■w-—0x5-------6—E.1—•—------Sx®—---1-3—7:----•+---Fs®—w- Nr. 3 1893 E Nntevh«ltttngsblatt zunr Giefzenev Anzeigev (Genev^l-Anz-igev) Samstag, den 7. Januar. Dämon Gold. Original - Roman von W. Höffer. (Fortsetzung). Ein Schauer ging durch die schlanke Gestalt des Mädchens, die Wimpern senkten sich, wie um ein Geheimniß zu verbergen, aber über die bebenden Lippen kam keine Sllbe. „Bringen Sie mich hinaus, Adele," hauchte die Baronin. „Und Du, Hansi, geh' zu den Gästen, tanze, sei froh — laß Niemand etwas bemerken." Er zögerte noch. „Aber Schatz, Du siehstzschlecht aus!" „Geh! Geh! — Ich will es!" „Fräulein Malten, ich überlaste Ihnen die Sorge für meine Frau!" „Gewiß, Herr Baron!" Hans Adam legte sanft die Halbohnmächtige in die Arme des jungen Mädchens, dabei berührten sich zufällig seine und ihre Hand; er bückte sich, um in seiner ritterlichen Weise diese bebenden Fingerspitzen zu küsten. „Tausend Dank, Fräulein Malten!" Dann öffnete er eine Seitenthür und winkte einem Diener. „Rufen Sie das Kammermädchen, Fischer!" Der Lakai verschwand, und während Hans Adam die Thür wieder schloß, brach die Baronin ohnmächtig zusammen. Die Gesellschafterin konnte nur gerade schnell genug zugreifen, um den leichten Körper der jungen Frau auf ein Ruhebett zu legen. Es war ein seltsamer Blick, mit dem Adele auf die Ohnmächtige hinabsah. Wie unheimlich es in den dunklen Augen aufblitzte, wie sich die ruhigen Linien des Gesichtes verändern konnten. Ehe der Lakai mit dem Kammermädchen zurückkehrte, erhob Adele, allein mit sich und der Bewußtlosen, ihre eigene Hand zu den heißen, bebenden Lippen. Sie küßte leidenschaftlich die Stelle, welche vorhin der Mund des Barons secunden- lang in flüchtigem Drucke berührt hatte, ihre Brust hob und senkte sich wie im gewaltsam bekämpften Schluchzen. Als der Baron in den Saal zurückkehrte, kam ihm Ruth mit ängstlicher Miene entgegen. „Ist Cäcilie krank?" fragte sie hastig. „Soll ich zu ihr gehen?" Er schüttelte abwehrend den Kopf. „Das laß nur, Kleine. Fräulein Malten ist bei ihr. Cilli selbst bat mich ausdrücklich, keine Störung zu verursachen." Ruth fah ihn an. „Fräulein Malten ist bei ihr," wiederholte sie. „Damit scheint für Dich Alles gesagt zu sein, Hans. Was Du doch an dieser Persönlichkeit nur so hoch schätzest? Ich verabscheue sie." Der Baron lachte. „Ich habe mich mit der jungen Dame in Gedanken nie beschäftigt, kleine Ruth," versetzte er. „Cilli ist an ihre Nähe gewöhnt und hält große Stücke auf sie — voilä tont!" „Ich mag sie nicht!" beharrte Ruth. „Ihre Hände sind immer kalt wie Schlangenhaut, das ist ein schlechtes Zeichen." „Meinst Du? — O weh, und ich habe vor fünf Minuten diese geschmähte Hand noch geküßt!" „Hans! — Du?" Und Ruth sah aus, als sei etwas Entsetzliches geschehen. „Du?" Er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände und tätschelte sie, wie man es einem kleinen Kinde thut. „Laß doch Fräulein Malten!" sagte er lachend. „Was ist uns Hekuba? — Komm', wir wollen tanzen." „Nein, nein, Hans! Du lieber Gott, ich vergaß das Hauptsächlichste. Es ist ein Herr da, der Dich sucht." Der Baron biß sich auf die Lippen. „Kennst Du ihn, Ruth?" „Nein — aber hier ist seine Karte." „Willibald!" rief