znin Gießeneo Anzeigen tGenepal-Anzerg-v) 1893 AM KM ' ' -Z - d-:ZV' $8 DHHZMKMt Samstag, den 9. December. Dunkele Mächte. Novelle von H. v. Limpurg. kFortsetzung.) Es waren in der That nur etwa fünfzehn Personen, die zum folgenden Tage eine Einladung erhielten und zwar aus der nächsten Nachbarschaft, unter ihnen der Oberförster Fels mit seinem Sohnei Für letzteren hatte sein Vater abgesagt, da er am selbigen Vormittag verreisen wollte. Therese, welche die Einladung und Absage vernommen, fühlte ein unerklärliches Bedürfniß, dem Geliebten noch ein letztes Lebewohl zuzurufen; sie kannte jene abgelegene Stelle des Parkes, an der die Landstraße vorbeiführte und, ohne auch nur einem Menschen zu sagen, wo sie hingehe, eilte sie hinaus. Der Fürst und ihr Vater politisirten beim Kaffee, die Gräfin schrieb Briefe, somit war die junge Dame frei und folgte jener dunklen Macht, die sie hinaustrieb — zum letzten Liebesgruß. Sie wußte ziemlich genau, zu welcher Zeit der Wagen fahren mußte, um den Eisenbahnzug zu erreichen, der Arthur in die Residenz bringen sollte. Mit pochendem Herzen, bleich wie eine Lilie, lauschte sie jedem Geräusche entgegen und ihre zitternden Lippen stammelten athemlos: „Arthur, mein Arthur! Wie ist's denn möglich, daß ich Dich aufgeben mußte um jenes schrecklichen Mannes willen. Ich liebe Dich ja — immerdar, treu und herzinniglich." Ein dumpfes Stöhnen entrang sich dem unglücklichen Mädchen, aber sie raffte sich mit Ausbietung der letzten Kräfte zusammen, als jetzt Rädergeraffel sich hören ließ — und gleich darauf der Wagen in Sicht kam. Da vergaß sie Alles um sich her, den Ring am Finger, den fremden, neugierigen Kutscher auf dem Bock. Sie breitete jubelnd und schluchzend beide Arme aus und rief dem Geliebten entgegen, dessen ernstes, edles Antlitz sich aus dem Fenster bog: „Arthur, mein Arthur, lebe wohl!" „Lebe wohl, Therese," klang es zurück und dann war Alles vorbei wie ein Traumgebilde! Halb ohnmächtig sank Therese zu Boden und rang die Hände in namenloser Qual, denn sie fand keine Thränen, ob auch das Schluchzen in ihrer Stimme vibrirte; der Alp sank schwer und eisig von Neuem auf ihre Brust. „Ein neues Leben," sagte sie endlich ganz kalt und ruhig und stand auf, „ich muß suchen, damit fertig zu werden und mein Wort einlösen, dem Fürsten eine treue Gattin zu sein. Vorwärts, das Leben ist ja doch nur eine schwere Pflicht und das Glück fliegt wie Wetterleuchten am Menschen vorbei. Es wird Zeit, an die Toilette zu denken." Und dennoch, trotz dieser Vernunftsgründe, nahm Therese mit zitternder Hand ein Lindenblatt auf, das am Wege lag, um es wie ein Heiligthum der Erinnerung an diese Stunde aufzubewahren. • * ♦ Das gab ein Lachen, Fragen, Glückwünschen im Schlosse, als die Gäste kamen. An der Seite der Mutter stand Gräfin Therese in hellrosafarbener duftiger Toilette, in den Händen ein kostbares Bouquet von ihrem Verlobten, und verneigte sich liebenswürdig nach allen Seiten; sie antwortete auf alle Anreden, dankte und plauderte wie jede wohlgeschulte Weltdame, aber sie kam sich selbst vor wie ein ausgezogener Automat, wie ein Mensch, dem das Schicksal mit eiserner Faust das Herz aus der Brust gerissen, um es ihr blutend vor die Füße zu werfen! Der Fürst strahlte vor Glück, ebenso der Graf, nur die beiden gräflichen Damen, Mutter