Nnterhaltrrngsblatt $um Gietzenev Anzeigev (Gensval-Anzeigep) 1803, Nr. 40 I"' [r?w8^ ii. r ■■ ng :/rr^+’s;.- M M Donnerstag, den 6. April. Tante Hannas Geheimniß. Original-Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung). Doctor Peters setzte seine Brille auf und übersah, einen Schritt vom Fenster entfernt, das Terrain. Er schüttelte hohnvoll lächelnd den Kopf, blickte dann noch einmal hin und lachte laut auf. „Das ist ja der leibhaftige Marschall Vorwärts!" brummte er, der Mamsell, welche mit leichenblassem Gestcht unverwandt hinstarrte, die Hand auf die Schulter legend. „Hätt's von der aber doch nicht gedacht! — Da kenne Einer die Weiber aus. — Na, gesagt hab' ich's dem armen Kerl, dem Marbach, schon damals, als er so um Pfingsten herum angekommen war, aber geglaubt hab' ich's im Innern doch nicht. Was soll man dazu sagen, Mamsell Evers, alte Liebe scheint bei Euch Frauen nie einzurosten und ob sie diesen nimmt oder einen Anderen, bleibt sich am Ende gleich." „Nein, nein, Herr Doctor, das bleibt sich nicht gleich," schluchzte die Wirtschafterin, „ich kann ihr diese Schwäche, welche das Unglück ihres Lebens sein wird, nie vergeben. Dieser Mensch, der sie damals vor zehn Jahren dem Gespötts preisgab —" „Ach Unsinn, sie hat die Heirath mit der Anderen damals ja selbst bei den Alten durchgesetzt," fiel der Doctor ärgerlich ein. „Weil sie ein solch' Herze und grundgütiges Wesen ist. Ich weiß es beffer, was sie gelitten hat über die beiden falschen Geschöpfe. Und wenn ich's nun ansehen muß, wie sie blindlings in ihr Unglück hineinrennt, und sich von diesem gleisnerischen Juvas —" „Na, na, so schlimm wird er nicht sein, obwohl ich keine Sympathie für ihn habe und meine Hochachtung für Fräulein Holten bedeutend schwindet." „Ach, liebster Herr Doctor, wenn Tante Hanna gesund und ihr zur Seite wäre, könnte es nicht geschehen. Sie würde ihm den Sieg schon aus der Hand winden." „Ja, das ist ein Unglück, meine Liebe! Ich wollte dem Fräulein eigentlich mittheilen, daß unsere Hanna morgen am Kopf operirt werden soll. Unter diesen Umständen wird sie wenig Jnteresie augenblicklich dafür haben, also wollen wir es ihr verschweigen." „Gewiß, ich mag Tante Hannas Namen nicht in Gegenwart dieses Menschen aussprechen," sprach die Mamsell, mit der geballten Hand gegen das Fenster drohend, „sie konnte ihn nicht aurstehen. — Aber, Herr Doctor, ist die Operation sehr gefährlich? — Wenn sie nun daran stirbt?" „Das müffen wir wie bei jeder anderen Operation ris- kiren, so ist sie auch nur lebendig tobt Na, Mamsell Evers, ich will die Rückkehr des erlauchten Paares lieber nicht abwarten, sondern gleich abfahren," setzte er spottend hinzu. „Gott befohlen, meine Beste!" Er schüttelte ihr die Hand und verließ die Stube, während Mamsell Evers rasch sich die Siyen wusch, um die Spur der Thränen zu vertilgen. Es Halts sich in der That ein seltsames Verhältniß zwischen der jungen Gutsherrin und ihrem einstigen Verlobten gebildet, seitdem das schreckliche Ereigniß im Hohlwege vor ihren Augen sich zugetragen und sie sich in einem krankhaft gesteigerten Wahn die indirecte Schuld daran zugemessen hatte, mindestens insofern es den Tod der kleinen Lotta betraf. Während ihrer Krankheit war Steindorf sofort in Eden- Heim erschienen, was auch ein Jeder wegen des Begräbnisses seines Kindes für selbstverständlich hatte halten müffen. Daß der junge Herr indessen auch nach demselben aus dem Gute erschien und