nach dem ersten Blick der Baron. „Willibald, mein lieber, alter Junge — wo finde ich ihn?" Und er stürmte durch das Gewühl, um den Fremden zu suchen. Wenige Augenblicke später hatte er ihn aus einer Ecke hervorgezogen und begrüßte ihn nun auf das Lebhafteste. „Wie freue ich mich, Willibald! Jetzt darfst Du aber so bald nicht wieder an die Abreise denken." „Oho!" lächelte der Andere, eine angenehme männliche Erscheinung von etwa dreißig Jahren, „ich muß morgen meine neue Stellung antreten, Hans. Gott vergelte Dir, daß Du sie mir durch Deinen Einfluß verschafftest. Ich bin wohlbestallter Director an der Bankfiliale in der Stadt geworden." Baron Moldt schüttelte ihm kräftig die Hand. „Da gratulire ich Dir, Willibald! Das ist doch einmal eine recht frohe Botschaft. Komm', wir wollen auf Dein Wohl eine Flasche Sect trinken!" Er zog bei diesen Worten den Andern in eine grün umsponnene Nische und schon nach wenigen Minuten klangen die Kelche aneinander. „Sei glücklich, Willibald — Du und Die, welche Dir theuer find! Bist Du bereits verheirathet?" Der junge Bankdirector schüttelte lächelnd den Kopf. „Noch nicht, Hans, aber meine Mieze und ich bereiten Alle» zur Hochzeit. Wenn Du das Glück sähest, die immer neue, jubelveoll Freude! Zehn Jahre verlobt und nun endlich am — 10 — Ziel! Denke Dir, man hat mir zweitausend Thaler Gehalt bewilligt!" „Diese filzigen Dividendenschlucker! Wie willst Du mit der geringen Summe auskommen, armer Kerl?" „Mit zweitausend Thalern? — Wir können ja nicht Alle Rittergüter besitzen und als Millionäre durch die Welt gehen, Hans. Ich sage Dir, Mieze und ich bauen unser Nest in einem wahren Freudenrausch, wir tragen jedes Einrichtungsstück, jeden Fetzen Leinwand zusammen wie die Hamster. Und erst meine alte Mutter! — Die Arme, sie hat bis jetzt in der großstädtischen Dachstube geseffen und um einen Hungerlohn gearbeitet; nun soll sie dafür das beste Zimmer haben, den Blick auf Felder und Gärten, sie soll nur noch spazieren gehen und schlafen. Hans, Hans, und all' dies unsagbare Glück verdanke ich Dir!" „Warum nicht gar! Ihr habt also die Wohnung schon gemiethet?" „Ja. Mama und Mieze sind hier, um Alles einzurichten. Wie die Kinder treiben wir es, Eins immer noch toller als das Andere. Gemüsebeete will Mama anlegen, ohne ein Blumengärtchen thut es Mieze auf keinen Fall und was mich selbst betrifft, so möchte ich wohl einen Hund haben, so einen ganz großen — am liebsten sogar zwei-" Der Schlvßherr lachte laut heraus. „Du kannst junge Ulmer Doggen von mir bekommen, Willibald, ein ganzes Nest voll. Alles, was Deine Frau Gemahlin später säen oder pflanzen möchte, steht ihr bei meinem Gärtner zu Diensten. Wo liegt übrigens Eure neue Wohnung?" „An der Tannhäuserstraße. Das kleine Nest mit dem Epheu und dem Geranks von rothen Rosen." „Aha, ich weiß. Wenn Du meiner Frau —" „Einen Augenblick," unterbrach der Director. „Laß mich Dir, ehe ich es vergesse, eine Frage vorlegen. Die Baronin ist eine geborene Aßmann, nicht wahr?" , Ja-" ",Hat sie in Frankfurt am Main einen Verwandten?" Der Schloßherr wurde plötzlich aufmerksam. „Gewiß!" rief er. „Ein Bruder ihres verstorbenen Vaters lebt dort, Leopold Aßmann; er ist Bankier und soll sehr