trockenes Stück Brod dankt." Traurig wandte sie sich ab und legte die Hand auf die Thürklinke. „Rafaele!" tönte es noch einmal an ihr Ohr. Regungslos blieb sie stehen, wie fest gebannt durch die allmächtige Gewalt einer Leidenschaft, welche sie zwar nicht zu erwidern vermochte, die aber doch ihr ganzes Sein, wie in einem Zaubernetze, gefangen nahm- „Georg? —" »War das Dein letztes Wort? — Wirst Du nie — nie anders zu mir sprechen?" Lange schwieg sie, die verborgensten Tiefen ihrer Seele erforschend, um dann schmermüthig zu erwidern: „Rein — nie!" „Kann Dein Herz sich mir niemals zuwenden?" „In der Weise, wie Du es verlangst, — nein! Doch —" „Es ist gut! Gehe!" Wie schroff und kalt das klang! Die Thränen stoffen schweren, schimmernden Perlen gleich über die Wangen der jungen Frau. „Gott helfe uns Beiden, Georg," flüsterte sie mit versagender Stimme, dann rauschten die Portieren hinter ihr zu und Frank sank in den vor dem Schreibtisch stehenden Stuhl, preßte die geballten Hände an die brennenden Schläfen und ächzte, den Todtenkopf anstarrend: „Wer erst so weit wäre wie Du und über alle Erdenpein lachen könnte!" Wie lange er so saß, die Stirne in beide Hände gestützt, vermochte er selbst nicht zu berechnen- Zweimal kam der Diener, um zu melden: „Herr Doctor, int Wartezimmer sind verschiedene Personen." „Sie mögen sich gedulden!" lautere die barsche, ungeduldige Antwort. Wieder vergingen Minuten — oder Stunden? Er wußte er nicht und fuhr erst empor, als sich eine kleine weiche Frauenhand auf seine Schulter legte. War Rafaele zurückgekehrt? — Ach, nein — Magda stand vor ihm, die großen, schwarzen Augen weit und angstvoll geöffnet. „War ist vorgefallen zwischen Euch Beiden?" stammelte sie. „Rafaele weint und will mir nicht antworten? O, wie weh that mir dieses herzzerreißende, trostlose Schluchzen! Und Sie? — Warum bleiben auch Sie stumm? Mein Gott, ich vergehe vor Sorge und Bangigkeit. Kann ich denn nichts - nichts thun, um hier zu helfen? Ich möchte ja so gern einen Theil der schweren Last tragen." „Ist es Ihnen wirklich ernst damit ß" fragte er schroff. „Können Sie zweifeln?" „Ich muß es. Rafaele krankt immer Noch an einer Liebe, die nicht fortbestehen darf, wenn wir den Frieden finden sollen." „Ich weiß es," erwiderte sie, in einen Stuhl sinkend. Frank sprang auf. Verzehrendes Feuer glühte in seinen Augen. Magdas Hände ergreifend, senkte er den Blick tief in den ihren, daß es ihr wie eine flüssige Flamme durch die Adern rieselte. „Sie wiffen es und kommen mir und ihr in diesem Kampfe nicht zu Hilfe?" „Wie kann ich das?" „Sie sind ihre Freundin, ihre Schwester und Vertraute." „Ja -" „Und sollen und müssen Ihren ganzen Einfluß aufwenden, um sie von dieser Verirrung des Herzens zu heilen." „Solcher Macht entbehre ich." „Sie wollen dieselbe nur nicht ausüben." „Warum sollte ich zögern, wenn es zum Heile Derer wäre, die mir theuer sind." „Dann sprechen Sie zu Rafaele, wie Sie zu mir sprachen." „Zu Ihnen?" „Ja- Sagten Sie nicht so und so oft: Ich mißtraue diesem Erich von Degenfeld. Mir ist es längst klar geworden, daß ihn nur Eigennutz und nicht echte, wahre Liebe leiten?" „Nein — dann hätte ich behauptet, was gegen meine Ueberzeugung gewesen wäre. Ich glaubte immer, Rafaele sei ihm das Höchste auf der Welt." „Sie wollten es glauben, weil Sie es wünschen mußten. Sie bemühten