Nnterchaltungsblatt 311111 Giehenev Anzeigen (Gensval-Anzergep) 1893. r 'nr IT. Dienstag, den 13. Juni. Verschlungene Pfade. Roman von Max Hochberg. (Fortsetzung). Asta ahnte freilich nicht, wie weit Ernas Verstellung«' fünft ging und daß ste einer geborenen Schauspielerin darin nichts nachgab. Sie vernahm nicht das leise „Comödiant", das sich über ihre Lippen schlich, nur dem vernehmbar, dem es galt, als Hans zärtlich schmeichelnd den Arm um sie legte und sie zum Singen nöthigte mit der Bemerkung: „Gerade das Lied singt meine kleine Frau ganz entzückend". Sie sah nicht, wie ihr schöner Schwager einen Seufzer unterdrückte und sich auf die Lippe biß, wenn seine Cousine sich zufällig abwandte, sobald er sich ihr zu nähern suchte. Einmal gelang es Hans doch, einen günstigen Augenblick zu erhaschen. Der Oberst war von einem Herrn in Anspruch genommen. Die Mehrzahl der Gäste weilte im Salon. Leonore hatte mit einer Freundin geplaudert, die sich gleichfalls dort« hin begab. Sie nahm von der Etagsre ein Prachtheft mit losen Skizzenblättern und vertiefte sich in deren Betrachtung. Sie hörte ihn nicht kommen. Der dicke Teppich verschlang das Geräusch seiner Schritte. Sie zuckte zusammen beim Nennen ihres Namens. Dieser weiche, zärtliche Laut hatte vor Jahren ihr junges Herz bethört. „Verzeih', wenn ich Dich erschreckte," sagte er. „Wie geht es Dir? Ich war gestern bei Euch und traf Dich wieder nicht an! Du läßt Dich vor mir verleugnen? — Steh' mich nicht so fremd an! Wir stehen uns ja trotz Allem nah'! — Ich muß wissen, wie es Dir geht. Du hast Dich so schnell verlobt. Bist Du einigermaßen glücklich?" „Wie sollte es mir anders gehen, als gut?" antwortete sie mit kühler Verwunderung. „Ob ich glücklich bin?" — Warum sollte ich es nicht sein? Wenn es Dich beruhigt, ich bin glücklich, sehr glücklich. Ich habe mich einem Mann ver» lobt, den ich aus Grund meiner Seele achten und schätzen muß. Achtung aber ist die Grundbedingung der Liebe und eines ehelichen Glückes." Die unverhohlene Verachtung in Wort und Ausdruck machte ihn fassungslos. Er fand keine Erwiderung und zog sich mit einer Verbeugung zurück. Sie hob das Blatt wieder und blickte aufmerksam darauf nicht anders, als habe ein Bedienter ihr eine Erfrischung präsentirt und sie habe den Kopf gewendet und gedankt. Oberst Strehlen drehte sich eben nach ihr um. Er sah, ihr Vetter ging von ihr und seine schönen Züge waren grimm» verzerrt. Betroffen suchte er in Leonoren« Gesicht zu lesen. Es verrieth keinerlei Erregung, und doch mußte er eben eine Scene zwischen ihr und Hans gegeben haben. Er trat zu ihr. Die ruhige Gleichgültigkeit ihres Gesichtsausdrucks wich einem freundlichen Lächeln, als sie zu ihm aufschaute. „Ah, der Canal Grande mit seinen Palästen fesselt Dich? Den werden wir in den Tagen unseres Glückes fleißig befahren. In Venedig wollen wir Rast machen. Es wird die erste Stadt sein, der wir auf unserer Hochzeitsreise längere Zeit schenken. Dort treffe ich auch liebe Bekannte!" Er fuhr herum, weil Jemand seinen Aermel faßte und ihn zurückzupfte. „Laß mich auch sehen, Onkel Strehlen!" bat Asta. „Der große Canal von Venedig! Ach, muß es dort himmlisch sein! Mein lieber Herr und Meister wird auch bald dort sein. Gestern hatte