Dienstag, den 7. März. f 1893 ■s^g^G^o»----S'S- NntevhaLtrLngsblatt 311m Giehenev Anzsigev (Geneval«2lnz-igev) vv.i Nr. 28. G^®W M Tante Hannas Geheimniß. Origmal-Roman von Linden. (Nachdruck verboten.) I. Es war ein wundervoller Abend. Die Sonne sank, im Scheiden noch mit goldenem Glanz die Erde grüßend und den Himmel in ein prächtiges Farbenmeer tauchend. In der kleinen Stadt Moorkirch läuteten die Glocken das , morgen beginnende Pfingstfest ein, berauschend dufteten die Blüthen, überall waltete Frieden und Freude in der Natur. Draußen vor dem Thore stand ein rebenumsponnenes Häuschen, das mit einer kleinen, zierlichen Veranda versehen und von einem wohlgepflegten Garten umgeben war. Hier wohnte eine fünfundsiebenzigjährige Greisin, eine alte Jungfer in des Wortes bester Bedeutung, von Alt und Jung, Arm und Reich im Städtchen und der Umgegend Tante Hanna genannt, da ihr eigentlicher Name Johanna Werner nur für die Post Interesse zu haben schien. Sie war klein und zierlich gebaut, doch von kerzengerader Haltung, und wenn das blasse, milde Antlitz auch die Runzeln und Falten des Alters aufwies, so zeigte das glattgescheitelte Haar doch nur wenig Grau, und die klaren blauen Augen blickten noch hell und scharf wie in den Tagen der Jugend. Tante Hanna war als die Allerweltströsterin und Rathgeberin bekannt und verstand die Kunst, ihr bescheidenes Vermögen durch weise Sparsamkeit zu verdoppeln, um allezeit eine offene Hand für jeden Nothleidenden zu haben. Auch besaß sie das Vertrauen der Heranwachsenden weiblichen Jugend in einem seltenen Grade und auch fast aller Stände, weshalb es seit Menschengedenken kaum eine Braut im Städtchen gegeben, die Tante Hanna nicht zuerst in's Vertrauen gezogen hätte, da die Greisin sich ein kindliches Herz bewahrt uud mit der Jugend zu denken und zu empfinden verstand. Es war ein herzerquickender Anblick, die „uralte Jungfer", wie sie sich behaglich zu nennen pflegte, zwischen ihren Blumen, die sie so sehr liebte, hantiren zu sehen und auch heute am Pfingstabend, wo sie im Glanz der sinkenden Sonne ihre prachtvollen Rosen begoß, bildete sie in dieser friedlichen Um- gebung eine harmonische Erscheinung, in Eintracht mit Gott, mit der Menschheit und der Natur. Leise wurde in diesem Augenblicke die Gartenpforte geöffnet. Eine schlanke, junge Dame in einfach zierlicher Sommer- Toilette, einen dunklen Strohhut auf dem vollen, braunen Haar, trat geräuschlos ein und näherte sich, ohne daß die Greisin ihr Kommen bemerkt hatte, mit so leichten Schritten, daß sie plötzlich neben ihr stand. „Tantchen I" Sie schlang den Arm um Hanna und küßte sie zärtlich. „Lieber Himmel, Fräulein Armgard, welche frohe lieber» raschung! Just in diesem Augenblick dachte ich an Sie, mein Herzchen I" „Ich habe Sie doch nicht erschreckt, Tante Hanna?" „Warum nicht gar, Kind! Ich freue mich zu sehr, Sie wiederzusehen. Glaubte fest, daß Sie mindestens noch ein halbes Jahr fortbleiben würden." Sie fetzte bei diesen Worten ihre Gießkanne hin, strich mit der Hand noch einmal behutsam zärtlich über eine halberblühte Moosrose und warf dann einen forschenden Blick auf das ernste Mädchen-Antlitz, welches, über die erste Jugend- blüthe hinaus, kaum hübsch zu nennen war und doch einen äußerst gewinnenden Eindruck hervorbringen konnte, wenn ein Lächeln darüber hinhuschte wie ein verlorener Sonnenstrahl. Aber sie lächelte leider nur