Unt-phaltrrngsblatt zuin Gieszenep Anzeigsv (Gensval-AnzsiSev) Nr. 30. Iß! > fi7" p*1 M W-MWZM W-MM OMMS Samstag, den 11. Marz. Tante Hannas Geheimniß. Original-Roman von E. v. Lindem (Fortsetzung). „Dieser Herr Marbach, welcher gestern Abend mit dem Maler hier saß, war also der Großneffe Ihres Anbeters, Tante Hanna?" sragte Armgard nach einer Weile. „Ja, ganz recht, es ist der jetzige Besitzer von Rotenhof, Herr Lorenz Brinks Großneffe, ein recht ehrenwerther Charac- ter, wie mir scheint." „Er trumpfte den unzarten Maler mit seinem Heiraths- project wenigstens recht derb üb," bemerkte Armgard. „Ihr Igel scheint sich auf seine Rücksichtslosigkeiten etwas einzuml- den, Tanta Hanna, es ist eine billige Kunst, sich auf Anderer Kosten sehen und seinem Spotte die Zügel schießen zu lassen." „O, er verträgt auch eine derbe Abfertigung und ist im innersten Herzen aufrichtig gut," vertheidigte Hanna den alten Freund. „Glauben Sie mir, daß Herr Marbach keinen besseren Freund und Rathgeber sich erwählen konnte. — Und nun, mein theures Kind, hoffe ich, daß Sie keine übereilte Handlung, welche Sie mit dem Preis Ihres ganzen Lebensglücks bezahlen müßten, begehen werden, sondern lieber unvermählt bleiben, als sich, einer kostbaren Waare gleich, zur Speculation der Habsucht und Berechnung herabwürdigen zu lassen. Hier müssen Vernunft und weiblicher Stolz in ihre Rechte treten, um das rebellische Herz sowohl als die beleidigte Eitelkeit zu besiegen." Hanna schwieg, während das junge Mädchen ihr die Hand drückte und in den braunen Augen desselben eine fast demüthige Zärtlichkeit glänzte. * * ♦ Nach der Kirche hatte Armgard Holten mit Tante Hanna gespeist und sie dann trotz aller Einreden mit nach ihrem Gute Edenheim, das zwei Stunden von dem Städtchen entfernt war, entfuhrt, um Pfingsten bei ihr zu verleben. „Wie kann ich mein kleines Heim verlassen?" hatte Hanna geklagt, „Line ist fort, meine Rosen werden verwelken, Mignon wird umkommen —" _ , "3hr kleines Heim steht unter dem Schutze der ganzen ®tobt, hatte Armgard entschieden, „es werden sich hundert Wächter für das Haus, zweihundert Hände zum Begießen der Roien finden, und was Mignon anbetrifft, so nehmen wir sie einfach mit. Nach dieser Entscheidung hatte Tante Hanna die Waffen strecken müssen und fröhlich lachend kutschirten sie bald nach Mittag aus dem Städtchen in das wonnigste Pfingstwetter hinaus. Kerzengerade saß die Greisin neben ihrer jungen Freundin, welche nachlässig im Fond der eleganten Equipage lehnte und nicht müde wurde, von dem langen Schweif ihrer Verehrer zu plaudern, welchen sie nach der Kirche gezogen hatte. „Sie müssen die große Auswahl zugestehen, Tante Hanna I" bemerke sie ganz ernsthaft. „Die Herren wurden urplötzlich fromm, maßen sich aber doch zuweilen mit Blicken des Haffes und der Eifersucht. Ich sehe ein, daß eine rasche Wahl mir ganz unmöglich gewesen wäre." „Herr Julius wird sich ärgern, diese günstige Gelegenheit versäumt zu haben," meinte Hanna ruhig. „Ja, er hätte jedenfalls sein Töchterchen mir aufgebürdet," erwiderte Armgard nachdenklich, „hm, Tante, Sie können ruhig sein, zur Stiefmutter eines solchen Kindes tauge ich nicht, schon dieser Gedanke ist hinreichend, mich gegen jegliche Gefahr zu wappnen." Hanna blickte sie forschend an und freute sich im Stillen, die alte Armgard wieder zu finden. Sie wünschte ihr alles Glück der Erde und deshalb jenen Steindorf in's Pfefferland oder nach Amerika zurück. Heiter angeregt kamen sie nach Edenheim, das in der That ein prächtiges Besitzthum war, wohl