Nnterchaltungsblatt $um Gietzenev Anzeigev (Geneval-Anzeigev) 18f)3. Donnerstag, den 10. August. Das goldene Kalb. Novelle von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) „Ja 7- Gott sei es geklagt! — Aber es ist vielleicht wirklich nur eine ganz gewöhnliche Geschichte. Weil sie schon mit vierzehn Jahren klüger und anstelliger war, als all' die anderen Mädel im Dorfe, hatte der Herr Pastor unsere Lene als Kindermädchen zu sich in's Haus genommen und als er dann einmal Besuch hatte von seinem Bruder, der ein hoch- gestellter Herr in der Hauptstadt war, ließ er mich kommen und fragte, ob ich nicht meine Zustimmung dazu geben wollte, daß der Bruder sie zu ihrer befferen Ausbildung mit sich in die Hauptstadt nähme. Es wurde uns schwer, sie fortgehen zu laffen — denn damals war auch meine arme Frau noch am Leben, — aber am Ende meinttzp wir doch, daß es zu ihrem Glücke sei und waren ihr darum nicht im Wege. Ein paar Jahre lang ging denn auch Alles wunderschön. Die Lene war zur Krankenpflegerin ausgebildet worden und der Bruder unseres Herrn Pastors hatte ihr einen Platz bei sehr reichen und vornehmen Leuten verschafft, wo sie sehr gut gehalten wurde und außerdem noch eine Menge Geld bekam. Wir Alle waren herzlich zufrieden, bis wir eines Tages einen Brief von der Lene erhielten, daß sie ihre Stellung gekündigt habe, weil sie sich nächstens verloben und heirathen wolle. Ein braver junger Mann habe ihr seine Hand angetragen — er sei freilich blos ein armer Teufel, ein Schreiber bei einem Advocaten, aber am Ende könne sie ja auch etwas verdienen und da sie sich rechtschaffen lieb hätten, würden sie auch mit dem Wenigen auskommen, vas ihnen das Schicksal bescheert habe. Nach ein paar Wochen, wenn er einmal auf zwei oder drei Tage aus seinem Bureau abkommen könnte, würde ihr Bräutigam zu uns kommen, sich unsere elterliche Einwilligung zu holen- Der Brief machte uns wenig Freude; aber wir wußten, daß da mit Vorstellungen und Warnungen nichts mehr auszurichten fein würde, denn die Lene hatte immer ihren Kopf für sich gehabt und war sie sich einmal vorgenommen, das setzte sie auch sicherlich durch. Wir warteten also auf den Bräutigam, dem ich gehörig auf den Zahn fühlen wollte; aber von einer Woche zur anderen warteten wir umsonst. Er kam nicht und als wir bei der Lene anfragten, wie das zuginge, blieb auch sie uns die Antwort schuldig. Statt dessen aber schrieb mir ihre Herrschaft einen Brief, ich möchte doch so schnell als rnög- lich nach der Hauptstadt kommen, denn mit der Lene sei etwas nicht in Ordnung und sie fürchteten, daß ein Unglück geschehen könnte. Da kratzten wir denn Alles zusammen, was wir hatten und setzten uns auf die Eisenbahn, mein armes Weib und ich. — Na, was soll ich Ihnen weiter sagen, mein liebes, gnädiges Fräulein? — Wieder gesehen haben wir unsere Lene freilich, aber nicht, wie wir's erwartet hatten, bei ihrer Herrschaft, sondern in dem schrecklichen Leichenhause, dahin sie die Erhängten und die Ertrunkenen bringen. Da lag sie und —" Seine zitternde Stimme versagte ihm völlig und ein schmerzliches Schluchzen erschütterte seinen gebrechlichen Körper. Editha wartete geduldig, bis er sich einigermaßen gefaßt hatte; dann fragte sie: „Ihr Bräutigam hatte das Verlöbniß gelöst, nicht wahr? — Und aus Kummer darüber war sie in den Tod gegangen?" Der Stellmacher schüttelte wehmüthig den grauen Kopf. „Es war schlimmer als das! — Der erbärmliche Kerl, dem sie ihr ganzes Vertrauen geschenkt hatte, war nichts anderes, als ein gemeiner Betrüger. In einem Brief, den sie für uns zurückgelaffen, theilte uns die Lene mit, wie