----M'—&-S G~~EL1 iS"2 ax3> l£EJ e. ■"■ —'M‘ — gy-o Nntevhaltungsblatt zr-M Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) 1893 MW /'. - Vy’.li M -"L? rs£ .v.fl?7"! D^UWU /*;<>> i^tn nrKT -? Samstag? den 8. Juli. Verschlungene Pfade. Roman von Max Hochberg. (Fortsetzung). Asta witterte eine Ueberraschung; sie glaubte, Leonie oder Werner sei zum Besuch im grünen Zimmer. Sie schlüpfte flink wie ein Wiesel hinaus und prallte direct auf Herrn von Götz, der seitwärts hinter der Thür gelauert hatte und nun ganz unerwartet dicht vor ihr stand. Sie brachte kein Wort hervor. Sie starrte ihn ungläubig an: das also war des Räthsels Lösung. „Ich hätte Ihnen einige Mittheilungen zu machen, mein gnädiges Fräulein," begann er, „mein Freund Ruler hat sich verlobt, mit Fräulein Ehrenberg verlobt." Ein unsagbar freudiges Lächeln verklärte Astas Gesicht. Ihre Wangen rötheten sich vor Erregung. „Meinem Freunde widerstrebt es," fuhr er fort, „mir, wenn auch indirect, verpflichtet zu sein, da ich, wie Sie wissen, die Ausbildung seiner jetzigen Braut übernahm- Ich konnte ihn nicht zurückweisen, würde im gleichen Fall ebenso handeln und jede derartige Verbindlichkeit ausgleichen. Ich habe keine Schulden mehr, mein gnädiges Fräulein." Er räusperte sich, erwartend, sie werde mit einer Entgegnung eingreifen. Sie aber behielt die Augen gesenkt und unterbrach ihn nicht; sie wollte nicht wieder voreilig sein, ihm auch nicht mit einem Blick zu Hilfe kommen. „Sie ließen sich vor einiger Zeit das Geständniß ent* schlüpfen, Sie hätten mich ein klein wenig lieb?" Da hielt sie doch nicht länger an sich. „Ganz erschrecklich lieb!" jubelte sie auf und lag in seinen Armen, ihre Wange an die seine schmiegend und liebkosend sein Haar streichelnd. Dabei flüsterte sie alle die unzähligen Schmeichelnamen, mit denen sie ihn längst im Stillen bedacht, als da waren: Spitzbubengesicht, Herzensdieb, Malefizhalunk und dergleichen mehr. Götz ließ sich mit glückseligem Lächeln diesen Zärtlichkeitssturm gefallen. Keiner war froher als er. Mit einem Mal zog Asta die Stirne kraus. Sie machte ein ganz sonderbares Gesicht. „Und der schlechte Mensch steht da und rührt sich nicht," rief sie in komischem Zorn, „der reine Ofen im Sommer!" Sie war von ihm zurückgewichen. „Und ich springe um ihn herum und bin außer mir vor Freude, wahrhaftig, ich komme mir vor wie ein junger Hund, der seinen Herrn einen halben Tag nicht gesehen hat. Es ist ein Scandal!" Sprach'-, machte kurz Kehrt und wollte aus dem Zimmer. Götz aber war mit einem Sprung hinterdrein und hielt sie fest. „Herz, liebstes Herz, fände ich nur Worte, Dir zu sagen, wie glücklich Du mich machst!" „Lasien Sie mich los!" flehte sie. „Papa ist an der Thür!" „Nein," widersetzte er sich, „nicht, ehe Du mich bittest: Lieber Heinz, laß mich los!" Sie zögerte. Dann umschlang sie ihn stürmisch und preßte ihn an sich, als wolle sie ihn im Leben nicht aus ihrer Umarmung freigeben und hauchte dabei verschämt die Augen schließend: „Lieber Heinz, laß mich los!" Zwei Stunden später stürmte Asta zu Strehlens. Sie konnte Leonore nicht sprechen. — Die gnädige Frau sei vor Mattigkeit eingeschlummsrt; nun der Geheimrath den Herrn Oberst für gerettet erklärt habe, sei die Aufregung von ihr gewichen und der Körper trete in seine Rechte. Sie hübe die Augen zugemacht