sich, den Zweifel zu tödten, aber er wuchs immer wieder riesengroß empor, Sie suchten ihn aller Welt zu verbergen und liehen doch oft — vielleicht unbewußt — der bittern Sorge Worte. Erinnern Sie sich nicht, einmal in der mittleren Fensternische des blauen Salons und einmal im Garten unter der blühenden Akazie zu mir gesagt haben: Erich ist wankelmüthig, leichtsinnig und keines tiefen Gefühles mächtig. Ich fürchte, er weiß den Edelstein gar nicht zu schätzen, den ihm das Schicksal darbietet?" (Fortsetzung folgt.) Wie man in Wicago baut. Original-Correspondenz. ------- (Nachdruck verboten.) Chicago hat schon vor der Weltausstellung einen besonderen Ruf für Gebäude - Constructionen von außerordentlicher Höhe gehabt, und viele unter ihnen besitzen zwölf, vierzehn, selbst sechszehn Stockwerke. In dieser Correspondenz wollen wir uns mit dem merkwürdigsten Monument dieser Art beschäftigen, Nämlich dem Masonic fraternity temple (Freimaurei'Tempel), welcher nicht weniger üls einundzwanzig Etagen und eine Höhe von 92 Metern hat. Dieses Haus — oder besser gesagt dieser Thurm — ist int Allgemeinen dem Handel und der Industrie gewidmet und kostete das hübsche Sümmchen von 8000000 Mark. Die Construction dieses coloffalen menschlichen Bienenkorbes bedurfte specieller Vorbereitungen, indem man zuerst ein Gußstahlgerippe aufbauen mußte, und als die Haupttheile des imposanten Gebäudes fertig gestellt waren, fingen erst die Maurer an, um dieses Stahlgerüst herum das Steinwerk aufzubauen. Die Amerikaner benennen diese Art des Garnirens: das Ueberziehen des Stahl- oder Eisengerippes mit einer „Haut." Die letztere besteht bei diesem Monumentalbau in den Unteretagen aus großen Granitquadern, auf welche sich dann die Mauersteine thürmen, während die Faqade mit Platten aus gebranntem rothem Thon oder Granit ausgeschmückt wird. Selbstverständlich ist es beinahe unmöglich, jenem riesigen Conglomerat von Eisen, Stein und Glas ein dem Auge sehr angenehmes Aeußere zu geben, ein Umstand, welcher durch die so außergewöhnliche Höhe schon an und für sich bedingt ist. L- Aber wir wollen hier gleich bemerken, daß das Schönheitsgefühl nicht in dem Maße beleidigt wird, als man annehmen sollte, wenn man diesen gigantischen Aufbau nicht persönlich gesehen hat; derselbe bringt mit seinen durch Pfeiler unterbrochenen Fensterreihen auf viele Personen, besonders von Weitem, den Eindruck eines großartigen Speichers hervor, welcher von hohem, in der Mitte mit einem durch fünf Mansarden unterbrochenen Dache gekrönt ist, das man seitlich durch vorspringende Giebel geschmückt findet. Der Haupteingang, dessen Rundbogen beinahe die Höhe der dritten Etage des Gebäudes erreicht, macht auf alle Fälle einen imponirenden, monumentalen Eindruck, und derselbe wird durch die sehr geräumige, schön decorirte Eintrittshalle noch vermehrt. Letztere durchschreitend, kommen wir auf den mit einem Glasdach überdeckten Hof hinaus, der vollständig mit herrlichen Mosaiken ausgelegt ist, während man die Wände desselben und die Strebepfeiler mit weißen Marmorplatten ornamentirt hat. Auf diesem Hofe stehend, genießt man den gleichzeitigen Anblick der vierzehn im schnellen Tempo geführten Auszüge mit den uniformirten Conducteuren und der stets wechselnden Menschenfracht, die sich aus allen Völkern der Erde zusammensetzt, auf jeder der