Donnerstag, den 5. Oktober. 1893 ---iS—£---*---ffsS>—«H—---^3 ~ NntKphaLtttngsblntt zrnn Gießenev Anzeigev (Genevcrl-Anzeigep) M1 nir ®MK*WS> ’^^fuö-jgE» i^lWKGM y. 1 ll Dunkle Mächte. Novelle von B. Corony. (Fortsetzung.) Nachdem die auserlesenen Erfrischungen servirt waren, begab sich die Gesellschaft wieder in den Garten. Würziger Duft stieg von den Wiesen auf, erquickend wehte es von dem Teiche her. Die marmornen Nymphen und Tritonen hoben stch in schimmernder Weise aus dem von Wasserrosen und Schilf umstandenen Gewässer, auf welchem Schwäne majestätisch dahin zogen. , Auch Fräulein v. Waldau nahm sich wie ein stolzer, königlicher Schwan aus. Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne woben einen Glorienschein um das blonde Haupt. Zwischen allen ihren jugendlichen Gefährtinnen ragte sie her- vor, und wer sie an Erich v. Degenfelds Seite erblickte, mußte unwillkürlich ausrufen: „Welch' ein schönes Paar!" Um ihren Gästen Zerstreuung und angenehme Unterhaltung zu bieten, brachte Rafaele immer wieder neue Spiele in Vor» schlag, aber bei aller zuvorkommenden Höflichkeit klang es doch, als ertheile eine Souveränin ihre Befehle. Frank, der ernste Mann, betheiligte sich nicht an diesem Zeitvertreibe. Trotz aller Bitten, die von lieblichen Lippen an ihn gerichtet wurden, verhielt er sich höflich ablehnend, wußte es aber so einzurichten, daß er stets in der Nähe Rafaelens und Erichs blieb und sie überwachen konnte, jedoch ohne daß seine Absicht bemerkt wurde. Als man die Beiden zu einem Pfänderspiele abrief, verharrte er an seinem Platze, ein junges, vorübereilendes Mädchen bemerkte jedoch, daß er sich bückte und etwas aufhob. „Was für einen Schatz fanden Sie denn, Herr Doctor?" rief sie ihm lachend zu. „Mein gewöhnliches Mißgeschick verfolgt mich, gnädiges Fräulein," erwiderte er. „Ich meinte, ein Juwel im Sande flimmern zu sehen, und mußte mich überzeugen, daß es nur eine werthlose Glasperle war." Ohne Störung verlief das heitere Fest. Bier Wochen später erkrankte jedoch Frau v. Waldau in bedenklicher Weise, nachdem sie mehrere Tage hindurch versucht hatte, die Mädchen über ihren leidenden Zustand zu täuschen. Jetzt erst fühlte Rafaele, mit welch' unendlicher Zärtlichkeit sie an der Mutter hing. „Die ersten Autoritäten müssen zu Rathe gezogen werden!" rief die Tiefbesorgte und nannte einige der glänzendsten Namen. „Nein, nein," wehrte die Leidende ab. „Ich vermöchte zu Niemand Vertrauen zu fassen, als zu Frank." So wurde denn nach dem jangen Arzte depeschirt, welcher den nächsten Zug benutzte und auf der Bahnstation bereits den Wagen vorfand, der ihn nach Clauswitz führte. Dort eintretend, begrüßte er in dem kleinen Salon Erich v. Degenfeld, der ebenfalls von der plötzlichen und schweren Erkrankung gehört hatte und gekommen war, um Erkundigungen einzuziehen. „Sprachen Sie schon eine von den jungen Damen?" fragte Georg. „Nein," wurde ihm erwidert. „Sie weilen Beide bei Frau v. Waldau. Ich warte schon ziemlich lange hier und vermag meine Unruhe kaum mehr zu bezwingen." Der Arzt schritt, ohne sich aufzuhalten, an ihm vorbei und in das Krankenzimmer. „Ich finde keine directe Gefahr," erklärte er nach längerer sorgfältiger Untersuchung, fügte aber, indem er Rafaele, die schon zwei Nächte gewacht hatte, aufmerksam betrachtete, hinzu: „hingegen bemerke ich, daß Sie sehr angegriffen aussehen und muß bitten, sich Ruhe zu gönnen." „Bon dem Lager der Mutter entferne ich mich nicht!" entgegnete sie entschieden. „Wenn ich es für