selten, die reiche Armgard Holten, welche als einzige Erbin ihrer verstorbenen Eltern ein schuldenfreies Rittergut und ein schönes Haus mit großem Garten in dem Städtchen ihr eigen nannte und deshalb eine Vielumworbene schon seit Jahren gewesen war. Die Eltern hätten sie so gerne verheirathet gesehen, doch mochten sie das einzige Töchterlein zur Heirath nicht zwingen, und so sanken Beide in's Grab, während Armgard einsam auf ihrem schönen Besitz hauste, für eine merkwürdig practische Landwirthin galt und sich nach keinem Herrn und Gebieter sehnte, weil sie keines Schutzes bedürftig war. Sie hatte sich für diesen Sommer einmal herausreißen und das deutsche Vaterland durchstreifen wollen, da sie einen tüchtigen und redlichen Verwalter besaß. Drei Wochen erst war sie fort gewesen und heute schon wieder heimgekehrt. Was hatte das zu bedeuten? „Heimweh!" war ihre kurze Erklärung dem erstaunten Verwalter gegenüber, worauf ihr erster Besuch Tante Hanna gegolten, ihrer alten, vertrauten Freundin von der zartesten Kindheit an. Und diese wußte sofort, daß der seltsam flimmernde Glanz in den braunen Augen ihres Lieblings etwas anderes zu bedeuten hatte als Heimweh. Es mußte ganz Besonderes vorgefallen sein, um eine solche Seele, welche mit energischer Thatkraft den Pflichten, welche das Leben ihr gestellt hatte und das Dasein eines Mannes vollauf ausgefüllt haben würden, zu genügen wußte, aus dem Gleichgewicht zu bringen und sie zur Aenderung eines reiflich erwogenen Planes zu bringen. Doch Tante Hanna fragte nicht, sie schob ihren Arm in 110 den ihres Lieblings und reckte sich stolz empor, über ihre eigene jugendliche Haltung und ihre Größe scherzend. Um Armgards Lippen irrte ein Lächeln. „Sind Sie ganz allein, Tante?" fragte sie leise- „Mutterseelenallein, Herzchen! — Meine alte Liese ist heim zu ihrem Bruder gereist, um dort die Pfingsttage zu verleben, und mein Kätzchen plaudert nicht." Sie setzten sich in die von Wein und Kletterrosen umrankte Veranda, wo das schwarze Kätzchen, welches den poetischen Namen „Mignon" führte, sich sofort zu ihnen gesellte und behaglich schnurrend in die sinkende Sonne blinzelte. „Ein herrlicher Abend!" bemerkte Hanna. „Welch' göttlicher Friede in der Natur!" „Tante Hanna," sprach Armgard plötzlich mit Anstrengung, „Sie fragen mich gar nicht, weshalb ich meine Reise so früh schon unterbrochen habe." „Nein, Kind, weil ich weiß, daß nur ein zwingender Grund Sie dazu veranlassen konnte und daß Sie schon selber sprechen werden, wenn Sie es für nöthig halten." „Ich bin nur bis an den Rhein gekommen," fuhr Armgard leise fort, „wollte in Köln meine alte Freundin Adelheid von Roding, welche dort an einen Bankier verheirathet ist, besuchen, und verlebte acht glückliche Tage in ihrem Hause, als plötzlich ein Mann mir begegnete, den ich niemals wiederzusehen gehofft- — Bei einem Ausfluge in die Umgegend Kölns trat mir Julius Steindorf entgegen." „Großer Gott!" rief Hanna, erschreckt zusammenfahrend. „Erkannte er Sie? — War er allein?" „Ja, er erkannte mich auf der Stelle und besaß noch immer die alte studentische Unverfrorenheit früherer Jahre, indem er sich mir als Wittwer und Vater eines siebenjährigen Töchterchens vorstellte, den das Heimweh nach Deutschland zurückgeführt habe. Meine Freunde glaubten mir einen Gefallen zu erzeigen, als sie ihn einluden, sich unserer Gesellschaft anzuschließen." „Er nahm die