geeignet, Liebhaber in Schaaren herbeizuziehen. Die Herrin dieses stolzen Ritterguts wurde von ihren Leuten und allen Gutsangehörigen angebetet, obwohl sie Milde mit Strenge zu paaren und das Ganze am Schnürchen zu leiten verstand. Sie war heute so munter und gut gelaunt, daß es Allen ausfiel und auch die Tante ein wenig stutzig machte. Sollte diese Fröhlichkeit nur eine Maske sein, um ihr Sand in die Augen zu streuen? Konnte die stolze, energische Armgard, deren scharfer Verstand und practische Umsicht ihr die Anerkennung und Hochachtung der einsichtsvollsten Landwirthe erworben, im Punkte des Herzens so schwach sein, um einem unwürdigen Glücksritter zum Opfer zu fallen? Sollte der Ausspruch: „Schwachheit, dein Name ist Weib!" sich bei ihr, dieser männlich starken Seele, so verhängnißvoll erfüllen? Hanna seufzte leise und beschloß, sie aufmerksam zu beobachten, da ihr der Gedanke wie ein Alp auf die Seele gefallen war. „Nun gebe der Himmel seinen Segen, daß wir wenigstens heute allein bleiben," sagte Armgard, die Tante nach der Rosenlaube führend, wo die Haushälterin, Mamsell Evers, den Kaffee servirte. „Diese Laube habe ich extra für Sie anlegen lassen, Tante Hanna!" fuhr die junge Hausherrin fort. „Sie dürfen bei mir Ihre Rosen nicht vermissen- Ach, die Erde ist doch schön, - 118 =a zumal wenn man durch ein freundliches Geschick ein Stückchen als eigenen Besitz davon empfangen hat." „Ja, das ist richtig," stimmte Hanna lächelnd bei, „Sie haben Ihren hübschen Antheil davon erhalten, eia richtiges Eden, aber im Grunde müßte ein Jeder seine eigene Scholle besitzen, da es für mich nichts Trostloseres gibt, als eine von oben bis unten mit armen Menschen vollgestopfte Miethskaserne. Die Unglücklichen lernen niemals den traulichen Begriff „Elternhaus" kennen." „Das ist wahr und in der Thal ein trauriger Gedanke," sagte Armgard, nachdenklich nach ihrem schloßähnlichen Besitz hinüberschauend. „Von dieser Seite habe ich die Sache noch nicht betrachtet, man könnte beinahe Gewiffensbiffe dabei empfinden." „Ach was," rief Mamsell Evers, welche sich ein Wort herausnehmen durste, „das sind so schöne Phantasten von der Tante, die im Stande wäre, ihr nettes Häuschen dem ersten besten Tagedieb abzutreten. Ihr sieht das nun mal ähnlich, aber im Uebrigen sind es leibhaftige Luftschlöffer, wie sie die Socialdemokraten aufbauen. Denn wo sollte man wohl für das Gewimmel von armen Menschen in der weiten Welt all' die eigenen Häuser hernehmen? Nee, Fräuleinchen, sei'n Sie froh, daß Sie ein solch' hübsches Heim haben, ich bin's auch, obwohl mir kein Stein und keine Erdkrumme davon gehört." Beide Damen stimmten der alten Mamsell bei und plauderten über andere Dinge, als Armgard beim Rollen eines Wagens plötzlich zusammenschreckte. „Am Ende doch noch Besuch," seufzte sie, „man soll den Tag nie vor dem Abend loben." „Sie sind ganz blaß geworden," sagte Tante Hanna verwundert, „wer kann'« denn sein? — Vielleicht irgend eine bekannte Familie aus der Stadt." Mamsell Evers hatte sich bereits entfernt, um den Besuch zu empfangen. „Ich hoffte heute verschont zu bleiben," erwiderte Arm- gard, „zumal die Mehrzahl meiner Bekannten mich noch auf der Reise wähnt. Bin so gar nicht in der Stimmung, Gäsie zu unterhalten, hatte mich unsäglich gefreut, mit Ihnen, meiner ältesten und treuesten Freundin, allein zu sein — und nun kommt —" Sie stockte plötzlich, ihre Augen blickten starr, als sähen sie ein Gespenst, ihr Antlitz wurde noch um einen Schatten blasser als zuvor. Hanna folgte erschreckt der Richtung ihres