Nr. 56 18S3. --M— ♦— (T-E-J ■s-^^yra. s-a lS—S -T -x-s—»!- Nntevhaltungsblcrtt 311m Gietzenev Anzeigen (Ge^svcrl-Anzeigev) B UW WUKZN' LM^^EMKLM»M!LZWU Samstag, den 13. Mai. Iwei Kindkinge. Eine Criminal-Erzählung. ^Schluß.) Als Mittags der Mann von der Arbeit kam, erzählte sie ihm trotzigen Tones, sie sei des Zankes müde geworden und habe den vermaledeiten Schreier dem Findelhause zurückgegeben. Sie werde zusehen, daß sie einen andern Pflegling bekomme, — und der Arbeiter Legros begnügte sich um des Friedens willen mit dieser Auskunft. Vorsichtig bewahrte die Frau aber das Zeichen an seidener Schnur auf, welches den tobten Kleinen als Findling legitimirt hatte und schon am Nachmittage eilte sie nach Paris in ein anderes Findelhaus, aus dem sie ebenfalls schon einmal einen Pflegling gehabt, der angeblich an einem Fieber gestorben war. Nach einigem Unterhandeln mit dem Director dieser Anstalt gelang es ihr, ein Kind zur Pflege zu erhalten, welches unter dem Namen Etienne eingetragen und dem von ihr ermordeten ziemlich ähnlich war. Schmunzelnd eilte sie damit heim, vertauschte das Erkennungszeichen des Lebenden mit dem des Tobten und berechnete nun innerlich jubelnd, daß sie jetzt aus zwei Anstalten das Pflegegeld erhalten werde und ihren Zögling auf Wunsch da oder dort stets mit dem richtigen Zeichen werde vorzeigen können. Längere Zeit verging und Niemand ahnte, was in der Hütte des Arbeiters Legros vorgegangen war. Wieder nahte die Zeit, da die Findelhäuser die Pflegegelder für die auf's Land gegebenen Jnsasien zu zahlen pflegten und eines Morgens machte sich nun auch Frau Legros wieder auf den Weg nach Paris, um den doppelten Lohn ihrer Unthat einzuholen. Wohl war sie in der letzten Zeit zuweilen von Besorgniffen gequält Horden, wie es wohl kommen möchte, wenn eines Tages plötz« lich beide Findelhäuser ihre Pfleglinge von ihr zurückfordern würden, aber heute, in der Hellen, warmen Morgenluft, schlug sie solche Gedanken in den Wind. An einem Wegübergang bemerkte sie plötzlich, wie ein heruntergekommen aussehender Mensch sie mit stechenden Blicken aufmerksam betrachtete. Sie schrrtt werter, aber kaum war sie vorüber, so hörte sie seinen eiligen Schritt hinter sich und int nächsten Augenblicke vernahm sie, wie der Fremde ihr zuraunte: „Ihr habt es wohl immer 9ute Frau? Habt Ihr heute auch wieder so ein hübsches Bündel untergebracht, wie damals?" „Ich verstehe nicht, was Ihr damit sagen wollt," ver- setzte die Frau, ihre Züge mit Gewalt bemeisternd, innerlich aber heftig erschrocken und bebend vor Aufregung, „ich habe kein Bündel und verkaufe auch keine Maaren. Ihr verwechselt mich wohl mit Jemand." „O nein; ich kenne Euch sehr gut, liebe Frau; eines Tages war ich Euch ganz nahe, als Ihr so ein Bündel hattet wie ich es meine und gleich darauf sah ich Euch noch einmal und da hattet Ihr das Bündel wahrscheinlich verloren. Was meint Ihr, soll ich's Euch wieder suchen?" „Laßt mich in Ruhe, ich habe nichts verloren und brauche Euch nicht und darum geht Eure Wege!" „Nun ja," versetzte der Fremde, „dann suche ich eben allein und brauche Euch auch nicht dazu. Ich werde schon Jemand finden, der mir suchen hsift und wenn's auch der Staatsanwalt wäre!" „Was wollt Ihr denn eigentlich von mir, Mann? Ich