ich aus Mailand einen Brief von ihm. Er will noch eine Woche dort bleiben." „Wie lange fehlt er Dir denn schon?" neckte Strehlen. „So lange Ihr verlobt seid!" stieß Asta mit drolligem Zorn hervor. „Genäu den Tag nach Euerer Verlobung ist er abgereist, das heißt nicht nachdem die Karten ausgeschickt wurden, denn da war er schon nicht mehr hier, sondern den Tag, nachdem ich's ihm mitgetheilt hatte.' Er erfuhr das große Ereigniß schon am Donnerstag. Ich dachte ihn mit der Neuigkeit recht sehr zu überraschen, kam aber schön an. Er war durchaus nicht erstaunt und sagte kein Sterbenswörtchen dazu. Uebrigens war ihm gerade nicht wohl; ich glaube, er hatte etwas wie einen Schwindelanfall, denn er hielt sich am Stuhl und sah ganz schrecklich äus," plauderte sie ruhig weiter. Leonore bog sich tief auf das Bild herab. Sie fühlte ihren Herzschlag gewaltsam rasch am Halse und meinte, dazu Kopf stürmende Blut müßte ihr die Adern sprengen. Ein Weh ohne Gleichen krampfte ihr da» Herz zusammen. Hundert Mal schon hatte sie bereut, sich so rasch gebunden zu haben. Nach der großen, herben Täuschung, die sie erfahren, hatte ihrem Herzen kein Recht mehr einräumen wollen. Das thörichte Ding sollte nun auf immer tobt sein. Sie hatte damals unter convulstvischem Lachen Werners Brief gelesen; es hatte sie mit bittersüßer Genugthuung erfüllt, ihn elend machen zu können, weil sie selber litt. „Von Ihrer Verzeihung hängt mein Lebensglück ab," hatte der Maler geschrieben- — Was kümmerte sie eines Anderen Glück? Wer hatte nach dem ihren gefragt? — Darauf war Strehlen gekommen — und die kluge Mutter hatte scharfe Augen gehabt, denn sie fing an, ihrer Tochter alle Vortheile einer Verbindung mit ihm aufzuzählen, sobald der Oberst sich empfohlen. Leonore hatte dazu vor sich hiy i lll ..........in........nir irr r w »Timmwrn - 270 - gelächelt und dann mit verhaltenem Gähne« gesagt: „Gewiß, der Oberst ist eine nicht zu unterschätzende AcquisttionI Er sieht trotz seines vorgerückten Alters noch recht stattlich aus und würde noch eine Siebzehnjährige finden, die ihm sofort sein Jawort gäbe. Aber bitte, nun wollen wir dar Thema nicht weiter erörtern. Glaube mir, liebe Mama, ich bin über die Jahre hinaus, wo man an Jllustonen krankt." Den kommenden Tag hatte sie Strehlen ermuthigt. Wie es gekommen war und wie sie sich verlobt, wußte sie selber nicht mehr. - Freilich hatte bei ihr noch zumeist die Erwägung den Ausschlag gegeben, daß sie auf die Dauer ihrer Mutter den Verlust ihres kleinen Vermögens, ihres väterlichen Erb- theils, nicht verbergen konnte. — Was hofftest Du denn noch vom Leben? höhnte der kalte Verstand; das verkaufte Herz aber schrie auf: Du hast Dich zur Maare herabgewürdigt! Vielleicht hätte Dir doch noch ein Glück geblüht. Die ahnungslosen Worte der Kleinen bohrten ftch wie Schwerter in ihr Herz. Sie wußte es ja: Werner hatte ste schon lange im Stillen geliebt. Er hatte schweigend gelitten und des Anderen Glück ruhig mit angesehen und war ihr ein treuer, selbstloser Freund geblieben. Warum hatte sie sich für den grausamen Schlag, den sie empfangen, gerade an ihm rächen müssen? Ihm ihre Verzeihung versagen? - Hätte sie seine heißen, brennenden Zeilen nicht unbeantwortet ge« lassen, wäre vielleicht