Nnt-r-haLtrrirgsblatt znnr Gietzenev 2lnzeigev (Gsneval-Anzeigev) 1883. ■(•j-'ä- M - H-*r- ”7*- Dienstag, den 9. Mai. Liebe um Liebe. Novelle von Carl Cassau. (Fortsetzung). IV. Am andern Tage besuchte Beate ihre Cousine in Hillershausen. Alexandrine war bedrückt, denn abermals lag eine schlaflose, qualvolle Rächt hinter ihr. Noch gestern Abend hatte sie mit der Stadtpost einen Brief von Gilzingen erhalten, in welchem derselbe auf das Unverschämteste eine Zusammenkunft mit ihr verlangte. Sie verachtete ihn jetzt, aber er besaß noch von ihr Briefe und dieser Umstand jagte ihr einen jähen Schrecken ein. Wie, wenn er diese dazu benutzte, das gute Einvernehmen, welches zwischen Lothar und ihr vielleicht noch möglich war, auf immer zu zer- stören? Wie ein Gespensterreigen traten nun Bilder vor ihre Seele, daß sie keine Minute mehr Ruhe fand. Da war ihr nun Beatens Besuch eben recht. Lothar war nicht daheim, wichtige buchhändlerische Nachrichten hatten ihn nach der Stadt gerufen. „Aber, Alexandrine," sagte nun Beate, als sie unter der Veranda Platz genommen, „wie siehst Du aus? Bist Du nicht glücklich?" Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe den besten Mann von der Welt, aber glücklich bin ich nicht." „Das begreife eine Andere, ein philosophisch geschulter Kopf!" „Du wirst es begreifen lernen. Höre nur!" erwiderte Alexandrine und sie legte ein volles Bekenntniß ab über ihr einstiges Verhältniß zu Gilzingen, Lothars Entdeckung der Briefe, ihre Krankheit und schloß: „Er ist mein Gatte vor der Welt, aber nicht mein Gemahl im Herzen!" „Und wer ist daran schuld?" fragte Beate strenge. «Wer, als Du selbst, liebe Alexandrine!" Das bestritt sie und ließ Beate einen vollen Einblick in Alles thun, so daß diese lachend ausrief: „Aber, Alexandrine, großes Kind, Du liebst ja Deinen Gatten. Sage ihm dieses doch und Alles ist gut!" „Ja, wenn ich das könnte! Zweimal ist es mißlungen und nun bringt mich der elende Gilzingen noch um mein bischen Verstand!" „So laste doch Victor kommen und mit Gilzingen reden. Da hast Du recht, Briefe darfst Du Gilzingen nicht schreiben!" „Welch' eine gute Idee, Beate! Gleich will ich Victor benachrichtigen." „Und wann erhalte ich die Nachricht, daß Du mit Deinem Gatten ein Herz und eine Seele bist?" Alexandrine erröthete wie eine Braut und meinte: „Wenn Gott und die Heiligen mich so glücklich machen, dann, Beate, sollst Du die Erste sein, welche es erfährt!" „Gut!" rief Beate und empfahl sich. An demselben Tage hatte Lothar mit der thatsächlich in Wien mit ihrem Kinde angekommenen Fioretta eine Zusammenkunft in einem Wirthshause der Vorstadt. Ec händigte ihr wieder eine Geldsumme ein und sagte streng dabei: „Aber laß mich ganz aus dem Spiele, Fioretta!" „Excellenza sollen mit mir zufrieden sein!" versicherte die Blumenverkäuferin. Auf dem Rückwege sah man Lothar lächeln. Nun mußte es bald zu einer Entscheidung kommen. Am andern Morgen erschien Victor auf Hillertshausen und begrüßte Schwester und Schwager. Er war voll Hochachtung für den Mann, der ein großes Vermögen dahingegeben, um die Ehre des Vaters feiner Geliebten zu retten. Aber Lothar hatte Wolken auf der Stirn. Sollte ihn Alexandrine nicht