Einladung an?" „Natürlich that er das und wich nicht von meiner Seite. Sein Töchterchen hatte er bei sich, ein bildschönes Kind, das Ebenbild der Mutter, welches bereits gut dressirt schien, da es sich wie eine Klette an mich hing. Als er von meinen Reise- plänen hörte, beredete er meine Freundin, mich zu begleiten und ihn zu unferm Reisemarschall zu ernennen. Da machte ich kurzen Prozeß, packte meine Koffer und reiste nach Hause- — That ich recht daran, Tante Hanna?" Diese blickte sie prüfend an und horchte dann erschreckt auf einige Stimmen, welche sich dem Garten näherten. „Das scheint Herr Reinhardt zu sein, liebes Kind!" wandte sie sich leise zu Armgard. „Ich weiß, daß Sie nicht mit ihm sympathisiren —" „Mit dem rücksichtslosen Maler, — nein, Tante Hanna, — ihn möchte ich am wenigsten jetzt sehen. Erlauben Sie, daß ich mich schleunigst zurückziehe." Sie ergriff bei diesen Worten ihren Sonnenschirm und verschwand durch die Glasthür, welche von der Veranda in's Haus führte. Der Maler Reinhardt, ein Mann schon nahe den Sechzigern, war eine stadtbekannte Persönlichkeit, eine lange, etwas schlottrige Gestalt mit einem bedeutenden Kopfe, welchen ein Wald von grauen Haaren wild und verworren umwogte, ein berühmter Künstler, doch gefürchtet ob seiner grenzenlosen Rücksichtslosigkeit- Er gehörte Tante Hannas Whistclub an, ver» ehrte die alte Jungfer sehr hoch und freute sich über ihre schlagfertigen Antworten, wie er überhaupt derbe Zurechtweisungen liebte. „Wenn ich's mir nicht gedacht," schrie er ihr lachend entgegen, indem er einen jungen Mann trotz seines Protestes durch die Pforte schob, „da sitzt die Allerweltstante in der göttlichen Ruhe ihres Tusculums und kneipt behaglich Natur. — Ist das nicht eine vollendete Sybarite, diese alte Jungser von fünf* undsiebenzig Jahren, die da einherschreitet mit ungebeugtem Rücken und klaren Augen wie eine zwanzigjährige Braut? Der Tausend ja, wer sich in solchen Düften und in solchem Sonnengold baden kann, soll wohl ine ewige Jugend bewahren! — Wa«, Freund ^eonhard? — Im Vertrauen gesagt," setzte er mst etwas gedämpfter Stimme und schlaublinzelnden Augen hinzu, „das Hauptrecept ihrer Jugendlichkeit besteht darin, daß meine kleine Freundin stets ihr Herz unter Verschluß gehalten und sich damit begnügt hat, für Andere den Brautkranz zu winden." ‘ Tante Hannas freundliches Gesicht hatte sich bei den unzarten Neckereien des Malers um keinen Schatten verändert. Sie war den Herren entgegengegangen und zuckte nur lächelnd die Schultern, den verlegenen Gruß des hübschen jungen Man- nes, der seiner Kleidung nach offenbar ein Lanvwirth war, artig erwidernd. „Lieber Himmel," sprach sie, als Reinhardt endlich schwieg, „wann lernen Sie'S doch einmal, sich kurz auszudrücken, alter Freund, der gute Gedanke in Ihrer Rede wird von dem Phrasen-Unkraut stets unbarmherzig erstickt Stellen Sie mir lieber Ihren Begleiter vor." „Pardon, mich riß die Begeisterung hin," rief der Maler vergnügt, „der kalte Strahl hat mir äußerst wohlgethan. — Also, mein junger Freund und entfernter Verwandter von unfern Urgroßmüttern väterlicherseits her, Herr Leonhard Marbach, Besitzer des Rittergutes Rotenhof —" „Ah," unterbrach Tante Hanna ihn überrascht, „Sie haben Rotenhof gekauft, Herr Marbach?" „Ich habe es von meinem verstorbenen Onkel Brink geerbt, der es nach dem Tode des früheren Besitzers kaufte," versetzte der