Donnerstag, den 6. Juli. ----K— < G'-E.j lS-7 sx©—W Nnt«khatt»»ngrblatt jwm fiisfcetiw Anzeigrv (Ge»»SN«»l-Anzeigev) Verschlungene Pfade. Roman von Max Hochberg. (FortsGung). Nach geraumer Zeit verließ der Geheimrath das Krankenzimmer und ein „Sind Sie denn noch hier?" kam ihm über die Lippen. Sie konnte nicht unterlassen, ungeachtet der zu erwartenden weiteren Grobheit, zu trotzen: „Man will doch wissen, Herr Geheimrath, was seinem Vetter fehlt? ' „Das Nervenfieber und das von der schlimmsten Sorte," lautete die laconische Antwort. Diesmal that sie keinen Schrei. Das Entsetzen, mit einem ansteckenden Kranken über eine Stunde die Luft ge- theilt zu haben, war zu groß; sie fiel wirklich in Ohnmacht. Die Jungfer fing sie in ihren Armen auf. Der Geheimrath sah auf den Gärtner, auf Frau von Schönholz und machte mit der Hand eine kurze Bewegung nach der Thür. Der Gärtner führte den wortlosen Befehl aus und nahm die Ohnmächtige aus den Armen der Jungfer. „Sie sind ja ein stämmiger Kerl und tragen sie wohl die paar Schritte bis hinüber zu ihrer Tochter in die Malten'sche Villa." Darauf wiederholte er der Jungfer die Anordnungen, die er schon drinnen getroffen. In einer Stunde, verhieß er, würde die zuverlässigste und kräftigste der Stadt-Krankenpflegerinnen zur Stelle sein, die mehr Courage und Kraft besäße, als manche Mannsperson. Vierundzwanzig Stunden später hatte der Geheimrath einen zweiten Nervenfieber-Kranken. Frau von Schönholz hatte das gehabte Entsetzen nicht überwinden können. Frost und Hitze schüttelten sie in jäher Aufeinanderfolge. Als Erna den Tag darauf, nachdem man die Besinnungslose zu ihr getragen, sich zu den Eltern begab, öffnete ihr Vater ihr die Thür und klagte, die Mama läge drinnen im Fieber. Herr von Schönholz war ohne Fassung. „Wäre nur der Arzt erst hier gewesen! Er muß für eine Wärterin sorgen und die Dienstboten wegen der Ansteckung beruhigen. Die Panik unter den Leuten ist zu groß! Die Jungfer ist uns davon gelaufen und per Bahn nach ihrer Heimath gefahren. Mama habe bloß den Kopf bei Strehlens zur Thür hineingesteckt und sei davon allein schon krank geworden, hat sie sich geäußert, sie wolle ihre Haut nicht zu Markte tragen. Die Köchin widersetzt sich jeglicher Handreichung. Sie habe sich nicht zur Krankenpflege vermiedet, nur für die Küche. Womöglich geht sie auch noch! Johann ist der einzige Verständige." „Ich werde nach Asta telegraphiren. Sie soll mit dem nächsten Zuge Herreisen," entschied Erna schnell. „Was," schrie Herr von Schönholz auf, „dazu ist das arme Kind gut genug, ins Haus des Todes gerufen zu werden?' „Ach, Du bildest Dir wohl ein, ich soll hier bleiben, ich bin gut genug dazu?" schleuderte ihm Erna die eigenen Worte zurück. „Ich kann die Mama nicht pflegen und hier nach dem Rechten sehen! Ich habe meinen Mann und meine Häuslichkeit, ich gehöre nicht mehr zur Familie. Sogar in der Bibel heißt es: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen" und von der Frau gilt umgekehrt dasselbe. Asta hat keinen Menschen zu versorgen, die kann sich hier nützlich machen!" Sie stürmte davon. — Herr von Schönholz hatte sich in den nächsten Sessel fallen lassen. „Ist das mein Fleisch und Blut?" wiederholte er sich kopfschüttelnd. „Das Wort Gottes führt sie im Munde, ihren Egoismus zu beschönigen? Mit einem Spruch aus der Bibel rechtfertigt sie ihre Herzlosig- feit?" Plötzlich kam ihm der Gedanke, Erna könne an die Kleine