Nr. 66 1893. ----lS—J ^9—M Min Gietzenev Anzeigen (Gsnypal-Zlnzergev) WM ■■■•vi A kMx £ES ’n/W 5 ''H!Xt£8, Donnerstag, den 8. Juni. Verschlungene Pfade. Roman von Max Hochberg. (Fortsetzung). Der Men rollten bei den letzten Worten zwei große Thränen über die welken Wangen- Schwerfällig erhob sie sich vom Stuhl, um ihm da; Bild zu holen. Es war in glänzend weißt s, indisches Seidentuch geschlagen. Behutsam nahm sie es aus der Umhüllung und reichte es dem Maler. Werner trat damit an's Fenster. Er betrachtete mit tiefer Rührung den edlen, schöngeschnittenen Kopf. Wahrhaftig, die alte Frau hatte Recht! Man konnte glauben, Leonore im Profil zu sehen. Er hätte wohl noch länger im Anschauen und Vergleichen versunken gestanden, wenn sich nicht Frau Huhn durch wiederholtes Räuspern bemerkbar gemacht hätte. Es war ihm unmöglich, das Bild schon zurück- zugeben, er konnte sich nicht so schnell von ihm losreißen; ihm war es, als müsse er es zur Hand haben können, wenn es ihm beliebe. Der Wunsch, es zu besitzen, regte sich übermächtig in ihm- „Liebe, einzige Frau Huhn," bat er mit Wärme, „lassen Sie mir das Porträt!" Er sprach, ohne sie dabei anzusehen. Mit glänzenden Augen blickte er wie verzaubert auf das Bild, das in seiner erhobenen Linken ruhte. Frau Huhn sah den Maler ganz verblüfft an- Unter seinem dichten schwarzen Haar lugte ein Stückchen Ohrzipfel hervor und dieser Ohrzipfel war roth, tiefroth. Es war kaum für möglich zu halten und doch täuschte sie sich nicht, denn auch in seinem Gesicht lebte ein Schimmer von Röthe, ein warmer Ton, der sich bis in die Stirn hineinstahl. „Schenken Sie mir das Bild," wiederholte er inständig, chre Hand mit innigem Druck fassend. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, rch will es wie ein Heiligthum halten und bewahren! Sie wollte anfangs nichts davon wissen und war durchaus nicht gewillt, sich von dem ihr theuren Kleinod zu trennen. Dann aber gedachte sie ihres hohen Alters und daß sie nicht emmal wisse, in wessen Hände das Bild hernach übergehe, da sie kinderlos geblieben. Zudem war sie dem Maler seit der ersten Stunde des Kennenlernens herzlich zugethan und so ver- mochte sie auf die Dauer seinen Bitten nicht zu widerstehen und ließ rhm Prinz Georgs Portrait. Ein grauer Herbsttag mit Wind und Regen folgte dem andern. Werner brachte drei Viertel seiner Zeit im Atelier zu, obwohl das Wetter für seine Arbeit das denkbar ungünstigste war und er nur unter Mittag ein paar Striche thun konnte. Ec hatte sich einen Theil seiner Bücher und Skizzen nach dem Stistsgebäude hinschaffen lassen. Er las und studirte dort und suchte seine französische und italienische Grammatck hervor, um sich die Zeit zu kürzen. Oft saß er auch ganze Stunden lang, sich müßigen Träumereien überlassend. Zuweilen zog er dann das Pastellbild aus seiner Brusttasche und vertiefte sich in die edlen Linien des prinzlichen Kopfes. Er trug es beständig bei sich; er hatte sich eigens dafür ein Futteral anfertigen lassen. Mehr als vierzehn Tage waren seit der Hochzeit Hans von Maltens verstrichen. Werners Brief an Leonore war unbeantwortet geblieben. — Er hatte in der ganzen Zeit von aller Welt abgeschnitten gelebt, keine Gesellschaft besucht, nicht einmal das Theater, und sich dem Umgang seiner Freunde entzogen. Man war daran gewöhnt, daß er zuweilen einsiedlerische Launen hatte Traf man ihn zu Hause nicht an und erfuhr dort, er sei den ganzen Tag über im Atelier, wußte man, woran man war und ließ ihn unbehelligt. Von Asta hatte er keinen zweiten Brief erhalten. Ec war ihr eines