und sei sofort hinüber gewesen. Es sei auch kein Wunder! — Strehlen läge in tiefem, steberlosem Schlaf. — Die Gärtnersfrau habe die Krisis endlich auch überstanden und werde glücklich davonkommen, erstatteten ihr die Leute Bericht. Alle waren im innersten Herzen dankbar und freudig bewegt. In schwerer Zeit schließen sich die Menschen enger aneinander an. Asta hieß die Jungfer ihre Schürze aufhalten. Sie schüttelte den Inhalt ihres Portemonnaies hinein. Nun Onkel Strehlen in der Genesung sei, könnten sie auch ihre Verlobung feiern! Einer von ihnen solle zum Conditor gehen, bestimmte sie, und für das Geld Torte, Kuchen und Confect kaufen. Leonie müßte den Wein dazu stiften, sollte ihr die Jungfer in Astas Namen bestellen, denn sie sei eine glückliche, glückliche Braut! Damit eilte sie davon. An der Gitterthür, die vom Park nach der Straße führte, stieß sie auf Hans- Noch ehe er heran war, verkündigte sie ihm die Freudenbotschaft. — „Schwager Hans, das Fieber ist aus dem Feld geschlagen! Onkel Strehlen wird gesund! Der Geheimrath hat ihn für gerettet erklärt! Er schläft ruhig und fest, den erquickenden Schlaf der Genesung, drückt der Rath sich aus. Und Leonie schläft auch und die Feldner ist im Lehnstuhl eingenickt- Nur die Leute sind zu haben. Ich war eben dort!" Ein fliegendes Roth war Hans bis in die Stirn getreten. „Gesund, Strehlen? — Unmöglich! Es kann nicht sein!" ächzte er. Sie wiederholte ihm Alles ausführlich, während er unsicheren Ganges wie ein Uebermüdeter oder Betrunkener neben ihr her schritt. Seine Haltung war gebrochen, sein Kopf tief vornüber geneigt. 314 Sie nahm nichts davon wahr- Sie war in viel zu großer Erregung, um auf die Außenwelt Acht zu haben. „Und das Hauptereigniß des Tages verschweige ich natürlich," moquirte sie sich über sich selber. „Sein eigenes junges Glück vergißt man vor Freude über das schwindende Leid seiner Freunde- Ich will eine Gratulation haben, eine recht warme, herzliche: ich habe mich verlobt, Schwager Hans!" „Da kann sich Werner gratuliren!" Asta blickte ihn verdutzt an. „Werner?" wiederholte sie. „Ich habe mich mit Heinz von Götz verlobt! Werner ist doch ein ganz Theil älter und so gesetzt, wie ein halber Vater. Der paßt doch nicht für mich!" Sie lachte belustigt auf. — „Wir wollen zu Erna hinein und hören, was sie zu meiner Verlobung meint. Eigentlich ist sie ihm nicht grün!" „Nein, nein," wehrte er verlegen ab. „Sie erfährt es zeitig genug. Sie wird durchaus nicht erbaut davon sein! Wir wollen lieber nach der Friedrichstraße zu Euch. Ich habe mit dem Papa Ernstes zu reden! — Die Einen finden sich in Glück und Liebe und die Andern —" Er verschluckte die ergänzende Hälfte seines Gedankens. „Armer Schwager," bedauerte ihn Asta, „Erna hat wieder einmal Krakehl angefangen. Ich merke schon. Na, was habe ich zu Hause unter ihrem Pantoffel gestöhnt!" — Ein Geräusch unterbrach die Grabesstille des Krankenzimmers. Es weckte Leonore aus dem Schlaf. Der linke Fuß Fräulein Feldners — sie trug dicke, weiche Filzschuhe — war mit dumpfem Aufschlag vom Schemel herunter auf den Boden geglitten. Der Pflegerin eines Augenlid ging verschlafen halb in die Höhe und klappte schwer wieder herunter. Leonore erhob sich. Sie sah nach ihrem Mann. Er athmete langsam und ruhig. Da wurde die Portiere der Seitenthür ein wenig