Unterchaltnnssblatt jutn Gieszenev Anzergev (Genepal-Anzerg^) 18V 3. Nr. 55 WWMW 1 > - Donnerstag, den 11. Mar. Am Walde. Die Größe der Schöpfung, das Reich der Natur, Der Mensch kann es nimmer ergründen; In jeglicher Blume auf blühender Flur Sind mancherlei Räthsel zu finden! Im Walde! Im Walde! da ist es so schön, Da herrscht ja die Göttin der Freude; Laut schallet die Büchse in Thälern und Höh'n, Dazwischen tönt Dörfchens Geläute! Da singen die Vögel ihr fröhliches Lied Und preisen die göttliche Liebe; Durch blühende Felder der Hirte hinzieht, — O, daß es doch immer so bliebe! Im Walde, da athmet so frisch und so frei Das Herz in so munteren Schlägen, Man fühlt sich so jung — ob das Alter auch sei, — Fühlt freudig die Brust sich erregen! D'rum lustig hinaus in den herrlichen Wald, Entfliehet dem düsteren Hause, Und pflücket die Blumen, sie welken so bald, Mit fröhlichem Herzen zum Strauße- Da rauschen die Winde, vom Zephyr bewegt, Geheimnißvoll, ernst durch die Bäume, Und mächtig ergriffen, so seltsam erregt, Umschweben uns mancherlei Träume. Wir denken der lange entschwundenen Zeit, Den eh'mals so glücklichen Sonnen; Wir denken an Alles, was einst uns gefreut, — Schon lange verrauscht und zerronnen! Da rieselt die Quelle melodisch dahin Und lächelt im silbernen Glanze, — So sehen wir Alles im Leben entflieh'», Nie rasten die Wellen im Tanze. Da knüpfet die Freundschaft manch' -inniges Band, Und fesselt in Eintracht die Herzen, Sie bietet im Kummer die liebende Hand Und lindert und heilet die Schmerzen. — D'rum eilet zum Walde, da ist es so schön, Noch lächelt der Frühling uns heute, Wenn Stürme erbrausen, die Blüthen verweh n, Dann ist auch verklungen die Freude! Th- Loos. Liebe um Liebe. Novelle von Carl Cassau. (Schluß.) Ein herrlicher Augustmorgen lagerte über der Erde; es war, als wollten sich Himmel und Erde vermählen. Da fuhr Lothar mit Alexandrine in die Stadt. Letztere wollte Einkäufe machen, ihr Gatte aber sich ein wenig zerstreuen. Beim Cafs Sterzinger stieg Lothar ab, nachdem er mit Alexandrine verabredet, daß man sich in einem Modemagazin nahe bei dem Dom um zwölf Uhr treffen wolle. Der Wagen fuhr ab, Lothar winkte der Gattin nochmals zu, stieg die paar Stufen hinauf und fuchte sich eine schattige Stelle der Veranda, wo er halb verborgen- saß. Er bestellte sich ein Glas Bier und las die neuesten Zeitungen. Nach und nach füllte sich das Local. Säbel klirrten und nicht weit von Lothar setzte sich Guido von Gilzingen mit mehreren Kameraden nieder, ohne Hiller zu gewahren. Man plauderte von Pferden, von Hunden, von schönen Mädchen, vom Ballet und einigen neuen Fällen der Scandal- In diesem Augenblicke fuhr Alexandrine, die ihre Absicht geändert, wieder vor dem Cafs vorbei, indem sie sich, um Lothar zu sehen, weit vorbeugte. „ , r L . 9 Sich', Deine alte Flamme, Gilzingen!" rief da einer der ^ Gilzingen lachte cynisch und entgegnete dann prah eck,: „Beim Mars, wahrhaftig! - Wenn chr Gatte doch wüßte, daß ich den ersten Nektar von ihren Lippen schlürfte, er würde rasend werden, wie Roland und Am; aber der Narr schreibt jetzt gewiß lauter — Alexandriner!'' Die Uebrigen belachten den Kalauer. Da stand Lothar mit flammendem Antlitz vor dem erschrockenen Gllzingen. - 218 - „Elender," donnerte er, „Bube, der die Geheimniffe eines liebenden Frauenherzens zu Markte trägt! Nimm das!" Hiller warf Gilzingen die Handschuhe in's Gesicht und wandte