Morgens auf der Straße begegnet. Sie kam mit der jüngeren Toffsky. Ihr Gesicht verklärte sich förmlich bei seinem Anblick, ihre Lippen öffneten sich zu einem glücklichen Lächeln. Es hatte allen Anschein gehabt, als erwarte sie, angeredet zu werden oder wollte selber mit ihm anbinden. Er hatte, einer boshaften Aufwallung nachgebend, ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht, indem er auf zwanzig Schritt Entfernung überaus tief und höflich den Hut zog und in die Buchhandlung trat, an der sein Weg gerade vorüberführte. Dort ließ er sich den Weihnachtscatalog reichen, auf dessen Studium er anscheinend seine Aufmerksamkeit richtete. Asta blieb mit Annette von Toffsky vor dem Schaufenster stehen und harrte augenscheinlich auf sein Herauskommen. Er konnte sie von drinnen aus bequem beobachten, die im Laden ausgestellten Stahlstiche boten ein gutes Versteck und eine Lücke zwischen ihnen gewährte ihm hinreichende Aussicht. Asta biß im Zorn die Zähne zusammen; ihre Augen flogen bald nach rechts, bald nach links vor Ungeduld. Ein letzter Wuthblitz, der über Murillos süßlächelnde Madonna hinirrte, und sie wandte sich mit ihrer Freundin zum Weitergehen. Der kleine Trotzkopf litt schwer unter der selbstauferlegten Strafe. Asta hatte nach ihrer Meinung gerade in den letzten zehn Tagen so viel erlebt, hundert Dinge waren ihr ausgefallen und sie hätte sich zu gern mit dem Maler darüber ausgesprochen. Ihm hätte sie verschiedene kleine Abenteuer mitgetheilt, die sie ihren Freundinnen verschwieg. Er hätte - 262 = mit ihr über Herrn von Götz lachen sollen, der sich's einfallen i ließ, ihr allen Ernstes die Cour zu schneiden und dessen Ein« bildungskraft und Unverschämtheit bei jedem neuen Zusammen- treffen wuchs. In Gesellschaft ihres geliebten Herrn und Meisters hätte sie sich himmlisch über die Fensterpromenaden des kleinen Lieutenants amüsiren können. Es war zu dumm l Was ließ sich nur thun, um wieder mit ihm anzuknüpfen? — Selbstredend durfte man sich nichts vergeben, nachdem man die Stunden abgeschrieben I Man konnte ihm doch nicht Abbitte leisten? — Aber der eigensinnige Mensch kam nicht von selber; er ehrte ihren Willen mit einer grausamen Consequenz und blieb einfach weg. Es war zum Verzweifeln. Die Abwesenheit ihrer Mama hatte Asta eines schönen Vormittags klug ausgenutzt; sie hatte ihr beim Nachhausekommen vorgelogen, Herr Werner sei dagewesen, habe sich nach dem Besinden der Damen erkundigt und gebeten, für die nächste Zeit die Stunden aussetzen zu dürfen. Der alte Johann hatte kopfschüttelnd eingewilligt, falls er befragt werden sollte, was voraussichtlich nicht geschehen würde, die gleiche Aussage zu thun. Auch sollte er, käme Herr Werner, Asta zuerst in den Salon rufen, noch vor der Mama. Sie hatte sich für alle Möglichkeiten gesichert und wartete mit steigender Sehnsucht auf den vermeintlichen reumüthigen Sünder. , , Der ahnte von alledem nichts. Er sann auch nicht darüber nach, wie viel oder wenig er dem kleinen Blondkopf in der Friedrichstraße fehlen möge. Ganz Anderes beschäftigte seinen Geist. Das Enkelkind der rothen Comteffe beherrschte seine Träume. Was mochte das heißblütige, stolze Mädchen leiden I Ob sie sich mit ihrem Herzen abgefunden und die Neigung für den schönen Vetter eingesargt hatte? Ganz sicher, da hätte sie nicht Leonore von Malten sein müssen! — Eine andere Frage beschäftigte ihn mehr: wie lange sie ihm wohl noch zürnen würde? O, der Tag des Glücks, der ihm einen Brief, das Zeichen ihrer Verzeihung, bringen würde! In Gedanken verloren faß er auch