Dienstag, den 6. Ium. 1808. Nr. 65 H -^9—W- Unterhaltungrblatt zuin Giehenev Anzeigev (GKneval-Anzeiger) Verschlungene Pfade. Roman von Max Hochberg. (Fortsetzung). Langsam ging sie vorauf; Werner folgte ihr betreten. Sie hatte den Eingang zum Saal fast erreicht, da hielt sie plötzlich an und kehrte sich halb nach ihm um. Ihr schien etwas einzufallen. „Einen guten Rath noch, Herr Werner," unsägliche Verachtung vibrirte in ihrer Stimme, „sollte je wieder eine Dame wehr« und machtlos Ihrem Schutze über» lassen sein, so treten Sie die Gesetze der Ritterlichkeit nicht mit Füßen!" Der Maler war zurückgetaumelt, als hätte ihm Jemand einen Schlag in's Gesicht versetzt. Er lehnte schwer gegen die Brüstung der Gallerte, unfähig, ein Wort der Entschuldigung hervorzubringen. Seine Zähne faßten die Unterlippe, daß das Blut daraus hervorsprang. Seine Hände ballten sich vor Wuth und Ingrimm und seine Nägel gruben sich in's Fleisch der inneren Handfläche. Der Zorn schüttelte ihn wie ein Krampf. Warum hatte er sich auch von seinem raschen Blute hinreißen lassen! Die Saalthür wurde von drinnen aus geöffnet. Oberst Strehlen erschien auf der Schwelle. „Endlich, meine Gnädigste, habe ich das Glück, Sie zu finden!" rief er, sichtlich hoch erfreut. „Haben Sie mich im Ernst gesucht, Herr Oberst? Das wäre mir sehr schmeichelhaft," entgegnete Leonore. Werner glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. — Sie hatte Strehlens Arm genommen. Das Ltchtmeer des Kronleuchters fiel jetzt voll auf die hohe königliche Gestalt. Ihr Gesicht war geisterhaft bleich, ein irres Lächeln umspielte den kleinen, halboffenen, üppigen Mund, ihre Augen schienen übergroß und wie sie jetzt noch einmal den Blick in's Dunkel zurückwandte, nach der Richtung hin, wo er sich befand, flammte ein berückendes, dämonisches Aufleuchten in ihnen. „Loreley," murmelten seine brennenden Lippen. Noch brauste es ihm vor den Ohren und seine Pulse jagten. Er mußte sich besinnen, ob das Erlebte Wahrheit gewesen oder ob er nur geträumt. — Die kalte Nachtluft that ihm wohl, er wurde allmälig ruhiger und versank in ein finsteres Brüten. Die rauschende Tanzmusik hatte sich längst wieder erhoben. Er wußte es nicht, er dachte nur an das stolze Mädchen, das er beleidigt und dem er heute nicht wieder vor Augen kommen durste. Daß sich für ihn im Herzen der auf ihn wartenden kleinen Asta ein Gewitter zusammenzog, war ihm sehr gleich« giltig. Wie lange er so zugebracht hatte, wußte er nicht. Ein Frösteln überlief ihn und das Gefühl der Kälte führte ihn zur Gegenwart zurück. Er konnte unmöglich länger hier auf der Gallerie bleiben. Sollte er sich wieder unter die Tanzenden mischen? — Nein, es war schon das Gescheidteste, er empfahl sich auf französisch; man kannte ihn ja zur Genüge und wußte, er pflegte sich nicht streng an die Etikette zu binden. — Zu Hause angelangt, warf er sich auf die Chaiselongue. Er mochte sein Lager nicht aufsuchen; Schlaf hätte er doch nicht gefunden. Aufstöhnend fuhr er sich mit beiden Händen durch's Haar, sich auf's Neue die Scene auf der Gallerie vergegenwärtigend. Jahre seines Lebens hätte er darum gegeben, hätte er dafür das Geschehene ungeschehen machen können. „Sie verachtet Dich," sagte er sich in ohnmächtiger Selbstquälerei. „Sie stellt Dich diesem Malten vielleicht gleich, den sie durch das weinanimirte Geplauder