einundzwanzig Etagen Personen einnehmend oder abladend, während nur zwei Aufzüge für Maaren vorbehalten sind. Links und rechts von den Treppen befinden sich die Telegraphen- und Telephon-Bureaus, ebenso die Briefkasten der verschiedenen Miether der Räumlichkeiten, und der Rest in sämmtlichen Stockwerken wird von Comptoiren und Magazinen eingenommen. Architektonisch ist die Grundfläche sämmtlicher Etagen ganz gleich eingethetlt, und aus den zahlreichen Fenstern der höchstgelegenen „observatory" — Sternwarte — genannten, hat man eine nicht zu beschreibende, herrliche Aussicht über Chicago, sowie den Michigansee. Am Abend wird das flache Dach der 21. Etage mit electrischem Licht erleuchtet, und während des ganzen Tages entwickelt sich hier ein sehr reges Leben, denn von Palmen und Blumen umgeben, kann man Eislimonaden trinken, während liebenswürdige Vertreterinnen des schönen Geschlechts Medaillen und sonstige Andenken an den „masonic temple“ verkaufen. Nach des Tages Last und Mühen, wenn die Sonne es gar zu gut mit den Bewohnern Chicagos gemeint hat und endlich der Mond seine milden Strahlen herabsendet, ist die 21. Etage ein Aufenthalt, wie er nicht schöner und kühler gedacht werden kann. Diese» höchste Stockwerk enthält auch den bedeutendsten Theil der Röhrenanlagen, um den Dampf zur Heizung in sämmtliche Comptoirs und Magazine zu leiten, dann die Wasserbehälter in cylindrischer Form für die hydraulische« Aufzüge, welche in Eisenblech ausgesührt sind, eine Länge von 7,54 Meter auf eine Breite von 2,20 Meter besitzen und mit einem Druck von 145 Pfund auf den Quadratzoll bewegt werden. Auch die Trinkwasser-Reservoire befinden sich dort, 4,40 Meter lang, 2,50 Meter breit, während hierbei der Druck nur 125 Pfund beträgt. Auf der 19. Etage sind alle diejenigen Dienstzweige untergebracht, welche den Miethern, Herren oder Damen, das Leben angenehm machen können. Dort befinden sich z. B. großartig eingerichtete Baderäume für beide Geschlechter, Frisir- und Barbier-Loealitäten, Schuhputzer-Hallen, auch die Water- Closets. Die 18. Etage gehört einer Freimaurer-Loge an. Man bemerkt einen schönen, gewölbten Saal, dessen Pfeiler mit elektrischen Girandolen geschmückt sind und der mehr als 600 Personen fassen kann, dann einen anderen Saal für kleinere Versammlungen, ganz mit Holztäfelungen und Säulen im assyrischen Styl versehen, einen dritten Saal, durch eine herrliche Orgel ausgezeichnet, endlich noch viele Räumlichkeiten, die zu Garderoben und verschiedenen Bureaus dienen. Auch die 18. Etage gehört den Freimaurern, aber einer anderen Loge, als der vorher genannten, an. Der Hauptsaal mit den drei Sesseln für die Großmeister im Hintergründe und zwei Reihen von Sitzen an den Seiten der Wände entlang für die Brüder, mit seiner orientalischen Decoration, macht einen sehr ernsten Eindruck, ebenso ein zweiter großer Saal für die Maurer beiderlei Geschlechts, wiihrend der „blaue Tempel" einen feenhaften Anblick gewährt, wenn seine 24 ver- goldeten Kuppeln durch electrisches Licht erleuchtet sind. Kleinere Räume nehmen den Rest des Stockwerks, wie bei der vorher genannten Gesellschaft, ein. Sämmtliche andere Etagen sind von den verschiedensten Industrie- und Handelszweigen eingenommen, z. B. hat sich auf der siebenten der Lebensversicherungsclub häuslich nieder- gelassen; auf der