weiß wirklich nicht, was Ihr mir da für Andeutungen macht." „Das ist kurz gesagt, gute Frau; damals an dem alten Schacht sähet Ihr etwas defecter aus als heute und da hätte ich's vielleicht für fünf Francs gethan, aber seither scheint Ihr ein Geschäft gemacht zu haben mit dem Kleinen, den Ihr dort so hübsch hinunterpurzeln ließet. Ich denke, wir wollen einen Handel machen und darum gebt mir zwanzig Francs jetzt gleich, dann brauche ich nicht erst zu suchen und Euch liegt ja auch sicher nicht sehr daran, daß ich ein glücklicher Finder werde. He, was meint Ihr, zwanzig Francs sind gewiß nicht zu viel. Der würdige Staatsanwalt zahlte wohl mehr dafür, aber ich habe mit dieser Menschensorte selbst nicht gerne zu schaffen und warum soll ich Euch durchaus an den Galgen bringen, was Euch doch selbst nicht besonders angenehm sein könnte!" Der Kerl hatte mit einem gewissen gemüthlichen Hohn gesprochen, aus dem aber die Angeredete den Ernst der Drohung nur zu deutlich erkennen konnte. Sie vermochte das Zittern nicht mehr zu bemeistern und fast athemlos preßte sie die Hand auf's Herz, indem sie stammelte: „Gut denn, Ihr sollt das Geld haben, morgen Mittag hier an derselben Stelle." Damit eilte sie stürmischen Schrittes weiter, wie um einer furchtbaren Gefahr zu entfliehen, die sich ihr plötzlich in Gestalt des zerlumpten Menschen entgegengestellt hatte, welcher jetzt ihr mit höhnischem Lächeln nachblickte. Als Frau Legros in das Zimmer des Directors der Pariser Findelanstalt trat und ihr Gesuch um das fällige ' Pflegegeld ihres Zöglings vorbrachte, bemerkte sie, wie der Director bei Nennung ihres Namens mit seinem Secretär einen Blick wechselte. „Ja, liebe Frau," sprach er hierauf, „das ist so eine eigene Sache mit dem Kinde. Warum bringt Ihr uns den Kleinen niemals mit? Ihr wohnt kaum eine Stunde von hier und wir müssen uns doch überzeugen, wie es mit Eurer Pflege — 222 - bei ihm aussieht. So itt's Blaue hinein können wir das Kostgeld nicht immer weiter zahlen. Bringt ihn einmal her und dann wollen wir sehen, was zu machen ist." Tödtlich erschrocken stammelte die Frau zu ihrer Entschuldigung, sie würde den Kleinen auch wirklich mitgebracht haben, aber er sei nicht wohl gewesen, doch werde sie ihn gleich morgen zur Stelle schaffen und damit entfernte sie sich, von dunklen Ahnungen kommenden Unheils gequält. Die Nacht verbrachte sie schlaflos und am folgenden Morgen vertauschte sie wiederum die Erkennungszeichen am Halse des Findlings, wusch denselben und begab sich nunmehr wieder auf den Weg nach Paris. Der Director des Findelhauses hatte einige Tage zuvor im Stillen eine Rundschau über seine Pfleglinge aus dem Lande veranstaltet und das Resultat war gewesen, daß man beschloß, der Frau Legros wegen ihres üblen Rufes keine Kinder mehr anzuvertrauen und deren jetzigen Pflegling nach der Einlieferung zurück zu behalten. Hiermit begann die Katastrophe ihren , Lauf über dem Haupte der Verbrecherin. Als die Frau mit dem Kinde in der Anstalt erschien, eröffnete ihr der Vorsteher seinen Beschluß, und trotz alles Bittens, ja selbst ungeachtet der Erklärung, den Kleinen, der ihr lieb geworden, um einen billigeren Preis pflegen zu wollen, blieb es bei dem Beschlüsse und die Legros mußte ohne das Kind und