glücklich machen? Victor mußte doch mit ihr einmal darüber reden. Alexandrine war Victor gegenüber besangen. „Sprachst Du Mama schon?" fragte sie zerstreut. „Natürlich, gestern schon. Wie sollte ich nicht? — Höre, Alexandrine, Lothar sieht so ernst und sorgenvoll aus; Ihr lebt doch glücklich?" Sie sah ihn voll an. „Wie kommst Du zu der Frage, Victor, Du, der oberflächlichste Mensch von der Welt?" Er lächelte. „Ich verdiene Deinen Spott- — Aber ich bin jetzt ein Anderer geworden. Ich verdanke dieses Doctor Löwe!" „Ich verstehe Dich nicht!" „Du wirst es später lernen. — Du wünschst etwas von mir, Schwester?" „Aufrichtig gesagt, ja! — Du ahnst vielleicht, daß vor des Vaters Tode zwischen mir und Gilzingen ein Verhältniß bestand?" „Nein, ich ahnte das nicht! — Also ist er auch Dir ver- hängnißvoll geworden, wie er mich zum Spiel verleitet?" „Um Gottes und aller Heiligen, willen, hast Du Schulden, Victor? Hier ist Geld!" Sie legte ihm das Portefeuille hin und sagte flehend: „Bitte, spiele nie wieder!" Er wehrte mit den Händen ab und flüsterte: „Keine Sorge, er ist Alles geordnet!" „Nun, so hilf auch mir. Gilzingens Briefe sind durch einen unberechneten Zufall in Lothars Hände gekommen. Es hat ihn verstimmt, aber noch kann Alles gut werden, wenn ich meine einst an Gilzingen gerichteten Briefe zurückerhalte. Ich will ihn in der Angelegenheit nicht sehen. Will Gilzingen die Briefe nicht aus Ehrgefühl herausgeben, so biete ihm Geld an. Gilzingen hat vielleicht Schulden. Wir sind ja reich!" „Reich, Alexandrine? - Wir sind sehr arm!" erklärte Victor kühl. „Wir sind arm?" frug Alexandrine erstaunt. „So wisse denn," — Victor dämpfte die Stimme bis zum leisen Geflüster, — „daß unser Papa in der Nacht jenes großen Festes die Nachricht von einer bevorstehenden Kaffen« revtsion erhielt. Er hatte damals gerade bei Daniel Selbiger unglücklich speeulirt und ein Kaffen-Manco von einer halben Million Gulden zu decken. In der Angst vor Strafe und Schande — erschoß er sich!" „Victor, Victor, wie kannst Du das sagen?" erwiderte Alexandrine erbleichend. „Es ist die Wahrheit!" „Aber das Deficit! Wer deckte das?" „Lothar, Dein Gatte, der Dich heimlich liebte und von Doctor Löwe in's Vertrauen gezogen war, opferte ein Vermögen, uns vor der Schande zu bewahren!" Sie barg weinend ihr Gesicht in beiden Händen; sie war schon so tief unglücklich und sollte nun noch unglücklicher werden? — Victor aber fuhr fort: „Lothar ordnete Alles, er war unser guter Engel!" „O, hätte ich doch das gewußt!" preßte sie nun hervor. „Sei Deinem Manne nun aber auch Allee, er hat es verdient!" „Ja, ja, mit Leib und Seele! — Schaffe mir nur die Briefe!" „Und sollte ich sie Gilzingen im Duell abjagen!" „Nein, nein, kein Aussehen, Victor, um meinetwillen nicht. Versprich es!" „Gut, ich verspreche es, aber nur bedingungsweise, denn es ist ein Ehrenhandel und ich kann nicht wiffen, wozu ich dabei gezwungen werde. Du sollst von mir hören." Er eilte davon, kehrte aber schon Nachmittags zurück. „Nun, wie steht es?" frug ihn Alexandrine. Victor schüttelte den Kopf und sagte: „Gilzingen ist vielleicht edler, als Du denkst. Einmal nur noch will er Dich sehen und Dir die Briefe dann selbst