Nirterchaltrrngsblatt 311m Gietzenev Anzeiger» (Genevnl-Anzergev) Nv. 29 1893 Donnerstag, den 9. Marz. Tante Hannas Geheimniß. Original-Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung). Hanna ging hinaus, während Armgard langsam im Zimmer umherschritt. Das sonst so blühende Antlitz war leichen- blaß, um die festgeschloffenen Lippen lag ein herber Zug, der sie um ein paar Jahre älter erscheinen ließ und aus den freundlichen braunen Augen blitzte es wie Menschenverachtung und Haß. Tante Hanna kehrte zurück. Sie ergriff Armgards Hände und zog sie sanft nach dem Sopha, wo sie sie in eine Ecke niederdrückte. Dann zündete sie die Lampe an und ließ sich an ihrer Seite nieder. „Sie haben Alles mit angehört, Kind?" „Ich mußte wohl, da mir jeder Ausweg verschloffen war," lautete die bittere Antwort. „O nein, Herzchen, die Rothwendigkeit lag gerade nicht vor. Sie konnten durch die Hofthür in mein Obstgärtchen gehen, da ich leider nur den einen Ein- und Ausgang habe. Aber natürlich blieben Sie hier, um sich von diesem Igel von Maler noch tiefer verwunden zu lassen. Was man nicht weiß, das —" „Ja, ja, Tantchen, ich blieb aus Neugierde, es ist ganz gut, zu^'wiffen, was Andere über uns denken und urtheilen, weil das die Demuth weckt. Die Lehren dieses stachlichen Igels waren schmerzhaft, aber doch gut. Es ist nur gar zu demüthigend, daß die Welt und dieser Mensch von mir glauben können, ich hätte um seinetwillen nicht geheirathetl — Das könnte mich noch heute zu einem verzweifelten Entschluß bringen." „Meine beste, einzige Armgard!" bat Hanna, den Arm um sie legend, „verachten Sie das Geschwätz der Welt, wie Sie es stets gethan. Mag der Elende doch kommen, für den Sre sicherlich Verachtung empfinden. — Oder," setzte sie er» f$te(It Jinju, als sie sah, wie das blaffe Gesicht sich mit einer tiefen Gluth bedeckte, „sollte ich mich geirrt haben und Ihr Herz noch immer für ihn empfinden?" Armgard legte den Kopf an ihre Schulter und brach in Thränen aus. , „ »Verachten Sie mich, Tante Hanna," sprach sie endlich leise, mit Anstrengung, „ich habe in all' den Jahren nur zu oft an ihn gedacht und mein Gewissen im Hinblick auf seine armen Eltern mit dem Gedanken beruhigt, daß er glücklich ge- worden und daß ich die Begründerin seines Glücks gewesen. Ach, Tante, ich liebte ihn so sehr, der alte Igel hatte ganz recht gesehen mit seinen scharfen Maler-Augen. Als ich ihn in Köln wiedersah, schöner noch als früher, da fühlte ich die alte Liebe erwachen in ihrer ganzen Stärke und der Gedanke, daß er frei sei, daß er noch jetzt mein werden könne, versetzte mich in einen Rausch des Entzückens. Dann kam ein jähes Erwachen, ich merkte die Absichtlichkeit seiner Annäherung, hörte ungesehen von ihm, wie er meine Freundin über meine Vermögens-Verhältnisse und mein einsames Leben ausforschte, sah den Triumph in seinen Augen und empfand mit Widerwillen das berechnete Entgegenkommen seines dresstrten Kindes. Ent» setzt entfloh ich, um soeben anzuhören, daß er mir auf dem Fuß gefolgt, daß der Elende sich mit meiner Schwäche brüstet, daß die Welt mein innerstes Geheimniß an s Tageslicht zerrt, um der Närrin zu spotten, welche als alterndes Mädchen noch auf Glück zu hoffen wagte, während der kluge Freier nur ihr Hab und Gut will, um sie als Ballast dann bei Seite zu werfen. Tante Hanna, wohin soll ich mich flüchten vor der Welt und der eigenen Scham?" Die Greisin blickte einen Augenblick sinnend vor sich hin, wobei eine tiefe Wehmuth um die blassen Lippen zuckte. Dann streichelte sie die Wangen ihres Lieblings und versetzte in ihrer milden, ruhigen Weise: „Ich möchte