bei Kleinem anfing, den Gebieter herauszukehren, ja, sich sogar in der Nähe einquartierte, um stets bei der Hand zu sein, die Interessen der erkranten Gutsherrin wahrzunehmen, das erfüllte nicht nur den Verwalter und die Mamfell Evers, sondern alle Untergebenen des Gutes mit stillem Groll, obgleich es Niemand wagte, ihm offen entgegenzutreten. Wußte man es doch nicht genau, wie Fräulein Holten mit ihm stand und ob er nicht im Geheimen schon mit ihr verlobt war. Wenn Mamsell Evers ihm trotz alledem häufig genug ihr unverhohlenes Erstaunen über seine Anwesenheit und seine unbefugte Einmischung kund gegeben hatte, so mußte sie sich doch im Innern sagen, daß dieser Mann unmöglich so auftreten könnte, wenn Fräulein Armgard ihm nicht in irgend einer Weise das Recht dazu gegeben hätte. Und doch irrte sie sich hierin, wie nur wiffen; Steindorf handelte einzig nach einem bestimmten Plan und setzte in richtiger Erkenntniß des weiblichen Charakters mit voller Bestimmtheit den Schluß voraus, daß Armgard Holten ihn trotz alledem und alledem noch immer liebte und es nur eines kühnen Zugreifens von seiner Seite bedürfe, um sie die Seine zu nennen. Warum wäre sie denn sonst nach ihrem ersten Zusammentreffen am Rhein vor ihm geflohen? Sie kannte ihre Schwäche und schämte sich derselben. Steindorf folgte ihr deshalb auf dem Fuße, um das heiße Eisen sofort zu schmieden. Er war freilich ein eingefleischter Egoist, hatte aber seine Kleine zärtlich geliebt, weshalb der Schmerz um den grausamen Tod auch sicherlich ein aufrichtiger war. Aber da sie doch nun einmal 158 nicht wieder in's Leben zurückzurufen war, so wollte er ans ihrem Tode auch für sich den größtmöglichsten Vortheil ziehen und Armgards Seelenzustand so rasch als möglich zu verwerthen suchen. Er war ein Mann der That, der nicht lange zu er« wägen und zu bedenken pflegte und dem auch in dieser Sache der Zufall trefflich zu Hilfe kam, indem derselbe die seinen Plänen wirklich gefährliche Tante Hanna, die einzige, welche Einfluß auf Armgard Holten besaß, des Denkvermögens beraubt hatte. Von der bevorstehenden Operation derselben hatte er noch gar nichts vernommen, da Doctor Peters ihm so viel als möglich aus dem Wege ging und er auch meistens sich in Edenheim, wo man ebenfalls nichts davon erfuhr, aufhielt. Als der alte Arzt heute aus dem Stubenfenster der Mamsell Evers blickte, sah er Julius Steindorf mit der Gutsherrin Arm in Arm langsam dem Parke zuwandeln. Steindorf beugte sich zu ihr nieder und schien in eindringlichster Weise mit ihr zu reden. Armgard ging gesenkten Hauptes wie ein willenloses Opferlamm neben ihm, bis sie hinter den Bäumen des Parks verschwunden waren. Wie war es dem glatten, in allen Künsten der Ueberredung geschulten Steindorf so rasch gelungen, ein solches Mäochen wie Armgard Holten trotz der ihn schwer anklagenden Vergangenheit auf's Neue für sich zu gewinnen. Seit einigen Tagen erst hatte sie das Krankenzimmer mit den Wohnräumen wieder vertauscht und die Pflegerin entlassen, weil der Arzt sie für hinreichend genesen erklärte, um sich auf kurze Zeit der frischen und sonnigen Lust schon zu erfreuen. Jetzt lieb sich auch Steindorf sogleich bei ihr anmelden, um ihr seine Glückwünsche zur Genesung auszusprechen und sich auch zugleich wegen seiner Eigenmächtigkeit, mit welcher er in ihrem Namen die Zügel der Regierung ergriffen, zu entschuldigen. „Sie sind krank geworden, theure Armgard!" sagte er. „Und ich allein