Blickes und stieß ein unwilliges Wort der Ueberraschung, das fast wie „bodenlose Frechheit" klana, hervor. „Meine Ahnung!" flüsterte Armgard, sich stolz erhebend, rhrem sich rasch nähernden Besuch einige Schritte entgegengehend. Es war ein hochgewachsener, sehr schöner Mann von ungefähr Anfang der Dreißiger. Ein militärisch gestutzter Schnurrbart gab ihm das Aussehen eines Offiziers in Cioil, wie er sich überhaupt zu bemühen schien, eine nachlässig vor« nehme Haltung zur Schau zu tragen, welche ihm bei seiner tadellos stattlichen Figur sehr gut stand. Das Gesicht dieses elegant gekleideten Mannes war in der That sehr schön, nur in den Augen, deren Farbe unergründlich war, da dieselbe bald blaugrau, bald gründlich erschien, lag ein lauernder, beobachtender Ausdruck, welcher auf jedes unbefangene Gemüth abstoßend wirken mußte. Hatten Herrn Julius Steindorfs Augen, denn dieser war der Gast, welcher soeben, mit seinem Töchterchen an der Hand, von Armgard Holten begrüßt wurde, auch in der ersten Jugend schon diesen lauernden Ausdruck besessen? Tante Hanna legte sich bekümmert diese Frage vor und bllckte ängstlich aus Armgard, deren Character ihr plötzlich unverständlich geworden war. Konnte ein so stolzes, selbständiges Wesen noch immer Liebe für diesen Mann empfinden, der Jte ^st^richmäht hatte und jetzt nur zurückgekehrt war, um den Goldfisch auf's Reue für sich zu angeln? — Konnte die finge Armgard sich noch immer von einer solchen Außenseite Hanna warf einen feindseligen Blick auf den eleganten Ankömmling und athmete etwas erleichtert auf, als sie die Ruhe und sichere Haltung ihrer jungen Freundin sah. Und nun begrüßte er die alte Dame mit einer wahren Hochsiuth von Herzlichkeit und wunderte sich, sie noch immer in derselben Jugendfrische und kerzengeraden Haltung zu erblicken, wie vor zehn Jahren, als ein sichtbares Wunder geistiger Elasticität und Willenskraft. Tante Hanna berührte flüchtig die dargebotene Hand und meinte trocken, daß sie nicht eitel genug sei, um solche Com- pltmente als ein persönliches Verdienst sich anzurechnen. „Der Herrgott hat mir soviel Geistesfrische bewahrt," setzte sie hinzu, „um den hohlen äußeren Schein vom inneren Kern trennen zu können und dafür bin ich ihm dankbar." „Immer noch schlagfertig," lächelte Steindorf, sich auf Armgards Aufforderung an den Tisch niederlassend. „Begrüße Tante Hanna, von der ich Dir so viel erzählt habe, liebe Lotta!" wandte er sich dann an sein siebenjähriges Töchter- chen, das nach dem neuesten Mode-Journal gekleidet, im kurzen Damenkleide und. mit den schwarz bestrumpsten Beinen eine gewisse kokett studirte Haltung angenommen hatte. Lotta setzte ihr siegreiches Lächeln auf und näherte sich mit dem Anstand einer amerikanischen Lady der alten Dame, die sie verwundert betrachtete, ihr aber doch mit einem gewissen Mitleid, denn was konnte das Kind am Ende für diese abscheuliche Dressur, die Hand entgegenstreckte, welche die Kleine graciös ergriff und an die Lippen führen wollte. „Bewahre der Himmel, Kind, was willst Du thun?" rief Hanna, entrüstet ihre Hand fortziehend, „komm", setzte sie dann sanfter hinzu, „laß mich Deine Stirne küssen, armes Ding, wer hat Dich solchen Unsinn gelehrt?" „Meine selige Mama", erwiderte Lotta gekränkt, „die wußte genau, was sich für eine Lady paßte. Tante Armgard ist vornehm, Papa hat's mir gesagt, vornehm und sehr reich, — aber Du bist keine Lady, Tante Hanna, sondern eine alte, unangenehme Jungfer." „Das hat Dein Papa wohl auch gesagt", lachte Hanna mit einem gewissen Triumph