Anterchaltrrngsblatt ^um GZshenev Anzeigsv (Genev^l-Anzeigev) 1893 Nr. 144. jWWMi W^KN^« kEKhMMMML MZHD WM yg4- ü»»jg= iH^KOA ^.i,iw jfai Donnerstag, den 7. December. Dunkele Mächte. Novelle von H. v. Limpurg. (Fortsetzung.) Da wurde mit einem Male die Thür des Zimmers heftig aufgeriffen, die Jungfer stürzte todtenbleich herein und zu ihrer Herrin hin. „Frau Gräfin," schrie sie außer sich, „kommen Sie rasch zur Comteßl Sie liegt besinnungslos am Boden!" „Was ist geschehen," fuhr die Gräfin auf, dann stürzte sie hinaus, gefolgt von dem jungen Arzt, der todtenbleich ge- worden war. Als sie eintraten, hatte Gräfin Therese die Augen wieder geöffnet. Dunkle Gluth färbte ihre Schläfen, als sie hinter der Mutter den Geliebten erblickte. „Beruhige Dich, Mama," sagte sie freundlich, „es ist nichts, ich bin wieder ganz wohl." „Kind, Kind, was ist Dir geschehen?" rief die Gräfin außer sich, neben der Tochter niederknieend, „Du warst so heiter und munter beim Frühstück und nun bist Du wie um- gewandelt. Was hat Dich erschreckt." „Sie bluten, Comteß," rief der junge Arzt und beugte sich über die Geliebte. Dabei strich er mit der Hand die Blutspur fort, die indeß sogleich zurückkehrte; dann wandte er sich zur Jungfer und sagte: „Bringen Sie Schwamm und Becken, ich werde die kleine Wunde verbinden." Therese blieb stumm bei all' den Fragen der Mutter nach ihrem Unfall, nur in ihren blauen, großen Augen schimmerte ein wehmüthiger Ausdruck- „Laß es gut jetzt sein, Mama, ich habe — ein Todes» urtheil vernommen," flüsterte sie dann leise. „Verurtheilte sind wohl immer ernst, wenn ihnen das Urtheil mitgetheilt wird." Die an sich unbedeutende Wunde wurde verbunden und als das Mädchen sich entfernt, ergriff Arthur die Hand der Comteffe und sagte: „Therese, bitte Deine Mutter, daß sie uns eine ganz kurze Unterredung gestattet — es ist die letzte Gnade, welche den Verurtheilten gegönnt wird." „Mama," entgegnete das junge Mädchen und schaute flehend zur Gräfin auf, „wirst auch Du mir mit einem Fluche drohen, wenn ich nicht jenes schrecklichen Mannes Weib werden kann?" „Therese," gab die Gräfin mild zurück, „das könnte ich niemals, dazu liebe ich Dich zu sehr; aber ich werde thun, was in meinen Kräften steht, um Dich zu vermögen — gehorsam > zu sein." f „Auch wenn mir das Herz dabei bricht?" „O, Kind, wie viele Menschen leben weiter mit gebrochenem Herzen; das Bewußtsein, die Pflicht gethan zu haben, Hilst über manches Herzeleid hinweg. Doch es sei, Ihr sollt von einander Abschied nehmen; ich habe Ihr Ehrenwort, Arthur!" Sie ging. Als die Thür sich hinter ihr geschloffen, breitete Arthur in überwallender Empfindung beide Arme aus und sagte weich: „Mein Lieb, mein theures Mädchen, komm an mein Herz, — zum letzten Male!" Mit einem herzzerreißenden Weheruf sank fie an seine Brust, seine Lippen preßten fich auf ihre Stirn und Augcn, und secundenlang blieb es still, ganz still in dem Gemach. — Dann richtete sich der junge Arzt zuerst empor und begann: „Geliebte, laß uns tapfer sein, laß uns muthig scheiden." „Nein, Arthur, ich kann es nicht. Verlange Alles von mir, nur dies Eine nicht!" „Therese, hast Du mich wirklich so lieb? Lieber als Alles sonst auf der Welt?" „Ja, Arthur, das weißt Du schon längst. Ich will Dir zu Liede thun, was in