und Tochter, erschienen zuweilen sehr ernst und manch' heimlicher Blick der Gäste flog prüfend über dieselben hin. Man ging zu Tische und der Fürst bot mit flammendem Auge seiner Braut den Arm. „Sie beneiden mich Alle um Dich, mein Lieb," flüsterte er ihr zu; „nur schade, daß jener anmaßende Försterssohn nicht mehr da ist, der Dir neulich den Hof machte. Ihm gönnte ich die Ueberraschung, Dich als meine Braut zu sehen." Die arme Therese zuckte zusammen, als sei ein Donnerkeil neben ihr zu Boden gefallen, aber sie beherrschte sich doch so weit, um dem Fürsten gar keine Antwort zu geben; sie ließ sich schweigend auf ihrem Platze nieder, aber keiner ihrer Blicke streifte auch nur den Verlobten. Welch' ein qualvoll lange« Diner war es für sie, das junge Mädchen meinte, es werde nie ein Ende nehmen und athmete endlich wie erlöst auf, als die Gräfin sich erhob. Der Oberförster Fels trat jetzt zu der letzteren und begann irgend eine gleichgültige Unterhaltung, dann aber mit einem Male, als gerade Niemand in der Nähe war, frug er hastig: „Wie ist denn diese rasche Verlobung zu Stande gekommen, Frau Gräfin? Als wir vorgestern Abend das Schloß verließen, habe ich meinem Sohne sehr ernst in's Gewissen geredet, aber wie ich damals fürchtete, niDlos. Wer von den beiden jungen Leuten hat zuerst entfagt?"' „Ich weiß es nicht," seufzte die Gräfin, „nur das ist mir klar, daß mein Kind eine so tiefe Wunde im Herzen trägt, die weder Zeit noch Vernunftsgründe zu heilen vermögen. Sie erklärte nur auf jede Frage, daß sie freiwillig des Fürsten — 578 — sang: Die Zeit flog dahin. In Schloß Weilern herrschte eifrige Thätigkeit, die Aussteuer Theresens war bald fertig und immer näher rückte der von der schönen Braut so gefürchtete Hochzeitstag. Die dürren Blätter fielen herab von den Bäumen, kalte Herbststürme rasten über das Land und eisige Regentropfen entströmten den dunklen Wetterwolken, die am Himmel dahin- jagten. Es war der Polterabend und' im Schloß begann schon am Nachmittag eine rege Thätigkeit sich zu entfalten, an der nur Therese selbst nicht theilnahm- Ihr Kopf schmerzte heftig und so eilte sie denn noch in der Dämmerung hinab in den „Ich roiH’S Dir nimmer sagen, Wie ich so lieb Dich hab'; Im Herzen will ich's tragen, Und still sein wie das Grab. Und kannst Du dann nicht lesen, Was aus dem Äug' mir spricht: So ist's ein Traum gewesen, Dem Träumer zürne nicht!" In vibrirendem Tonfall schloß die Sängerin, nachdem die letzten Zeilen sich mehrfach wiederholt; es war ihr so eigen um's Herz, denn Der, dem dies Lied wie neulich das letzte gegolten, war ja nicht hier! Ein weiter Abgrund gähnte trennend zwischen ihnen, eine dunkle Macht hatte sie auseinandergerisien! „Noch ein Lied, Comteß, bitte, roch eins," riefen die Herren und Damen, näher herandrängend, „aber ein heiteres, wie es einer glücklichen Braut geziemt." Sie wandte sich vom Flügel zurück, den Gästen zu, aber wie mit schwarzem Schleier erschien ihr Alles bedeckt, der immer tiefer und dichter herabsank. Sie wollte etwas erwidern, aber die Stimme erstickte ihr in der Kehle, nur mit der Hand griff sie noch an's Herz — dann sank sie zu Boden, von tiefer Ohn- macht umhüllt. Erst in ihrem Schlafzimmer schlug Therese wieder die Augen auf und fah in das treue, kummervolle Antlitz der Mutter, welches sich