zur Seite gezogen und der braune Kopf Emmas wurde sichtbar. Leonore näherte sich ihr. „Fräulein von Schönholz war hier," meldete die Jungfer leise. „Ich soll der gnädigen Frau die Kunde überbringen, sie sei glückliche Braut. In ihrer Freude schenkte sie uns Leuten alles Geld, was sie bei sich führte. Wir sollten u.is Kuchen und Torte dafür kaufen. Weil der Herr Oberst doch in der Befferung feien, würden die gnädige Frau sicher nichts dagegen einwenden, wenn wir des gnädigen Fräuleins Verlobung feierten. Es geht auch ohne den Wein, von dem das gnädige Fräulein — „Franz soll Euch geben, wendet Euch an ihn!" -Leonore hatte sich auf den Stuhl zunächst der Thür niedergelassen. „Darf ich der gnädigen Frau eine Erfrischung besorgen?" „Nein, danke, Emma, später —" Leonore seufzte tief auf: es war gut so. Des Himmels Fügung war wunderbar! Ihr Mann genas zu einem neuen Leben und das Gespenst der Eifersucht auf den Maler war nun für immer begraben. Paul Werner hatte sich mit Asta verlobt! — Hatte sie je mit einem Gedanken gefehlt und sich von Ludwig abgewandt, würde sie es nun in treuester Pflichterfüllung sühnen, gelobte sie sich. Hatte sie denn überhaupt gefehlt? — Nein, sie hatte den teuflischen, entsetzlichen Gedanken, dessen Ludwig sie im Fieber beschuldigte, aus seinem Tode ihr Glück erblühen zu sehen, nie gehabt, nie, nie! Warum aber, warf ihr der stumme Richter in ihrer Brust vor, hast Du Deinem Mann Dein Wort nicht geben können, ihm Treue über das Grab hinaus zu wahren? — Ein Frösteln schüttelte ihre Glieder. War sie nicht doch in innerster Seele schuldig? — Oder hatte sie nur das unbestimmte Ge- fühl davon zurückgehalten, die Hoffnung, es müsse in diesem Leben noch ein Glück ihrer harren, ein großes, heiliges Glück, dem sie nicht entsagen könne, das sie nicht ungeboren ein- sargen dürfe? — Es war ein unheimliches Verhör, das ihr Gewissen mit ihr anstellte. Wenn heute Ludwig den Treuschwur von ihr verlangte, würde sie sich noch weigern? Nein, keinen Augenblick. Sie erschrak. Eine Todeskälte durchschauerte sie. Sie fuhr sich mit dem Rücken der Hand über ihre Stirne, die sich mit kaltem Schweiß bedeckt hatte- „Barmherziger Himmel," murmelte sie, „ich glaube, ich bekomme auch das Fieber. Ich habe es schon! Und wenn ich bann rase und rede, wovon ich nichts weiß was ich nicht denken sollte? Wenn alte Zeiten in mir lebendig werden, wenn verschwiegene Herzenssehnsucht aus mir spricht und Ludwig es hört und vernimmt?" Ihre Finger schlangen sich verzweiflungsvoll zum Gebet ineinander. „Leonie," tönte es leise von Strehlens Lager her. Diese Stimme verscheuchte die finsteren Geister und rief re zu ihrer Pflicht und zum Bewußtsein zurück. Sie befand sich im Nu an seiner Seite. „Leonie," sagte er, „ich werde bald sterben! Ich fühle den Tod schon. Schicke zum Justizrath, schnell, sofort I Ich will ein anderes Testament aufsctzen, will gut machen —" „Es hat keine Noth mit dem Testament!" beruhigte sie ihn. „Du bist ja in der Befferung! Es ist ganz überflüssig. Die schwere Krankheit ist glücklich überstanden. Du bist nur sehr mätt und angegriffen, Ludwig!" „Es ist doch besser!' drängte er unruhig. „Leonie, chicke Franz zu Salzmann!" „Nicht doch," iächelte sie, „gieb Dich zufrieden! Du wirst gesund und wir bleiben beisammen!" Sie bog sich zu ihm nieder und küßte