in ihrem alten, guten Gesicht, während Armgard sich auf die Lippen biß, um ein Lächeln zu unterdrücken. Herr Julius Steindorf aber blieb merkwürdigerweise ganz unberührt von der interessanten Ausplauderei seines Töchterchens, das soeben aus der Rolle gefallen war und ihn jetzt aufmerksam ansah. „Ein schreckliches Kind", dachte Tante Hanna, „aber der Vater ist noch wett schrecklicher." „Amerikanische Erziehung, meine Damen!" sagte Steindorf, die Kleine lächelnd liebkosend, „meine selige Frau war ein wenig zu schwach gegen dieses mit großer Energie begabte Kind, und drüben fühlt sich, wie Sie vielleicht wissen werden, jedes Kind beinahe schon in den Windeln als Lady. Ich rede natürlich nur von der guten Gesellschaft." „Natürlich," erwiderte Tante Hanna, welche zu Steindorfs Verdruß die Unterhaltung mit ihm ganz allein an sich zu reißen drohte, da Armgard die alte Evers fortgeschickt und die Bedienung ihrer Gäste selbst übernommen hatte. „Ich habe von den amerikanischen Ladys hinreichend gehört, um mir ein Bild von ihnen machen zu können. Die Selbständigkeit soll diesen Damen wohl im Blute liegen." „Allerdings, dieser lobenswerthe Zug geht durch alle Klaffen der weiblichen Bevölkerung. Sie scheinen die Selbst- ständigkeit der Frau zu verabscheuen, Tante Hanna — ich darf Sie doch als alter Bekannter so nennen, da mir in der That Ihr Familienname noch nie genannt worden ist —" „Bleiben Sie nur bei meinem Allerweltsnamen, Herr Steindorf!" „Ich danke Ihnen! Nun also, wie können Sie eine Selbstständigkeit verdammen oder verspotten, Tante Hanna, von der Sie doch selber ein so leuchtendes Beispiel sind und die von Fräulein Armgard ebenfalls glänzend verkörpert wird?" Tante Hanna blickte ihn bei diesen Worten mit so großen, verwunderten Augen an, daß Armgard laut auflachte. „Ja, das ist wirklich zum Lachen," rief die alte Dame belustigt, „uns Beide, meine junge Freundin und mich, als Beispiele Ihrer amerikanischen Selbständigkeit aufzustellen, ist zu närrisch, mein werther Herr! — Eine deutsche Frau bedankt sich für diesen Vergleich, weil Ihre Ladys nur für ihr eigenes Vergnügen eine solche Freiheit beanspruchen, das strenge Wörtchen „Pflicht" aber gar nicht kennen. Es mag ja wahr sein, daß sie drüben viel mehr von den Männern respectirt werden und eine Amerikanerin ganz allein unangefochten die weitesten Reisen unternehmen kann, ein Vorzug freilich, deflen wir uns nicht rühmen können." „Also doch ein nennenswerther Erfolg jener Selbständigkeit, weil sie dem starken Geschlecht Respect gegen die Frau einimpft," lächelte Steindorf spöttisch. „Wie urtheilen Sie darüber, mein gnädiges Fräulein?" wandte er sich dann zu Armgard, die sich mit Lotta leise unterhielt. »Ich? — Nun, Amerika hat niemals Sympathie in mir erwecken können, Herr Steindorf, — wie ich ebensowenig die gepriesene Selbständigkeit amerikanischer Frauen verstehe. Ich bin mit meinem Loose sehr zufrieden und davon überzeugt, daß eine deutsche Frau in unserm Vaterlande ohne Begleitung unbehelligt reisen kann, da sie andernfalls des Schutzes jedes gebildeten Mannes sicher sein dürfte." „Ah, meine Gnädige, da liegt ja eben der große Unterschied," erwiderte Steinvorf lächelnd, „Sie räumen also ein, daß nur der gebildete Mann hier in Deutschland eine alleinreisende Dame gegen Rohheit und Zudringlichkeit in Schutz nehmen wird, was in Amerika der einfachste Mensch sür selbstverständlich hält. Ich rede besonders von geborenen Amerikanern, da Rohheiten gegen Damen, wie überhaupt gegen das weibliche Geschlecht sofort geahndet