Nr. 53 ------H—Gvs---T----ff—E. 1----------2ze>----lS-^-—■*■—zr-S—w'~~ e>-> Untephalttrngsblatt 311m Gietzener* Anzeiger (General-Anzeiger) M Samstag, den 6. Mai. Liebe um Liebe. Novelle von Carl Cassau. (Fortsetzung). Um Mittag erreichten die Reisenden Venedig und nahmen im Hotel San Marco Quartier. Alexandrine hatte Venedig noch nie gesehen. Wie staunte sie über die Lagunenstadt! Lothar war in krankhafter Ausregung, er ließ Alexandrine gar nicht zur Ruhe kommen; von einem Ausfluge ging es zum andern, von einer Sehenswürdigkeit zur anderen, bis sie endlich erklärte, sie könne nicht weiter. Nach dem Souper, welches einsilbig verlief, schlug Lothar einen anderen Ton an. „Alexandrine," sagte er weich, aber fest, „so geht es nicht fort, ich reibe mich auf und bin des Todes. Höre mich! — Ich bin kein tragischer Character, sondern ein einfacher, gerader Mann, der nicht zu heucheln versteht. Alexandrine, ich habe bereit» seit mehreren Jahren zu Dir wie zu einem Engel aufgeblickt, ich liebe Dich noch heute in derselben Weise, aber Du — Du hast mir nicht Dein ganzes Herz geschenkt! In Deiner Seele lebt noch das Bild eines anderen Mannes, jenes Guido von Gilzingen —" „Lothar," schrie sie nun, „Du hast die Briefe gelesen? Es war Unrecht von Dir!" „Ein böser Zufall warf sie mir zum zweiten Male in den Weg. Als Dein Gatte hatte ich das Recht und sogar die Pflicht. Ich sah nur einige Tropfen von dem Gift, welches jene Briefe enthielten. Doch genug, ich warf sie in's Meer!" „Wo sie auch am besten ruhen," entgegnete Alexandrine bitter. „Und Du denkst nicht mehr an ihn? Antworte mir wie vor Gottes Angesicht, Alexandrine, vor Gott, der den Meineid straft!" Sie schlug die Augen nieder. Seine Stimme klang umflort, als er wieder das Wort nahm: „Alexandrine, ich will Dich nicht halb, ich will Dich ganz besitzen. Dort sind Deine Zimmer, hier die meinigen! Eine» Tage», wenn sein Bild in Deiner Seele erloschen, poche an diese Thür und rufe: Lothar, ich bin da; hier hast Du mich ganz! — Dann werde ich Dir öffnen und Dich in meine Arme schließen. Gute Nacht!" Er ergriff den Leuchter und verschwand im Gemache nebenan. Lange stand sie starr und regungslos wie das Steinblld der Niobe da, dann griff sie nach dem Herzen und schritt finster in ihr Gemach. Ruhelos wanderte sie auf und ab; dumpf schlugen die Glocken auf San Marco zwölf Uhr und fiebernde Gedanken quälten ihr Haupt. Sie wollte ihm Alles gestehen, sich vor ihm beugen, ihm sagen, daß sie den Elenden vergessen wolle, der ihre Jugend benutzt, sich geschickt in ihr Herz zu schleichen, daß sie ihn vielleicht gar nicht geliebt. Im weißen Nachtkleide schritt Alexandrine durch das Vorzimmer, zagend nahte sie sich der Thür. Sie klopfte leise, Niemand antwortete; sie öffnete leise Lothars Zimmer — es war leer; sein Bett stand unangerührt. Da stieß sie einen entsetzlichen Schrei aus und fiel schwerfällig zu Boden. Als Alexandrine erwachte, fand sie sich im Bette wieder und daneben eine junge Dame, welche sich ihr in gebrochenem Deutsch als Camilla, ihre neugeworbene Zofe und Pflegerin, zu erkennen gab. Und da stand auch Lothar neben einem fremden Herrn. Es war der Arzt. Als sie sprechen wollte, winkte ihr Lothar freundlich wie immer zu: „Nicht