nöthig erachte —" „Auch dann nicht! Ich weiß, war ich mir zumuthen darf, und die Sorge würde mich doch hindern, des Schlummers zu genießen." „Ich gebe Ihnen ja mein Wort, daß keine Ursache zu ernsten Befürchtungen vorliegt." „Dessenungeachtet werde ich bleiben." „Das wirst Du nicht, mein Kind," sagte die Leidende. „Deine Anwesenheit könnte mich nur beunruhigen. Schon in vergangener Nacht fuhr ich immer wieder von meinen Kissen empor, weil es mich ängstigte, Dich so bleich und müde neben mir zu wissen." „Wenn Jemand, so bedarf Ihre Frau Mutter festen und sanften Schlafes," rief Frank mit einer gewissen Strenge. „Darf ich hier nicht das Nöthige anordnen, so wird es besser sein, wenn ich mein Amt in die Hände eines Anderen lege." „Das dürfen Sie mir nicht anthun," bat die alte Dame mit matter Stimme. Magda sprang jetzt von dem niederen Schemel, auf dem sie kauerte, empor und umschlang die Freundin. „Bin denn ich nicht da, Du Liebe, Thörichte?" flüsterte sie, den zierlichen Kopf an die Schulter der Blondine schmiegend. „Mir kannst Du Dein Mütterchen doch anvertrauen! Ich weiche nicht secundenlang von ihr und jeden Athemzug will ich treu be» — 466 Es war meiner Th feit überm „Nei überreizter einer Mü sicherung „Nm „Auf mir Fiebertrar finden, ui ganz frem In r constatirer würden v sorgt moi Gesicht sa den Auge „Ble „Nei Hilfe beb Abend km verehrten zu geben, Er ( an, mit f sommerglk erlaubte, sehnte sich nehmen zi „Ich während genesen, r „Lch Zimmer f zu großer Das Male wie bei verfiel Die ten, aber hinab, un dem späte Unte mach und entbehrten sie Halt, die seit L Sie schloß sammenge qurttirten wenig Ar Kaffette o barg? - — und r Die während Schlüssel au» irgen weitig ve Frai Tochter, i erregt rie noch einn sür Dein „Ga eine Frax „3d berührt, schloffen." lauschen. Geh' nur zur Ruhe.. Welche von uns Beiden hier wacht, ist ganz gleichgültig." „Fräulein v. Bodenstein dürfen Sie wohl gestalten, Ihren Platz für diese Nacht einzunehmen," bemerkte der Arzt immer noch mit auffallender Kälte. „Willige ein! — Das viele Sprechen strengt mich an," sagte Frau v. Waldau. „Ich werde Ihrer Frau Mutter ein beruhigender Getränk verschreiben, infolge dessen ste sehr sanften und erquickenden Schlummer finden wird," bemerkte Georg, ein Blatt aus seinem Notizbuch reißend. „Lasten Sie es schnell besorgen I" „Sogleich! — Also es ist wirklich absolut keine Gefahr vorhanden?" „Nein. Doch will ich — nur um Ihnen jede Sorge zu benehmen — darauf verzichten, nach P. zurückzukehren, und im Gasthof zum Rautenkranz übernachten." „Gut Clauswitz birgt eine ganze Reihe von Fremdenzimmern. Sie haben keinen Grund, sich anderweitig elnzu» quartiren," äußerte die alte Frau- „Wie Sie befehlen, meine werthe Freundin l" „Könnte ich nur schlafen! Mein Kopf schmerzt so furchtbar, die Augen fallen mir zu, und doch tauchen immer wieder neue Bilder vor mir auf und schwirren im tollen Reigen um mich her." Nach einer halben Stunde kam der Diener, welcher den Wagen benutzt hatte, mit dem Medicament. Frank mischte selbst den Trank. Er that es langsam und in Gedanken versunken, sagte aber plötzlich, wie Jemand, der sich jäh auf etwas besinnt: „Herr v. Degenfeld wartet schon geraume Zeit ganz allein im Salon. Ich versprach, ihm Nachricht zu senden." Rafaels verließ das Zimmer. „Sie scheint sehr angegriffen, ihre Nerven sind erregt- Es wäre gut, wenn sie auch drei bis fünf von diesen Tropfen in einem Glas Limonade nehmen würde," sagte der Arzt, ihr nachsehend. „Ich will dafür sorgen, daß