reich sein." Willibald hatte seine Brieftasche hervorgezogen. „Der ist es," bestätigte er. „Wir standen zu der Firma in dauernder Beziehung, aber jetzt kann ich Dir mittheilen, daß der alte Herr alle Geschäfte aufgegeben hat und daß er lebensgefährlich erkrankt ist- Ein Herzleiden, wie ich hörte." Auf dem Gesichte des Barons kam und ging die Farbe. „Also schwer krank?" sagte er wie zu sich. „Willibald, mein alter Junge, hast Du eine Ahnung, wie viel Vermögen da vorhanden fein mag?" Der Director zuckte.die Achseln. „Ich weiß leider gar nichts, Hans. Die Baronin und Fräulein Ruth werden ver- muthlich Alles erben." „Ja. Eben darum." „Kennst Du den alten Herrn, Hans?" „Ich habe ihn ein einziges Mal persönlich gesehen. Leopold Aßmann lebte seit einem Menschenalter in Californien; er war mit seinem Bruder, dem Vater meiner Frau, schon aus fernen Jugendtagen her vollständig entzweit — natürlich eines Mädchens wegen — und nahm auch, als ihm der Tod meines Schwiegervaters angezeigt wurde, von diesem Briefe keine Notiz, ebensowenig bekümmerte er sich um die in sehr bedrängten Verhältnissen zurückgebliebene Wittwe; dann aber, als auch diese starb, erwachte doch wohl bet ihm das Gewissen- Er kam hierher und hat ein Testament zu Gunsten seiner beiden Nichten hinterlegt; ich selbst war einer der Zeugen-" „Und Du erfuhrst über die Höhe der Hinterlassenschaft nichts Sicheres?" . „Keine Andeutung. Das Testament hat nur drei Zeilen, es enthält lediglich die Bestimmung, daß das gefammte vorhandene Vermögen zu gleichen Thetlen meiner Frau und meiner Schwägerin zufallen soll; weiter nichts." Willibald zuckte die Achseln- „Im Grunde ist das genug, nicht wahr, Hans? Du selbst bist ein reicher Mann, den es schwerlich interessirt, wie viele Tausende seinem Besitze hinzukommen." „O! — Bester Junge, welche Illusionen! Wenn sich in diesem Augenblick Jemand fände, der mir einmalhundertund- achtzigtausend Mark vorstrecken könnte, ach, wie glücklich wäre ich!" Der Bankdirector erschrak. „Aber ich bitte Dich, Hans, welch' eine Unsumme!" rief er aus. Hans Adam lächelte. „Von Deinem Standpunkt gesehen, Willibald. Bedenke aber, daß Moldt mit allen seinen Ländereien einen Werth von über zwei Millionen besitzt. Dagegen verschwindet jene Summe zum Nichts." „Ja, aber —" „Du meinst, wozu ich das viele Geld gebrauchen will? Nun, zunächst, um meine drängenden Gläubiger zu befriedigen, dann aber auch eines Lieblingsplanes wegen- Ich habe eine Idee, die mich fchon seit Jahren beschäftigt, die nie weichen will und von deren Verwirklichung ich mir einen enormen Gewinn verspreche. Aber zur Anbahnung des Geschäftes gehören größere Baarsummen, und die fehlen mir." „Darf man fragen, an was Du bei diesen Worten denkst, Hans?" „Natürlich, alter Junge, es ist eine Bernsteingräberei, die ich im Auge habe, großen Stils, wie Du begreifst, Willibald, mittels durchaus verschiedener Maschinen. Der Gewinn könnte fürstlich werden." „Sind denn am Strande auf Deinem Gebiete schon Spuren des vorhandenen Bernsteins entdeckt worden?" „Bei jedem Sturm, jeder Springfluth. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß in der Tiefe der Dünenkette ein ungeheures Lager verborgen liegt, Hunderttausends an Werth, aber — gleichsam bewacht von einem feurigen Drachen- Man kann da ohne Geld nichts anfangen." „Dann solltest Du eine Actiengesellschaft gründen, Hans!" „Damit diese Leute den Gewinn in ihre eigenen Taschen stecken? Prosit! Eines Tages komme ich selbst auf irgend eine Weise zu Vermögen — bis dahin liegt der Schatz im Dünensand sicher geborgen." „Aber", fügte er, die dritte Flasche aus dem Kübel hebend, mit seinem bestrickenden Lächeln hinzu, „davon wollen wir uns nicht unterhalten. Auf das Wohl Deiner liebenswürdigen Braut, Willibald! Selbstverständlich wird Eure Hochzeit hier auf Moldt gefeiert." „Hans — Du wolltest —" „Natürlich, Fräulein „Bühring!" half der Director ein. „Fräulein Bühring hat ja keine Eltern mehr, nicht wahr ?" „Nein. Sie ist während der langen Jahre unseres Brautstandes als Gouvernante in fremden Häusern gewesen — daher ja gerade das unermeßliche Glück der Erlösung- O, Hans, wie herzinnig danke ich Dir- Käme es eines Tages darauf an, für Dich das Leben in die Schanze zu schlagen, ich thäte es." „Unsinn, Willibald. Sahst Du eben den Blitz, der über den Himmel zuckte, gerade, als Du das unkluge Wort sprachst?" Der Director lachte. „Es blitzt schon feit längerer Zeit, Hans. Hast Du das nicht bemerkt? -- Wie blaß Du nur geworden bist." Der Schloßherr zauderte. „Es sah aus, als fahre der glänzende Pfeil gerade zwischen Dir und mir durch die Luft. Vielleicht bin ich ein wenig abergläubisch, mein Alter." Und er stürzte hastig zwei Gläser Wein nacheinander hinab. „Fischer, lassen Sie die Glaswände schließen, rasch!" Die Dienerschaft hatte fchon Hand angelegt und jetzt erhob sich noch Willibald, um den Rückweg zur Stadt anzutreten. „Ich habe ein Miethspferd im Stalle," sagte er. „Es muß sein, Hans. Mama und Mieze würden sich auf jeden Fall ängstigen." „Und das darf nicht geschehen, ich weiß es. Hoffentlich ist meine arme Cilli in den nächsten Tagen so weit wieder hergestellt, daß Du Deine Damen hierher bringen kannst. Ihr zieht nach Moldt, bis Du verheirathet bist — und dann in das Haus mit Rosen, in Euer Paradies!" — 11 — „Las Du erbaut hast, Hans. Adieu! Mein Leben gehört Dir, Alles, was ich bin und habe, gehört Dir." Der Baron geleitete seinen scheidenden Gast bis vor die Hausthüre, und erst als die Hufschläge des Pferdes auf dem Kieswege verhallt waren, kehrte er zu den Tanzenden in den Saal zurück. Der Donner rollte und der Sturm schüttelte die Bäume im Park, daß Wolken von gelben Blättern durch die Alleen wirbelten. Während die meisten Gäste unbekümmert wnter tanzten, rüsteten Andere zum schleunigen Aufbruch; der ganze Himmel war mit schwarzen Wolken dicht bedeckt, es sah ans, als werde die eigentliche Schwere des Unwetters noch erst losbrechen. „Schade um das Feuerwerk!" hieß es allgemein. „Nichts Herrlicheres als der Blick vom Königshügel über Wald und See, wenn die Schwärmer steigen und Alles mit farbigen Lichtern überfluthen!" „Noch regnet es ja nicht I" rief übermüthig Frau Bürklin. „Mögen einmal Blitze und Raketen mit einander wetteifern. Wo ist der Baron? Er soll dem Pyrotechniker seine Befehle geben." Mehr als eine Stimme widersprach. „Das hieße doch den Himmel versuchen!" sagte Jemand. „Wenn man ein Feuerwerk