meinen Kräften steht und um Deinetwillen Alles tragen." „Auch Leid und dunkle Stunden, mein Herz?" „Ja, ich will thun, was Du willst, mein Arthur." „Willst Du — Dich ganz in meinen Willen fügen — und mir gehorchen, was immer ich von Dir fordern mag? Denke stets, meine Therese, daß ich Dich liebe, mehr als mich selbst, als mein Leben!" „Ich weiß es," lächelte sie herzzerreißend, das Köpfchen an seine Schulter lehnend; „ja, nimm mich hin, ich folge Dir, wohin Du willst." „Nun denn," sagte er leise, nach schwerem Kampfe mit sich selbst, „so sei es denn!" Und er zog sie abermals stürmisch in die Arme, bedeckte sie mit heißen Küffen und murmelte leidenschaftliche Liebesworte, denen Therese selig lächelnd mit geschloffenen Augen lauschte; dann, sie noch immer fest im Arm haltend, hob er plötzlich die ausgebreitete Hand mit den nach innen gerichteten Fingerspitzen in halbkreisender Bewegung bis zu Theresens Gesichte, während sein Blick starr in ihre Augen sich zu bohren schien. Eine entsetzliche, athemraubende, wennschon kurze Pause trat ein; ein Schauder nach dem andern schüttelte dar blaffe Mädchen im Arm des jungen Arztes, dem selbst dicke Schweißtropfen von der Stirn perlten, dann ward sie mit einem Male steif und schwer wie eine Leiche. Arthur hob den Körper auf — 574 — und legte ihn aufs Ruhebett. In seinen Zügen arbeitete eine erschütternde Bewegung. „Therese," frug er, sich über die im Hypnotismus Liegende beugend, „hörst Du, daß ich mit Dir spreche? Antworte mir." Ä „Ich — höre," gab sie matt zurück, ein schwerer Athem- zug hob ihre Brust. „Hast Du mich lieb?" , „O — sehr lieb — wie — sonst — nichts auf Erden." „Und willst Du thun, um was ich Dich bitten w.ll." „Ja - ich will." „Du wirst mich lieb behalten tief im Herzen." „Immer — und immer I" „Aber — Du wirst den Fürsten Sereco heirathen, weil Dein Vater es befiehlt. Du wirst es dem letzteren noch heute freiwillig erklären." „Ich — werde es thun!" „O, meine Geliebte, meine Therese," stöhnte der Arzt und sank wie gebrochen neben der Schlafenden zu Boden, „was habe ich gethan! Ich bin ein Elender, ein Verbrecher, der Dein Leben vernichtet — und doch dabei nur Dich — Dich allein liebt, und nur Dein Wohl will, weil wir Beide nicht glücklich sein können." Er beugte sich vor, um das liebliche Gesichtchen mit glühenden Küssen zu bedecken, es schien ihm unmöglich, von Therese zu scheiden und doch, die Zeit drängte — es mußte sein. „Lebewohl, mein Liebling, und Er, dessen Name ein Mann wie ich nicht auszusprechen wagen darf, behüte Dich — und lasse uns nie mehr zusammentreffen I" „Arthur," murmelte Therese traumhaft, schwer athmend, „ich liebe — Dich - allein." Wie von Furien gejagt stürzte der unselige junge Mann hinaus, die Treppen des Schlosses hinab und in's Freie- Dem Arzte war es, als solle der Himmel über ihm zusammenstürzen, als dürfe er keinem Menschen mehr vor Augen treten und nicht einmal emporsehen zu dem allmächtigen Gotte. Mit wirrem Haar und stierem Auge eilte er weiter durch die Felder dem Walde zu. Er wußte eine Stelle, wo das Plateau in Ab- gründe endete, dorthin strebte er. Dem fluchbeladenen Seelenmörder des geliebten Wesens war der Gedanke an Selbstmord nicht abschreckend. Gnade konnte ihm doch nie werden! Solche Gedanken verfolgten ihn wie