Ihnen wohl die Geschichte einer Freundin erzählen, welche in der Jugend- zeit Freud' und Leid mit mir theilte und sozusagen mein zweites Ich war. Doch ist es heute Abend zu spät geworden, weshalb ich Ihnen einen Vorschlag mache, meine liebe Armgard! Schicken Sie den Conrad wieder nach Hause und bleiben Sie diese Nacht bei mir. Morgen früh, wenn die Vögel erwachen und die Rosen ihre Kelche öffnen, wenn die Pfingstsonne uns begrüßt, dann werden auch Sie ruhiger sein und die Geschichte meiner Freundin wie eine heilige Offenbarung in sich aufnehmen. Ja, schauen Sie mich nur verwundert an, die alte Tante Hanna trägt immer noch ein Stück Poesie in ihrem Herzen und kann sich mit dem nüchternen und ost recht widerwärtigen Realismus der heutigen Jugend, die für nichts weiter schwärmt als für Erwerb und Genuß, nun einmal nicht befreunden." -,Jch bleibe hier, Taute Hanna, um die Geschichte Ihres zweiten Jchs zu hören," sprach Armgard gefaßt. „Wollen Sie dem Conrad Bescheid sagen?" „Er wird soeben gekommen sein, ich gehe schon, mein Kind I" Hanna ging, um den Kutscher fortzuschicken, Garten und Haus zu verschließen und der alten Kathrin einige Anordnungen zu ertheilen. Dann kehrte sie zu Armgard zurück. 114 „Tante," sprach diese, „ich möchte die Geschichte jetzt gleich hören." „Nein, mein Kind, ich bin an ein regelmäßiges Leben gewöhnt und muß um zehn Uhr im Bett liegen. Das ist mein Recept. Die Ruhe des Herzens, das Gleichgewicht der Seele in jeder Lage des Lebens bewahren, weder Leidenschaft noch Unglück und Leid Herr über sich werden lasien, darin besteht das Geheimniß meines frohen Alters. — Und nun kommen Sie, mein Herzchen, daß ich Sie in Ihr Schlafkämmerlein führe." Arm in Arm begaben sie sich zur Ruhe, Tante Hanna plaudernd und scherzend, Armgard schweigend und nachdenklich. „Der jetzige Besitzer von Rotenhof scheint ein recht verständiger junger Mann zu sein," bemerkte Armgard, als Hanna ihr gute Nacht sagte. „So scheint es, wisien kann man es nicht, denn wer kennt die Männer ausl" „Freilich, zuerst schien ihm der Besitz Gewiffensbisie zu verursachen," meinte Armgard spöttisch, „so daß man glauben mußte, er wolle denselben um jeden Preis los sein, bts der Maler ihm ein Licht aufgesteckt, wie er jetzt sein zartes Gewissen erleichtern könne, da bekannte er Farbe —" „Na ja, freiwillig oder gezwungen etwas thun, ist ein verschieden Ding, liebe Seele! Ich müßte den jungen Marbach verachten, wenn er sich in solch' ungerechtfertigter Weise aus seinem Eigenthum verdrängen ließe. Das sieht dem kecken Herrn Julius ganz ähnlich, sich so mir nichts dir nichts in das warme väterliche Nest, das fremder Fleiß wieder aufgebaut, hineinsetzen zu wollen. Gott sei Dank aber herrschen im Deutschen Reich keine amerikanischen Zustände." Sie küßte Armgard mit mütterlicher Zärtlichkeit und begab sich in ihre Kammer, wo sie sich stilllächelnd entkleidete und sich zur Ruhe begab, während die junge Erbin ihr Licht auslöschte, die Gardine zurückschlug und das Fenster öffnete, um den berauschenden Duft der Frühlingsnacht einzuathmen und der Nachtigall zu lauschen. Als sie endlich ihr Lager aufsuchte, war ihr Gesicht von Thränen feucht und ihr Herz müde zum Sterben. ♦ * * Tante Hanna wanderte schon früh zwischen ihren Rosen umher, hier und da ein welkes Blatt entfernend, oder ein schwaches Reis festbindend. Sie hatte nicht nutztlos gewacht wie Armgard, sondern fest und ruhig geschlafen, weshalb die Augen klar in Gottes schöne Schöpfung hinausschauten und die kleine Gestalt kerzengerade in jugendlicher Rüstigkeit sich umherbewegte. Die Vöglein jubilirten zu Gottes Ehre