Alles anders gekommen! — Mechanisch legte sie das Blatt zur Seite und nahm ein anderes auf. Astas Aeußerungen gingen ihr immer wieder durch den Kopf. Sie hatte den Zwang einer Gesellschaft niemals so lästig em« pfuNden. Es überkam Sie wie eine Erlösung bei den Worten der alten, kränklichen Excellenz von Winterfeld, die lieben Freunde möchten sich durch ihren Weggang nicht stören lassen. Tochter Und Schwiegersohn erhoben sich trotzdem, dadurch das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch gebend. „Schade, Hans, bist noch kein Jahr glücklicher Ehemann, müßtest fonst mit zu Mama Perl," bedauerte Ruler von Steffeck. „Meine Frau hält mich nicht zurück. So viel Freiheit wahrt man sich schon," versetzte der Angeredete säst brüsk. „Hans kommt mit, Kinder! Famos! Für den Wein stehe ich ein. Gieb Letningen einen Wink, ob er sich losmachen kann." ,, x Einer der ihm zunächst stehenden Offiziere attachirte sich einer Gruppe von Herren und Damen und brachte bald darauf die Antwort: „Kommt nach, Bodo auch, Bodo deckt das Local zur Feier von Waltens Rückkehr zu Mama Perl." „Ob Götz?" stellte Steffeck die Frage auf. „Laßt den aus dem Spiel! Sitzt uns als Mer Vor- wurf unserer Sünden dabei — verdirbt einem nur den Genuß der flüchtigen Stunden." Götz näherte sich dem kleinen Kreis. „Giebt s hier eine Verschwörung unter den Kameraden? Habt Ihr etwas vor, labt auch mich —" „Sie kommen doch nicht mit!" schnitt ihm Hans, der wieder hinzu getreten war, die Rede ab. „Losung: die Falle und Mama Perl!" „Bin von der Sache!" Götz warf sich in die Brust. „Habe gerade Stimmung dafür! Vorausgesetzt, daß Damen von der Partie sind." Steffeck brach in ein Lachen aus. „Zeichen und Wunder geschehen! Sind wir nachher unter uns, will ich Dich umarmen, Bruderherz! Jetzt wollen wir aber unserer liebenswürdigen Mithin den Dank abstatten und «ns ihr empfehlen. Sind wahrhaftig die Letzten!" Draußen auf der Straße fügte er zu Götz: „Haben leider nichts verabredet, lieber Heinz. Doch können zwei von uns Dir zu Liebe nach der Wallstkaße gehen. Sind ja nur ein paar Schritte von der Falle bis dahin. Vielleicht gelingt s uns noch, die Schwestern Rettig heraus zu klopfen, wohnen im kleinen Hause an der Ecke, haben dann gleich ihrer drei." „Wohnt nicht die kleine Ehrenberg im selben Haar ?" rief Leinintzen, der sie eingeholt. „Die kommt nicht mit," erklärte Ruler sehr bestimmt. „Felicitas ist geschenk-, champagner- und feuerfest und bei alledem, war mich am meisten verdrießt, das hübscheste Balg von der ganzen Gesellschaft. Geist hat sie auch! Antworten kann sie geben — Donnerwetter! Laffen nichts zu wünschen übrig. Ergänzt durch Mutterwitz, was ihr an Blldung abgeht." „Das heißt, den Witz hat sie nicht von der Mutter," warf der ältere Leiningen ein, „kannte die Clare aus dem Chor!" „Ist überhaupt ein Räthfel, die kleine Hexe. Der Apfel, jeißt es, fällt nicht weit vom Stamm und wildes Reis zeugt wilde Frucht. Felicitas straft den Volksmund Lüge, ist eine Moosrose am Hagedorn. Möchte wiffen, woher sie Stolz und Tugend hat? Von der Mutter hat sie's nicht geerbt. Ihr Vater, der Chorist, wird sich kaum um sie kümmern. Ra, und das gute Beispiel ihrer Colleginnen —" Ruler hielt im Weitergehen inne. „Hier trennen sich