über sie neigte. „Mein Liebling," flüsterte die Gräfin bewegt, „Gott sei Dank, daß Du wieder zur Besinnung gekommen bist." „O, Mutter," hauchte das unglückliche Mädchen schmerzlich, „wenn ich doch nie mehr erwacht wäre zum Leben — es ist so schwer, so furchtbar schwer und dunkel." Braut geworden sei; was zwischen Arthur und Therese vorgefallen ist, weiß ich nicht — aber ich beklage Ihren Sohn ebenso wie meine Tochter von ganzer Seele." „Das Leben ist kein Kinderspiel, gnädige Gräfin," erwiderte der Oberförster. „Nun aber die Scheidewand zwischen unseren Kindern gezogen, habe ich in beider Charaktere die feste Zuversicht, daß sie still halten und stark fein werden. Der Fürst wäre, abgesehen von Namen und Reichlhum, übrigens nicht der Mann, dem ich als Vater meine einzige Tochter anvertrauen möchte. Vergeben Sie dies offene Urtheil." „Es ist auch das meinige, Herr Oberförster, doch ich habe keinerlei Einfluß auf meinen Gemahl, wie Sie wissen." „Nun aber, liebe Therese, mußt Du noch ein Lied singen," rief Fürst Sereco, der ein Glas Wein nach dem anderen hinunterstürzte, „ich war neulich ganz entzückt von dem Trom- pctcrlicb." „Das singe ich nicht," gab sie bestimmt zurück, „überhaupt werde ich wohl kaum bei Stimme sein; die verschiedenen Aufregungen des heutigen Tages ..." „O, eine Absage? Da wird nichts daraus," fiel der Fürst lachend ein und schlang den Arm um ihre Taille, „komm' nur mit, ich begleite Dich und wir suchen irgend ein recht heiteres Lied aus." , „Altstimmen eignen sich wenig dazu- Hier ist ein Sieb, das werde ich fingen." Die belebte Unterhaltung der Gäste verstummte, als die weiche, volle Stimme des schönen Mädchens aufbrauste; es war nur ein einfaches, kurzes Lied, aber so schmerzdurchzittert und ergreifend, daß mehr wie ein Auge sich feuchtete, als Therese Garten, um Luft zu schöpfen. Es war ihr Alles wie im Traum. Vorhin hatte sie den grünen Myrthenkranz liegen ehe», den ihr nachher die erste Brautjungfer überreichen sollte, rnd sie, die Braut, war entflohen! Aber es half Alles nichts, )ie Hochzeit mußte stattfinden. „Wenn ich jetzt fortliefe," dachte Therese bei sich, als sie dahinschritt über die mit dürren Blättern bedeckten Parkwege, „würde mir das helfen? O nein, der Telegraph würde spielen, >ie Behörden Notiz von dem unglücklichen Falle nehmen und die Trauung würde in aller Stille dennoch vorgenommen werden. Und zudem, ich gab ja auch freiwillig mein Wort, ich muß es also halten." Neben dem Wege raschelte es im Gebüsch und beim Zwielicht des scheidenden Tages richtete sich eine Weibergestalt in die Höhe, welche flehend Therese die Hand hinhielt. „Erbarmen, chöne Dame, ich — komme um vor Hunger; nur ein winzige? Stücklein Brod." „Wer seid Ihr?" frug Therese erschrocken. „Und wie kommt Ihr hier in den Park?" „Kennt Ihr nicht die vervehmten, ausgestoßenen Kinder der Pußta? Ich bin eine Zigeunerin, die überall, wo sie flehend die Hände um Brod erhebt, mit Fußtritten fortgewiesen wird." „Ich gebe Euch keinen Fußtritt," entgegnete die Gräfin gütig und nahm ein Markstück hervor, um es der Bettlerin zu reichen. „O, schönes Fräulein, Sie sind gut," rief das braune Weib eifrig. „Sie haben vom Hungertode mich gerettet und Gott im Himmel vergelte es Ihnen- Aber damit Sie sehen, daß die braune Ilka auch dankbar ist, will ich Ihnen