geben. Im Posthörnel, einem kleinen Restaurant an der Donau, erwartet er Dich heute Nachmittag fünf Uhr!" „Ich danke Dir!" „Soll ich Dich begleiten?" „Nein, bleibe bei Lothar!" Bald darauf fuhr Alexandrine in der Equipage der Stadt zu. Hier mußte ein Miethwagen sie nach dem Posthörnel fahren und vor dem Garten der Wirthschaft halten bis zu ihrer Rückkehr. Muthig trat sie ein. In einer Laube traf sie Gil- zingen. „Haben Sie meine Briefe bei sich?" fragte sie rasch. „Allerdings, gnädige Frau 1" entgegnete Gilzingen mit einer Verbeugung. „ t . „Sie wollten mich nicht sehen, Sie wollten aus den Briefen Vortheil ziehen; das konnten Sie natürlich Victor nicht gestehen!" „Ich bewundere Ihren Scharfsinn, Frau Hiller! Sie lächelte verächtlich und warf das Portefeuille auf den Tisch: „Hören Sie mein letztes Wort! Hier liegen zweitausend Gulden. Geben Sie mir dafür meine Briefe oder ich fage meinem Gatten Alles!" „Alles, auch das Geheimniß des ersten Kufles? „Unverfchämter!" Er zuckte die Achseln. „Nehmen Sie an?" fragte sie ungeduldig. „Unter einer Bedingutfg." „Und die wäre?" „Geben Sie Ihr Ehrenwort, nie über diesen Handel sprechen zu wollen!" „Ich gebe es!" Er verbeugte sich, holte die Briese aus seiner Attila hervor und steckte das Portefeuille dafür ein. Alexandrine hatte die Briefe schnell überzählt, sie zerriß sie in Atome, warf sie Guido vor die Füße und sagte fest: „Jetzt verachte ich Sie vollständig." Er zuckte die Achseln abermals und rief nach seinem Pferde, während sie in der Miethdroschke der Stadt zueilte. Guido sandte ihr Flüche und Verwünschungen nach. Nicht lange hielt sich Alexandrine in der Stadt auf. Sie gab Befehl zum Anspannen, machte noch einen kleinen Einkauf bei der Modistin und fuhr nach Hillershausen hinaus. Drohend zog gerade ein starkes Gewitter am Himmel herauf. Schon begegnete ihr Victor zu Pferde, da er nach dem Reglement im Falle eines Gewitters auf feinem Posten in der Kaserne sein mußte. „Ist es geglückt?" fragte er ängstlich. „Es ist Alles geordnet," gab sie zurück. „Aber hüte Dich vor ihm, Victor, er wird Dich Haffen um meinetwillen!" „Bah," lachte er, „ich fürchte ihn nicht. Auch weiß er, daß ich im Pistolenschießen und Fechten sein Meister bin. — Glück auf, Schwester!" Hochaufathmend betrat Alexandrine beim grellen Zucken der Blitze den Salon der Villa. Lothar stand am Fenster und sah den Blitzstrahlen zu, wie sie im Zickzack Jbie Wolken durchschneidend in die Erde fuhren. Erschöpft war sie aus's Sopha gesunken, als ein greller Blitzschlag vom Himmel herabfuhr, als wolle er die ganze Erde mit seinem Feuer verzehren. In demselben Moment ertönte auch schon ein Donner, so lang, so laut, so hohl, als stürzte das Weltall ein. „ . Jetzt sehnte sich das Epheu nach der starken Eiche. „Lothar!" rief sie, allen Muth zusammenraffend. Er wandte sich geisterhaft bleich um und Besorgniß durch, zitterte seine melodische Stimme, als er fragte: „Alexandrine, was hast Du?" Sie streckte beide Arme nach ihm aus, sie erhob sich und fiel ihm zu Füßen, indem sie feine Kniee umschlang und schluchzte laut auf. Er suchte sie emporzuziehen, aber sie rief: „Nein, Lothar, laß mich liegen- Ich bin ganz und gar am richtigen Platze. O