Dienstag, den 10. Januar. Nr. 4 1893 Nntevhaltungsblatt 311111 Gietzenev Anzeigev (Geneval-Anzeigev) .... . 4.^». — ■ -- - - ' j^;:-.«fe*ffiüaatefaÄ^M Dämon Gold. Original - Roman von W. Höffer. (Fortsetzung). Hans Adam hielt noch immer das unruhige Pferd. „Gestatten Sie mir wenigstens, Ihnen einen Kutscher oder Reitknecht mttzugeben, gnädige Frau. Das Thier ist geängstigt, scheu, Sie laufen die größte Gefahr, daß es den Wagen umwirft oder schleift!" Anna lächelte. „Ich fahre nicht zum ersten Male, Herr Baron!" „Aber die Umstände waren günstiger, gnädige Frau. Ich bin überzeugt, alle Herren sind meiner Ansicht." Die junge Frau musterte mit schnellem Rundblick die Gruppe in der Vorhalle; dann, als habe sie das Gesuchte nicht gefunden, preßte sie die Lippen noch fester zusammen und zog die Zügel an. „Ich bitte, Herr Baron!" Hans Adam trat zurück. Es war unmöglich, noch länger zu widersprechen, er mußte die eigensinnige Frau jetzt ihrem bösen Geschick auf Gnade oder Ungnade überlasten. „Vorsichtig! Vorsichtig!" rief er in das Gebrause des Sturmes hinaus. Es blitzte wieder. Das Pferd fprang mit beiden Vorderbeinen zugleich in die Luft und raste dann wie die Windesbraut den Berg hinab- Nacht und Dunkelheit verschlang Alles. In diesem Augenblick trat der Gutsherr von Dornau in die Vorhalle hinaus, während von den Hintergebäuden her ein Wagen langsam vorfuhr. „Gute Nacht, Hans!" rief Erich. „Ist das ein Wetter!" Baron Moldt trat ihm plötzlich näher. „Bester Wolfram, laß Deine Pferde tüchtig ausgreifen, ich bitte Dich! Da unten geschieht ein Unglück — Frau Bürklin fährt selbst — das Thier scheut bei jedem Blitz!" „Und ich soll den Ritter spielen? — Meinetwegen, ihr Weg zur Stadt führt ja an dem Dornauer Hof vorüber!" „Du Barbar! Als handelte es sich nicht um eine fürstliche Schönheit, sondern um das alte Botenweib mit Hexenaugen und eisgrauen Haarsträhnen!" Erich sprang in den Wagen und schlug die Thür desselben hinter sich zu. „Sei versichert, Hans, daß ich fürstliche Schönheiten und eisgraue Botenweiber mit gleicher Gewiffen- haftigkeit aus dem Graben ziehe. Und nun gute Nacht! Vorwärts, Peter!" Auch dies Gefährt rollte in die Nacht hinaus und auch ihm sah der Baron eine Zeit lang nach, aber mit ganz anderen Empfindungen als vorhin. Wie glücklich war Erich! Wir lieben es ja so sehr, den Anderen zu beneiden, nur — weil er der Andere ist, ohne Reflexion oder Nachdenken. Die Husaren spielten immer noch und die Jüngeren unter den Gästen tanzten trotz aller Donnerschläge; zarte Fäden zogen sich herüber und hinüber. Erich streifte im Wagen die Hand- schuhe von den Fingern und schloß den Ueberzieher fest zusammen, dann öffnete er das handgroße Fenster im Vordertheil der Kutsche und rief den Knecht beim Namen. „Peter!" „Ja, Herr!" „Siehst Du vor uns ein Gefährt?" Der Kutscher drückte den Hut fester in die Stirn, er bückte sich, um bei dem Heulen des Sturmes überhaupt verstanden zu werden. „So oft ein Blitz kommt, sehe ich das Ding, Herr! Er ist Klaus Korns Miethskutsche aus der Stadt, aber er selbst, der Herr, meine ich, sitzt nicht auf dem Bock. Es ist vielleicht sein Junge oder sonst ein Bursche, der von der Sache nicht das Geringste versteht." Wolframs Gesicht wurde ernster. „Hast Du Befürchtungen, Peter?" , t „Ich verwette meine Nase gegen einen