seiner Kameraden erst kennen gelernt hat. Erst heute hat sie ihn verloren! An jenem Tage in der Ausstellung damals, ich durchschaue jetzt Alles klar, hatte sie ihn freigegeben, aus Edelmuth auf ihn Verzicht geleistet; aber sie glaubte an ihn und hielt sich für geliebt. Erst heute ist sie elend geworden: ihr Ideal sank in Trümmer! — Die Saiten»ihrer Seele zerrissen — das war ihr Lachen! — „Nein, sie soll mich nicht verachten!" rief er aufspringend, von einem raschen Entschluß durchdrungen. „Ich werde zu ihr gehen, ihr vorstellen, erklären — nein, ich werde ihr schreiben, ihr rückhaltlos mein Herz darlegen. Ich selbst werde für den Fehler jenes Augenblicks Strafe über mich verhängen, die härteste Strafe, die ich ersinnen kann. Ich werde ihr schreiben, daß ich mein Vergehen büßen will, indem ich auf lange ihr Antlitz meide. Ich will sie nicht eher wieder sehen, als bis sie mir ein Zeichen ihrer Verzeihung zu Theil werden läßt!" 4 4 4 Novembersturm brauste. Heulend fegte der Wind durch den schwarzen Marmorkamin des ehemaligen Schloßsaales. Er blies in das Feuer, daß die Flammen hoch aufflackerten und die warmen rothen Lichter auf dem alten parquettirten Fußboden tanzend ihr Spiel trieben. Seine Glanzzeit war längst vorüber. Wer sollte ihn jetzt bahnen? Frau Huhn, die alte Kastellanin? — Für ihre morschen Kniee und Arme war das keine Arbeit mehr- Ueberdies hatte Herr Werner den Fuß- boden nicht grau und schlecht gefunden, und der mußte es doch verstehen. Sie legte noch ein paar Scheite zur Gluth und wischte den Staub zum dritten Mal vom Sims. „Wo er nur heute so lange bleibt?" sprach sie für sich. - 258 Meister, die dort hingen. Drei derselben war Werner vom Fürsten beauftragt, zu copiren, das Starnitzer Schloß, den Lieblingsaufenthalt der fürstlichen Familie seit fast einem Jahrhundert, eine kleine, romantisch gelegene Burg und eine prachtvolle Waldpartie im Heinrichsholz. Die Bilder waren für die , ——— — * - ; . x „ 3W «Uietai», dl« «6et*te@W«r d«, Mtftm, Mm so!" Ein Seufzer bet Erleichterung hob ihre Bruch , ,™, «... ■■■«• -----; • s .. . . gnJ erschrocken habe! Das glauben Sie mir gewiß denn er weiß, ich kann ihn nicht leiden, ich habe ihn sogar nickt Herr Werner Sie nehmen stch schon für gewöhnlich neulich erst zum Besten gehabt, hätte ich die Wand abreiben mit der^getünchten Wand nicht viel, aber heute — himmlische ' den Raden nickt ae- Güte — die Augen — nein, die liegen Ihnen so tief im Erzählen Sie mir doch ein Bischen, wer Alles mit war. Ich kenne ja die gefammten Herrschaften oder vielmehr dis Eltern und Großeltern von ihnen sehr genau. Er ist recht traurig, wenn man nicht fort kann; man stumpft für Alles ab. Die Braut interessirt mich weniger! Für die aus dem Haufe Schön- holz habe ich keine Anhänglichkeit, das gnädige Fräulein aus- genommen, Ihre Schülerin," verbesierte sie sich eiligst, „die scheint sehr leutselig und liebenswürdig zu sein. Ach, da fällt mir ein, nein, man wird auch von Tag zu Tag vergeßlicher — seien Sie mir nur nicht böse darum, bester Herr Werner, weil ich erst jetzt daran denke und ihn nicht gleich abgegeben können und die Rosa-Atlassenen hätten den Boden nicht geschleift! Sie wissen wohl gar nicht, wie unsterblich lächerlich rch mich Ihretwegen gemacht habe? Was müssen Mechthild von Hagedorn und Annette von Toffsky von mir denken? — Denen habe ich