ohne die baaren Mittel heimkehren, deren sie zur Befriedigung des unheimlichen Drängers von gestern so sehr bedurfte. Grübelnd, ob sie nicht auf irgend eine Weise aus einem dritten Findelhause Ersatz finden könne, war sie bis vor die Stadt gekommen, als sie sich plötzlich von einer bekannten Stimme'angerufen hörte, und im gleichen Augenblicke sah sie die Frau des Aussehers aus dem anderen Findelhause auf sich zueilen, dessen Angehörigen, den kleinen Etienne, sie eben erst unter falschem Zeichen der ersten Anstalt abgeliefert hat. „Frau Legros, ich soll sofort zu Euch, gehen und den Kleinen wieder abholen, den Ihr von uns in Pflege habt," rief die Frau keuchend von ihrem eiligen Laufe- „Was ist denn mit dem Kleinen?" versetzte die Legros jäh erbleichend und am ganzen Körper erbend. „Nun was soll es sein? die Eltern wollen das Kind zurückhaben, anders weiß ich auch nichts. Ich soll zu Euch eilen und das Kind sofort holen." Wie geistesabwesend stand die Legros da und starrte die Sprecherin an- „Ihr sollt das Kind wieder holen?" entgegnete sie endlich gedehnt. „Ja freilich, und es wird am besten sein, wenn ich gleich mit Euch gehe, und den Kleinen abhole." Jetzt erwachte aber das Bewußtsein der Bedrohten wieder in voller Stärke und sich gewaltsam zusammenraffend entgegnete sie: „Nun um Gotteswillen nein, geht nur ich bringe ihn schon; gleich sollt Ihr ihn haben. Ich eile sofort nach Hause. Geht nur," fuhr sie heftiger fort, „Ihr braucht nicht mitzukommen, Ich bringe den Kleinen," und damit rannte sie außer sich vor Schrecken davon, während die Aufsehersfrau ihr in tiefer Entrüstung nachschaute und über die grobe Unhöflichkeit schalt, mit welcher Frau Legros sie hier stehen ließ. Von Entsetzen getrieben eilte letztere inzwischen der Heimath zu, verzweifelt auf einen Ausweg sinnend, um der drohenden Gerechtigkeit zu entrinnen. Um jeden Preis mußte sie dem Findelhause einen Pflegling abliefern, koste es, was es immer wolle, und sollte sie dem einen Verbrechen noch ein zweites hinzufügen, sollte sie selbst ein Kind rauben und entführen nuifien! Solch ein kleines Geschöpf, das armen Leuten angehörte, bekam es ja im Findelhause auch nicht schlechter — aber nein, das brauchte sie gar nicht einmal; sie hatte ja selbf ein etwa zweijähriges Kind, und besser, sie brachte dieses in's Findelhaus, wo es ohnehin nur bis zum 14. Jahre verblieb, als daß sie selbst als Mörderin das Schaffot bestieg! Was ihr Mann daheim sagen werde, zog sie nicht in Betracht, wie rasend stürmte sie nach Hause, erfaßte den Kleinen, wusch ihn, band ihm das Anstaltszeichen um und eilte wiederum fort. „ , Als sie mit dem Kinde in das Büreau des Anstalts- Directors in Paris eintrat, blickte dieser sie einigermaßen erstaunt an, lobte aber doch ihre Pünktlichkeit und gestand ogar, daß er nach den Schilderungen der Frau des Aufsehers keinesweges erwartet habe, sie schon hier zu sehen, denn seine Botin habe berichtet, die Frau Legros habe sie wie eine Wahnsinnige angeblickt und sei davon gelaufen, als wenn sie etwas Schreckliches begangen hätte. Nun sei ja aber, Gottlob, alles in Ordnung. Wohl mochte es die Verbrecherin mit Entsetzen erfassen, als sie ihr eigenes Kind jetzt unter falschem Namen als elternlosen Findling dahin gab, als