Furien! Schon stand er an der verhängnißvollen Stelle, noch einmal die sonnbeglänzte Welt betrachtend, in die er mit seiner Verzweiflung nicht länger hineingehörte, als eine nur zu wohl« bekannte ernste, drohende Stimme ihm zurief: „Arthur, mein Sohn, was hast Du vor? Zurück, wenn ich Deine Gedanken errathe. Halt, denn Du bist im Begriff, ein Verbrechen zu begehen." „Ich habe es schon gethan," murmelte der junge Arzt verzweifelnd, „Vater, halte mich nicht zurück; mit dem fluch- beladenen Herzen kann ich nicht weiter leben." „Der Mensch kann Alles, was er will," entgegnete der Oberförster streng, „wenn Du zum Selbstmörder wirst — fluche ich Deinem Andenken und Du wirst dann doppelt gekennzeichnet vor dem ewigen Richter stehen." „Vater," stöhnte Arthur, schwer mit sich ringend, „nicht so hart! Sag' mir ein Wort der Theilnahme; Du ahnst nicht meine Schuld und meine Qual." „Beichte, so werde ich nach Gottes Wort Dich zu trösten suchen." „Ich kann nicht — Gott allein kennt mein Verbrechen!" Des Oberförsters Blick drang wie ein zweischneidiges Schwert in des bleichen Sohnes Seele, dann wandte er sich kurz ab und sagte: „Run wohlan, so lebe weiter und der Gewissensstachel sei Deine Strafe, so lange Du lebst, wenn Du Dich dem Vater nicht anvertrauen willst." „Vater, Deine strenge Ehrenhaftigkeit kennt kein Mitleid für den eigenen Sohn?" flehte Arthur. „Ich weiß nicht, weshalb Gottes Heimsuchung mich so furchtbar trifft, daß ich in meinem Sohne einen — Verbrecher sehen muß," sagte der alte Herr mit Thränen in den Augen und ging stumm davon. Es währte lange Zeit, ehe Gräfin Therese die Augen aufschlug und noch halb im Traume um sich blickte- Das war ihr Schlafzimmer mit dem in den Park hinausgehenden Fenster, der weißverhangene Toilettentisch, der Spiegel, Alles wie sonst — und dennoch kam es ihr vor, als sei ihr Alles fremd ringsum- Sie richtete sich auf. In den Kleidern hatte sie auf dem Bette gelegen und weshalb? Verwundert schüttelte sie den Kopf, ein schwerer Druck, ein dumpfes Gefühl preßte ihre Stirn zusammen und benahm ihr fast den Athem, so daß sie die feinen Finger an die Schläfen drückte, um den Kopfschmerz zu mildern. „Bin ich denn krank," murmelte sie vor sich hin, „oder was soll dies Schmerzgefühl bedeuten? Ich habe doch heute früh gemalt. — Was ist denn nur mit mir geschehen?" Einige Male schritt sie im Zimmer auf und nieder, dann blieb sie am geöffneten Fenster stehen. „Was wollte ich nur eigentlich thun," frug sie sich von Neuem und schüttelte den Kopf, „es fällt mir nur im Augenblick nicht ein, aber jedenfalls ist es etwas Wichtiges gewesen." Es pochte leise an der Thür und Gräfin Weilern trat ein. „Wie geht es Dir, mein armes Kind?" frug sie, angstvoll zu dem jungen Mädchen hineilend, die wie paralysirt am Fenster lehnte; „hast Du Dich erholt von dem Ohnmachts» anfall?" „So war ich ohnmächtig?" frug Therese verwundert, „dar wußte ich nicht. Aber Mama, weshalb siehst Du so erschrocken aus, es ist doch nichts vorgefallen?" „Nein, o nein, mein treuer Liebling," schluchzte die Gräfin, deren Selbstbeherrschung sie verließ, „aber Du thust mir so unbeschreiblich leid und ich bin machtlos dem Willen Deines Vaters gegenüber." „O," nickte die junge Gräfin seltsam, „nun weiß ich, was mir vorhin entfallen