und nun erklang auch schon das erste Geläute hoch und hehr durch die stille Morgenluft. Da öffnete Armgard ihr Fenster und spähte unruhig hinaus. Sie sah bleich und übernächtig aus, die sonst so klaren Augen waren trübe und leicht geröthet. „Hm, das sieht nicht gut aus," dachte Tante Hanna bei ihrem Anblick, „sitzt der gottlose Bursche ihr wirklich so fest noch im Herzen? Das wäre böse, sehr böse!" „Ei, ei, wann sind wir eine Langschläferin geworden?" rief sie ihr zu- „Wir haben nicht lange Zeit, mein Herzchen, da ich die Kirche nicht versäume." „Ich begleite Sie, Tantchen, bin in zwei Minuten bei Ihnen." Hanna ging in's Haus, um den Kaffee zu besorgen, und nach wenigen Minuten saß Armgard ihr gegenüber auf der Veranda, ungeduldig der versprochenen Geschichte harrend. „Keinen Appetit, Kind, wahrscheinlich schlecht geschlafen," bemerkte Hanna kopfschüttelnd, „gebrauchen Sie mein Recept, — wäre noch schöner, der boshaften Welt urplötzlich ein solches Gesicht zu zeigen." „Bah, Tante Hanna, ich habe mir selber schon ein anderes Recept verordnet," versetzte die junge Dame mit ent- schloffener Miene. „Ich werde mich heute noch verloben." „Ganz gut, Kind — Sie haben ja über ein langes Register von Freiern zu verfügen. Steht Herr Julius Steindorf darauf?" „Nein —" „So ist der Glückliche schon bestimmt?" „Nein, Tante Hanna, scherzen Sie nicht, es ist mein hei» liger Ernst," rief Armgard heftig. „Mit solchen wichtigen Dingen pflege ich nicht zu scherzen, Fräulein Armgard Holten! — Ich habe schon mancher Braut zu ihrem Besten gerathen, schon manche vor lebenslangem Unheil bewahrt, da es kein größeres Unglück auf Erden gibt, als eine unpassende Ehe. Sie sind entschloffen, sich mit dem ersten besten Freier zu verloben, um das eigene rebellische Herz vor der Verbindung mit einem Unwürdigen zu bewahren. — Ist es nicht so?" Armgard preßte die feinen Lippen zusammen und nickte dann trotzig. Tante Hanna sah sie bekümmert an, ergriff ihre Hand und begann die Geschichte ihrer Freundin zu erzählen. „Sie hieß Johanna wie ich und war mit zwanzig Jahren ein recht leidlich hübsches und verständiges Mädchen, weil ihre Kindheit im Feuer der Trübsale geläutert worden war- Ihr Vater war Offizier, er hatte die Befreiungskriege mitgemacht und war ein harter, jähzorniger Mann, ungerecht und grausam gegen seine engelsgute Frau und seine Kinder, die ihn - fürchteten unv vor ihm zitterten. Da er als Lebemann und eingefleischter Egoist nur an sich selbst und seine kostspieligen Genüsse dachte, so war von seiner Gage nur wenig für die Familie übrig und die unglückliche Frau, welche vor ihrer Ver» heirathung bei der Fürstin am Hose der Wiener Residenz, wo meine Geschichte spielt, gewesen und von der Durchlaucht stets bevorzugt worden war, erhielt auf ihre Bitte lohnende Nähereien vom Schlosse, welche sie mit der ältesten Tochter Johanna ebenso heimlich anfertigen mußte, damit der gestrenge Gemahl von dieser Erniedrigung nicht die leiseste Ahnung erhalte. So verging die Kindheit meiner Freundin freudlos und sorgenvoll, als Vertraute ihrer armen Mutter zu früh schon des Lebens Nachtseiten kennen lernend. Da trat ein Mann in ihr Leben, der verhängnißvoll für ihre ganze Zukunft werden sollte. Es war ein junger, bildhübscher Mann, der einzige Sohn einer mit Johannas Vater befreundeten reichen Gutsbesitzers. Er sollte, weil er ein Wildfang war, seine Militärzeit abdienen, um Discipliu unter der strengen Fuchtel seines Vorgesetzten zu lernen. Seine Eltern hatten Johanna zu sich auf ihr schönes Gut eingeladen, wo sie zum ersten Male das Glück kennen lernte und sich die Zuneigung