derselbe flüchtig untersucht und dann ohne Beanstandung eingetragen wurde; wohl mochte ihr schaudern bei dem Gedanken an die Vereinsamung ihres eigenen Hauses nach dem Fehlen des Kindes, ihres kleinen Andre, aber vorwärts mußte sie, trotz alledem, und auch noch den Fragen des eigenen Gatten durch neue Erdichtungen Stand halten. Immer tiefer verflocht sie sich in ein Labyrinth von bösen Thaten und Unwahrheit; sie fühlte dies auch nur zu sehr und schon war es ihr, als läsen die Nachbarn in ihren Zügen, was sie mit Entsetzen verbarg. In ihrer Wohnung traf sie bereits ihren Mann an, welcher polternd nach seinem kleinen Andrö fragte; stotternd entgegnete sie auf diese Frage, sie habe in Paris eine Freundin besucht und den Kleinen dorthin mitgenommen, wo er mit andern Kindern gespielt habe; um ihn nicht der feuchten Abendluft auszusetzen, habe sie ihn dort gelassen, da sie ohnehin morgen wieder dahin gehe, um der Freundin bei der Arbeit zu helfen. , . „ r „Ja, Mama hat den kleinen Andre mitgenommen" tönte plötzlich die Stimme des kleinen Henry, „Mama hat Andre die Kleider von Etienne angezogen, hat ihn schön gewaschen und Zeichen von Etienne umgehängt." „Was plaudert der Kleine da," rief jetzt der Arbeit« mit einem sonderbaren Blick um sich her, „wo ist denn Etienne < was hast Du mit dem Kleinen angefangen?' „Etienne ist wieder im Findelhause," stotterte |ie, immer verlegener werdend. „Aber warum denn, Weib? Hier geht etwas vor, was Du verschweigst! Rede und sage, wo Andre geblieben ,st. Aber lüge nicht, oder ich drehe Dir die Gurgel um! Andre ist nicht bei einer Freundin, das sehe ich Dir an, sage er gerade heraus, oder —" Schreiend sank das Weib in die Knies und jammerte: „Ich will es Dir sagen, Louis, aber verzeih' mir; ich habe Andre nach Pari» in's Findelhaus getha«; ich konnte es nicht mehr mit ansehen, daß das Kind Hunger litt. Du vertrinkst zu viel und ich konnte nichts mehr verdienen, so lange Andre im Hause war. Ich wußte mir nicht anders mehr zü helfen. Auf den Vorwurf des Trinkens schwieg der Arbeiter und schien in Nachdenken zu sinken; er trat an's Fenster und blickte lange hinaus, dann wandte er sich zurück und streckte sich, ohne mehr eine Silbe zu äußern, auf sein Lager. Die Frau folgte anfangs erstaunt diesem Thun mit den Blicken, denn sie hatte eine andere Scene erwartet. Auch sie begab sich endlich zur Ruhe, in der Annahme, daß ihr die Täuschung gelungen sei, aber es war ihr doch furchtbar öde in dem Zimmer und ste war nicht im Stande, ein Auge zu schließen und sich dem Schlummer hinzugeben. , , , rx Der Morgen graute kaum, da erhob sich auch schon der Arbeiter Legros und verließ gleich darauf das Haus in so ungewöhnlicher Weise, daß die Frau sofort eine besondere Absicht bei ihm vermuthen mußte. Mit Entsetzen dachte sie daran, er könne womöglich gar in dem von ihr angegebenen Findel- Hause das Kind zurückfordern wollen und der Schrecken bet diesem Gedanken wollte sie fast übermannen. Wenige Minuten nachher eilte auch sie aus dem Haute und erreichte die Hauptstadt auf Seitenwegen noch vor ihrem Manne. In der Nähe des Findelhauses stellte sie sich auf die Lauer und wartete lange, lange. Dann begann sie ungeduldig — 223 - die Straßen auf und ab zu wandern, aber immer noch kam der