war; ich muß zum Papa, um ihm zu sagen, daß ich den Fürsten Sereco heirathen will —" Die Gräfin prallte wie vor einem Gespenste zurück bei diesen ruhigen, unbewegten Worten Theresens, deren Antlitz sich nicht veränderte und deren Lippen nicht bebten. „Therese, mein Kind," rief sie außer sich, „und das sagst Du so ruhig I Ich dachte, Du liebtest Arthur Fels und er würde Dir schwer, zu entsagen." Eine feine, jähe Röthe stieg in des Mädchens Wangen, sie hob leise abwehrend die Hand. „Nenne ihn nicht, Mama, ich liebe ihn wohl, aber dennoch — will ich des Fürsten Gemahlin werden und ihm treu sein. Ich will, hörst Du, ich — kann nicht anders, ich will, ich muß ihn heirathen." Noch nie hatte die Gräfin ihre Tochter so seltsam sprechen hören. Unbewegt wie int Traum fielen die Worte von Theresens Lippen, und es war fast ein Grauen, womit die Gräfin sich abwandte. „Thue Deine Pflicht, mein Kind, und Gott segne Dich, daß Du Dich bezwungen hast, Papas Wunsch zu erfüllen," sagte sie dann. „Es mußte ja wohl sein!" hauchte Therese, mit der Hand an die Schläfen fassend, in denen es wild pochte und hämmerte; „der Fürst ist reich, sehr reich, und deshalb will mich Papa an ihn — verkaufen. Aber ich thue es ja freiwillig und ich thue es gern." , Ein Beben überrieselte ihren zarten Körper, ein Seufzer hob unwillkürlich ihre Brust, dann wandte sie sich zum Toilettentisch- „Ich werde erst andere Toiletten machen, Mama, ehe ich dem Papa meinen Entschluß mittheile. Meinst Du, daß ich mein graues Seidenkleid anziehen soll oder das Helle mit dem Veilchenmuster?" Müde, wie geschäftsmäßig, fielen die Worte von Theresens Lippen; sie empfand es wie eine Sehnsucht, weinen zu können, aber ihre Augen blieben trocken. „Kind, Kind," sagte die Mutter beim Hinausgehen, „Du bist sicherlich krank. Ich kenne Dich nicht wieder, so ist Dein Wesen verändert." „Und ich kenne mich auch nicht," flüsterte das junge Mädchen, als sie sich allein befand, „mir ist, als stehe eine fremde Person statt meiner hier — deren Herz von Stein ist. Ruhig, fast mechanisch, machte sie ihr wirres Haar zurecht, steä mit ger sun den lau S9n We und ich uni mit nes nm die dai wil ma los Zu auf Nu in siel me brc fah 3« vei „S kar Gr W res leif „id Si un ho ich wi fte G S re, ur — 575 steckte eine veilchenfarbene Schleife hinein, legte das Helle Kleid mit denselben Blümchen gemustert an, und blieb dann noch eine geraume Weile vor dem Spiegel stehen, in tiefe Gedanken ver- funken, doch ohne ihr liebliches Bild zu sehen, welches ihr aus dem Glase entgegenschaute. Weshalb muß ich eigentlich noch leben," sagte sie ganz laut vor sich hin, „mir ist es, als ob das Beste hier in der Brust tobt fei und nur der Körper noch mechantfch sich bewegte. Wenn ich nur weinen könnte, aber es schmerzt nur im Auge und brennt — Thränen kommen nicht hervor! Nun verstehe ich das Nürnberger Wälpi, *) welches seine Thränen verkaufte und dann so elend wurde. Hätte ich sie denn auch verkauft? Aber worüber klage ich eigentlich? Die Menschen werden mich beneiden als Fürstin Sereco, wenn ich an der Seite meines Gemahls in Reichthum und Glanz dahin lebe. Ich werde nur noch seidene Kleider, Juwelen, Spitzen und Alles das haben, was sich gewöhnlich ein junges Mädchen wünscht — nur Eines nicht. Ich kann den Fürsten