in meinet grenzenlosen Selbstsucht, welche Ihnen die arme kleine Lotta aufbürdete, trage die indirecte Schuld dieser Krankheit, — nein, reden Sie nichts dagegen, Sie sind die Selbstlosigkeit in Person, ich weiß es doch am besten, aber Gott hat mich hart gestraft, daß ich in meiner Verblendung heimkehrte, ja, es sogar wagte, Ihnen gegenüber zu treten. Nun wohl, ich kann dafür keine Verzeihung verlangen, hätte auch meinen Entschluß, sogleich nach Lottas Begräbniß abzureisen und nach Amerika zurückzukehren, unbedingt ausgesührt, wenn nicht Ihre Erkrankung mir die heilige Pflicht auferlegt, mindestens in dieser Zeit über Ihr Hab und Gut zu wachen. Und nun bin ich gekommen, um Abschied zu nehmen, gnädiges Fräulein!" setzte er nach einer kleinen Pause mit gesenkter Stimme hinzu, „dem gütigen Gott dankend, daß er Ihr Leben behütet und mir zu der alten Schuld nicht eine neue schwerere noch aufgebürdet hat." Herr Julius Steindorf war ein ganz vortrefflicher Comö- diant und wenn Doctor Peters eine Ahnung davon gehabt, hätte er sicherlich diese aufregende Scene für seine Reconvales- centin um jeden Preis zu verhindern gesucht. Von der Krankheit körperlich geschwächt, seelisch leidend und sich diesem verführerisch schönen Manne gegenüber durch den Tod seines einzigen Kindes schwer verpflichtet fühlend, mochte sie auch für Liebe halten, was im Grunde vielleicht nur Schwäche und ein krankhafter Wahn war. „Wohin gehen Sie?" fragte sie leise. „Nach Amerika zurück, vielleicht auch nach einem anderen Welttheil, — ich bin ein Heimathloser auf Erden geworden, seitdem der Tod alle Familienbande hüben und drüben zerrissen hat." „Sie haben in Amerika Freunde und Bekannte." „Was man so nennt, — ja, — Fräulein Armgard! — Doch wird drüben mich Niemand vermissen — keine Seele nach mir fragen, weil die Freundschaft sich nur so lange zu bewähren pflegt, als das materielle Interesse andauert, welches dieselbe geknüpft. Ich habe dort keine Liebe zurückgeloffen und was ich mit herübernahm —" Er brach ab, beugte sich hastig über ihre Hand, welche er an seine Lippen zog, flüsterte kaum hörbar: „Leben Sie wohl und recht — recht glücklich!" und wollte sich rasch entfernen. „Nein," rief sie fast leidenschaftlich, „gehen Sie so nicht von mir, Herr Steindorf! — Heimathlos und freudlos, sagten Sie nicht so? — Und das einzige Wesen, welches Sie liebte, durch meine Schuld — gemordet! Begreifen Sie, wie ich diesen Gedanken ertragen soll?' Er kehrte zu ihr zurück, seltsam blaß und zitternd. „Sie sind ein Engel an Güte, Armgard! ' sagte er halblaut- „Fürchten Sie doch nicht, von mir verkannt zu werden, oder einen ungerechten Vorwurf zu hören. Weshalb diese Selbstquälerei? — Mag die Weit darüber urtheilen wie sie will, mein Herz spricht Sie frei von jeglicher Schuld, fehlt von dem kleinsten indirectesten Versehen- O, mein Gott!" s tzte er in ausbrechender Verzweiflung hinzu. „Wie gern ich hier bliebe, kann ich nicht aussprechen —" „Nun, dann bleiben Sie, mein Freund!" fiel Armgard ein- „Wer treibt Sie fort?" „Die Bosheit der Menschen — man sagt bereits, daß ich Ihre Arglosigkeit ausbsute, meine Hand nach der reichen Erbin ausstrecke. — Das treibt mich fort. Sie dürfen mich nicht zurückhalten, Fräulein Armgard!" Sie schwieg eine Weile, ihn unruhig anblickend, jener Abend bei Tanie Hanna, wo der Maler Reinhardt von ihm so Häßliches, sie tief Beschämendes berichtet, kam ihr in die Erinnerung zurück. Sollte der Maler, der