Nr. 120 *. M HWß n#8@®SäSgfcSe#:- • .>^*55 kM K .^Säfc' 1893. UntevhaltUNgsblatt zunr Gietzeirev Anzeigen (Gsnevtrl-Anzeigev) Donnerstag, den 12. Oktober. Dunkle Mächte. Novelle von B. Corony. (Fortsetzung.) Schmerzlich erstaunt sah ihr die arme, unglückliche Braut nach und kehrte dann in das Haus zurück. Frank, im Begriff, fortzugehen, trat ihr auf der Schwelle entgegen. „Theure Rafaele!" rief er, die Arme ausbreitend. Sie wich zurück. „Mir wurde eben ein bitteres Weh zugefügt. Mazda weigert sich, mich zu begleiten." „Dieser allerdings unerklärliche Widerstand wird leicht zu beseitigen sein," erwiderte er. „Aber können wir das Mädchen nicht entbehren?" „Ich bin von Kindheit an an sie gewöhnt und würde mich nur schwer von ihr trennen." „Dann muß sie diesen kindischen Eigensinn aufgeben." „Muß? — Nicht Alles läßt sich erzwingen." „Nein, aber ungerechtfertigter Trotz ist zu besiegen." „In diesem Falle bezweifle ich er." „Eine vorübergehende Launenhaftigkeit, nichts weiter, sage ich Ihnen." „Möchten Sie Recht haben!" Langsam, als hätten ihre Glieder alle jugendliche Elasticität verloren, stieg sie die Treppe empor. Der Arzt blickte ihr nach, ging dann in den Garten, durchstreifte mehrere Alleen und fand die Waise in einem kleinen Kiosk sitzend. Sie wandte den Kopf nicht, erkannte aber den Tritt des Nahenden. Immer trotziger und unfreundlicher wurde der Ausdruck ihres sonst so anmuthigen Gesichts, immer finsterer zogen stch die schwarzen, kühn geschwungenen Brauen zusammen — und dann erzitterte plötzlich ihr ganzes, kleine», schmächtiges Figürchen, als sie ihren Namen nennen hörte. Sie antwortete nicht darauf und machte keine Bewegung. „Mazda, ist es wahr, daß Sie von Ihrer Schwester und Freundin scheiden wollen, wenn diese meine Gattin wird?" fragte er, sich zu ihr herabbeugend. „Ja, es ist wahr!" Rauh, kalt, unhöflich klangen die Worte. „Warum?" „Ich brauche keinen Grund anzugeben." „Sie werden es aber dennoch thun!" Da wieder dieser seltsame, halb bittende, halb befehlende Ton, der immer so wunderbaren Einfluß auf sie ausübte. Aber Mazda sträubte stch mit übermenschlicher Gewalt, zu unterliegen. „Ich werde es nicht thun!" stieß sie zwischen den schimmernden Zähnen hervor. „Ist nichts auf der Welt mein, so besitze ich doch einen freien Willen. Ich folge Rafaele nicht! Wozu bedürfte sie meiner, und was sollte ich in dem fremden Hause? Frei will ich sein! Endlich, endlich frei!" „Wer beeinträchtigt Ihre Freiheit? — Aber ein gegebene» Wort müßte doch unter allen Umständen gehalten werden," sagte Frank mit großer Schärfe. „Ich verpfändete da» meine nicht!" „Es thut mir leid, Sie an etwas erinnern zu müffen, was ich Ihrem Gedächtniß fest eingeprägt glaubte." „Woran Sie mich mahnen wollen, ist mir unverständlich." „Sie versprachen mir einst, wenn ich je eine Bitte an Sie richten sollte, diese zu erfüllen, vorausgesetzt, daß es in Ihrer Macht liegt und sich mit Ihrem Gewissen verträgt." „Davon weiß ich nichts." „Sie leugnen es?" „Ja! Denn ich bin mir bewußt, nie eine derartige Aeußerung Ihnen gegenüber gemacht zu haben." „Sie wollen sich nicht erinnern." „Nein; ich erinnere mich nicht." „Das ist unwahr!" wiederholte er, sie scharf fixirend, und, als wohne seinem Blick