nicht lieben! Ich — liebe — einen Aderen. Aber still, der Name darf nicht mehr über die Lippen des Mädchens, welches int Begriff ist, sich durch das feierliche „Ja" einem anderen Manne zu verloben. Ich will ja auch gehorsam sein, mich zwingt Niemand — Niemand!" Sie schritt vorwärts, aber ihre Knies wankten und kraftlos sank sie auf das Sopha nieder, während ein nervöses Zucken über ihr Antlitz glitt. Dann aber raffte sie sich sogleich auf und hob energisch das blonde Köpfchen- „Thörin," murmelte sie vor sich hin, „was fällt Dir ein! Nur vorwärts, nimm die goldene Feffel auf — es zwingt Dich fa Niemand!" Bor der Thür von des Vaters Zimmer blieb Therese stehen. Todtenblässe überzog ihr Gesicht, als sie drinnen Stimmen vernahm und des Fürsten fatales Lachen an ihr Ohr drang. Rasch entschloffen ging sie in die Dienerstube und befahl ruhig dem ganz erstaunten Bedienten, sie bei ihrem Vater zu melden. Als der Graf und Fürst Sereco die feierliche Meldung vernahmen, schauten sie sich verständnißvoll und befriedigt an. „Sie kommt selbst, sie willigt ein," murmelte der Graf, „ich kannte ja mein Kind genau!" „Lasten Sie mich hier im Nebenzimmer warten, lieber Graf," meinte der Serbe schmunzelnd, „ich bin dann auf Ihren Wink gleich bereit, meine schöne Braut zu umarmen- Haha V* Bleich, aber eigenthümlich ruhig und unbewegt, trat The' rese in's Gemach und zum Vater hin. „Du weißt, Papa, weshalb ich komme," begann sie mit leiser Stimme, fast, als sage sie ein gelerntes Sprüchlein auf; „ich wollte Dir sagen, daß ich bereit bin, — den Fürsten Sereco zu heirathen." Graf Weilern breitete mit einem Jubelruf die Arme aus, um seine Tochter an's Herz zu drücken, die es sich, beinahe fröstelnd, gefallen ließ; dann machte sie sich ebenso ruhig wieder los, trat zurück und sagte: „Du siehst, Papa, ich bin Dir gehorsam, denn wenn ich auch den Fürsten nicht liebe, so will ich ihm doch stets eine treue Gattin sein." „Das ist recht und gut, Therese; sei überzeugt, der Fürst wird Dich glücklich zu machen suchen." „Was ist Glück?" frug sie halblaut, bitter, dann faßte ste wiederum nach den Schläfen; sie hämmerten wie int Fieber- „Darf ich Deinen — Verlobten rufen, mein Herz?" frug Graf Weilern ganz glückselig und strahlend, „er wartet mit Sehnsucht auf Deine Antwort." Wieder ging ein Frösteln durch die schlanke Gestalt The- resens, aber ohne Zögern antwortete das schöne Mädchen: „Gewiß, Papa, ich bin bereit, ihm meinen Entschluß zu wiederholen." Der Graf eilte zuerst zu dem seiner wartenden Fürsten und dann zu seiner Gemahlin, die ihm angstvoll entgegenblickte. „Sag' mir doch einmal, bester Mann," rief sie beunruhigt, „was ist mit Therese vorgegangen? Sie willigt ruhig ein, dm Fürsten zu heirathen." „Hm, sie ist eben zur Vernunft gekommen," meinte Graf Weilern lächelnd und zuckte die Achseln, „wir hatten einen etwas erregten Auftritt heute früh miteinander, nach welchem sie ohnmächtig zu Boden fiel. Ich schickte die Jungfer hinein, kümmerte mich aber sonst nicht um Therese, sondern nahm mir fest vor, sie zum Gehorsam zu zwingen. Um so angenehmer überraschte mich soeben ihre rückhaltslose Erklärung, daß sie des Fürsten Antrag annehmen will. In diesem Augenblick ist er bei ihr." „Und Du meinst wirklich, sie werde glücklich mit ihm werden?" frug