sie durch einen Zufall erfahren habe, daß ihr Geliebter sich ihr gegenüber einen falschen Namen beigelegt habe und daß er gar kein Advocatenschreiber, sondern ein Student und der einzige Sohn steinreicher Leute sei, die natürlich niemals eingewilligt haben würden, daß er ihnen einen Dienstboten als Tochter zuführe. Aber er selber habe auch an eine solche Möglichkeit niemals gedacht und er habe ihr das mit lachendem Munde rund heraus erklärt, als sie für seine ehrlose Handlungsweise Rechenschaft von ihm gefordert. Da wollte sie denn mit ihrer Schande nicht mehr länger leben und wollte uns lieber den kurzen Schmerz bereiten, sie zu verlieren, als daß wir unser Leben lang genöthigt sein sollten, uns ihrer zu schämen. Das ist die ganze Geschichte, mein liebes, gnädiges Fräulein! Wir gaben unsere letzten Groschen hin, um ihr wenigstens ein anständiges Begräbniß zu verschaffen, und als ich mit meinem armen Weibe heimfuhr, da sah ich's ihr vom Gesicht ab, daß sie's nicht lange überleben würde; denn es war gerade, als ob sie über Nacht um zwanzig Jahre älter geworden wäre. Und es hatte mich nicht betrogen, denn noch bevor ein Vierteljahr um war, legten wir auch sie in die Erde. Wenn nicht die Agnes dagewesen wäre, weiß Gott, ich hätt's ihr am liebsten nach- gethan; denn daß ich nun so allein auf der Welt Herumlaufen sollte, das wollte mir gar nicht in den Sinn." „Und jener Mensch? — Er ist ganz ungestraft geblieben? — Sie haben ihn niemals zur Rechenschaft gezogen?" „Was hätte ich ihm denn thun können, mein liebes Fräulein? — Und außerdem, wo hätte ich ihn finden sollen? — Ich wußte ja nicht einmal seinen richtigen Namen; denn die Lene hatte uns in ihrer Großmuth nicht geschrieben, wie 370 - Gehöft zurück. — Erst eine halbe Stunde später trat der junge Arzt wieder in den Thorweg des Wtrthshauses ein. Von oben herab tönten ihm die Klänge eines arg verstimmten Clavier« und das durch eine Anzahl tanzender Paare verursachte scharrende Geräusch entgegen. Nur mit einem gewissen Widerstreben schien Doctor Armu« sich zu entschließen, die Treppe empor zu steigen und als er oben angelangt war, blieb er in der offenen Thür des Saales stehen, ohne daß sein Kommen von der anscheinend auf dem Gipfel allgemeiner Fröhlichkeit an» gelangten Gesellschaft bemerkt oder beachtet worden wäre- Man tanzte eben einen Walzer und Alles, was noch über gelenkige Glieder verfügte, drehte sich nach den versührerischen Klängen. Auf den ersten Blick hatte Doctor Asmus Editha» herrliche, schlanke Gestalt in dem Gewühl herausgefunden, um zu sehen, daß es Hugo Neukamp war, an deffen Brust sie legen." , Sie werden die Freundlichkeit haben, mich zu entschul» digen, Fräulein von Haffelrode," sagte Doctor Asmus hastig, noch ehe Editha Zeit gefunden hatte, zu antworten. „Es gibt, wie ich gehört habe, noch ein paar kranke Kinder hier im Dorfe Begleiterin zu verabschieden — ein Vorhaben, deffen Ausführung bei seiner Redseligkeit eine ziemlich lange Zeit in Anspruch sprechen?" Das war derselbe einschmeichelnde Ton, derselbe bezaubernde Aufschlag der schönen Augen, welche den Doctor noch vor wenig Minuten berauscht hatten — und Hugo Neukamps rasche, fast leidenschaftliche Antwort verrieth, daß sie auch diesmal nicht geringere Wirkung thaten. „Ob ich Muth genug dazu habe?" rief er. „Fordern Sie Alles, was ich besitze — fordern Sie ein Stück von mesi nem Leben — und ich will ein Schuft sein, wenn ich mich auch nur einen Augenblick bedenke, e» Ihnen zu Füßen zu men, wenn ich unaufgesordert nach den kleinen Geschöpfen sehe. Er grüßte sie und wandte sich, ohne Hugo Neukamp einer Blickes