sich um- Ein wirres Durcheinander entstand. Gilzingen wollte sich auf Lothar stürzen, der ihn mit unterschlagenen Armen erwartete, aber die Kameraden stellten sich dazwischen, hinderten aber nicht, daß Gilzingen schrie: „Das sollen Sie mit Ihrem Leben büßen!" Lothar lächelte fein und sagte ruhig: „Seien Sie Der# sichert, daß ich Sie auch nicht schonen werde! Schicken Sie Ihren Zeugen gefälligst zu Doctor Löwe!" Er grüßte und entfernte sich mit stolzem Schritt. „Wie dumm, Gilzingen!" schimpfte jetzt Oberlieutenant Braga. „Sich so aus der Ruhe bringen zu lassen, daß Du um den ersten Schuß kommst!" „Du hast recht, Braga," gab Gilzingen zitternd vor Wuth nun zu, „bitte, sei Du mein Secundant!" „Mit Vergnügen!" „Fordere ihn auf Pistolen, morgen früh acht Uhr im hin« tersten Theile des Prater!" „Wie Du wünschest! Wie viele Kugeln?" „Bis einer von uns ein todter Mann ist!" „Gut! Distanz, Kamerad?" „Zehn Schritte, ohne Avanciren!" „Wohl!" Die Sache war erledigt, aber ein ergrauter Rittmeister von den Dragonern raunte Gilzingen zu: „Nimm's nicht so leicht, Gilzingen; dieser Dichter soll sich auf etwas mehr als bloße Versfüße verstehen!" „Vielleicht auf's Laufen!" meinte Gilzingen, über den eigenen Witz lachend. Der andere Rittmeister entgegnete ernst: „Nein, auf das Fallenmachen! Wenigstens hat er auf der Universität einen Uebermüthigen mit der Pistole zu Fall gebracht und einem Zweiten mit dem Säbel eine solche Zeichnung vor der Stirn eingeschnitten, daß man an seinem Muthe nicht zweifeln kann I" Damit wandte er sich ab. Vergeblich suchte Gilzingen den langen Tag über seine Ruhe wieder zu gewinnen, denn er zitterte krampfhaft erregt. Seine Unruhe verrieth denn auch Fioretta, daß er etwas vorhabe, was das Licht scheue. Als echte Italienerin beobachtete sie ihn deshalb mit Mißtrauen auf Schritt und Tritt. Lothar dagegen war sehr ruhig. Lächelnd trat er bei Doctor Löwe ein und forderte ihn auf, ihm bei dem Duell zu secundiren. „Höre, Franz," sagte er, „Du mußt mir zu lieb einmal alle Bruchstücke einstiger Kenntniß von den Regeln des Zweikampfes aus der Burschenzeit zusammensuchen! Ich bin gefordert!" „Du? — Duell! — Spaß!" rief Löwe trocken. „Nein, nein, Franz, es ist Ernst, blutiger Ernst! Rittmeister Gilzingen hat mich tödtlich beleidigt, ich — warf ihm die Handschuhe in's Gesicht und nannte ihn einen Elenden, die Folge natürlich war eine Forderung. Sei mein Zeuge; sein Secundant wird Dich heute noch besuchen!" Jetzt sprang der Chefredacteur auf und rief: „Alle Wetter! Und Dein edles Leben setzest Du gegen einen solchen Buben ein? — Hättest ihm gleich den Hals brechen sollen!" Lothar zuckte die Achseln und sagte ruhig: „Soll ich nicht auf Gott und mein gutes Recht bauen?" „Armer Lothar! Bei dem Duell sieht es oft schlimm mit dem Rechte aus!" „Nenne mich reich, Franz, denn ich besitze die Liebe Derjenigen, die mir von jeher Alles war! Uebrigens darf Alexandrine nichts davon wissen. Ich werde eine Reise vorschützen! Die Disposition für das Duell bringst Du mir wohl persönlich ?" „Gewiß!" „Dann auf Wiedersehen!" „Adieu!" Lothar ging und traf Alexandrine, wie verabredet «ar. Unterwegs theilte er ihr gleich mit, daß er morgen in der Frühe auf ein paar Tage verreisen müsse. „Kann ich Dich begleiten?" „Schwerlich, mein Herz; es handelt sich um langrveiligi Dinge des Journalistentages." „Ah so, Ihr habt wieder Euren Tag?" „Ja!" „Und wo wird er dieses Mal abgehalten?" „In