die Gräfin ernst. „Ach, weshalb denn nicht? Ich sage Dir, er ist wie vernarrt in ihr hübsches Gesicht und läßt sich auch gar nicht abschrecken durch ihre Erklärung, daß sie ihn nicht liebe. Solch' ein junges Mädchen hat eben Träume im Kopfe, die nicht verwirklicht werden können. Sie handelt eben jetzt ohnmächtig." „Aber Therese ist eine Gesühlsnatur, welche mehr als kühles Nebeneinanderleben bedarf." „Du sprichst, wie Du es verstehst, Frau," unterbrach Graf Weilern ungeduldig seine Gattin, „ja, ich meine, Du hättest wohl gar ein Auge zugedrückt zu den Courmachsreien jenes jungen Fants, Arthur Fels. Noblesse oblige! Selbst Prinzessinnen werden nicht nach ihrer Liebe gefragt, wenn sie eine glänzende Heirath machen sollen." „O, Weilern," rief bie Gräfin und hob ernst warnend die Hand, „sprich nicht so leichtfertig von Menschenherzen und Menschenglück. Gott gebe, daß unfer einziges Kind glücklich wird und niemals die Stunde bereut, in der sie Dir auf so seltsame Weise gehorsam wurde." „Du nimmst die Angelegenheit aber hochtragisch! Mit einem reichen, noblen Manne, der all' ihren Launen nachgibt, muß Therese schon glücklich sein. Nun komm' hinüber, wir wollen Beide im Salon erwarten, damit die Verlobung möglichst feierlich vor sich gehe." Das bleiche, stille Mädchen mit dem tiefernsten, fast schwer- müthigen Blick, welches gleich darauf am Arme des serbischen Fürsten vor die Eltern trat, um deren Segen zu holen, sah eigentlich wenig nach einer glücksstrahlenden Braut aus; als ste vor der Gräfin niederkniete, brach diese in bittere Thränen aus und preßte die Tochter an ihr Herz. „Mein Kind, mein armes Kind," flüsterte sie- ihr leise in’s Ohr, „kannst Du denn dies Opfer wirklich bringen? Uebetfleigt es nicht Deine körperlichen und moralischen Kräfte." Wieder kam jene starre Bewegungslosigkeit in Theresens Blick, als sie zur Mutter aufsah und eintönig antwortete: „O nein, Mama, ich habe ja dem Papa freiwillig gesagt, daß ich gehorchen wolle." „Welche Mittel mag Doctor Fels angeroenbet haben, um sie umzustimmen," dachte jetzt die Gräfin, als sie formell und kühl dem neuen Schwiegersöhne die Hand zum Kufle bot. Ein breiter Goldreif mit brillantumfaßter, kostbarer Perle schimmerte bereits an der linken Hand der jungen Braut; sie hatte, als Fürst Sereco ihn an ihren Finger geschoben, einen Stich im Herzen gefühlt und an die Tradition gedacht: Perlen bedeuten Thränen. Aber was schadete das! War sie doch froh, zu denken, daß sie einmal wieder werde meinen können. „Und nun, verehrte Frau Gräfin," lachte der Fürst strahlend und sehr aufgeräumt, „werden Sie gewiß mit unserem Wunsche einverstanden sein, die Hochzeit so viel wie möglich zu beschleunigen. Was meinen Sie zum ersten November, meinem Geburtstage?" , t „Wie Sie denken, Durchlaucht; ich werde mich mit den Ausstattungsbeschaffungen natürlich ganz nach Ihrem Wunsche richten," entgegnete die Dame ziemlich kurz. „Aber natürlich, bester Fürst," fiel der Graf sogleich entgegenkommend ein, „morgen Mittag aber wollen wir im kleine» Kreise TheresensMerlobung feiern." (Fortsetzung folgt.) ’) Anmerkung: Aus „Walpurgis" v. H. zu Puttlitz.'i | 676 Ist es richtig, Kindern Taschengeld z« geben? Wenn Jemand in Unkenntniß von Geld und Geldes- werth groß geworden ist und ihm