Samstag, den 11. November. r .. 1893. W^3 }8B3MK^^^^TIaw «MM W >t ' n -i. ii| ■" ^teg£*fS tis® -M- Sa Herzenskämpfe. Roman von Theodor Schmidt. (Fortsetzung.) Zehntes Capitel. An dem Tage blieb Melanie möglichst allein mit ihrem Kummer und Schmerz; doch als sie am nächsten Morgen aus ihrem Zimmer kam, lag ein neuer Zug, der Ausdruck ruhig heiterer Ergebung, auf ihrem schönen Antlitz. „Werden wir, wenn wir heute zum Maler Dornbach fahren, erst bei der Gräfin Scherwiz vorsprechen, Tante?" fragte sie diese. „Nein," antwortete Frau von Roddeck, „wir werden die beiden Damen jedenfalls im Atelier treffen, Fräulein Marthas Bild ist noch nicht fertig. Doch erinnere mich, daß wir bei dem Juwelier vorfahren und wegen des Umfaffens der Diamanten mit ihm Rücksprache nehmen. Die Diamanten sind wirklich wunderbar schön, Du mußt sie an Deinem Hochzeitstage tragen." Melanie lächelte, und hätte die Gräfin Roddeck sie genauer beobachtet, würde sie wohl gesehen haben, wie es trotz des Lächelns schmerzlich um ihre Lippen zuckte. Curt stand mit hoch geröthetem Gesicht hastig auf. Die Gräfin aber fuhr in Unwiffenheit über das Vorgefallene ruhig fort: „Ich möchte auch ein Portrait von Dir haben, Melanie; der Maler Dornbach ist einer der ersten jetzt lebenden Portraitmaler; wir wollen heute mit ihm darüber sprechen. Dann hängen wir zwei Bilder in der Galerie neben einander." Melanie erwiderte nichts; sie dachte an das schöne junge Gesicht, das bald statt ihrer in der Galerie als Bild hängen würde. Curt schritt erregt im Zimmer auf und äb; er hätte gern der peinlichen Scene ein Ende gemacht, wenn er nur gewußt hätte, wie? Endlich verließ seine Mutter zu seiner großen Erleichterung das Zimmer. „Das ist unerträglich!" rief er, sobald sich die Thür hinter Jener geschloffen hatte. „Die Mutter muß sofort erfahren, was vorgefallen ist! Ich kann nicht zugeben, daß Du Scenen, wie die eben erlebte, öfter durchmachst!" Melanie hob ihr dunkles Auge zu ihm empor, und trotz der Thränen, die in demselben schimmerten, erwiderte sie lächelnd: „Sei nicht böse, Curt, es ließ sich nicht umgehen; i doch Du hast Recht, die Zeit drängt, und wenn Du meinem Rathe folgen willst, so gehst Du noch heute zur Gräfin Scherwiz und bittest um Marthas Hand." „O nein," versetzte dieser sanft, „ich kann nicht an Glück und Liebe denken, so lange Du —" plötzlich stockte er, nicht recht wisiend, was er sagen sollte. „So lange ich unglücklich bin, willst Du vermuthlich sagen," ergänzte Melanie seinen angefangenen Satz, halb stolz und doch halb belustigt. „Wie aufrichtig Du bist, Curt! Doch Du brauchst Dich um mich nicht zu sorgen. Die Vergangenheit ist todt für mich, sie wird mich nicht mehr quälen. Von ganzem Herzen wünsche ich, Dir behilflich zu sein, und wenn Du mit Martha vor dem Altar stehst, werde ich an ihrer Seite sein und zwar aus zwei Gründen: erstens, um mich durch den Anblick Deines Glückes für den Schmerz, den ich möglicherweise leide, zu entschädigen, und zweitens, weil Niemand sagen soll: Melanie von Selten floh wie ein liebeskrankes Mädchen. Nicht wahr, Curt, außer Dir und mir soll Niemand die Wahrheit dieser ganzen Angelegenheit erfahren?" „Die Wahrheit ist, daß Du mir den Abschied gegeben hast," antwortete er lächelnd, „aus welchem Grunde, das kümmert nur Dich und mich." „Ich will mit Deiner Mutter reden," sprach Melanie, „sie wird es von mir bester aufnehmen, als von Dir. Und jetzt geh', Curt, Du wirst Fräulein Märtha zu Haufe treffen." Melanie begab