Lothar, laß mich nicht verzweifeln! Einst versprachst Du mir Aufnahme an Deinem Herzen, wenn ich käme, Dir zu sagen, daß ich ganz Dein sei!" Er hatte sie längst an sein Herz emporgehoben und flüsterte: „Und Du kommst so?" Sie umschlang ihn und erwiderte: „Fühlst Du es denn nicht? Warum hast Du es mir denn auch so schwer gemacht, Dir zu sagen, daß Dir mein ganze« Herz, meine ganze Seele, mein ganzes Ich gehört? Warum hast Du es mir so lange verschwiegen, daß Du uns Namen und Ehre gerettet? Schon in Venedig bettelte ich Nachts vor Deiner Thür um Deine Liebe und ward krank vor Schreck und Scham, als ich Dein Zimmer leer fand! In Rom war ich, eine Büßende, auf dem Wege zu Dir, aber der Mutter Dazwischenkunft scheuchte mich zurück. O, Lothar, Lothar, jetzt steht nichts mehr zwischen uns; ich will Dein Weib, Dein liebendes, hingebendes Weib sein!" Er konnte vor Bewegung nichts antworten, er zog sie nur fester an sich und küßte sie glühend; heiße Thränen fielen aus feinen Augen auf ihre Stirn. Das Unwetter hüllte sie beide in Finsterniß ein, die grellen Blitze durchschnitten die Luft und dazu donnerte es, als wollte der Himmel einstürzen. Als er sich in sein unerwartetes Glück gefunden, da flüsterte er ihr leise kosende Worte zu, sie aber ruhte auf dem Sopha an seiner Brust und gestand ihm verschämt: „Du böser, lieber Mann! Lange schon liebe ich Dich so heiß, so innig wie eine junge Braut!" Als das Gewitter ausgetobt und strahlend ein Regenbogen am Himmel stand, öffnete er die Fenster und sah, sie umschlungen 215 - haltend, mit ihr in die blendende Sonne und zu dem prächtigen Farbenspiel des Himmels aus, indem er leise sagte: „Siehe, Alexandrine, so schön und harmlos soll auch unser zukünftiges Leben sein! Erst jetzt eben haben wir, dünkt mich, wirklich Hochzeit gemacht!" Er klingelte und befahl dem eintretenden Diener: „Laß anrichten und setze Champagner auf! Es ist Festtag, auch für Euch I" Am andern Morgen sandte Lothar zahlreiche Einladungen zur Mittagstafel an Collegen in der Stadt, seine Equipage holte Frau von Eppinger, Victor und die Familie Löwe herbei und beim glänzenden Diner ward es allen Anwesenden klar, daß in Alexandrine von Eppinger der Dichter Lothar seine andere, ergänzende Hälfte gefunden, daß er unaussprechlich glücklich war- Als Guido von Gilzingen bei einer Krümmung der Landstraße den Wagen erblickt hatte, welcher Alexandrine davonführte, hob er drohend die Faust empor und murmelte: „Das sollst Du mir büßen, stolze Brunhild! Ich will Dich verfolgen, Dein böses Prinzip sein, und über Deinen Siegfried sollst Du noch weinen lernen!" Guido jagte eine zeitlang wie toll dahin, dann wieder ritt er langsam und murmelte: „Ich habe ihr allerdings auch böse mitgespielt! Aber konnte ich anders? Saß mir das Meffer nicht am Halse? — Sie ist reich und ich bin tief verschuldet. Was sind ihr die paar Gulden? — Ich blöder Thor, die reiche Erbin nicht festzuhalten!" Wie kam es, daß sich in diese Gedanken Gilzingens plötzlich das Bild eines schönen Mädchens mischte, welchem er einst auf einer Urlaubsreise im sonnigen Apenninenland Treue geschworen? Ihm schauderte trotz der Hitze. Und da stieg auch am Himmel ein Gewitter