Schnaps, daß der da vorn nicht glücklich um die Dornauer Ecke herumkommt." „Nun, dann laß nur die Pferde tüchtig ausgreisen, mein Junge. Auf dem Bock des Wagens sitzt eine Dame." Ein langer Pfiff des Kutschers zeigte das Erstaunen, welches er empfand. „So ist die Geschichte? Na, dann begreife ich Alles. Die Dame hat die Gewalt über den Gaul vollständig verloren." „Heiliger Gott!" rief er eine Secunde später, „wie der Wagen herumgeworfen wird! Nun kommt gleich der Graben und dann die scharfe Ecke! — Da! — da! — So, jetzt ist es geschehen!" , , Die Blitze warfen ihr zuckendes Licht über den Weg und die Hecken zu beiden Seiten desselben; auch Wolfram sah jetzt, daß die rasende Fahrt des vorderen Wagens plötzlich aufgehört hatte. Ein dunkler, unkenntlicher Punkt lag an. der scharfen Biegung und nichts in demselben deutete auf noch vorhandenes ßcbciL „Wir halten an, Peter." „Natürlich, Herr." Am Wagen brannten keine Laternen, der Sturm würde sie ja doch in der nächsten Minute ausgelöscht haben, und so mußte denn der Kutscher, als er das Gespann anhielt, lediglich auf seine Ortrkenntniß vertrauen. Zehn Schritt vor dem ge- - - 14 - „Wer ist hier?' „Beruhigen Sie sich vollständig, gnädige Frau. Ich bin es, Erich Wolfram." Er hatte secundenlang daran gedacht, seinen Arm zur rechten Zett zurückzuziehen, aber die Sache wäre lächerlich ge- wesen und so fügte er dann in gelassenstem Tone hinzu: „Hoffentlich haben Sie keinen ernsteren Schaden erlitten." Sie blieb immer noch die Antwort schuldig. Durch feine Stimme aus den letzten Nebeln der Ohnmacht jählings erweckt, rang sie nach Fassung. Es war Erich, an dessen Brust ihr Kopf gebettet lag, dessen Arm sie umfaßt hielt — Erich! Ein Traum das Ganze, eine Fieberphantasie. Es konnte ja nimmer Wirklichkeit, nimmer anders als ein Wahn sein. v , Und sie schwieg pochenden Herzens. Vielleicht verscheuchte der erste Laut das beglückende Truggebilde. „Mein Kutscher sah Gottlob zur rechten Zeit, was g> schehen war," fuhr Wolfram fort. „Er und ich suchten, bis wir so glücklich waren, Sie zu finden, gnädige Frau. Fühlen Sie sich jetzt leidlich wohl?" Es rann kalt durch alle ihre Adern. Sein Kutscher! Und einen Augenblick hatte sie geglaubt, er fei ihr von Moldt aus absichtlich gefolgt. Eine schnelle Bewegung, gewaltsam erkämpft, brachte sie aus dem Bereich seines Armes. „Ich danke Ihnen, Herr Wolfram. Es geht schon besser." Aber die Stimme klang matt wie ein Hauch, der Kopf der jungen Frau sank haltlos auf die Brust herab; sie hatte nur die nöthigsten Worte gesprochen, dann schienen ihre Kräfte völlig erschöpft. f „Du ist Dornau!" sagte aufathmend der Gutsbesitzer. „Jetzt wird Ihnen bessere Hilfe zu Theil werden, gnädige Frau!" Sie richtete sich auf wie electrisirt. „Nicht nach Dornau!" bebte es über ihre Lippen. „Bitte — ich möchte so schnell als möglich nach Hause kommen-" Erich hörte kaum, was sie sprach. Aus den Fenstern seines Großvaters schimmerte ihm noch in dieser Stunde ein Licht entgegen — was bedeutete das? Jetzt hielt die Equipage und Peter knallte tüchtig mit der Peitsche, um die Dienerschaft zu wecken. Erich sprang rasch zu Boden, dann klopfte er laut an die Hausthür, welche indessen in demselben Augenblick schon von innen geöffnet wurde. Auf der Schwelle stand der alte Herr Wolfram, dessen Gesicht in