Graz!" Bei Tafel war Lothar sehr aufgeräumt; er scherzte und lachte und Alexandrine bemerkte nichts Auffälliges an ihm. Erfreut schien er auch, als Doctor Löwe mit Beate eintraf. Kaum waren die Freunde allein, so flüsterte Löwe: „Morgen früh acht Uhr im hintersten Theile des Prater; Pistolen, zehn Schritte ohne Avanciren, Kugelwechsel bis einer fällt!" Lothar erwiderte: „Ganz wie ich gedacht!" „Sind Deine Pistolen in Ordnung?" frug Löwe. „Vorzüglich! — Mein Wagen holt Dich rechtzeitig ab. Carl soll uns fahren!" „Abgemacht!" Nachdem der Besuch fort war, schrieb Lothar unter dem Vorwande, arbeiten zu wollen, zwei Briefe, den einen an Alexandrine, worin er für den Fall seines Todes in den herzlichsten Worten von ihr Abschied nahm, den anderen an einen Anwalt, worin er über sein Vermögen zu Gunsten Alexandrinens, Victors und der Familie Löwe entschied. „So wäre denn Alles geordnet!" flüsterte er. „O, Gottes Erde ist doch schön, seitdem ich Alexandrine errungen!" seufzte er aber dann doch. Alexandrine schlief noch fest, als Lothar am anderen Morgen aufstand, sich anzukleiden. Erst als er bereit war, in den Wagen zu steigen, trat er vor ihr Bett. „Lebe wohl, geliebtes Herz!" flüsterte er zärtlich. Sie erwachte und fragte freundlich lächelnd: „Und wann sehe ich Dich wieder?" „In zwei Tagen spätestens, mein Schatz!" „So reise mein Gott!" Das letzte Wort nahm er wie ein glückverkündendes Omen mit. Es war ein prachtvoller Morgen, wohl tauglich zu etwas Besserem, als sich gegenseitig die Hälse zu brechen. So meinte auch der Sanitätsrath Stephani, als ihn ein Wagen zu dem Duell abholte. Doctor Löwe hatte ihn noch spät am Abend über die Sache verständigt. Stille war es in dem großen, waldartigen Park auf der Hinterseite, die der Kaiserstadt abgewendet ist. Da aber ertönte plötzlich Pferdewiehern. Gilzingen todtenbleich aussehend, Oberlieutenant Braga und ein Arzt ritten heran und grüßten Höf» lich. Ein Diener folgte mit einer leeren Kalesche- „Sie sind wenigstens pünktlich!" murmelte Lothar, der ebenfalls mit Löwe bereit stand. Der Versöhnungsversuch ward beiderseitig abschläglich be- schieden. Die Secundanten luden die Waffen, tauschten diese und maßen die Distanz ab. Die Gegner nahmen dann Aufstellung. „Herr Doctor Hiller hat als der Geforderte den ersten Schuß bei drei!" rief Braga und Löwe zählte ruhig: „Eins, zwei, drei!" x Lothar hatte ruhig dagestanden, bei drei krachte der Schuß, Gilzinger sank zur Erde und seine Pistole flog zur Seite. — Lothar hatte ihm die rechte Hand zerschmettert. — Der Verwundete richtete sich aber wieder auf. Zähneknirschend verlangte er die Waffe und nahm sie in die linke Hand. Dabei schäumte er vor Zorn und rief: „Einen tobten Mann werde ich aus ihm machen I" Lothar stand wie eine Bildsäule da, aber kaum hatte Gilzinger auf ihn angeschlagen, so brach dieser auch ohnmächtig zusammen, denn der Blutverlust aus der Wunde hatte ihn erschöpft. Die Secundanten erklärten den Ehrenhandel für ausge- tragen. In diesem Augenblicke stürzte ein junges Weib mit einem Knaben voll Angstgeschrei herbei und warf sich über Gilzingen. - 21s - Es war Fioretta. Lothar ging nicht eher, bis der Ntilitärarzt erklärt, Gil» zingen's Wunde sei nicht gefährlich, er werde nur den Zeigefinger einbüßen. „Beffer ein Finger als der ganze Kerl!" hatte Stephani hinzugesetzt, und man hatte darauf Anstalt gemacht, .den ohnmächtigen Gilzingen in die Kalesche zu