ihn. Seine Augen leuchteten bei ihrer Liebkosung auf. „Du bist in der Besserung," plauderte sie ihm vor, „und die Feldner und ich, wir wollen Dich schon pflegen! Du wirst Dich schneller erholen, als Du denkst!" „Aber, weißt Du, Leonie, ich möchte doch lieber —" kam er auf seine Idee zurück- „Asta war hier," warf Leonore rasch ein, um ihn abzulenken. „So, so, die Kleine — wie geht's ihr?" „Sie hat sich verlobt, das wollte sie uns selbst verkünden," erwiderte Leonore, unsicher schwankend, ob sie mit ihren Mittheilungen so weit gehen dürfe. „Verlobt? Mit wem?" „Mit Werner, Ludwig." „Siehst Du wohl, ich habe Recht behalten," sprach er langsam und selbstgefällig. „Ich habe es längst gewußt! - Aber recht matt bin ich doch noch —" Fräulein Feldner war über dem Reden erwacht. Sie brachte die Bouillon. Strehlen trank eine halbe Taffe, während Leonore ihn stützte. — _ „Nun möchte ich schlafen!" sagte er darauf. „Und morgen," er lächelte glücklich, „morgen, wenn ich aufwache, wiederholst Du mir Alles: Asta hat sich mit Werner verlobt - und ich bin in der Besserung — und wir bleiben beisammen." Sie ließ ihn langsam aus ihren Armen in die Kiffen zurücksinken und beugte sich nochmals zum Kuß zu ihm nieder. In Kurzem schlief der Oberst wieder. Er athmete tief und ruhig. Seine Hände hatten sich auf seiner Brust vereint. Das glückliche, freundliche Lächeln blieb noch im Schlaf in seinen Zügen- Leonore setzte sich zu Fräulein Feldner dem Bette gegenüber. Sie wollte sich nicht aufs Neue ihren Gedanken überlasten und unterhielt sich ganz leise mit der Krankenpflegerin- Sie machten Pläne für den Genesenden. Die Feldner heftete plötzlich ihr Auge starr auf das Lager. „Erschrecken Sie nicht, es ist mir nur —" Sie hielt inne. f Leonore beugte sich vor, hinüberspähend. Der Kranke lag doch still und friedlich? — Ja, still und friedlich! — Ec athmete nicht mehr. — Sie stieß einen markerschütternden Schrei aus und stürzte sich auf ihn. Franz und der Gärtner liefen, den Geheimrath ausfindig zu machen. , Er kam, aber feine Hülfe war nicht mehr nöthrg., Er konnte nur den Tod in Folge eines Herzschlages constatiren. Er setzte sich an den Schreibtisch im Salon, um den Todtenschein auszustellen. Seine Stirn war in grimmige Falten gezogen. „Jetzt habe ich ihn für gerettet erklärt, grollte er in sich hinein, „und nun stirbt er mir. — Das Fieber ist gebrochen! Wochenlang habe ich ihn dem Tode buchstäblich abgerungen, da greift der Rheumatismus nach 315 - dem Herzen. Ein Ruck, die Maschine steht still und wir sind blamirt mit unserem menschlichen Wiffen und Können. — Wider den Tod ist noch kein Kraut gewachsen," tröstete er sich dann, „und all' unser Wiffen ist Stückwerk." * * » Zur selben Zeit, als der Oberst die Augen auf immer schloß, schritt Hans neben der lustig plaudernden Asta hin. Er hatte dabei Muße genug, seine Lage zu überdenken. Un- klug war es von ihm gewesen, sich mit seiner Frau ernstlich zu überwerfen und den Streit auf die Spitze zu treiben, bevor der Oberst wirklich tobt war. Wer konnte aber voraussehen, daß er so eine starke Natur haben würde! Freilich war es keine Kleinigkeit, aus dem Leben zu scheiden, sich von seinem Reichthum und diesem schönen Weibe zu trennen! Jede Faser seines Herzens mußte sie am Dasein hängen; mehr noch als die Kunst des Arztes hatten