sich nach dem Gespräch mit Curt in das Boudoir seiner Mutter und suchte dieselbe auf das Geschehene vorzubereiten. „Das Beste ist," sagte sie nach einigen Jener fast unverständlichen Worten mit einem schwachen Versuch, zu lächeln, „das Beste ist, mich Dir in aller Kürze zu erklären: mir ist nichts an der Umfassung der Diamanten gelegen, weil ich — weil ich Curt nie heirathen werde." „Curt nie heirathen!" stieß die Gräfin hervor. „Melanie, bist Du von Sinnen?" „Im Gegentheil, ich bin erst jetzt zu voller, klarer Ueber- legung gekommen," entgegnete diese traurig. „Zürne mir nicht, Tantel Und wenn Curt hier vor mir auf den Knieen läge und um meine Hand flehte — ich würde Nein sagen." „Und darf ich fragen, aus welchem Grunde?" sagte die Gräfin stolz. „Nein, Tante," entgegnete Melanie sanft, aber bestimmt, „auf diese einzige Frage muß ich Dir die Antwort verweigern." Da ward die Gräfin weicher, zärtlich umschlang sie ihre Nichte. „Fürchtest Du, daß Curt Dich nicht liebt?" fragte sie. „Tante," unterbrach diese sie, „dringe nicht weiter in 530 — Curt hatte an demselben Tage noch einen heftigen Kampf mit seiner Mutter. L , . Durch ihn erfuhr sie erst, wie edelmüthig und selbstlos ihre Nichte gehandelt, indem sie ihren Verlobten sreigegeben $ „Sie gab mir mein Wort zurück, well sie sah, daß ich eine Andere tief und innig liebte. Die Edle wollte nicht zwischen mir und meinem Glücke stehen," sagte Curt. „So?" erwiderte die Gräfin entrüstet. „Und um einer geduldig und nahm sie ihr sanft au» den Händen. „Sie sollen Ihre ganze Aufmerksamkeit mir schenken, — nur für wenige Minuten. Martha, erinnern Sie stch an jenen Morgen in den Bergsdorfer Wäldern?" Sie nickte stumm. „Wiflen Sie, daß ich Sie damals schon liebte?" fuhr er erregt fort, „daß ich mich damals gar nicht losreißen konnte von dem lieblichen Bilde, wie Sie da mit dem Strauß blauer Glockenblumen im Walde standen? Schon da drängte es mich, vor Ihnen auf die Knies zu sinken und Ihnen wie jetzt mein Leben und meine Liebe anzubieten. Seit jener Stunde habe ich keinen anderen Gedanken gehabt, als Siel Mein Leben war, bis ich Sie wiederfah, ein langer, schwerer Traum. — Martha! Geliebte! Reden Sie — darf ich hoffen?" Mehrere Minuten lang herrschte tiefe Stille, dann klang es leise und zaghaft: „Wie konnten Sie mich lieben, während Sie mit einer Anderen verlobt waren?" Da erzählte Curt, wie er mit dem Gedanken groß gewor- den war, daß er seine Cousine hetrathe. „Damals kannte ich Sie noch nicht, Martha," fuhr er fort. „Als ich Sie sah, da erwachte plötzlich mein Herz und doch dachte ich nicht daran, mein Wort gegen Melanie zu brechen. Ich gedachte, mein trauriges Loos zu tragen und meine heiße Liebe zu Ihnen aus dem Herzen zu reißen. Aber Melanie hat mich frei gegeben — unsere Verlobung, sagte sie, sei ein Jrrthum gewesen, unter dem ich nicht leiden solle. Ich bin frei — frei, mein ganzes Herz der Einzigen zu Füßen zu legen, die ich lieben kann. Martha, haben Sie kein Wort für mich?" „Ist ste — unglücklich?" drang es leise von de» Mäd- chens Lippen. „Ah, Martha!" rief Curt. „Laffen Sie diesen Schatten nicht zwischen uns treten. Glauben Sie, wenn sie jetzt hier wäre, ste würde mit für mich bitten. Martha, wäre es möglich, daß ich mich geirrt hätte, daß Sie nichts für mich fühlten?" Da schaute sie zu ihm auf und er las die Antwort in ihren Zügen. „ „ „ Und während die Blumen ringsum blühten und ihre köstlich duftenden Grüße aussandten, da erzählte er ihr dieselbe süße