heute im Lehnstuhl und starrte über fein Buch hinweg in das Spiel der Flammen. Es war gegen Mittag und sehr dunkel. Der Himmel verhieß Schnee. Unten tönte die Klingel kurz und leise; sie mußte von schüchterner Hand gezogen worden sein. Flüchtige Schritte kamen die Treppe hoch. Jetzt huschte es über den Flur. Es pochte rechts vom Aufgang an und stand horchend und zagend sine Weile still. Dann nahten die jungen Füße, nur die Spitzen aufsetzend, fast unhörbar der Saalthür. Würde man auch dort umsonst sein Heil versuchen? Ein leises, furchtsames Anklopfen. Werner erhob sich. Er war unwillig ob der Störung und sein Herein klang barsch und unfreundlich. Astas schel- mifches Gesicht erschien in der Thürspalte. „Sie, gnädiges Fräulein?" sagte er bestürzt und erschrocken, als sie nun eintrat. „Ueberrumpelt, überrumpelt und die Festung im Sturm genommen!" jubelte sie, und ihre grünlichen Koboldaugen schienen fast schwarz vor Lust und Uebermuth. Der zierliche Muff von Silberfuchs, der in der Farbe ihres Kleides abgefüttert war, flog auf den nächststehenden Seffel. Stürmisch warf sie sich Werner an die Brust und hob mit kläglichem Ausdruck an: „Liebster Herr und Meister, pater peccavi, ich bettle um Vergebung. Ich will auch in Zukunft ein artiges Kind fein und will's auch nicht wieder thun! Seien Sie mir blos wieder gut! Sehen Sie, ich bringe es mit dem besten Willen nicht fertig, ohne Sie zu leben! Sie freilich leiden nicht darunter, wenn wir uns nicht sehen. Sie haben Ihre Kunst und sind sich selbst genug; Sie brauchen keinen Menschen. Ich aber habe mich ganz schrecklich nach Ihnen gesehnt und mich rein krank geärgert über mich selber." Der Maler schien von ihrer Reue wenig erbaut. Er löste ihre Hände von seiner Schulter. „Sie handeln unüberlegt wie immer!" schalt er. „Haben Sie denn nicht bedacht, daß Sie sich bloßstellen, wenn Sie mich allein, ohne Begleitung, hier im Atelier aufsuchen? Wer hat Ihnen unten geöffnet? „Das Mädchen von Geheimraths, wer denn sonst?" „Kennt das Mädchen Sie?" „ L . Asta war ein Stück zurückgewichen. Sie stand wie em verzogene» Kind da, da» zum ersten Mal ernsten Tadel erfährt und nicht weiß, ob e» Ernst oder Scherz. Ihr Selbstbewußtsein gab den Ausschlag. Ihre Lippen schoben sich trotzig nach vorn. „Was geht uns das alberne Mädchen an," grollte sie, „und ob sie mich kennt oder nicht? — Sie wird es bemalten Geheimrath nicht gleich stecken und seiner halbtauben Schwester nicht gleich in's Ohr schreien. Sie wird froh sein, wenn sie nichts mit ihr zu sprechen braucht. Machen Sie doch nicht solch' großes Aufheben von der Sache! Sie geberden sich fast wie Fräulein Körner!" Ihr Gestchtsausdruck ahmte die einstige Lehrerin äußerst glücklich nach. „Kinder, Ihr dürft Alles thun," sagte sie mit weinerlicher Stimme, „nur verstoßt nicht öffentlich gegen den Anstand und Grazie. Ich weiß recht gut," fuhr sie mit ihrem natürlichen Ton fort, „in Knigges „Umgang mit Menschen" steht nicht» davon, es sei für eine wohl- erzogene, feingesittete junge Dame erlaubt, einem Vampyr auf den Pelz zu rücken, der obendrein vor Liebenswürdigkeit Einen beim Eintritt sofort zur Thür hinauswirft. Liebster Herr und Meister, wüßten Sie, was für ein riesig verzweifeltes Gesicht Sie eben machen!" „Lachen Sie nicht," zürnte er, „die Angelegenheit ist wahrhaftig nicht spaßhaft. Wie konnten Sie sich nur so com- promitttren! Die ganze kleine Stadt weiß, ich habe mein Atelier hier und Sie sind meine Schülerin. Wenn Jemand von Ihren Bekannten Sie hier in's Haus gehen sah und fragt, wen Sie besucht haben, was