auf; rasch also heim! Aber hier harrte seiner eine sehr unliebsame Ueberraschung: Fioretta mit ihrem Carlo. Sie kauerte, dank der Mittel Lothars übrigens anständig gekleidet, in der Einfahrt der Kaserne und als Gilzingen hereinsprengte, fiel ihm Fioretta in die Zügel und rief: „Guido, theurer Mann!" Und der kleine Carlo rief: „Vater, mein Vater!" Guido stutzte. Rasch sah er sich um. Noch hatte sie Niemand bemerkt. Entschlossen stieg er ab und übergab sein Pferd einem Burschen, der eben über den Kasernenhof schritt, mit der Weisung, sür das edle Thier ja alle mögliche Sorge zu tragen, dann erst wandte er sich schmeichelnd zu Fioretta und dem Knaben und brachte sie in ein entlegenes Wirthshaus, wo er für ihr Unterkommen Sorge trug. Wer kennt nicht die unergründliche Tiefe eines liebenden Frauenherzens? Angesichts der zur Schau getragenen Liebe vergab Fio- retta dem Treulosen alles Vorgefallene und Carlo spielte jauchzend mit dem Papa in der schönen rothen Uniform. Gilzingen heuchelte Liebe, er baute mit Fioretta Luftschlösser, er schien sich von Carlo nicht trennen zu können; inwendig aber verfluchte er den Zufall, der ihm dieses Weib in den Weg geführt- Nach ein paar Tagen hatte er Fioretta ihr Geheimniß abgeschmeichelt und er wußte, daß er dieses Alles Lothar zu danken hatte- — Fürchterliche, entsetzliche Rache schwur er dafür dem Dichter. Die Entscheidung aber sollte srüher kommen, als er selbst gedacht. (Schluß folgt.) Einiges üöer den Kuckuck. (Vortrag in der Ausschußsitzung des hiesigen Thierschutz-Vereins.) Schon bereits nahezu an fünfzig Jahren habe ich mich in den Wäldern Gießens und in denen der Umgegend bemüht, einen Kuckuck zu Gesicht zu bekommen; allein es ist mir bis jetzt nicht gelungen, denselben in der Natur zu beschauen, und da dies bei recht vielen anderen Menschen auch der Fall sein dürfte, so darf ich wohl getrost behaupten, daß kein anderer Vogel so selten gesehen und so ost gehört wird als der Kuckuck- Sein Geschrei dringt manchmal so laut zu unfern Ohren, daß man glaubt, den Vogel ganz in der Nähe zu haben, allein wenn man dem Schalle nachgeht, so zieht sich der scheue Kuckuck, der die Nähe des Menschen nicht zu lieben scheint, in das Dickicht zurück. Und doch hören die Menschen so gerne fein Geschrei nicht nur, weil sie seinen Ruf als ein Zeichen des nahenden Sommers erachten, sondern auch weil namentlich die Forstbeamten den Kuckuck von allen unfern einheimischen Vögeln als den wichtigsten Raupenfresser begrüßen. Leider kommt er nicht soMufig vor, als es zu wünschen wäre. Für die Wälder aber, welche er vorzugsweise besucht, ist er — man darf wohl getrost sagen — unentbehrlich. Denn kein anderes Thier kann ihn ersetzen, weil eben kein anderes die Nahrung zu sich nehmen kann, welche der Kuckuck mit großem Behagen verzehrt. Zwar vertilgt er auch, wie andere Insektenfresser, glatte Raupen, sein unendlich großer Nutzen besteht jedoch in der massenhaften Vertilgung der bekannten großen, behaarten Raupen. So frißt er demnach diejenigen des überaus schädlichen Nonnenschmetterlings, des Prozessionsspinners, des Fichtenspinners, der Glucken u. a. m-, welche kein anderer Vogel zu verzehren und zu verdauen vermag. Da