ihn-seine Willenskraft, sein Wunsch, zu leben, erhalten. Da nun Strehlen das Fieber glücklich überwunden, war für Hans jede Aussicht auf Leonorens Hand verschwunden. Bei der sorgsamen Pflege, die dem Genesenden zu Theil wurde, konnte er sich leichter erholen und dann völlig gesunden. Hans überlegte: er mußte einlenken und seine Entschlüsse den veränderten Ereigniffen anpaffen. „Man rechne nur fest auf den Tod eines Menschen," haderte er mit dem Geschick, „so schenkt ihm der Himmel ein langes Leben! Seit wie vielen Jahren hoffe ich nun vergebens auf Tante Annas Tod? Ein krampfhaftes Lachen verzerrte fein Gesicht. Asta sah verwundert zu ihm auf. „Ich glaube gar," tadelte sie gutmüthig, „Schwager Hans hielt einen Monolog und hörte kein Wort von meinen Bekenntniffen? Denn dabei giebt» doch nichts zu lachen, daß ich mich auf Eurer Hochzeit unrettbar in meinen Heinz verliebte? Durch seine Bosheiten stahl er sich in mein Herz!" „Pardon, liebste Schwägerin, mir ging gerade etwas durch den Kopf," entschuldigte sich Hans. „Mußte unwillkürlich lachen." Asta plauderte unverdrossen weiter Ihr war es gleich, ob ein andächtiger Zuhörer ihren Ergüssen lauschte oder nicht; ihr Herz war übervoll, sie mußte reden- „Was thun?" rathschlagte Hans im Inneren weiter. „Kommt es jetzt zum offenen Bruch zwischen Erna und mir, meldet sich Wiesel trotz der Abschlagssumme mit seinen Forderungen- Erna heißt ihn einen Betrüger; sie weigert sich der Zahlung, da sie glaubt, nur auf fünftausend Mark unterzeichnet zu haben. Was thun? —" Mittlerweile waren sie an ihrem Ziel angelangt. „Ihr hättet Erna mitbringen sollen, Kinder," schalt Herr von Schönholz, „wir wollen gleich en famille die Verlobung feiern!" „Schwiegerpapachen, kommen Sie mit," schlug Hans vor, „wir Beide wollen Erna abholen." — „Sie müssen wissen, meine kleine Frau schmollt mit mir," gestand er ihm unterwegs, „und sie hat ganz recht! Ich bin eigentlich immer der schuldige Theil, giebt es ein kleines Zerwürfniß zwischen uns. Erna ist etwas sehr nervös. Ich sollte mehr Geduld mit ihr haben und nicht gleich aufbrausen, wenn sie mich reizt. Habe unglücklicher Weise ein zu rasches Temperament; hinterdrein ist mirs dann leid. Können mirs glauben, Papachen, aufrichtig leid!" Den eindringlichen Vorstellungen ihres Vaters gab Erna nach und reichte zur Versöhnung Hand und Lippen. Sie legte darauf an seinem Arm den Weg zum elterlichen Hause zurück, um in dem kleinen moquanten Lieutenant einen neuen Verwandten zu begrüßen, so wenig sympathisch er ihr war. Thatsachen lassen sich ja leider auch mit den vernünftigsten Gründen, Schlüssen und Gegenreden nicht umstoßen. — Man brachte eben das Wohl des Brautpaares in Champagner aus, als der Geheimrath in seiner raschen Art unangemeldet ins Zimmer trat. „Onkel Geheimräthchen, wie gerufen!" jubelte Asta, ihm stürmisch entgegeneilend. „Sie hören wohl das Gras wachsen? Kommen Sie mir gratuliren? Das iß himmlisch schön von Ihnen!" „Gratulirt sich was," murmelte er halb unverständlich, während sie auf ihn einschwatzte und ihrer Freude kein Ende fand. Hans von Malten füllte ihm schnell ein Glas des perlenden Schaumweins. Indem er zu ihm trat, stutzte er: der verbissene Ausdruck in den durch ständige geistige Ueberarbeit vor der Zeit verwitterten Zügen des Geheimraths fiel ihm auf- „Strehlen?" forschte