Arbeiter Legros nicht zum Vorschein. . Da bemerkte sie plötzlich, rote vor der Anstalt ein Auf. lauf entstand, es ertönte ein Lärm und einzelne ihr von dorther Entgegenkommende erzählten einander, ein Arbeiter habe mit Gewalt in's Findelhaur eindringen und sein Kind heraus« holen wollen, das ihm von seiner eigenen Frau gestohlen worden sei- Die Polizeibeamten hätten Recht gehabt, wenn fte den verrückten Menschen zur Wache geschafft hätten. Der Schreckender Lauscherin bei diesen Aufschlüffen war unbelchretb« lich; sie vermochte sich kaum aufrecht zu erhalten, denn mit furchtbarer Gewalt schien das Schicksal nun dennoch über sie hereinzubrechen, wenn ihr Mann erst mit der Behörde in Be» rührung kam, und nur noch an die eine Hoffnung klammerte sie sich, daß man Louis Legros vielleicht wirklich für irrsinnig halten könne. Der Arbeiter wurde nun zwar zum nächsten Polizeiposten gebracht, aber feine dortige Vernehmung machte auf die Beamten durchaus nicht den Eindruck, als ob sein Verstand in Unordnung sei, vielmehr erregte seine Rede so sehr das Jntereffe des Commiffars, daß dieser den Arbeiter in Begleitung eines Beamten abermals nach dem Findelhauss sandte. Wenige Stunden nachher war bereits ein Verhaftsbefehl gegen Frau Legros erlassen und während mehrere Beamten sich auf die Suche nach derselben begaben, blieb der wieder freigelassene Legros bei dem Director des Findelhauses, um sein Kind zu recognoseiren. Während diese beiden Personen den Fall noch mit einander besprachen, ertönte draußen ein heftiges Klingelzeichen und einen Augenblick darauf stürzte, gefolgt von dem Portier, ein Kind auf dem Arme, die Frau Legros in das Zimmer des Directors. Mit Erstaunen veryahm derselbe die in gefaßtem demüthigen Tone gesprochenen Worte: „Vergeben Sie mir, Herr Director, daß ich Sie getäuscht habe; ich brachte Ihnen gestern nicht Etienne zurück, sondern mein eigenes Kind; hier aber ist der richtige Pflegling Ihrer Anstalt," — und damit legte sie das mitgebrachte Kind vor dem Beamten nieder. Einen Augenblick machte Legros Miene, abwehrend dazwischen zu treten, als er aber die verstörten Züge seiner Frau sah, schwieg er, wie von Mitleid ergriffen. „Also dies soll nun der rechte Etienne sein? Warum habt Ihr uns denn zuerst ein solches Kind gebracht," fragte der Director mit einem zweifelnden Blicke, worauf die Frau stotternd erwiderte, es sei zwar eine Schande, daß sie es sagen müsse, aber der kleine Pflegling Etienne sei ihr wirklich lieber geworden, als ihr eigenes Kind, es sei ihr aber schon leid geworden, und deshalb sei sie nun von selbst gekommen, um ihren Fehler wieder gut zu machen. Als nun die beiden Kinder in Gegenwart des Arbeiters ausgetauscht wurden, mochte letzterer wohl etwas von der wahren Sachlage ahnen, aber das Mitleid mit seiner Frau bewog ihn doch, in dem zweiten Kinde Etienne anzuerkennen, wobei er nur bemerkte, daß er bis in die späte Nacht beschäftigt sei und sich um die Pflegekinder seiner Frau wenig kümmere. Hierauf durfte sich das Ehepaar mit seinem Söhnchen entfernen und noch einmal athmete die Frau hoch auf, in dem Glauben, daß es ihr wiederum gelungen sei, das Auge des Gesetzes zu täuschen. Sie ahnte nicht, daß ein Agent der Polizei ihr auf dem Fuße folgte und jeden ihrer