magnetische Anziehungskraft tnne, mußte sie nun auch den ihren erheben, während die zuckenden Lippen stammelten: „Nein, nein." „Und doch!" „Wann hätte ich das gethan?" „Ihr Gedächtniß bedient sie schlecht, Fräulein. Erinnern Sie stch!" Sie hätte die Augen abwenden mögen und vermochte es doch nicht. Ihre ganze Willensthätigkeit begann allmählich zu erlahmen. Das feine Köpfchen bog sich weit in den Nacken zurück, und ein Ausdruck peinlichen Zweifels war in dem kindlichen Gesichte zu lesen. „Denken Sie doch nach. Ich weiß ganz genau, wo und wann Sie mir dieses Versprechen gaben." „Ich that — es — nicht--," erwiderte sie noch einmal mechanisch, aber zögernd und unsicher, wie Jemand, der seiner Sache selbst nicht gewiß ist. Frank legte die Hand auf ihre Stirne. „Ich will Ihnen zu Hülfe kommen. In dem Zimmer, wo Sie lange krank lagen, ist es geschehen. Wie die Taube vor dem Habicht, so zitterten Sie vor dem Tode. Zum ersten Male wieder, als eine dem Leben Neugeschenkte, am Fenster stehend, sprachen Sie warme Worte und wiederholten unaufhörlich: „Könnte ich nur etwas thun, um Ihnen, der mich dieser schönen, entzückenden Welt er- - 478 -s |iert, meine Dankbarkeit zu beweisen." — Wissen Sie das nicht mehr? — Im Garten jubelten die Vögel und auf dem Tisch stand ein großer Strauß weißer und blauer Blumen. — „Vielleicht komme ich einst in die Lage, etwas von Ihnen zu erbitten," erwiderte ich, über Ihren Eifer lächelnd. „Und mein Wort darauf, daß ich diese Bitte erfülle, wenn ich es kann, und wenn Niemand dadurch ein Unrecht zugefügt wird!" riefen Sie lebhaft und legten Ihre Hand in die meine. Erinnern Sie sich dessen?" Magda bejahte weder, noch verneinte sie. Noch einmal rief er ihr die ganze Scene ins -Gedächtnlß, allerlei Einzelheiten anführend, und wiederholte endlich die Frage. Die Wirkung feines Blickes, der ernste, eindringliche Ton der Versicherung, mußten wohl ihren kindischen Widerstand besiegt haben. „Ich erinnere mich," sagte sie leise. „Nun so spreche ich jetzt die Bitte aus: „Bleiben Sie Ihrer Freundin auch ferner zur Seite. Verkünden Sie ihr diesen Entschluß sogleich und ohne unseres Gesprächs zu erwähnen." Ueberrascht, entzückt und doch eigenthümlich bewegt fühlte sich Rafaele, als Magda kaum fünf Minuten später bei ihr eintrat mit den Worten: „Ich nehme meine Weigemng zurück und werde Dich begleiten, wenn Du nach P. ziehst." Es lag etwas Seltsame», Fremdes in dieser Zustimmung, die so fest und entschieden und doch so freudlos und kühl klang. „Hat Frank Dich überredet?" Die zögernde Frage war wohl berechtigt. „Nein! Ich folge Dir, weil ich nicht anders kann." Wie sich da» anhörte! — Als hätte die Seele keinen Theil daran. — Aber Rafaele warf sich doch an die Brust der Jugendfreundin und bedeckte die marmorkalten Lippen mit Küssen. VI. Schneller als sonst wohl üblich wurde die Vermählung vollzogen. Todesahnungen quälten Frau v. Waldau, und der Wunsch, ihres geliebten Kindes Schicksal in bewährten Händen zu wissen, trieb sie zu beinahe fieberhafter Hast. Alle Vorbereitungen wurden mit unheimlicher Schnelligkeit getroffen. Rafaele setzte dieser Eile keine Einwendungen entgegen, nicht weil sie sich dem Arzte geneigter gefühlt hätte, aber weil sie einmal entschlossen, ein