telegraphier haben. Er setzte flugs eine Gegendepesche auf, Asta solle-auf alle Fälle bleiben, wo sie sei. Er nahm den Platz bei seiner kranken Frau ein und Johann lief, was er laufen konnte, zum Telegraphenamt, als er hörte, um was es sich handelte. Sein Herzblatt sollte nicht geopfert werden! Herr von Schönholz athmete auf bei dem Ausspruch des Geheimraths, der das Nervenfieber seiner Frau für ein voraussichtlich leichtes erklärte. Der Schreck und die Angst vor der Ansteckung, dazu eine kleine Erkältung bei ohnehin überreizten Nerven habe es erzeugt. Eine bewährte Pflegerin wachte die Nacht hindurch. Herr von Schönholz sollte sich hinlegen, hatte der Geheimrath befohlen. Am nächsten Vormittag, Herr von Schönholz dachte, der Schlag solle ihn rühren, trat Asta ins Zimmer. Sie trug ein schlichte« Umschlagetuch und einen geringen Hut. „Wie steht es mit der Mama?" forschte sie angstvoll. „Wo kommst Du her?" stotterte Herr von Schönholz. „Ich bin ausgerissen, Papachen, Gepäck habe ich nicht mit, ich steckte nur ein, was ich an Geld besaß. Die werden Augen machen über mein Durchbrennen! Sie wollten mich nach der zweiten Depesche nicht fort lassen. Das Stubenmädchen lieh mir Tuch und Hut, sonst hätte ich nicht entkommen können. Drei Stunden hielt ich mich in den Bahn- hofsanlagen versteckt, ehe der Nachtzug abging." mich selber in sie verlieben!" ' Die Rührung übermannte Götz. Seine mühsam erkünstelte Kälte hielt nicht Stand. „Nein, mein gnädiges gg Sie sind da auf einem Holzweg! Hätten Sie mein Notizbuch durchblättert, würden Sie wiffen —" f „Was würde ich wiffen?" stammelte sie, mehr erregt als ^„Nun wäre Mama so gut wie hergestellt," sagte Asta, „nun könne Papa ihr auch erlauben, Herrn Werner auf einen kurzen Besuch zu bitten." „Der Salon würde besten» aus« neugieüg. ^!« platzte er heraus und griff nach ihren Händen, die sich ihm unwillkürlich entgegenstreckten. „Ihretwegen gehe ich, nur Ihretwegen „Ich habe Sie doch aber so schrecklich lieb! schluWe Asta- Sie begriff ihn nicht: erst machte er sie so glücklich und nun sagte er ihr so etwa«. Hans von Malten erschien im Lauf des Tages mehrere I geräuchert werden," schrieb sie an Werner, „er habe wegen Male- Er schien durch doppelte Theilnahme die Lieblosigkeit der Ansteckung nichts zu furchten. Ein Postscriptum bat ihn, se ner Kran ansgleichen zu wollen. Herrn von Götz möglichst unauffällig beizubringen, er könne Gestattet denn meine Tochter, daß Sie zu uns kommen I sich von ihr die Erklärung in Betreff feines Notizbuches holen- und sich der Ansteckung aussetzen, lieber Hans?" wunderte sich Johann mußte den Brief umgehend besorgen. ^err von Sckönholz. Werner hatte zufällig denselben Tag Gelegenheit, sich 5 „Werde aus Vorsicht ihre Zimmer nicht betreten - ein seines Auftrages an Herrn von Götz zu entledigen. Mit ge« Soldat macht nicht viel Umstände, habe mir daher das Lager mischten Empfindungen^vernahm: Götz d»e Botschaft. Hmgehen auf der Chaiselongue in meinem Arbeitszimmer bereiten laffen." wollte er, schon aus Pflicht der Höflichkeit. Er hatte keine Daß dies schon seit einigen Tagen der Fall war, verschwieg Pläne mehr für ein Glück zu Zweien, das er sich einst nut er. „Seit bei Strehlens auch noch die Gärtnersfrau am Asta erträumt. Er hatte mnerlich entsagt, seine Hoffnungen Tvvbus liegt spottet Ernas Angst jeder Beschreibung. Die eingesargt. Sie hatten .eines Abends bei Mama,Perl ge« Krankheit mag wohl in der Luft