Nr. 105. 1893 irrwr-' -StiKB■ > ’VHTfTj Nntevhaltrrngsblatt jum Gieszenev Anzeigen (General-Anzeiger) Donnerstag, den 7. September. Das Erbe. Preisgekrönte Erzählung von R. Blankenburg. (Fortsetzung.) V. In Grashagen waren die Crumbacher Badegäste, die das Gut so gern besuchten und an freundliche Aufnahme gewöhnt waren, heute gar nicht zufrieden. Die ältere Frau, welche die beliebten Waffeln so ausgezeichnet zu backen verstand, hatte jeden Vorschlag in dieser Richtung schroff abweisen lassen, weil sie keine Zeit dazu habe, und als eine der beharrlichsten Damen selbst in das Haus gegangen war, um den Versuch noch einmal zu wiederholen, war sie erschrocken zurückgekommen. Sie hatte den Arzt, der sonst wöchentlich nur einen Besuch in Crumbach machte, an diesem ungewöhnlichen Tage hier im Wohnzimmer gefunden, wie er mit freundlichen Worten die junge Frau zu beruhigen versuchte, die laut und herzbeweglich geschluchzt hatte. Wem mochte sein Besuch und ihr Schmerz gelten? Sicherlich nicht ihrem einzigen Kinde, dem Knaben, den man vor wenigen Minuten auf der Schwelle des Hauses gesehen hatte, und ebenso wenig ihrem Manne, der dort soeben über den Hof schritt. Er verschwand im Pferdestalle und man hörte seine unangenehm scharfe Stimme, wie er mit dem Knechte sprach und ihm befahl, die Pferde vor den Kaleschwagen zu legen. Es mußte also der alte Mann erkrankt sein und sicherlich lag er schwer darnieder; — denn, da der Arzt schon im Hause war, wen sollte man sonst holen, als den Pastor oder vielleicht den Notar? Es war das doch eine so interessante Begebenheit, daß man noch etwas mit dem Aufbruch warten wollte. So saß man denn, das Haus unablässig beobachtend, und unterhielt sich in jenem gedämpften Tone, den die Menschen immer annehmen, wenn vom Tode oder von dem, was in seinem Gefolge daherschreitet, die Rede ist. Man kannte ja den alten Mann, man hatte gesehen, wie er matt und blaß am Fenster saß, den traurigen, ernsten Blick still vor sich gerichtet. Ihm mochte der Tod nicht der erschreckende Bote sein, als welcher er der jungen, lebenslustigen Welt erscheint, aber er war doch immerhin ein ernster Gesandter Gottes, das empfand man unwillkürlich. So wollte es in der Unterhaltung zu keiner rechten Freudigkeit mehr kommen, dazu schien sich die Hoffnung, daß man etwas Besonderes hören oder sehen werde, durchaus nicht zu erfüllen. Still und schweigsam lag das Haus unter den schattenreichen Bäumen; der Einzige, welcher sich blicken ließ, der kleine Sohn des jungen Paares, gab als wenig befriedigende Antwort nur den Bericht, daß Großvater krank sei, was man schon vorher wußte. Dazu wurde es, je mehr der Nachmittag vorrückte, desto gedrückter und schwüler unter dem dichten Laubdach der schönen Bäume, so rüstete man sich denn zum Aufbruch. Langsam, den Blick noch oftmals zurückwendend, verließen die Gäste den Garten durch die kleine, in's Feld führende Pforte, ohne mit den Hausgenossen weiter in Berührung gekommen zu sein. Im Hause selbst herrschte jene beunruhigende Ruhe, die uns bei jedem Geräusch angstvoll zusammenfahren läßt. Das Ticken der großen Uhr, die von des Großvaters Zeit im Hausflur stand, tönte langsam und schwerfällig in das Wohnzimmer, dessen Thür weit geöffnet stand. Dort an dem Fenster, durch welches die Strahlen der