Opfer zu bringen, dieses ganz und rückhaltlos bringen wollte. Jedes Zweifeln und Schwanken widerstrebte ihrem starken, klaren Sinn. Ganz anders erging es Magda. Diese war sich selbst zum traurigen Räthsel geworden. Oft meinte sie, Frank zu hassen und zu fürchten und empfand fast unwiderstehliche Lust, ihn zu fliehen und sich angstvoll in irgend einem vergessenen Winkel der Erde vor ihm zu verbergen. Des Nachts schreckte sie wohl empor über den von ihren eigenen Lippen ausgestoßenen verzweiflungsvollen Ruf: „Mein Gott, rette mich vor ihm! Ich fühle mich in Schlingen verstrickt, die zu zerreißen meine Kraft nicht ausreicht!" und dann war es ihr doch wieder, al« würde sie eher die Erde von Pol zu Pol durchwandern, als seine Spur verloren geben. — Wenn dieses Gefühl nicht Liebe war, dann mußte sie es einen unbegreiflichen Zauberbann, etwas Uebermächtiges und Unerklärliches nennen, etwas, wovor ihre Seele zagte und das sie doch nicht hätte missen mögen. — Und dazu gesellte sich eine peinliche, drückende Empfindung Rafaele gegenüber. Diese kam ihr wie ein in demantener Klarheit leuchtender Stern vor, der ruhig seine Bahn wandelt, während sie selbst sich mit einem flackernden Irrlicht verglich. — War es bange Sorge um die Freundin, war es ein entwürdigendes Gefühl ganz unberechtigter Eifersucht, was Magda oft die Hände ringen, was sie laut aufstöhnen ließ: „Gott im Himmel, hilf! Sie dürfen einander nicht angehören!" Der Allmächtige hörte aber dieser Flehen nicht. In der Dorskirche wurden Rafaele und Georg getraut. Der Winter hatte einen weichen, weißen Teppich über die Stufen, die zu dem Haupteingang der kleinen Gotteshauses empor führten, gebreitet. Schneeflocken fielen in bas Haar der Braut, als sie dem Wagen entstieg, und flimmerten neben den Myrthenblüthen. Feierlich erklangen die Töne der Orgel, und frische, Helle Kinder, stimmen sangen ein frommer Lied. Die beiden Mütter drückten sich die Hände. Frau Frank» Antlitz strahlte. Nun war dem geliebten Sohn auch der höchste Wunsch nicht unerfüllt geblieben. Der Priester vereinte ihm da» heißgeliebte Weib, und die Bahn zum Ruhme stand dem Ehrgeizigen, nicht mehr durch kleinliche Verhältnisse Gehemmten, frei, So inbrünstig dankte sie Gott noch nie, so froh und stegesbewußt sah sie niemals in dir Zukunft. — Hinter ihr kniete Magda und schluchzte, al» sollte ihr dar Herz brechen. Sie selbst hatte die Freundin mit dem Kranz und dem wie Morgennebel feinen und durchsichtigen Schleier geschmückt und dabei gedacht, daß sie dieselbe lieber in den Sarg betten, als vor den Altar geleiten würde, und dennoch regten sich nicht Haß und Mißgunst in ihr, sondern nur eine unbeschreibliche Wehmuth, eine tiefe Traurigkeit, wie sensitive Naturen sie vor herannahendem, schweren Unheil empfinden. „Könnte ich nur sterben, sterben für die Beiden!" dachte sie, und dieser Gedanke raubte ihr sogar die Fähigkeit, zu beten. Die übliche Hochzeitsreise unterblieb. Das junge Paar begab sich sofort nach P. Trotz der Winterzeit umwanden Blumenguirlanden von seltener Pracht Treppen und Thüren, sowie den Schreibtisch des Doctors. Die Äittwe würde lieber ihr Letztes hingegeben, als dem Sohn und seiner jungen Gemahlin keinen freundlichen Empfang bereitet