so viel von Ihnen vorgeschwärmt und Sie, schlechter Mensch, haben stch gar nicht um mich gekümmert! Bitterbitter- bftterböse bin ich und Stunden nehme ich mit dem heutigen Tage nicht mehr! Ich will Sie nicht mehr sehen und bin mcht zu Hause für Sie, falls Sie sich entschuldigen wollten. Des- bestimmt. , ,, Seit mehreren Monaten hatte sich der Maler hier häuslich niedergelassen. Sämmtliche Räumlichkeiten waren ihm zur Verfügung gestellt und man hatte ihm gestattet, auch von anderen Blldern — es gab deren sehr interessante und werthvolle darunter — Copieen zu nehmen. Die ganze Etage stand unbenutzt. Der Castellanin Zimmer lagen im Seitenflügel; das Erdgeschoß des früheren Palais wurde von dem Vorstand der Stiftung, Geheimrath Sperlmg, bewohnt. Hinter dem Schloß befand sich ein herrlicher, langausgedehnter Garten, dessen Längenseiten von kleinen Häusern eingefaßt waren, welche zur Stiftung gehörten und zum Asyl für alte, unterstützungsbedürftige Leute bestimmt waren. Prinzessin Aurelie, die Wittwe des Prinzen Georg, hatte der Stadt ihre wohlthätige Einrichtung als bleibendes Andenken hinterlassen. Frau Huhn horchte auf. Unten ging die Hausthür, ohne daß zuvor die Klingel getönt hatte. Entweder war es Einer von Geheimraths, der kam, oder Herr Werner, der gleichfalls einen Schlüssel besaß. Ein schwerer Gang näherte sich langsam der Treppe. Das war nicht Werners Schritt. Aber der Jemand kam nach oben, mithin mußte er es doch sein. Frau Huhn hatte schon die Hoffnung aufgegeben, heute ihren Liebling noch zu sehen. Voll Freude eilte sie nach der Thür, ihm zu öffnen, und prallte entsetzt zurück bei seinem Anblick. „Allmächtiger Vater im Himmel!" rief sie. „Wie sehen Sie denn aus, Herr Werner. Sie sind krank? Was fehlt Ihnen?" „Nichts, liebe Frau Huhn," sagte er beschwichtigend, „ein Bischenk übernächtig, hat nichts auf sich, von der Malten schen Kopfe!" * Die Anschaulichkeit, mit der sie ihren Worten Nachdruck verlieh — sie hatte zwischen Daumen und Zeigefinger wenig- stens sünf Centimeter Länge angedeutet — entlockte ihm ein schwaches Lächeln. „Arbeiten Sie lieber heute nicht, schlafen Sie sich aus," redete sie ihm mit mütterlicher Zärtlichkeit zu. „Wenn man so aussieht, ist es Einem wüst im Kopf, und dann thut man am besten, sich aus's Ohr zu legen." Der Maler hatte abgelegt, stellte sich zum Feuer und rieb stch die klammen Hände. „Sie haben Recht, Mama Huhn, wie immer! Offen gestanden, ich habe auch heute verwünscht wenig Lust zum Handwerk. Aber mir würde etwas gefehlt haben, wenn ich nicht hsrgegangen wäre und ein wenig mit Ihnen geplaudert hätte." „Mir auch," versetzte die Alte geschmeichelt und über die runzligen Züge flog es wie Sonnenschein. Sie strich wohlgefällig mit der Hand über die seidene Schürze, welche ste Herrn Werner zu Ehren tagtäglich trug; früher war sie nur aus dem Schrank genommen worden, wenn Höchsts Herrschaften das Schloß besichtigten. Rührung feuchtete ihre Augen. „Sehen Sie, lieber Herr Werner, ich habe mich in der kurzen Zeit an Sie gewöhnt, wie an einen langjährigen Hausgenossen. Es will freilich Keiner etwas davon hören, daß unsereins auch ein Herz hat und doch schlägt es oft treuer und wärmer, als das der Vornehmen!" Der Maler nickte. „Ja, Mama Huhn, warmes Mitgefühl ist ein seltsames Kraut. Im Thals wächst es noch am häufigsten; auf der Höhe gedeiht es