wollen Sie antworten? Die alte Castellanin können Sie doch — das wäre ein Ausweg. Ich werde jetzt Frau Huhn rufen und Sie begeben sich sofort mit ihr durch den Garten nach der Gartenstraße hinaus. Auf diese Weise laufen Sie nicht erst noch Gefahr, beim Verlassen des Hauses bemerkt zu werden. Aus Vorsicht werde ich zu gleicher Zeit gehen und eine halbe Stunde auf der Großen Straße prome- niren. So ist's am besten. Hoffentlich hat man —" Feste Schritte und das Aufschlagen eines metallenen Gegenstandes auf der Treppe ließen ihn verstummen. „Ein Offizier!" stotterte Asta. Sie war roth geworden. Jetzt begriff sie mit einem Schlag das Unbesonnene ihrer Handlungsweise und das Peinliche ihrer Situation, und zitterte vor Aufregung. _ r ,, , „Dort geradezu, schnell in's Zimmer. Ich schließe hinter Ihnen ab!" drängte Werner die fassungslos Dastehende. Zu spät! Ein dreimaliges kurzes Klopfen, und eine Hand legte sich auf den Thürgriff draußen. Asta konnte den angewiesenen Zufluchtsort nicht mehr erreichen. Sie barg sich rasch hinter den Vorhang des vorletzten Fensters. Dank der dicken Mauer war die Fensternische tief und geräumig. Sie gewährte ihr bequem Platz, ohne daß sie an den Vorhang zu streifen brauchte, der glatt hernrederfiel wie die anderen. _ „Störe ich Sie auch nicht, Herr Werner?" begann der Ankömmling. Asta horchte aus. Das schien Herr von Götz zu sein. Sie lüftete den schweren Damast ein wenig von der Seite hoch und ließ ihn rasch wieder fahren. Sie biß sich auf die Lippe, sich das Lachen zu verbeißen. Er war es wirklich. Ueber dies spaßige Zusammentreffen! Was ihr die Besinnung geraubt und die Glieder gelähmt hatte, Schreck und Scham, war verflogen vor dem Amüsement des Augenblick». War das heute ein interessanter Morgen! Erst bei Maltens — das hatte sie ihm noch nicht einmal erzählt und doch hatte sie ihn zumeist deshalb aufgesucht — das heißt, ehrlich gestanden, nein; sie hatte die Neuigkeit nur als Vor- wand benutzen wollen, ihren Herrn und Meister zu überfallen und sich mit ihm auszusöhnen. — Die ersten Begrüßung«--und Höflichkeitsformeln waren zwischen den Herren ausgetauscht. Der Lieutenant wartete Werners Einladung gar nicht ab; er fetzte sich sofort und legte sich behaglich in den Stuhl zurück, einen Fuß über den andern schlagend. Ihm war an und für sich ein schlauer, verschmitzter Ausdruck eigen, augenblicklich aber machte er ein reines Spitzbubengesicht. Es zuckte und arbeitete in seinen Zügen vor unterdrückter Freude. Er hatte den Muff, an den in der Bestürzung Keiner gedacht, „Sieh' da, der große Heilige hat auch seine Schwachen, memorirte er, „wollen ihn ein Bischen in Verlegenheit bringen! Der nächste Gedanke, der sich an seine Entdeckung reihte, war der: wie herrlich, der kleinen, malitiösen Schönholz hinterbringen zu können, ihr geliebter Herr und Meister male ein famoses Stillleben. Es stellte einen allerliebsten Muff dar, in einsamer Weltverlaffenheit nach seiner Herrin schmachtend, auf dem alter- thümlichen Ledersessel eines Junggesellenzimmers. „Denken Sie, Herr Werner," hob er mit möglichster Harmlosigkeit an, „kenne hier vom Schloss die Bilder noch nicht! Klingt fast unglaublich, nicht? — Und habe dabei für die edle Maleret das wärmste Interesse von der Welt, pfusche selbst ein Geringes darin- Ich hörte, es seien sogar einige hervorragende Sachen hier. Irre ich nicht, machten Sie mich selbst darauf aufmerksam? — Freilich, von dem Claude Lorrain sprachen Sie, der sich hier befände, und seiner düsteren Schönheit." „Der hängt im grünen Zimmer auf der