jetzt, nicht jetzt, theure Alexandrine, Du bist schwer krank. Ruhe, Schlaf und Arznei werden Dir hoffentlich bald Deine Gesundheit wiedergeben. Ich wache über Dich, schlafe!" Sie schloß wie ein gehorsames Kind die Augen und schlief wieder ein. Als sie nach heftigen Fieberträumen, in denen sie ost Lothars Blld zu erblicken vermeinte, wieder zu sich kam, saß neben ihrem Bette — die Mama und Camilla, ihre Zofe, ging geschäftig hin und her. Bald erschien auch Lothar. > Er schien ihr schöner, vornehmer, edler als sonst. Herzlich beglückwünschte er die Genesende zu einem neuen Leben, dann überließ er den Platz am Bette wieder der Mutter. Noch brach die Eisrinde um Alexandrinens Herz nicht; sie schwieg beharrlich, aber die kluge Frau sah sogleich, wie hier die Sachen standen. In einer vertraulichen Stunde gestand Alexandrine dem Mutterherzen Alles. „Es war eine Sünde von mir," bekannte sie nun, „em schweres Unrecht, daß ich ihm die Hand zum ewigen Bun^ mit halbem Herzen reichte, während in der anderen Hälfte noch der Verräther Guido saß!" ,, r., r „Du wirst ihn vergessen und Lothar gewiß lieben lernen; er ist ein edler, ein sehr edler Mann. O, wenn ich reden dürste, Alexandrine! Wenn ich Dir sagen könnte, rote hochherzig, wie edel Lothar ist!" „Was willst Du mir verheimlichen, Mama?" „Ach nicht»!" „ r , Frau von Eppinger seufzte schwer auf und ern anderes Thema ward angeschlagen. — 210 und was am Fenster. „Sie erzählt ihre Geschichte, Excellenza, nennt ihre Wohnung!" berichtete dann die Zofe. „Sie wollen über das Weitere ein anderes Mal sprechen I" übersetzte Camilla getreu. Die Blumenverkäuferin nahm dann ihren Knaben bei der Hand, ergriff ihren Korb und verschwand schnell im Gewühl der Passanten- Frau von Eppinger fand heute ihren Schwiegersohn bei Tisch aufgeräumter denn je, er scherzte und lachte und schloß endlich das Tischgespräch mit den Worten: „Was meinst Du, Alexandrine, wenn wir übermorgen an die Abreise nach unserm lieben Wien dächten? Ich glaube, Du bist jetzt gekräftigt genug, und meine Arbeit ist hier bis auf die Entzifferung der Inschrift eines Triumphbogens gethan?" Alexandrine nickte nur flüchtig. Was ging in ihr vor ? Immer mußte sie wieder an die schöne Blumenverkäuferin denken und dabei war ihr zu Sinn gerade wie in dem Augenblicke, als ihr Gilzingen abschrieb. Sie blieb den ganzen Tag verstimmt und nachdenklich. In der Nacht erhob sie sich zitternd von ihrem Lager- Ihre Mutter schlief fest an ihrer Seite- Leise durchschritt sie das Gemach und war schon der Thür nahe, die sie von ihrem Gatten trennte, als sie gegen ein Fußbänkchen stieß. Die Mutter Während dieser Zeit spielte sich eines Tages bei Doctor Löwe eine andere Scene ab. . Der Redacteur hatte mit seiner Frau Beate eine Heute, komfortable Wohnung in der Belletage eines schönen Hauses der Sternstraße in Wien inne- Ziemlich früh des Morgens, es war im Juni, trat dort der Lieutenant Victor von Eppinger ein und fand Beate allein. Ihr Gatte war schon nach dem Redactionsbureau gegangen. Beate empfing den Cousin herzlich. „Der Tausend, Victor," scherzte sie, „das rst einmal eine Ehre. Seit zwei Monaten hast Du uns Deinen Anblick nicht gegonn^chmolle Cousine," entschuldigte er sich, „der leidige