schwer." Frau Huhn hüstelte verlegen, sie hatte etwas auf dem Herzen. „Lieber Herr Werner," fing sie zögernd an, „Sie werden es mir doch auch nicht übel nehmen? Sie wissen ja, alte Leute sind neugierig und hören gern etwas, weil sie nicht $ Sie war zur Staffelei getrippelt, nahm vom Rande der- selben ein viereckiges Briefchen und reichte es ihm. Ein Edelweiß zierte die Querlinie des schrägen Umschlags. Dre kleinen krausen Buchstaben verriethen dem Maler, von wem es kam. „Mein sehr verehrter böser Herr und Meister," schrieb Asta, „jetzt ist'« aus! Das Tischtuch ist zwischen uns zerschnitten, wie es in dem einen Roman, ich weiß nicht mehr in welchem, stand. Das war zu viel gestern, das halte eine Andere aus! Ich habe geweint, mit dem Fuß gestampft und meine niedliche Meißner Taffe, Sie kennen sie, die mit den drei Beinchen, so unsanft auf den Tisch gesetzt, daß sie in Stucke ging, rch hätte mich beinahe zu einem Kniesall vor Mama erniedngt, oben- drein in Ernas Gegenwart, und das Alles nur, um Sie auf der Hochzeit zum Herrn zu haben und nicht den kleinen Lieutenant von Götz mit seinen kleinen verschmitzten Augen, der Einen immer ansieht, als habe er eben eine Dummheit ausgefreffen (ist nicht salonfähig, aber gut deutsch) und freue sich auf den Augenblick, wo man dahinter kommen werde, und nun — was habe ich nur gleich schreiben wollen? — Richtig, zum Lohn» für alle diese ausgestandenen Seenen und Aergernisse bin ich den ganzen Abend sür Sie nicht vorhanden gewesen, und wenn sich Herr Götz nicht meiner erbarmt hätte, großmüthigerweise, Seitdem ihre Schwestertochter von hier weg geheirathet, hatte sie keinen Menschen mehr, mit dem sie sich unterhalten konnte, da war ihr das laute Denken zur Angewohnheit geworden. „Er wird sich freuen, es hier so warm und gemüthlich zu finden bei der unfreundlichen Witterung und dem grauen Novemberhimmel. Er hat freilich keine Augen dafür. Hätte er fich sonst nicht das grüne Zimmer zum Malen ausgesucht? Seine sieben Sachen und das Starnitzer Schloß wären bald hinübergeschafft I Nein, er muß sich hier in dem alten Reitstall einquartieren!" Sie liebte den Bildersaal des einstigen Palais nicht, weil sich manche unheimliche Sage an ihn knüpfte. Sie fand, der Wind pfiff nirgends so schauerlich, als durch den riesigen, altfränkischen, schwarzen Marmorkamin, der ihr wie der glühende Rachen eines Ungeheuers vorkam, zumal seitdem der Saal zum Atelier eingerichtet war und von drei der großen, nach Süden gehenden Fenster die schweren rothdamastenen Vorhänge zugezogen blieben. Roth waren sie freilich gewesen! Die strahlende Farbe war verblichen und in einen gelblichbraunen Ton übergegangen, doch über die Haltbarkeit der Fäden hatten weder Sonne noch Zeit Macht gehabt, so wenig wie über die Ledertapete der Wände und die Bilder der alten ~ 259 - halb der Brief! Mit aller Ihnen gebührenden Gleichgiltigkeit bin ich Ihre Asta von Schönholz." Das „Ihre" war durch drei dicke Tintenstriche nachträglich zurückgenommen. Auch da in Ungnade gefallen! Er faltete den Bogen langsam zusammen, um ihn in's Couvert zurückzustecken, besann sich aber eines Andern und las das Droh- und Zornschreiben nochmals durch. Seine düstere Miene erhellte sich dabei. „Warte nur, mein lieber, kleiner Querkopf, Dich will ich schon zähmen," murmelte er halblaut. „Du sollst Deinen Willen haben! Ich werde