anderen Seite des Schlosses," fiel ihm der Maler eifrig in's Wort. Er war aufgesprungen. „Wenn Sie ihn in Augenschein nehmen wollen?" „Nein, bitte, heute nicht," wehrte Herr von Götz die nicht zu mißdeutende Aufforderung ab- Es eilte ihm durchaus nicht damit, den Claude Lorrain im anderen Flügel kennen zu lernen; es war sonnenklar, der Maler wollte ihn entfernen, damit die Dame, die offenbar im Zimmer nebenan wellte, nicht von ihm gesehen würde. „Das nächste Mal, wenn Sie mir gestatten, Herr Werner —" „Es wird mir ein großes Vergnügen sein! Bei dem dunklen Himmel würden Sie überdies wenig Genuß davon haben," versetzte der Maler kühl. „Scheint mir auch so! Selbst hier am Fenster bei dem kleinen Becker entgehen Einem die Feinheiten in der Ausführung. Werde den nächsten sonnigen Tag, mit Ihrer Erlaubniß, dazu benutzen, den alten Meistern meine Aufwartung zu machen." Götz war aufgestanden und betrachtete angelegentlichst die nächsten Bilder. Unruhig, mit argwöhnischen Blicken verfolgte Werner jede seiner Bewegungen. Götz spitzte den Mund, als wollte erIzu pfeifen anfangen. „Heureka," jubelte es in ihm. „Ein hübsches Arbeitszimmer haben Sie übrigens," bemerkte er, unbefangen den Saal durchwandernd und hier und da stehen bleibend. „Platz genug, sich auszudehnenI Dielängste Zeit haben Sie es freilich benutzt. Der Raum muß nicht zu erheizen fein bei eintretender Kälte. Wie ist mir denn? Ist das nicht der berüchtigte Saal, in welchem der Sage nach das unglückliche Opfer der Erziehung nach Rousseau'fcher Methode fein Leben endete? Den blödsinnig gewordenen Prinzen Heinrich meine ich, der im Wuthanfall den Degen gegen den Fürsten zog und durch die Hand des eigenen Vaters fiel. So behauptet man wenigstens. — Nein, das hinter dem Saal liegende Zimmer war es, dort brach der Prinz zusammen! Die Blutflecke sollen ja noch vorhanden sein!" Bei.den letzten Worten stand Götz schon an der Thür. „Es ist doch gestattet, sich den Ort jener unheilvollen That anzuschauen?" fragte er über die Schulter zurück. Sein überlegenes Lächeln und das boshafte Aufblitzen im Auge verschwand ebenso schnell, wie es gekommen, denn Werner verbeugte sich mit der verbindlichsten Miene von der Welt. „Bitte, gehen Sie voran," sprach der Maler, „ich bin gern erbötig, Ihnen als Cicerone zu dienen, da es Ihnen an» schemend grosse Freude gewährt, in diesen alten Räumen localhistorischen Spuren nachzugehen." Sein Ton klang dem kleinen Lieutenant etwas ironisch und er vermochte sich des Gefühls einer inneren Niederlage nicht zu erwehren. Er durchschritt an Werners Seite die ver- schieden«« Gemächer des linken Flügels und lauschte aufmerk- sam den Erklärungen und kleinen Anekdoten, die sein Führer mit heiterster Liebenswürdigkeit zum Besten gab. Man kehrte in den Saal zurück. „Staunen Sie nicht über die Tiefe und Gründlichkeit meiner Kenntnisse?" scherzte der Maler. „Die habe ich im M - Laufe der Zeit allmälig der Castellanin, der guten, alten Mama Huhn, abgelistet." „Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet und möchte es gern noch mehr werden! Rund heraus, ich schlug den Weg zu Ihnen mit der Absicht ein, Ihnen eine Bitte vorzutragen. Wollen Sie mich als Schüler annehmen? Bitte, jetzt keine Antwort! Es sieht nicht aus, als stien Sie geneigt, meinem Wunsche zu entsprechen. Weiß, Sie haben es einem halben Dutzend unserer Heranwachsenden Schönen abgeschlagen und das wären noch unterhaltende Stunden gewesen, eine süße Aufgabe, der sich so leicht kein Anderer entzogen hätte. Sage Ihnen gleich, Herr Werner, ich habe nur geringe