Nachmittagssonne glänzend und heiß auf den Fußboden fielen, stand eine junge, schlanke Frau. Als sie den letzten der Gäste den Garten verlassen sah, seufzte sie erleichtert auf, ihre Züge verloren den gespannten, künstlich beherrschten Ausdruck, den sie bis jetzt getragen. Indem sie sich vom Fenster abwendete, sank sie auf einen Stuhl und beide Hände vor das Gesicht drückend, schluchzte sie leise und tieffchmerzlich. „Vater, mein lieber Vater I" kam es in abgebrochenen Lauten über ihre Lippen, während große Thränen den Weg zwischen den Fingern hindurch fanden. Aber obgleich sie, wie es schien, tief in ihren Kummer versunken war, so mußte sie doch nicht jede Beobachtung der Außenwelt vergessen haben, denn sie richtete sich jetzt schnell empor. Sie hatte über sich Schritte vernommen, welche sich schnell der Thür näherten, dann hörte sie ihr leises Oeffnen, und nun kam Jemand langsam und vorsichtig die Treppe herab. Die junge Frau strich schnell das blonde Haar aus der Stirn, fuhr mit der Hand über die Augen, um die Spuren der Thränen wegzuwischen, und bemühte sich, eine gesammelte Miene anzunehmen. Da sie fühlte, daß sie trotz aller Anstrengung nicht im Stande dazu war, wandte ste sich zum Fenster und stand dort unbeweglich, den Blick hinausgerichtet, als ob sie den Knaben beobachte, der in lustigem Spiel auf einer schwanken Gerte in den Wegen hin und her trabte. Auch als sie den jetzt lauteren Schritt im Zimmer dicht hinter sich vernahm, kehrte sie ihr Gesicht noch nicht herum, und erst, als sie ihren Namen aussprechen hörte, wandte sie sich der Eingetretenen zu. Es war ein großer Gegensatz zwischen den beiden Frauen, die sich im hellen Licht der Nachmittagssonne gegenüber standen. Die schlanke, biegsame Gestalt der noch sehr jungen Frau erschien auffallend zart in dem dunkeln, einfachen Kleide, das sie trug. Das Haupt mit dem dichten Haar von aschblonder Farbe hielt sie nach vorn gebeugt, und die Augen gesenkt. Die ältere Frau, eine ebenfalls hochgewachsene Gestalt von ziemlicher Fülle, zeigte deutliche Spuren früherer Schönheit in den klugen Zügen des regelmäßigen - 418 -2 *£ Segen?" rief die Mutter lebhaft, „kein Segen bei dem schönsten Gute auf ganz Rügen, wo der Neichthum aus der Erde hervorschreßt, wie das ®ras Im Frühling? Hertha, es kann Deine Meinung nicht fein, daß Du es Erich, der aus freiem Willen die See gewählt hat, zufchieben, und selbst mit Deinem Kinde in die Ferne ziehen wolltest? Hertha antwortete nicht, aber es schien, als ob bte Worte der Mutter den gewünschten Eindruck verfehlt hätten, denn ein Bruder bitten." , L . Die Mutter zuckte ungeduldig mit den Schultern, eine unruhige Angst klang aus ihrer Stimme, als sie antwortete: „Willst Du's auf Dich nehmen, daß er Dir unter den Händen stirbt, so mußt Du die Verantwortung tragen für alle Zeit, ich habe Dich gewarnt." _ , _ Einen Augenblick schwiegen Beide, dann sagte Hertha wieder: „Es ist noch Eins, Mutter; mir ist so bange, er könnte mir Grashagen verschreiben, und das wäre kein Segen, nicht für mich und nicht für mein Kind, denn es kommt dem Langsam schlichen die Stunden in Grashagen dahin. Das Gewitter, welches die ganze Gegend überzog, hatte sich auf dem Lande weniger stark entladen, als auf der See, aber doch waren die Blitze leuchtend und die Dounerfchläge