haben. „Willkommen!" rief Frank und breitete, auf der Schwelle stehend, die Arme aus. Rafaele schien die Bewegung nicht zu bemerken. Sie reichte ihm die Hand und sagte: „Ich werde stet» meiner Pflichten gedenken und jede Sorge mit Dir theilen, Georg." Ein Ausdruck bitterer Ironie machte seine Züge beinahe unsympathisch. „Ich danke Dir für diese» beglückende und vielverheißende Versprechen," erwiderte er spöttisch. In seiner Mutter scharfen Adleraugen leuchtete e» zornig auf. Sie öffnete bett Mund, al» wolle sie eine scharfe Bemerkung machen, bezwang sich indeffen, und geleitete die Neuvermählten in einen zierlichen Salon und von da in mehrere sehr hübsch und gemüthlich eingerichtete Zimmer. „Ich hoffe, Deinen Geschmack getroffen zu haben," sagte sie zu Rafaele, aber nicht mit schmeichelndem, sondern mit Zu- stitnmung heischendem Ton. „Gewiß!" erwiderte die junge Frau gleichgültig. „Dann empfange noch einmal meine Glückwünsche, lieber Kind, und glaube: die Gattin eine» berühmten Mannes zu sein — und das dürfte Georg in nicht zu später Zeit wer- den — ist eine seltene Bevorzugung, welche da» Schicksal nur Wenigen gewährt- Wir Frauen sind gewöhnlich verurtheilt, eine sehr unbedeutende Rolle zu spielen, und sollten Diejenigen segnen, welche einen verklärenden Schimmer ihrer Größe aus uns fallen lassen." „Ich unterschätze die Verdienste Deine» Sohnes nicht," klang es kühl abweisend von den Lippen Rafaelens. Frank furchte die Stirne. „Sind Briefe eingegangen?" fragte er, das Gespräch schroff unterbrechend. „Ja; sie liegen in Deinem Arbeitszimmer." Er ging- Wie fest klang doch sein Schritt! Al» schreite eine belebte, eherne Statue über den Corridor, war e» anzuhören. So bekannt und lieb wie in dem kleinen Hause, das er nun verlassen, grüßte ihn hier Alles. Da stand der Bücher» schrank, dort die Chaiselongue, auf die er sich oft geworfen, um stundenlang über ein Problem nachzudenken. Hier war auch der Secretär, bedeckt von Zeitungen und Schriften. Da» alte Notizbuch lag auf der rechten Seite und daneben sah man Bleistifte, Federn, eng beschriebenes Papier — Alles, Alles hatte die Mutter hingelegt, wie er es seit Jahren gewöhnt gewesen — sogar der Todtenkopf grinste ihm entgegen. Aber heute mochte der Doctor den alten, guten Kameraden nicht sehen. Er schob die Miniatur-Staffelei, auf der einige hübsche Skizzen standen, vor, stieß aber dabei unvorsichtig an da» L 479 -= Symbol her Vergänglichkeit, so daß es herabrollte, mit dumpfem Gedröhn auf das grüne Tuch, welches die Platte des Schreib- tische» überspannte, fiel und nun gleichsam höhnend zu lächeln schien. — „Pochst Du auf Dein Recht, alter Freund?" rief Frank mit nervöser Heiterkeit. „Hast auch Recht I Du sollst bleiben, wo Du hingehörst, und mich daran mahnen, daß man dem flüchtigen Augenblick huldigen muß, weil nichts Bestand hat auf dieser Welt. Lust und Verzweiflung, Schuld und Reinheit — Alles deckt ja doch endlich das Grab, und die Zeit breitet den Schleier des Vergessens darüber. —" Nur wenige Wochen überlebte Frau v. Waldau die Vermählung ihrer Tochter, dann schlummerte sie sanft und schmerzlos, mit einem friedlichen Lächeln um den erblassenden Mund, in die Ewigkeit hinüber. Wußte sie doch das geliebte Kind