Anlagen und würde die Sache voraussichtlich mit viel Lust und wenig Erfolg betreiben. Wissen Sie, was mich hauptsächlich verlockte und auch ermuthigte, dies Ansinnen an Sie zu stellen? Die Resultate, die Sie in einem halben Jahre bei Fräulein von Schönholz erzielten. Sie hat unglaublich rasche Fortschritte gemacht und malt schon jetzt für eine Dilettantin erstaunlich gut!" Asta wäre am liebsten aus ihrem Versteck hervorgesprungen. „Und dann meine ich," fuhr der Lieutenant fort, „wer solch' einem, unter uns gesagt, kleinen Satan gegenüber die Geduld nicht verliert, wird auch mit mir Nachsicht haben." Werner lachte. Die kleine Lection konnte Asta nichts schaden. „Leider wahr gesprochen, Herr von Götz!" stimmte er bei. „Fräulein von Schönholz besitzt ein so launisches, unberechenbares Temperament, daß sie einen Engel dahin bringen könnte, aus der Haut fahren zu wollen. Boshaft ist sie in einer Weife — kein Kettenhund ist bissiger! Dessenungeachtet gebe ich ihr herzlich gern Stunden, — nämlich — well ich mich in der Geduld üben will. Ich trage mich mit dem großen Gedanken, mich zum Philosophen heranzubilden. Ohne Xantippe kein Sokrates, lautet mein Glaubensbekenntniß." „Xantippe war die Frau des Sokrates," entgegnete Götz mit gehobener Stimme. Stechend herausfordernd bohrte sich sein Blick in den des Malers. „Würde Ihre Philosophie so weit gehen?" „Das ist eine Gewissensfrage, Herr von Götz," gab Werner refervirt zur Antwort- „Ehestand, Wehestand — ein Mann soll das sehr, sehr überlegen." Der Lieutenant verabschiedete sich und Werner gab ihm bis zur Treppe das Geleite. Asta schlüpfte unterdessen aus ihrem Gewahrsam hervor. „Dieser unverschämte Mensch!" rief sie in heller Empörung. „Hat denn schon Jemand über meine Fähigkeiten und Leistungen sein Urtheil verlangt? So etwas muß man stillschweigend hinnehmen! Und Sie haben mich auch gehörig schlecht gemacht! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie böse ich auf Sie bin! Von der Hochzeit her habe ich auch noch ein Hühnchen mit Ihnen zu pflücken. Rechnen wir ab! Zwei Bejahungen ergeben eine Verneinung: also diesmal ist's Ihnen geschenkt und Sie gehen frei aus. — Aber Herr Götz! Na, warte nur, Du sollst mir wieder Süßholz raspeln! Ich schlage Dich mit Deinen eigenen Worten. Wie drückte er sich gleich aus? Wer solch' einem kleinen Satan gegenüber die Geduld nicht verliert—" „Das werden Sie gefälligst bleiben lassen," fuhr der Maler auf. „Ich verbitte es mir strengstens I Ich danke dem Himmel, daß Alles glücklich abgelaufen ist und Herr von Götz nicht Lust bekam, zur besseren Beleuchtung der Bilder die Vorhänge bei Seite zu ziehen. Ich rathe Ihnen, begehen Sie keine neue Unbesonnenheit. Was würde er von Ihrer Anwesenheit hier denken? Ihr guter Ruf steht dabei auf dem Spiel und das ist der schönste Schmuck eines jungen Mädchens. Ich kenne einige Klatschbasen des schönen und starken Geschlechts, die mit wahrem Heißhunger auf die Gelegenheit passen, über Sie herzufallen. Sie haben sich durch manche kleine Bosheit Feinde geschafft." Asta zog verächtlich den Mund. „Was kann man denn groß von mir Schlechtes sagen?" warf sie geringschätzig ein. „Unwahres Gerede ficht mich nicht an." (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Vermischtes. Bereitung von Liqneuren ans Beeren und Steinfrüchten. Besonders geeignet sind die Walderdbeeren. Man nimmt einen Teller voll, den man mit 1 Liter besten Spiritus 8 Tage stehen läßt, filtriert dann und gießt 1 Liter Waffer, worin ’/i Kilogramm Zucker geläutert ist, hinzu. — Himbeer-Liqueur wird bereitet, indem man auf V2 Liter Himbeeren 1 Liter Spiritus gießt und einige Tage stehen läßt: nach Filtrieren der Flüssigkeit gießt man l1/2 Liter Wasser, worin V« Kilogramm Zucker geläutert ist, hinzu. — Kirsch-Liqueur. 