schaffen. In demselben Augenblicke kam ein hoher Offizier, begleitet von zwei berittenen Dienern dahergesprengt. „Teufel, der General!" brummte Braga. > „Was geht hier vor?" rief die Excellenz und ritt dabei auch schon an die Truppe heran. „Alle Teufel! — Ein Duell? Trotz meiner Verbote? — Braga, Ihren Degen; auch Gilzingen ist Arrestgefangener!" Alles schwieg, Fioretta aber stieß einen Jubelschrei aus: „Ach, die Excellenz von Speccia!" „Fioretta bist Du es?" gab der alte Herr zurück. „Ich bin's!" Und nun folgte zwischen den Beiden ein Gespräch, das man wegen der Schnelligkeit nicht verfolgen konnte. Zur Aufklärung des Lesers bemerken wir jedoch, daß Fiorettens Vater ein reicher Kaufmann zu Speccia war, in dessen Haufe der General als Badegast viele Jahre hinter einander wohnte, bis harte Schläge den Mann verarmen ließen und er fort nach Rom zog. Der General hatte Florette als Mädchen auf den Knieen geschaukelt, jetzt erfuhr er ihr ganzes Unglück, und daß der * Rittmeister der Vater ihres Knaben sei. Sie setzte hinzu, die Excellenz möge doch Gnade für Recht ergehen lassen. Das war Gilzingen's Glück! Als er, gewitzigt durch den Unfall, geheilt das Lazareth verließ, befahl ihn der General vor sich. „Gilzingen", sagte er scharf, „Sie haben eines Officiers unwürdig gehandelt! Wollen Sie Ihre Fehler gut machen und die arme Fioretta hetrathen, so will ich mit meinem Freunde, dem Minister der öffentlichen Arbeiten, sprechen; gewiß hat er für Sie einen Inspektor» oder Directorposten denn — Ihren Abschied werden Sie noch heute nehmen müssen!" Bei Gilzingen schien auch so etwas wie Reue zum Durchbruch zu kommen; er willigte in alles und erhielt die Stelle. Lothar ließ ihm 5000 Gulden zur Einrichtung seines Hausstandes, angeblich als Fiorettens Mitgift, heimlich überreichen. Rach Wochen erst erhielt Alexandrine durch einen Dank- brief Fiorettens Einsicht in die ganze Affaire Gilzingen. Sie schauderte über ihren Verdacht und umarmte mit Thränen ihren Lothar. „O Du herzensguter, lieber Mann," rief sie, „wo stecke ich in Deiner Schuld! Sogar Dein Leben setzest Du für meine Ehre ein?" „Hättest Du es nicht auch gethan, Alexandrine?" frug Lothar. „Gott weiß es, mit tausend Freuden!" „Siehst Du, so bist Du nicht in meiner Schuld, denn Du vergiltst mir Liebe mit Liebel" Auf Villa Hillershausen wohnt ein hohes Glück, und das seltene Paar lebt eine noch seltenere Musterehe. Jetzt weiß Alexandrine auch, wer ihr damals den ersten Gruß zu ihrem zwanzigsten Geburtstage gesandt hat. Iwei Aindlings. Eine Criminal-Erzählung. ------- (Nachdruck verboten.) Düster brannte der letzte Rest einer Kerze in einem überaus armselig ausgestatteten Raume eines Häuschens, da» noch zu Anfang der 70er Jahre inmitten der großen und reichen Stadt Paris in der Nähe der Universität zu finden war und das seinem Aeußeren nach kaum für den Aufenthalt von Men> schen bestimmt sein konnte. Die dunkle Mansarde enthielt nur einen Ösen, einen Tisch und eine gebrechliche Bettstelle, aus deren Rand eine junge Frau saß und ein kaum einjähriges Kind in ihren Armen wiegte. Ein junger Mann, der eben eingetreten war, legte ein großes Bündel vor sie hin, atbmete tief auf und sprach dann mit dumpfer Stimme: „Jetzt ist Alles zu Ende, Claire; ich konnte das Kleid bei keinem der Pfand- Verleiher mehr anbringen; überall hieß es, es sei zu schlecht, — und nirgends, nirgends Arbeit und Verdienst! Ich habe Alles versucht, es