wohl geborgen, und durfte ohne quälende Befürchtungen ihr müdes Haupt zur Ruhe legen. Rafaelens grenzenloser Schmerz war durch keinen tröstenden Zuspruch zu mildern, er mußte sich durch seine eigene Gewalt erschöpstu. Wenn eins ihr Linderung zu gewähren vermochte, so war es der Gedanke, sich selbst bezwungen zu haben, um den Willen der nun Verewigten zu erfüllen. Als Monate vorüber gezogen, sprach Frank mit ihr von seiner Absicht, Clauswitz in ein Sanatorium umzuwandeln. Sie stimmte lebhaft bei. In P. und unter dem streng bewachenden, vorwurfsvollen Blick der Schwiegermutter konnte sie nicht heimisch werden. Die ganze Qual unendlicher Sehnsucht war längst über sie gekommen. Nur wieder die lieben Fluren, die Wälder und Berge sehen, nur wieder die Luft der Heimath athmen! Viele bauliche Veränderungen mußten mit dem Rittergut vorgenommen werden, und ein Jahr ging darüber hin, bis es, vollkommen und zweckentsprechend eingerichtet, den Hülfe- suchenden geöffnet werden konnte. Dem Arzt waren inzwischen mehrere Aussehen erregende Kuren gelungen, die seinem Namen auch in weiteren Kreisen Geltung verschafft hatten. Einflußreiche Persönlichkeiten inter- essirten sich infolge dessen für ihn, und man begann ihm lebhafte Beachtung zu schenken. Die Geräumigkeit der neuen Heilanstalt, die herrliche, gesunde Lage, dicht am Wald und fern von jedem störenden Geräusch, machten sie zu einem sehr geeigneten Asyl für Leidende und Ruhebedürftige. Ein Theil de» parkähnlichen Gartens war abgezäunt und stand zu Rafaelens alleiniger Benutzung. Auch die von ihr und Magda bewohnten Gemächer lagen so, daß keine Störung statifinden konnte. Die alte Frau Frank hatte wacker und unermüdlich dafür gesorgt, daß die vielen Räume de» prächtigen Gebäudes bei aller Eleganz auch nicht der Behaglichkeit ermangelten. Wochenlang war sie treppauf und treppab gewandelt, bald hier einen Rath ertheilend, bald dort etwas anders arrangirend, immer die zahlreichen Arbeitskräfte beaufsichtigend und zur regen Thättgkeit aneifernd. In Clauswitz zu bleiben, lehnte sie jedoch entschieden ab und erwiderte, als Georg noch einmal ihren Vorsatz erschüttern wollte: „Ich kehre nach P. und in mein kleines Haus zurück. Dort sah ich Dich nicht nur körperlich, sondern auch geistig emporwachsen, au« jeder Ecke winkt mir so zu sagen eine liebe Erinnerung, und dann, daß ich es nur gestehe, in Deinem häuslichen Leben giebt es gar Vieles, was mir mißfällt. Es ist nicht Alles, wie es fein sollte, zwischen Dir und Rafaele. Ich bemerkte —" »Sie liebt mich nicht, hat mir aber auch niemals Liebe geheuchelt. Ich bin zufrieden," unterbrach er mit einer gewissen Barschheit. „Ich kenne Dich zu genau, um Dir in dieser Hinsicht Glauben zu schenken," entgegnete die Wittwe. „Jndeß ein Mann von Deiner Energie wird sich auch mit dem selbst ge- wählten Loose abzufinden wissen. Für Dich, den viel gesuchten Arzt und Gelehrten, giebt es ja auch Wichtigeres zu thun, als zu den Füßen eines schönen Weibes zu sitzen. Meinem zärtlichen, stolzen Mutterherzen will es aber nicht wohl werden in der Eisatmosphäre, welche in Clauswitz weht, deshalb ist - es besser, wenn ich gehe. Es könnten sonst vielleicht einmal bittere Worte zwischen mir und Rafaele fallen und