er athemlos und kaum hörbar. Die Augenlider des Arztes senkten sich bejahend. Hans zuckte zusammen- Seine Kniee schlotterten. Das Glas, das er dem Geheimrath bieten wollte, fiel klirrend in Scherben. . „Weibernerven!" brummte der Rath in den Bart hinein. „Es hat nichts zu bedeuten!" lachte er dann kurz auf. „Ja, das plappert der Papagei in der Fabel auch und ruft er noch, während man ihm den Hals umdreht! Glück und Glas —" Verächtlich traf sein Fuß die Scherben. „Komme von Strehlens. Dort stehts wieder schlechter. Der Mensch denkt, Gott lenkt. Die Aussichten für ihn sind im Hand- umdrehen umgeschlagen." Er räusperte sich. „Na, Astachen, sehen Sie mich nicht so traurig an. Spendiren Sie mir nur ein anderes Glas. Auf Ihr Wohl und das Ihres Herrn Bräutigams und auf Ihr späteres eheliches Glück muß ich trotz Allem anstoßen!" Eine Viertelstunde später wußte der kleine Kreis um Strehlens Tod. „Erfahren müssen sie es doch," hatte sich der Geheim- rath gesagt, „also wirds schon am Besten sein, ich gehe selber sofort hin und bereite sie allmählich darauf vor, sonst schneit mir dort irgend ein Unglücksrabe mit der Trauerkunde ins Haus und richtet Unheil an." „Die arme Frau," sagte er, „sie hätte mir bald die Hände geküßt, wie ich den Ausspruch that, ihr Mann sei gerettet! Und jetzt — ich hielts nicht länger aus drüben- Sie stiert wie geistesabwesend in thränenloser Verzweiflung vor sich nieder; zu allen Vernunftgründen, mit denen man sie trösten will, schüttelt sie stumm und abweisend den Kopf. Wenn sie wenigstens weinen möchte — das erleichtert das Herz! Ihr stummer Jammer schnitt mir in die Seele- Die Aermste!" „Aermste?" echote Erna mit ironischem Tonfall. „Onkel Strehlens junge, reiche Wittwe, Herrin eines Vermögens, dessen Zinsen sie nicht aufessen kann, lebt sie noch so luxuriös. Die „Aermste" wirb sich schon mit einem Anderen zu trösten wissen, denn an Freiern wirb es nun nicht fehlen!" „Erna!" verwies Hans auffahrend seine Frau. Herr von Schönholz hatte bei der herzlosen Rede seiner Tochter einen hochrothen Kopf bekommen. Nur mühsam verbiß er seinen Zorn. „Sie meint es nicht so böse, wie es klingt," flüsterte Asta ihrem Verlobten zu. „Man sprach von einem Testament, das Onkel Strehlen kurz vor seiner Erkrankung aufgesetzt," lenkte Herr von Schönholz ein, um den unangenehmen Eindruck, den Ernas Rede bei Allen hervorgerufen, schneller zu verwischen. „Justizrath Salzmann war entrüstet über die Tyrannei, mit der er seiner Frau nach seinem Tode Fesseln auf erlegt; er schalt auf die willenlose Gutmüthigkeit Leonies, die sich mit Allem einverstanden erklärt habe. Strehlens letzter Wille —" „Wird für null und nichtig erklärt," fiel ihm der Geheimrath sehr bestimmt ins Wort, „kraft meiner Autorität! Das Testament ist im Fieberanfall abgefaßt worben, es hat keine Gültigkeit! Wo bliebe wohl die Gerechtigkeit in der Welt, wenn man da nicht energisch einschreiten wollte? Das wäre noch besser, sollte dieser Fran, die in selbstloser Aufopferung ihresgleichen sucht, ein späteres Glück verwehrt sein 1 Sie hat es redlich um ihn verdient!" „Das hat sie!" riefen Heinz und Herr von Schönholz wie aus einem Munde. (Fortsetzung folgt.) 