Dienst! Ich bin von den Märschen noch ganz ange« rtriffpn V1 „In der That, Du siehst nicht wohl aus, Cousin!" Er murmelte etwas in den Schnurrbart und ging unruhig aus und ab. „Wo ist Dein Mann?" fragte er dann nach einer Pause. „Er ist schon auf dem Bureau." „Ich möchte ihn gern sprechen!" „So gehe zu ihm; Du weißt ja das Redactions-Bureau. Er schwieg und fing dann wieder an: „Allerdings! Aber liebe Beate, Dein Mann ist zuweilen sehr streng; ich möchte lieber über die Sache mit Dir sprechen!" „Mit mir?" „Ja, Cousine. Ich habe — gestern — gespielt — und - Unglück gehabt!" „O weh!" | „Ich habe zweitausend Gulden Ehrenschulden!' erwachte und fragte: „Alexandrine, geliebtes Kind, hat Dich die böse Krankheit so verstört, daß Du gar nachtwandelst?" Schweigend und seufzend kehrte sie um, doch netzte sie diese Nacht die Kissen ihres Bettes mit ihren Thränen. Fast heimlich, noch ganz frühe des andern Tages trat Lothar bei der Blumenverkäuferin in eine ärmliche Wohnung in unmittelbarer Nachbarschaft einer klassischen Ruine. „Sic transit gloria mundi 1“ (So vergeht der Ruhm der Welt!) murmelte er und trat ein. Vor der Thür der Wohnung hörte er schweigend die ganze Geschichte der Aermsteu. — Ein Deutscher hatte Fioretta bethört und dann sitzen lassen. Die junge Frau beschrieb den Verführer so genau, daß Lothar ausrief: „Guido von Gilzingen!" „Signor!" fuhr da die Italienerin auf. „Das ist der Name- Ich konnte die harten Laute nicht behalten, Signor! Taufend Dank und möge die Mutter Gottes Euch segnen. Ja, er ist der Vater meines Carlo!" „Und Ihr wißt nicht, wo er wohnt?" „Nein, Excellenza I" „Ich will es Euch sagen: Er lebt in Wien. — Könnt Ihr lesen, Fioretta?" „Ja, Signor!" „ p, Er riß ein Blatt aus seinem Notizbuch. „Hier ist seine Adresse!" , . Ä Lothar zog einen Beutel voll Gold hervor und sagt»: „Hier sind tausend Lire in Gold, Gold gilt überall- Zieht nach Wien, sucht ihn auf, zwingt ihn, Euch Wort zu halten. Seid Ihr in Wien, so schreibt mir, aber sucht mich nicht persönlich auf!" „Ich werde es so machen!" entgegnete die Italienerin- „Auf Euren Brief werde ich zu Euch kommen, Fioretta, und dann zahle ich Euch die gleiche Summe wie heute!" „O, Excellenza ist ein Engel!" rief die arme Person. Er lächelte und meinte: „So hoch versteige ich mich nicht- Adieu!" Als er ging, murmelte er leise vor sich hin: „Nun, Guido von Gilzingen, jetzt kann der Kampf um ihre Liebe beginnen. Du oder ich!" ,, _ lt. ... Tags darauf reiste Lothar mit feiner Gattin und feiner Schwiegermutter heimwärts. Langsam genaß Alexandrine. Lothar widmete ihr jede i Stunde, die er nicht am Arbeitstische zubrachte. Dann miethete er ein Boot und bald saßen alle drei in der Gondel und ath- meten die köstliche Seeluft ein. Bald blühten die Rosen wieder auf Alexandrinens Wangen und die Reise konnte fortgesetzt werden. Man zog durch Italien und kam endlich auch nach der Siebenhügelstadt Rom. Lothar miethete eine Privatwohnung an einem freien Platze, die sehr bequem und comfortabel eingerichtet war. Die Wunder der einstigen Weltmetropole fesselten Geist und Sinne der Rei- senden, ihre Augen schwelgten in der Schönheit der Antike, ihre Brust athmete höhere Lebenslust. Lothar machte des Morgens Studien zu einem