ihr stets unsympathisch gewesen, die Wahrheit gesprochen oder ihn geflissentlich verleumdet haben? — Wer ihr darüber Ausklärung hätte geben können! Wie im Fluge jagten die Gedanken durch ihr Gehirn und seltsam — auch Tante Hannas Liebes- und Leidensgeschichte tauchte in den Hauptmomenten dazwischen auf. „Worüber grübeln Sie so plötzlich?" fragte Steindorf, ihren unruhig-forschenden Blick bemerkend, endlich verwundert. Aemgard schämte sich ihres Mißtrauens, zumal sie sich entsann, daß Reinhardt mit der Steindorf'schen Familie schon in früheren Jahren verfeindet gewesen war. War denn der arme Julius nicht damals noch so blutjung und zu der Verlobung mit ihr, der unschönen Erbin, von vornherein bestimmt gewesen, ohne daß man ihn um seine Einwilligung gefragt hatte? — Konnte er denn dafür, daß sein Herz ihrer schönen Cousine zuflog, und war es nicht die Schuld seiner Eltern ganz allein, daß der Arme jetzt heimathlos und verlassen war? Armgard war also bereits so weit, seine Untreue und Falschheit zu entschuldigen und ihn als das Opfer väterlicher Despotie hinzustellen. „Ich grübele darüber nach, weshalb die Menschen eine so große Lust zur Verleumdung besitzen," erwiderte sie deshalb traurig, „und kann es nicht begreifen, weshalb ein Mann, der sich seiner lauteren Absichten bewußt ist, dieser Verleumdung weichen soll.'' „Das heißt mit anderen Worten, daß ich derselben trotzen und hierbleiben soll?" fragte Steindorf, sie fest anblickend. Sie senkte die Augen und wieder kam die Unruhe über sie, welche ihr einen physischen Schmerz in der Brust verursachte. Sie zitterte vor seinem Blick wie das Vöglein vor dem bezaubernden Blick der Schlange und hätte entfliehen mögen, um sich vor ihm zu schützen. Es war der innere Jnstinct der reinen Mädchenseele, welche wie Gretchen die Nähe des Mephisto, des unreinen Lügengeistes, ahnte. W »Sie antworten mir nicht, Armgard?" fuhr Steindorf nach einer kleinen Pause leise fort- „Wünschen Sie, daß ich gehe?" „Nein, bleiben Sie hier!" stieß sie fast gewaltsam hervor, sich fest aufrichtend, als wolle sie allen unheimlichen Empfindungen Trotz bieten. „Ich will der Welt zeigen, daß ich ihre Verleumdungen verachte und kein unlauterer Gedanke zwischen Ihnen und mir besteht. Sie dürfen nicht von hier fortgehen, mein Freund, bis Sie einen festen Plan für Ihre Zukunft gefaßt und Ihren Frieden, den Lotta mit in die Gruft genommen, wieder errungen haben," Steindorf küßte ihre Hände und gelobte treue Freundschaft. Sie sah seinen Triumphblick nicht und wiegte sich in dem - 159 - Wahne, daß zwischen ihr und Julius Steindorf von nun an eine wunschlose, reine Freundschaft wie zwischen Männern de» stehen könne. Der Schlaue ließ sie in diesem „tollen" Wchn, wie er es im Innern verächtlich nannte, er näherte denselben bis zur gelegenen Stunde, wenn das Korn reif zur Ernte war, wie er meinte. Das neue Attentat im Gebirge, dem Marbach und Rein» Hardt zum Opfer gefallen, erfuhr sie auf des Arztes Befehl noch immer nicht, sah sie doch noch keinen andern Bekannten bei sich als Steindorf, den neuen Herrn von Evenheim, wie die Gutsleute ihn heimlich mit stillem Groll und erklärlicher Furcht nannten. Heute nun, als Dr. Peters und Mamsel Evers das junge Paar im Garten beobachtet hatten, schien das Korn für Herrn Julius reif zur Ernte zu sein. Armgard machte zum ersten Male einen ordentlichen Spaziergang im Garten, bei welchem der junge Herr natürlich den Begleiter abgab. Er