1 Kilogramm Kirschen werden entsteint, die Steine gestoßen und mit" dem Kirschfleisch in einen Topf geschüttet. Dann wird 1 Liter Spiritus zugesetzt. Nach 3 Tagen wird filtriert und 1 Liter Wasser zugegoflen, worin V2 Kilogramm Zucker geläutert ist. * e • Schwarzer Johaunisbeer - Syrup wird aus schwarzen Johannisbeeren, die auch wild in sumpfigen Wäldern wachsen, auf folgende Weise bereitet: Man zupft die Beeren ab, zerdrückt sie und stellt sie an die Wärme bis der Saft sich heraus gezogen. Man kann sie auch auskochen. Zu 1 Liter Saft nimmt man Vj2—2 Pfund Zucker, bis er Fäden zieht, und dann den Saft etwas mitkochen und füllt ihn in starke Flaschen. Dieser Syrup ist sehr erfrischend und auch bei Krankheiten nützlich. — Joha.nnisbeeren ohne Zucker auf gekocht, geben einen vorzüglichen Syrup, der kühlend und heilsam ist und bei Kindern gute Dienste leistet. Beim Gebrauche wird er mit heißem Wasser übergossen. ♦ ♦ ♦ Die Goldfische, diese für die Zimmer-Aquarien so beliebten Fische, erreichen ein hohes Alter (zehn bis zwölf Jahre), wenn sie richtig behandelt werden. Am meisten wird bei der Fütterung gesündigt, indem die Fischchen vielfach überfüttert werden und daran zu Grunde gehen. Um sie gesund zu erhalten, darf man sie im Sommer nur alle drei Tage füttern, und zwar niemals mit Brod, Semmel und dergleichen, sondern nur mit Ameiseneiern, Oblaten, Eigelb und ähnlichen Stoffen, hin und wieder gebe man ihnen etwas Salat, den sie gern fressen. Das Waffer muß im Sommer alle Tage, im Winter alle drei Tage gewechselt werden, doch muß immer dieselbe Wasserärt, also immer Brunnenwasser genommen werden. Das Absterben der Goldfische kann man dadurch verhindern, wenn man einige Dutzend Pflänzchen von Wasserlachen, die man auf jedem stehenden Gewässer findet, in die Gefäße bringt. Verschicken der Eier. Wenn mit der Post versandte Eier nicht heil an den Bestimmungsort gelangen, so kommt die Postverwaltung nicht nur nicht für den Schaden auf, sondern sie veranlaßt auch entweder den Absender oder Empfänger noch zum Schadenersatz etwaiger anderer durch die ausgelaufenen Eier beschädigten Postsachen. Darum ist es für Diesen oder Jenen vielmehr wissenswerth, wie ich bisher Eier verschickte. Werden die Eier getragen oder vorsichtig von einem Orte zum nächsten gefahren, so genügt Häcksel als Ver- Packung. Mit der Post versandte ich die Eier, indem ich jedes einzeln in Papier wickelte und etwa 3—4 Stieg in Kisten fest aneinander packte; zwischen die einzelnen Schichten legte ich Gras oder Heu. (Häcksel weicht zu leicht aus.) Die Eier stehen alle auf hoher Kante; wenn sie dann wirklich einmal hart anstoßen sollten, schadet es ihnen weniger; denn bekanntlich können sie in die Länge einen starken Druck aushalten. Und sollten, auf diese Weise verpackt, doch einige entzwei gehen, so bleiben sie immer in Papier, und ihr Inhalt ist so noch verwerthbar. k Satirische und andere Aphorismen. (Nach- druck verboten.) Ein leeres Portemonnaie ist eine Bonbonniere ohne Einlage, und hat darum der Besitzer eines solchen bei den Damen, welche Süßigkeiten (des Lebens) lieben, wenig Glück. — Man sammelt heutzutage Alles, nur sich selbst nicht. — Was das eiserne Kreuz für den gedienten Soldaten, ist der eiserne Geldschrank für den Geschäftsmann: die Legitimation, daß er sich im Kampfe gut gehalten. — Auch