abbrennt? Ein ganz neues Dogma!" Und die schöne Frau lachte spöttisch. „Ich würde jede Zündschnur getrost selbst in Brand setzen," rief sie blitzenden Auges. „Wer von den Herren begleitet mich?" „Ich!" tönte es rings umher. „Und ich! Ich!" Das kecke schwarze Auge der Dame suchte den Gutsherrn von Dornau. „Und Sie, Herr Wolfram?" „Ich möchte mir den Anblick des Gewitters nicht gern durch einige Raketen verkümmern lasten, gnädige Frau." „Ach — wie phantastisch! Ich werde also in aller meiner profanen Freude an der Kunstfertigkeit des Pyrotechnikers ohne Ihre werthe Gesellschaft fürlteb nehmen müssen. Kommen Sie, meine Herren!" Eine Hand hatte in diesem Augenblick den Vorhang zurückgezogen. „Es regnet!" hieß es. „Die Tropfen fallen schwer auf das Glasdach." „Und wie der Donner rollt!" Es gab jetzt schon einige Damen, die das Gesicht in den Kisten der Sophas oder hinter ihren eigenen vorgehaltenen Händen verbargen, achselzuckende Ehemänner und weinende Frauen. Die Musik war nicht niehr im Stande, das Toben der Elemente zu übertönen. Unmuthig wandte die schöne Königin den Kopf; wie eine schillernde Schlange glitt die rothe Schleppe ihr nach durch den Saal. „Meinen Wagen!" befahl sie dem Diener. Der Baron suchte den schnellen Entschluß zu entkräften. „In diesem Wetter, gnädige Frau?" sagte er sehr erstaunt- „Wollen Sie nicht noch warten?" „Das Gewitter schreckt mich nicht!" war die kühle Antwort. „Ich erfreue mich außerordentlich starker Nerven!" Eine unangenehme Stille folgte dieser Auseinandersetzung. Baron Moldt war bei der schönen Frau offenbar in Ungnade gefallen. Das fühlten Alle und am meisten er selbst, aber während dieser deutlichen Empfindung brannte in seinem Herzen die geheime Wunde nur um so stärker. Er war vernarrt in diese sprühenden Blicke, diese spöttischen Lippen mit dem feinen lebhaften Purpur. Ein Diener näherte sich ihm. „Herr Baron, dürfte ich bitten!" Hans Adam fuhr auf; gegen Untergebene war er immer ein gütiger, rücksichtsvoller Gebieter. „Nun, Fischer, was gibt es?" „Frau Consul Bürklin sind in einem Miethwagen gekommen," antwortete der Lakai, „und der Kutscher desselben — ja, als er das Fest in der Scheune mit ansah — da —" „Blieb er hier und ist ein wenig angetrunken, nicht wahr?" „Sehr, Herr Baron, sehr." Hans Adam lächelte. „Lasten Sie ihn vorfahren, Fischer. Das Weitere findet sich." Frau Bürklin hatte unterdessen in der Damengarderobe ihre Toilette vervollständigt; sie trat jetzt, die Schleppe über dem Arm und mit der Rechten den Federhut haltend, in die Vorhalle des Schlosses hinaus. Klatschende Regentropfen schlugen ihr entgegen, der Sturm pfiff und der Donner rollte unaufhörlich. Vorn auf dem Bocke des Wagens saß nickend im halben Schlafe der Kutscher, dessen Pferd bei jedem Blitz aufsprang und unruhig den Kopf zur Seite waif. Der betrunkene Mann brummte dann einige unverständliche Worte, die das Thier zu kennen schien, denn es ließ sich bei aller Furcht doch befehlen, wenigstens nicht auf- und davonzugehen. Baron Moldt klopfte den Rücken des Braunen. „Ein ganz junges Pferd, gnädige Frau," sagte er, „es erfordert eine feste Hand und einen ruhigen Blick, um bei derartigem Wetter glücklich den Berg hinabzukommen. Sehen