Roman aus der Kaiserzeit, während Frau von Eppinger und Alexandrine dann das Zimmer hüteten. Eines Tages kehrte Hiller früher als gewöhnlich aus den Museen und Ruinen der ewigen Roma zurück. Dicht vor dem geöffneten Fenster, an dem Alexandrine und ihre Mutter saßen, hatte sich auf der offenen Straße eine junge Frau placirt, eine echte Italienerin, die für den Typus weiblicher, landesüblicher Schönheit gelten durfte. Sie war ärmlich, aber rein und sauber gekleidet und neben ihr stand ein Knabe von etwa vier Jahren von fast idealer Schönheit. Die Frau bot Blumensträußchen aus. Die Straße führte nach dem Corso und ein ununterbrochener Menschenstrom zog hier gegen Mittag vorbei. Jene Frau war unermüdlich, den Vorübergehenden ihre Blumen anzubieten: „Sträußchen, Ihr Herren, nicht theuer!" Camilla, Alexandrinens Zofe, batte diesen oft wiederholten Ausruf der Blumenverkäuferin aus der italienischen Sprache längst übersetzen müssen. Jetzt kam Lothar daher- Er war augenscheinlich in tiefe Gedanken versunken; aus diesen rissen ihn aber die melodischen Ausrufe der jungen Frau. Er verstand den Ausruf sofort, denn er sprach das Italienische fast vollständig. „Mutter, ich habe Hunger und Durst!" rief das Kind der Blumenverkäuferin dazwischen. Lothar seufzte mitleidig und zog die Börse. Alexandrine sah Gold in feiner Hand blitzen und bei der Frau verschwinden. Ein Stich ging ihr durch's Herz. War es Eifersucht? Lange und schnell sprachen Lothar und die Italienerin mit einander und Alexandrine verstand nur die Namen Fioretta Carlo. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen. „Camilla," rief sie, „komme schnell, übersetze mir 'mal, mein Gatte mit der schönen Blumenhändlerin spricht!" „Wohl, Excellenza!" antwortete die Zofe und sie horchte 211 »Das ist schlimm, sehr schlimm, Victor!" rief Beate er- schcocken. „Nun war ich schon bei Spaldingen und Compagnon, Mama» Bankier. Sie waren sehr höflich, aber ohne Mamas Unterschrift wollen sie mir kein Geld geben." „Kein Geld geben! — Das war vorauszusehen, Victor!" entgegnete Beate kühl. „Leider! Ich habe auch sonst überall vergeblich angeklopft." „Und nun willst Du das Geld von meinem Manne. — Ich weiß nicht, Victor, ob Franz die Summe geben kann. — Aber sagen will ich es ihm. Komme um zwölf Uhr wieder." Er ließ den Kopf hängen. „Wenn ich bis zwei Uhr nicht zahle, bleibt mir nichts übrig, als die Kugel!" Er brachte die letzte Erwiderung stoßweise, dumpf hervor. „Um Gottes willen, um aller Heiligen willen! Franz wird Dir das Geld geben, nur kein Selbstmord. Hörst Du, komme wieder, Victor, Du sollst es haben!" Er dankte hochaufathmend und ging. Doctor Löwe kam wohlgemuth heim. Beate war ein allerliebstes Weibchen und Löwe der glücklichste Ehemann. Natürlich wußte Beate durch ihn von dem Ende des Oheims, darum hatte sie jetzt auch so entsetzliche Angst um Victor und brachte bei ihrem Gatten die Geschichte so gut als möglich an. Löwe sagte kein Wort, brummte aber zuletzt: „Art läßt nicht von Art! — Ob Lothar mit Alexandrine so glücklich ist? Seine Briefe sind so trübe! — Na, mit dem Victor will ich selbst mal ein Wort reden!" Als Victor erschien, ging Löwe mit ihm auf sein Zimmer und lud ihn freundlich ein, Platz zu nehmen. Stillschweigend