ist keine Hoffnung mehr — und das Kind verhungert!" schrie er plötzlich jammernd auf. „Er bleibt uns nichts mehr übrig, Claire; Du mußt Deine Arbeit wieder aufnehmen, die doch wenigstens etwas einbringt und der Kleine — muß in's Findelhaus." Die Frau schauerte zusammen bei dem Worte, das doch unausgesprochen auch auf ihren Lippen schon seit Tagen gelegen hatte. Minutenlang starrte sie still vor sich hin, dann stand sie auf, ergriff ein Tuch, schlang er um das Kind und schritt wortlos hinaus. Drinnen horchte lautlos der Gatte auf den sich entfernenden Schritt, dann sank er an den mit Papier verklebten Fenstern zu Boden und schluchzte bitterlich. An dem großen Hospiz am Ufer der Seine, in welchem alljährlich etwa 8000 elternlose Kinder Aufnahme finden, ertönte noch spät Abends die Klingel. In die verhängntßvolle Nische, die gleich einem Tabernakel nach innen gedreht werden konnte, war ein Kind gelegt worden. Draußen entfernte sich ein leichter Schritt und jetzt öffneten zwei Männer die Nische, um nachzusehen. „Das ist Nummer sechs in dieser Nacht," brummte einer derselben, „aber meinetwegen! Kommt, Marcard, tragen wir'» ein; das Weitere ist nicht unsere Sache." Der Andere trat an ein Pult und notirte nach dem Dictat des Alten: „Anscheinend ungefähr ein Jahr alt, ein Knabe, dunkles Haar, schlecht ernährt, Kleidung buntes Jäckchen, wollene Strümpfe und blaues Umschlagetuch, keine Wäsche, kein Namenszeichen; doch — dort, ein altes Medaillon, ein Zettelchen darin — das ist jedenfalls das Geburtsdatum und darunter steht der Name Etienne; das ist Alles." Hiernach zog der jüngere der beiden Männer ein kleines Täfelchen an blauem Bande mit der Nummer 5209 hervor, hing es um des Kindes Brust, schrieb den Namen Etienne darunter und nunmehr nahm eine barmherzige Schwester das Kind in Empfang. Fortan war dasselbe ein Findling, der bis zum vierzehnten Jahre eitern- und heimathlos aufwuchs, um dann in der fremden Welt draußen weiter mit dem Fluche zu kämpfen, der es unschuldig schon in der Wiege getroffen. In einem jener zahlreichen ärmlichen Bauerndörfer, deren Insassen den Tag über in Paris als Tagelöhner arbeiten und Abends ihren kleinen Acker noch bestellen, während die Weiber als Wäscherinnen für das moderne Babel thätig sind, trat eben gegen sieben Uhr Abends der Arbeiter Louis Legros schwankenden Schrittes, offenbar angetrunken, auf seine Hütte zu. Beim Oeffnen der gebrechlichen Thüre bemerkte er sofort, wie seine Ehehälfte drinnen, eine sehr verkommen aussehende Frau mit häßlichem Gesichtsausdruck, auf einen kaum zweijährigen Knaben losprügelte, den sie von einer Ecke in die andere schleuderte, um, wie sie sagte, der Kanaille das Laufen beizubringen. Trotz seiner Trunkenheit wollte der Mann den Kleinen, der jammervoll schrie, schützen, aber die Frau stieß ihn zurück und rief mit heiserer Stimme: „Jawohl, das fehlte noch! Du brauchst da» Geschrei der kleinen Bestie nicht den ganzen Tag anzuhören, wie ich — für die lumpigen vierzig Francs aus dem Findelhanse. Leg' Dich nieder und schlaf' Deinen Rausch aus, Du Trunkenbold, der seine arme Frau hungern läßt und sein Geld im Branntwein verthut!" „Weib, schweige!" fuhr der Mann jetzt aber heftig auf und hob den wimmernden Kleinen vom Boden auf. „Du und nur Du bist an unserem Elend schuld, weil Dich der Hoch- muthsteufel und der Leichtsinn ritt, bis mein ganzes schönes Erbtheil bis auf den letzten Acker fort