Sie den Kutscher an und gestatten Sie mir, Sie nach Hause zu fahren." „Behüte! Wie dürfte ich Sie Ihren Gästen entführen!" Und die Frau im königlichen Gewände trat hinaus, um den Rosselenker prüfend zu betrachten, dann runzelte sie ärgerlich die Stirn. „Ich werde selbst fahren!" „Sie, gnädige Frau? Und in diesem Anzuge?" „Das ist wahr. Fräulein Aßmann muß mir ein Kleid leihen." Sie ging im Mantel und Hut, unbekümmert um die erstaunten Blicke der Anwesenden, quer durch den Saal und suchte die junge Schwägerin des Schloßherrn, der sie ihre Bitte vortrug. „Ich kann mich mit der Schleppe nicht auf den Kutschbock setzen, liebe Ruth. Möchten Sie also die Königin in ein Aschenbrödel verwandeln? Das geschieht ja wohl im Leben sehr häufig, denke ich." Die beiden Damen verschwanden im Schlafzimmer des jungen Mädchens und kehrten nach einiger Zeit auf einem Umwege zur Vorhalle zurück. Das seidene Kleid und die Perlencoiffure lagen oben auf Stühlen und Tischen und Frau Anna stand im grauen, ihr viel zu langen Gewände, mit Regenmantel und Kapuze im strömenden Regen. Sie ergriff die Peitsche und berührte mit dem Stiel derselben den Arm des betrunkenen Kutschers. „Herunter!" Der Mann öffnete schläfrig die Augen. Er sah das blasse, zornige Gesicht der Dame und ihre entschlossene Haltung, er hörte den Ton des kurzen, gemessenen Befehles und durch sein umnebeltes Begriffsvermögen ging die Erinnerung an beträchtliche Hiebe, welche er bei Gelegenheiten wie diese schon früher erhalten hatte. Schwerfällig kletterte er vom Bock und lehnte sich gegen die Mauer des Schlosses, um sicher zu stehen. Zwei Lakaien nahmen ihn im Fluge mit sich fort, während Frau Bürklin gewandt wie ein Turner den verlassenen Thron erklomm. „Bitte jetzt, Herr Baron." (Fortsetzung folgt.) GsMZinnNtziges« Das Schuhwerk der Schulkinder. Im Herbste und Winter und überhaupt zur Regenzeit ist es eine ost gehörte Klage, daß das Schubwerk der Kinder nicht wasserdicht ist, sie deshalb mit durchnäßten Füßen in der Schule sitzen müssen und mit Recht für Erkältungen der Grund in diesem Uebelstande gesucht wird. Demselben läßt sich aber mit geringer Mühe und geringen Kosten abhelfen, wenn man neue Schuhs und Stiefel, ehe sie getragen sind, folgendem Verfahren unterwirft: Man bestreicht die Sohlen mittels eines Pinsels mit gekochtem lauwarmem Leinöl und läßt dasselbe in der Sonne einziehen. Auf dem Oberleder wird wiederholt mit — 12 - einem Wattebäuschchen etwas Ricinusöl verrieben, jedesmal aber nur so viel, daß das Leder nicht fettglänzend wird, sondern das Oel ganz aufsaugt, sonst setzt sich der Staub darin fest und das Leder bekomnlt dauernd eine graue, unsaubere Farbe. Durch diese Behandlung werden nicht allein Schuhe und Stiefel wasserdicht, sondern auch sehr haltbar und dem lästigen Knarren und Krachen des Schuhwerks wird vorgebeugt. Apfelthee. Dieses wohlfeile und gesunde Getränk, das dem chinesischen Thee insofern vorzuziehen ist, als der Apfelthee nicht aufregend wirkt und die Verdauung fördert, wird auf folgende Weise bereitet: Man nimmt eine Quantität frische oder abgetrocknete Apfelschalen (bessere Tafelsorten), brüht dieselben kurz ab, um sie zu reinigen und läßt sie dann mit