bot ihr seinen Arm an, den sie anfangs mit scheuer Befangenheit ablehnte, bis ihre Schwäche sie end- l ch dazu zwang. „Sehen Sie, theure Freundin, daß die Frau der Stütze doch bedarf?" scherzte Steindorf, ihren Arm durch denseinigen ziehend und sargt an sich drückend. Armgard fühlte, wie ihr bei dieser Berührung alles Blut gewaltsam zum Herzen drang. — War das wirklich die alte Liebe, welche unter der Asche der Vergangenheit in unver- cknderter Gluth wieder auflorderte? — Sie wußte das beklemmende Gefühl nicht zu deuten, das sie zu ihm hindrängte und dann wieder in Furcht und Widerstreben abstieß. Schwer athmend wollte sie sprechen, ihn bitten, sie ins Haus zurück- zuführen, — und vermochte doch keinen Laut hervorzubringen, da ihr die Kehle wie zugeschnürt war. Sie fühlte sich in ihrer Schwäche so willenlos, daß sie hätte aufschreien mögen vor Zorn über die eigene Hilfslostgkeit. Unwillkürlich drängte sich in diesem Augenblick das ernste offene Gesicht des jetzigen Besitzers von Rotenhof vor ihren inneren Blick, und es war ihr, als müsse sie sich zu ihm flüchten oder auch vor Scham in die Erde versinken. Da tönte die melodisch-schöne Stimme des Mannes, den sie einst so leidenschaftlich geliebt, dicht an ihrem Ohr, der wehmüthige verschleierte Klang derselben, durch welchen eine tiefe Trauer sich hörbar machte, drang unwiderstehlich in ihr Herz, der berauschende Zauber seiner unmittelbaren Nähe schien sie mit einem unentrinnbaren Netz zu umgeben und entsetzt fühlte sie ihr Loos besiegelt. Wie er ihren hilflosen Zustand geschickt benutzte, sich zärtlich vor den Augen der Gulsangehörigen zu ihr niederbeugte und sie dann in den Park führte, um das letzte bindende Wort ihr abzuschmeicheln. Sie war jetzt jedem fremden Blick entzogen, allein mit ihm, und zitterte an seinem Arm wie ein gefangenes Vögelchen. Dort stand noch eine der alten Bänke, wie einst vor zehn Jahren. Steindorf führte sie mit rasfinirter Ueberlegung nach derselben hin und nöthigte sie, sich hier auszuruhen. Ec wußte genau, was er that, war dies doch dieselbe Holzbank, auf der er dem Kinde als Primaner eine Liebeserklärung gemacht und sich vermessen hatte, um ihretwillen mit der ganzen Welt sich zu duelliren. Diese Bank war nie erneuert, doch stets in ihrer alten Form und Farbe erhalten, während überall sonst eiserne Bänke angebracht worden waren. Der schlaue ©teilt» borf hatte dies längst bemerkt und als stille Pflege der Erinnerung auch ganz richtig gedeutet, — er kannte das Frauenherz genau und lächelte spöttisch, wenn man von einer conse- guenten Festigkeit und männlichen Kraft desselben sprach. „Das echte Frauenherz hält selbst die unwürdigste Liebe noch fest, und ist derselben für immer verfallen, darin ist es eonsequent", pflegte er dann zu sagen, „Ausnahmen gibt es nicht." Und hier schien ein frivoler Ausspruch wieder recht zu behalten, wie er triumphirend überzeugt sein durfte. „Der Weg hat Sie angestrengt, theure Armgardt!" sagte er, ihr besorgt in die Augen blickend, „Sie sehen angegriffen aus. — Ach, diese Bank!" setzte er plötzlich erregt hinzu, „ist es wirklich noch dieselbe, wo wir als Kinder so — glücklich waren?" „Er isi dieselbe", erwiderte Armgard mühsam, „Sie haben recht, wir waren glückliche, aber recht unerfahrene Kinder." „Die Erfahrung pflegt eine strenge Lehrmeisterin zu sein, mir ist sie es in der That gewesen. O, Armgard, kennen Sie die Reue? — Nein, Sie haben ja kein verlorenes Glück