zu würdigen, rasch nach einem hinter ihnen liegenden ich heute gefehlt." „O, Fräulein Editha —" rief er mit hervorbrechender Wärme; aber er wurde gehindert, völlig auszusprechen, was ihm auf den Lippen geschwebt hatte; denn eben kam der alte Stellmacher wieder aus seiner Werkstatt, um sich mit vielen Dankerworten von dem Doctor und seiner vornehmen jungen er hieß. Mein Junge hat freilich später, als er ein paar i Monate lang in der Hauptstadt arbeitete, Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um ihn herauszukriegen, aber er hat nichts erfahren können, und es war gut so; denn der Paul ist ein Hitzkopf und es hätte gewiß nur ein neues Unglück gegeben, wenn er an den Betrüger gerathen wäre. Mag ihn der da oben bestrafen für das, was er an meinem armen Kinde ge- than. Ich meine immer, sein Gewiflen könnte ihm ohnedies schon hier auf Erden keine ruhige Stunde mehr lassen." Editha machte ihm ein Zeichen, zu schweigen; denn in diesem Augenblick öffnete sich die Thür des Krankenzimmers und Doctor Asmus winkte die junge Dame heran. „Sprechen Sie ein paar freundliche Worte zu ihr, mahnte er leise, „aber machen Sie es kurz; denn es geht ihr noch gar nicht so gut, als ich'» wohl wünschen möchte." In einer Kammer, die wenigstens hell und lustig war, wenn auch die Einrichtung an Armuth und Dürftigkeit kaum noch übertroffen werden konnte, lag das kranke Mädchen mrt verbundenem Kopfe auf dem niedrigen Bette. Von ihrem Gesicht ließen die weißen Tücher des Verbandes nur wenig sehen, aber die braunen Augen, die sanft und geduldig darunter hervorblickten, gaben ihr das rührende Aeußere einer demüthig in ihr schweres Schicksal ergebenen Dulderin. Editha von Haffelrode würde davon sicherlich noch mehr ergriffen worden j sein, wenn ihr nicht der abscheuliche Jodoform-Geruch, der die Kammer erfüllte, gar so empfindlich auf die verwöhnten Nerven gefallen wäre. So aber hätte es der Mahnung des Doctors kaum bedurft, um sie zu thunlichster Abkürzung ihres Samariterbesuches zu bestimmen. Sie trat an das Lager heran, reichte der Kranken die Hand und richtete einige freundliche Worte an sie, die freilich aus ihrem Munde von wahrhaft bezauberndem, herzgewinnendem Klange waren. Mit schwacher Stimme gab die Verwundete Antwort, und als Editha schließlich sagte: „Ich hoffe, daß Sie sich keine Sorgen wegen Ihres Zustandes machen, meine Liebe — Sie sind ja in den besten Händen und Doctor Asmus wird Ihnen sicherlich wieder zu voller Gesundheit verhelfen —", da leuchtete es in den braunen Augen der armen Märtyrerin fast glücklich auf und ein Lächeln kindlich hingebenden Vertrauens umspielte ihre farblosen Lippen. Editha fühlte, daß der junge Arzt für dies unglückliche, einsame Wesen etwas wie ein rettender Engel, wie ein überirdischer Helfer war, und trotz des Jodoform-Geruchs, der ihr mit jedem Augenblick unerträglicher schien, fühlte sie sich für einen Moment von jener tiefen Bewegung ergriffen, die nie ohne eine gewisse erhebende und veredelnde Wirkung ist. Als sie sich noch einmal über die Kranke herabbeugte, um Abschied von ihr zu nehmen, ließ sie sacht einige Goldstücke in ihre unverletzte linke Hand gleiten und sagte leise: „Eine kleine Belohnung sür Ihre muthige That, mein Kindl — Sorgen Sie dasür, daß sie nur zu Ihrer Pflege verwendet werde- Dann ging sie hastig hinaus, als wolle sie sich allen Danksagungen entziehen und eine Minute später folgte ihr . u>« "«W übel nell Doctor Asmus nach Es war ungewiß ob! er den kleinen | «nb NeJ«™ Vorgang bemerkt hatte, denn er erwähnte desselben mit keinem Wort; aber alle frühere Unfreundlichkeit war aus