zählte er dann zweitausend Gulden von semen Ersparnissen in lauter Fünfzigguldenscheinen auf den Tisch, deutete dahin und meinte: „Dort ist das Geld, Victor, um das Sie Beate gebeten. Nun hören Sie aber eine kurze Geschichte!" Victor horchte verwundert. „Es war einmal ein BankdirectorI" begann Doctor Löwe. „Mein Vater!" rief Victor erblassend. „Er galt für reich, aber er war es nicht; er hatte speculirt und sich vollständig ruinirt!" „Mein Vater?" rief der Offizier abermals erblassend. „Da ward plötzlich eine Kassenrevision gemeldet. Nach einem kaum beendigten großen Feste, welches er gegeben, schoß er sich eine Kugel durch das Herz. Die Welt weiß es nicht, glaubt vielmehr, daß er am Herzschlage verstorben!" „Gottlob, Sie sprechen nicht von meinem Vater!" murmelte jetzt Victor. „Ein Brief, den der Unglückliche hinterließ, klärte Alles auf: es war ein Kassendefect von fünfmalhunderttausend Gulden vorhanden." „Teufel!" schrie jetzt der junge Mann empört. „Ein edler Mann, ein Freund des Hauses, deckte das Deficit, er hielt den Namen des Tobten rein von Schmach, deckte mit seinem eigenen (Selbe Alles und rettete so die Ehre des Hauses!" fuhr Doctor Löwe fort. „Aber um Gotteswillen, Cousin, von wem reden Sie denn?". „Wollen Sie nun wissen, wer es ist, von dem ich spreche?" „Ja, aber —" „Der Retter ist Doctor Lothar Hiller, der Gatte Ihrer Schwester, und der Unglückliche —" „Mein Vater?" »Ja, Ihr Vater, Victor!" Der junge Mann fiel wie gebrochen auf einen Stuhl; leise stöhnte er auf; dann weinte er wie ein Kind und rief: «Mei» Vater ein Dieb, ein Selbstmörder? O schreckliches Loos!" Jetzt legte Doctor Löwe die Hand auf Victors Schultern und sagte: „Das ist nun vorbei! Sie werden nie darüber sprechen, auch gegen Lothar nicht, — Sie werden aber auch nicht mehr spielen, Victor?" „Nie und nimmer! — Und das Geld, Cousin, das Geld, wer ersetzt es dem Schwager?" „Wer? — Niemand!" "Barmherziger Gott!" rief Victor schaudernd. „Eine halbe Million hat Hiller für uns geopfert!" Er gelobte nochmals heilig Besserung und stürzte fort. Als Doctor Löwe wieder zu Beaten kam, küßte er sie zärtlich und sagte: „So, meine Kleine, der ist curirt für immer; die Lectton war nur etwas zu traurig, aber ich konnte sie dem Leichtfuß nicht vorenthalten!" „Aber wir mußten ihm doch helfen!" „Natürlich, sein Vater hat Dir Gutes gethan, also war es unsere Pflicht, Victor zu helfen." Denselben Abend meldete eine Depesche die Heimkehr der Familie Hiller dem Löwe'schen Ehepaare an. Endlich war der freudige Tag der Ankunft Hillers da. Frau von Eppinger bezog ihre Wohnung wieder, das junge Paar aber fuhr nach Hillershausen hinaus, wo es die Diener- schäft festlich empfing. Als die beiden Ehegatten dort allein waren, machte Lothar ein ernstes Gesicht und begann: „Alexandrine, in der Fremde hat die Vermittelung der Mama Manches möglich gemacht, was hier unmöglich ist. Laß uns offen sein: ich bin der Alte gegen Dich, aber Du kannst es noch nicht vergessen, daß ich es war, der diesen — Elenden von Dir gerissen. Es bleibt bei dem, was ich Dir in Venedig sagte. Dort sind Deine Zimmer! Hier sind die meinigen! Thue, was Du willst, nur bedenke, daß Du meinen Namen trägst!" Seine Stimme zitterte, als Alexandrine