zu beweinen, kein Unrecht zu bereuen. Jene Episode meines Leben», an welche diese Bank mich gerade jetzt recht grausam erinnert, war für Sie nur eine kindische Thorheit, und zog um Ihr Leben keinen verhängnißvollen Kreis. Wie hätten Sie mich sonst kampflos aufgeben können?" Armgard blickte ihn mit stillem Borwurf an und wollte sich erheben. Sie fühlte, daß er sie mit Vorbedacht nach diesem Platz geleitet hatte, und ihr Stolz bäumte sich noch einmal gegen diesen Mann auf, der sie mit jenen Künsten wieder umstrickte, an denen einst ihr Lebensglück zu Grunde gegangen war. Der Warnruf des alten Reinhardt drang ihr höhnend in's Ohr, aber es war zu spät, die Todtenhand seines Kindes hatte gewaltsam das Band wieder geknüpft, gegen das ihr Stolz sich ohnmächtig erwies. (Fortsetzung folgt ) Die Manze in der Wolkssage und im Wokksrnärchen. Von Dr. W. Wallus. --(Nachdruck verboten.) Märchen und Sagen sind die erste Poesie des Kindes und des Volkes. Wenn der sprachliche Sinn und die Erfahrung des Kindes noch nicht so weit gereist sind, daß es die Dichter verstehen kann, so versteht es doch schon die Märchen, welche das Mütterchen ihm schlicht erzählt, und lauscht mit Entzücken dieser Art von Dichtung — ein Zeichen, wie sehr die Poesie von N-tur in der Menschenseele wohnt. Wenn ein Volk noch wenig vorgeschritten ist in der Ausbildung der Kunstformen, wenn es noch roh und wild ist, so glaubt es mit besonderer Vorliebe an überirdische höhere, geheimnißvolle Dinge und schafft dichtend die Sage. In Märchen und Sage spielt die Phantasie mit großer Kraft, sie zaubert im Geiste das Höhere, Schönere, welches die Welt nicht bietet. Märch.n und Sagen sind nicht bloß Spielereien, sie sind ein wahrer Trost, eine Erbauung für Kinder wie für Völker — welches Volk würde gern auf alle sagenhafte Ueberlieferung verzichten, welcher Mensch würde wünschen, in der Kindheit nie beim Märchen geschwärmt zu haben? Beides gehört zur glücklichen Existenz. Aber ohne alle Erfahrungen vermag auch die Phantasie nicht zu schaffen; sie vergrößert, verschönt, färbt, schmückt aus, aber sie muß doch zuerst einen Stoff anderswoher kennen, ehe diese Dichterarbeit beginnen kann. Woher nehmen Kinder und unentwickelte Völker die Stoffe und die Mittel zur Ausschmückung ihrer Poesie? Aus dem Menschenleben, vor Allem aber aus der Natur l Das Kind interessirt sich sofort für die Blümchen, die so bunt sein Auge erfreuen, das Volk findet und sucht viel Geheimnißvolles in der Pflanzenwelt. In der That bleibt Geheimniß genug in dieser Seite der Natur immerdar! Auch wenn die Menschen eine Stufe der Nuturkenntniß erreichen, etwa wie unsere Gelehrten und Forscher sie besitzen, auch dann noch erkennen die wahrhaft Einsichtigen jederzeit an, daß wir zwar viel wissen, daß aber noch Alles voll ist von Geheimnissen, daß viele Geheimnisse nie gelöst werden können. Nur die obeiflächlichen Geister glauben, Alles sei erklärt, in Wahrheit wird die Grenze, wo das Dunkel beginnt, durch die Forschung nur hinausgeschoben, aber das Licht kann nie bis an das Ende bringen und alle Grenzen zerstören. Die Phantasie des K rdes und des Volkes stellt sich Vieles falsch vor — gewiß, da sie Vieles noch nicht so kennt wie die Forscher, aber sie greift auch oft kühn in die tiefsten Geheimnisse hinein und erklärt poetisch das, was die Wissenschaft nie 160 — harte Frau weg»- für die Menschen wuchs. r „ . , - Auch die Wurzel hat beim Volke große Bedeutung. Be. kannt