liegen. Der Oberst soll geffen, Ruler, Hans von Malten und Gütz. Malten trank stundenlang fürchterlich rasen und dann in halber Bewußt« rasch und viel. Ihm hastete die Eigentümlichkeit an, wenn losigkeit apathisch verharren. Ich sprach die Emma. Meine er ein wenig zu viel hatte. in rosiger Stimmung zu sein. Cousine kommt nicht9aus den Kleidern. Trotz des Fiebers Er war dabei der gemütlichste Mensch von der Welt. Trank LÄnm»“’S «SÄÄÜSrVtiStSS Ti Sei“ ,roW” 40 B"b SÄ”«™* 91* arme arme Leonie!" seufzte Asta mitleidig. „Sie Rolle, welche er seinem Weibe gegenüber spielte. , können Erna bestellen Schwager Hans," fuhr sie nach einer „Himmelelement," brach hinterdrein Ruler los, „da nehm WÄ- ft" .ich M° £ ifr, ich mir dach n-b°r -in- F-m, di- mm ist wft-ft- Ki-ch-n- wenn sie nicht bald an Mamas Lager käme! Erna ist doch maus. Sie kann wenigstens nicht auf ihr Geld pochen! Em ihr Liebling? ihr Abgott, und Mama verlangt oft nach ihr." Glück für Dich, Heinz, die jüngere Schwester scheint and r S« «°»M 91”«6 mm Ich- -ftsiidi- g-mmd-m Asia WM neben Erna Hohn? es war ihm eine Wohltat, seinem Herzensgroll Luft aufgewachsen; sollte sie nichts von dem Grst m sich eingesogen macken tu können, „ick möchte ihr das nicht wiederholen! haben? — Vielleicht schlug auch ihm einst die Stunde, würde Willen Sie welche Antwort Erna für mich hatte auf meine I Asta seine Fran, da sie ihm, und wäre es im Zorm den Vorstellungen ihre Besorgniß sei ebenso unbegründet, wie „verschuldeten Aeutenant", den „Walther von Habenichts an« eaoistisck?" Er lachte bitter. „Ich wollte sie absichtlich in zuhören gab. Götz warf sich in Positur: nie würde sich das u n,arc ß» Mr vor. „Es würde mir viel« ereignen können, denn er wurde nicht heiraten! leicht^paffen, als glücklicher Wittwer sie zu betrauern und zu Mit dem festerEntschluß, kühl bis ans Herz zu bleiben, °m d« 9 Das' ist ja fürchterttch, ganz unglaublich!" entsetzte sich Förmlichkeit seiner Begrüßung. = ben 9Tfla." Sie war aufs Tiefste erschrocken über den Abgrund, Er erkundigte sich nach ihrem und der Mama Befin r:x nnr anftBat Wie sehr hatte Papa Recht be« I und dankte mit artigen, aber kühlen Worten für sm, sw« se m "sHESSEää jrjrtaw.tÄ'SMÄÄ ssnwftRÄ ■$-"«■■■ s bä-ä.-.» ess, gepackt. Tags über zwingt man die Temperatur glücklich auf wegen — damü kem Schatten auf rftäule 9 etwejg i oq herunter und Abends werden es doch wieder 40 — Sie beabsichtigen später — Fräulein ^yrenverg 1 I ! M t" Md di- mm- s" n K|ll Sie sich in I48n fo tdentnoll - Wem ich «n H--- wäre, -Md- •« Sultegung Md lägt sich dach nicht w-glchick-n. Sie I-i»-t weit über ihre Kräfte und steht wie ein Held!" Endlich kam ein Tag, an dem der Arzt Herrn von Schönholz erklärte, das Fieber seiner Frau sei gehoben. Asta hätte ihn am liebsten beim Kragen genommen und wäre mit ihm durchs Zimmer gewälzt. In ihrer Herzensfreude mußte sie an Werner schreiben. Der Maler war taglrch gekommen, sich zu erkundigen, wie es ginge. Auf diese Weise hörte er auch von Strehlens. Meistens hatte er nur Johann ge« „Eben deshalb I" erklärte er mit gepreßter Stimme. „Ich will Sie nie Wiedersehen; denn ich kann nicht um Sie anhalten — ich habe Schulden —" „Das schadet nichts," widersprach sie eifrig, „ich habe Geld genug! Erna hat gleich bei der Heirath 100,000 Thaler erhalten! Dasselbe kann ich auch beanspruchen! Reicht das nicht?" fragte sie bestürzt, da er ernst den Kopf schüttelte. Hilflos wie ein bittendes