wahrsagen, was Ihnen im Leben noch geschehen wird. Viel Glück gewiß, denn Sie sind schön und gut und vornehm." „Meint Ihr denn, gute Frau, daß damit auch Glück stets verbunden ist?" frug Therese voll Bitterkeit, aber sie reichte doch die feine Hand hin: ein unerklärliches Gefühl drängte sie dazu Das Dämmerlicht hatte schon stark abgenommen, ein kalter Nordwind raschelte in Baum und Strauch und aus den Regentropfen wurden kleine Schneeflöckchen. „Eilt Euch, ich muß heim," drängte die Dame, und die Zigeunerin ließ entschlossen die schlanke Hand fallen. „Nein, ich will Euch nicht prophezeien; es stehen dunkle Dinge in Eurem Lebenslauf: ich wünschte, daß ich mich irrte, aber — das kommt bei Ilka selten vor." „Aber ich will, daß Ihr mir wahrsagt," rief Therese heftig und zog noch ein Geldstück hervor, „heute ist der Vorabend meiner Hochzeit - und ich muß wissen, was mir bevor- n,Cf 11 ’ schrie das Weib leidenschaftlich auf und warf sich vor der Dame zu Boden. „Thut es nicht, Gnädige, ich beschwöre Euch, sagt noch am Altäre Nein, denn — denn — Ihr werdet sehr unglücklich sein." „Meinst Du denn, Thörin, ich wiegte mich in der Meinung, dem Glück entgegenzugehen," lachte Therese bitter aus, „o nein; ich liebe den Mann nicht, dem ich angetraut werde, aber ich habe freiwillig Ja gesagt; hörst Du, es trieb mich wie mit dunkler Gewalt dazu." „Ja," nickte die Zigeunerin geheimnißvoll, „das ist das Rechte. Dunkle Gewalten greifen ein in Euer Leben — und Der, den Ihr liebt, ist fein, auf ewig fern!" „Ich weiß es. Kannst Du nicht mehr sagen?' „O doch. Ein Leben voll Qual und Schmerz, voll schwerster Psiichtersüllung, — aber ohne Licht liegt vor Euch; lange, lange währt es, silberne Fäden durchziehen Euer Haar — und dann wird das Herz ruhiger. Ihr könnt später allen Denen vergeben, die Euch unglücklich gemacht haben, auch Demjenigen, der • . „Meinem künftigen Gemahl?" unterbrach die Comteß das Weib. „Ihm zürne ich nicht, denn ich nahm freiwillig das Joch auf mich." ,, ., , „ „Nein, nicht ihm - einem - Anderen! Hu, ich sehe den Wahnsinn flimmern im Auge, sehe eine Waffe blitzen! Fort, gnädige Frau, verlangt nicht mehr zu wissen. Gott ist!barmherzig, daß er uns Menschen die Zukunft verborgen laßt- sie - tetei ,.O, kön» ewi< herc Hein zu geil in gesc Thl von mit Cor niß, her: hini ihn reif die wai Fü' Bei Sck gilt scho mä! wel geg wel die dah um für not mü lich sich Has He: geb an sch. mel seh Bä — 679 — Comteß Therese stand todtenbleich. Beide Hände preßte sie auf die wogende Brust und die großen, blauen Augen richteten sich starr in die Ferne. „Ich soll ihm vergeben — Arthur!" flüsterte sie dann. „O, und wenn er mir das Herz aus dem Körper gerissen, ich könnte ihm nicht zürnen; die Liebe kann es nicht, sie kann nur ewig und immer vergeben!" Als sie aufsah, war das Weib verschwunden, nur der herabstnkende Abend umgab sie und seufzend wandte sie sich heimwärts. „Vorwärts, man sucht wohl schon das Opferlamm, um es zu schmücken!" flüsterte sie und eilte in das Schloß zurück. * ♦ * Der Hochzeitstag brach kalt und trübe an. Müde, abgespannt stand die schöne Braut am Fenster und blickte hinaus in die graue Ferne. „Ist Dein Koffer schon gepackt, mein Herz?" frug die geschäftige Cousine Lina, welche heute den Ehrendienst bei Therese übernahm, „vergiß nur nicht, daß