heftig genug gewesen, um die Herzen der im Sterbehause Weilenden mit bangem Schauer zu erfüllen. Der Knabe zwar, der im Wohnzimmer am Fenster stand, schien kein Gefühl der Furcht zu kennen, denn er schaute mit hellen, klaren Augen in die zuckenden Flammen hinein, und auch die Frau, welche eifrig umher- wirthschaftete, um die nöthig gehaltenen Vorbereitungen zu v i treffen, war nur mittelbar berührt, denn wenn sie einmal einen i, Augenblick still stand, so las man in ihren gespannten Zügen nur das unruhige Lauschen, mit dem sie auf ein erwartetes Geräusch horchte. Oben in dem Zimmer, welches durch den vorausgeworfenen Schatten des Todes wie geheiligt erschien, lag der Kranke auf seinem Lager. Der Athem ging matt und die Augen waren geschloffen, als ob apathischer Schlummer oder Bewußtlosigkeit seine Sinne gefangen hatte, und doch fuhr er bei jedem lauteren Donner zusammen, und em Ausdruck ver Angst erschien in seinen sonst so stillen Zügen. Mit gewaltiger Anstrengung überwand dann die sunge Frau den Schauer, der durch ihre Glieder zuckte, indem ste Gesichts. Ihr ergrautes Haar war schlicht unter eine Mütze | ungewohnter Zug, als ob sie sich mit ihr aestricken deren weißer Rand die Stirn beschattete, und der finde, verschwand nicht aus dem bleichen Gesicht. Er flößte Anru? war wenn auch von feinerem Stoff, als derjenige der I der Mutter Besorgniß em, deshalb trat sie dicht zu ihr und pirJntMien Dorsleute doch in Schnitt und Art diesem gleich. I legte die Hand auf ihren Arm. „Hertha," sagte ne eindring' Sebr tücktia und sauber war der ziemlich kurze, schwarze Rock, I kich, „wenn der Vater Erich des Besitzes Nicht werth hält, ist über den die breite Leinwandschürze gebunden war, und unter I es dann Deine Sache, daß Du ihn aufmerksam machen solltest, Schuhe hervorsahen. Als sie jetzt vor ihrer Tochter stand, ebenso sein Fleisch und Blut, wie der Sohn, der sich konnte man keinen Zug von Aehnlichkeit zwischen den beiden ^mem E^ithum vergriff (Metern Beranefinhen nun denen das eine so sanft und er* I Stockend kamen die letzten ^vorte uver ihre Rippen, ov w£nb in Ä«r«n neben einem leichten gleich fie fon» tonet «nb In groß« ^egm, «Ip-°chen Ausdruck von Kummer sich Erregung und große Unruhe aus« I hatte. War es denn möglich, daß ihr letzt em isegner ent «ua von Härte: die blauen standen war, wo sie ihn am wenigsten vermuthet hatte, in ÄblÄWÄ geauÄVnÄ An. ber sanften Tech,er, bie M fonfi itaSBfflen nnbeHnjt untee- bÄc*©ÄmeXs^ etS sVbrttdenbes V sie habe, wäh. warfen hatte? In weiter, weiter Ferne hat e sich ihren be, r n! ^^rdrückkr Stimme fragte „Du bist allein, gehrlichen Blicken zuerst das Ziel gezeigt, freilich unsicher und Garten?" unbestimmt, aber sie hatte die ersten Schritte darauf zu gethan. W'Ser" war b?e # SnÄ ,b Wen Bnb vor Sann war Md« bie Sachlx eine anbere geworben, nnb ' | sie hatte auf dem betretenen Wege weitergehen müssen, rote einer halben Stmide gegangen. entgegnete die weit mit eigenem, wie weit mit fremdem Willen, was nutzte $ 9 5 ' das jetzt zu fragen? Jedenfalls stand sie heute dem Ziele ganz Vater ist jetzt eingeschlafen, aber - hat der Doetor nah, sie mußte es erreichen, und sie wollte es auch, desha b ®lr ^Kß e?