war. Tanzen und Prahlen mußtest Du, bis der Gerichtsvollzieher den letzten Stuhl davontrug und unsere Kinder in Schmutz verkamen. Ich bin nicht so betrunken, daß ich das vergessen könnte, und jetzt, da Du die Findelkinder in Pflege nimmst," — er hatte das Wort „Pflege" höhnischen Tones hingeworfen, — machst Du es den armen Creaturen nicht besser. Sie verderben im Unrath, bis Du sie eines Tages, schön sauber gewaschen und mit altem Flickzeug ausgeputzt, der Anstalt zurückbringst und vom Director auch noch als vortreffliche Pflegerin gelobt wirst. Aber meinetwegen, altes Rabengeschöpf, die Andern im Dorfe machen's gerade so und können auch nicht fauler und nichtsnutziger sein als Du." Nach diesen Worten streckte er sich auf eine Bank und begann, noch einige Drohungen zum Schutze des kleinen Pfleglings murmelnd, langsam einzuschlafen, während die Frau in einer Ecke am Boden niederkauerte und noch lange mit giftigen Blicken auf den Gatten schaute. Am folgenden Morgen begab sich der Mann wieder auf die Arbeit und nahm seinen eigenen älteren Knaben mit sich, während der jüngere, ein Kind von etwas über anderthalb Jahren, sammt dem Pflegling aus dem Findelhause bei der Megäre blieb, die alsbald wiederum die Mißhandlung des vor Hunger schreienden unglücklichen Kleinen begann, um sich für die Eingriffe ihres Mannes in ihre eigenen Angelegenheiten, wie sie sagte, zu rächen- Nicht lange war der Mann von Hause fort, so hatte sich der Zorn des Weibes gegen den unschuldigen Kleinen so gesteigert, daß ihn die Elende in blinder Wuth mit einem gerade zur Hand liegenden schweren Holzscheite zu bearbeiten anfing und als dann das unglückliche Kind nur noch heftiger zu schreien begann, faßte die Furie einen schweren eisernen Deckel und schlug damit dem Kleinen so heftig auf den Kopf, daß er plötzlich stumm wurde; — ein gedämpfter ächzender Laut und das Kind lag regungslos am Boden — es war — tobt! Es war noch in den ersten Morgenstunden des Tages, als die Frau, ein Bündel unter ihrem Tuche, aus dem Hause schlich, nach dem kaum eine Viertelstunde entfernten ehemaligen Bergwerke hin, welches jetzt verlassen und theilweise zusammengestürzt, von Gestrüpp überwuchert, dalag. Die Gegend war von den Umwohnern gemieden, weil allerlei scheues Gesindel zuweilen dort sein Wesen trieb. Hastigen Schrittes irrte die Frau durch die Trümmer der Gebäude; einen Augenblick noch, jetzt blieb sie stehen, scheu blickte sie um sich, dann noch einen Schritt vorwärts an den Rand des großen Schachtes, und im nächsten Augenblicke warf sie das Bündel, die Leiche des unglücklichen Kindes, hinab in die gähnende Tiefe. — (Schluß folgt.) Geineinnütziges. Spargel. Verbraucht man die Spargel nicht sogleich wenn sie gestochen worden sind, so legt man sie in Erde oder in feuchten Sand, oder in ein irdenes Gefäß mit kaltem Wasser angefüllt, stellt dieses an einen kühlen Ort und gießt, im Falle sie in einem Gefäß sind, täglich frisches Wasser darauf. ♦ * ♦ Waldmeister-Essenz. Eine Essenz erhält man, wenn man frischen Waldmeister, nachdem er von anderen Pflanzen- Beimischungen und durch Waschen gereinigt wurde, in zwei gleichen Theilen in tiefe Schüsseln oder Schalen gibt, denselben in der einen mit rectificirtem hochgradigen Altkohol, in dem anderen mit gewöhnlichem, doch gutem weißen Tischwein so übergießt, daß der Waldmeister ganz bedeckt ist. Nach einer guten Viertelstunde, höchstens halben Stunde, wird