werden, weil dergleichen nur von sogenannten grünen Einwanderern möglich ist. Sie werden mir zugeben, mein gnädiges Fräulein, daß durch eine derartige Ausnahmestellung der weibliche Stolz, sowie eine gewiffe Sicherheit der Welt gegenüber schon dem Kinde ausgeprägt werden muß." „Sehr begreiflich," sprach Armgard, „nur daß solche frühreife Kinder den Eltern sehr unbequem werden müffen. Ich würde mich für eine derartige Ausnahmestellung, so verlockend sie auch sein mag, ihrer Consequenzen halber bedanken. Doch lassen Sie darüber Ihren Kaffee nicht kalt werden, Herr Steindorf!" setzte sie mit kühler Artigkeit hinzu. „Solche Streitfragen sind ebenso unnütz als unerquicklich." Mit großer Gewandtheit wußte Steindorf sich jetzt eines anderen Themas zu bemächtigen, indem er das landwirthschaft- liche Leben Amerikas mit dem der Heimath verglich und sich so eingehend und zugleich so anziehend darüber zu äußern verstand, daß Armgard mit Interesse zuhörte und selbst Tante Hanna sich davon gefesselt fühlte. Mit einem gewissen elegischen Tone entrollte er dann ein Bild seines eigenen Lebens, weilte trauervoll an den Gräbern seiner Kinder und der Gattin, und schilderte das unbezwingliche Heimweh, welches ihm dort drüben trotz der bestsituirtesten Lage keine Ruhe gelassen, da ihn nebenbei das noch stärkere Gefühl der Reue unbarmherzig gepackt und er im Stillen gehofft habe, die väterliche Besitzung zurückkaufen zu können. „Sie können sich nicht vorstellen, meine Damen," schloß er mit einem tiefen Seufzer, „welch' ein Donnerschlag die Nachricht sür mich war, daß Rotenhof auf einen Verwandten des letzten Besitzers vererbt worden sei, und daß dieser Brink mein Erbe seinerzeit für einen Spottpreis erstanden hat. Ich lebte drüben in dem Wahne, über kurz oder lang zurückkehren und den Besitz meiner Vorfahren antreten zu können, hoffte, daß die alten Freunde es nicht dulden würden, mein Erbe in fremden Händen zu sehen oder doch eine Verschleuderung desselben um jeden Preis verhindert haben würden." „Und war, wenn ich fragen darf, Herr Steindorf, berechtigte Sie zu dieser Hoffnung?" fragte Armgard, ihn groß anblickend. „Nichts, als der feste Glaube an die Ewigkeit einer Liebe — Pardon — einer treuen Freundschaft, welche alle Mißhellig- keilen und Zerwürfnisse überdauert," antwortete der Gast mit = 119 — einer tragischen Miene, welche der alten Tante ein verächtliches Lächeln entlockte. Armgard erblaßte, ob aus Zorn über die bodenlose Anmaßung oder aus Bestürzung, was Tanta Hanna nicht ermitteln konnte, sie aber mit einer großen Unruhe erfüllte. Letztere, welche von ihrem Platze aus die am Garten entlang führende Chaussee überblickte, nahm mit ihren noch immer recht scharfen Augen in diesem unerquicklichen Augenblick zwei Reiter wahr, welche im gemächlichen Schritt und in schr lebhafter Unterhaltung sich näherten. „Sehen Sie, liebe Freundin," wandte sie sich an Armgard, „dort kommt Ihr neuer Nachbar, der junge Herr Marbach von Rotenhof." Armgard warf einen raschen Blick nach der Chaussee hinüber, worauf auch Steindorf sich erhob, um, wie er bemerkte, den fremden Erben seiner väterlichen Besitzung sich anzusehen. Als Jene sich umwandte, erschrak sie über die Verwandlung, welche mit ihrem Gaste vorgegangen. Sein gebräuntes Gesicht war erdfahl geworden, seine Augen wie verschleiert von Furcht oder Haß. »Ist Ihnen nicht wohl, Herr Steindorf?" fragte sie mit unsicherer Stimme. „O, es hat nichts auf sich, danke verbindlichst, meine Gnädige!" erwiderte er, sich hastig über die Stirn streichend. „Der