seinem Gesicht verschwunden und seine Stimme hatte einen weichen, fast zärtlichen Klang, als er sagte: „Sie haben einen so großen Theil Ihres Vergnügens diesen armen Leuten zum Opfer gebracht, Fräulein Editha, daß ich mir fast Vorwürfe mache, dabei mitgewirkt zu haben." . u . Sie schüttelte den Kopf und sah zu chm auf mit einem Lächeln und mit einem Blick, die ihm alles Blut heiß zum Herzen strömen ließen. „ ,, , _ „Bedauern Sie es nicht, Doctor Asmus I" erwiderte sie leise. „Ich würde mich freuen, wenn ich dadurch in Ihren Augen zu einem kleinen Theil wieder gut gemacht hätte, was nahm. Als sie Beide endlich auf die Dorfstraße hinaustraten, schien die Stimmung jenes glücklichen Augenblicks schon wieder verflogen; denn Editha sprach in ziemlich leichtem Tone von recht gleichgiltigen Dingen, während Doctor Asmus still und nachdenklich vor sich hinschaute. Sie waren noch nicht hundert Schritte weit gegangen, als plötzlich wie aus der Erde gewachsen Hugo Reukamps mächtige Gestalt vor ihnen stand. Er mußte sie, hinter einem der dicken Lindenbäume verborgen, erwartet haben, da sie ja bis zu diesem Moment nichts von seiner Nähe wahrgenommen hatten. Unwillig zog Doctor Asmus die Brauen zusammen und warf einen erwartungsvollen Blick auf Editha, als hoffe er, daß sie den lästigen Gesellschafter, mit dem sie ja vorhin so wenig Umstände gemacht, durch ein unzweideutig entmuthigen- des Wort verscheuchen werde. Aber die junge Dame lächelte statt deffen dem Fabrikbesitzer fteundlich zu und sagte in einem neckenden Tone, der viel eher schelmisch herausfordernd als kühl abweisend klang: „Suchen Sie die Einsamkeit, Herr Neukamp — oder war es etwa gar Ihre Absicht, hier ganz insgeheim auf Abenteuer auszugehen?" In dem stark gerötheten Antlitz des Gefragten zitterte unverkennbar eine nur mühsam unterdrückte Erregung. Er gab sich gar keine Mühe, auf den von ihr vorgeschlagenen launigen Gesprächston einzugehen, sondern sagte sehr ernsthaft: „Keines von beiden, Fräulein Editha I - Ich suchte nur Sie; denn ich war nahe daran, zu fürchten, daß Sie Haus für Haus allen Kranken und Elenden dieses armseligen Neste» Ihren Besuch abzustatten wünschten." „O nein," gab sie lachend zurück. „Ich habe an den j Bekanntschaften, die ich bei der ersten Visite gemacht habe, für heute vollauf genug. Uebrigens freue ich mich sehr, Ihnen hier zu begegnen; denn ich habe eine Bitte an Sie, eine Bitte, die Sie mir in blanco gewähren müssen, noch ehe Sie ihren Inhalt kennen. Haben Sie Muth genug, mir da» zu ver- schmieg die hei wieder stärker Platze wegung keit zu E daß er zu dem Lächeln seines E vorübei müssen, Umgeb: die ml Anspru dem ei Asmus hinweg wäre, i sich ger inniger D heißen, keit der Treppe halblau Monika höher k „( fragte umgesel unserer gar da J mühen, Lächeln um En Kranke war, n mir 6ö| nutzen Urlaub „S es war von Ti es thut in Ans sehr w e- Asmus heutige! fast et« einen A solle. Dauer; Thür < derselbe reich se als mö daß ebl und sie dessen l ihm zm Druck gnügen O Doctor geduld knecht, Lr A7i -- schmiegte. Eine zugleich zornige und schmerzliche Empfindung, die heiß in ihm emporstieg, wollte ihn bestimmen, sich sogleich »ieder abzuwenden; aber eine geheimnißvolle Gewalt, welche stärker war, als jenes bittere Gefühl, hielt ihn an seinem Platze fest und nöthigte ihn, zu seiner eigenen Qual allen Bewegungen des tanzenden Paares mit gespanntester Aufmerksamkeit zu folgen. Er sah, daß Neukamp beständig leise auf Editha einsprach, daß er sein Haupt dabei in einer auffallend vertraulichen Weise zu dem ihrigen herabneigte und daß sie ihm mit einem süßen Lächeln zuhörte, welches