es geschieht," erwiderte Magda. Frau v- Waldau fühlte bald die wohlthätige Wirkung des Getränkes. Ihre fieberhafte Unruhe wich angenehmer Müdigkeit, die hochgerötheten Wangen wurden allmählich blässer, die Athemzüge leichter und regelmäßiger. „Ich möchte nun etwas schlummern," flüsterte sie der inzwischen zurückgekehrten Tochter zu, welche einen sanften Kuß auf ihre Stirn drückte. „Gute Nacht, mein Kind I Du siehst, ich bin in besten Händen." Nur zögernd gehorchte das Mädchen und erst, nachdem sie von der Freundin das Versprechen empfangen: „Ich komme später noch zu Dir!" Seltsam schwer lastete es auf ihrem Gemüthe, wie eine entsetzlich traurige Ahnung unabwendbaren Unheils. Sie, die sonst nichts von Nervosität wußte, erschrak, den Corridor durchschreitend, über ihren eigenen Schatten, der so gespenstisch an den Wänden hinhuschte. Die viel verschlungenen, langen Gänge, welche trotz der Beleuchtung düster aussahen, kamen ihr unheimlich vor- In einem der großen, alterthümllchen Schränke tickte der Holzwurm. Alles machte einen tief melancholischen Eindruck. In ihrem Zimmer sank Rafaele in den hochlehnigen Armstuhl und seufzte: „Was hat das zu bedeuten? Steht mir Uebles bevor? — Ist der Mutter Leben bedroht?" Längere Zelt verstrich, dann wurde die Thüre leise geöffnet) Magda kam freundlich lächelnd herein und stellte ein Glas erfrischend duftender Limonade auf den Tisch. „Alles geht vortrefflich," versicherte sie. ..Mütterchen schläft bereits so sanft und ruhig wie ein Kind. Doctor Frank hofft das Beste. Er will nochmals nach ihr sehen und mir Verhaltungsmaßrgeln geben. Ich vergesse gewiß nichts; da kannst Du ruhig sein. Es macht mich ordentlich stolz, auch einmal etwas für Euch Beide thun zu dürfen." So sprechend, begann sie, das Haar der Freundin zu lösen- „Ach, lasse doch!" rief diese, fast ungeduldig die rothgol- denen Strähnen zurückziehend. „Es ist eine so liebe Gewohnheit und in fünf Minuten bin ich fertig," beharrte das Mädchen. „Die alte Katharina ist ja jetzt bei ihr. Die schicke ich aber dann fort, weißt Du. Ich mag ihr schläfriges Gesicht nicht sehen, und kann ja jederzeit klingeln." „Wenn Du nur nicht selbst einschläfst." „Ich?" Magdas schwarze Augen blitzten unwillig. „So geringes Vertrauen darfst Du nicht in meine Willenskraft und Pflichttreue setzen. Ich habe mir Bücher hingelegt, und wenn ich mich in Gesellschaft meiner Lieblingsdichter befinde, naht mir der Schlummer überhaupt nicht. Du mußtest ja oft das Licht auslöschen, weil ich nicht aufhören wollte, zu lesen. — So, die Zöpfe sind fertig. Nun trinke ein wenig." „Ich fühle keinen Durst." „Aber es wird Dich erquicken. Du glühst ja förmlich. Bitte, thue es mir zu Siebe. Sieh', je schneller Du gehorchst, desto eher bin ich wieder am Bette der Mutter." „So gieb her." Sie schlürfte den größeren Theil des Getränks. „Nun halte Dich aber nicht länger auf!" „Nein, nein. Schlafe wohl, Du Liebe, Theure. Morgen verkünde ich Dir frohe Botschaft." Das Sylphenfigürchen huschte hinaus. Rafaele fühlte sich furchtbar abgespannt, aber zur Ruhe gehen wollte sie trotzdem nicht. In ein weiches, weißes Cachemlrgewand gehüllt, warf sie sich auf das Lager, halb trotzig, halb ängstlich flüsternd: „Ich werde auf jeden Laut horchen und kein Auge schließen!" Dessen ungeachtet sanken jedoch die seidenen Wimpern gar bald über die in märchenhaftem Grün schillernden Sterne. „Ich will nicht schlafen!" wiederholte das Mädchen und trank, um sich zu ermuntern, auch noch den Rest der Limonade. Auf dem Bette sitzend, starrte sie nach dem Fenster, durch dessen Vorhänge es bläulich herelnfluthete, denn der Mond leuchtete wie eine große, von funkelnden Diamanten umgebene Perle. „Ich bleibe — wach —" stammelten die Lippen immer noch, während der Kopf, wie von der wuchtigen Pracht des Haares niedergezogen, langsam in die Kissen sank.