der hellen Beleuchtung einer Lampe noch bleicher und verfallener aussah, als sonst wohl. „Guten Abend, mein alter Junge," sagte er in freundlichem Tone. „Komm' herein, wir plaudern noch ein wenig zusammen " Der Gutsbesitzer nickte hastig. „Später", antwortete er. „Später. Großvater, für den Augenblick habe ich keine Zeit. Frau Steffen muß sogleich geweckt werden, denn ich bringe eine Dame in das Haus. Es geschah mit einer Equipage unterwegs ein Unglück — das Alles erzähle ich Dir nachher." Und dann eilte er zu dem Wagen, um die junge Frau herauszuheken und in das Haus zu tragen. Sie wehrte ihm, aber er ließ sich nicht beirren, sondern legte sie auf das Sopha des nächsten schnell geöffneten Zimmers und brachte ihr vom Buffet ein Glas Wein, das zu trinken er sie beinahe zwang. Ihr geisterhaft blasses Gesicht hatte ihn zu sehr erschreckt- Auch der alte Herr war näher getreten. „Frau Bürklin! rief er im Tone des lebhaftesten Erstaunens. „Mein Gott, Frau Bürklin!" , L „Da kommt die Haushälterin!" fchnitt ihm Erich das Wort in ziemlich summarischer Weise ab- „Frau Steffen, Sie nehmen sich wohl dieser Dame ein wenig an, nicht wahr? Die gnädige Frau hat einen Unfall erlitten." Die Haushälterin schlug ihre Hände zusammen. „O mein Himmel! — Blut! Und wie das Zeug aussteht!" Anna erhob sich mit äußerster Anstrengung vom Sopha, sie streckte der gutmüthigen alten Frau beide Hände entgegen. „Wollen Sie mir ein Kleid leihen, liebe Frau? Und ein Tuch? — Ich möchte nach Hause!" stürzten Wagen standen die Pferde schnaubend still, und Herr und Diener sprangen zu Boden, um nach der verunglückten Dame zu suchen- „Frau Bürklin!" rief mit lauter Stimme der Gutsbesitzer. „Frau Bürklin, geben Sie uns ein Zeichen!" Aber nichts regte sich, es antworte kein Ton. „Ohnmächtig!" raunte Peter seinem Herrn in's Ohr, so vorsichtig und leise, als könne die Verunglückte jeden Laut hören. „Oder vielleicht schon tobt!" „Das wolle Gott verhüten!" Ein neuer Blitz zeigte jetzt den beiden Rettern aus nächster Nähe, daß das Pferd leblos am Boden lag und daß der Wagen gegen einen am Grabenrand stehenden Baumstamm geschleudert worden war- Von seiner unglücklichen Führerin ließ sich keine Spur entdecken. „Sie kann ertrunken sein," raunte Peter in demselben leisen, vorsichtigen Tone. Wolfram schüttelte den Kopf- „Das glaube ich nicht, mein Junge. Der Stoß ist offenbar ein sehr heftiger gewesen, die leichte, zarte Frau wurde also höchstwahrscheinlich auf die andere Seite des Grabens hinübergeschleudert." „Dann müssen wir hin, Herr." Wolfram blieb die Antwort schuldig, aber er ging sogleich vorwärts, um eine in der Nähe befindliche schmale Stelle des Chausseegrabens zu erreichen und dort den Uebergang zu bewerkstelligen. Es war keine geringe Aufgabe, bei dem Toben des Unwetters einen Sprung auf durchweichtem Boden glücklich auszuführen, aber dennoch gelang das Wagniß den beiden unerschrockenen Männern auf das Beste; sie kamen hinüber und schon nach wenigen Minuten war die Verunglückie gefunden. Der Sturm hatte die Kapuze entführt und das reiche, schwarze Haar wild entfesselt. Auf der Stirn der bewußtlosen Frau zeigte sich eine rothe Spur, Blutstropfen drangen hervor und unter dem Lockengeringel klaffte offen eine Wunde. Anna lag, vom Regen überfluthet, auf dem Gras und gab kein