wahrlich nicht auf eine Mißbilligung seines Benehmens schließen taffen konnte. Ein paar Mal streiften sie so nahe an der offenen Thür vorüber, daß Editha den Doctor nothwendig hätte wahrnehmen müssen, wenn sie nur ein klein wenig Aufmerksamkeit für ihre Umgebung gehabt hätte. Aber sie war entweder völlig durch die mit heißem Athem geflüsterten Worte ihres Tänzers in Anspruch genommen, oder sie wollte es geflissentlich vermeiden, dem ernst beobachtenden, vorwurfsvollen Blick des Doctor Asmus zu begegnen. Beharrlich glitten ihre Augen über ihn hinweg, wie wenn da, wo er stand, nur leere Luft gewesen wäre, und einmal schien es dem Arzte sogar, als schmiege sie sich gerade in dem Moment, da sie an ihm vorüberkamen, noch inniger und zärtlicher in ihres Tänzers Arm. Da endlich riß er sich gewaltsam los und wandte dem heißen, stauberfüllten Saal mit all' seiner lärmenden Fröhlichkeit den Rücken. Schon hatte er ein paar Schritte nach der Treppe hin gethan, als er hinter sich von einer sanften Stimme halblaut seinen Namen rufen hörte und, sich umwendend, in Monikas hübsche», von der leichten Erregung des Tanzes etwas höher gefärbtes Antlitz sah. „Sie wollen doch nicht schon wieder fort, Herr Doctor?" fragte sie. „Ich habe mich schon so oft vergebens nach Ihnen umgesehen. Macht es Ihnen denn gar kein Vergnügen, an unserer Unterhaltung theilzunehmen? Oder haben Sie etwa gar das Tanzen verschworen?" „O nein, Fräulein Monika," erwiderte er mit dem Bemühen, seine tiefe Verstimmung hinter einem freundlichen Lächeln zu verbergen. „Für heute aber muß ich allerdings um Entschuldigung bitten; denn ich habe in W. noch einige Kranke zu besuchen. In dem Schlitten Ihres Herrn Vaters war, wie ich gesehen habe, noch ein Platz frei. Werden Sie mir böse, wenn ich Sie bitte, diesen auf der Rückfahrt zu benutzen und mir im Interesse meiner Patienten großmüthig Urlaub zu geben?" „Wie könnte ich Ihnen darum böse sein!" sagte sie und es war wirklich nicht Verdruß, sondern nur ein leiser Schatten von Traurigkeit, der sich dabei über ihr Antlitz legte. „Aber es thut mir leid, daß Ihre ärztlichen Pflichten Sie so ganz in Anspruch nehmen. Die kleine Erholung hätte Ihnen gewiß sehr wohl gethan." Es war so viel warme Theilnahme in ihren Worten und Asmus fühlte so deutlich, wie wenig er dieselbe durch sein heutiges Benehmen im Grunde um sie verdient habe, daß ihn fast etwas wie Beschämung über seine Nothlüge befiel und er einen Augenblick ernstlich schwankte, ob er nicht dennoch bleiben solle. Aber seine Unentschlossenheit war nur von kurzer Dauer; denn in diesem Moment glaubte er in der Näke der Thür Hugo Neukamps Stimme zu vernehmen und der Klang derselben dünkte ihm so widerwärtig, daß er sich seinem Bereich selbst auf die Gefahr hin, unartig zu erscheinen, so rasch als möglich zu entziehen strebte. Es war ihm sehr willkommen, daß eben jetzt der dürre Assessor Valentini auf Monika zutrat und sie zum Tanze aufforderte. Mit einem bittenden Blick, dessen Bedeutung er eigentlich nicht recht verstand, reichte sie ihm zum Abschied die Hand und er fühlte deutlich einen leisen Druck ihrer warmen, schlanken Finger, als er ihr viel Vergnügen und eine fröhliche Heimfahrt wünschte. Ohne noch einen Blick in den Saal zurückzuwerfen, eilte Doctor Asmus dann die Stiege hinab. Eine qualvolle Ungeduld peinigte den sonst so ruhigen Mann, als der Hausknecht, dem er den Befehl ertheilt hatte, seinen Braunen wieder einzuspannen, dieser Weisung verschiedener anderer Verrichtungen wegen nicht sogleich nachkommen konnte, und er gab sehr zerstreute und einsilbige Antworten, al» der