Anblick jenes Herrn erinnert mich zu grausam an meinen Verlust. — Er wird vielleicht seine Aufwartung machen?" setzte er fragend hinzu. „Möglich, obwohl er dazu eine passendere Zeit wählen könnte." „Halten Sie die Etikette auch hier jetzt so streng aufrecht, mein gnädiges Fräulein? — Dann bedaure ich aufrichtig, mich hierin ebenfalls vergangen zu haben." „O, mit einem Amerikaner darf man es in dieser Hinsicht wohl nicht so genau nehmen," bemerkte Armgard lächelnd, „aber — Sie wollen schon aufbrechen, Herr Steindorf?" (Fortsetzung folgt.) Gin Iortrag des Ifarrers Kneipp. Wie wir bereits im „Gießener Anzeiger" meldeten, hielt vor einiger Zeit Herr Pfarrer Kneipp vor einer äußerst zahlreichen Versammlung in Mannheim einen Vortrag über seine Heilmethoden. Ohne eine Stellung zu den von Herrn Pfarrer Kneipp dargelegten Grundsätzen nehmen zu wollen, theilen wir, dem Wunsche einiger seiner Anhänger entsprechend, nachstehend das Wesentlichste aus dem Vorträge mit. Herr Kneipp bemerkte in seinen einleitenden Worten, daß die Wasserbehandlung nicht von ihm ersunden worden sei, sondern daß man dieselbe schon in früheren Jahren angewendet habe. Er sei auch einmal am Rande des Grabes gestanden und die Leute hätten bereits gesagt, daß er in höchstens 5 bis 6 Wochen sein Leben beschließen werde. Er habe sich aber durch Wasser geheilt. Nun könne er aber doch nicht so unbarmherzig sein, seine Heilmittel und seine Heilmethode nicht in den Dienst der Leidenden und Mühseligen zu stellen: hierzu verpflichte ihn-schon sein Amt als Priester- Der Mensch ist an seiner Mühsal und seinem Elend meist selbst schuld. Das Menschenalter ist jetzt erschreckend tief heruntergegangen. Von einem Menschenalter als einem Jahrhundert kann fast gar keine Rede mehr sein. Vor Jahren hieß es, daß das menschliche Durchschnittsalter sich auf 34 Jahre belaufe. Inzwischen ist es noch weiter heruntergegangen, sodaß es jetzt nur noch 28 Jahre beträgt Und wenn wir so fortleben, wird es noch viel weiter heruntergehen. Redner will deshalb die Hauptfehler unserer heutigen Lebensweise und zugleich die Heilmittel für die aus diesen Fehlern entstandenen Gebrechen beleuchten. Zunächst unsere Kleinen. Ein Hauptfehler bei der Erziehung derselben liegt in den warmen Bädern. Warm macht schlapp und welk. Wenn ein Kind 2 oder 3 Tage alt ist, möge man es, anstatt ihm ein warmes Bad zu geben, in kaltes Wasser tauchen- Es braucht die» ja nicht lang zu dauern. Man 120 - zähle eins, zwei, drei — und damit ist es genug. Das erste und zweite Mal wird es wohl schreien; es schreit aber auch, wenn man es nicht hineintaucht. Wenn man das Kind sechsmal bis siebenmal in kaltes Wasser getaucht hat, wird es nicht mehr schreien- Ich habe vorgestern ein Kind von IV2 Jahren gesehen, welches geistig und körperlich wunderbar Entwickelt ist. Diefes Kind hat keine warme Bäder erhalten, sondern ist stet» in kaltes Wasser getaucht worden. Ich habe zu Hause eine Menge Photographien von Kindern im Alter von 1[2 bis 3/i Jahren, die nach meiner Anweisung behandelt worden sind und die sich ganz prächtig entwickelt haben. Wenn es den Müttern als etwas gar zu unbarmherzig erscheint, ihre Kleinen in das kalte Wasser zu tauchen, so mögen sie an die Zukunft ihres Kindes denken, mögen daran denken, wie dankbar ihnen später das Kind sein wird. Viele Mütter geben ihren Kindern nickt nur warme Bäder, sondern heiße Bäder. Ich habe eine Frau gekannt, die hat ihr Kind in so heißem Waffer gebadet, daß das arme Wesen gestorben ist. Eine andere Frau konnte es nicht über sich