Geschichte, welche die Welt schon seit Jahrhunderten hört und ihrer nimmer müde wird — dieselbe Geschichte von Liebe, Glück und Hoffnung. Und das junge Mädchen lauschte stumm dem Klang dieser Worte und wähnte sich im Feenlande. „Ich glaube, Martha," sprach Curt mit vor Erregung zitternder Stimme, „ich glaube, ich könnte das Leben ohne Dich nicht ertragen. Mit Mr an meiner Seite will ich Alles dulden, doch ohne Dich wäre das Leben mir eine traurige, öde Wüste." Die Zeit kam, wo diese Worte in Curt von Roddecks Brust wie Trauergeläut wiederklangen. „Dein Leben soll ebenso hell und glänzend sein, wie da» Leben dieser Blume," sprach Curt, „kein Schatten, kein Sturm soll Dich berühren. Doch nun ich meinen Schatz errungen habe, drängt es mich auch, ihn mein zu nennen; wann darf ich Deine Mutter sprechen? Morgen?" „Nein, nicht morgen," erwiderte sie; „morgen hat Mama noch mit dem Baumeister zu sprechen. Laß mir den einen Tag, um mein Glück zu fasten und zu träumen!" Nach Jahren dachte Martha oft darüber nach, wie ihr Leben sich wohl gestaltet hätte, wenn Curt ihre Mutter, wie er gewünscht, am nächsten Tage gesprochen hätte. mich. Glaube mir, unsere Verlobung war ein großer Jrrthum, i wir wollen dankbar sein, daß wir uns noch bei Zeiten darüber klar geworden sind." „Was wird aber die Welt dazu sagen?" rief die Gräfin. „Alles ist schon vorbereitet, Alles bestellt, selbst der Schmuck wird dieser Tage fertig." „Den wird eine Andere tragen," entgegnete Melanie lächelnd, „Wie, wärest Du eifersüchtig?" rief ihre Tante verwundert. „O nein," lautete die Antwort, „so glaube mir doch, Tante — ich habe eingesehen, daß unsere Verlobung ein Jrrthum war und habe darum Curt sein Wort zurückgegeben — er ist frei. Ueberdies war unsere Verlobung noch nicht öffentlich bekannt gemacht worden." Die Gräfin war so böse, so erregt und bestürzt, daß sie in stolzem Tone Melanie bat, ste allein zu laffen. „Du hast mir tiefes Leid damit zugefügt, daß Du Dein Wort brichst und Diejenigen bloßstellst, die Dich innig lieb haben," sprach ste. „Hast Du auch bedacht, in was für eine peinliche Situation Du Curt bringst?" „Er wird Kraft genug haben, es zu ertragen," versetzte Melanie im trockenen Tone. „Hast Du vielleicht bemerkt, daß er traurig oder niedergeschlagen war? — Ich nicht." Da die Gräfin sich erinnerte, daß sie am Morgen in Melanies Beisein sich besonders befriedigend über Curts Aussehen ausgesprochen hatte, wußte sie nichts zu erwidern. „Komm', Tante, laß uns Frieden schließen," sagte Melanie, und traurig klang es aus ihrer Stimme, „steh', außer Dir habe ich Niemand auf der Welt." Doch die Gräfin war noch zu erzürnt über Melanie und kalt versetzte sie: „Ich kann nur wünschen, daß Du recht bald zur Besinnung kommen möchtest." Das war der ganze Trost, den Melanie von Selten in der schwersten Stunde ihres Lebens erhielt. Elftes Kapitel- Als Curt an dem folgenden Tage seinen Besuch bei der Gräfin machte, war der Zufall ihm günstig. Die Herrin des Hauses war momentan in Anspruch genommen, um mit dem Baumeister über verschiedene Aenderungen im Bergsdorfer Schlöffe Rücksprache zu nehmen. Curt wurde in den Salon geführt und da sah er durch die offenen Balkonthüren ein Helles Kleid durch die Bäume schimmern. Da wußte er, wo er die Geliebte zu suchen hatte. Leise, damit sie ihn nicht höre, schritt er die Stufen, die nach dem Garten führten, herab, dann blieb er einen Moment in glückliche Bewunderung des reizenden Bildes verloren, das sich seinen Blicken