junge Mann einfach. „Es ist ein schöner Besitz," bemerkte Tante Hanna, welche etwas widerstrebend dem voranschreitenden Maler folgte, der geradewegs auf die Veranda lossteuerte und sich's hier ohne Weiteres bequem machte. „Ein köstliches Stillleben," rief letzterer mit aufrichtiger Bewunderung, „ich möchte dasselbe malen, Tante Hanna, selbstverständlich mit Ihrer Person als Mittelpunkt." „Aber auch selbstverständlich nur mit meiner Erlaubniß, nicht wahr?" „Mit oder ohne, wäre mir gleich," erwiderte Reinhardt, „Sie haben es verdient, verewigt zu werden, notabene nur für Ihre Freunde, und darin liegt doch keine Entweihung, wie?' Tante Hanna schwieg und griff nach ihrem Strickzeug, wobei ein verstohlener Blick besorgt die Glasthür und das offene Fenster streifte. „Ja, Rotenhof ist ein schöner Besitz," nahm der junge Gutsbesitzer jetzt rasch das Wort, „ich bin meinem Onkel sehr dankbar -für dieses Erbe und doch habe ich keine rechte Freude daran, seitdem ich erfahren, daß der einzige Sohn jener Familie, deren Stammgut es seit mehreren Jahrhunderten gewesen, einst darauf verzichten und in die weite Welt wandern mußte." „Na, darüber brauchen doch Sie sich kein graues Haar wachsen zu lassen, Leonhard?" rief der Maler spöttisch lachend, „jener letzte Sprößling der Steindors'schen Familie hatte sein Schicksal verdient. Kennen Sie seine Geschichte?" „Nein, ich kenne dieselbe nicht —" „Ach, lassen wir diese alten Geschichten ruhen, Herr Reinhardt!" bat Tante Anna erregt. „Es ist längst Gras darüber gewachsen-" „Das möchte ich nicht behaupten, kleine Tante!" beharrte der Maler. „Denn wie ich vorhin als neueste Neuigkeit vernommen, ist Julins Steindorf als Wittwer mit einem kleinen Töchterchen ans Amerika heimgekehrt, wo er vier oder fünf Gräber von Frau und diversen Kindern zurückgelassen hat- Es soll ihm just nicht zum Besten ergangen sein, worüber ich mich gar nicht wundere, da beide Ehegatten in der Verschwendungssucht mustergiltig waren- Wissen Sie, Freund Marbach, daß dieser Julius Steindorf mit der einzigen Tochter des reichen Holten auf Ebenheim von Kindesbeinen an verlobt war? Den Kuckuck auch, die Geschichte wäre nicht ohne gewesen, wenn diese beiden Rittergüter, deren Grenzen sozusagen ineinander laufen, in einer Hand vereint worden- wären-" 111 »Sie meinen doch die jetzige Besitzerin von Ebenheim?" fragte Marbach in sichtlicher Erregung. „Dieselbe, Fräulein Armgard Holten, ein prächtiges Mädchen — Donnerwetter — Leonhard, das wäre eine Frau für Sie, da Sie doch jedenfalls heirathen müssen —" »Ich ersuche Sie, den Namen der jungen Dame nicht so frivol zu entweihen, Reinhardt!" rief Marbach, ihn zürnend anblickend. „Nehmen Sie meinetwegen mich zur Zielscheibe, nur nicht in Verbindung mit einer solchen hochgeachteten Persönlichkeit." „Ich danke Ihnen im Namen jener Dame," sprach Tante Hanna, ihm die Hand reichend, „meine aber, Freund Reinhardt," wandte sie sich an diesen, „daß Fräulein Holten sich überhaupt nicht als Unterhaltungsthema eignen dürfte." - „Der Henker hole mich, wenn ich jemals beabsichtigt hätte, Fräulein Armgard herabzuwürdigen, das hieße aber doch auch Wasser in ein Sieb schöpfen!" Reinhardt fuhr sich bei diesen Worten mit beiden Händen durch das Haar, daß es wie wildes Gestrüpp emporstarrte und meinte dann, daß die sogenannten Gebildeten am Schicklichkeitsgefühl krankten und kein wahres Wort mehr hören