Dein seidenes Kleid von der Standesamtstrauung noch mit hinein kommt." „Die Jungfer besorgt Alles, Lina," erwiderte Therese mit mattem Lächeln. „Wie apathisch und sonderbar Du bist, Therese," schalt Cousine Lina, „man sollte meinen, Du gingst einem Begräb- niß, nicht aber Deiner Hochzeit entgegen." „Es ist auch ein Begräbniß — das meiner Jugend und — meines Glückes." Aber Comteß Therese hauchte die letzten Worte nur leise hervor, so daß die Cousine sie nicht verstand und kopsschüttelnd hinausging, um die Jungfer zum Fristren zu senden. Wie im Traum ließ Therese Alles mit sich geschehen, ihre brennenden Augen hafteten an dem perlgeschmückten Goldreif, den sie trug. Der Ring hatte kein Ende, heute schloß sich die Fessel für immer I Verwundert schaute die Jungfer ihre Herrin an. Was war mit derselben geschehen, daß sie heute, wo sie nun Frau Fürstin, Durchlaucht, werden sollte, so todestraurig aussah? Beinahe so, wie die arme Marie im Dorfe, als man ihren Schatz begraben. „Wollen Comteß das Haar gebrannt oder schlicht arran- gilt haben?" frug die Jungfer dienstbeflissen, aber Therese schaute gedankenlos auf. „Wie Sie wollen, mir ist's gleichgültig," sagte sie dann. Die Verwunderung der Kammerzofe verwandelte sich all- mälig in Theilnahme beim Anblick des lili-nweißen Gesichts, welches mit großen, starren Augen aus dem Spiegel ihr entgegenstarrte. Das war kein Glück, sondern tiesstes Seelenleid, welches im Antlitz der Comteß zu lesen war. Rauschend fiel der schwere Damast des Hochzeitskleides um die schlanke Gestalt und glitt in starren Falten auf dem Boden dahin; hochaufgerichtet stand Therese, als die Mutter eintrat, um selbst den Myrthenkranz der Tochter aufzusetzen. Es war für Mutter und Tochter ein schwerer Moment, vielleicht schwerer noch für die ernste Frau mit den verweinten Augen, deren mütterliches Herz schier brechen wollte beim Anblick der bräutlich geschmückten Tochter. „Mein Kind, mein armer Liebling," rief sie ganz außer sich und breitete beide Arme aus, doch Therese wich mit geisterhaftem Ausdruck zurück. „Still, Mutter, still; rühre nicht an die Wunde hier im Herzen! Ich habe ja freiwillig dem Fürsten mein Jawort gegeben — ich konnte nicht anders!" Die Schloßkapelle war auf'» schönste geschmückt. Kopf an Kopf drängten sich die Leute aus dem Dorf und die Dienerschaft herbei, um das Brautpaar zu sehen; Flüstern und Murmeln ging durch die Reihen, sie hatten Alle „das Comteßchen" sehr lieb. „Ob sie wohl recht glücklich werden wird?" frug eine Bäuerin. „Der Fürst soll ein sehr reicher Mann sein und sie schrecklich lieb haben; glaub' es wohl, denn wer hätte sie nicht lieb," meinte eine Andere. „Aber ob sie ihm ebenso gut ist? Sie sah immer so bleich und ernst aus seit der Verlobung, gelächelt hat sie niemals mehr," bemerkte eine Dienerin. „Oho, wenn man Frau Fürstin heißt, darf mau doch wohl mit seinem Geschick zufrieden fein," sagte dann die Köchin. Die Glocken läuteten, die Wagen fuhren vor und eine glänzende Hochzeitsgesellschaft entstieg denselben. Als sich Alle in dem breiten Hauptgange des Gotteshauses geordnet, setzte die Orgel mit vollem, tiefem Accorde ein — und das Brautpaar trat ein. Fürst Sereco, dessen breite Brust mit mehreren ausländischen Orden geschmückt war, schritt selbstbewußt lächelnd zwischen der Gesellschaft