erst in den Jahren, in welchen er zur Selbstständigkeit gelangte, die Augen aufgingen über die realen Anforderungen dieses Lebens, so hat er am besten ein Urtheil darüber, ob diese Unwiffenheit ihm zum Besten gereicht hat oder ob es erziehlich richtiger gewesen wäre, ihn frühzeitig über obige Begriffe aufzuklären. Diese Selbstprüfung erzielt in den meisten Fällen das Resultat, daß es allerdings beffer ist, wenn Kinder von einem gewissen Alter an mit dem Werthe der Geldes vertraut gemacht und an das Abwägen von Ausgabe und Einnahme zu einander gewöhnt werden. Dieser Zweck nun wird am Leichtesten und — es sei hinzugefügt — auch vom Harmlosesten dadurch erreicht, daß man ihnen ein bestimmtes Taschengeld aussetzt und sie dazu anhält, gewiffe kleine Ausgaben davon zu bestreiten und über dieselben Buch zu führen. Es giebt leider auch eine nicht harmlose Art, Kinder über den Werth des Besitzthums aufzuklären. Es sind darunter hauptsächlich die beliebten „Erb- schafts-Gespräche" unter Erwachsenen zu verstehen, deren Zeugen die Kleinen so häufig sein müssen. Wie muß das vernichtend auf alle Kindlichkeit und Pietät einwirken. Geben wir unfern Kindern Taschengeld, so lehren wir sie rechnen, ohne sie dadurch berechnend zu machen. Bis zu einem gewiffen Alter ist es wohlgethan, sie auch in diesem Punkt ganz Kind sein zu laffen; von der Zeit an jedoch, wo sie mit Beginn des Schulunterrichtes allmälich den Begriff von Pflichten kennen lernen, die ihnen zu erfüllen obliegt, ist es gut, ihnen auch den Sinn des Geldwerthes klar zu machen. Einstweilen in spielender Form- Sie erhalten eine Sparbüchse geschenkt und geben in jeder Woche 10 Pfennig hinein. Nach vier Wochen zählt das Kleine nach, es hat 40 Pfennig in seiner Büchse. Dafür kann es ein hübsches Spielzeug kaufen zu Brüderchens Geburtstag. So ungefähr gestaltet sich der Anfang. Späterhin wird das Taschengeld erhöht, das Kind erhält wöchentlich schon 40 Pfennige, aber es hat dafür bestimmte Ausgaben zu bestreiten: Griffeln, Federn, Bleistifte, Schreibhefte muß es selbst einkaufen uno über diese Anschaffung Rechnung führen. So lernt es ausgeben, Rechnung legen und sparen zugleich. — Im höheren Schulalter erhöht sich das Taschengeld und der Grad des dafür zu Leistenden- „Ich weiß nickt, wo das Geld geblieben ist" — diese Aeußerung und Anschauungsweise, die den guten finanziellen Verhältniffen Erwachsener so häufig den Untergang bereitet muß dem sorgfältig erzogenen Kinde fremd fein. Leonie ist eigenthümlicher Leute Kind; die Mutter ist Schriftstellerin, der Vater beschäftigt sich mit Nationalöconomie. Die Eltern wollen durch ihre Erziehung etwas ganz Besonderes heranbilden, sie „experimentiren" an Leonie. „Du hast nichts, was Du Dir nicht selbst erwirbst I" — spricht der Vater. Leonie erhält für das Staubwischen wöchentlich 20 Pfennige; sie muß der Mutter Manuskripte copieren und bekommt von ihr für die Seite 5 Pfennige; — sie zieht auf ihrem Gartenfleächen Zwiebeln, Radieschen, Schnittlauch und Petersilie, welche sie in Mamas Küche verkauft. So verdient sich das Mädchen ihr Tafchengeld und sie that es mit Eifer und freudigem Stolze. Das Experiment der Eltern gelingt, sie wird einmal eine strebsame, kluge und haushälterische Frau werden, die den Werth eigener Arbeit zu