könnten. „Wissen Sie, Tante Hanna, daß ich die kleine Armgard damals, als der lange Bengel die Verlobung aufhob und sich mit ihrer koketten und allerdings ebenso schönen als blutarmen Cousine verheirathen wollte, förmlich bewundert habe? Denken Sie, Leonhard, was die kleine Heldin, die vielleicht achtzehn Jahre zählte, that? Sie bettelte für die Verräther bei den Eltern hüben und drüben, log ihnen vor, daß sie den Schlingel von Julius, der ein bildhübscher Junge war, nicht ausstehen und ihn folglich auch durchaus nicht heirathen könne, obgleich sie bis über beide Ohren in ihn verliebt war —" »Kein Wort weiter, Herr Reinhardt!" rief die kleine Tante, sich zornig erhebend. „Ach was," fuhr der rücksichtslose Maler, sie ruhig auf rhren Platz zurückziehend, eifrig fort, „ich will meine Geschichte doch zu Ende bringen und was die Spatzen sich vor zehn Jahren auf den Dächern erzählten, das kann auch wohl ein braver Mann, wie ihr Nachbar Marbach hier, anhören." „Aber keine Anzüglichkeiten," sprach der junge Mann ernst, „sonst verzichte ich auf das Ende Ihrer Geschichte, welche ich mir schon zusammenreimen kann. Was ich von Fräulein Holten, von ihrem Character, der mit weiblicher Milde männliche Energie und einen scharfen Verstand verbindet, bislang gehört, ist so bewunderungswürdig, daß ich es kaum wage, mich ihr als Nachbar vorzustellen." „Unsinn," brummte Reinhardt, „sie bleibt bei all' ihren Vorzügen doch immer nur ein Frauenzimmer —" „Das den Beweis geliefert, als Gutsbesitzerin einen Herrn und Meister ganz gut entbehren zu können," fiel Tante Hanna mit ungewöhnlicher Schärfe ein. Der Maler blickte sie sinnend an. - »Ja," sagte er nach einer Weile, „sie ist eine Perle ihres Geschlechts, aber schade ist es doch." „Was ist schade?" fragte Hanna gereizt. „Daß sie sich nicht verheirathet hat, bevor Musje Steindorf zurückgekommen. Na, schießen Sie nur nicht so gereizt auf mich los, kleine Tante!" setzte er laut lachend hinzu. „Was ist Ihnen denn so urplötzlich in die Krone gefahren, als ob Sie mich zum Nachtessen verspeisen wollten? Weiß wohl, daß man Ihr Schooßkind nicht schief ansehen darf, aber ich , n<.,e8J.a so von Herzen gut mit ihr, und Sie wissen, wie dre Welt urtheilt, der schlaue Julius Steindorf voran, dem das schöne Edenheim und die artigen Baarkapitalien der ernst verschmähten Erbin gut zu statten kämen. Stecken Sie's ihr, Tantchen, wir sind ja unter uns, da ich für meinen Leonhard bürge. Der edle Herr Julius glaubt, daß sie ihm die Treue bewahrt und um seinetwillen nicht geheirathet hat." Drinnen wurde ein Geräusch hörbar, als ob ein Stuhl gerückt wurde. „Spukt es bei Ihnen oder ist's die Life?" „Life ist verreist, es wird meine Mignon sein, — mein Kätzchen nämlich," wandte Hanna, die in der Dämmerung sehr bleich aussah, sich an Marbach. „Hat er solches ausgesprochen?" fragte der junge Mann, „und — ist er hier in der Stadt?" „Er ist hier und hat dergleichen angedeutet," versetzte Reinhardt fest, „schade, daß ich nicht dabei gewesen bin, um ihm die richtige Antwort darauf zu ertheilen. Er wird auch mit Ihnen wegen Rotenhof anbinden, mein Lieber! Soll bereits mit einem Rechtsanwalt in Verbindung getreten sein." „Nun?" richtete der junge Mann sich erstaunt empor. „Will er meinen Besitztitel vielleicht angreifen? — Dann soll er mich gewappnet finden. Abtrotzen lass' ich mir nichts. Ich ersah allerdings aus den Papieren meines