Prediger de» Dorfes, der unten im Herrenstübchen einen Nachmittagsschoppen getrunken hatte, sich zu ihm gesellte, um ein wenig mit ihm zu plaudern. Sie standen auf den in den Hof hinabführenden Stufen vor der hinteren Thür des Hauses, und verschiedene Versuche des Doctors, loszukommen, waren bei der Hartnäckigkeit des etwas redseligen geistlichen Herrn ohne jeden Erfolg. Da plötzlich vernahm der junge Arzt in seiner unmittelbaren Nähe eine Stimme, deren Klang er unter tausend anderen erkannt haben würde, weil es nach seiner Ueberzeugung keinen süßeren und bestrickenderen Wohllaut gab, als diesen. Editha von Hasselrode mußte sich nur um wenige Schritte von ihm entfernt befinden; aber sie hatte von dieser Thatsache, wie davon, daß sie überhaupt belauscht werden könne, sicherlich keine Ahnung, da sie sonst schwerlich so laut und ungenirt ein Gespräch von unverkennbar vertraulichem Character geführt haben würde. „Du bist ein Närrchen!" sagte sie mit übermüthig klingendem Lachen. „Warum in aller Welt sollte ich denn nicht glücklich mit ihm werden? — Er ist ein hübscher, galanter Mann und er kann mir vermöge seines Reichthum« und seiner gesellschaftlichen Stellung ein Dasein bereiten, wie ich es mir wünsche. Darf ein Mädchen heutzutage denn noch größere Ansprüche stellen als diese?" Den Wortlaut der Erwiderung, welche ihr zu Theil wurde, konnte Doctor Asmus nicht verstehen- Er vernahm nur, daß es Monikas sanfte Stimme war, welche da sprach, und vielleicht der gedämpftere Klang derselben, vielleicht aber auch das Sausen des Blutes in seinen Ohren machte es ihm unmöglich, den Sinn ihrer Rede zu erfassen. Noch einmal machte er einen verzweifelten Versuch, dem mittheilsamen Seelsorger zu entrinnen und damit den Lauscherposten zu verlassen, auf dem ihm eine so vernichtende Enthüllung zu Theil geworden war; aber der Prediger, der gerade noch etwas sehr Wichtiges und Tiefsinniges zu sagen hatte, faßte ihn am Rockärmel und nöthigte den Doctor, der nicht mehr die geringste Aufmerksamkeit für ihn hatte, wider seinen Willen Stand zu halten. Wie ein Gluthstrom schoß es dem Gepeinigten nach Kopf und Herzen, als er wieder Edithas fröhliche, von einem Ausdruck triumphirender Freude belebte Stimme sagen hörte: „Gewiß werde ich ihn lieb haben, wenn auch meine Auffassung von dem Wesen der Liebe vielleicht ein etwa» weniger schwärmerische und überschwängliche ist, als die Deinige. In der Ehe ist die Gewöhnung doch wohl die Hauptsache und ich sehe nicht ein, warum ich mich nicht sollte an ihn gewöhnen können. Uebrigenr leugne ich gar nicht, daß mir selber seine Erklärung vorhin etwas überraschend gekommen ist. Ich hatte ihn ein wenig eifersüchtig machen wollen dadurch, daß ich mit dem Doctor Asmus, auf den er einen nicht geringen Haß zu haben scheint, jenen schauderhaften Krankenbesuch machte —" „Hochwürden werden mich entschuldigen; aber mein Pferd ist eingespannt und ich darf in Wahrheit keine Mnute mehr verlieren." In hastigen, abgebrochenen Worten, deren sonderbarer Klang den Geistlichen erstaunt aufblicken ließ, hatte Doctor Asmus auf solche Art den Redestrom des wackeren Herrn gerade an seiner schönsten Stelle unterbrochen und war dann in den Hof hinab geeilt, wie wenn ein Verfolger hinter ihm wäre. Wenige Minuten später sauste der kleine Schlitten wieder auf der Landstraße nach W. dahin, und der behäbige Braune schien wiederholt durch unwilliges Kopfschütteln seiner Entrüstung über die ganz ungewohnte Art, in welcher sein Herr ihn heute zu raschem Laufe anfeuerte, einen lebhaften Ausdruck zu geben. (Fortsetzung folgt.) 