die Flüssigkeit durch ein Sieb abgegoffen, so daß der Waldmeister ziemlich trocken wird, und Alkohol und Wein mit' einander vermischt. In gut zugekorkten Flaschen hält sich diese aromatische 220 = Essenz ganz vortrefflich, und ein Eßlöffel voll davon genügt, um zu jeder Zeit einen ächten frischen Maiwein herzustellen. Naturreiner Honig muß, wenn er kalt und dickflüssig ist, bandartig abfließen, sich auch bandartig, aber immer schmäler legen und schließlich sich in lange dünne Fäden ziehen, ohne daß sie gleich abbrechen; er muß wohlriechend, süß, lieblich klebrig, goldgelb, krystallisch rein und fast durchsichtig und, wenn er unter Speisen gemischt wird, leicht durch seinen eigenartigen Geschmack wahrzunehmen sein. Schutz der Holzgestelle gegen Fäulnis;. Das zweckmäßigste und sicherste Mittel, um die Bestandtheile von Holzgestellen im Keller gegen Fäulniß zu schützen, besteht in Para- finiren des Holzes und wird letzteres in der Weise ausgeführt, daß man das Holz mit geschmolzenem Parafin, welches mit 120 bis 130 Grad erhitztest, imprägnirt. Warme gefüllte Eier. Man siedet 10—12 Eier hart, kühlt sie ab, schält sie und schneidet sie in Hälften. Die Dotter nimmt man heraus, reibt sie durch ein Sieb und verrührt sie mit 50 g Butter, drei frischen Eidottern, einigen gewiegten Sardellen und Reibbrod, würzt die Masse mit Salz, Pfeffer, V2 Theelöffel in Portwein aufgelöstem Liebig'schen Fleischextract, sowie mit gewiegter Petersilie und gehackten Champignons und füllt alsdann die Eierhälften gehäuft damit aus. Ein Drittel der Füllung behält man zurück, streicht sie, indem man sie zuvor mit saurer Sahne vermischt, auf eine flache Schüssel und setzt die gefüllten Eier darauf, beträufelt die Hälften dann mit wenig zerlassener Butter, bestreut sie mit geriebener Semmel und bäckt die Ger bei sehr gelinder Wärme im Ofen hellbraun. V-rinisehtes. In der Markthalle. Verkäuferin: „Warum sind denn die Kartoffeln in letzter Zeit so voll Erde?" — Händlerin: „Weil wir sie jetzt nach dem Gewicht verkaufen!" Verfängliches Jnser*at: „Pferde zum Schlachten kauft und zahlt die höchsten Preise, auch kann auf Wunsch der Besitzer sofort geschlachtet werden.", Stadtfrühling. Frau: „Um Gotteswillen, Mann, die Bank ist ja frisch gestrichen . . . steh' schnell auf!" — Mann: „Wozu? Jetzt ist's ja doch zu spät." ♦ Jägerlatein. „Meine Herren! Sie wissen, daß die Raben sehr schaue Vögel und schwer zu schießen sind, denn wenn sie einen Menschen mit einer Flinte sehen, fliegen sie schon von Weitem davon. Mir sind sie aber nicht schlau genug — ich weiß, wie sie zu täuschen sind. Ich stelle mich nämlich betrunken und taumle hin und her; da bleiben die Vögel ruhig sitzen, denn sie glauben, der trifft doch nichts, und so kann ich sie dann ganz bequem schießen!" ♦ ♦ ♦ Sparsam. Frau: „Du, Marie sagt mir soeben, daß Herr Nulpel der Emma einen Heirathsantrag gemacht hat." — Mann: „Wie gut, daß es erst jetzt geschehen ist, wo wir im Saale sind, sonst hätte ich gar für den noch dar Entröe mitbezahlen müssen." ♦ ♦ ♦ Die neue Mode. Dame: „Mein Frühjahrshut vom vorigen Jahre scheint mir noch ganz brauchbar zu sein, können Sie ihn nicht modernisiren?" — Putzmacherin: „Das werden wir gleich haben. (Schneidet mit einer Scheere den Boden aus und gibt den Hut der Dame zurück.) So, bitte schön, das ist das Modernste — kostet acht Mark fünfzig Pfennige." Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.