Onkels, daß er das Gut aus dem Concurse für einen Spottpreis erstanden und wunderte mich, daß Herr Holten es nicht an sich gebracht." „Das hatte seine besonderen Gründe," nahm Tante Hanna das Wort, „Herr Julius Steindorf erhielt eine übermäßig hohe Summe ausbezahlt, weil sein Vater ihn nicht mehr sehen mochte, worauf die Mutter bald starb und Alles in Verwirrung gerieth- Der alte Steindorf wurde tiefsinnig, unredliche Verwalter beuteten ihn aus und auf Herrn Holten wollte er nicht hören, weil er Fräulein Armgard die ganze Schuld beimaß. Er soll ihm sogar die Thür gezeigt haben. So war das Ende bald genug da, das abgewirthschaftete Gut kam unter den Hammer und Ihr Onkel erstand dasselbe für einen Spottpreis, weil ein Jeder sich gescheut haben soll, darauf zu bieten, als man sah, daß Herr Holten sich ganz fern hielt." „Und der alte, unglückliche Herr Steindorf?" fragte Marbach leise. „Man fand ihn am Tage der Auction tobt in seinem Bette am Schlagfluß gestorben, wie es hieß." Es wurde jetzt ganz still in dem kleinen Kreise. Die Sonne war längst untergegangen, hoch oben im blauen Aether erglänzte die Mondsichel, Blumen und Blüthen dufteten berauschend, und im nahen Gebüsch schlug eine Nachtigall. Mignon hatte sich auf den Schooß ihrer Herrin geflüchtet und schnurrte. Sie hob den zierlichen Kopf und schien etwas Jagdlufl zu empfinden, denn ihre Augen phosphorescirten bedenklich. Doch war sie zu wohl erzogen, um nicht augenblicklich ihre Gelüste nach der kleinen Sängerin zu unterdrücken und weiter zu träumen. Plötzlich erhob sich der Maler, reichte der alten Freundin dre Hand und bat leise: „Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie geärgert habe, ich kann mich nicht mehr ändern. Gute Nacht I" Sie drückte ihm stumm die Hand, auch dem jungen Gutsbesitzer, der sich entschuldigen wollte, doch ruhig mit einem herzlichen „Gute Nacht" entlassen wurde. Als die Pforte sich hinter den Beiden geschlossen, schritt sie eiligst in's Haus. „Armgard!" rief sie leise und ängstlich, indem sie rasch eine Kerze anzündete. Dort saß sie, am offenen Fenster, von der Gardine halb verhüllt. „Schließen Sie Fenster und Gardinen, Tante!" bat sie mit fester Stimme, die einen seltsam fremden, kalten Klang harte. Tante Hanna gehorchte zitternd, ihr war auf einmal so kalt geworden, daß sie zusammenfröstelte. Armgard sah nach ihrer Uhr. „Es ist spät, schon nach neun Uhr, Conrad wartet mit dem Wagen auf mich, da ich in meinem Hause nicht übernachten, sondern noch nach Edenheim hinaus wollte. Aber — was thut's — mag er warten, er ist ja unter Dach und Fach." „Die alte Cathrin, welche für Life die Arbeit übernommen hat, wird soeben gekommen fein. Ich schicke sie in die Stadt, um Conrad Bescheid zu sagen." „Ich bitte darum, Tante Hanna, da ich noch ein Stündchen mit Ihnen plaudern möchte. Conrad mag sich um »ebn Uhr hier einstellen." (Fortsetzung folgt.) - 112 — Gemeinnütziges. Neue oder seltene Blumensamen für 1893. Dianthus cariophylus flore pleno „Guilland", Guilland-Nel» ken. Diese neue Sorte blüht wie die Margarethen-Nelke bei richtiger Frühjahrsaussaat schon im Herbst, indeß etwa einen Monat später als die Margarethen-Nelke, in überreichem Maße. Die Blumen, welche nicht platzen, sind sehr groß und gut geformt und dauern lange an; man findet auch alle Töne von hell ms dunkelgelb darin, welche bei den Margarethen-Nelken ganzlrch fehlen. Deßhalb