372 Gemeinnütziges ruhigen. wie ge- Cantor es mir Die Aufbewahrung der Butter muß in reiner Luft und fern von anderen stark riechenden Speisen geschehen. Butter und Milch nehmen, wie kein attderer Stoff, die riechenden Bestandtheile ihrer Umgebung in sich auf und verderben in kurzer Zeit. Deshalb können durch dieselben auch erfahrungsgemäß ansteckende Krankheiten, wie Typhus, Scharlach, Blattern rc. verbreitet werden. 1 Kilogramm ausgelassenes Schweineschmalz und rührt, nachdem man mit dem Erwärmen aufgehört hat, den Inhalt der Pfanne bis zum völligen Erkalten. Speisen, mit diesem an- genehm schmeckenden Kochfett bereitet, werden sehr schmackhaft. Einfall gewesen? Was denkst Du gerade, Joseph? Freude hats mir gemacht, Barbara," erwiderte der weihevoll, „viel Freude, aber — vierstimmig wäre lieber gewesen." ven Augen Uno nej wenn am Sonntag schlechtes Wetter ist und sie mit ihrem Bräutigam nicht spazieren gehen kann, dann hängt sie sich auf . . . und nun will sie sich nicht aufhängen . . . und das Wetter ist doch schlecht ... Du hast es ja selbst gesagt . . . Es kostete mich Mühe, den kleinen Wahrheitsfanatiker zu be- Redaction: A. Scheyda. - Druckend Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen. Ein liebevoller Schwiegersohn. „Nun, fällt Ihnen Ihr neuer Schwiegersohn? Sie haben ihn I- letzthin besucht!" - A ich sage Ihnen, das ist ein zu liebens- würdiger Mensch; als ich abfahren wollte und den letzten Zug versäumte, da hat er mir sogar einen Extrazug bestellt! gutes Kochfett. An Stelle der Kuhbutter kann man zu den gewöhnlichen Speisen und zu Backwerk folgendes Kochsett nehmen. Man legt in eine irdene Pfanne 1 Kilo- gramm in kleine Würfel geschnittenes Rindsnierenfett und übergießt dasselbe mit Va Liter Milch. Man läßt dann so lange den Psanneninhalt kochen, bis das Fett klar von einem Löffel herunter fließt. Nunmehr giebt man zur Flüssigkeit Das wahre Gold nach idealistischer Auffassung. Einst widmete der Gesangverein einer Gemeinde seinem alten Dirigenten zu irgend einem Jubiläum als sinniges Festgeschenk die Melodie: „Goldne Abendsonne^. Das eigen- artige dieser Widmung lag darin, daß die Notenköpfe nicht mit Tinte gemalt waren, sondern aus wirklichen ächten Gold- stücken bestanden: man hatte einen starken Carton mit dem Rastral sauber liniirt und zwischen dieses System die Goldstücke bald höher, bald tiefer befestigt bis zum „fine“. Dieses originellen Einfalls entsann sich die Gemeinde M, als es galt, ihrem Capellmeister eine Jubelgabe zu überreichen; man be- schloß, die Idee nachzuahmen. Die nöthigen Geldmittel wurden theils durch milde Gaben, theils aus dem Erlös des alten Gemeindefarrens rasch zusammen gebracht und der hohe Gedanke aufs Schönste verwirklicht. Nun war der Lärm der Festes verrauscht. Während die Thurmuhr ihr eintöniges Zwölf schlug, saß der Jubilar, von linder Nachtluft umsäuselt, am offenen Fenster. Der Mond strahlte in vollem Glanze hernieder und beschien den Carton mit dem goldenen Ducaten- bild. Der Cantor hatte es in der Hand und betrachtete es sinnend. „Was denkst Du, Joseph?" flüsterte ihm eine Frau Einfache Methode zum Aufbewahren von Schinken. Die beste und einfachste Methode zur Aufbewahrung von Schinken in einem eben angemessenen Raume, gleichviel ob der letztere kühl und luftig ist, tst wohl folgende: Man bestreiche die Fleischseite mit einer Lehmlösung. Den Lehm macht man zu diesem Zwecke mit Wasser zu einem ziemlich flotten Brei und streicht denselben mit der Hand auf. Man sehe je- doch zu, daß die Leimkruste dicht ist, was sich am besten nach einigen Tagen constatiren läßt. Besonders an dem Knochen streiche mau