einem in Scheiben geschnittenen frischen Apfel durch Uebergießen mit kochendem Wasser 15 Minuten bis eine halbe Stunde, je nach dem Quantum, gut durchziehen. Für einen solchen Apfelthee, der besonders auch Magenleidenden angelegentlichst empfohlen werden kann, weiter den Magen niemals belästigt, emsfehlen sich besonders unsere beliebten Reinettensorten wie: Muskat-, Graue-, Gold-Reinetten, sowie auch die beliebten Borsdorfer Sorten, Gravensteiner, weil bei diesen Früchten der Gehalt des Zuckers in gutem Verhältniß zur Fruchtsäure steht und der Thee einen sehr angenehmen gewürzigen Geschmack erhält. Dieser Thee kann mit Rum oder Arac — einen Kaffeelöffel voll in eine große Tasse — und Zucker nach Bedürfniß piccm- ter gemacht werden. ♦ * * Schnittbohne» den dumpfen Geschmack zu benehmen. Legen Sie die Bohnen über Nacht in's kalte Wasser, was ja so wie so geschehen muß, ehe man sie kochen kann; geben Sie ziemlich viel Pfefferkraut hinein und versuchen Sie, ob sie dann zu genießen sind, sonst läßt sich dagegen nichts machen. Smd die Bohnen sehr dumpfig, so wird Ihnen wohl nichts weiter übrig bleiben,* als dieselben fort zu schütten. Flanell- und Wolldecken in einen Eimer Wasser getaucht, welches einen Löffel Ammoniak und ein wenig Seifenbrühe enthält, macht dieselben ohne vieles Reiben weiß und rein. * * * Pflanzen in Zimmern. Es ist eine durch nichts bestätigte irrige Behauptung, daß Pflanzen in Wohnzimmern schädlich seien Rur sehr stark riechende Blumen, wie Hya- cinthen, Levkoyen, Veilchen, Lilien u. s. w., können des Nachts durch ihren betäubenden Duft schädlich wirken. Im Allgemeinen aber absorbirm gesunde Pflanzen eine Menge Kohlensäure und machen bie Luft rein und angenehm Sie sind in der That das beste Lustreinigungsmittel, das man anwenden kann. * * * Kraule Topfpflanzen. Diese können auf einmal ganz currrt werden, wenn man sie mit heißem Wasser (40 bis 50 Grad R) vollständig begießt, so daß das Wasser unten abläuft. Meistens ist eine Versäuerung der Erde die gewöhnliche Ursache der Erkrankung. Die Pflanzen erholen sich in kurzer Zeit. Selten ist eine Wiederholung des Begießens noihwendig. Sind Würmer vorhanden, so kommen sie sicher durch das heiße Wasser an die Overfläche und werden dadurch vertilgt. ________ Vermischtes. Eigene Auffassung. Vater der Braut: „Wie, zehntausend Mark Schulden haben Sie? Das ist ja ganz unge- heuert — Bewerber (geschmeichelt): „Nicht wahr, Schwieger- Papachen, so viel Credit hatten Sie mir gar nicht zugetraut!" * * * Zu viel verlangt. Reisender: „Ich war schon verschiedene Male hier ..." — Kaufmann: „Oho, soll wohl für Sie extra einen Hausknecht dahin stellen?' Ein Feind der Lüge. Student: „Kellner, ich muß zahlen!" — Philister: „Aber so sagt man doch nicht — man ruft doch: Kellner, ich möchte zahlen." — Student: „So! Zu dieser Höhe der Verlogenheit habe ich mich bisher noch nicht emporschwingen können." * * Veränderte Ansicht.