°zu Ende^gehtE'antwortete sie tief schmerzlich Herchas Gesicht, und sie suchttlchnell und gewandt ein anderes *, J S&AlL “b “‘‘‘»MM & «««gen ’*ÄÄ b.6 S? «TS? Aha bmn mich sein Serben, Aha, e« lann ja sein bah er gar nicht barnn P, f„ nibto ne ftrach, st« wsschl! bin«, Dir da, Elb- ,n übergeben, imb wie würbe «r e« bann NWGUWW ssMMWW S.ÄÄ “ M »to 'S L U«un, wenn U für EgWtft-, * WWKWMMKMMM WeÄ r» baV«.iÄ c SLL a»S?USnK ÄÄK A7nb M^biWÄÄ ÄÄ ®«t 2 w MeÄ*i”e rief Jen«, hes», mtemmensahrenb i .wft kannst Du daran denken, Kind? Ich hab es Awagt, st st 8 ..' Sache noch in der letzten Stunde feinen Namen e-i.***» " SBater ge« ^^rbm/"ünd doch, ich will nicht sagen, daß ich —" — ,mb „"L 7ft-1a eLn/ SQ L-rtha ihre »orte, «r ab-,- ste bli-,e sich sch« nm »nb «tote«- den Schteb ber muß erfahren, daß er noch unter den Lebenden ist. Wie geflüsterten Red^ . .. - . können wir's verantworten, daß er dahingeht, ohne ein Wort ntin lint der Verzeihung für ihn zu hinterlassen! Mutter, wenn Du s nicht willst, laß mich ihn um seinen Segen für meinen §5 419 te rnatt auf der Bettdecke ruhende Hand faßte und liebevoll beruhigend darüber hin strich. Am Fenster hatte die Kathrine ihren Platz gefunden. Sie blickte lieber hinaus in das Wetter, als hinein in die Stube, wo ihre junge Herrin am Bette des Sterbenden faß. Wenn es ihr vorher schon unheimlich in seiner Nähe gewesen war, wie hatte sich jetzt dies Gefühl vermehrt, wo es schien, als ob der Ruf des Todes unter Donner und Blitz die scheidende Seele vor den Richterstuhl Gottes fordern sollte! Wie sehnte sie sich nach unten, aus der beängstigenden Stille fort, die nur durch das Rauschen des Windes und das dumpfe Rollen über ihren Häuptern unterbrochen wurde. Plötzlich sprang sie empor. Sie hatte auf dem Hofe ein anderes Geräusch vernommen und schnellen Schrittes, die Gelegenhei t freudig ergreifend, eilte sie die Treppe hinab. Auch der Sterbende mußte es bemerkt haben, denn er machte eine unruhige Bewegung und öffnete zum ersten Male die Augen. Hertha beugte sich liebevoll über ihn. »Du hast geschlafen, Vater," sagte sie leise, „der Donner des abziehenden Gewitters hat Dich geweckt." Er achtete nicht auf ihre Worte. Mit den geschärften Sinnen, die dem Menschen oft kurz vor seinem Abscheiden verliehen werden, hatte er gehört, was ihr entgangen war. „Der Wagen," murmelte der Kranke abgebrochen, „sie kommen. Hertha, Du bist mir ein treues Kind gewesen, mein Segen wird auf Dir ruhen. Geh' jetzt, ich will mein Haus bestellen, aber schicke zu Pastor Helfer, ich will versöhnt zu meinem Gott und Herrn gehen." Sie war im Begriff, seinen Auftrag auszurichten, als die Thür sich öffnete und die Mutter eintrat. Ihr folgte der Notar mit Malte, aber dann mußten sie Alle das Zimmer verlaffen, doch blieb die Mutter in der Nähe für den Fall, daß ihre Hilfe gebraucht wurde, und Kathrme mit dem Knecht wurden nach oben gerufen, um dort auf dem Flur zu warten, bis sie als Zeugen der Unterschrift ihres Herrn gebraucht wurden. In einer Aufregung, wie er sie kaum beherrschen konnte, wanderte Malte im Hause hin und her, während Hertha sich ihres Knaben annahm und ihn in das Schlafzimmer führte. Sie entkleidete das müde Kind und dann, an seinem Bettchen niederknieend, betete sie sein einfaches Abendgebet mit ihm. Aber als der Kleine längst in süßen Schlummer gesunken war, da stieg noch immer ein heißes Flehen aus dem