bot. Als er näher kam und leise ihren Namen nannte, schrack sie heftig zusammen und wandte ihm ihr Gesicht zu. Wie blaß sie aussah! Welch' matter, schwermüthiger Ausdruck hatte das frohe, glückliche Lächeln, das sonst um ihre Lippen spielte, verdrängt! „Mama ist leider beschäftigt," erwiderte sie auf ein paar Worte Curts, ,',der Baumeister von Bergsdorf ist bei ihr. — Sehen Sie, was er mir für herrliche Rosen mitgebracht hat." „Das ist sehr liebenswürdig von ihm," entgegnete Curt erregt. „Ich kann auch nicht bedauern, daß Ihre Mama in Anspruch genommen ist, da ich hauptsächlich gekommen bin, Sie zu sprechen." „Mich?" wiederholte Martha, während ihr Herz heftig klopfte. „Ja, Sie — um Ihnen zu sagen, daß ich meine Cousine Melanie nicht heirathe," stieß Curt in leisem Flüstertöne hervor. Da bedeckten sich ihre schönen Züge mit dunkler Röthe, in ihren klaren Augen leuchtete es freudig auf, aber ihre zitternden Lippen vermochten keine Antwort zu stammeln. „Martha, ahnen Sie nun, was ich Ihnen zu sagen habe?" hauchte Curt. Aber diese hielt den Blick fest zu Boden gesenkt und die Rosen zitterten in ihren kleinen Händen. „Die Blumen machen mich eifersüchtig," sprach Curt un 531 thörichten Laune willen, einer sentimentalen Anwandlung halber brichst Du Dein Wort gegen das edle Mädchen?" „Sei gerecht, Mutter," sprach Curt; „Aller, war ich ge- than, that ich aus Liebe zu dem schönsten, reinsten Mädchen, das ich je gesehen!" „Darf ich den Namen dieses Mädchens erfahren, das Dich so berückt hat?" fragte seine Mutter mit einem leisen Anflug von Spott. „Martha von Scherwiz, der Gräfin Pflegetochter, ist es," antwortete ihr Sohn. „Mutter, ich bitte Dich, sage gegen mich, was Du willst, aber ihrer schone. Ich liebe sie und sie wird die Meine." „Nie! Mit meiner Zustimmung nie!" rief die Gräfin im höchsten Zorn. „Ich verbiete eine solche Thorheit; ich bestehe darauf, daß Du Deinem Worte gegen Melanie treu bleibst, daß Du dieses sirenenhafte Mädchen vergessen lernst." „Halt!" unterbrach Curt sie mit finster zusammengezogener Stirn. „Kein Wort gegen sie! Selbst der Mutter gegenüber hat die Geduld eines Mannes ihre Grenzen." „Auch Rücksicht, wie es scheint," versetzte die Gräfin. „Curt, wenn ich glauben könnte, Du sprächest im Ernst, so wäre ich tief, tief bekümmert. Denke reiflich über die Sache nach und komme dann wieder zu mir. Jetzt will ich kein Wort weiter hören." Und mit einer stolzen Bewegung entließ die Gräfin ihren Sohn. Zwölftes Capitel- Gräfin von Roddeck fühlte sich durch die Lösung von Curts Verlobung und seiner Absicht, sich mit einer jungen Dame zu verbinden, deren Herkunft völlig unbekannt war, in ihrem Stolze tief verletzt. Doch die Liebe zu ihrem einzigen Sohne stand ihrem Stolze kaum nach, so daß dieser, als er sich nach einer schlaflosen, aufregenden Nacht am nächsten Morgen zu ihr begab und an ihre große Liebe zu ihm appellirte, erreichte, was er so sehnlichst wünschte; die Gräfin söhnte sich mit ihm aus und gab endlich, wenn auch nach langem Widerstreben, ihre Einwilligung zu seiner Heirath mit dem Mündel der Gräfin. „Doch nur unter gewissen Bedingungen," sagte sie. „Du darfst nicht vergessen, daß Martha nur das adoptirte Kind der Gräfin Scherwiz ist. Ich will nichts gegen die junge Dame sagen, ich glaube, sie ist eine entfernte Verwandte der Gräfin, — doch muß ich darauf bestehen, daß uns alle Einzelheiten über ihre Geburt und Verwandtschaft klargelegt werden. Das ist nicht mehr als recht und billig — das