schätzen und die Leistungen Anderer zu würdigen weiß. Diese Erziehungsweise giebt zu denken: „Ich werde doch mit meinem Kir.de nicht Schacher treiben!" könnten distinguirte Mütter einwenden. Ueberlegt es nur! Seid Ihr denn so gewiß, daß nicht einst Euer Sprößling fremder Leute Brod wird effen muffen ? Bei der Unsicherheit der heutigen Leber sverhältniffe sollte jedes, auch das vornehmste Kind, in irgend einer Beziehung zum Erwerben reif gemacht werden. Almosen nehmen ist I bitter, aber arbeiten und dafür bezahlt werden, ist, richtig betrachtet, nimmermehr beschämend; es ist Leistung und Gegenleistung. Das Selbsterworbene giebt Zuversicht auf die eigene Kraft, es spornt zu froher Thätigkeit an und lehrt Eintheilen und Haushalten zehnmal beffer als das, was uns mühelos in den Schooß fällt. Ohne Zweifel machen wir unfern Kindern eine Freude damit, wenn sie sich durch diese oder jene kleine Leistung etwas verdienen können; sie mögen das also Erworbene nicht für ihre eigenen Bedürfnisse, die ihnen ausschließlich der Eltern Güte gewährt, sondern zu irgend einem lieben Zwecke, sei es zu Geschenken, sei es zu einer Handlung des Wohlthuns verwenden, — so fällt für uns der etwas störende Begriff des „Schacherns" mit unserm Kinde fort. Wir sind heut zu Tage nicht mehr wie die Lilien auf dem Felde und wie die Vögel unter dem Himmel; wir stehen im Kampf um die Existenz und müssen säen und ernten jetzt und für später. Mit dem haushälterischen Triebe, den wir nnsern Kindern nothwendig anerziehen muffen, damit sie klug und rechtschaffen durch das Dasein gehen, verträgt sich indeß sehr wohl ein gutes Theil Idealismus. Wir reden nicht dem krassen, rücksichtslosen Erwerbssinn das Wort, denn es gilt, auch andere Schätze einzusammeln für die Wohlfahrt des Lebens. Gemeinnütziges. Schinken lege man vor dem Kochen, nachdem man ihn tüchtig geklopft, 4 Stunden in kaltes Wasser- Läßt man ihn sodann ganz langsam kochen, so wird man ein schmackhaftes Gericht haben. ♦ * Zerdrückte Kleider aufzufrischen. Wollene Kleider, besonders solche aus dumpfen Stoffen, sollte man nicht bügeln, da sie dadurch leicht speckig und glänzend werden. Solche Kleider werden wie neu, ja selbst eingekniffene Falten verschwinden daraus, wenn man sie im Keller an einen freistehenden Haken hängt. Besonders krause Stellen kann man vorher mit einem Schwamm etwas anfeuchten. Hast Du Mama gekannt? Am wenig hell erleuchteten Fenster spinnt Großmütterchen so grau, Und ihr zu Füßen sitzt ein Kind Mit Aeuglein klar und blau. Das Kleine hebt sein Köpfchen hoch Und schaut ihr in's Gesicht: „Großmütterchen, so sage doch, Warum erzählst Du nicht?" Tie Alte spinnt, das Kindlein quält, Und endlich — stehe da — Hat's Mütterchen denn auch erzählt Dem Kind von der Mama. Da lächelt ihr das Kleine zu Und küßt die welke Hand; „Sag', liebe Großmama, hast Du Denn die Mama gekannt? Als ich die Schwester heut' gefragt, Wo denn die Mama wär', Hat sie geweimt und gesagt: Wir haben keine mehr- O, liebe Großmama, sag' an: Ist die Mama so schön, Und auch so gut wie Du, o dann Laß uns doch zu ihr geh'n." Die Alte ItM das Spinnen sein: „Die Mama schläft, lieb' Kindl", Doch aus dem Äug' dem Mütterlein Ein glänzend Thräulein rinnt.-- Redactton: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.