es mir nicht einfallen kaffen, zur Stunde zu erscheinen, wenn Du keinen Unterricht mehr nehmen willst. Nun wollen wir einmal sehen, wer von uns den dicksten Schädel hat und es am längsten aushält!" Die Castellanin war wieder eingetreten. Sie hatte das Zimmer verlassen gehabt, nachdem sie ihm den Bief überreicht hatte. „Eine kleine Herzstärkung, Sie dürfen es nicht ausschlagen," bat sie, ein altmodisches Präsentirbrett mit Flasche und Glas hinstellend. „Das ist ganz alter Wein, Hochzeitswein, Herr Werner. Gerade solch' ein häßlicher Novembertag war's damals, stürmisch und kalt wie heute." „Mama Huhn, zum Trinken gehören wenigstens Zwei, ist Ihnen das nicht bekannt?" schalt der Maler. Nach längerem Sträuben mit der hartnäckigen Einwendung, sie könne in ihren alten Tagen keinen mehr vertragen, holte sie noch ein zweites Glas. Der Maler hatte ihr einen der hochbeinigen Lehnstühle zum Feuer gerückt und sie nahm darauf Platz, obgleich sie fand, es sei wider allen Respect, daß sie sich setze, während Herr Werner stände. „Ja, ja," nahm sie ihren Gedankengang von vorher auf, „von dem Wein ist auf Prinz Georgs Hochzeit getrunken worden. Mein Mann, er war Kammerdiener bei dem Prinzen und zu der Zeit noch mein Bräutigam, brachte mir ein paar Flaschen davon- Ich verwahrte sie für unsere eigene Hochzeit. Die wurde uns dann von der guten hochseligen Prinzessin ausgerüstet und der Wein, den ich für diesen Zweck aufgehoben hatte, blieb stehen. Diese Flasche und noch eine habe ich bis heute gehalten. Ein halbes Jahrhundert ist fast seit 'jenem Hochzettsabend in's Land gegangen und es werden sich nur noch wenige Leute des Prinzen Georg erinnern können- Es ging lustig zu auf dem großen Schloß bei seiner Vermählung. Sie wurde womöglich noch großartiger gefeiert, als die des Erbprinzen, der sich drei Jahre früher verheirathet hatte. Fürst Friedrich war bemüht gewesen, Alles aufzubieten, um seinen zweiten Sohn auszuzeichnen. Dennoch schaute der Bräutigam nicht lustig drein und für seine Braut, die liebe, sanfte Prinzessin Aurelie, hatte er keine Augen. Ich war kurz zuvor durch Martin auf Prinz Georgs Fürsprache als Hausmädchen auf's große Schloß gekommen. Ich lief nach der Gallerte, wo die fürstliche Capelle spielte. Von dort aus konnte man Alles überblicken. Wunderschön sah sie aus, die rothe Com- teffe, wie sie ihrer Haarfarbe wegen von den Leuten genannt wurde, mit den langen Hängelocken, die jugendschöne Braut des alten, dürren Kammerherrn, des Grafen Feldern. Sie überstrahlte Alle, trotzdem sie bis in die Lippen hinein blaß war- Kalt und verächtlich blickte sie, nur zuweilen flammte es in ihren Augen auf. Ich hatte bald weg, weshalb; es geschah, s? oft Prinz Georgs Blick dem ihren begegnete. Man raunte sich zu, die Beiden hätten sich lieb gehabt, das Hoffräulein und der Prinz. Der Prinz sei festen Willens gewesen, sich mit ihr zu vermählen. Der Fürst hätte jedoch dem Bunde seine Einwilligung versagt; darüber habe es einen furchtbaren Auftritt zwischen Vater und Sohn gegeben. Kurze Zeit danach sei der Vater der Comtesse auf's Schloß befohlen worden. Der Fürst soll mit ihm eine lange Unterredung gehabt haben. Genug, ^ags darauf war die rothe Comtesse die Braut des Kammerherrn, der über Nacht den Grafentitel erhalten. Herr von Feldern war ein ehrgeiziger Mann. Die Gunst des Hofes ging rhm über Wissen