--- Rafaele besaß einen gar lebhaften Geist und dieser rang mit der körperlichen Schwäche und Ermüdung, ohne sie jedoch besiegen zu können. Stunden verflossen und dann fuhr die Blondine wieder, wie jäh ausschreckend, empor und bemühte sich vergebens, eine Empfindung halber Bewußtlosigkeit und träumerischer Unklarheit zu überrolnben Das Licht war erloschen, die Vorhänge aber schienen wie in flüssiges Silber getaucht, und eine magische Helle erfüllte den kleinen, trauten Raum. — War sie denn auch krank geworden? Brannte das Fieber in ihren Adern? — „Tick, tick, tick," machte der Holzwurm wie eine Todten- uhr — und dicht an ihrer Thüre meinte sie etwas langsam und leise vorübergleiten zu hören- — Sie wollte rufen — fragen, — aber der Laut erstarb ihr auf den Lippen und allerlei phantastische Traumgestalten begannen sie zu umgaukeln. Die Lider sanken schwer über die mit aller Anstrengung weit aufgerissenen Augen, der kleine, wie zu einem Schrei geöffnete Mund schloß sich, und stöhnende Athemzüge hoben die junge Brust. Erst gegen Morgen schlief Rafaele tief und ruhig, als jedoch der erste purpurfeurige Streifen im Osten erglühte, war sie schon munter, stand auf und schlich in das Krankenzimmer hinüber. Lächelnd und winkend erhob sich Magda von dem dicht an das Bett gerückten Stuhl. „Ich habe keine Secunde geschlafen," berichtete sie flüsternd. „Frank wird, glaube ich, sehr zufrieden fein. Sieh' nur, wie süß sie schlummert! — Und Du? — Fandest Du auch die Dir so nöthige Ruhe?" „Mich quälten wüsty Träume. — Ich bildete mir ein, zu erwachen und Jemand über den Corridor huschen zu hören. -4 «T-* Es war gerade fo, als streiften Frauengewänder dicht an meiner Thüre vorbei. — Ich wollte rufen — aber die Müdigkeit übermannte mich von Neuem. — Vernahmst Du etwas?" „Nein, Liebe. Das war eine Täuschung, die Dir Deine überreizten Nerven bereiteten. Mir würde sogar das Summen einer Mücke nicht entgangen sein und ich kann Dir die Versicherung geben, daß sich nichts regte und rührte." „Nun, desto besser!" erwiderte Rafaels, tief ausftufzend. „Auf mir lastet es noch wie die Nachwirkung eines häßlichen Fiebertraumes. Doch die Mutter scheint sich ja wohler zu befinden, und so werde auch ich diesen Anfall einer mir sonst ganz fremden Nervosität schnell bekämpfen." IV. In der That konnte der Arzt eine bedeutende Befferung constatiren, wenn er auch hinzufügte, bis zur völligen Genesung würden voraussichtlich noch Wochen vergehen.' So ganz unbesorgt mochte er indeß nicht gewesen sein. Sein geistreiches Gesicht sah blaß und leidend aus, und tiefe Schatten unter den Augen erzählten von einer schlaflos verbrachten Nacht. „Bleiben Sie heute noch bei uns? ' fragte Rafaele. „Nein, in P. gibt es so Manchen, der dringend meiner Hilfe bedarf," lautete die kurze Erwiderung. „Aber gegen Abend komme ich wieder. Was ich thun kann, um meiner verehrten Freundin die Gesundheit so bald als möglich wieder zu geben, soll geschehen." Er erschien nun täglich in Clauswitz, fing aber späterhin an, mit seinen Besuchen auszusetzen und fand an einem schönen, sommergleichen Herbsttage seine Patientin so wohl, daß er ihr erlaubte, das Lager