Kind blickte sie ihn an, die Augen voll Thränen- Er zog ihre Hände an die Lippen und sprach bewegt: „Ich danke Ihnen für Ihre Güte, für Ihre Liebe; die Erinnerung daran wird mein höchstes Glück sein in einsamen Stunden. Ich kann nicht, darf nicht anders handeln. Eines muß dem Mann höher stehen, als Alles, auch als das Mädchen seiner Liebe: die Ehre!" Er ließ ihre Hände sinken und wandte sich schnell zum Gehen. Ec durfte sie nicht länger ansehen, wollte er nicht seinen Vorsätzen untreu werden. Aufschluchzend barg Asta ihr Gesicht in das Sophakisien. So fand sie Herr von Schönholz. Erschrocken begehrte er zu wissen, was vorgefallen sei. „Papa, er will mich nicht!" jammerte sie. „Um Himmelswillen, Du hast Dich ihm wohl gar angeboten ?" Er schlug die Hände zusammen. „Was muß man nicht Alles an seinen Kindern erleben! Und da wünschte ich mir noch Söhne zu den Töchtern!" Asta schnellte in die Höhe. Ihre Thränen versiegten für den Augenblick. „Er liebt mich, Papa," vertheidigte sie sich mit Würde, „aber — er hat Schulden!" „Daran stößt Du Dich? Dann liebst Du ihn auch nicht!" entschied Herr von Schönholz. „Ach, Papa, Du verstehst mich nicht, weil er Schulden hat. Er ist ja so schrecklich stolz! Seine Ehre verbietet es ihm!" Sie weinte von Neuem. „Und das Schlimmste ist, Papachen, nun bin ich ihm erst recht gut!" Bitterlich schluchzend schlang sie die Arme um den Hals ihres Vaters. „Ach, mein lieber Papa, nun muß ich eine alte Jungfer werden!" Herr von Schönholz lächelte beruhigt. „Ach, so stehen die Sachen? Nun, dann hat es keine Noth! Er wird schon mit sich reden lasten!" „Nein, Papa, nein," wiederholte Asta mit trauriger Resignation, „er ist ja so schrecklich stolz!" Hans unterbrach sie. Er meldete seiner Frau Besuch für den Nachmittag an. Er kam von seiner Cousine. Es stände sehr schlecht um Strehlen, berichtete er, sein Zustand laste das Schlimmste befürchten, wenngleich der Geheimrath noch voll Zuversicht scheine, ihn durchzubringen. Die Feldner hätte keine. Sie habe ihm gegenüber eine derartige Andeutung fallen lasten und sie habe schon viele Typhuskranke unter den Händen gehabt. Er sprach feierlich ernst und gemessen, als spräche er schon von einem Tobten. In seinen Gedanken zählte er auch Strehlen nicht mehr zu den Lebenden, denn für ihn knüpften sich tausend Hoffnungen an dies Hinscheiden und was der Mensch hofft, das glaubt er auch- — Mit Erna hatte Hans eine harte Auseinandersetzung gehabt; das Wort „Trennung" war ihm dabei entschlüpft. Sie war nicht außer sich gerathen, sondern hatte es hingenommen wie etwas Selbstverständliches. Voraussichtlich würde sie also gern in die Scheidung willigen. Er wurde dadurch ein freier Mann, dem sich die beglückendsten, glänzendsten Aussichten eröffneten. Leonore war schöner und begehrenswerther als je. Sie war dann Wittwe und Erbin eines unermeßlichen Reich- thums. Sie hatte ihm Alles verziehen, sie liebte ihn noch immer! Erst die letzte Stunde hatte ihm neue Beweise dafür geliefert. Sie würde schriftlich bei Tante Anna nichts ausrichten, hatte sie ihm an der Thür des Krankenzimmers zugeraunt, ihren kranken Mann könne sie nicht, auch nicht auf noch so kurze Zeit verlassen; zudem würde die Tante sie nicht empfangen. Wenn er nur eine Abschlagszahlung leisten könne, hatte er darauf gemeint. Sie hatte geseufzt. Freies Geld habe sie nicht zur Verfügung, wenigsten» nicht eine Summe, die annähernd genügen 311 — würde. Die laufenden