316 GsMeinirntziges. Grüne Erbsen einzumachen. Grüne Erbsen einzumachen ist zwar eine leichte Sache und doch klagt so manche Hausfrau der anderen: „Ach, meine Erbsen sind in diesem Jahre wieder ganz sauer geworden und ich habe doch die schönsten und reifsten Erbsen genommen!" Und woher kommt es? Weil man eben noch zu sehr am Altgewohnten hängig die Erbsen, bevor man sie in Flaschen füllt, wäscht und m Salz- waffer gar kocht. Das ist aber ein vollständig unrichtiges Verfahren, denn meistens entsteht die Säure durch Waffer, welches häufig salpeterhaltig ist, oftmals aber auch durch die zum Einkochen verwendeten Geschirre. Die grüne Erbse soll gar nicht in Waffer, sondern in der Flasche ohne Waffer und Salz gekocht werden; man fülle die grün abgepflückten und enthülsten Erbsen in weithalsige Flaschen, welche gut verkorkt und in Stroh gewickelt, in einem Keffel zwei Stunden der Kochhitze ausgesetzt werden. Besitzt man einen Backofen, fo kann man das folgende, noch einfachere Mittel anwenden: Die mit Erbsen- körnern gefüllten Flaschen werden beim Brodbacken, sobald das Brod aus dem Ofen ist, in denselben auf etwas Stroh gelegt und nach Verschließung desselben zwölf Stunden darin gelassen. Die Flaschen werden dann an einem kühlen Ort aufbewahrt. Von dem guten Verschluß derselben hängt die Haltbarkeit der Erbsen größtentheils ab. Ein practischer und billiger Verschluß ist folgender: Die Flaschen werden am oberen Rande mit Gummi arabicum bestrichen und sofort mit in Waffer erweichtem und abgetrocknetem Pergamentpapier verbunden. Sobald das Papier ganz trocken ist, wird dasselbe ebenfalls mit Gummi arabicum bestrichen, so daß sich ein vollständiger Ueberzug bildet. Dieser Verschluß ist dem eines verzinnten an Güte gleichkommend und halten sich die Erbsen sowohl als jedes Eingemachte, auf diese Art verklebt, sehr gut. ♦ Rother Johannisbeerttqueur Rothe Johannisbeeren werden abgebeert und ausgepreßt. Dem Saft setzt man die gleiche Maßmenge Cognac oder in Ermangelung desselben Kornschnaps zu und versüßt mit gemahlenem Zucker. Auf ein Liter Flüssigkeit rechnet man 175-250 Granim Zucker. Dann wird durch Fließpapier filtrirt. Kirschen ungekocht einzumachen. Sehr reife und große Sauerkirschen werden abgespült und mit feingestoßenem Zucker, von dem man 250 Gramm auf ein Pfund Kirschen rechnet, sowie einigen Stückchen ganzem Zimmt in weithalsige Einmachgläser gefüllt, mit Blase Überbunden und 4—6 Wochen in die Sonne gestellt. In der ersten Woche muß man sie täglich einmal umschütteln. Nach Verlauf obiger Zeit bewahrt man sie an kühlem Ort. * # ♦ Erdbeertrank. Erdbeeren, welche man auch mit Himbeeren oder Johannisbeeren vermischen kann, werden in einem Topfe zerquetscht, etwas Citronensaft betgegeben, Waffer nach Verhältniß zugegoffen, nach einer halben Stunde mit starkem Auspreflen durch ein Tuch geseihet, worauf die Flüssigkeit mit etwas Zucker gesüßt und erforderlichenfalls noch einmal durch- geseihet wird. Man hat alsdann ein sehr angenehmes Getränk sür Kranke und Gesunde. * # » Heidelbeertrank. Zu dem Safte frischer oder an der Sonne getrockneter und wieder in Waffer aufgeweichter Heidelbeeren fügt man Waffer und Zucker. — In ähnlicher Weile wie Erdbeer- und Heidelbeertrank bereitet man auch Getränke aus Johannisbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Kirschen u. s. m-, welche sämmtlich einen angenehm-erfrischenden Geschmack besitzen. Gedünstete Heidelbeeren. Ein