zu verlassen. Denn die thätige Frau sehnte sich danach, ihre gewohnten Beschäftigungen wieder aufnehmen zu dürfen. „Ich weiß recht gut, daß Alles drunter und drüber geht, während ich hier liege," sagte sie, „und würde viel schneller genesen, wenn ich einmal nach dem Rechten sehen könnte." „Ich finde keine Nothwendigkeit, Sie länger in diesem Zimmer fest zu halten," erwiderte der Arzt, „muß aber vor zu großer Anstrengung warnen." Das war ein Jubel, als die geliebte Mutter zum ersten Male wieder durch die lang verwaisten Räume schritt und dabei versicherte, sich ganz wohl und kräftig zu fühlen- Die beiden Mädchen eilten in den schon herbstlich gefärbten, aber immer noch in üppiger Schönheit prangenden Garten hinab, um einen Strauß zu pflücken, und Frank, der erst mit dem späteren Zuge nach P. zurückkehren konnte, begleitete sie- Unterdessen ging Frau von Waldau von Gemach zu Gemach und begrüßte jeden Gegenstand wie einen alten, lang entbehrten Freund. An dem Schreibtisch angekommen, machte sie Halt. Es war nun Zeit, wieder ein wenig Ordnung in die seit Wochen vernachlässigten Angelegenheiten zu bringen. Sie schloß auf- Da lagen noch alle Briefe in Päckchen zusammengebunden, daneben die musterhaft geführten Bücher und quittirten Rechnungen. Nun, Gott sei Dank! Hier gab es wenig Arbeit. — Ja — aber wo befand sich denn die kleine Kassette aus oxidirtem Silber, die so bedeutende Geldbeträge barg? — In dieser Ecke war seit Jahren ihr Platz gewesen — und nun fehlte sie I — Die wiedergenesene Frau traute kaum den Augen. Sogar während ihrer Krankheit hatte sie sich überzeugt, daß der Schlüssel an dem rechten Platze verborgen sei. Sollte Rafaele aus irgend einem Grunde das Kästchen weggenommen und anderweitig verwahrt haben? Frau von Waldau öffnete das Fenster und rief ihre Tochter, welche, beide Hände voll Blumen, herbeieilte und froh erregt rief: „Sich' nur, wie köstlich sich unsere Rosenbäumchen noch einmal schmückten. Jetzt binde ich einen reizenden Strauß für Dein Zimmer." „Ganz recht, mein Kind. Doch zuvor beantworte mir eine Frage. Wo stelltest Du die Kassette hin?" „Ich?" stammelte das Mädchen. „Ich habe sie gar nicht berührt. Dein Schreibtisch blieb bis zu dieser Stunde verschlossen." „Vielleicht wurde Magda durch irgend etwas veranlaßt?" „O nein I Davon kann nicht die Rede sein, sie würde mich sofort benachrichtigt haben, übrigens lag auch durchaus keine derartige Nothwendigkeit vor. Du hattest uns ja reichlich mit Geld versehen." „Wie erklärst Du Dir denn aber dieses Verschwinden? — Könnte Jemand von den Dienstleuten den Schlüssel genommen haben?" „Nur die alte Katharina war ein einziges Mal allein bei Dir, während Du schliefst,, aber höchstens aus zehn Minuten." „Sie dient mir seit zwanzig Jahren und ich habe keinen Grund, ihre Ehrlichkeit zu bezweifeln." „Der Aufbewahrungsort des Schlüssels ist ja auch nur mir und Magda bekannt. Wir beobachteten Beide strenges Stillschweigen." „Dessen ungeachtet wurde ein Diebstahl begangen und mir ist eine sehr beträchtliche Summe verloren, auf deren Wiedererlangung ich wohl kaum hoffen darf." „Mein Gott, Mama, dieser Vorfall scheint so unfaßbar, daß Du »sich vollständig rathlos siehst," sagte Rafaele und fügte, von der Sorge ergriffen, die Aufregung könne der Mutter schaden, hinzu: „Setze doch den Doctor von dem räthsechaften Verschwinden in Kenntniß und frage, was da zu thun sei." „Du hast recht," erwiderte Frau v. Waldau. Frank und Fräulein v. Bodenstein wurden gerufen- „Was sagen