Lebenszeichen; ihr Gesicht sah aus wie das einer Leiche. „Peter," fragte seufzend der Gutsbesitzer, „was fangen wir an?" „Ich weiß nur einen einzigen Ausweg, Herr." „Und der wäre?" „Wir tragen die arme Dame bis zu der Stelle, wo der Graben für das Vieh überbrückt ist, und dann zurück zum Wa^en." Erich erstickte eine Verwünschung, die sich auf seine Sippen drängen wollte; er erfaßte die Ohnmächtige am Kopf und den Schultern, während Peter die Füße nahm, und so gingen Beide tapfer durch das nasse Gras bis an ein Heckenthor, das sich ohne Schlüssel öffnen ließ. Nach einer Viertelstunde war der Wagen auf der Landstraße wieder erreicht- „Lebt die arme Dame, Herr?" fragte der Kutscher. „Das mag der Himmel wissen. Kannst Du sie einen Augenblick ohne meinen Beistand halten, Peter?" „Das leichte Sing? Du lieber Gott, eine solche Feder." Und der brave Peter reichte seinem Gebieter, nachdem dieser im Wagen Platz genommen hatte, die Ohnmächtige wie ein Wickelkmdchen hinein. „Nun geht es doch nach Dornau, nicht wahr, Herr?" „Vorläufig ja. Aber vielleicht wirst Du später noch zur Stadt fahren müssen, Peter — man weiß nicht, wie das Alles verläuft? Und seufzend ergab sich Erich in das Schicksal, jetzt um die Ohnmächtige den Arm zu legen und ihren Kopf an feiner Schulter zu betten; es ging nicht anders, aber er hoffte heimlich, daß doch dieser Zustand völliger Bewußtlosigkeit bis zur Ankunft auf Dornau andauern werde. Einmal dort angelangt, tonnte er die Sorge für seine Schutzbefohlene der alten Haushälterin überlassen und sich selbst gänzlich aus der Affaire ziehen. Allein es sollte anders kommen. Das Rütteln des Wagens wirkte als Belebungsmittel; in Annas Körper kam eine leise Bewegung, sie tastete wie eine Blinde mit der Hand nach allen Seiten- 18 - «• „Gewiß I Gewiß I — Aber nein, diese Nässe! — Kommen Sie nur mit mir, gnädige Frau, ich will Sie führen." Anna raffte alle ihre Kräfte zusammen, sie schien jetzt durch den Wein und vielleicht auch durch die seelische Aufregung für dxn Augenblick gestärkt; es war ihr möglich, mit der Haushälterin das Zimmer zu verlaffen, so daß die beiden Herren allein blieben. Der ältere Wolfram sah lächelnden Blickes in das Gesicht seines Enkels. „Nun, Erich, Du wolltest ja erzählen!" Der Gutsherr zuckte die Achseln. „Es gibt da nur sehr wenig zu berichten, Großvater," antwortete er.. „Die Frau Consul fuhr selbst — Du kennst ja ihre Passionen — und als der Wagen umwarf, wurde sie vom Bock geschleudert. Das ist Alles!" „Und Du warst zufällig in der Nähe, Erich, oder vielleicht -" „Durchaus zufällig, Großvater, ich gebe Dir die bestimmte Versicherung." Der alte Herr ließ sich so leicht nicht aus dem Sattel heben. „Nun, dann mußt Du für diese günstige Gelegenheit dem Himmel ganz besonders danken," antwortete er. „Du konntest ihr das Leben retten, mein Junge, bedenke doch, welche untilgbaren Verpflichtungen dadurch für Dich entstanden sind." Erich hob abwehrend die Hand. „Großvater, ich gäbe viel darum, die Ereigniffe der letzten Stunden überhaupt ungeschehen zu machen. Gott weiß wie viel! Aber laß uns doch lieber von Dir sprechen," setzte er dann hinzu. „Weshalb bist Du nicht schlafen gegangen?" Das Gesicht des alten Mannes umdüsterte sich zusehends „Weil ich noch mit Dir sprechen muß, Erich. Ganz nothwendig." „Ueber Deine Pläne