einziges, sehr wahr- scheinlich aber weniger bekanntes Recept beehre ich mich hiermit Ihnen als Beitrag meinen Schwestern anzuempfehlen; es ist dies „Gedünstete Heidelbeeren". Alljährlich kaufe ich etwa 20—25 Centner schöne, reife Heidelbeeren, wasche sie sorg- fältig, aber rasch ab und sülle dieselben in Selterswafferkrüge. Während dem Füllen müffen die Krüge öfters fest geschüttelt werden, damit die Heidelbeeren sich möglichst fest zusammen- setzen. Sodann werden die Krüge mit Schweinsblasen gut verschlossen. Dieselben werden nun in einen mit kaltem Waffer gefüllten Blechtopf gestellt und zur Verhütung eines Zusammenstoßens der Krüge die Zwischenräume mit Heu oder Stroh ausgefüllt. Auf gutem Feuer wird das Waffer zum Sieden gebracht, der Topf mit den Krügen hiernach weggestellt und so lange stehen gelassen, bis das Wasser wieder vollständig er- kältet ist. Die Krüge werden an einem kühlen Ort ausbewahrt. Beim Gebrauch schlage ich den Kopf des Kruges ab und heraus fällt — vorne der vorzügliche Saft, eine feste, der Form ähnliche Masse, die ein hochfeines Aroma verbreitet und, tüchtig mit feinem Zucker bestreut, der feinsten Tafel Ehre macht. Keine bessere und billigere, aber auch keine gesundere Beilage zu Mehlspeisen kann ich mir senken für Kranke sowohl als Gesunde. Die so gedünsteten Heidelbeeren halten sich Jahre lang. Veriirischtes Am Telephon. Abonnent: „MeinFräulein! An wen muß man sich wenden, um sich über Ihren nachlässigen Dienst zu beschweren?" — Telephon-Assistentin: „Das weiß ich nicht, mein Herr, und wenn ich es wüßte, so wäre es Dienst- geheimniß." * , Durch die Blume. „Mein Gott," sagte eine Dame zu einem Besuche, den sie gern los hätte, „wie die Zeit in Gegenwart geistreicher Menschen so rasch herumgeht I Ich meine. Sie wären erst fünf Minuten hier und doch ist es schon fast eine ganze Stunde!" * ■ * • Anerkennung. Lieutenant (an der Table d'höte sein Couvert musternd): „Zwei Messer und keine Gabel - schneidiger Kellner das!" * * ♦ Das verbesserte Kirchenjahr. „Hans", sagte der Pastor in der Kinderlehre, „nenne mir die Hauptseste des christlichen Kirchenjahres." Nach einigem Nachdenken brachte Hans zögernd heraus: „Ostern." - „Richtig und welche noch? fragte der Pastor. — „Weihnachten," fügte Hans nach und schwieg - „Noch ein schönes Hauptfest," rief der Pfarrer, „weiß es denn Niemand, Kinder? Das dritte große Fest. Ah, Du, Lottchen, weißt es — alfo wie heißt das Fest? „Schweineschlachten!" war die triumphirende Antwort. * Brodneid. Köchin: „Sag' mal, Fritze, weeßte nich 'n Schatz vor unser Stubenmädel?" — Soldat: „Na hör mal, det Bischen, was bei Euch übrig bleibt, det krieg' ich Mz jut alleene uff." , e Zur Schöpfungsgeschichte. Ein cholerischer Herr leidet an Zahnschmerzen und diese erpressen ihm die zornige Anklage wider den Schöpfer: „Der Himmel hat die Zähne nicht für die Menschen, sondern für die Zahnärzte erschaffen. * * * Menschenkenntnis Frau A.: „In welches Seebad gehen Sie?" - Frau B.: „Nach Helgoland." - Frau A-: „Warum gehen Sie nicht lieber nach Ostende? — Frau B. . „Eigentlich geh' ich nach Ostende, aber wenn ich gesagt hätte, ich gehe nach Ostende, dann hätten Sie doch gewiß gefragt, warum ich nicht nach Helgoland gehe." Redaction: A. Scheyda.^Hind Verlag der Brnhl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.