ihrer reichen Gastgeber gewann- Kurz und gut, woran das arme Mädchen in ihren kühnsten Träumen nicht gedacht, das sollte zur Wirklichkeit jetzt werden, die Eltern hatten ihren Karl für sie bestimmt und ihr Vater seine Einwilligung dazu gegeben. Ihre Mutter war bei der ganzen Geschichte weder zu Rathe gezogen noch um ihre Einwilligung gefragt worden und doch war sie die Einzige, welche mit klarem Blick das kommende Unheil für ihr armes Kind in dieser Verbindung sah, da der Reichthum sie nicht verblendete, der Character des Bräutigams ihr aber keine Gewähr für das Glück ihrer Tochter zu geben vermochte- Johanna schwamm in einem Meer der Wonne, da Karl sich ohne Widerstreben die Braut gefallen ließ, weil er die Eltern gerade in jener Zeit nicht erzürnen durfte. Die Aerrnste hörte nicht auf die verstohlenen Warnungen der Mutter, ja, sie wurde in ihrem Innern sogar gehässig gegen sie, da sie glaubte, daß die Mutter ihr aus Eigennutz das Glück nicht gönne. Natürlich wurde sie von der Welt beneidet und ihr auch hin und wieder eine Aeußerung des Bräutigams hinterbracht, der die Hochzeit gern noch zehn Jahre weiter hinausgeschoben hätte. Als seine Militärzeit zu Ende war, setzte sein Vater den Hochzeitstag fest. Am Polterabend aber geschah etwas Schreckliches. Der Bräutigam war die letzten Tage schon sehr unruhig und zerstreut gewesen, an diesem Abend jedoch so auffällig rücksichtslos gegen seine Braut, daß es selbst dieser arglosen Seele auffiel, wie vielmehr mcht den fremden Gästen, die sich schadenfroh anstießen, sowie den Eltern, die ihn unruhig und vorwurfsvoll anblickten. Nur der 115 auf aber und Ich nicht „Ist Ihre Geschichte zu Ende, Tantchen?" fragte Armgard leise. „Noch nicht ganz, mein Kind," versetzte Hanna, sich rasch fassend, „die Geschichte enthält noch eine weise Lehre, da dieselbe bis hierher ein wenig der Ihrigen glich, meinen Sie nicht?" Armgard nickte. „Blieb Johanna auch unverheirathet?" „Sie that es und zertrat damit frevelnd ein treues Herz, weil sie nur auf die glänzende Außenseite geschaut und das gleißende Bild vergänglicher Schönheit für das wahre Glück des Lebens hielt. Es war da nämlich ein Nachbarssohn, ein lunger Kaufmann, welcher schon als Knabe mit Johanna ge- spielt und die Schritte des Kindes behütet, späterhin auch, wie sre erst nach vielen Jahren erfuhr, im Geheimen manche Sorge von ihrem Haupte gewandt hatte, ohne daß sie jemals eine Ahnung von dieser stillen, aufopfernden Liebe gehabt, — dieser Mge Mann, welcher Lorenz hieß, war nicht hübsch, aber tüch- ng in fernem Geschäft, sehr unterrichtet und gebildet und ein durch und durch ehrenhafter Character. Er hatte es niemals gewagt, dem Gegenstand seiner treuen Liebe seine Gefühle zu offenbaren, mochte auch wohl den stolzen Vater fürchten, genug, als er das blühende Geschäft seiner Eltern, welche rasch hinter einander starben, übernahm, hatte sich Johanna just verlobt und Lorenz verbarg sein Herzeleid vor der Welt, fest entschlossen, unvermählt zu leben und zu sterben. Als sich die so viel be- neidete Herrath mit dem reichen Gutsbesitzer nun aber zerschlug, Wieder schwieg Tante Hanna eine Weile und sagte dann leise: „Die Geschichte ist zu Ende, mein Kind! Lernen Sie daraus, daß es nichts Thörichteres gibt, als den Ersten, Besten heirathen zu wollen, um sich zu rächen, da eine solche Kette sicherlich der Galeerenstrafe gleichkommen würde, daß man sich aber auch nicht von der Außenseite blenden lassen, sondern den Character des Mannes prüfen und den glänzenden Flitter vom echten Golde unterscheiden soll. Es ist etwas Köstliches um die wahre Liebe, mein Kind — die arme Johanna sah dies zu spät ein, aber sie wurde doch davor behütet, dem ersten besten Freier, den ihr bischen Geld anlockte, zum Opfer zu fallen." Genug, die Freier, welche dieses Kapital im Auge hatten, blieben nicht aus, Johanna stand auf dem Sprunge, sich zu verloben, ^als ihr die Augen noch bei Zeiten geöffnet wurden. Und dies wiederholte sich im Laufe der Jahre noch zweimal, bis das thörichte Mädchen endlich die alberne Empfindlichkeit abstreifte und das Kapitel der Ehe mit einem kräftigen Punkt abschloß. Lorenz hatte sein Geschäft verkauft und war verschollen. — Johanna aber mußte seiner immer wieder gedenken, die Erinnerung an ihn trübte oft ihren Frieden, sein Bild verdrängte den Schönheits-Cultus aus ihrem Herzen und hob den treuen uneigennützigen Freund auf den Thron. Viele, viele Jahre vergingen, Karl und seine Gattin starben, der Sohn übernahm das Gut und in dem Enkel wiederholte sich die Geschichte des Großvaters, denn auch dieser wurde treulos gegen die ihm bestimmte Braut. Er wurde aber halb und halb dafür enterbt, worauf der Reichthum zerfiel, das Gut unter den Hammer kam, und ein gewisser Lorenz aus Amerika zurückkehrte, um es für einen Spottpreis zu erstehen. Triumphirend setzte er seinen Fuß auf den stolzen Besitz, um sich und Johanna zu rächen. Einmal nur sahen sich die beiden alten Leute wie- der — es war ein erschütterndes Wiedersehen, aber auch ein Abschied für's Leben, doch schieden sie versöhnt wie zwei Freunde voneinander. — Er ist tobt, sein Groß Neffe ist sein Erbe geworden." ging, da keimte auch die Hoffnung wieder in Lorenz auf. Er wartete seine Zeit ab, bis Johanna heimkehrte, um mit seiner Werbung vor sie hinzutreten. Lieber Himmel, da kam er schön an, Johanna gerieth ganz außer sich und meinte, daß es ihr 1“ nicht um eine Heirath zu thun fei, — wenn sie sich dazu entschließen könne, ständen ihr noch Andere zu Gebote und was dergleichen Redereien mehr waren. — Lorenz zerdrückte eine Thräne und ging. - Johanna aber fühlte sich durch diese Werbung so tief gedemüthigt, zumal ihr zu Ohren gekommen war, daß Karl sie bemitleide, weil sie seinetwegen ledig bleiben wolle, daß sie jetzt fest entschlossen war, den ersten Freier, der ihr eine respektable Stellung bieten könne, zu heirathen. Es war dies nicht so schwer, weil ihre ehemalige Gebieterin, die gestorben war, ihr ein hübsches Kapital ausgesetzt hatte. »Ich hoffe darauf, mein theures Kindl — Hoffe auch, daß Ihr eigener Stolz das schwache Herz besiegen Ihnen den rechten Weg zeigen wird." Armgard nickte ihr ernst zu und blickte nachdenklich die dem Sonnenlichte sich erschließenden Rosen. (Fortsetzung folgt.) Armgard, welche schweigend zugehört, legte den Arm um sie und sagte leise: „Es war Ihre eigene Geschichte, Tante Hanna, — und Lorenz — Herr Brink von Rotenhof." Hanna nickte wehmüthig. Vater der Braut, welcher dem Weine schon stark zugesprochen I erst nach und nach die Wahrheit der Geschichte ruchbar, die e m$t8,baöon' J^fftettb ihre Äutter vor Angst verlassene Braut aber allgemein verspottet wurde und schließ- und Scham zu vergehen glaubte^ Als em Diener dem Bräu- lich mit einer vornehmen Dame als Gesellschafterin auf Reisen trgam etwas zuflusterte und dieser sich finster erhob, um den ' *** «-«■- • • • - - Saal — man saß just bei Tisch — zu verlassen, sah Johanna einen kleinen Brief auf seinem Stuhle liegen, den sie rasch und unbemerkt an stch nahm. Zum ersten Male seit ihrer 93er» lobung empfand sie Angst und Mißtrauen. Es gelang ihr, als die allgemeine Fröhlichkeit überhand genommen und man nicht sonderlich mehr auf sie achtete, sich ebenfalls