noch größere Entfremdung herbeiführen. - Du stehst übrigens sehr angegriffen au», mein lieber Sohn." „In letzterer Zeit flieht mich häufig der Schlaf. Aber das braucht Dich nicht zu beunruhigen. Wenn er sich zu kommen weigert, so werde ich ihn zwingen Mittel stehen mir ja zu Gebote. Doch lassen wir da» Alle», um uns von Angenehmerem zu unterhalten. Hier, lies! Mehrere Besprechungen meines kürzlich veröffentlichten Werkes!" Die alte Frau überflog die dargereichten Berichte. „Kann ich diese Zeitungen behalten?" fragte sie. „Natürlich." „Schön! Lebewohl!" Noch einmal nahm sie feinen Kops zwischen ihre großen, weißen Hände, wie er schon ihre Gewohnheit gewesen, als Georg noch im Kindesalter stand, und küßte wiederholt seine hohe Stirne. „Auf Wiedersehen, mein Sohn! Bleibe nur hier. Du brauchst mich nicht zu begleiten. Wir haben uns so viel herzlicher verabschiedet, als vor Zeugen. Vergiß nicht: In dem einsamen Häuschen in P. wohnt Eine, die jederzeit ihre Seligkeit für Dich hingeben möchte." „Willst Du Rafaele nicht nochmals sehen?" „O ja. Ich gehe zu ihr. Suche mich bald auf, Georg." „Gewiß, Mutter." Die Wittwe schritt in den rechten Flügel des Gebäudes hinüber, klopfte an eine Thüre, öffnete aber, ohne das übliche „Herein!" abzuwarten. Die junge, am Fenster sitzende Frau wandte sich erstaunt zu ihr. „In Reisetollette, Mama?" fragte sie, „Du willst uns so plötzlich verlassen?" „Ich denke, es wird mich hier Niemand entbehren," lautete die kühle Antwort. „Meinen Sohn führt sein ärztlicher Beruf so oft nach P., daß wir uns wenigstens allwöchentlich begrüßen können — und Du hast ja Deine Freundin Magda." „O, aber ich sehe Sie sehr — sehr ungern scheiden!" rief das Mädchen, welches in dem erkerartigen Vorbau auf einem gestickten Schemel kauerte, emporspringend. „Mir ist es, als dürfe uns Ihr klarer Blick, Ihr entschiedenes Eingreifen in so Vieles nicht fehlen — als verlöre ich einen Schutz, eine Stütze in Ihnen." „Beides werden Sie in Georg finden, mein Kind," sagte die Wittwe ruhig. Ihrem kühlen Verstand war dar leidenschaftliche, aufgeregte Wesen der Waise, aus deren dunklen Augen eine gleichsam aus Gluth gewobene Seele leuchtete und den schwachen Körper zu verzehren drohte, unbegreiflich. Das schmale, blasse, von nachtschwarzen Haarmassen umwallte Gesichtchen hatte etwas dämonisch Unheimliches und doch zugleich den Ausdruck kindlicher Schüchternheit und Hülflostgkeit. „Hast Du diese Berichte über da» Werk meines Sohnes gelesen?" fuhr die alte Dame, zu Rafaele gewandt, fort, ihr die Zeitungen zeigend. Ja" _ „Und? — — Weißt Du nichts darüber zu sagen?" „Ich freue mich seines Glückes." (Forssetzung folgt.) GeinsinirÄtziges. Das Pflanzen der Rosen kann von Mitte October an bi» zum Frostwetter vorgenommen werden. Nachdem eine circa anderthalb Fuß tiefe und circa 2 Fuß breite Grube aufgeworfen, wird mit guter, lockerer Erde wieder so viel zugefüllt, daß der nur wenig zu beschneidende Wurzelstock in die gehörige Tiefe kommt. Es ist besser, zu tief als zu hoch pflanzen. Nachdem die Wurzeln mit lockerer Erde bedeckt, wird dieselbe fest angetreten und mit der übrigen Erde die Wanzgrube zugefüllt. Es empfiehlt sich, die Stämme sofort niederzulegen. Dies geschieht, indem man eine