Haus Roddeck hat nie unter seinem Range geheirathet." „Gewiß, Mutter," stimmte Curt ihr bet; „wie ich gehört habe, ist Martha die Tochter der intimsten Freundin der Gräfin Scherwiz; doch werde ich dieser morgen meine Aufwartung machen und Dir dann alles Gewünschte mittheiien." Doch als Curt sich am folgenden Tage zur Mittagsstunde der Scherwiz'schen Villa näherte, schien dieselbe von einer befremdenden Stille umgeben- Die Balkonthüren waren geschloffen und der Diener, der Curt die Thür öffnete, sah auffallend ernst aus- Auf Curts Frage nach der Gräfin ward ihm die Mittheilung, daß dieselbe schwer erkrankt sei. Sie sei am vorhergehenden Abend plötzlich von einem schweren Anfall ergriffen worden, von dem sie noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen sei. Die Comteffe habe die Gräfin noch keinen Moment verlassen- Wie in einem Traum befangen wandte sich der junge Graf zum Gehen. Die Sonne erglänzte so hell, in den Straßen herrschte reges, munteres Treiben; die ganze Luft schien Leben, Glück und Frohsinn zu athmen, nur über dem Hause, das sein Liebstes barg, hing eine dunkle, schwere Wolke. Curt kehrte nach Hause zurück; er schrieb an Martha, daß ihre Sorge auch seine Sorge sei, und bat sie, sie mit ihr theilen zu dürfen. „Nicht wahr," schrieb er, „ich darf heute Abend kommen, um Dich ein wenig zu trösten?" Eine schwere Wolke hing über dem Scherwiz'schen Besitz- thum. Die Dienerschaft ging geräuschlos einher und sprach nur im Flüsterton. In dem Zimmer neben dem Krankenzimmer fand eine ernste Berathung berühmter Aerzte statt. Die Kranke selbst lag bleich und regungslos auf ihrem Lager, über ihre farblosen Lippen kam nur ein schwacher, matter Athem. Die ganze Nacht hindurch hatte Martha an ihrem Bett gekniet uud der Kranken Kopf und Hand mit heißen Thränen genetzt und sie bei den zärtlichsten Namen gerusen; aber alles Weinen und Flehen war umsonst, die Gräfin sollte nie wieder den Klang dieser so innig geliebten Stimme hören. „Muß sie denn sterben?" rief Martha ganz verzweifelt. „Gibt es denn nichts, das sie retten kann?" Die Personen, welche Martha so fragte, wandten sich mit bekümmertem Antlitz von ihr, denn sie wußten, daß die junge Dame allein in der Welt stand, wenn die Gräfin tobt war. Martha war fast von Sinnen über den so plötzlich über sie hereingebrochenen Kummer. Gestern hatten noch Hoffnung und Liebe sie so beglückt, wie ein goldener Strahl hatte es sich, wie es schien, vom Himmel auf sie herabgesenkt. In demselben Augenblick, wo sie nur daran dachte, ihr neugefundenes Glück mit ihrer Adoptivmutter zu theilen, hatte sie ein heftiges Klingeln gehört, dann einen lauten Schrei, und wie sie und die Dienerschaft herbeigeeilt waren, hatten sie die Gräfin bleich und besinnungslos am Boden gefunden. „Hat die Gräfin keine Angehörigen, die man benachrichtigen könnte?" fragte der Arzt- „Meines Wissens nicht," antwortete Martha, „Mama hat mir schon öfters gesagt, daß sie keinen einzigen Verwandten in der Welt besitze." Als der Abend kam, bat der junge Graf seine Mutter, daß sie ihn begleite. „Die Gräfin liegt im Sterben," sprach er, „und Martha hat Niemand zur Seite; wir müssen gehen, sie zu trösten, Du darfst mir diese Bitte nicht abschlagen, Mutter." (Fortsetzung folgt.) Merkwürdige Jnstinkthandlungen der Thiere. Von Dr. Curt Grottewitz. ------- (Nachdruck verboten.) Wohl ist die Natur in allen ihren Einzelheiten ein unerklärlich Reich von Wundern; jeder einfache tägliche Vorgang, das Wachsen