unsere Wege. Wer kommt mit, unsere Schönen einzufangen?" „Ich, Ruler!" Götz schob seinen Arm in den de» langen Steffeck. „Auf baldig' Wiederschen! Doch nicht ohne Succurs!" „Nie ohne die schöne Gabriele!" Die Zwei schwenkten links ab. — Die Anderen, denen sich noch Bodo von Bärenberge zugesellt, begaben sich zu Mama Perl. Die sogenannte „Falle" war ein schönes dreistöckiges Eckhaus mit dem Comfort der Neuzeit, wenigstens mit dem, was man in der kleinen Residenz darunter verstand, ausgestattet. Mama Perl hatte vor einem halben Jahrzehnt das Glück gehabt, ihr Haus abbrennen zu sehen — es hätte sonst abge- riflen werden müssen. Ein Jahr darauf — der Neubau war vollendet — starb ihr Mann. „Sie haben einen Glückstreffer über den anderen," tröstete ihre Freundin, die dicke Schlächtersftau aus der Nachbarschaft, die nunmehrige Wittwe. Und es war so. Frau Perl vermiethete den einen Laden ihres Hauses an einen Tapetenfabrikanten, den anderen behielt sie für ihr Delicateffengefchäft. Die übrigen unteren Räume richtete sie zum feinen Bier- und Weinrestaurant ein. Eine Versicherungsgesellschaft nahm ihr den zweiten Stock ihres Hauses ab und die erste Etage vermiethete ste für gesellige Zwecke, Bälle, Vereine und dergleichen. Ihre Kneipe schwang sich in kurzer Zeit zur feinsten und besuchtesten der Residenz auf. Man kam und ging dort ungenirt wie nirgends, weil man'von zwei Straßen aus Eingang hatte. War auch bei ihr Wes am theuersten, so war es dafür vom Besten — und Marmorbilder konnten nicht disereter fein, als Madam Perl, ihre zwei Töchter und der pfiffiige Franz, der Kellner. Die vier Personen bildeten den ganzen Hausstand. Die Osfiziere pflegten für sich abgesondert zu sitzen. Den Weg durch den Laden oder die anderen Gastzimmer brauchten sie nicht zu nehmen. Für sie war ein großes, nach hinten heraus liegendes Zimmer, das vom Hofe aus seinen separaten Eingang hatte, reservirt. Von ihm aus führte eine Wendeltreppe, welche durch eine Tapetenthür verdeckt war, nach dem mittleren Saale oben. Den Schlüssel hierzu händigte Mama Perl den Offizieren tmt gegen eine gewisse Summe Geldes aus. Wollte man ungestört ein Spielchen machen oder beabsichtigte man einen lustigen Abend zu begehen, wurde dieser Schlüssel eingelöst. Solch' ein Abend pflegte Mama Perl ein hübsches Stück Geld einzubringen. „Wo werde ich'» dem umsonst thun?" lachte ste ihre Töchter aus, die anfangs gegen die Besteuerung der Herren Offiziere Protest erhoben. , „Haben die Herren das Gold zum Wegwerfen beim Spiel und für Tänzerinnen, könnm fie einer Wittwe auch etwas zufließen lassen. Wer hat denn die Aufregung, wenn der Herr Polizeilieutenant infpiciren kommt? Ein Segen, er ist in Dich vernarrt, Ama, da scherzt er mit Dir und läßt sich die Caviar- und Lachsbtötchen munden, die Du ihm zurecht machst, und mm erhält Zeit, denen oben einen Pfiff zu geben und den Schlüssel zu langen. Das Schlüffelsuchen war nur ein Scheinexperiment. Die Hälfte der Schlüssel fielen dabei vom Brett auf die Erde und das erschwerte da» Suchen. - 271 - Sie wußten recht gut, auch der Dienstthuende, daß sie ihn in der Geldkatze bei sich trug; er drückte eben ein Auge zu. Das Gold und das große Silber verwahrte Mama Perl selber. Die zwei Mädchen