dahin, an feinem Arme ein liebliches, bleiches Mädchen, das der faltige Tüllfchleier mitleidig vor den neugierigen Blicken der Menge barg. Still wurde es in der Menge, ein jeder der Zuschauer neigte theilnehmend das Haupt. Es «ar fast, als ob ein Opfer feiner Bestimmung entgegengeführt wird. Therefe hatte sich selbst den Text der Traurede gewählt, aber sie vernahm nun keine Silbe, wie ein Schwall rauschten die Worte des Geistlichen an ihrem Ohr vorbei; es that ihr im Herzen weh, doch sie konnte nur tief athmen unter der Centnerlast, die sie schier erdrückte. Der Geistliche hatte nun die hochbedeutsame Frage gestellt, der Fürst mit lautem „Ja" geantwortet und Therese öffnete die schneebleichen Lippen, um auch ihrerseits den feierlichen Schwur auszusprechen; doch zweimal rang sie vergeblich nach einem Ton, erst beim dritten Male kam ein zitternder Laut hervor, ein schwaches „Ja" von ihren Lippen- „Mein armes Kind," rief es im Herzen der Gräfin, und sie hätte lieber das eigene Leben gelassen, wenn dafür ihr Liebling glücklich hätte werden können. Man wechselte die Ringe, hellauf flammten die Brillanten, und als der Geistliche der Neuvermählten das Kleinod darbot, da neigte sich das fchleierverhüllte Köpfchen tiefer — und eine heiße Thräne fiel darauf. Das war auch eine Gabe zur Hochzeit, ein Himmelsgeschenk: Therese konnte wieder weinen! Und dann klangen abermals die Glocken, Fürst Sereco führte seine Gemahlin stolz und heiter hinaus, wo die Wagen ihrer harrten. Ein eisiger Windstoß fuhr ihnen entgegen, die junge Frau erbebte bis in's Herz hinein und lehnte dann, einen Moment fassungslos, in den Kissen der Equipage. Der Schlag fiel zu, die Pferde zogen an und ihr Gemahl beugte sich mit zärtlichen Blicken über sie- „Run bist Du ganz mein, Liebchen," flüsterte er ihr in's Ohr, „aber sieh' nicht so ernst drein, Therese, wir wollen ein fröhliches Leben führen! Du bist heut' schön wie eine Galathee, aber ich muß Dich noch aufwecken aus Deiner Starrheit! Ich werde Geduld haben und schließlich triumphiren." Das Hochzeitsdiner verlief wie alle derartige Festlichkeiten mit vielen Reden und Toasten, mit Lachen und Gläserkltngen. Der jungen Fürstin, der die meisten Huldigungen galten, wurde es furchtbar schwer, sich aufrecht zu halten und verbindlich liebenswürdig all' den Worten zu lauschen und zu antworten, die auf sie einstürmten. Aber sie war von Jugend auf an Etiquette gewöhnt und lernte sie heute zum ersten Male als Erlöserin betrachten. Nach aufgehobenem Diner trat, wennschon schwer mit sich ringend, der Oberförster Fels zu der jungen Frau und reichte ihr die Hand, in welche sie schweigend ihre Rechte legte. „Gott behüte Sie, Durchlaucht," sagte er ergriffen, „ich wünsche Ihnen von Herzen Glück und Segen." „Vergessen Sie mich nicht ganz, Herr Oberförster," lächelte sie wehmüthig, „ich werde auch oftmals an Sie und — und — all' meine Freunde zurückdenken. Vergessen — werde ich niemals I" „Möchten Sie recht glücklich werden, Durchläucht! Dies ist ein wahrer Herzenswunsch Ihres alten Freundes." „Glück?" frug sie bitter. „Was ist Glück? Ein Gedanke, ein Wölklein, welches am Menschenleben flüchtig vorbei- 580 zieht. Bei mir war's — vorüber, ehe ich recht zur Besinnung kam." Der Ehegemahl eilte jetzt herbei und nahm den Arm The- resens. „Es wird Zeit zum