bringen, das Kind in kaltes Wasier zu tauchen. Sie legte das Kind deshalb zuerst in warmes Wasser und von da in kaltes Wasier. Natürlich gedieh das Kind nicht und als sie sich darauf bei einer Nachbarin beklagte, gab ihr diese den Rath, das Kind gleich in das kalte Wasier zu tauchen. Jetzt befolgt sie den Rath, und seitdem entwickelt sich das Kind auf das Prächtigste. Ein zweiter Fehler ist die unglückliche Nahrung. Da» Kind hat nicht das Glück, so vernünftig aufgezogen zu werden, als wie man einen Vogel oder manches Hausthier aufzieht. Da bringt mir eine Gräfin vor zwei Jahren vier Kinder, welche im Alter von 15, 13, 11 und 9 Jahren standen- Ich fügte der Gnädigen, daß ich so vier armselige Krüppel wie ihre vier Kinder bis jetzt noch nicht gesehen hätte. Diese Kinder haben ganz gewiß gar nicht» Gescheidtes oder Vernünftiges zur Kost bekommen. Die Frau erwiderte darauf, daß sie nicht glaube, nur irgend etwas unterlassen zu haben, das ganze Jahr sei ein Arzt in» Haus gekommen, desien Rath stets auf das Pünklichste befolgt worden wäre- Die Kinder hätten stets den feinsten Kaffee, den feinsten Wein, das feinste Bier, das feinste Fleisch und die feinste Mehlkost bekommen. Mehr könne man doch nicht thun- Darauf habe ich gesagt: „Das ist lauter Plunder! Wenn Sie 5—6 Wochen hier bleiben, will ich Ihre Kinder cutteren- Dieselben müssen aber von jetzt an essen, wa» ich ihnen vorschreibe. Morgen» geben Sie ihnen eine Kraftsuppe. — „Ja meine Kinder essen keine Krastsuppe." — Dann geben Sie Ihren Kindern gar nichts; wenn sie keine Kraftsuppe essen können, haben dieselben keinen Appetit und brauchen nichts zu essen. Lassen Sie zwei bis drei Mahlzeiten vorüber gehen und die Kinder werden die Kraftsuppe gern essen. Zweitens bekommen Ihre Kinder keinen Tropfen Kaffee, keinen Tropfen Wein, keinen Tropfen Bier. Im Laufe de» Vormittags geben Sie denselben ein Stückchen Kraftbrod und Zuckerwasier. Mittags können Sie den Kindern etwas Suppe, Fleisch und Gemüse geben, aber kein Zuckergebäck. Nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr können sie wieder ein Stückchen Kraftbrod mit einem kleinen Apfel zu sich nehmen und Abends erhalten sie eine wenig gesalzene, wenig gewürzte Kost, sei es Fleisch oder eine einfache Mehlkost. Jede» Kind wird abgehärtet und gekräftigt mit täglich zwei Wasieran- wendungen." Nach sechs Wochen fielen die Mädchen wegen ihres gesunden k»ästigen Aussehens jedem Kurgast in Wörrishofen auf und man hat die Kinder kaum mehr gekannt, fo frisch und heiter waren dieselben. Den Heranwachsenden Kindern darf keine andere Kost gegeben werden, al» eine solche, welche Blut macht. Gebt darum den Kindern keinen Kaffee, keinen Thee, kein Bier, keinen Wein, keine Lebkuchen oder sonstige Conditorwaaren. Das ist alle» Plunder und macht kein Blut- Die schönsten Mädchen im Dorfe sind bei uns diejenigen, welche die ärmsten sind und deren Familien nur Erdäpfel und Brodsuppe haben und das nicht genug. Ich bin auch nicht weit her, sondern nur ein Weberssohn und mit Erdäpfeln und Schwarzbrod aufgezogen worden und war doch ein Mordskerl mit 18 Jahren. Die Heranwachsende Jugend muß sodann mehr in» Wasier gehen. Ich will nichts gegen das Turnen sagen, denn das Turnen gefällt mir fehr gut, aber ich sage, wenn man anstatt des Turnens den Kindern wöchentlich zwei- oder dreimal ein !altes Bad geben würde, würde es im Interesse der Entwickelung der Kinder noch viel besser sein- Jedes kalte Bad kräftigt und stärkt und bildet auch das beste Mittel gegen die Verweichlichung- Wenn die Kinder