geängstigten Herzen der Mutter zum Himmel empor. Erst als sie Schritte die Treppe herabkommen hörte und nun wußte, daß die Entscheidung oben gefallen war, erhob sie sich. Eine eigenthüm- liche Scheu verhinderte sie, in das Wohnzimmer zu gehen, wohin sich der Notar begeben hatte, es war ihr, als möge sie jetzt nichts von irdischen Angelegenheiten hören oder sehen und sie blieb still neben dem Bette des Kindes stehen, bis die Mutter sie abrief und wiederum zum Vater schickte. Die Abendschatten erfüllten das Sterbezimmer, als sie es betrat. Sie entließ die Kathrine, die bei dem Kranken faß und räumte dann das Papier und Schreibgeräth bei Seite, das auf dem Tische lag, als ob sie sein Herz von allen Ge- danken an die Erde lösen und zur seligen Heimfahrt bereiten möchte. Dann nahm sie den Platz am Bett des Vaters ein. Er schien sehr erschöpft zu sein, denn er sprach nicht mit ihr, und nur die Hand, welche sie in die seine geschoben hatte, drückte er bisweilen sehr matt. So saßen sie zusammen, eine lange Zeit, wie es ihr schien, denn es war dunkel geworden, und nur der Mond sandte, wie er durch die Zweige der Bäume blickte, einen freundlichen Lichtstrahl in das Fenster. Der Athem des Kranke« war schwächer geworden, bisweilen hörte sie ihn seufzen, dann kam ein leise gemurmeltes Wort von seinen Lippen. War es der Name des Sohnes, deflen er in seiner letzten Stunde gedachte, oder hatte sie ihn nur zu hören gemeint, weil ihre ganze Seele nach ihm verlangte? O, wenn sie wagen dürfte, von ihm zu sprechen, zu flehen, zu bitten, daß er nicht im Groll gegen ihn vor Gottes Stuhl treten möchte! Sie beugte sich tief über den Vater in der Hoffnung, etwas Deutlicheres zu vernehmen, aber es blieb still und dann schien es ihr plötzlich und die Empfindung durchschauerte sie, daß die ihre Hand umschließenden Finger kühler und schwerer geworden waren. War das Ende nahe, näher, als sie geglaubt hatte, und hatte man dort unten sie und ihn vergessen, weil ?,er ®,n” "ur auf das Hab und Gut gerichtet war, das die scheidende Seele auf Erden zurückließ? Und der Pastor - ®Sben. Zon hatte sie den Boten geschickt, der um seine Hilfe bitten sollte — warum kam er nicht? Vielleicht timt er, wm sie nicht vermochte, und - sie richtete sich schnell aus der zusammengesunkenen Stellung empor, die sie eingenommen hatte, und lauschte aufmerksam. Sie hatte sich nicht getäuscht, als sie das Oeffnen der Hausthür zu vernehmen meinte, denn gleich darauf horte sie Jemand die Treppe heraufkommen und die Mutter erschien auf der Schwelle. Ein Laut der Ueberraschuna entfuhr lhr, als sie die herrschende Dunkelheit gewahrte, aber noch ehe sie die Lampe angezündet hakte, war Pastor Helfer an das Bett getreten und hatte die Hand des Sterbenden ge- suchte Kühle, wie das todtbleiche, eingesunkene Gesicht, auf welches das Licht fiel, zeigten ihm, daß keine Reit M verlieren war. Er mußte seinen Wunsch sogleich erfüllen es mochte vielleicht zu spät werden, wenn er sich auf Erklärungen über Enchs Schuld oder Unschuld einließ, aber den Segen des Vaters für ihn wollte er erwerben, das war er ihm wie dem Sterbenden schuldig. Die Mutter verließ wieder das Zimmer, indem er sich zu dem Kranken beugte und Sündenbekenntniß wie Vaterunser sprach, in das Hertha leise einstimmte, während die Bewegung