in Bezug auf mich, Großvater?" „Das und Anderes." Der Glanz in seinen Augen war erloschen, er sah wieder ebenso bleich und abgespannt aus, wie vorhin. „Ich gehe in mein Zimmer, Erich. Willst Du mich später dort aufsuchen, mein guter Junge?" „Wenn Du es wünschest, gewiß, Großvater." „Ich rechne darauf." Und dann ging der Achtzigjährige fort, die Treppen hinauf in sein eigenes Zimmer, so langsam, so schwerfällig, daß Erich mitfühlte, wie sauer es dem Alten wurde, immer Stufe nach Stufe zu erklimmen. Was hatte nur der Großvater? Irgend etwas quälte ihn. Das wußte Erich schon seit der Unterredung des letzten Abends. Aber was nur, was? Es ließ sich so gar nichts denken. Der einsame Mann grübelte und grübelte, ohne auch nur eine Vermuthung auffinden zu können- Gerade aus diesem Grunde freilich wurde das Unbekannte zum Gespenst, deffen Anblick Herzklopfen verursachte. Erich sah auf die Uhr. „Bald Zwei!" Diese Nacht schien endlos. Dann erklangen auf dem Flur leichte Schritte, Frau Steffen öffnete die Thür und ließ eine seltsam komische Erscheinung hereintreten, die kleine schlanke Frau Bürklin in den Kleidern, die für sie selbst, eine behäbige, rundliche Matrone, aus derben Wollenstoffen angefertigt waren. Ruths Gewänder hatten sich viel zu lang gezeigt, die der guten Frau Steffen hingen wie flatternde Beduinenburnuffe an der eleganten Erscheinung der jungen Wittwe, die jetzt mit ziemlich sicheren Schritten dem Gutsbesitzer entgegenging. Ihr Gesicht war vom Blut gereinigt, das Haar aufgesteckt und die Wunde mit einem weißen Tuche verbunden. In den dunklen Augen blitzte ein seltsamer, dem Gutsherrn unverständlicher Triumph; er wußte nicht, was die nächsten Minuten ihm selbst und der Dame bringen würden. Draußen hatte das Unwetter ausgetobt; man hörte von der Remise her einen Wagen langsam vorfahren. „Wie befinden Sie sich jetzt, gnädige Frau?" fragte Erich. „Befehlen Sie, bitte, nach Wunsch über mich und mein Haus." (Fortsetzung folgt-) Jom Thee. Von I. Tropp. (Nachdruck verboten.) Herr und Frau N. beehren sich, Herrn M. zu Thee und Abendbrod einzuladen. Wen überlief nicht schon ein gelindes Gruseln, wenn er beim Nachhausekommen eine solche Einladungskarte zu einem ästhetischen Thee vorfand. Wir Deutsche sind in Bezug auf das Essen etwas sehr materiell veranlagt, so häufig wie bei uns während des Tage» wird in keinem mir bekannten Lande gegessen, und zum Abendtisch verlangt der Magen eines Durchschnittsdeutschen etwas Substantiellers als Thee und dünne Butterschnitte. Dieser Umstand, zusammen mit den früheren hohen Preisen des Thees, hat es wohl bewirkt, daß der Thee- genuß in Deutschland so wenig allgemein ist. So lange als China das Monopol der Produktion besaß, war der Preis sehr hoch, aber seit den dreißiger Jahren, als man den Theebaum in Assam wild wachsend fand, fing man in Britisch-Ostinßien die Theecultur an, und trägt dieselbe heute schon circa 40 Millionen Kilo zum Weltconsum bei. In Südamerika und Afrika scheint die Pflanze nicht recht zu gedeihen; man hat die Versuche ziemlich aufgegeben. Aber auf Ceylon befaßt man sich neuerdings sehr mit Anlage von Pflanzungen. Die Kräuselkrankheit des Kaffeebaumes hat dort solche Verbreitung genommen, daß es eine Frage der Zeit ist, und der vorzügliche Cey-onkaffee wird vom Markt verschwunden