Sie dazu, weither Freund, daß man mich während meiner Krankheit auf raffinirte Weise bestohlen hat?" rief die alte Dame Ersterem entgegen. „Das oxidirte Kistchen fehlt, sammt seinem Inhalt!" Die Nachricht mochte ihn sehr überraschen. Erst nach secundenlangem Schweigen antwortete er: „Hier muß doch wohl ein Jrrthum walten. Vielleicht wiesen Sie selbst der Kassette einen andern Ort an und erinnern sich jetzt dessen nicht mehr." „Nein, nein!" rief sie ungeduldig. „Verlieren wir nicht die Zeit mit derartigen, gänzlich unmotivirten Äermuthungen. Ich besitze ein vortreffliches Gedächtniß und die geistige Klarheit verließ mich auch während meines leidenden Zustandes nicht. Mein Eigenthum ist in den Händen eines Diebes. Zu erklären vermag ich mir freilich die Sache nicht, da ja nur die beiden Mädchen zu dem Schlüssel gelängen konnten." Magda, die Nervöse, Leichterregte, brach in Thränen aus. „Dieser Vorfall ist mir ungemein peinlich," schluchzte sie- „Aber theures Kind, wie können Sie sich gekränkt oder beunruhigt fühlen? Sie haben ja nicht das Mindeste mit der fatalen Angelegenheit zu thun," tröstete die alte Dame. „O doch! — Es sieht aus, als hätte ich mich in leichtsinniger Weise Ihres Vertrauens unwerth gezeigt und das so streng anbefohlene Schweigen gebrochen, oder sonst eine sträfliche Unvorsichtigkeit begangen. Und doch kam weder ein Wort über meine Lippen hinsichtlich des Schlüssels, noch verließ ich das Zimmer während Ihres langen und tiefen Schlafes, als ich die Pflicht zu wachen übernommen hatte. Darauf aber, daß die Müdigkeit mich nicht überwältigte, vermöchte ich einen Eid abzulegen. Nur Katharina blieb kurze Zeit bei Ihnen, während ich Rafaele Bericht erstattete. Doch auch sie war nicht allein, denn zurückkehrend traf ich bereits Doctor Frank, der sie nun fortschickte und mich mit den nöthigen Verhaltungsmaßregeln versah, welche ich eifrig befolgte. Ich schloß kein Auge, bis der Morgen dämmerte und meine Freundin eintrat." „Und ich sand Magda lesend." „Ich denke ja auch nicht im Entferntesten daran, Euch Beide einer Nachlässigkeit anzuklagen," versicherte Frau von Waldau. „Aber um den Urheber des Vergehens zu entdecken, muß ich doch nach Allem und sogar nach dem Geringfügigsten forschen. — Hielt sich denn vielleicht in diesem Salon Jemand allein aus?" „Auch dar nicht oder doch Niemand, auf den einV'rdacht fallen könnte," erklärte Rrfaele. „Alle Besuche wurden ab« gewiesen. Nur wir selbst waren zeitweilig hier und am Abend Deiner schweren Erkrankung Herr von Degenfeld, der auf Nachrichten, Dein Befinden betreffend, wartete." (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Das im Garte« eingeschlagene Gemüse, als Rothkraut, Weißkraut, Wirsing, Endivien, Sellerie, Gelbrüben, Retttge u. A., werden am besten mit langem Stroh oder mit Tannenreis bedeckt, welche Bedeckung bei gutem Wetter abgenommen wird; das Einschlagen im Keller oder Erdmiethen ist ähnlich; Knollengewächse, wie Rettige, Rüben, Gelbrüben, auch Sellerie, werden am besten in Erdlöchern überwintert, ohne Deckung verbleiben im Freien: Rothkraut, Rosenkohl, Brokkoli, Meerrettig, Schwarzwurzel, Stachys, Haferwurzel u. A. * * * Gedörrte Zwiebeln. Alljährlich kommen im Frühjahr „geräucherte" russische Zwiebeln auf den Markt, die sich außerordentlich lang halten, da sie nicht austreiben. In Wirklichkeit sind aber diese Zwiebeln nicht geräuchert, sondern gedörrt. Die Zwiebeln werden erst an Schnüren an einem warmen, vor Regen geschützten Ort an der Luft bündelweise