eines Blattes, die Bewegung eines Thieres ist für uns im letzten Grunde etwas ebenso Unbegreifliches wie die Entstehung der Wärme oder der Electricität. Allein wir haben uns an gewisse Dinge, eben weil wir sie täglich sehen, so gewöhnt, wir finden sie so natürlich, als hätten wir ihr innerstes Wesen erfaßt. Dagegen giebt es gewiffe Vorgänge in der Natur, die uns aufs Höchste frappieren. Obwohl nicht wunderbarer als jene alltäglichen Wunder des Weltalls, weichen sie doch von dem Gewohnten außerordentlich ab, sie treten nur selten auf, oder aber sie haben irgend welche Beziehung zu unfern Schönheitssinn, zu unferm geistigen Interesse oder irgend welche Aehnlichkeit mit menschlichem Thun und Treiben. Gerade in letzterer Hinsicht ziehen uns viele Jnstinkthandlungen der Thiere immer von Neuem wie seltsame, außergewöhnliche Phänomene an. Während wir von dem Thiere ge« wohnt sind, daß es läuft, wie der Weg es führt, daß es seine Nahrung nimmt, wo sie gerade steht, begegnen uns zu unserer Ueberraschung hie und da die merkwürdigsten Jnstinktäußernn- gen, die einen weiten Blick, ein Streben nach einem entfernten Ziel, ein zweckmäßiges, zielbewußtes Handeln bekunden, wie wir es sonst nur beim Menschen finden. Bei den niederen Thieren vollzieht sich das Leben in dem gewohnten Kreislauf. Stumpfsinnig und träge, führen sie eine Art Pflanzendasein, selbst die höheren Sinne wie Gesicht und s» 532 - Gehör fehlen dem Lebewesen der untersten Thierklaffen. Erst bei den Insekten beginnt jene Lebhaftigkeit der Bewegungen, jene Regsamkeit der Instinkte und Lebensäußerungen, jene Mannig- falt^keit der Handlungen, welche uns unwillkürlich Vergleiche mit menschlicher Thätigkeit anstellen läßt. Bisweilen besteht der Instinkt dieser Thiere in einer List, mit der sie andere Thiere zu täuschen und zu fangen suchen. So gräbt der Anceisenlöwe, ein unfern Bienen verwandtes Insekt, ein tonnenförmiges Loch in den Sand, um hier auf eine Ameise oder ein anderes Thier zu warten, das sich an den Rand der Schlucht verirrt- Kaum wird der Ameisenlöwe des sorglosen Wanderers ansichtig, so überschüttet er ihn mit einem Regen von Sand, der im Zurückrollen die sichere Beute mit sich herabreißt und dem schlauen Jäger überliefert. Während hier die List von Seiten des Angreifers ausgeht, wird sie zuweilen auch von dem verfolgten Thiere angewandt. So spritzt der Bombardierkäfer, wenn ihm ein Feind auf den Fersen ist, diesem einen übelriechenden Saft mit lautem Knall entgegen. Erschrocken hält der Verfolger in seinem Lauf inne, der Saft, der sich sofort in eine Dampfwolke verwandelt, reizt seine Geruchsnerven und benebelt seinen Blick. Unterdessen eilt der Bombardierkäfer geschwind hinweg und überläßt dem getäuschten Feinde das Nachsehen. Viele Insekten geben einen schrillen Laut von sich, wenn sie angefaßt werden. Kinder fangen häufig ein solches Thier und halten es mit den Fingern fest, um es zu besichtigen, allein erschrocken werfen sie es von sich, sobald dieser pfeifende Ton sich hören läßt. Aber auch gegen ländere Feinde wird dieser grelle Laut ein wirksames Einschüchterungsmittel. Viele Bockkäfer, dann aber auch zum Beispiel der Todtenkopf, der bekannte Schmetterling haben diese Eigenthümlichkeit. Die Fische sind im allgemeinen weniger regsam und ihr Instinkt zeigt selten merkwürdige Aeußerungen. Indessen giebt es auch hier einige interessante Erscheinungen. Im Ganges lebt ein Fisch, der sogenannte Bogenschütze, der sich von Insekten nährt, deren er