mit gesenkten Blicken kein Wort der Erwiderung fand. Fast schien er ein solches zu erwarten, aber wenn er ihr den Tod gedroht, sie hätte jetzt nicht reden, nicht gestehen können, daß sie schon in Venedig vor seiner Thür um seine Liebe gebettelt, in Rom bereit gewesen war, ihre Thorheit zu gestehen. Er war leise hinausgegangen, ebenso leise kehrte er zurück und legte ihr ein Portefeuille mit zweitausend Gulden auf den Tisch. „Dein Nadelgeld, Alexandrine:" sagte Hiller. „Bedarfst Du mehr, so habe die Güte, es mir zu sagen. — Noch Eins! Ich möchte nicht bei Dir int falschen Verdachte stehen: In jener Nacht zu Venedig, wo ich Dich krank an der Erde fand, war ich in den Canal hinausgefahren, um das heiße Blut zu kühlen." „O Lothar!" entgegnete sie, im Begriff, ihm Alles, Alles zu sagen, aber der Stolz fesselte ihre Zunge. Seufzend ging Lothar auf sein Zimmer. (Fortsetzung folgt.) Der gefährliche Kandwerksbursche. Humoreske von R. Zenner. (Schluß.) „Hu, hu!" ertönte es plötzlich an der Seite des Bauern mit einer schrillen Stimme und erschrocken wandte er sich jetzt dem neben ihm sitzenden Handwerksburschen zu. Aber entsetzt fuhr Schwuppke zurück, so daß ihm fast die Zügel aus der Hand gefallen wären, als er feinen Fahrgast anblickte, denn derselbe schnitt eine gräuliche Fratze, rollte grimmig die Augen und fletschte förmlich die Zähne, welche sich bei dieser Gelegenheit als sehr kräftig entwickelt erwiesen. „Um Gotteswillen, Mensch, was habt Ihr denn?" rief Schwuppke aus, angstvoll auf seinen Begleiter starrend. „Nichts, nichts", erwiderte der Angeredete mit dumpfer Stimme, streckte aber die Zunge heraus, stieß dann wiederum ein markerschütterndes: „Hu, hu!" aus und schnappte mit den Zähnen ganz richtig nach der großen Nase des Fuhrwerksbesitzers, so daß derselbe aufs Neu'e ganz entsetzt zurückfuhr, während die blühende Röthe seines Gesichts vor Schreck in ein fahles Bleich umMug. - „Seid Ihr denn verrückt?" keuchte Schwuppke, indem ihm fdjier der Angstschweiß auf die Stirn trat. „Verrückt?" lautete die Gegenfrage des unheimlichen Reife- - 212 - Gefährten, welcher hierbei wiederum die fürchterlichsten Fratzen ^Erst lange nachher traf Schwuppke, von dem Gewitterregen ganz durchnäßt, in der Kümmelhainer Schänke em wo er zu seiner großen Beruhigung erfuhr, daß fein Geschirr von einem Handwerksburschen richtig übergeben worden ft;. Als Schwuppke nun aber sein Erlebniß mit dem Mgen Menschen erzählte und seine Freude ausdrückte, den Klauen der offenbar tollwüthig gewordenen Burschen noch glücklich entronnen zu sein, da ging dem Wirthe ein Licht auf. Lachend berichtete er dem verdutzt aufhorchenden Bauer, was ihm der „gefährliche Handwerksbursche" für ein Märchen aufgebunden hätte und wie sich derselbe auf Rechnung Schwuppke's gütlich gethan und aus dessen Conto auch noch einen Fünfziger als Zehrgeld auf den Weg empfangen habe. Schwuppke begann jetzt zu fluchen und zu wettern, besonders, als jetzt der Wirth in allem ®rnfte die Bezahlung der von dem listigen Felleisenbruder gemachten Zeche und die Rückerstattung der halben Mark verlangte; aber alles Toben half unserem Bauern nichts und da er es nut dem Wirthe von der Kümmelhainer Schänke nicht verderben wollte, so bezahlte