hatten schon so alle Minuten eine neue Schürze, einen neuen Schmuck, zu denen sie ihr das Geld nicht abgefordert hatten. Franz kam in den Laden und bog sich zu Mama Perls Ohr: „Den Schlüssel für oben!'' Sie begab sich nach dem Hofzimmer, um den Herren selber aufzuschließen. „Was tausend, Herr von Malten! Lange nicht gesehen." „Lassen Sie den Franz hier im Zimmer warten; es treffen noch Kameraden mit Damen ein." „Gewiß, Euer Gnaden, welchen Wein darf ich schicken?" „Wird Kamerad Steffeck bestimmen." Sporenklirrend ging es nach oben. Steffeck und Götz waren Mittlerwelle bei ihrem Ziele angelangt. Ein mehrmaliges Klopfen am Laden, dem ein leiser, langgezogener Pfiff folgte, und ein Räuspern von drinnen antwortete. Eine Fensterscheibe klirrte. Der Schnepper klappte und der Laden wurde von der einen Seite ein wenig zurückgeschlagen. „Wer draußen?" erkundigte sich Martha, die älteste der Schwestern. „Gut Freund! Wollt Ihr mit zur Falle?" „So spät holen Sie uns noch heraus? Wir Wasen schon. Das wäre ein großes Opfer!" „Das ich gebührend vergelten würde." „Ach, der lange Steffeck!" freute sich Martha, ihn nun erst erkennend. „In fünf Mnuten sind wir draußen!" „Bring' Liefe und Minna auch; sie sollen sich rasch fertig machen. Mit Ehrenbergs Fee ist es doch wohl wie gewöhnlich nichts?" „Gott bewahre! Das dumme Schaf fetzt sich lieber nach Feierabend hin und schreibt die halbe Naät hindurch Rollen ab. Das Tanzen ist ihr nicht vornehm genug. Schauspielerin will sie werden und bet dem Intriganten, der sie umsonst aus» bilden will, mag sie keine Stunden, das eingebildete Ding. Sie glaubt, sie schafft es aus sich heraus. Al« ob einem so etwas vom Himmel herunter schneit? Das will angelernt fein. Das Tanzen kommt einem auch nicht von ohne." „Rufe sie uns her! Sie soll blos ans Fenster treten, uns zu Gefallen, wenn sie doch noch wach ist," gebot Steffeck. „Wer ist denn der Andere?" forschte Martha neugierig. „Heinz von Götz," antwortete Ruler. „Ich bezweifle, daß sie es thut." „Versuch' es! Es soll Dich nicht gereuen!" Ein Weil« chen war Alles still. Dann knarrten Stiefel auf den Dielen. Eine weiche, wohllautende Stimme sprach: „Ich wünsche den Herren viel Vergnügen für heute Abend oder für heute Morgen I"- Ruler stieß Götz an. „Wie findest Du die kleine Schlange?" , „Felicitas heißt die Glückliche!" Heinz war entschlossen, seme ganze Beredsamkeit aufzubieten. „Wer glücklich ist, sollte billigerweise glücklich machen. Warum will Felicitas nicht mit uns gehen?" „Ist das Herr von Götz, der da spricht?" »Ja, der sich die Mühe nicht verdrießen ließ, hierher zu wandern und an dessen Seite Felicitas mit kommen wird. Ich wiederhole: warum will sie nicht mit uns gehen?" „ „ /E^l ste sich nichts gefallen lassen will, selbst von Herrn von Gotz nicht! lautete die Antwort- Die linken Rippen des Herrn von Götz machten aufs Reue mit Rulers Ellenbogen' Bekanntschaft: „Sie kennt Dich von der Parade aus. O, o! und ich bildete mir ein, sie fixtre mich und wolle mein Herz zu Asche legen!" „Ich bürge dafür, daß Keiner von uns Felicitas zu nahe treten wird!" versicherte Götz sehr ernst. „Mit Ihrem Ehrenwort?" betonte das Mädchen. „Mit meinem Ehrenwort!" betheuerte Götz. „Ich komme!" Sie pilgerten langsam durch die