Ausgaben mußten doch bestritten werden. Er hatte sie nicht weiter gedrängt; aber fein Gesicht mußte ihr wohl verrathen haben, welchen Eindruck ihm der abschlägige Bescheid machte. „Es hängt Alles davon ab, armer Hans?" hatte sie vor sich hingemurmelt. „Ja, Leonie," bestätigte er düster. Da hatte es in ihren Augen freudig aufgeblitzt. Ein rettender Gedanke war ihr gekommen; ihre Schmucksachen, ihr kostbares Perlencollier waren ihr eingefallen. Der Oberst rief sie eben. Sie hatte rasch in die Tasche gegriffen. „Da nimm, Han»! Der kleinere der beiden Schlüssel ist für das Juwelenschränkchen!" bedeutete sie ihn hastig. „Es steht auf dem Barocktisch in meinem Boudoir. Nimm Alles, nur den Hochzeitsschmuck, den ich von Ludwig erhielt, rühre nicht an, Du kennst ihn ja, und ein altmodisches Medaillon mit Brillanten in einem buntbeklebten Pappkästchen. Laß Dir beim Bankier, bei Friedberg, Geld darauf leihen. Das Collier ist sehr werthvoll! Du wirst hinreichend genug erhalten für die Anzahlung!" Konnte er noch mehr Belege dafür verlangen, daß er ihr theuer war? — * * * Frau von Schönholz konnte schon wieder aufstehen. Sie lag im weichen, kissenbelegten Stuhl. Sie war noch sehr matt und angegriffen und mit ihrem Denken ging es langsam. Weshalb Erna so lange weggeblieben, hatte man ihr verschwiegen. Asta hatte auf des Arztes Weisung die Ausrede gehabt, Erna sei nicht ganz wohl gewesen. Ein Wagen rollte und hielt vor der Thür. „Der Geheimrath wird gleich kommen, Mamachen!" Asta hatte vom Fenster aus da» wohlbekannte Gespann mit den Grauschimmeln daherbrausen sehen. „Sie sind ja beinahe blühend!" scherzte der Geheimrath. Er mußte guter Laune sein. „Diese zarte, junge Röthe hat kaum eine Sechzehnjährige. Der reine Johannistrieb! Sie merken mir wohl an, ich bringe eine frohe Kunde? Sehen mich so gespannt an? Ja, er ist gerettet!" Er rieb sich vergnügt die Hände und ließ sich schwer in den Sessel fallen. „Wir haben das Fieber glücklich untergekriegt, die Feldner und ich! Die gnädige Frau nicht zu vergessen und vor allen Dingen Den da droben, ohne Den wir alle nichts können! Es war ein harter Kampf! Wir haben ihn dem Tode buchstäblich abgerungen I" — Dankend nahm er den von Asta dargereichten Wein und ließ sich's gern gefallen, daß man auf fein Wohl anstieß. „Onkel Strehlen wird gesund. Die Freude, Papachen! Ach, laß mich zu Leonie!" quälte Asta. „Nichts da, es wird hier geblieben!" gebot Herr von Schönholz. „Ich muß jetzt ausgehen. Setz' Dich dort zu Mama auf den Schemel, flunkere ihr etwas vor und vertreibe ihr die Zeit bis zu meiner Rückkehr!" Er schmunzelte dabei und nickte seiner Frau geheimnißvoll zu, und Frau von Schönholz lächelte vergnügt in sich hinein und blickte überlegen und halb mitleidig auf Asta. Sie betrachtete sich mit großer Aufmerksamkeit ihre Hände und schob den Trauring am Finger auf und ab bis zum Gelenk. „Ich bin recht mager geworden; der Ring sitzt sehr lose," bemerkte sie, aber mit einer vergnügten Miene. Es schien ihr dies eine recht angenehme Entdeckung zu sein. Asta schüttelte den Kopf. Es war nicht Alles ganz richtig; es mußte irgend etwas im Werke fein, eine lieber- rafchung, von der die Mama wußte und welche sie schlau genug war, für sich zu behalten. Eine Weile darauf — Asta hatte gegrübelt und vergebens versucht, die Mama auszuholen, — kehrte Herr von Schönholz zurück. „Hab' ich doch richtig mein Taschentuch im Salon liegen lassen!" brummte er