werden sich die Guilland-Nelken einen hervorragenden Platz in den Culturen erobern. — Dianthus cariophylus semperflorens fl. pl. „Mad. Guilland". Neue Nemon- tant-Nelke- Straffer, reichverzweigter Wuchs, große, gutge- süllte Blumen von leuchtendem Gelb mit einigen fernen rothen Strichen machen diese Nelken, welche treu aus Samen sällt, sehr begehrenswerth. * Junge Gemüseeultur. Jeder sehnt sich nach Ab- bruch des Winters nach den ersten frischen Gemüsen, doch den Wenigsten ist es vergönnt, sich den Genuß derselben durch Früh- beetpflanzungen früher als durch Kauf auf dem Markt herzustellen. Die in unserem Klima meist lang anhaltende Kälte und späten Fröste im Frühjahr machen eher das Ausflanzen junger Gemüsepflanzen in das Gartenland, als das frühe Säen derselben möglich. Schon Anfangs März werden daher unge- fähr 14 cm hohe Töpfe mit lockerer Erde gefüllt, an ein Fenster mit Sonnenseite gestellt. In jeden Topf legt man 5—6 Samenerbsen; am besten eignen sich hiersür die Buchs- baumerbsen, oder auch die Wunder von Amerika. Bei feuchtem Erdboden keimen sie bald, und bringt man die einige cm langen Triebe alsdann in kalte Frühbeetkasten, die in einem geschützten sonnigen Platze stehen müssen. Während der Nacht sind die Kasten mit Fenstern, in kalten Nächten selbst mit Stroh- matten zu schließen. Am Tage sind die jungen Pflanzen durch Oeffnen der Fenster mehr und mehr an die Luft zu gewöhnen, und nach einiger Zeit an einen geschützten Ort m's Freie zu pflanzen. Bei günstiger Witterung geben sie alsdann eine jedenfalls zeitige Ernte. Aehnlich verfährt man mit Bohnen, die Ende April in Töpfe zu säen, Anfangs Mai ungefähr zu verpflanzen sind, und Ende Juni oder Anfangs Juli eine frühe Ernte geben können. Am günstigsten für dies Verfahren eignen sich: die Wachslangschotige Bohne, die gelbe englische Trieb- Lohne und die sogenannte Puffbohne. — Ebenso mag man die Fruchtsorte der Kartoffel, wie die Sechswochen-Nierenkartoffel, in einem warmen Ort, vielleicht einem Stall, — neben einander- gelegt, zum frühen Treiben zu bringen. Sind die Keime einige cm lang geworden, so bringt man sie in ein wohloorbereitetes Feld in geschützter Lage, und hat man sie von Mitte oder Ende April an getrieben, so vermag man Ende Mai oder Anfang Juni schon die ersten Kartoffel zu erzielen. ♦ » ♦ Azaleen zum Blühen zu bringen. Diese Zier- pflanze verlangt als Untergrund gute Heide-Erde. Die Umpflanzung geschieht Ende März oder im April. Der Standort im Freien muß geschützt und vor dem Blühen etwas sonnig sein. Zieht man Azaleen im Zimmer, so muß die Wärme darin mindestens 7 bis 8«, höchstens 10 bis 12° R. betragen, auch muß die Pflanze regelmäßig und reichlich begoffen werden. * ♦ * Nachtlicht. Ein Licht, welches die ganze Nacht brennen soll, z. B. im Krankenzimmer, das, ohne einen Hellen Schein zu verbreiten, mit wenig Kosten verknüpft ist, stellt man dadurch her, daß man fein pulverisirtes Salz auf die brennende Kerze streut, bis dasselbe den geschwärzten Theil des Dochtes erreicht. Auf diese Art erhält man ein mildes, ruhiges Licht, welches nur einen kleinen Theil der Kerze auszehrt. Vermischtes. In keinem Lande der Welt wird es mittellosen Damen der befferen Stände so leicht gemacht, Geld zu verdienen, als in England, und stets aus's Neue finden sich Berufsarten für Frauen, deren Nadelgeld zu knapp bemeffen ist. Daß ich manche Engländerinnen, die