Nacht der Straßen. Götz hatte einen kleinen Umweg vorgeschlagen. Der Kalender hatte Mondschein verheißen, aber es war nichts davon wahrzunehmen. Laternen brannten nicht. Die Väter der Stadt hatten einst in ihrer hohen Weisheit den Beschluß gefaßt und zum Gesetz erhoben, bei Mondenschein die irdische Beleuchtung zu sparen, die himmlische genüge. Und sie mußte genügen, war der Mond auch nicht sichtbar am Himmel. Was that's, wenn Hinz oder Kunz über einen Thürtritt stolperte und sich die Kniee aufschund: der Mond stand ja im Kalender. Außerdem konnte man bei nachtschlafender Zeit zu Hause bleiben! Herr von Götz führte Felicitas Ehrenberg. Ruler hatte an jedem Arm Eine. Die Jüngste lief hinterdrein. In schneller Frage und Antwort hatte Götz bald heraus, welcher unbändige Stolz und Ehrgeiz in dem jungen Mädchen wohnte. Er horchte sie aus, warum sienicht bei dem Intriganten, Herrn Belter, der ein ausgezeichneter Schauspieler sei, Stunden nehmen wolle. Weil sie ihn nicht bezahlen könne. „Macht das wirklich großen Unterschied?" erkundigte er sich. „Wenn ich ihn bezahlen kann, darf ich Tante Lene mit« bringen und brauche mir nichts von ihm gefallen zu lassen!" erklärte sie mit großer Wichtigkeit. „Woher der Stolz, Mädchen?" wunderte er sich. Rach kurzem Schweigen brachte sie stockend hervor: „Mutter war gestorben, ich war noch nicht neun Jahre alt. Wir fuhren in einem Wagen mit den Kränzen hinter dem Sarg drein. Welche vom Chor wollten draußen singen und Einer von ihnen saß mit im Wagen. Sie hatten nicht Acht auf mich. Ich hielt mit beiden Händen die Kränze auf meinem Schoß und wagte nicht davon aufzusehen, aus Furcht, es könne einer herunterfallen und die Blumen verlieren- Da nannten sie meinen Namen und der Chorist sagte: „Sie wird einmal ebenso hübsch, wie ihre Mutter, sie wird ganz bestimmt auch so lustig und lüderlich werden." — Ich wußte nicht, was er damit wollte, aber er lachte so häßlich dazu. Ich hätte ihn schlagen mögen und ich nahm mir vor, nie zu lachen und lustig zu sein. Später in der Balletschule lernte ich bald verstehen, was er gemeint hatte, und deshalb will ich nicht wie die An« deren fein! Ich habe das noch keinem Menschen erzählt und weiß nicht, warum ich Ihnen mitthellen kann, was ich die langen Jahre her in mir verschlossen hatte. Kenne ich Sie doch nicht, blos vom Sehen auf der Parade und in der Loge im Theater." a Götz drückte ihren Arm unwillkürlich an sich. Nach einer Pause erwiderte er: „Die Tante Lene soll in meine Wohnung kommen." Er gab ihr Straße und Nummer an. „Ich werde mit chr wegen des Herrn Vetter Rücksprache nehmen und wegen anderer Angelegenheiten auch!" „Sie wollen mich ausbilden lassen," jubelte Felicitas. „Von Ihnen kann ich's annehmen, was ich keinem Menschen auf der Welt danken möchte!" Nehenbleibend ergriff sie mit beiden Händen Götzens Rechte. Ehe er es verhindern konnte, beugte sie sich darauf nieder und küßte das Leder, das feine Hand bedeckte. Man stand vor der Falle. „Die Damen gehen von dieser Seite," entschied Ruler. ,,Jhr wißt ja Bescheid, Kinder. Wir wählen den Weg von der anderen Straße aus. Besser Ist besser- Es braucht uns Keiner zusammen eintreten zu sehen." Der Jubel über die Hilsstruppen war groß und Götz erhielt von