kleine Furche zieht und für die Krone entjprechend mehr Erde aushebt. Der Stamm wird nun sanft zur Erde gebogen und festgehackt. Unter und über Stamm und Krone wird etwas Tannenreifig gelegt und mit einer circa 2 Zoll dicken Erdschicht bedeckt. ♦ * Die verschiedenen Knollenpflanzen im Zimmer, wie Begonia, Gesneria, Gloxinia, werden jetzt ihre Sommer- triebe von selbst abwerfen, andernfalls müssen wir fie durch allmäliges Trockenhalten hierzu bewegen. Ein Abschneiden noch zu grüner Triebe ist zu vermeiden, da diese ihre Nährstoffe der Knolle zurückgeben. Nach Abwerfen der Blätter werden die Knollen herausgenommen und in Kästchen mit trockenem Sande im warmen Zimmer aufgehoben. Es ist auch das Stehenlaffen im Topfe bei völliger Trockenheit anwendbar und stellen wir diese dann auf einem Spinde int warmem Zimmer auf. Diese müffen aber im Frühjahre jedenfalls neue Erde bekommen. O ♦ * Gurrensamen zu gewinnen. Man läßt völlig reife Gurken, nachdem sie ganz gelb geworden sind, einige Tage liegen, schneidet sie der Länge nach durch und drückt die Gallerte mit dem Samen in ein Gefäß. Hier bleibt der Samen etwa zwei Wochen oder auch länger liegen, bis die Gallertmaffe verfault ist. Alsdann werden die Samenkörner durch tüchtiges Spülen mit reinem Waffer und fortwährendes Abgießen des Schmutzwaffers gereinigt und zum Trocknen aus- gelegt. Taube Körner fließen mit dem Waffer ab. Die dabei verwandten Gurken kann man wie Senfgurken einmachen. • * • Hagebutteucompot. Die dazu nöthigen Hagebutten werden gut gewaschen, in kaltem Waffer 12 Stunden einge- weicht und dann mit Saccharin ganz weich gekocht. Man kann auch frische Hagebutten mit Saccharin statt Zucker in Dunst oder Saft einkochen, nachdem man sie zuvor von Haaren und Samen sorgfältig befreit hat. * ♦ * Champignons in Blechbüchsen. Die Champignons werden gereinigt, gekocht und dann in Blechbüchsen gefüllt; die Räume zwischen den Champignons werden mit Olivenöl ausgefüllt. Die Büchsen werden darauf verlöthet, mit Ausnahme einer Stelle, die erst zugelöthet wird, nachdem die Büchsen auf 100 Grad erhitzt sind, um Waffer und Luft, welche sich noch in der Büchse befinden, auszutreiben. Selbstverständlich nimmt man zum Conserviren nur mittelmäßig große, gut geschloffene Champignons. Statt in Büchsen kann man sie auch in Gläser einmachen. Man füllt die Gläser nur gut dreiviertels mit Champignons und Olivenöl, schließt sie gut zu, bindet den Kork mit Bindfaden fest und stellt die Gläser in kaltes Waffer, das man allmälig bis zum Siedepunkt erhitzt und läßt sie dann 10 Minuten kochen, nimmt sie heraus und verlackt sie nachher. • Kitt zum Berstreichen für Oefen. Vorzüglich ist: Lehm und ein Theil Borax wohl gemischt. Riffe kann man verstreichen mit feingestebtem Braunstein, der mit Wafferglas zu einer knetbaren Masse verarbeitet isi. Dieser Kitt wird so hart wie Eisen. Garnirter Wäschekorb. Die zur Aufnahme von gebrauchter Wäsche bestimmten sogenannten Bienenkörbe lasten sich mit geringen Mitteln hübsch garniren. Inwendig bekleidet man den auf drei Füßen von Rohr ruhenden Korb mit rothem, blauem oder olivenfarbigem Caschmir je nach der Farbe der Gardinen und Bettdecken. Am oberen Rand muß das Futter einen halben Meter überstehen, so