er aber, meine Herren, wie Sie sehen, ein ziemlich großer Vogel und noch dazu sehr gefräßig ist, so ergibt sich daraus wohl von selbst, welche Massen benannter Raupen, die sich oftmals als wahre Waldverwüster erweisen, er zu seiner Sättigung braucht. Ein tüchtiger, in der Vogelwelt erfahrener Oberförster erzählte mir, daß es ihm aus einiger Entfernung mit einem Opernglas vor den Augen gelungen sei, einen Kuckuck in einem Revier seines Waldes, das sehr von Raupen heimgesucht war, mehrere Tage genau zu beobachten, und er habe dabei die Wahrnehmung gemacht, daß ein Kuckuck in einer Minute etwa vier bis fünf Raupen verschlungen- Nehmen wir auf eine Minute nur deren drei an, so beträgt dies bei einer Tagesdauer von sechszehn Stunden — während welcher, er um seinen gräßlichen Hunger zu stillen, immer thätig sein muß — 2880 Stück. Es ist dies gewiß eine hübsche Anzahl schädlicher Raupen, denen der Kuckuck täglich das verwüstende Handwerk einstellt und die Menschen müssen daher alles thun, um diesen Freund unserer Wälder uns zu erhalten und ihn vor allen Nachstellungen zu schützen- Trotz all dieses Nutzens hat der Kuckuck noch gar manchen Feind unter den Menschen. Die Unwissenheit und der Aberglauben, der heute noch viele Menschen befangen hält, haben ihm mancherlei angedichtet und vorgeworfen, was aber von vornherein ein jeder vernünftige Mensch nur für einfältige, dumme Fabeln halten muß. So gibt es heute noch ältere Frauen und auch Männer, die erschrecken — man sollte es kaum sür möglich halten — wenn sie das Geschrei des Kuckucks eines Tages zum erstenmale hören; sie zählen ängstlich die Rufe desselben, weil sie glauben, so oft er jetzt rufe, foviele Jahre haben sie nur noch zu leben. Vernehmen sie zufällig der Rufe nur wenige, so brechen manche in ein lautes Wehklagen und Jammern aus, was vor einigen Jahren in meiner Gegenwart vorgekommen ist. Ferner wird ihm vorgeworfen, daß er kleineren Vögeln die Jungen raube, daß er die Eier des Nestes, in das er eins seiner Eier lege, austrinke, daß er seine Stiefgeschwister verzehre, und daß er sich im Herbste in einen Raubvogel (Sperber) verwandle und dann erst recht viele Räubereien an kleineren Vögeln ausführe. Alle diese dummen Vorwürfe sind in der eigenthümlichen Lebensweise und der dem Sperber ähnlichen Färbung begründet. Es ist doch allgemein bekannt und allerdings im Reiche der Vögel etwas Unerhörtes, daß der Kuckuck nicht ein eigenes Nest baut, ferne Eier nicht selbst ausbrütet, seine Jungen nicht selbst versorgt, sondern seine fünf bis sechs Eier in Zwischenräumen von etwa acht Tagen in die Nester der Bachstelzen, Grasmücken, Meisen u. a. insektenfressender Vögel legt- Bei dieser Gelegenheit läßt er aber, was ganz bestimmt nachgewiesen ist, die im Neste befindlichen Eier ganz unversehrt. Das Kuckucksei wird von der Stiefmutter sorgfältig mit den eigenen ausgebrütet. Da aber der junge Kuckuck schneller wächst, als seine Stiefgeschwister, 216 - so nimmt er bald de» kleinen Raum des Nestes für sich allein in Anspruch; er schnappt den Andern das Futter vor den Schnäbeln weg, er drängt sie aus dem Neste und sie müssen leider verhungern. Von einem Auffressen derselben kann also durchaus