jedoch wegen seiner Langsamkeit auf gewöhnliche Weise nicht habhaft werden würde. Er spritzt nun einen Strahl Wasser, oft mehr als einen Meter weit nach den Kerb- thieren, die auf Wasserpflanzen im Fluße oder am Ufer sitzen, und die er dadurch ins Wasser schleudert. So sicher ist der Fisch in seiner Kunst, daß er selten seine Beute verfehlt, ja sogar die Insekten, die über das Wasser hinfliegen, holt er mit seiner seltenen Schußwaffe aus der Luft herunter. Wie kunstreich der Fisch bei seiner Jagd verfährt, das geht auch daraus hervor, daß man ihn auf Java, wo er ebenfalls vorkommt, in Bassin» im Zim ner hält und ihm auf kleinen Schiffchen oder auf Stangen Insekten zuführt, an denen er dann zur Belustigung der Javaischen Alten und Jungen seine Künste probiert. Ein anderer Fisch, der Stichling, ist dadurch äußerst merkwürdig, daß er einen Instinkt besitzt, welcher sonst fast ausschließlich den Vögeln eigenthümlich ist. Er baut sich nämlich von Wafferpflanzen ein Nest und zwar mitten im Waffer. In diese» Nest legt der Fisch seine Eier und hier suchen auch die jungen Thierchen Schutz, wenn sie von einem Feinde verfolgt werden. Bei de« Vögeln bietet der Nestbau für uns nichts Ungewöhnliches, aber auch hier zeigt sich der Instinkt der Thiere mitunter in sehr merkwürdigen Formen. So baut ein im Orient lebender Vogel, Silva sutoria, sein Nest mitten auf einem Baumblatte und näht dieses '.fest zusammen, daß da» kleine Heim vollständig umhüllt und vor allen Angriffen gesichert ist. Zum Nähen bedient er sich eine» Cocon» Baumwolle, die er in feine Fäden zieht. Mittelst seines Schnabels pickt er dann Löcher in das Blatt und schlingt die Fäden durch, so daß eine richtige Naht entsteht. Eine andere Art von Vögeln, die am Cap der guten Hoffnung lebenden sogenannten Republikaner, bauen ihre Nester gemeinsam, und zwar setzen sie dieselben dicht aneinander. Dadurch entsteht eine ganze Kolonie von Wohnungen, und um so einheitlicher wird diese Nesterkolonie, als sie mit einem gemeinschaftlichen Dache bedeckt wird. So bekommt der ganze Bau das Aussehen einer einzigen großen Hütte, die zwischen den Aesten eines Baumes errichtet ist. Die Eingänge zu den einzelnen Nestern befinden sich auf der unteren Seite, so daß die Thiere nur fliegend in dieselben gelangen können. (Schluß folgt.) Citevcrvisches Fürstenblut, Roman in 2 Bänden von Maurus Jokai. Verlag der Druckerei und Verlagshaus Stuttgart, Dr. Foerster & Cie. Gehestet Mk. 6.—, elegant gebunden Mk, 7.50. — Jokai, der gefeierte ungarische Dichter hat weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus, überall in der gebildeten Welt zahlreiche Verehrer gefunden; die meisten seiner Schöpfungen wurden in viele Sprachen übersetzt und sind zu den beliebtesten unter der Fülle der neueren Erscheinungen der Romanlitteratur zu zählen. Ein Meister in der Erzählungskunst, weiß er wie nur Wenigs interessant und spannend zu schildern und den Leser von Anfang bis Ende zu fesseln. Hievon zeugt auch der uns vorliegende zwei- bändige Roman „Fürstenblut". Die demselben zu Grunde gelegten historischen Namen und Thatsachen sind wie in den Panoramen ein Stück Wirklichkeit, berufen, den Leser in das Reich der Täuschung hinüberzuleiten. Die Helden des Romans sind die beiden Söhne des Fürsten Räkvczy, Josef und Georg. Die vielfachen Schicksalsschläge und Prüfungen aller Art, die schon in früher Jugend an den jüngeren Georg herantreten und auch noch später seinen Lebensweg kreuzen, geben dem Verfasser