daß es beutelartig zusammengezogen werden kann. Zu dem Zweck wird es neun Centimeter breit umgesäumt und mit einem Zug versehen, durch den man eine dicke Wollschnur leitet, an deren beiden Enden sich Pontt pons befinden. Der Ansatz des Beuteltheils wird durch eine zwölf Centimeter breite, ausgeschlagene volle Rüsche aus Casch. mir gedeckt. Zur Verzierung des Korbes dienen zwei breite gestickte Streifen, welche von oben nach unten fchräg laufend angebracht sind; man kann sie auf Panamastoff, Javacanevar oder Filz sticken, am hübschesten macht sich ein fortlaufendes Kreuzstichmuster. Die Streifen werden von beiden Seiten mit schmalen Stoffrüschen besetzt. Vermischtes. - Spiele für die Jugend. Die tanzenden Papierstückchen. Die Kinder sitzen oder stehen alle um einen großen Tisch herum. Auf die Mitte desselben wird eine Menge ganz kleiner Schnitzelchen von sehr dünnem Papier hingestreut. Dann nimmt man eine Stange Siegellack, reibt mit einem wollenen Lappen nicht zu stark zehn- bis zwölfmal über die eine flache Seite hin und hält dann die Stange in einiger Entfernung über die Schnitzelchen; so fangen sie an, eins nach dem anderen, lebhaft, ost in possirlicher Weise, sich an den Siegellack anzuhängen. Damit sie schneller tanzen, bewegt man den Siegellack hin und her, so lange, bis sie entweder ab- gestoßen werden oder auch einen Augenblick hängen bleiben. Mit einer trockenen Glasröhre, z. B. mit dem Glascylinder an der Lampe, kann man ganz dieselbe Probe machen, wenn man die Röhre mit einem Stück seidenen Zeuge» gehörig reibt. Unmöglich. Tante: „Nun, Gretchen, Papa hat sich gewiß recht gefreut, daß der Klapprrstorch Euch Zwillinge gebracht hat. Was sagte denn Papa dazu?" — Gretchen: „Mir siehen alle Haare zu Berge — und . . ." — Tante: „Na, und?" — Gretchen: „Und er hat gar keine mehrl" Jnformirt. Hansl: „Data, wie wissen denn die Astronomen scho voraus, daß a Sonnenfinsterniß kummt?" - Vater: „Dummer Bua, glaubst denn, d' Astronomen lesen koa' Kalender nöt?" * * ♦ Entfernte Verwandtschaft. A.: „Es wundert mich, daß Sie sich um Ihren jüngsten Bruder gar nicht kümmern I" — B-: „Aber erlauben Sie mir, da» ist doch schon eine ganz entfernte Verwandschaft — da liegen ja fünf Geschwister dazwischen!" $ * • Der Jung: „Warum hat denn die Mutter einen so breiten Rand an den Zwetschenkuchen gemacht?" — Dar Mädel: „O, Du Dummer! Daß man sich nicht schmutzig macht, wenn man ihn anfaßt I" * , Complicirt. A.: „Mensch, Du flehst ja schrecklich aur, was fehlt Dir denn?" — B.: „O, ich komm' mir vor wie eine Menagerie; gestern Abend Schafkopf gespielt - Schwein gehabt — Bock getrunken — Spitz erwischt - Affen nach Hause gebracht,— heute Kater — brrr!" Vom Kasernenhof. *Wachtmeister: „Sie erhalten acht Tage Kasernen-Arrest, Einjähriger, weil Sie dem Herrn Lieutenant zu familiäres Honneur erwiesen haben." — Einjähriger: „Der Herr Lieutenant ist ja aber mein Vetter." — Wachtmeisier: „Das ist ganz egal, respectiren müssen Sie ihn doch und wenn er selbst Ihr Vater wäre." * ♦ Am Postschalter. Fräulein: „Ist ein Brief da 0. 100?" - Beamter: „Nein, aber 0. 0. 100!" - Fräulein: „Das wird er wohl sein, mein Schatz stottert nämlich etwas!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.