unbemerkt zu entfernen, um den geöffneten Brief, der Karls Adresse trug, zu lesen, wozu sie schon jetzt ein volles Recht zu haben sich einbildete. Der Brief war von einer Frau, welche ihn an ein schriftlich gegebenes Ehe-Versprechen erinnerte, und eine Unterredung im Pavillon des Gartens von ihm verlangte. Johanna schrie nicht auf, sie machte keine Scene, doch ihr Herz krampfte sich zusammen, als ob sie sterben müsse. Dann ging sie, sich und ihren Schmerz heldenhaft bemeisternd, in den einsamen Garten hinaus, hin nach jenem Pavillon, wo sie ihr Glück begraben sollte. Sie hörte, wie Karl sein Unglück bejammerte, eine ungeliebte Braut, die er hasse und verachte, heirathen zu müssen, wie er nur sie, die er Regina, seine Königin nannte, lieben, ihr aber nur das Loos der Armuth bieten könne, weil seine Eltern ihn enterben würden. — Johanna hörte dies Alles mit an, ohne sich zu rühren, worauf sie geräuschlos in's Haus zurückkehrte und Unwohlsein vorschützend, sich auf ihr Zimmer begab, wo sie eine Unterredung mit ihrer Mutter hatte. Dann schrieb sie einen langen Brief an ihren Schwiegervater, dem sie jenes Billet an Karl und ihren Ring beifügte. Nachdem sie Alles wohl versiegelt und sich mit der Mutter Hilfe um» gekleidet hatte, verließ sie bei Tagesanbruch, als Alles im Hause noch schlief, das Gut, um sich nach der eine halbe Stunde entfernten Eisenbahnstation zu begeben und mit dem ersten Zuge zu einer im Gebirge wohnenden Tante zu fahren. In dem Briefe beschwor sie Karls Vater, um ihretwillen den Sohn glücklich zu machen und ihn von der Frau, die er mehr als fein Leben liebe, nicht zu trennen. Selbstverständlich gab es harte Kämpfe und schreckliche ©eenen. Johannas Vater wollte den leichtsinnigen Bräutigam umbringen, während der Gutsbesitzer dem Sohn die Wahl ließ zwischen Hochzeit und Enterbung. Das Ende vom Siebe war, daß Johanna ihren Willen durchsetzte und Karl seine Geliebte heimführen durste." Tante Hanna schwieg und schaute still vor sich hin- Ein wehmüthiges Lächeln irrte um ihren Mund, in den Augen aber glänzte es seltsam. „Und er, der mich verließ," fuhr das Mädchen mit beben» der Stimme fort, „ist der Enkel jenes Mannes, der auch Ihnen das Herz brach. — O, Tante Hanna, nun liebe ich Sie noch zärtlicher, da das gleiche Geschick uns vereint, danke Ihnen für die Geschichte, Sie sollen mir dieselbe vergebens erzählt haben." - 116 - Maue Augen. Blaue Augen, — holde Sterne, Glänzt so lieblich und so mild; Reinster Spiegel der Gefühle, Oft von tiefem Weh' erfüllt! Blaue Augen, — wenn sie lächeln, Machen sie die Welt so schön, Möchten immer, ohne Ende, In die lieben Augen sehn! Blaue Augen, — streuen Blumen In das Leben immerdar, Fesseln oft für alle Zeiten Herz an Herz so wunderbar. Blaue Augen, — wie beherrschen Sie so manchen jungen Mann, Wie ein Frühlingshimmel lächeln Ihn die holden Augen an!-- An der Pforte lauscht der Knabe, Blickt zum Fensterl still empor, Wo die blauen Augen wohnen, Die sein Herz sich auserkor. Und er hofft und harret lange, Manche Stunde eilt dahin; — Fühlt sein Herz so heftig pochen, Aufgeregt den ernsten Sinn! Und er schreitet düster weiter, — Einmal noch blickt er zurück Nach den lieben blauen Augen, Dem erträumten Lebensglück I Wieder schaut er in die Ferne, Liebe hält sein Herz geschwellt, — Doch das Fensterl bleibt geschloffen Und der dunkle Vorhang fällt.