die schärfste Couponscheere versagt, wenn die Coupons nicht gut sind. — Das Non plus ultra von Thierdveffur ist ein lebender Hummer, der mit seiner Scheere Coupons abschneidet. — Je weniger Rentiers er gibt, desto besser befinden sich Diejenigen, welche es sind. — Darin, daß die Natur den Menschen nackt und bloß in die Welt setzt und aus der Welt gehen läßt, hat sie schon angedeutet, daß der Mensch für sich selber und nicht für Andere sorgen muß. — Die Selbstsucht ist der edelste Trieb im Menschen, denn sie bringt ihn zum Bewußtsein seines „Ich". — Eine eiserne Stirn besitzt den Vortheil, daß sie nicht erröthet und vor keinem Hinderniß zurückbebt. Daher machen Leute mit eisernen Stirnen gewöhnlich rasche Carriere. — Der Rentier ist kein Rennthier. Er nimmt sich zu Allem Zeit. — Ein magerer Speculant steht im Verdacht einer mageren Börse. — Ein verlumptes Genie ist ein Aristokrat des Geistes, der seine reichen Gaben so verschwendet hat, daß ihm keine mehr übrig bleiben, um mit ihrer Hilfe sein Leben zu fristen. — Der schrecklichste Fall ist der Fall des Zinsfußes. Da hat schon Mancher den Hals gebrochen. — Aufschneider haben meistens nichts weniger wie Schneidigkeit. — Auch der Rentier kann in Nothlage gerathen, wenn er nämlich Roth hat, seine Kapitalien sicher unterzubringen. — Die altegyptische Staatsweisheit, daß män gleichzeitig das Krokodil als noch- wendiges Nebel und den Ibis als Krokodileierfrefler verehrte, gilt auch heute noch: man verehrt die Priester des goldenen Kalbes, aber man gönnt ihnen einen heimlichen Puff. — Rentiere ist der werthvollste Titel für eine Frau und ersetzt alle Bildung. — Der Lorbeer im Maul eines servirten Eberkopfer ist oft mehr werth, wie der auf dem Haupte eines Künstlers, denn er v-rspricht den Genuß der Gegenwart, während der letztere oft nur von vergangenen Genüssen erzählt. — Ein Dichter soll stets in höheren Regionen schweben. Darum Hausen die meisten im Dachstübchen. Postfindigkeit. In Mottenburg lief eines Tages bei der Post eine Correfpondenzkarte ein mit der Adresse: „An den Tyrannen von Mottenburg." „Tyrannen gibt's hier nicht," schrieb der Sourant darauf, „also unbestellbar!" Der Herr Jnspector aber streicht diesen Vermerk weg und schreib! darunter: „Versuchsweise dem Herrn Bürgermeister zuzustellen!" - ♦ Ein Städter. „Du," sagt der eine Knecht zum andern beim Mittagessen, an dem auch des Bauern Sohn, der Student, Theil nimmt, „der Hans is fcho' a' sak'risch feiner Herr wor'n in der Stadt; der ißt nur mehr fünf Knödel!" — ♦ ♦ * Guter Rath. Rekrut: „Herr Feldwebel, ich möchte mich über meinen Unteroffizier beschweren." — Feldwebel (gemüthlich): „Weißt Du was, laß das lieber sein, mein Jung'. Beschweren kannst Du Dich wohl mit so was . .. aber erleichtern nicht." • ♦ • Das kleine Gänschen. Er: „Ei, mein kleines Gänschen, Du schläfst noch?" — Sie (entrüstet): „Wie kannst Du mich, so nennen?" — Er (lachend): „Weil Du so lange in den Federn steckst!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Nr. 67. Anter- „Nun, schäft für m es schwer bei lassung, daß Der Er senkte schuldb kommen sein, bei uns blick halb vorwurs „Sie ho leichtem Anfl „Ach, di Sie sollten n wollte Ihnen getanzt haben Zauberer im Neuigkeit- S Quelle erfahr Geschichte gai guten, alten 2 was Sie dazr Mama wollte „Schon „Müssen vor Angst ü6i mir über die selber. Man lich, sein eig« Oh horrible! dummen Untei gebracht. Um schneiden. W Malten begriff wurde gesproc regung, ihre F und ihre Auf» war's, als hör Mama mußte und wollte sich legener Zeit ei, auf die kürzeß