verweichlicht werden, können te sich nie zu einem gefunden kräftigen Menschen heranbilden. Daher kommt auch die moderne Krankheit, die Nervosität, an der jetzt die ganze Menschheit leidet- Die 2500 Kurgäste, welche diesen Sommer in Wörrishofen sich aufhielten, litten fast alle an der Nervosität. Diese Krankheit kann nur durch Abhärtung aus der Welt entfernt werden. Eine gute or- dentliche Abhärtung des Körpers läßt eine Nervosität nicht aufkommen. Der Keim zu der Nervosität wird bei den Kindern auch dadurch gelegt, daß sie in der Schule überlastet werden mit allerhand Gegenständen, weil die Eltern Angst haben, daß die Kinder nicht früb genug alles lernen- Die Abhärtung des Körpers muß hauptsächlich durch die Kleidung erfolgen. Man darf keine verweichlichende Kleider tragen. Sehen Sie mich an. Ich gehe heute gerade so wie im Juli. Die Kleider sollen einfach sein, nur die Blößen verdecken und schützen vor Kälte und Hitze. Betrachten Sie sich doch einmal unsere Thiere. Der Spatz hat seinen Sommerfrack und seinen Winterfrack, er hat aber keinen Paletot und keinen Pelz und er befindet sich ganz wohl dabei. Die Abhärtung erfolgt ferner durch das Bar fuß geh en- Benutze jeder die Gelegenheit, barfuß zu gehen- Wie viele Leute haben Sommer wie Winter kalte Füße. Wer kalte Füße besitzt, hat zu wenig Blut im Fuße und zu viel Blut im Kopf oder in der Brust. Ein Kopf, in dem aber zu viel Blut sitzt, kann zum Denken nicht gebraucht werden. Und zu viel Blut in der Brust und im Unterleib macht ebenfalls große Beschwerden- Diese Mühseligkeiten verschwinden mit dem Barfußgehen, da sich durch dasselbe da» Blut in die Füße zieht, so daß diese erwärmt werden und die kalten Füße sowohl, wie der heiße Kops in Wegfall kommen. In Wörrishofen läuft alles barfuß- Diesen Sommer befand sich unter den Kurgästen daselbst auch ein Cardinal-Erzbischof. Ich hielt es anfangs nicht für angemessen, diesem hohen Herrn da» Barfußlaufen anzurathen, bis auf Veranlassung des Bischofs dessen Diener mich fragte, warum ich dem Bischof nicht sage, daß er barfuß gehen solle. Derselbe warte nur darauf und schließe au» dem Umstand, da ihm da» Barsußgehen noch nicht angerathen worden sei, daß es mit ihm schlecht gehe. Als ich wieder zu dem Bischof kam, fragte ich ihn, ob er nicht barfuß gehen wolle, worauf dieser mir antwortete, daß er schon lange auf eine diesbezügliche Anweisung von mir gewartet habe. Der Bischof ist hierauf immer barfuß gegangen und es bekam ihm sehr gut- Wer nicht im Freien barfuß laufen will, kann ja Abend» vor dem Schlafengehen */4 Stunde in seinem Zimmer barfuß auf- und abgehen. Wer im Besitze eine» Gärtchen» ist, dem kann nur angerathen werden, früh Morgen» 1/i Stunde barfuß in demselben zu promenieren- Wer nicht barfuß gehen will, der kann sich auch in der Woche drei- bi» viermal Wasser auf die Kniee gießen und dasselbe dann trocknen lassen. Wie viel Krankheiten sind nicht schon durch da» Wasser geheilt worden. So brachte man mir ein Kind im Alter von drei Jahren au» der Schweiz, welches blind war. Das Wasser hat dieses Kind binnen vier Wochen wieder sehend gemacht. (?) Da» Wasser ist da» wahre Universalmittel gegen alle Leiden, für da» wir unserem Schöpfer nicht genug danken können- Nur müssen wir e» vorsichtig und vernünftig anwenden, damit e» nicht durch unvernünftige Anwendung unsere Natur zugrunde richtet- Man darf e» ja nicht stark anwenden, die leiseste einfachste Anwendung verbürgt am sichersten den Erfolg. (Schluß folgt.) Redaetion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.