keine Rede sein und auch davon nicht, daß er sich im Herbste in einen Sperber — wozu doch eine große Dummheit gehöre — verwandele. Es läßt sich also nicht leugnen, daß der Kuckuck durch die Vernichtung anderer Vogelbruten im Haushalte der Natur als schädlich erscheint. Allein bedenkt man seine oben geschil- derte, überaus wichtige Thätigkeit, bedenkt man ferner, daß ein einziger Kuckuck mehr und noch dazu viel schädlicheres Ungeziefer vertilgt, als sechs bis acht der kleineren Vögel zusammen, so muß man doch zugeben, daß der Schöpfer gleichwohl auch hier eine weisliche Einrichtung getroffen hat, und die Menschen müssen den Kuckuck als einen höchst nützlichen Vogel erachten und ihm daher Schonung und Hegung zu Theil werden lassen. Gießen, im Mai 1893. Curschmann. GeineiirnLWses. Wie Deine Nase ftische Luft in den Körper schaffen soll, so laß durch die Lungen der Wohnung — das sind die geöffneten Fenster — das Lebenselement „Luft" in reichlichen Strömen in Deine Zimmer fluthen- Es ist dies die einfachste und natürlichste Lufterneuerung — Ventilation. — Die hereingelassene Luft muß aber frisch und rein sein. Zum Waschen nimmst Du ja auch kein schmutziges Wasser. Umtopfen und Arbeiten mit Erde überhaupt erzeugt rauhe Hände. Etwas Borax dem Waschwasser beigesetzt, beseitigt bald diese Erscheinung. ♦ Orchideen. Nach dem Verpflanzen müssen sämmtliche Orchideen mit großer Vorsicht begossen und behandelt werden. Sobald sie jedoch anfangen, frische Wurzeln zu machen, braucht man nicht mehr so ängstlich zu sein und kann mit der Entwicklung des jungen Triebes die Feuchtigkeit bedeutend gesteigert werden. Frisch eingelegte Knollen von Begonien, Gloxinien, Canna soll man nicht sofort angießen, man darf sie überhaupt erst wenn sie treiben nach und nach anfeuchten, denn sie ge- brauchen kein Wasser, bevor sie Triebe haben. Es wird durch Trockenhalten dem Verfaulen der Knollen am besten vorgebeugt. * ♦ ♦ Anstrich für Gartenbänke. Man nimmt gereinigten Graphit, Kautschuck und Schellack, verbindet die Stoffe mit etwas Bleizucker und reibt die Maffe schließlich mit Lein- und Terpentinöl zusammen. Dieser Anstrich bewährt sich gegen alle Wttterungseinflüsse und ist besonders wegen seiner langen Dauerhaftigkeit sehr beachtungswerth. ♦ Ernaillirtes Kochgeschirr wieder hell zu machen, ohne daß die Glasur darunter leidet. Man thut für etwa drei Pfennige Pottasche und ebensoviel Chlorkalk zusammen in den dunkel gewordenen Topf, gießt drei Liter Wasser hinzu und stellt dm Topf eine Zeit lang an einen warmen Ort. Das Geschirr wird wieder klar und rein. * ♦ * Ein vorzügliches Räucherungsmittel in Krankenzimmern ist gemahlener Kaffee, von dem man einige Messerspitzen voll auf Kohlen wirft. — Gemahlener Kaffee wird auch mit Vortheil zur Conservirung von Wildpret und anderem Fleisch angewendet, indem man dasselbe damit bestreut. Vermischtes. Das europäische Weib, seine Tugenden und Fehler, bespricht der bekannte Florentiner Gelehrte Paolo Mantegazza in einem Feuilleton der „F. Z." Zwei Faktoren sind nach Mantegazzas Ansicht hauptsächlich geeignet, auf den ethischen Character der Frau Einfluß zu nehmen: die Religion und die größere oder geringere Freiheit, die