seiner Lippen seine innere Theilnahme zeigte. „Vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unfern Schul- b^rn! Der Pastor blickte voll in die zu ihm aufgeschlagenen, trüben Augen. „Sie vergeben aus vollem Herzen allen Denen, die sich an Ihnen vergangen haben?" fragte er in tiefer Be- wegung. „Und wenn Erich zu Ihnen treten könnte und die Arme nach Ihnen ausstreckte, so würden Sie ihn an Ihr väterliches Herz ziehen?" Ein Beben ging durch den Körper des Liegenden, seine Brust hob und senkte sich stürmisch, die Hand zuckte auf der r c.»'r- auf den Knieen vor seinem Lager, faßte sie und bedeckte sie mit heißen Thränen und Küssen. „Vater, vergieb Erich," schluchzte sie, „laß Deinen Segen auf fernem Haupte auch ruhen." Es schien, als ob der Groll noch nicht ganz in dem Herzen des Vaters erloschen sei, denn er preßte die Lippen aufeinan- der, als ob das erflehte Wort ihnen nimmermehr entschlüpfen solle, und wendete langsam den Kopf zur Seite. Aber nur wenige Augenblicke verharrte er so, dann öffnete er die Augen ^^tne Hand legte sich auf den blonden Scheitel der Tochter. „Ich bedarf meines Gottes Gnade," sagte er leise, „und, Hertha, wenn er zurückkehrt in Reue und Schmerz, so sollst Du Erich sagen, daß ich ihm meine Liebe bewahrt habe" Em leises „Gott sei Dank' kam aus dem Munde des Pastors und dann reichte er Vater und Tochter das Mahl des Herrn. Als die heilige Handlung vorüber war, setzte er sich an das Lager des jetzt erschöpft Ruhenden. Leise und vor- sichtig, um ihn nicht zu tief zu erschüttern, fing er an, den Zweifel an Erichs Schuld in ihm zu erregen. Er sprach da- von, daß er mit ihm in Verbindung getreten sei, und daß seine Ueberzeugung ihn von dem Vergehen freispreche. Mit geschlosse- nen Augen lauschte der Sterbende seinen Reden, während sich ein Ausdruck stiller, seliger Befriedigung über sein Gesicht ver- irenete. Er war zu schwach, um die Entdeckung zu machen, )ie der Pastor gefürchtet hatte, daß er schmählich hintergangen worden war und daß er selbst seinem Sohne ein bitteres Unrecht zugefügt hatte, er fühlte nur, daß er ihm wiedergegeben war. In Herthas Augen dagegen, die unverwandt auf den Pastor gerichtet waren, trat ein Blick grübelnder Unruhe, als ob sie Fragen und Sorge nicht zurückdrängen könne. Plötzlich aber fuhr sie zusammen, und in jähem Schreck eilte sie zu der Thür. Lautes Sprechen erscholl in dem stillen Hause, ungestüme Schritte kamen die Treppe herauf, an ihr vorbei stürzte Malte in das Zimmer, auf das Lager zu, und mit lauter Stimme rief er dem Sterbenden entgegen: „Vater, Erich ist da, er will zu Dir dringen und bedroht die Mutter." Der Sterbende fuhr von seinem Lager in die Höhe. Eine festige Erregung malte sich in seinen Zügen, abwehrend streckte 420 — er die Hände vor sich. Galt diese Bewegung Malte oder Erich, der auf der Schwelle stand? Niemand hat es je erfahren, denn er fiel mit einem Schrei zurück auf das Bett. Todesschweiß bedeckte das zuckende Gesicht, und die Lider sanken über die gebrochenen Augen. Ob er es noch bemerkte, daß Erich am Lager niedersank, ob er die flehende Stimme hörte: „Vater, ich bin unschuldig, segne mich!" Es war, als ob die Finger, welche Erich gefaßt hatte, sich leise um die seinen schlöffen, aber kein Wort fand mehr den Weg zu dem Herzen des Sohnes. Laute