vierten, fünften und sechsten sind die Jun>r. liere installirt, welche einen großartigen Conferenzsaal besitzen, auf anderen Stockwerken haben sich die Banquiers, Zahnärzte, Ingenieure u. s. w. eingemiethet. In den unteren Räumen liegen die verschiedenen Maschinen- anlagen und das Bureau des Chef-Ingenieurs. Acht große Kessel erzeugen den nöthigen Wasserdampf, um sämmtliche Maschinen des Colossalbaues in Thätigkeit zu erhalten, und daneben befinden sich die geräumigen Lagerstellen für die Kohlen. Alle Apparate, welche dazu dienen, eleetrifches Licht hervorzubringen, sind doppelt vorhanden, damit ein unvorher gesehener Fall nicht den „Freimaurer-Tempel" in plötzliche Finsternis versetzen kann, und es sind sechs Dynamomaschinen von 750 Ampere und 110 Volt vorhanden. Um die zwölf Personen- Aufzüge in Bewegung zu setzen, sehen wir drei Dampfpumpen, welche zusammen 1000 Pferdestärken entwickeln, während zwei folcher die Maaren - Aufzüge treiben und das Trink-, sowie warme Wasser gleichfalls von je zwei Pumpen gehoben wird. Wir erkundigten uns bei Mr- Grover, dem managet (Director), wie es denn mit den Miethspreisen stünde, und erhielten die Antwort, daß 5000 Mark der höchste Werth sei, welcher namentlich von einigen Korporationen oder Privaten gezahlt werde. Diese nehmen mehrere Bureaus und vereinigen dieselben je nach ihren Bedürfnissen oder Belieben. Sehr viele Miether zahlen 200 Mark monatlich, doch kann man auch schon ein kleines Comptoir für 100 Mark erhalten. Wenn das ganze Gebäude voll besetzt wäre, das heißt die den Freimaurer-Logen abgetretenen Localitäten, die Fest« und Conferenzsäle normal mit Menschen angefüllt wären, wie alle Bureau - Miether, die Commis, Dienstleute u. s. w. sämmtlich sich in einem gegebenen Augenblick im Haufe befinden könnten, dann würde der „masonic temple“ ungefähr 10000 Personen beherbergen. Man wendet diesem Produkt des nimmer rastenden amerikanischen Unternehmungsgeistes den Rücken mit dem Gefühl, daß jenes Monument wohl das höchste fei, was die moderne Baukunst^bei einem Privatgebäude hervorbringen könne, aber weit gefehlt. Chicagos Einwohner übertrumpfen sich gegenseitig, und gegenwärtig ist ein Bauprojekt in den Vordergrund getreten, dessen Ausführung den „Freimaurer-Tempel" weit hinter sich zurücklassen würde. Es handelt sich nämlich um einen Riesenthurm, „the Odd Fellows Building“, — vier- unddreißig Etagen, ein Gebäude, das wie das vorher beschriebene, dem Handel und der Industrie dienen soll. Dm Kern des Ganzen nimmt ein achteckiger Thurm ein, an welchen sich, gleich Strebepfeilern, die sie auch in Wirklichkeit reptü- fentiren, in Kreuzesform Thürme von 22 Etagen anlehnen, während sich in den so gebildeten vier Winkeln Gebäude von zehn Stockwerken erheben. Was darnach kommen wird, wer kann es wissen? - O. - Vermischtes. Vom Kasernenhofe. Sergeant (zu den eben ein- gekleideten Rekruten): „Seht Ihr, Jungens, nun seid Ihr Soldaten! Wenn ich Euch nun den Rock auszög', würdet Ihr sofort wieder in Euer civiles Nichts zurückstukeu!" * * Abkühlung. Dame: ^Gestern habe ich an Sie ge' dacht!" - Geck: „O, welches Glück! Und bei welcher Gelegenheit, wenn ich fragen darf?" — Dame: „In der Con- ditorei; ich aß gerade Windbeutel!" 484 --- Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'fchm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.