verdrießlich. „Du holst es mir wohl!" (Fortsetzung folgt.) Ms Wirkt das Briesmarkensammeln in der Familie erziehlich oder verdirbt es den Character? Das ist eine Frage, die von Verschiedenen verschieden beantwortet werden wird- Es wird gesagt, daß die Jugend da» durch zu geographischen Kenntnissen gelangt. Meiner Erfahrung nach sind die durch den Briefmarkensport erworbenen Kennt« nisie in Geographie ziemlich oberflächlicher Art. Ich stellte Nachforschung an in Bezug aus Argentinien, deffen Marken in der letzten Zeit „gefragt" waren, und erfuhr bei dieser Ge« legenheit, daß man eigentlich nur den Namen des Landes kannte. Von seiner Lage, seiner Bodenbeschaffenheit, seinem Klima, seiner Bewohnerschaft, feiner so sehr intereffanten Fauna und Flora, wie von seinen nicht ganz geordneten Finanzen wußte man so gut wie gar nichts. Ebenso verhielt es sich in Bezug auf verschiedene andere Staatengebtlde der alten und neuen Welt. Nun, es ist ja von Nutzen, auch nur die Namen der verschiedenen Länder kennen zu lernen. Diese aber prägt sich der junge Sammler leichter aus seinem Briefmarkenalbum ein als aus dem Handbuch der Geographie. Nach und nach fetzt sich doch bei ihm fest, was für Länder es in den verschiedenen Welttheilen gibt und er erhält vor allem, was für ihn nur von Nutzen fein kann, einen Begriff von der ungeheueren Ausbreitung und Macht des Britenvolkes. Uebrigens führt der Briefmarkensport leicht auch zu einer oberflächlichen und einseitigen Anschauung politischer Ereignisse. Wird irgendwo eine Regierung gestürzt, so begrüßt man das stets mit Freude, weil man hofft, daß die neue Regierung neue Briefmarken einführen wird. Darüber nachzudenken, ob die Ver« änderung der politischen Verhältnisse dem Lande, in dem sie stattgefunden hat, zum Fluche oder zum Segen gereichen wird, fällt dem eifrigen Sammler gar nicht ein. Den Sturz wie die Erhebung eines Tyrannen betrachtet er nur vom Sammeler« standpunkt aus. Das ist aber doch ein Standpunkt, den der zukünftige Staatsbürger, auch wenn er noch in der Quarta sitzt, nicht mehr einnehmen sollte. Es ist wahr, daß in Briefmarken viel Geld angelegt wird, das sonst für Näschereien draufgehen würde. Das Markensammeln ist daher vielleicht in sanitärer Beziehung von günstigem Einfluß. Eine Masse Geld wandert fortwährend zum Briefmarkenhändler, der vornehmlich durch die Schuljugend zum wohlhabendem Mann gemacht wird. Ich möchte wissen, wie groß in der letzten Zeit der Umsatz in den neuen Columbusmarken, „die Jeder haben muß", gewesen ist. Alles, was neuerdings von guten Onkeln und Tanten zu Geburtstagen oder sonst an Nickel und Silber gespendet ward, wurde zur Anschaffung dieser kleinen, allerdings recht niedlichen Werthpapiere verwendet. Ich bewundere fast unsere Jungen. In meiner Jugendzeit waren wir nicht so, wenn ich mich recht erinnere. Für Sammlungen hatten wir nicht viel übrig. Wir hätten nicht um einer Briefmarke willen auf alle Genüsse, die man sich sonst für einen Silbergroschen verschaffen konnte, verzichtet. Ich gebe zu, daß das Briefmarkensammeln den Verstand schärft. Der Markenhandel ist ein Geschäft wie Pferde- und Weinhandel: man muß dabei sehr vorsichtig sein, sonst bekommt man Neudrucke in sein Album oder sonstige werthlose Waare. Es liegt aber im Markensammeln eine große Gefahr für den Character wie in allem Sammeln, wenn es zur Leidenschaft geworden ist. Bekannt ist ja, daß eine kleine Muschel, die ihm