und Gewissen. Dem Alter nach hätte or der Großvater der Verlobten sein können. Nun betrieb Fürst Friedrich in größter Eile die Vermählung seines Sohnes nut der Prinzessin Aurelie. Vier Wochen später sollte die Hochzeit der Comtesse stattfinden. Man munkelte viel unter der Dienerschaft und in der Stadt. Die Einen wußten dies höchst genau, die Andern jenes. Es hieß, Fürst Friedrich habe nicht wegen des Rangunterschiedes seine Einwilligung verweigert, sondern aus ganz anderen Gründen. Er habe die Comtesse seinem Sohn nicht gegönnt und sie lieber dem unterwürfigen, alten Feldern angeschmiedet, weil — ja, man sagt eben Mancherlei. — So viel steht fest, Segen hat der erzwungene Bund Keinem gebracht! - Martin gestand mir später, ihm sei schier grauslich zu Muthe gewesen, wie er in jener Nacht hier im großen Saale die Ankunft der Neuvermähl« ten erwarten mußte. Die Lichter hätten im Windzug unstät geflackert und im Augenblick, als der Galawagen vor das Portal gerollt sei, habe der Sturm aufgeheult und das Feuer gezankt. Prinz Georg, so erzählte mir Martin, habe die Prim zessin in ihre Gemächer geführt und ihm geheißen, im grünen Zimmer auf ihn zu warten. Er hat nicht lange zu warten brauchen; der Prinz war im Nu zurück. „Farce," lachte er, „diese Vermählung, die in Wahrheit nie vollzogen wird! Ueber« morgen reisen wir, Martin, es bleibt dabei! Die Vorberei- tungen dazu sind doch im Stillen alle getroffen? Ich verlaffe mich auf Dich, wie auf mich selber!" Ja, das ist wahr, er hielt große Stücke auf Martin. Mein Mann hat ihm auch dafür abgöttisch angehangen, der wäre für ihn durch Feuer und Waffer gegangen! Darauf hat der Prinz meinem Martin die Weisung ertheilt, bei der letzten Seitenpforte am linken Ende der Gartenmauer — Sie wissen, Herr Werner, die mit den Eisenstäben über der Thür — auf eine verschleierte Dame zu harren. Die solle er, ohne ein Wort zu sprechen, durch den dunklen Buchengang den Garten hindurchführen, über den kleinen Corridor zum großen Saal. Martin hat sich den Kopf zerbrochen, wer es sein möchte; denn an die stolze Comtesse dachte er nicht, Liebe aber kommt über den Stolz, das sollte er erfahren. Der Zufall war ihm günstig. Im Augenblick, da die hohe Gestalt in der Thür an ihm vorüberschritt, wirbelte ein Windstoß den dichten, schwarzen Schleier in die Höhe und obwohl sie sofort nach rückwärts griff und ihn anzog, hatte er doch an dem prachtvollen, leuchtenden Haar die Comteffe erkannt. Martin hat sich in dieser Nacht gar nicht schlafen gelegt. Er stand am Corridorfenster und schaute aus, ob Alles sicher sei. Gegen vier Uhr Morgens sah er dann den Prinzen, der die Dame über den Hof und den Garten geleitete und nach einer halben Stunde erst denselben Weg zurückkam. Den zweiten Tag darauf hatte Prinz Georg zu Aller Erstaunen den väterlichen Hof und seine arme junge Frau verlassen. Er war nach dem Süden unterwegs und mein Martin Begleitete ihn. Der schrieb mir, sein Prinz sei wie ausgewechselt; früher wäre er der lustigste Cavalier gewesen, jetzt streifte er tagelang einsam durch's Gebirge. In Rom erkrankte der Prinz plötzlich; ein tückisches Nervenfieber erfaßte ihn. Martin hat ihn treu- lich gepflegt und die besten Aerzte standen um sein Lager. Alles vergebens! Der schönste, liebenswürdigste und beliebteste der drei Prinzen des fürstlichen Hauses mußte im fremden