ist die Geschichte von der Springwurzel, welche die Kraft besitzen soll, Berge zu öffnen und unterirdische Schätze zu heben; das erzählen sich noch heute die Leute, z. B. in der Gegend des Köterberges. , L. Weit verbreitet ist der Glaube an die überirdische Kraft mancher Kräuter, z. B. des sagenhaften Alrauns, der breite Blätter und gelbe Blumen tragen foll. Der Besitzer kann nie arm werden, dazu gelegtes Geld verdoppelt stch über Tracht, er kann sich durch Fragen über allerlei Dinge Rath holen, hat keine Feinde und Glück in jeder Beziehung. Aber es rst sehr schwer, den Alraun zu finden, man muß am Freitag vor Hund aus der Erde ziehen. Der Hund stirbt durch das Aechzen und der Mensch kann sich vor gleichem Schicksal nur durch Verstopfen der Ohren retten. So sagt das Volk. Pflanzen bringen unter Umständen nrcht nur Gluck, es soll auch möglich fein, Unheil hineinzubannen. Die Zigeuner wenigstens suchen das Fieber in ein Bäumchen zu bannen, das sie beim ersten Sonnenstrahl im Walde schütteln und beschwören. In deutschen Sagen finden wir Beispiele dasür, daß Pflanzen» Berufsmäßig. Musiker (deffen Frau ihn eben nut Zwillingen beschenkt hat): „Na, also in Gottes Namen zu Abwechslung 'mal etwas Vierhändiges." Vorahnung. „Kleiner, warum weinst denn?" „ ich hab' heut' die dritte Schulstraf' bekommen und mein Vater :, ist Auctionatur, der schlagt beim dritten Mal zu!" A b g e b l i tz t. Geck: „Ach, gnädiges Fräulein, Sie machen mir nie ein freundliches Gesicht!" — Dame: „Sie sind eben nie da, wenn ich eins mache!" Schade Um jede Apfelsinenschale, welche geworfen wird. Das Recept zu deren Benutzung ist folgendes: Die Schalen werden in einen Topf gethan, ganz mit Wasser (kalt) bedeckt und so mehrere Tage stehen gelaffen, dann nut diesem Waffer und noch mehr dazu an das Feuer gesetzt und wohl zwei Stunden gekocht. Sind sie weich, nimmt man sie aus dem Wasser und schneidet jedes Stück, wie es kommt, groß oder klein, in möglichst dünne Scheiben. Hierauf thut man Alles wieder in dasselbe Waffer, mehr dazu, wenn noch» wendig, und stets die Hälfte mehr Zucker als die Quantität der Frucht, und läßt dieses noch einige Zeit kochem Man kann dann den Saft abgießen und noch etwas allein kochen lassen, doch ist es nicht immer nothwendig. Wohl zu beachten ist, daß genügend Saft vorhanden, um die Frucht zu decken, wenn m die Büchsen oder Gläser gethan. Diese Marmelade auf Senium gestrichen oder dazu gegeffen, schmeckt vorzüglich. Wer einige der Apselsinen ganz verwenden will, mag es in der Werse thun, daß das Innere, von Kernen und Haut befreit, mit dazu kommt, wenn es zum zweitenmal gekocht wird —, nothwendig ist es nicht. Ebenso ist es irrthümlich, das Weiße von der I Schale zu entfernen. Redaction: A. Scheyda. - Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Gemeinnütziges. geister geschehenes Unrecht rächen. Die „Roggenmuhme , eine Märchengestalt der brandenburgischen Landleute, die im Roggen» selbe steckt und vor der sich die Kinder fürchten, soll nach Prätorius und mündlichen Erzählungen den Säugling einer Frau geholt und verwechselt haben, die der Gutsherr zur Arbeit in der Ernte zwang; nachdem aber das schreiende Kind des Rogqenweibes nicht von der Frau gestillt wurde - auf den Rath des den Vorfall beobachtenden Gmsherrn — legte ine „Roggenmuhme" das rechte Kind wieder zurück; der Arbeitsherr wurde dadurch bestimmt, nie wieder eine unter solchen Umständen zur Arbeit zu zwingen. (Schluß