Schritte bewachte, während der Director des Findelhauses weit entfernt davon war, an die Echtheit des ihm hingebrachten Kindes zu glauben. In der Wohnung des im Eingänge unserer Erzählung erwähnten Ehepaares war unvermuthet das Glück eingekehrt durch den Tod eines Anverwandten, welcher beträchtliche Mittel hinterlassen hatte. Der erste Gedanke der beiden Glücklichen war natürlich ihr Kind und alsbald eilten Beide zu der Anstalt, um zu erfahren, daß der Kleine sich bisher auf dem Lande befunden habe und erst eben wieder in die Anstalt gelangt sei. Auf Anordnung des Directors der letzteren wurde derselbe herbei gebracht, aber schon beim ersten Blicke erklärte die junge Frau mit bleicher Miene, das sei nicht ihr Kind, sondern ein falsches, das sie nie gesehen. Mit gespannter Aufmerksamkeit betrachtete sie der Directok und berichtete ihr, welche Kennzeichen das Kind bei der Einlieferung an sich gehabt habe. Die Zeichen stimmten genau, aber dennoch blieb die Frau mit zitternder Stimme und händeringend dabei: „Das sei nicht ihr Kind, welch' letzteres am rechten Arme ein Muttermal getragen habe." Tröstend versprach ihr der Director, nachdem er zuvor eine Unterredung mit seinem Schreiber gehabt, ihr demnach mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, ihr Kind wieder in die Arme legen zu können und zu ihrem Erstaunen ließ er die jungen Leute draußen einen Wagen besteigen, in dem auch er Platz nahm und nach kurzer Fahrt vor einem anderen Gebäude halten ließ, welches er gleichfalls als ein Findelhaus bezeichnete. Er ließ die jungen Leute hier in ein Wartezimmer treten und wenige Minuten nachher erschien er wieder, ein Kind im Arme, bei dessen Anblick die junge Frau laut aufschluchzte: „Mein Etienne!" dem Hospiz der Richter. Die Frau Legros war inzwischen nur einen Tag noch auf freiem Fuße, dann wurde sie ohne Umstände festgenommen und zum Verhör gebracht. „Habt Ihr ein Kind Namens Etienne aus zum heiligen Kreuz zur Pflege gehabt?" begann „Ja." „Wann war das?" „Vor einem Jahre." „Was zahlte Euch die Anstalt dafür?" „Sieben Francs monatlich." „Bis wann hattet Ihr das Kind?" „Bis Vorgestern." „Es wurde Euch abverlangt, nicht wahr?" „Ja." „Brachtet Ihr es wieder in die Anstalt?" „Ja — nein, ich brachte zuerst mein eigenes Kind dahin, ich vertauschte dis Kleider." „Warum thatet Ihr das?" „Ich meinte, den Pflegling lieber zu haben, wie mein eigenes Kind, aber ich bereute es sofort wieder und brachte der Anstalt das richtige Kind zurück." „Es war wirklich das richtige?" „Ja." „So muß ich es Euch einmal vorzeigen, damit Ihr mir dieses „Ja" wiederholt." Auf einen Wink brachte ein Diener den angeblichen Etienne herein. „Dies ist also das Kind, von dem wir sprechen?" tncin cQctr/* „Besinnt Euch, Frau, und sprecht die Wahrheit." „Ich — ich sage ja die Wahrheit, es ist so, wie ich sage" „Nun gut denn." „Der Richter klingelte und herein trat die Mutter des wirklichen Etienne. „Sie hatten ein Kind mit Namen Etienne in dem Findelhause zum heiligen Kreuz?" „Ja-" „Ist es dies hier?" „Nein, nimmermehr-" „Bleibt Ihr bei Eurer Behauptung stehen, Frau Legros?" „W Auf einen Wink des Richters wurde ein anderes Kmd hereingebracht. „Kennt Ihr dies Kind, Frau Legros?" „Ja-" „Woher kennt Ihr es?" „Es ist ein Kind, welches ich für eine andere Anstalt eine Zeitlang gepflegt habe, bis es zurückgefordert wurde." „Ihr sagt also, daß dieses Kind hier in das andere Findelhaus gehöre?" „Ja-" ,', Bleibt bei der Wahrheit, Frau, Ihr habt schon wieder eine Lüge gesprochen." 