den Lehm dick auf. So behandelter Schinken bleibt sehr lange, ja mehrere Jahre gut und ist beim Genießen außergewöhnlich saftig. Die Lehmkruste läßt sich später sehr gut entfernen- Der Schinken darf aber erst bestrichen werden, wenn er trocken ist. Auch zur Confervirung von , «-'-7 ; firtn:aer Speck wird der Lehmanstrich sehr empfohlen. Es ist absolut zu, „war es Nicht herrlich heute? Und ists nicht ein sinn ger unmöglich, daß Jnsecten durch die Lehmkruste dringen können, > Was denkst Du gerade, Joseph? „ wenn dieselbe dicht gemacht wird. mit ebbaren Blumen und Krüch- , genehm schmeckenden Kochsett bereitet, werden feyr ;cymacrya;r. ten. Ein Gärtner in Niederbayern bringt eine neue Kürbis- Hausfrauen machen wir gernaiff dieses Kochfett aufmerksam, sorte in den Handel, welche dichte Büsche ohne Ränken mit namentlich aber zu Zeiten, wo die Kuhbutter hoch im Preise steht, tiefgelappten, rauhen Blättern bildet; diese Coerzella-Kürbis- I ------------- Gattung besitzt lange Früchte, welche blaßgelb aussehen und bereits vier Wochen nach der Aussaat erscheinen. Die sehr *tAM**U<4**»a, zarten, 25—30 Centimeter langen Früchte werden in Scheiben geschnitten und in Butter, Olivenöl oder Fett gebraten- Sie ------ sind sehr fein, leicht verdaulich und bekommen gut. Die männ- Kindermund. Am jüngsten Sonntag - so schreibt lichen Blüthen und Knospen in Mehl und> ® .geh’Wjmb eine Abonnentin - weckte mich mein fünfjähriges Söhnchen dann m Butter gebacken, sind für Feinschmecker bestens anzu ^nrad schon um sechs Uhr Morgens mit der mir ganz empfehlen. Der Anbau dieser nützlichen Kurbrssorte durste in Ehselhaften Frage, was für Wetter wir hätten, und quälte der Nähe großer Städte rentiren. Da die Pflanze wenig um- Aety T ö ^°b und nachsah. Meine Mit- fangreich ist, so ist sie die einzige, welche auch im kleinsten J ’ A ber Himmel bewölkt fei, schien ihn nachdenklich Gemüsegarten Platz finden kann. zu machen. „Ist das gutes oder schlechtes Wetter?" forschte • , „ . er nach einer Weile. „Schlechtes", antwortete ich. Das schien Hollunderbeerwein. Die Früchte des Hollunder- ihn außerordentlich heiter zu stimmen, er sprang aus dem beerstrauches haben heutzutage noch nicht die Würdigung ge- sgette unb (ief in8 Nebenzimmer. Nach einigen Minuten hörte funden, welche sie verdienen. Nur in England werden sie schon i($ öon bor^er einen äußerst lebhaften Wortwechsel zwischen seit längerer Zeit zur Bereitung eines guten Weines benutzt, unterer Anna, die aufräumte, und dem kleinen Conrad, der während man in Norddeutschland aus den Beeren einen Saft febt aufgeregt zu sein schien. Da er sonst mit dem Dienstmacht, der sich Jahre lang hält und mit anderen Fruchtsäften Mädchen in Freundschaft lebt und den Ehrgeiz besitzt, sehr zu Obstsuppen verwandt wird. Das Recept hierzu ist folgen- m«» Qe0Cn sie zu sein, so fiel mir der Zank auf, um so des: Gleiche Maßmengen Beeren und Wasser werden Vs Stunde mebr Q[6 ich hörte, daß Conrad dem Mädchen ein über das gekocht, dann gießt man das Ganze in ein Haarsieb, indem anbere Mal „Sie Lügnerin!" zurief. Ich ließ ihn sofort man mit der Hand die markigen Theile der Beeren sanft I unb stellte ihn zur Rede, worauf er mir mit blitzen- durchpreßt und die Rückstände entfernt. Der durchgeseihte ben Augen und tief entrüstet erzählte: „Die Anna hat gesagt, Saft wird mit Zucker versetzt im Berhältniß von 3/i Pfund ' - - — , n zu 1 Liter und 20 Minuten gekocht. Sobald er kühl geworden, wird er in ein Faß gefüllt, um zu vergähren. Nach Beendigung dieses Vorganges wird das Faß gut verschlossen und nach acht Wochen der Wein in Flaschen gefüllt.