Abreisen," sagte er. „Der Wagen fährt gleich vor." Am folgenden Tage läs ein ernster, bleicher Mann in der Residenz folgende Anzeige: Fürst Sergei Sereco Fürstin Therese Sereco geb. Gräfin Weilern Neuvermählte. Das Blatt entfiel der Hand des Doctor Arthur Fels, er lehnte die Stirn in die Hand und sagte dumpf vor sich hin: „Meine Geliebte, mein Opfer I Wie soll ich das Leben ertragen mit dieser schweren Schuld auf der Seele. Gott erbarme sich meiner!" (Fortsetzung folgt-) Gemeinnütziges. Mn autzerorderrtttch einfaches Verfahren der Eiereonservirung empfiehlt der Hann. Land- und Forstw.- Zeitung zufolge Herr Zörkendörfer: Die Eier werden zunächst gründlich gereinigt, darauf einige Zeit in starke Kochsalzlösung getaucht 'und dann in luftigen Spankörben in Torfmull verpackt, an trockenem, luftigen Orte aufbewahrt. Von 100 derartig behandelten Eiern, welche im Herbste in Körbe gelegt und im Laufe des Winters verbraucht wurden, waren nur drei verdorben und diese aller Wahrscheinlichkeit nach bereits vor der Behandlung nicht mehr im frischen Zustande gewesen. Der Geschmack der Eier war ein vortrefflicher. — Torfmull verhindert bekanntlich die Vermehrung einer großen Anzahl von Bakterienarten (letztere dringen durch die Eischale und die innere Eihaut und verderben die Eier), doch sind die Eier vor dem Einlegen gründlich zu reinigen, da der Torfmull die anhaftenden Bakterien nicht abzutödten vermag. — Gründlich gereinigte Eier halten sich frei an der Luft in trockenen Räumen über der Erde auch recht lange; doch ist es nothwendig, sie an Stellen aufzubewahren, wo sie vor dem Einstäuben möglichst geschützt find. ♦ ♦ ♦ Neues Verfahren, Aepfel zu eonfervireu. Da nichts verdrießlicher für die Hausfrauen ist, als wenn im Herbst und Winter die schönen Aepfelvorräthe durch Fäulniß verderben, so sei auf ein neues Verfahren, Aepfel zu confer- viren, aufmerksam gemacht. Dasselbe besteht in folgender Methode: Die in Wasser gewaschenen und nachher mittels eines sauberen Tuches vollständig abgetrockneten Aepfel legt man in ein sehr reines Holzfäßchen und übergießt sie dergestalt mit einer Salzlösung, daß letztere über den Früchten steht. Das Fäßchen wird zugeschlagen und dann an einem sehr kalten Orte aufbewahrt. Zweckmäßig ist es, in das Gefäß etwas Estrachan, Fenchel, Kümmel und Zucker mit beizulegen, da hierdurch der Geschmack der Aepfel pikanter wird. Die Salzlösung stellt man in der Weise her, daß man auf 20 Liter Wasser 75 bis 80 Gramm Kochsalz gibt, die Flüssigkeit zum Sieden erhitzt und vor ihrer Benutzung völlig erkalten läßt. Durch dieses Verfahren erhalten sich die Aepfel 9 bis 10 Monate sehr gut. * ♦ * Wie entfernt man Eifenrostflecke aus Kleidern? Bei echtfarbigen Baumwollstoffen und bei Schafwollstoffen wendet man Citronensäure an. Auch folgendes Verfahren führt bei Stoffen aus gefärbter Baumwolle und Wolle zum Ziele: Auf den Fleck wird ein Tropfen von einem brennenden Talglicht fallen gelassen und beides in concentrirter phosphorsaurer Natronlösung ausgewaschen. Je älter der Fleck, um so gründlicher muß gewaschen werden. Bei echtfarbigen Stoffen kann man Weinsäure oder Chlorkalk anwenden. Sollte das betreffende Kleid ein seidenes oder Atlaskleid sein, so wird es bei sehr feinen Stoffen kaum etwas helfen. Läßt es jedoch die Farbe zu, so wird der