224 Die Legros erblaßte, blieb aber bei ihrer Behauptung. Wiederum trat die vorhin schon vernommene junge Mutter vor. „Kennen Sie dieses Kind?" fragte der Richter. „Gewiß, es ist mein Etienne, den ich damals aus Noth in's Findelhaus that" „Können Sie Ihre Aussage beschwören?" „Gewiß, mein Herr." „Nun, was sagt Ihr dazu, Frau Legros?" „Ja, es ist die Wahrheit, was die Dame sagt," flüsterte sie jetzt, kaum noch im Stande, sich aufrecht zu halten. „Dies hier ist wirklich der kleine Etienne. Der andere Knabe dort ist aber gerade der aus dem anderen Findelhause; ich hatte die Kinder nur verwechselt, weil ich mit meinem Manne mehr getrunken hatte, als ich sollte." „Und wo ist denn," fuhr der Richter fort, jenes Kind geblieben, welches Ihr vorgestern im Park Luxemburg einem Kindermädchen aus dem Wagen gestohlen habt, nachdem das Mädchen sich bewegen ließ, für Euch eine kurze Bestellung auszurichten?" „Davon weiß ich in der That nichts. Ich bin gar nicht in dem Park gewesen." Der Richter schellte und es trat ein Mädchen herein, welches auf die Frage des Richters in der Frau Legros sofort die Fremde erkannte, welche zu ihrem Entsetzen mit dem Kinde ihrer Dienstherrschaft verschwunden war. „Was sagt Ihr nun," wandte sich der Richter an die Legros. „Es ist alles Lüge," entgegnete diese in verzweifelter Härtnäckigkeit, „ich habe das Frauenzimmer dort nie gesehen, und das Kind ist der kleine Charles, den ich in Pflege hatte." „Es hilft Euch nichts," versetzte der Richter mit eisiger Ruhe; wenn Ihr es nicht gestehen wollt, so will ich Euch sagen, wo Charles geblieben ist." Mit diesen Worten schellte er abermals und herein trat jener Vagabund, dem Frau Legros für sein Schweigen die 20 Francs versprochen aber nicht gebracht hatte, weil sie selbst das Pflegegeld nicht mehr rechtzeitig erhielt. Bei dem Anblick dieses Menschen entsank der Beschuldigten die letzte Hoffnung und stöhnend gekannte sie nun endlich, daß sie den Pflegling Charles, welcher sie sehr durch Schreien gequält hatte und wegen dessen sie von ihrem Manne mißhandelt worden war, eines Tages mit einem Gegenstand auf den Kopf geschlagen habe, wodurch der Kleine gestorben sei. Bald darauf verurtheilte das Schwurgericht die Angeklagte wegen Todtschlags zu schwerer Kerkerstrafe. GSMeinnÄtziges. Di- Salzsäure im Haushalt. Die Salzsäure ist ein unübertreffliches Reinigungmittel, und sollte sie daher in feinem Haushalte fehlen; nur muß man sie in besonders gekennzeichneten Fläschchen aufbewahren und überhaupt vorsichtig mit ihr umgehen. Salzsäure mit etwas Waffer verdünnt, macht Glasflaschen wieder vollständig rein und klar, reinigt Steinkrüge von sonst nicht wegzubringendem Bodensatz, entfernt Flecken aus Porzellan, die wie eingebrannt erscheinen, u. s. w. Der unvermeidliche Keffelstein im Waffer- und Theekeffel löst sich, wenn man diese Behältnisse mit Waffer, dem Salzsäure zugeietzt ist, aurkocht. Die graue oder schwärzliche Färbung Bei ursprünglich schön weißen Emaille der emaillirten Töpfe