-- Und die Freuden sind verklungen, Seine Sonnen sind verglüht, Und der Hoffnung junge Rosen Sind verweht und abgeblüht I — Was ist endlich ihm geblieben Von den sel'gen Tändelei'«? — Was so süß die Lippen flüstern, Ist oft Trug und leerer Schein! — Traue nie den schönen Augen, Die so schelmisch nach dir schau'n, Kannst den süßen Schmeicheleien Selten in der Welt vertrau'«! Th. Loos. Genreinnütziges. Krautwürstchen. Die halbirten Krautköpfe werden in Salzwaffer gekocht, dann abgekühlt, die großen Blätter gewickelt und fest ausgedrückt. Dann wird Speck in kleine Würfel geschnitten, in der Pfanne zergehen lasten und Zwiebel in demselben geschwitzt, die Würstchen eines neben das andere hineingelegt, Pfeffer und Salz nebst Fleischbrühe darüber und zugedeckt weich dämpfen laste«. Die Balsamine als Fensterpflanze. Will man die Balsamine in Töpfen ziehen, so thut man am Besten, wenn man verschiedene Aussaaten macht; die eine im März oder April für den Sommer- und Herbstflor, die anderen gegen Ende Mai oder im Juni zum späten Herbst- und Winterflor. Die Balsamine liebt eine nahrhafte Erde, Wärme und reichliches Gießen; nur gieße man nicht, wenn die Erde in den Töpfen noch feucht oder naß genug ist. Zur Zeit, wo sich die Pflanze zum Blühen anschickt, ist ein flüssiger Düngerguß von Zeit zu Zeit wohl angebracht. Die schönsten Balsaminen sind die Rosen- und Kamelien-Balsaminen. * ♦ Erbsensuppe mit Schweinsohren und Schweinsrüssel. V4 Liter Erbsen wird mit einer zerschnittenen Möhre und etwas Sellerie in Master weichgekocht und durch ein Sieb gestrichen; währenddem hat man auch gepökelte Schweinsohren oder einen gepökelten Schweinsrüssel in reichlichem Master weich gekocht, worauf man sie erkalten läßt. Die Erbsen werden mit der Schweinsbrühe oder anderer Fleischbrühe verdünnt, worauf man die Suppe mit einer hellbräunlichen Mehlschwitze seimig kocht und über den in feine Streifen zerschnittenen Schweinsohren oder dem Schweinsrüffel nebst gerösteten Semmelwürfeln anrichtet. ♦ Der Rutz, namentlich von Holzfeuerung, ist ein vorzügliches Düngemittel für Rosen. Man überbrüht den Ruß mit siedendem Master, womit, wenn es erkaltet ist, die Rosen begossen werden. ♦ * * Leber-Knödel. Reibe für 20 Pfg. Leber fein, 6 Semmel eingeweicht mit 4 Eiern abgerührt, Petersilie, Zwiebel gewiegt, Pfeffer und Salz dazu gethan; ist die Masse zu fest, thue noch ein Ei hinein, mache kleine Klöße und koche sie in Salzwaffer, dann erst in Fleischbrühe aufgetragen. Vermischtes. Unangenehmes Zusammentreffen. Gatte: „Ist es denkbar, Karoline, nun haben wir die Köchin kaum vierzehn Tage und Du willst sie schon wieder fortschicken?!" — Gattin: „Ja, es geht nicht mit ihr; Alles, was ich nicht kochen kann, kann sie auch nicht!" Goldfische. „ . . . Haben Sie aber Ansichten, Herr Goldheimer . . ." Also, wenn ein anständiger junger Mensch einer ihrer Töchter wirklich von ganzem Herzen zugethan wäre . . — „Aber erlauben Sie mir, meine Töchter haben es nicht nöthig, aus Liebe geheirathet^zu werden!" Auf der Secundärbahn. Beamter (zum Zugführer eines mit großer Verspätung ankommenden Personenzugs): „Wo habt Ihr Euch denn wieder so verspätet?" — Zugführer : „Ja wir richten uns nicht mehr nach Stunde und Minute, sondern halten uns nur an das Datum!" ♦ » Sicherer Beweis. „Zehn Briefe sende ich ihr nun schon unfrancirt, und alle hat sie angenommen! Kein Zweifel mehr, sie liebt mich!" Markt-Humor. Obstlerin: „Sie Fräuleinchen!" — Aeltliches Fräulein (sehr geschmeichelt): „Weßhalb nennen Sie mich denn Fräulein? Sehe ich so aus?" — Obstlerin: „Na, ja, für eine junge Frau sind Sie halt doch schon zu alt I" Bei der Abreise. „Nun will ich Ihnen einen guten Rath geben, Herr Wirth! Sie haben Ihr Hotel zur Stadt London genannt — taufen Sie es um und nennen Sie es zur Stadt Wanzleben!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gietzeu.