sein. Die Pflanzer suchten im Thee Ersatz und fanden ihn; die Ceylonthees sind gut- Ueber den Consum in den Stammländern existirt keine Statistik; aber jedenfalls ist der Chinese der stärkste Theetrinker der Welt- Der Export aus den theeproduzirenden Ländern beträgt jährlich etwa 190 Millionen Kilo im Werthe von etwa 284 Millionen Mark. Wie man sieht, eine ganze respectable Summe, von welcher der größte Theil noch immer nach China wandert. Von den Völkern westlicher Cultur sind die Australier die eifrigsten Theetrinker. Es kommen dort auf den Kopf der Bevölkerung etwa 3-/2 Kilo das Jahr. Ihnen zunächst, indessen bedeutend hinter ihnen stehen die Engländer mit 2,16 Kilo. Doch spielt die Theetaffe im englischen Leben eine große Rolle, und concurrirt sie vielfach erfolgreich mit dem Bterglase. Den nach Millionen zählenden Temperenzlern (Teatotallers — nur Theetrinker) ersetzt der Thee als Stimulans vollständig die geistigen Getränke; und wenn man, wie es im Lande Sitte ist, im Laufe des Abends auf ein Plauderstündchen bei einer Familie vorspricht, ist man sicher, eine Tasse Thee zu bekommen. Die Enthaltsamkeitsbestrebungen würden ohne den Thee bei weitem nicht die Erfolge haben. Für manche Berufsklaffen ist die Enthaltsamkeit von geistigen Getränken vorgeschrieben; so beschäftigen die meisten Bahngesellschaften nur Temperenzler (Teato- taller) als Lokomotivführer. Rußland gilt gewöhnlich als Theeland, aber wenn wir die Consumziffer sehen, sind wir erstaunt. Es kommt nur V5 Kilo auf die Person. Es ist dies ein Zeichen, daß das Theetrtnken auf dem Lande nicht so sehr verbreitet ist. Der Muschik (ruffische Bauer) hat nicht immer baar Geld, und wenn er welches hat, legt er es lieber in Wodka (Schnaps) an. Der Städter trinkt fleißig und meist guten Thee. Ich freue mich jedesmal, nach einer guten Durchschüttelung im E-senbahncoup«, auf den Thee in der nächsten Bahnstation, welcher dort Tag und Nacht bereit steht. Bezeichnend ist der ruffische Ausdruck für Trinkgeld: na tschai (für Thee). Das Wort tschai stammt jedenfalls von dem chinesischen tscha, wie der Thee noch heute wie vor 1200 Jahren, als die Cultur und der Genuß desselben in China begann, dort genannt wird. Ursprünglich erhielten die Russen ihn direkt von den Chinesen auf Kameelkarawanen durcy die Mongolei; aber der Karawanenthee, welcher heute m Nischnei- Nowgorod verkauft wird, hat wohl meist feinen Weg über London dorthin gefunden. . „ . r. , . . Eine eigentliche Art Thee ,st der in Nordasten bei den Baschkiren und Kirgisen übliche Zregelihee. Es sind dres Abfälle und Blätter geringer Qualität, welche geknetet und in Ziegelforrp gepreßt werden- Die mongolischen Völker genießen 16 - Hände. tttbcitcn» , I Als Thee Verwendung finden nur die an der Spitze des Triebes stehenden noch nicht aufgerollten Blätter- Die Ernte beginnt im März, wenn die neuen Triebe etwa 7 Blattpaare haben, und dauert bis October. Man zwingt durch Entfpitzsn der Triebe die nächsten Augen zum Austreiben, entfpitzt dann wieder und so fort 6» bis 7mal im Laufe der Ernte. Nach dem Pflücken läßt man die Blätter abwelken, rollt sie nuttelst Maschine und unterwirft sie einer Gährung. Je nach Art derselben erhält man schwarzen oder grünen Thee. Die Benutzung von Kupfergefäßen zum Hervorbingen der grünen Farbe ist eine