eine gewiffe sociale Stellung ;ei kargen Geldmitteln einnehmen, gegen genau fixirte Taxen dazu hergeben, junge Leute in die vornehme Gesellschaft einzu^ ühren, ist allbekannt; andere wieder füllen ihre Portemonnaies, ndem sie jungverheirathete Frauen bei allen Fournisseuren vorstellen, welche sür erstere von Interesse sein können. Am merkwürdigsten ist aber ein neuer Berusszweig für Damen, der in London seit Kurzem prosperirt und nun auch, wie der „N. Fr. Pr." geschrieben wird, in Paris Nachahmung findet. Dieser Beruf erfordert keine anderen Behelfe, als ein elegantes Exterieur, gleichgestimmte Toilette und als einziges Wiffen — die Kenntniß des ABC. Man muß nur lesen können, nicht mehr und nicht weniger! Ersüllt man diese Vorbedingungen, dann ist man für den neuen Beruf, durch Suggestion Zeitungs- Abonnentinnen zu werben, ganz gut geeignet. Mühevoll ist die Sache gar nicht. Man hat einfach mehrere Stunden des Tages hindurch im Omnibus zu fahren, oder eine Fensterecke in der Eisenbahn einzunehmen, oder in einem besuchten Park eine Bank zu okkupiren, oder in Wartefälen, Restaurations- localitäten rc. den Operationsplatz aufzuschlagen — natürlich immer, scheinbar mit Wonne, in die Lüctüre jenes Journals vertieft, für das man Propaganda macht. Man hat natürlich dabei darauf zu achten, daß der Titel der Zeitung für die Nachbarn deutlich sichtbar sei. Damit aber ist die Mission er» schöpft, das Uebrige kommt von selbst. Die Damen zur Rechten wie zur Linken verabsäumen es selten, einen neugierigen Blick aus das Blatt zu werfen, das eine elegante Leserin so sehr in Anspruch nimmt, und wenn sie derselben Zeitung in kurzen Zwischenräumen achtundeinhalbdutzendmal begegnet sind, ist ihr Interesse für das unbekannte Blatt längst erregt, und der Abonnemententschluß, hervorgerufen durch Suggestion, gereift. Diese neue Industrie wird im Frühjahre, in welchem milde Tage die Propaganda in den öffentlichen Gärten sowie im Bois de Boulogne erleichtern, eine bedeutende Ausdehnung nehmen, ja, mehrere Blätter, die keine Reclamekosten scheuen, wollen sogar „Leserinnen" in die eleganten Seebäder schicken! Auf die Leser politischer Blätter hat man bis jetzt noch keine der- artigen Sugzestionsattentate gemacht, vielleicht weil die Herren der Schöpfung im Allgemeinen weniger dankbare Medien sind. Ein fideles Gefängniß. Ein unter dem Verdachte des Diebstahls verhafteter Landstreicher wird in der Sitzung freigesprochen und ihm vom Richter eröffnet, daß er sofort entlaßen werde. „O bitt' schön, Herr Gerichtshof," sagt der Vagabund, „dürst' ich nicht noch einen Tag im Arrest bleiben! In unserer Zelle sitzt auch ein Schneider, der hat mir schon vier Touren vom Frantzaise g'lernt, und ich möcht' halt jetzt die fünfte auch noch lernen/' * Aus dem medicinischen Examen. Profeffor: „Was würden Sie thun, wenn Sie beim Seciren des Körpers eines Menschen noch Leben verspürten?" — Studiosus: „Natürlich würde ich mich vor Allem bei dem Betreffenden höflichst entschuldigen l" » # Ein Pessimist. „Donnerwetter! Ans der Welt geht doch alles natürlich zu, mein Ueberzieher geht natürlich nicht zu! Auch eine Trauer. Mann: „Du, Frau, ich geh' jetzt zum Begräbniß vom Kausmann Müller — gib mir um. drei Mark!" — „Drei Mark? . . . Aber hör' 'mal, so stark brauchst Du um diesen oberflächlichen Bekannten doch nicht M trauern!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.