*Richter: „Hierhelfen all' Ihre Verdrehungen, Ihre Ausreden nichts. — Recht muß Recht bleiben." — Angeklagter: „Da haben Sie vor vier Jahren auch noch anders denkt, wie Sie mich beim damaligen Einbruch so famos vertheidigt haben!" * * Einfalt. Hausfrau: „Hier in den beiden Zimmern sollten doch sechzehn Grad Wärme sein; statt dessen sind hier nur acht." — Dienstmädchen: „Nun, drüben sind doch auch acht!" _____________ Unser täglich Brod. Der Mensch lebt nicht vom Brod allein, und doch —- was wäre er, ohne dieses schlichte tägliche Brod, das dem Armen wie dem Reichen Nahrung giebt? — Wer das Brod- backen erfunden — kein Denkmal, keine Feder künden es, und doch verdiente der Name ein unsterblicher zu fein. Nur soviel ist bekannt, daß man das Brod als tägliches Bedürfniß schon seit altersgrauer Zeit gekannt, geschätzt bei den alten Aegyp- tern und Assyrern, wenn auch das, was man damals so titu- lirte, uns Kindern einer andern Zeit wie Traum erscheint auf Alles, was uns Brod heißt, denn das Brod des frühen Alterthums bestand aus einer Mischung von Mehl, Oel und Gewürzen, als beliebte unentbehrliche Beigabe der täglichen Mahlzeiten. Auch die alten Griechen verstanden sich darauf, Brod zu backen und zu essen, und zwar sind sie die eigentlichen Autoren des Brodes, wie wir heute es kennen und bereiten. Diesmal kennt man den Erfinder — es war: der Zufall! In die Gestalt eines Sklaven zu Athen gehüllt, veranlaßte er, daß derselbe aus Vergeßlichkeit den Rest des angerührten Weizenteiges in dem irdenen Gefäße etliche Tage stehen ließ, und dann, als er ihn entfernen wollte und dabei überrascht wurde, schnell — aus Furcht vor Strafe — dazu schüttete. — Wie aber wurde ihm, als der ganze Teig beim Vermischen geheimnißvoll sich hob und gährte, und als sein Herr und dessen Gaste vor Staunen schier außer, sich gerieten über das locker, leckere Brod, das aus diesem „verdorbenen" Teig hervorging. So ward das erste rechte Brod entdeckt und ganz Athen war davon so begeistert, daß bald einige Brodmacher sich dort etablirten und die Zubereitung sich immer wehr verbesserte, die Brodsorten sich vermehrten und das Brod zu Athen für das beste galt in ganz Griechenland. Von dort gelangte die Kunst Brod zu backen zu den Römern, welche bei Beginn der christlichen Zeitrechnung schon ca. % Dutzend Arten aufzuweisen hatten. Von den Römern lernten die Germanen bie Brodbereitung kennen und mehr ober minder mächtige Backöfen blieben lange Zeit hindurch das Wahrzeichen von dem Haus und der Gemeinbe, bis dieselben in der neueren Zeit mit dem Wachsen der Gewerbethätigkert mehr und mehr vom Schauplatze verschwanden. Auch das selbstgebackene Brod hat sich nur einige Heimstätten — vorzüglich auf dem Lande und in kleineren Orten — noch bewahrt, denn wo wäre gegenwärtig Mangel an Bäckern, Feinbäckern, groben und feinen Brodsorten aller Art? — So besitzen wir denn verschiedene Roggenbrode, Weizenbrod, Maismehlbrod, Reisbrod, Schrot- ober Grahambrot» (bas Brob der Vegetarianer), Kommisbrod und westfälischen Pumpernickel, Soda-, Milch- nnd Eierbrod, schwarzes und weißes Brod, feines Kümmel- und grobes Maurerbrod ergo „Schusterjungen". — Dafür ist das schlichte, kräftige „Hausmannsbrod" immer seltener geworden, und Mancher hält's wohl heut zu Tage mit jenem Kinde, das, als es in seinem Nachtgebet an die Stelle gelangte: , Unser täglich Brad gieb uns heute!" geschwind hinzusetzte: „Und recht viel Butter darauf!" Rebaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.