Fleck mit starkem Essig befeuchtet, eine Zeitlang mit Buchenholzasche bedeckt gelassen und endlich in starkem Seifenwasser ausgewaschen. — Bei sehr veralteten Rostflecken wasche man in verdünnter Zinnchloridlösung aus und schwenke gründlich in warmem Flußwasser durch. Linoleum glänzend zu erhalten. Die Verbrei- tung der Linoleum-Teppiche und Läufer für Zimmer, Corri- dore, Treppenhäuser, Geschäftsräume rc nimmt immer mehr zu, da dieselben hinsschtlich der Haltbarkeit, Bequemlichkeit und Reinlichkeit große Vortheile bieten. Dabei sind die Unterhaltungskosten geringfügig. Will man Linoleum glänzend erhalten," so bediene man sich nach der „Deutschen Baugewerbe-Zeitung" folgender einfacher Mittel, welche Jedermann leicht anwenden kann. Eine Abwaschung mit gleichen Theilen Milch und Wasser sollte regelmäßig alle 2 bis 3 Wochen stattfinden; nach Verlauf von 3 bis 4 Monaten, also alljährlich etwa dreimal, hat ein Ab- reiben mit einer schwachen Lösung von Bienenwachs in Terpentinspiritus stattzufinden, bisweilen wird auch Leinöl verwendet. Die Teppiche und Läufer bleiben bei diesem Verfahren immer rein und glänzend, d. h. sie sehen stets sauber und wie neu aus. Vermischtes. Der berühmte Vaucanson hatte unter anderen künstlichen Automaten auch eine Ente angefertigt, welche das ihr vorgelegte Futter verzehrte und verdaute. Seine Kenntnisse in der Mechanik erhoben ihn zum Mitglied der Akademie, wo er jedoch fast überall mit Zurücksetzung behandelt ward. Einst fragte er den gutmüthigen Buffon nach der Ursache und dieser entgegnete treuherzig: „Ja, Freund, in der Akademie gelten nur die geometrischen Köpfe!" — „Mein Gott," antwortete Vaucanson, „warum hat man mir das nicht eher gesagt! Ich hätte statt der Ente ebensowohl einen Geometer gemacht." ♦ ♦ * Dichter und Kritiker. „Ach, Sie sind das," sagte jüngst ein sehr junger Dichter zu einem Kritiker, dem er vor- gestellt wurde, „Sie haben meine Gedichte so schlecht gemacht?" — „Nein, mein Bester, das waren Sie selber," war die joviale Antwort des Kritikers. * * ♦ Pariser Leben. Man hört einige Schüsse auf der Treppe. „Was bedeutet das?" fragt ein Hausbewohner die Portiersfrau. — „Kümmern Sie sich nicht weiter darum. Die Dame im zweiten Stock unterhält sich mit ihrem Nachbar." * * Den Marquis Greenville, der am Hofe der großen Elisabeth von England wegen seiner launigen Einfälle bekannt war, fragte einst die Königin, was er von den Frauen halte? — „Nicht viel Gutes," antwortete er; „denn es gibt nur drei ehrliche in der ganzen Welt." — Das schöne Geschlecht am Hofe erblaßte. Elisabeth fragte lächelnd: „Und die wären?" — Greenville verbeugte sich: „Eure Majestät sind die erste — meine Frau die zweite — die dritte will ich nicht nennen, damit Jede glauben kann, daß sie es selbst sei." * * * Aus der höheren Töchterschule. Lehrerin: „Wir wollen nun von den geflügelten Geschöpfen sprechen. Lieschen, nenne mir ein solches. Nun — es kommt täglich an Euer Fenster, Deine ältere Schwester liebt es so sehr. Das ist — ?" — Lieschen (freudig): „Das ist der Herr Flügeladjutant!" * * Kurze Kritik. Schriftstellerin (nachdem sie ihre verschiedenen Dichtungen aufgezählt): „Und was halten Sie für mein bedeutendstes Werk?" — Kritiker: „Zweifelsohne Ihr Mundwerk!" Redactton: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.