Gelegenheit, seine Phantasie frei schalten und walten zu lassen. In der Schilderung des damaligen Wiener Lebens mit all' seinen Licht- und Schattenseiten, in dessen Strudel auch Georg hineingezogen wird, zeigt sich Jokai als Meister. Hier ist er in seinem Elemente. Bis ins Kleinste genau, mit allen ihren Vorzügen und Schwächen und mit dramatischer Lebendigkeit sind alle seine Gestalten gezeichnet, alles an ihnen ist Leben und Handlung. Wie Georg durch Anhänger seines Vaters den Verführern in Wien entrissen, dann unter Zigeuner geräth und aus deren Händen befreit wird, bis er endlich die ihm längst zuerkannten Güter seines Vaters in Sizilien erhält; alles daS weiß der Verfasser meisterhaft in höchst fesselnder Weise vor Augen zu führen. — Wir können den Roman aus vollster Ueberzeugung als hervorragend empfehlen. Der Uebersetzer hat seine Aufgabe mit großem Geschick gelöst und selbst die schwierigsten Stellen mit feiner Empfindungs- gabe wiedergegeben, das Buch ist durchweg fesselnd geschrieben, so daß es jeder Leser, wie auch wir, befriedigt aus der Hand legen wird. Die innere und äußere Ausstattung des Buches verdienen gleiches Lob, gutes Papier und besonders klarer Druck kommen demselben, wie auch der mäßige Preis von Mk. 6.--, für 2 starke Bände vorteilhaft zu statten. Das Frauenbuch, ein ärztlicher Rathgeber für die Frau, in der Familie und bei Frauenkrankheiten von Frau Dr. med. H. B. Adams, praktische Aerztin in Nordrach. Mit zahlreichen Abbildungen. Vollständig in 14 Heften ä 50 Pfennig. Ohne Zweifel erregt dies soeben im Süddeutschen Verlags-Institut in Stuttgart erscheinende Werk berechtigtes Aufsehen, handelt es sich doch um eine in der ganzen Weltlitteratur noch nicht vorhandene Erscheinung und zwar um nichts geringeres als das erste frauenärztliche Buch für den praktischen Gebrauch. Zum erstenmale giebt hier eine Aerztin, deren Ruf durch ihre langjährige berühmte Praxis schon in weite Kreise gedrungen ist, den Frauen aller Stände Aufschluß über die Kenntnisse, welche für jede Frau, die ihren Beruf als Gattin und Mutter wirklich erfüllen will, unbedingt nothwendig sind. In leichtfaßlicher Sprache, durch viele Abbildungen erläutert, behandelt die Verfasserin im Haupttheil alle Frauenkrankheiten und zeigt das Jnhaltsverzeichniß, wie eingehend und erschöpfend dieser Theil bearbeitet ist. Ferner aber — und das verleiht dem Werk einen noch höheren Werth — giebt die Verfasserin genaue Aufklärungen darüber, wie die Krankheiten zu verhüten sind, was zu thun und zu lassen ist, um Körper und Geist durch naturgemäßes Leben vor nachtheiligen Einwirkungen zu schützen, und macht mit tiefem Ver- ständniß — wie eben nur die Frau der Frau sagen kann — auf diejenigen Gefahren aufmerksam, deren Nichtbeachtung der Thätigkeit der Hausfrau und Mutter leider so oft vor der Zeit ein Ziel setzen kann. Durch diese Belehrungen wird die Frau in den Stand gesetzt, bei allen Gesundheitsfragen und Krankheitsfällen, auch ohne sofort den Arzt zu brauchen, ohne Verzug helfend eingreifen zu können. Von welch enormer Wichtigkeit daher das „Frauenbuch" für jede Frau ist, wie viel Heil und Segen es in jeder Familie stiften wird, braucht kaum noch hervorgehoben zu werden, zumal unsere heutigen Lebensverhältnisse die Kennt- niß dieses geradezu reformatorisch bedeutungsvollen und nothwendigen Buches jeder Frau doppelt zur Pflicht machen. Dasselbe ist in jeder Buchhandlung zu haben. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.