Fabel. Getrocknet werden die Blätter ausschließlich auf heißen Eisenplatten. Theeblüthen nennt man die kleinsten noch unentwickelten Blättchen, welche man für die besten hält- Pecco mit Blülhen ist deshalb die beste Sorte; dazwischen giebt es viele Abstusungen bis zum Dust (Staub, Abfallthee). Sortirt wird die fertige Waare durch Siebe. Die Chinesen trinken den Thee ohne Zusatz, die Russen mit Zucker und wenig Milch; wir Deutsche verschleiern uns noch häufig das Aroma durch Rum oder Vanille; aber Soda, Mehl und Salz, welche die Baschkiren zur Bereitung benutzen, erscheinen uns als eine Entwürdigung des edlen Stoffes. Thee will gut behandelt sein und die einfache Prozedur der Bereitung des Getränkes verlangt genaue Befolgung der Regel. Man schwenke eine metallene Kanne mit etwas heißem Waffer aus, damit sie sich erwärmt, schütte dann den Thee hinein, lasse ihn mit wenig Waffer eine halbe Minute ziehen und gieße dann so viel Waffer zu, daß man für jede Person eine Taffe Thee erhält. Rach drei Minuten ist der Thee gut; man greße | ihn in die Tassen und lasse für den zweiten Aufguß etwas länger, I etwa 5-6 Minuten ziehen. Der zweite Aufguß ist ebenso aut wie der erste; man kann sogar noch einen dritten machen, wobei man jedoch meist etwas frischen Thee zusetzt- Vollständig falsch ist es, etwa wie beim Kaffee gleich so viel im Voraus zu machen, daß aus jeden Trinker mehrere Taffen kommen, oder den Thee früher aufzugießen, als man ihn trinken will. Man benutze auch kein abgekochtes Waffer, sondern solches, welches gerade zu kochen anfängt. Ich rathe der Leserin bei ihrem nächsten Five o’clock Tea nach meinem obigen Rezepte zu verfahren; sie kann dann des Beifalls der übrigen Thee» schwestern sicher sein. Sollte sie sich jedoch russischer Spmpa- thieen befleißigen und einen Thee ä la russe geben wollen, so erfahre sie, daß man den Thee-Extract erhält, wenn man das Waffer 5—6 Minuten auf den Blättern stehen läßt. M, Extract, 3/4 heißes Wasser geben einen guten Thee. Die wirksame Substanz des Thees, das Thöin, ist von gleicher Beschaffenheit und Wirkung wie das Cofföin. Es ist leicht löslich. Läßt man den Thee zu lange ziehen, so wird ihm auch die Gerbsäure entzogen und man erhält ein unangenehm bitteres Getränk. Der Thee wirkt im höchsten Grade geistig anregend und ist das richtige Getränk für den Kopfarbeiter. Im Uebermaße genossen, besonders von Leuten, Die es nicht gewohnt sind, regt er auf und erzeugt Schwindel und Schlaflosigkeit. ihn mit Feit und Salz zubereitet. Die Theeziegel »ertre en dort häufig das Geld und dienen als Handelsmünze. Eigenthümlich berührt es uns, wenn E. M. Vacano, der als Mitglied einer Cirkusgesellfchaft jene entlegenen Gegenden bereiste, uns erzählt, wie das Geschäft so gut ging, daß sie gar nicht alle Theeziegel bergen konnten. „ , Wir Deutsche sind keine Theetrmker: es kommt nur ’/ao Kilo auf den Kopf. Er war uns lange Jahre zu theuer; aber jetzt eihält man ihn schon für 3 Mark, und wer 4 Mark für das Pfund anlegt, kann eine sehr gute Qualität verlangen. Da Thee weit ausgiebiger ist als Kaffee, kommt sein Genuß auch kaum theurer. , r m Die Theepflanze ist keine Staude, sondern em Baum, welcher eine Höhe von 30 Fuß erreicht. In den Plantagen zieht man ihn jedoch durch Schnitt in Strauchform , von 4 Fuß Höhe. Er giebt alsdann