dem Weibe gewährt wird. Die prostetantische Familie ist ein günstigerer Boden sür die normale und gesunde Entwickelung der weiblichen Individualität, als die katholische, und größere Freiheit des Weibes verbürgt größere Tugendsicherheit. Die Palme der Schönheit gebührt nach Mantegazza der Spanierin. Sie ist herrlich schön, berauschend schön. Sie hat sehr kleine Hände und Füße, große Augen, wie die geöffneten Fenster eines Palastes aus parischem, sonnengebräuntem Marmor, blendende Körperformen voll Reiz und Leben, schwarzes, langes, üppiges Kopfhaar. Im übrigen religiös, sehr unwissend, sehr eifersichtig, empfindlich, nachlässig und stolz. — Das italienische Weib ist von mancherlei Typus. Sinnlich geschmeidig, mit keltischer Nase in der Lombardei, tizianischblond, und marmorbleich in Venedig, majestätisch und marmorn in Rom, sehr griechisch in Neapel und Palermo — so bietet es alle Schönheiten der europäischen Erde. Es ist kunstsinnig, leidenschaftlich, bescheiden, aber unwissend und wenig treu. — Die Deutsche ist wenig graziös, aber kräftig und widerstandsfähig gegen die Einwirkung der Zeit und der Gefühle. Blond, blauäugig, mit weißer Gesichtsfarbe, besser zur Gattin als zur Geliebten tauglich, mehr Frau als Weib, naiv, gutmnthig, fleißig, eine vortreffliche Hausfrau und Mutter, bedeutend gebildeter, als alle übrigen europäischen Frauen. — Die Engländerin ist die Schönheit selbst in allen ihren Haltungen und Bewegungen und ihrer ganzen Allmacht. Ihr Haar zeigt den Schimmer des Goldes; sie hat himmlische Augen, Pfirsichtetnt, eine edelgeformte Nase, vollkommen schöne Zähne. Sie ist zurückhaltend, ein bischen hypochondrisch, aber thätig, keusch; Sklavin der Etikette. — Die Russin ist ein orientalisches, zu früh nach Europa verpflanztes Weib; sie vereinigt in sich die furchtbar verführerischen Reize des wilden und de» civilisirten Weibes. — Die Französin ist Katze und Schlange, Palme und Veilchen, voll Grazie, auch wenn sie nicht schön ist, stet» dreifach Weib und dreifach entzückend; die kleine impertinente Nase, die zarten Körperlinien, der wunderschöne Mund machen sie zur anbetungswürdigen, t>egehren»werthen Verführerin. Sie ist liebenswürdig, unübertrefflich kokett, zumeist untreu- Das Marterl. Auf dem Felde des Schwarzwaldbauern Hannesle steht ein Marterl, das heißt ein Kreuz, das zum Gedächtniß an ein Unglück, welches sich auf der Stelle zutrug, errichtet worden ist. „No", fragt der Jacob den Hannesle, „für wen häsch denn des Krizli mache Io?" — „Des ifch für mei Weib." — „Dei Weib lebt ja noch!" — „Aber do Han i fe kenne g'lernt-", Blafirt. „Du willst Dich scheiden lassen, Emma?" — „3a." — „Warum denn?" — „Nun, es ist nachgerade langweilig, immer denselben Namen zu schreiben." ♦ ♦ Ach so. „Sieh' doch dieses Schlachtroß." — „Was, der dürre Klepper ein Schlachtroß?" — „Nun ja, ein Roß zum Schlachten." • Ja so! „Du, Ede, ich koofe mir jetzt 'n Pferd!" — „Du? Hast ja keen Geld! Wie koofste Dir denn bet?" — „Na, pfundweise I" 1 * ♦ ♦ Je nachdem. Herr: „Na, Johann, Du stehts ja hier so lange, Du hast gewiß recht großen Durst?" — Johann: „Das kommt ganz auf Sie an, Herr." Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.