Lande sterben. Dort ruhen seine Gebeine. Sein Vater ließ ihm ein pomphaftes Mausoleum erbauen. — Die nunmehrige Gräfin Feldern, sie war schon acht Monate vermählt, als die traurige Nachricht hier eintraf, sank auf's Krankenlager und genas eines Mädchens. Fremde mußten es aufziehen, denn feine Mutter starb wenige Tage darauf, nachdem sie dem Kinde das Leben geschenkt. Sie soll ihre volle Besinnung gehabt und gewußt haben, daß sie sterben müsse und soll darüber unendlich glücklich gewesen sein. Sie hat ihn sehr geliebt, das arme, junge Blut! Martin und ich, wir haben den Tag wie die Kinder bei einander gesessen und geschluchzt über all' den Jammer! — Prinzessin Aurelie führte ein einsames Leben hier auf dem Schlosse. Sie war eine gute, edle Frau, Gott habe sie selig, sie wäre des besten Glückes werth gewesen! Meinem Martin verlieh sie einen einträglichen Posten, damit er mich heimführen konnte, und weil ich ihr gefiel, gab sie mir die Oberaufsicht über Alles. Ich habe sie dankbar verehrt, die 260 Vermischtes Gemeinnütziges sind ihre Confumenten »leistens gewichtige Leute. Was ist traurig? Wenn ein Rechtsanwalt auf die I" Kirschenbrod. Die Kirschen werden entsteint und ohne Zucker eingekocht. Nachdem die Masse dick genug geworden, Kirschauflauf. */< Pfund Weißbrod ohne Kruste wird in Milch geweicht und über Feuer abgerührt. Dann rührt man ein Ei dick Butter zu Sahne, gibt 9 Eidotter, etwas ge- stoßene Mandeln, Citronenschale, 2—5 Löffel Zucker, 500 Gr. ausgesteinte Kirschen hinzu und läßt es backen. Kleine Kirschenkuchen. Vr Liter Milch wird mit einem Stück Butter stedend gemacht, dann so viel seines Mehl darein gerührt, daß es wie Brei ist, und über dem Feuer glatt geschafft. Dann gibt man in einer Schüffel 9 Eier nebst einer Hand voll gestoßenem Zuck dazu; nun bindet man fünf bis sechs schwarze Kirschen zusammen, tunkt die Büschelchen m den Teig und bäckt sie in heißem Fett schön gelb und bestreut sie mit Zucker und Zimmt. * , Dicker Kirschenkuchen. Milch mit etwas Butter wird gekocht, dann so viel Grieß hineingethan, daß es einen Teig gibt. Wenn derselbe glatt ist, stellt man ihn zum Er- kalten hin, rührt dann einige Eidotter hinem und die abgestiel- ten Kirschen, zuletzt den Schnee, und bäckt den Kuchen bei guter Hitze im Ösen. bewahrt werden kann, ohne zu verderben. Der Geschmack ist ein ganz vorzüglicher. Der Zweck dieser Art der Obstverwerthung hochselige Prinzessin, sie war ein Engel an Güte. Hätte sie BÄ8 I d-t PA-b-E-g. Feldern zugeschrieben, statt ihn einer Stiftung zu vermachen. ' — Jetzt habe ich Ihnen, den ich erst seit Monaten kenne, Alles ausgeplaudert, was kein Mensch sonst von mir erfahren hätte. Als ob es bei Ihnen nicht gut aufgehoben wäre! — Nun erzählen Sie mir aber auch von dem Enkelkind der rothen Comteffe, Leonore von Malten meine ich. Sie hat das reiche Haar ihrer Großmutter, nur daß es bei ihr in's Goldblonde fällt, und denselben schlanken und doch üppigen Wuchs. Und dem Prinzen Georg sieht sie merkwürdig ähnlich, besonders von der Seite. Die vornehmen Züge und die großen Augen hat sie von ihm. Warten Sie eine Minute I Sie sollen selber urtheilen! Ich besitze ein Pastellbild Prinz Georgs aus seiner Jünglingszeit. Er ist vielleicht siebzehn Jahre alt gewesen, als es angefertigt wurde; darauf ist feine Aehnlichkeit nut Fräulein von Malten geradezu auffallend. Verdeckt