beseitiat man, indem man Salzsäure in den Topf gießt und sie heiß macht, worauf der Topf mit Sand ausgescheuert wird. Unerläßlich ist es aber, alle diese mit Salzsäure gereinigten Bebältniffe vor dem Wiedergebrauche tüchtig und wiederholt mit reinem Waffer auszuspülen. Reinigen von Eichenmöbeln. Die vom Staub befreiten Möbel reibt man mit einem wollenen Läppchen, das man mit lauwarmem Bier befeuchtet hat. Dam kocht man ein Stück gelbes Wachs von der Größe eines Hühnereies und ein halb so großes Stück Zucker in 4/10 Liter Bier, läßt die Mischung ein wenig abkühlen und bestreicht damit die Möbel. Sind letztere trocken, so polirt man sie mit einem wollenen Lappen blank. Derartig gereinigte Möbel erhalten einen schönen Glanz. Zubereitung von Fleischpasteten Die Leber eines geschlachteten Borstenthieres wird über Nacht gewässert und beim Zubereiten gehäutet, d. h. die Umfassungshaut wird abgezogen und unter Beimischung von 250 g Kernspeck und 500 g Talg (am besten Nierentalg) durch ein scharfes Wiege- meffer zu einem Fleischbrei verarbeitet. Alsdann wird die Masse durch eine Haarsieb gedrückt, wobei Gewürze, als Sal- beiblätter, Schalotten, Thymian, Muskat und eine Kleinigkeit (etwa eine Messerspitze) Piment beigemischt werden- Die Maffe kommt hierauf in eine mit dünnen Speckscheiben aus- gelegte Kasserole und wird vier Stunden im Wafferbade im Ofen gebacken- * Um Würmer aus Blumentopferde zu vertreiben. Das einfachste Mittel ist, Abends Brodstückchen auf die Erde des Topfes zu legen, an welchen sich die Würmer während der Nacht sammeln und am Morgen mit diesen leicht entfernt werden können. Verinischtes. Vom Exercirplatz. Unteroffizier (nach dem Para^- marfch): „Kerls, ich will Euch in Euren eigenen Augen Mi blamiren, sonst ließ ich Euch Alle eine Stunde nachexerciren!" Scharf beobachtet. *Du, schau', das sind Neuvermählte!" — „Woran erkennst Du denn das?" — „Well er ihr immer auf's Kleid tritt!" — „Das kann doch später auch noch passiren!" — „O nein, ba gibt er schon Obacht, wenn er einmal weiß, was die Kleider kosten!" Kein Unterschied. Richter: „Zeuge, war es ein harter Gegenstand, mit dem Sie der Angeklagte wiederholt auf den Kopf schlug?" — Hieselbauer: „'s war schon zu dunkel, Herr Richter, ich hab's nimmer unterscheiden können!" Vor Gericht. Richter: ^Wurden Sie nicht schon einige- male wegen Diebstahls vorbestraft?" — Angeklagter: „Nee, immer nachher!" * * Eben deshalb. „Kennen Sie den Doctor, der eben vorüberging?" — „Ja, er ist ein beschäftigter Irrenarzt." - „Wie, ein Irrenarzt? Ich sehe ihn ja in Privathäusern behandeln." — „Eben; die ihn holen, sind alle verrückt." Im Dorfwirthshaus. Gast: „Wann kommt denn einmal mein Kalsbraten?" — Kellnerin: „Gleich wird er da sein. Der Hausknecht rennt schon der Katz' nach, die ihn aus der Pfann' g'stohlen hat!" * , Ein Vorschlag. Kutscher A.: „Du, wollen wir ein« mal wetten, wer am meisten von uns trinkt!" — Kutscher B.: „Nein, aber ein anderer Vorschlag; ich trinke und Du bezahlst; wer da» am längsten aushalten wird." Unnöthig- „Du, Vater* warum sagt man denn „guten Appetit", aber nicht „guten Durst"?" — „Weil's das nicht braucht I" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'fche» Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.