Leiningen das Prädicat Hexenmeister, weil er Fee Ehrenberg mitgekapert. Mama Perl schickte Rebhuhn« und Gänseleberpastete, Hummern und Austern nach oben. Die Schwestern Rettich stürzten sich zur großen Belustigung der Herren gleich hungrigen Wölfen auf die Leckerbissen. Felicitas nahm sehr wenig, Götz mußte immerfort nöthigen und ihr vottegen. Auch vom Champagner wollte sie nicht« wissen, nur ein Glas leichten Rothweins forderte sie. (Fortsetzung folgt-) — 272 - Geineinnütziges. Himbeerfauee. 1li Liter Himbeersaft wird mit i/2 Liter Wasser und wenig Zucker vermischt, an's Feuer ge- stellt und mit zwei Theelöffel voll Kartoffelmehl abgerührt. Kirschensauee. Liter Kirschensaft wird mit denselben Bestandtheilen wie Himbeersauce bereitet. Erdbeersaft. V2 Liter Beeren werden mit 250 Gr. Zucker 24—36 Stunden hingestellt, durch ein Tuch gegoffen und in geschwefelte Flaschen gefüllt. Erdbeerwasser. 1 Liter Beeren werden mit V4 Liter Waffer 24 Stunden hingestellt, durch ein Tuch laufen lasten, ohne zu drücken. Auf 1 Liter Saft 1 Pfund Zucker kocht man zusammen und füllt es in geschwefelte Flaschen. Wermuth-Tinktur, die bei Magenbeschwerden und Uebelkeiten, besonders auf Reisen, beste Dienste leistet, wird bereitet, indem man ein Blatt Wermuth tit ein Fläschchen Spiritus legt. * , Weizeusuppe für schwächliche Kinder. Eine nahrhafte Suppe für schwächliche Kinder kann man auf folgende Weise Herstellen: Es werden gute Weizenkörner ausgelesen, rm Ofen getrocknet, nicht geröstet, und auf einer Kaffeemühle gemahlen. Dieses Mehl mit der Riete wird mit kochendem Waffer überbrüht, Zucker kommt nicht daran, nur als geschmack- verbeffernder Zusatz einige Tropfen Himbeersaft. Da dieser ! Getränk leicht säuert, muß es täglich frisch bereitet werden. Erst bei kräftiger Verdauung darf man den dritten Theil Milch zusetzen, also zwei Theile Suppe, einen Theil Mtlch. Da Verhältniß der Suppe selbst aber ist derart, daß auf */8 Liter gemahlenen Weizens ein Liter Wasser kommt. Hat die Steinkohlenasche Düngungswerth? Steinkohlenasche, das heißt reine, von Schlacken und unver« brannten Kohlenstücken befreite, enthält 0,2 Procent Phosphor- säure, 0,2 Procent Kali, 3,5 Procent Kalk, 0,8 Procent Mag- nesia, 1 Procent Schwefelsäure. Dieser Gehalt ist von der Art, daß es stch wohl verlohnt, sie sorgfältig zu sammeln und I auszustreuen. Wohin man sie bringt, ist gleich. Schnittlanchsanee. Eine halbe, in Waffer geweichte und ausgedrückte Semmel wird mit vier hartgesottenen Ei. dottern im Mörser gestoßen, dann passtrt, mit zwei Thellen Essig und einem Theil Waffer zu einer dicken Sauce verrührt, zwei Eßlöffel voll Zucker und ein Eßlöffel voll Schnittlauch bei- gegeben und mit Salz, Pfeffer und zwei Löffel Provenceröl gut verrührt. Redaction: A. Scheyda. - Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen. „Wie kommt es nur, Herr Doctor, daß meine Marie gar nicht zu Kräften kommt, immer krankhaft blaß aussieht und nun gar schief wird? Wir thun alles Mögliche an ihr!" „Wie viele Schulstunden hat Ihre Tochter, verehrte Frau?" , L „ „Täglich sechs; Mittwochs und Samstags icdoch nur vier. „Wie viel Zeit braucht sie wohl durchschnittlich des Tages zur Fertigung ihrer häuslichen Arbeiten für die Schule? „Etwa eine