gerade noch fehlt, eine seltene Pflanze, die er lange schon zu besitzen wünscht, bei einem Sammler den festesten Vorsatz, immer Treu und Redlichkeit zu üben, ins Schwanken bringen kann- Und nur zu leicht macht sich im Briefmarkenverkehr eine schlechte Geschäftspraxis geltend. Zu nicht geringem Theil beruht das Markensammeln auf dem Tauschgeschäft und beim Tauschen sucht selbst unter Verwandten und Freunden einer de« andern gern zu überoortheilen. Das führt mitunter zu kleinen Zerwürfnissen. Da kommt Lottchen z. B- seelenvergnügt angesprungen und sagt: „Ich habe meine Chocolade an Fritz gegen Belgier (so sagt man in Sammlerkreisen) ver-i tauscht". Also Lottchen klebt ihre Marken ein und Fritz ißt die Chocolade auf: nach einer Welle wird Lottchen nachdenklich und niedergeschlagen. Auf die Frage, was ihr fehle, erwidert sie: „Chocolade schmeckt doch zu gut — und dann . . ." „Und dann?" — „Und dann — wer weiß, ob Belgier wirklich so selten sind, wie Fritz gesagt hat". Vermischtes. Der geprellte Dieb. Kellner: „Ach, Herr Müller, es ist etwas Schreckliches passirt, ein Dieb hat Ihren Ueber- zieher vom Kleiderhaken gestohlen". Stud. Müller: „Schad't nichts, den krieg' ich schon wieder, der Dieb wird ihn jedenfalls versetzen wolle«, jeder Pfandleiher in der Stadt weiß, daß er der meinige ist l" • Der kleine Hans: „Weißt Du, Mama, das ist recht komisch, wie Schwester Adelheid und Alfred Keck, wenn er bei uns zu Besuch ist, Limonade machen I" — Mama: „So? Wie machen sie denn das?" — Der kleine Hans: „Schwester Adelheid drückt die Citrone und Alfred Keck drückt Schwester Adelheid." ♦ Neuestes aus Amerika. Ein amerikanischer Farmer, der einer Kuh statt des gewöhnlichen Futters eine Zeit lang Malz und Hopfen zu fressen gab, sah seine Bemühungen end« sich mit Erfolg belohnt, indem die Kuh Bier anstatt Milch gab. Die Entdeckung hat unter amerikanischen Bierbrauern einen allgemeinen Schrecken hervorgerusen, der sich bald auch nach Europa verbreiten wird. Denn offenbar sind die Bierbrauer dieser Concurrenz nicht gewachsen, und sobald einmal die Wirthshausschilder „Bier frisch von der Kuh" an- kündigen, wird es mit ihnen vorbei sein. Der Wirth hat in Zukunft statt des Schanktisches mit der Pumpe nur einen sauberen Kuhstall hinter der Gaststube einzurichten, das Bier ist unter allen Umständen frisch, Nachtwächter und die schlimme Saison, in der es kein Lagerbier gibt, sind vorüber. Wer probirt's? ♦ Kaltblütig. „Warum riechen Sie denn so oft an der Wurscht?" — Gast: „Weil sie schlecht riecht!" — „Na, da sollten Sie aber erscht recht nicht daran riechen!" ♦ .♦ • Bestätigt. Sonntagsreiter: „Und wie der Gaul parkt, solltest Du sehen; er steht wie eine Mauer!" — Freund: „Ich hab'« diesen Morgen gesehen; er stand ja fast eine halbe Stnnde so!" * * Hoston- Hofmarschall: „Wie fanden Sie Seine Hoheit?" — Medicinalrath: „In hohem Grade nervös." — Hof« marschall: „Bitte, in Allerhöchstem Grade." • ♦ ♦ Auf dem Balle. Erster Lieutenant: „Haben sehr heiß, Kamerad! Tanzt denn Ihre Dame so schwer?" — Zweiter Lieutenant: „Furchtbar! Man glaubt, sie schleppe ihre ganze Kaution in Nickeln mit sich herum!" ♦ * ♦ Heroismus. Sie: „Lieber Karl, bevor wir heiratheten, hast Du oft gewünscht, eine Heldenthat zu begehen, um mir Deine Liebe zu beweisen! Denkst Du noch so?" — „Natürlich!" — Sie: „Nun, dann geh' in die Küche und kundige unserer Köchin!" Nedaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.