mehr Blätter und ist leichter zu be« Kommitzbrod zu backen. Fünf Eidotter werden mit 80 Gramm Zucker zu Schaum gerührt, worauf man 70 Gramm gestoßene Mandeln, die auf Zucker abgeriebene Schale einer Citrone, etwas gestoßenen Zimmt und Nelken hinzumischt, zuletzt noch 90 Gramm geröstetes und im Mörser zerstoßenes Schwarzbrod, um dann die Masse in einer länglichen, mit Butter bestrichenen Blechform bei gelinder Hitze zu backen und mit einer Chocoladenglafur zu überziehen. * » Spanischer Kuchen. * 125 Gramm süße und 8 bis 10 Stück bittere Mandeln werden geschält und mit einem Löffel Orangenblüthenwaffer zu einem Brei gestoßen; man mischt nun 200 Gramm feingestoßenen Zucker, 250 Gramm feines Mehl und 8 Gramm gefloßenen Zimmt, sowie sechs gut verquirlte Eier nach und nach hinzu, verrührt ober schlägt die Masse unter Beifügung von drei Löffeln starkem Wein und einem Löffel Rosenwasser eine gute halbe Stunde lang, so daß man einen sehr leichten Teig erhält, süllt denselben in eine gebutterte Form und backt den Kuchen bei gelinder Hitze. PHattion: A, Schepda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. 4» * Gemeinnütziges* Wollreste zu verwerthen. Man bitte sich von Bekannten alle im Laufe des Jahres angesammelten Wollreste aus, es können auch nur kurze Fäden sein. Von diesen Resten kann man sehr hübsche Pulswärmer arbeiten, die in der kalten Jahreszeit manch' armes Kind erfreuen. Man strickt quer immer nur ein- oder zweimal hin und zurück von derselben Farbe. Die an einer Seite hängengebliebenen Enden werden behäkelt. Auch kann man kleine Vierecke stricken, welche, aneinander genäht, sich gut zu einfachen Fuß- oder Sophakissen- Bezügen verwerthen lassen; eine einfache Arbeit für Kinder- Vevinischtes. BarbierundBauer. Ein Landmann ließ sich rasiren und erzählte dabei, daß auf seinem Felde die Mäuse großen Schaden angerichtet hätten. — „Haben Sie viel von diesen Thieren?" fragte der Barbier. — „Das will ich meinen? — „Nun, ich brauche gerade welche, ich werde Ihnen eine Mark pro Stück zahlen." — Der Bauer nahm diese Ausforderung ernst und kam einige Tage später bei dem Barbier mit einem großen Käfig an. „Ich habe hundertzweiundfünfzig," sagte er. Der Barbier, welcher seinen Scherz vergessen hatte, suchte nach einem Mittel, um sich aus der Verlegenheit zu ziehen. „Es sind doch lauter Männchen?" fragte er mit wichtiger Miene. Der Landmann sagte verblüfft: „Darauf habe ich nicht geachtet." — „So? Dann nehmen Sie sie nur wieder mit fort. Ich dulde kein Weibchen in meinem Hause." — Jetzt merkte der Landmann, daß man sich über ihn lustig machte. Er sann einen Augenblick nach und antwortete dann: „Die Mäuse wieder mitnehmen? .... Ach, da lasse ich sie Ihnen lieber umsonst." Und er öffnete den Käfig, schüttelte denselben aus und ließ die hundertzweiundfünszig Mäuse in das Haus laufen. Neber den Landmann lachte man nicht. LeichterDienst. Hausherr (zum neuengagirten Dienstmädchen): „Merken Sie sich - hier geht Alles nach militärischer Pünktlichkeit; um sechs wird aufgestanden, um zwölf gegessen und um zehn in's Bett gegangen I" — Dienstmädchen: „Na, wenn's weiter nichts zu thun gibt, dann bin ich schon zufrieden." ♦ Stoßseufzer eines verkannten Dichters. „O, hätf ich nur sämmtliche Würste, die schon in meine Gedichte | eingewickelt worden sind."