oder zwei Stunden." „Privatstunden hat sie wohl nicht?" „Wöchentlich zwei Clavierstunden." „Da wird sie stch wohl auch täglich üben müssen; eine Stunde muß sie doch täglich spielen?" „Ei, ja wohl, das ist das Mindestei" „In weiblichen Arbeiten haben Sie Marie aber doch wohl noch keinen Anfang machen lassen, da sie schon zu sehr besch ft^gbJi, hat sie noch genug Zeit übrig! (!) Sie stellt sich sehr gut dazu an, und was sollte sie denn mit der freien Zeit anfangen?" (!) „ „Wie viel beträgt wohl die „übrige" Zeit, die sie auf weibliche Arbeiten verwendet?" „Das ist sehr verschieden, je nachdem sie mit ihren anderen Aufgaben fertig wird." „ , . „, „Das Alles sagen Sie mir und sind noch im Zweifel über Maries Kränklichkeit und Schiefwerden! Rechnen Sie zusammen, wie viel Zeit Ihre Tochter in der Schule, zu Hause, bei den Schularbeiten, am Clavier und beim Nähen und Stricken verfitzt, so können Sie als Resultat nichts Anderes sehen, als Krankheit und Verkrüppelung! Und wenn Sie nicht auf das Schleunigste eine bedeutende Abänderung in der Tagesordnung des Kindes dahin treffen, daß es ein bis zwei Stunden im Freien, ganz außer der Stadt, stch ergehen kann, so wird auch tein Arzt helfen können, und Sie dürfen nicht hoffen, Ihr Kind jemals gesund und kräftig zu sehen." „Ach, das kann ich doch fast nicht glauben, ich wenigstens habe eben so viel gesessen und es hat mir nicht im Mindesten geschadet." „Da haben Sie von großem Glück zu sagen. Wenn aber von Ihrem vielen Sitzen nicht Sie selbst krank geworden sind, so folgt daraus noch nicht, daß Ihre Marie nicht viel kräs. tiger und gesunder wäre, wenn Sie eben nicht so viel gesessen Hütten." So weit das angenommene und doch in vielen Familien mögliche Gespräch, welches eine nachdenkende und um da» Wohl und die Zukunft ihres zarten Lieblings besorgte Mutter gewiß zu der Ueberzeugung bringen wird, daß sich, wenn der kindliche Körper den Anforderungen der Ausbildung nicht gewachsen ist, darin die möglichste Beschränkung zu Gunsten der körper, lichen Entwickelung und Gesundheit notwendig macht. Das ist man seinem Kinde schuldig. Auch ist ja zu hoffen, daß später bei erlangter Kräftigung manches Versäumte mit um so besserem Erfolge nachgeholt werden kann- Vermischtes. Bayerisch. „Mein Weiberl ist a braves Weiberl, a liebe» Weiberl, a nette» Weiberl, aber a — kreuzdumme« Mensch!" , e Theilnahmrvoll. Erbonkel: „Der heutige Unfall ist der ärgste, den ich bi» jetzt gehabt habe.' — Neffe: „Ich wünsche Dir aufrichtig, daß es der letzte sein möge. Empfindlich. Haarkünstler: „Ihre Haare sind heule etwas eigensinnig, Herr Lieutenant!" — Lieutenant: „Möglich! — Vorhin in Jedanken Ehestand jestreift!" Auch eine Frühlingsbetrachtung. „Ach Gott, jetzt geht die dumm' Zeit wieder an! Sobald man sich nur« bisle z' lang im Wirthshaus aufhält, ifcht s glei wie hell' liachter Tag!" Ein Räthfel aus Kindermund. Die kleine Ase> „Rathe mal, Mama, was das ist: „es hat vier Beine un° sechs Hörner und einen Kopf wie ein Mops. „Das kann tq nicht rathen, sage mir, was ist's denn?" — Else : „der Storch. — Mama: „Der hat doch aber nicht vier Beine? - „Ich wollte Dir's ja auch blos ein Bischen schwer machen! Kann ist es Kein Wunder! (Ein Gespräch zwischen Mutter und Arzt.)