man den altmodischen Anzug mit der Hand, könnte man sich einbilden, es sei das Porträt des gnädigen Fräuleins. Martin brachte es von Italien mit. Er hatte es aus der Hinterlassenschaft des Prinzen über Seite gelegt, das Bild und ein Medaillon, um es der Gräfin Feldern zuzustellen. Er hat es ihr nicht mehr überbringen können." (Fortsetzung folgt.) Redactton: A. Scheyda. - Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Der Pater mathematicus. Professor: „Ich möchte einen Anzug für meinen Sohn!" Commis: „Haben der Professor den jungen Herrn mitgebracht?' Professor: „In der That, daran habe ich nicht gedacht! Nun, wissen Sie, nehmen Sie die Cubtkwurzel aus mir, dann wird s herauskommen!" k Gastronomische Aphorismen. (Nachdruck ver- boten.) Trotzdem Herz und Magen gemeinsam die Welt regieren, vertragen sie sich doch selten miteinander. Ein Magen- pfieger hat meistens nicht viel Herz und ein Warmherziger pflegt nicht viel auf den Magen zu geben. — Die wohl- schmeckendste Martinsgans ist die mit Martinizinsen garnir e. - Der Börsier gehört zu den Scheerenthieren. Damm ist auch der Hummer sein Liebling. — Der kostbarste Theil des Zur Gurkencnltur. Die aufgelaufenen Pflänzchen müssen, wenn es nicht regnet, fast jeden Abend begossen und -Nr-«ÜrrSHZ IS-ZZUZM-MZ d-bmch Wirt, d« der ®.be ---W-t. Ä» « wÄchm Ä Zahl bet • , n , , rv . , fnenbirten Sektflaschen. Ein Aristokrat des Geistes mit der- Kirschenklötze. Ein Pfund ausgesteinte Kirschen wird N"d"r schuldig gebliebenen. - Der Wein ist der beste ohne Wasser mit Zucker, Citronenschale uni'Nelken langsam Mgenbrecher, ein seines Diner der beste Zungenlöser. Daher weichgekocht. Etwas abgekuhlt, gibt man ein kleines Stuck ße^e ^el Schuldenmachern und Diplomaten eine große Butter, vier Eier und ein geriebenes Weißbrod dazu, formt W _ giujlent sind das gesuchteste Gericht, aber nur kleine Klöße davon und läßt sie 5—10 Minuten kochen. • cnben auf ihrem Tisch. — Der Krebs geht rück- Schaumsauce dazu. roärts Die Erfindung der Krebssuppe war aber unstreitig * r, ein Fortschritt. — Das Krebsen ist eine der angenehmsten und Kirschen in Dunst einznmachen. Die Kirschen qerü"beaen Beschäftigungen an der Tafel, aber nicht im Buchwerden abgepflückt und in Gläser gefüllt. In irdes Glas gibt gQ'nbe(. __ Gar Mancher frühstückt auf Credit in der Austern- man zwei Eßlöffel Zucker, schließt die Gläser luftdicht, um- ber ni$t weiß, wie er ein Abendessen in der Kneipe be- wickelt sie mit Stroh, stellt sie vorsichtig, daß die Glaser einan- ^en soll. — „Selber essen macht fett", ist der goldene Wahl- der nicht berühren, in den Wasserkessel, feuert so lange, bis ? * - ber Neuzeit. — Die Auster ist eine Molluske, die im das Wasser kocht, läßt die Kirschen dann ruhig bann erkalten A » fast noch schwerer wie im Geldbeutel liegt- Daher und stellt sie an einen kühlen, luftigen Ort. ihre Consumenten meistens gewichtige Leute. füllt man sie in Formin und läßt sie bis zum vollständigen JBa» if traut iajffl« Erhärten eintrocknen. Dies dauert sehr lange. Jedoch ist die Frage. „Wie geht es Ihnen? erwidert. „Ich Masse nachher so widerstandsfähig, daß sie überall frei auf- klagen! ____ G N "e Thrc sich i Behu Mali Rühl glauk länge sich r gema zugeb ihm es ih mäch! Sie Mit das feiner hervo für t in fe Ton, ihre Ehrei wahr aus i Dam einmc sie ki ersten macht und l ander