Athemzüge tönten schnell und gepreßt durch die Stille des Zimmers. Dann wurden sie langsamer und leiser, Erich fühlte ein leichtes, mehrmaliges Zucken der schweren Hand, gegen die er seine Lippen gepreßt hatte „Er hat vollendet," sagte der Pastor, indem er das Zeichen des Kreuzes über der bleichen Stirn machte. Erich erhob sich langsam; das Antlitz des Vaters lag vor ihm in den Kiffen, von der Ruhe des Todes übergossen und mit dem Frieden der Ewigkeit in den Zügen (Fortsetzung folgt.) Die Kochzeitsreise. Die Braut hatte sich nur schwer den Armen ihrer Angehörigen entrungen und nahm im Wagen Platz. An ihrer Seite war nur noch ein knapper Raum für den Bräutigam, denn überall hatte man Gepäck in den verschiedensten Formen aufgestapelt. Der Kutscher gab das Signal zur Abfahrt, als ihm plötzlich ein „Halt!" entgegenschallte. Athemlos keuchte die Mutter herbei, gerade im letzten Augenblicke waren ihr diverse Gegenstände in den Sinn gekommen, die man daheim vergessen und die ihr unentbehrlich für das Wohl ihrer Tochter erschienen. Stück um Stück wurde hinaufgereicht. Endlich hieb der Kutscher in die Pferde und, Dank der größten Eile, gelangte« die Neuvermählten kaum eine halbe Stunde — nach« dem der Zug abgegangen war, auf den Bahnhof. Der nächste Zug ging erst mehrere Stunden später. Der Portier, welcher die Situation rasch erfaßt hatte, gab den Reisenden den guten Rath, statt in Wien, im Gedränge und der Unruhe des Bahnhofes zu warten, mit dem Localzuge in eine der nächsten Stationen zu fahren, und dann von dort die Reise anzutreten. In kurzer Zett fanden sich die Neuvermählten im Grünen. Eine unbändige Wanderlust war in ihnen rege geworden- Arm in Arm ging's hinunter in's Dorf, dessen Dächer neugierig unter den Bäumen hervorlugten. Der Fußpfad, der herabführte, war so schmal und enge, daß man sich fest aneinander« schmiegen mußte, um durchzukommen; es war eine Straße, so recht dazu angelegt, daß junge Gatten auf ihr den ersten ge« meinschaftlichen Weg antreten. Die junge Frau war sicherlich keine gute Wirthin, denn sie hatte in leichtfertiger Weise all' die Mundvorräthe vergessen, die auf dem Bahnhofe beim Gepäcke lagerten. Und hier forderte sie den Gatten auf, noch in dieser Stunde seine Pflicht als Ernährer zu erfüllen, ihr in dem Häuschen dort mit den kleinen, spiegelblanken Fenstern eine Erfrischung zu besorgen. Gleich beim Eingänge standen Tische und Bänke. Die Bäuerin brachte Butter, Brot und Milch; das kleine Bübchen, das an ihrer Schürze hing, guckte neugierig nach den Gästen. Das war eigentlich das richtige Hochzeitsmahl für die Neuvermählten. Rings im Grase sprossen liebliche Blumen, und Schwarzblattel oben im Baume mußte unbedingt eine Hochzeitseinladung erhalten haben, denn es schmetterte unermüdlich jubelnde Glückwünsche hinab auf die Beiden. Die Schatten des Abend! sanken herab. Der junge Gatte flüsterte eine Weile mit der Bäuerin, dann wurde die junge Frau der Berathung zugezogen, und man beschloß einstimmig, bis zum nächsten Tage hier zu verbleiben. Wie lächerlich war es, daß die Hausfrau gar so viele Entschuldigungen wegen der Aermlichkeit des Stübchens vorbrachte, das sie den Gästen einräumte. Die Treppe war unbequem, doch die junge Frau hatte ja heute eine starke Männerhand als Stütze gewonnen. Wo in aller Welt gäbe es aber für junges Glück einen lauschigeren Aufenthalt, als hier beim Rauschen des Bächleins, hier beim Raunen des Lindenbaumes. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als die Gatten, enge umschlungen, in's Freie gingen. Heute von hier fortzuziehen, das wäre doch unmöglich! Morgen, ja morgen, in Gottes Namen, da wollen wir die Hochzeitsreise nach Paris antreten. Aber die Frist für die Abreise wurde immer weiter hinausgeschoben. Die Bäuerin trug viel Schuld daran. An jedem jungen Tage wußte sie von anderen reizenden Ausflügen zu sprechen, von einsamen Stellen, die nicht aufzusuchen eine Sünde wäre. Nie aber fand die Verführung so willige Opfer, als hier bei diesem Menschenpaare im selbstgeschaffenen Paradiese. Das Datum eines Zeitungsblattes, das sich mit großer Verspätung hierher verirrt, brachte die höchst unwillkommene Nachricht, daß die für die Hochzeitsreise bestimmten vier Wochen vorüber seien, daß der Märchentraum vorüber, und es nun heiße, aus der seligen Betäubung zu erwachen und offenen Auges in die rauhe Wirklichkeit einzutreten. Eine Depesche, von der Station abgesendet, brachte die Eltern zum Empfange auf den Bahnhof. Der Willkommgruß bestand in einer Fluth von Vorwürfen. Die ganze Zeit hindurch keine Zeile zu senden, das war entschieden böse und herzlos! Der verständige Vater trat vermittelnd auf. Er war ja selbst in Paris gewesen und wußte die richtige Entschuldigung. Wo so viel zu sehen, zu hören ist, vergißt man der Correspondenz Und, so schloß Papa, unser Kind wird uns nun mündlich erzählen, was es gesehen. Die junge Frau schüttelte erröthend das Köpfchen: „Ach nein, Reisebeschreibungen giebt es aller Art, aber eine echte, rechte Hochzeitsfahrt vermag man nicht zu schildern. Ihr werdet es kaum glauben, doch mir ist von unserer Reise nichts im Sinne geblieben, als ein Lindenbaum und ein lustiger Singvogel." Vermischtes. Ein Trost. Tochter: „Niemals wirst Du mich zwingen, diesen Menschen zu heirathen, der brennend rothe Haare hat " — Vater (beschwichtigend): „Ich gebe zu, mein Kind, daß er lebhaft blonde Haare hat, allein Du mußt doch auch bemerkt haben, daß er auf dem Punkte steht, dieselben zu verlieren." * * « Aus eigener Erfahrung. Professor: „Können Sie mir aus der Klasse der Kaltblütler noch eine andere Gattung nennen, welche eine solche staunenswerthe Vermehrungsfähigkeit besitzt?" — Candidat: „Die Gläubiger!" * * * Die reizende Frau. Richter: „Herr Grimmig, Sie haben sich wegen thatfächlicher Mißhandlung Ihrer Frau zu verantworten!" — Grimmig: „Es ist eben ein Unglück, daß ich eine so reizende Frau habe." — Richter: „Nun deswegen werden Sie sie doch nicht geschlagen haben?" — Grimmig: „Jawohl, gerade deshalb; denn wissen Sie, Herr Amtsrichter, sie reizt mich immer so lange, bis ich Sie haue." • ♦ Ein Zeitkind. Pepi (der soeben bestraft wurde): „Das ist keine Kunst, wenn ein so großer Vater so'n kleinen Buben schlägt." ♦ * * Aufrichtige Reue. „Herr Richter, ich bedauere von Herzen, daß ich mich verleiten ließ, die Uhr zu stehlen." — „Es freut mich, daß ein so alter Verbrecher noch Reue empfindet. Durch was wurden Sie verleitet?" — „Durch die Kette, die an der Uhr hing. Ich glaubte, sie sei von Gold, aber sie war nur von Messing." Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.