er schließlich, wenn auch unter großem Lamento. Nachdem Schwuppke sich mit trockenen Kleidern aus der Gar» derobe des Wirthes versehen und sich mit einem Cognak gestärkt hatte, verließ er mit seinem Geschirr Kümmelham und fuhr seinem Heimathsdorfe zu, unterwegs sich aber grimmig gAobend, nimmermehr wieder einen Handwerksburschen oder sonst einen Fremden auf seinem Wagen mitzunehmen. den Wirthe: „ „ _x , „Ach so, bald hätte ich es vergeßen: Herr Schwuppke läßt Sie bitten, mir auf seine Rechnung etwas Esten und Trinken zu verabreichen und mir außerdem Äs Zehrgeld einen Fünfziger zu geben, er hatte zufällig gar kein Kleingeld bei sich. „Wa—aas?" entgegnete der Wirth und sah den Fremden halb verwundert, halb mißtrauisch an, „wie käme denn Schwuppke, dieser alte Geizkragen, plötzlich zu einer solchen Spendirlaune? Da muß doch etwas ganz besonderes vorgefallen jein?" „Ist es auch", meinte der Andere, mit dem Kopfe nickend, Vermischtes. Höchste Loyalität. Fürst (auf der Durchreise, zur Deputation eines Landstädtchens): „Ihr habt ja stets treu zu Eurem Fürsten gehalten!" - Bürger (begeistert): „Ja, dar dürfen Hoheit glauben! Sie sollten nur einmal an hochdero Geburts- und Namensfest hier fein, was es da für Räusch gibt!" Redaction: A. Scheyda. - Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen, so heiß ist und ein Gewitter am Himmel steht, wie heute. \ Und das kommt daher, mein lieber Herr", — und der unheimliche Fahrgast rückte ganz dicht an den unglückseligen Schwuppke heran — „daß ich vor einiger Zeit von einem tollen Hunde gebißen worden bin, die Bißstelle wurde nur zwar damals ausgebrannt, doch —" ~ , Weiter kam der sonderbare Mensch mit seinen Darlegungen nicht, denn mit einem einzigen Riesensatze, den man der behäbigen Figur Schwuppke's gar nicht hätte „zutrauen sollen, war der entsetzte Bauer, ohne die geringste Ruckstcht auf seine Gliedmaßen zu nehmen, zum Wagen hinausgesprungen und birect in ein sich dicht an der Landstraße hinstreckendes Kornfeld gestürzt. Dort duckte sich Schwuppke, an allen Gliedern zitternd, nieder, damit ihn der schreckliche Mensch nicht sehen könne, aber der Handwerksbursche hatte das i Manövtt des Bauern sehr wohl bemerkt und rief wie besesien, das Gesicht dem Versteck Schwuppke's zukehrend und auf's Neue die witthendsten Grimaffen machend: „Hu, hu, hau — Han — hau — hau! Zugleich stellte er sich, als ob er ebenfalls aussteigen und dem Bauer nacheilen wollte und das war demselben denn doch zu viel. Mit einem Angstruf erhob er sich wieder und flisihtete, ohne auch nur einen Blick hinter sich zu werfen, mit Sätzen wie ein angeschosiener Hirsch einem nahen Tannengehölz zu, in dessen Dunkel er verschwand. Der „Tolle' aber lachte, ergriff die Zügel und fuhr in lustigem Trabe dem nicht mehr fernen Kümmelhain zu, wo er mit dem Geschirr vor der am andern Ende des Dorfes gelegenen Schänke, die im Grunde jedoch em ganz ansehnliches, ländliches Wirthshaus war, hielt. Die Pferde standen kaum, als der Besitzer der Schänke aus dem Hause trat, erstaunt erst die Pserde und den Wagen, dann den Führer musterte und nun ausrief: „Alle Wetter, das ist ja Schwuppke s Geschirr aus Kips» heim - wie kommen Sie denn dazu, bei Schwuppke den Kutscher zu machen