folgt.) «1 erklären. Das Volk und die Kinder verbinden dreist und spielend, was die Gelehrten vorsichtig noch trennen, um erst ganz zuletzt - vielleicht - einen Zusammenhang nachzuweism.8 Auch den Dichter überragen sie darin, daß ne au ihre Schöpfungen voll und ganz glauben, daher haben die . Sagen so unendlich mehr Bedeutung für Volk und Kinder als die Schöpfungen der Dichter. , . Aus letzterem Grunde ist Sage rote Märchen ost genug mit dem tiefsten Glauben, mit der Religion eng verbunden. Fn der Religion werden höhere Wesen geahnt, in den sagen und Märchen werden überall Geister gedacht, m den Pflanzen, in der Natur, mächtige und schwache, schreckliche und freundliche. Besonders an die kräftigen der Pflanzen knüpfen zah.- reiche Sagen an. Auf dem Walserfeld bei Salzburg stau ein uralter dürrer Birnbaum, schon mehrsach wurde er umgehauen aber aus der Wurzel schlugen immer wieder grüne Triebe aus. Das Volk in dieser Gegend knüpft daran die Be» deuturig, daß einst, wenn er wieder einmal völlig grünen: wird, die Bösen in der Welt durch eine gewaltige Schlacht von den Guten werden ausgerottet werden. Wie Tacttus („Germania Kap. 39) berichtet, hielten die Sernnonen, das ^teste Vo k der Sueven, einen Wald heilig durch mancherlei Gebräuche, die darauf Hinweisen, daß das Volk einst daraus entsprungen sei und Gott dort gegenwärtig wäre. In der älteren Edda wird der ..Urbaum" als der Ursprung alles Sems angesehen, von dem selbst der höchste Gott Odhin heruhrt und dem die Menschen entstammen. Ganz ähnlich der germanischen Weltesche scheint in der iranischen Sage ein Baum des Lebens. Genaue Forschungen haben ergeben, daß sich diese Vorstellung in den Erinnerungen der Perser, Germanen, Assyrer, Babylonier, doch auch der Römer und Griechen findet. Dieser Mythus scheint aus einer gemeinsamen Quelle herzustammen und deutet neben Anderem stark auf die gemeinsame Abkunst dieser und anderer Völker hin aus einem uralten arischen Stamme- In dem noch heute uncioilisirten Volke der siebenburgischen Wanderzigeuner findet man eine Sage vom „Allsamenbaum noch ganz lebendig; noch heute senken diese Zigeuner gläubig zwei Bäumchen, Tannenbaum und Weide, in die Erde und umschlingen sie mit einem rochen Faden („verherrlichen ), m der Meinung, daß in der Nähe davon nicht selten der „All- samenbaum" erscheine. Sie erzählen, daß einst eine große Hungersnoth ausgebrochen sei und daß dann ein frommer Mann durch einen Wassergeist auf den Grund eines Flusses geführt sei und dort auf einer Wiese einen ungeheuren, bis ui den Himmel ragenden Baum gesehen habe, der alle Fruchte der Welt trug. Von dem Samen trug der gute Mann auf die Erde allerlei Arten, aus denen dann wieder neue Nahrung Vermischtes. Ein Menschenfreund. Gerichtsvollzieher: „Sehen Sie, dem Mann dort hab' ich auf die Beine geholfen." -- „Wie so? Dem reichen Baron?" — „Ja, ich hab' ihm die Equipage gepfändet!" * * Am Anstand. .Jetzt sitz' ich schon zwei Stunden da und kein Has' kommt! Und ich hab' ihnen doch noch nie war gethan!" , , Aus der Schule. Lehrer (recitierend): „Da werden Weiber zu Hyänen! .... Wo kommt das vor, Schulze? — Schulze: „In den feinsten Familien!" Immer im Sattel. Ein Sportsmann muß sich auf -men man mun am ^euu« . der Reise in einer kleinen Stadt einen Zahn ziehen lassen. (Ssntttipnmifnftna mit einem ganz schwarzen Hunde hinausgehen Während der sehr langwierigen und schmerzhaften Operation "Ä" Eich- ,.W Ich I-hl.Rmg-wi"