und wo steckt denn der Bauer selber. „Hm", erwiderte der Handwerksbursche ohne Zögern, indem er sein Felleisen nahm und von dem als Kutschbock dienenden lederüberzogenen Gestelle in der vorderen Hälfte des Wagens herunterkletterte, „Herr Schwuppke war so freundlich, mich aus seiner Fahrt nach Hause unterwegs aufzunehmen. Im Dorfe hier ist er in eines der ersten Güter hineingegangen, wo er nach feiner Erklärung Geschäfte hatte, ich sollte unterdeffen den Wagen bis zur Schänke weiterfahren." „Ach fo", meinte der Wirth, der keck irnprovisirten Erzählung des jungen Menfchen ohne Weiteres Glauben schenkend, „Schwuppke erzählte mir neulich, er wolle einmal mit dem Stoffelbauer Über ein Stück Feld verhandeln, welches der Stoffelbauer in Kipsheimer Flur besitzt und verkaufen will, vielleicht, daß Schwuppke heute das Geschäft machen möchte. Aber jetzt wollen wir rasch die Gäule ausspannen", fugte er hinzu, „wir werden gleich einen tüchtigen Guß kriegen " In der That fielen schon die ersten schweren Tropfen des schon längst drohenden Unwetters und kaum waren mit Hilfe des herbeigerufenen Knechtes die Pferde Schwuppke's im Stalle geborgen, als das Gewitter unter heftigem Regengüsse losbrach. Der Handwerksbursche sah durch das Fenster der Wrrthsstube eine Weile in den strömenden Regen hinaus, dann drehte er sich herum und sagte zu dem am Schänktisch herumhantiren- gesäyrten, wercyer gietuti wicvcmui uw I ."xer,^e.rr ^^B^isft^ffTn^bfe^erften greift macht; er pfiff vor Vergnügen immer vor sich hin." „Ja, dann wundert's mich freilich nicht, daß Schwuppke ausnahmsweise so freigebig ist", sagte der Wirth überzeugt, „ich will Ihnen gleich etwas hereinbesorgen." Er verschwand aus dem Zimmer, um bald darauf mit einer tüchtigen Portion Butter, Brot, Käse und Wurst zurückzukehren und das für einen hungrigen Handwerksburschen recht annehmbare Souper vor dem Fremden niederzufetzen. Dieser griff denn auch wacker zu und ließ sich das Vorgesetzte trefflich schmecken, während er zugleich aus dem ihm vom Wirthe noch gebrachten Glase frischen Lagerbieres von Zeit zu Zett emen tüchtigen Schluck nahm. Merkwürdig rasch wurden die Teller leer und nachdem der junge Mann auch das Bierglas bis aus die Nagelprobe ausgetrunken hatte, erhob er sich und sagte, einen Blick durch das Fenster werfend: „So, Herr Wirth, das wäre besorgt, und da, wie ich sehe, das Gewitter sich wieder verzieht, so will ich mich wieder auf die Strümpfe machen, um noch möglichst zeitig nach föouen«1 berg zu kommen. Vielleicht haben Sie nun auch die Gute und zahlen mir im Namen des Herrn Schwuppke die fünfzig Pfennige ans; daß ich sie sehr wohl gebrauchen kann, brauche ich gewiß nicht extra zu versichern." Der Wirth lächelte und nahm ans seiner rechten Westentasche einen silbernen Fünfziger, ihn dem Fremden reichend. Dieser empsing das Geldstück, machte einen dankenden Kratzfuß und nahm hierauf sein Felleisen an sich, um dann mit den Worten: „Adje, Herr Wirth, bitte, mich Herrn Schwuppke zu em- pfehlen und ihm meinen besten Dank auszunchten, die Stube zu verlaßen. Draußen schlug Freund Urian die Richtung nach Hollenberg ein und war, ein fröhliches Liedchen vor sich hm- trällernd, den Blicken des ihm nachschauenden Wirthes bald