aufgehängt und kommen dann auf den großen russischen Ofen, der ganz aus Ziegelsteinen gemacht ist und auf seiner oberen Fläche, auf die man die Zwiebeln dann zum vollständigen Ab- trocknen legt, 40 bis 60 Grad Reaumur warm wird. Also allmälige» Trocknen ist die Hauptsache. * * ♦ Verwendung unreifer Weintrauben. An man- chen Spalieren reifen oft wegen ungünstiger Lage die Weintrauben nicht aus. Man kann diese zu einem vorzüglichen Gelse verwenden, indem man die Beeren abwäscht, die Stiele entfernt und sie wie andere Früchte behufs Gelsebereitung in einem Kupfergefäß kocht. Auf ein Liter Saft gibt man zwei Pfund Feinzucker. ♦ » * Kürbis einzusalzen. Man schält den Kürbis, ent- fernt die Kerne und zerschneidet ihn auf dem Gurkenhobel, legt ihn mit Salz in Steintöpfe, drückt ihn fest ein und beschwert ihn. Zum Gebrauch wird er abgekocht, abgeschüttet und mit Butter, Mehl und Zwiebel eine Einbrenne gemacht, in welcher er nochmals durchgekocht und mit Rahm oder Ei abgerührt wird. ♦ » ♦ Apfelkraut. 100 Pfund Obst zerkocht man mit fünf Liter Wasser langsam zu einer gleichförmigen Masse. Letztere läßt man aufgedeckt bis zum andern Tage stehen und erkalten. Sodann wird der Brei langsam durch ein nicht zu feines leinenes Tuch gepreßt und der hierdurch ausgeschiedene Saft unter beständigem Rühren zu Syrupdicke eingekocht. Das Anbrennen ist sorgfältig zu verhüten, weshalb bei größeren Quantitäten von Obst in den unteren Theil des Kessels einige glatte Steine gelegt werden. Aus demselben Grunde ist zu starkes Feuer zu vermeiden. Faule Aepfel, besonders schwarzfaule, sind auszulesen. Bet gefallenem Obste, besonders wenn kein süßes, z. B. Birnen, dabei ist, kann etwas Zucker zugesetzt werden, was am Besten während des Einkochens geschieht, da hierbei eine Probe am leichtesten ist. Sind Birnen oder süße Aepfel unter der Masse und ist das Obst vollständig reif, so ist ein Zusatz irgend welcher Art überflüssig. * Aepfel trockne an der Sonne. Man schält die Aepfel, sticht das Kernhaus aus und schneidet sie in fingerdicke Scheiben. Dann spannt man auf einem Platze, denn die Sonne möglichst lange bescheint, Bindfaden, auf welchen man die Scheiben zieht. Dieselben können ziemlich dicht hängen, well sie in der Sonne bald sehr zusammentrocknen. Auf diese Weise kann man große Mengen Aepfel trocknen, spart jegliches Brennmaterial und kann dies sehr wohlschmeckende und appetitliche Obst Jahre lang aufbewahren, ohne daß es schimmelt oder sonst verdirbt. An einem sonnigen Fenster lassen sich die Aepfel, fall» sie hier nicht genieren, besonders schön trocknen. Der Schweiß ans farbigen Stoffen wird am besten mit warmem Wasser ausgewaschen, wodurch, wenn die Farben ächt sind, der Stoff nicht gefährdet wird. Auf letztere Beschaffenheit ist eine zuvorige Prüfung an einem Läppchen oder, wenn irgend möglich, an einer nicht sichtbaren Stelle des betreffenden Stoffes räthlich, ob er die Operation auch aushalten kann. Besonders bei Seide findet man so flüchtige Farben, die sehr leicht darunter leiden, und darf dann von einer Wiederherstellung keine Rede mehr sein. Kommen Säuren zur Verwendung, so ist immer die gereinigte Stelle auszuwaschen. Vermischtes. U e b e r t r o f f e n. Der als sehr geizig bekannte Kammergerichtsrath Berg in Potsdam (gest. 1787) litt eines Tages heftig an Zahnschmerzen. Er sandte zum Zahnarzt Weyer, der als noch größerer Knauser bekannt war; derselbe befreite ihn bald von dem lästigen Störenfried. Run dachte der Geheilte darüber nach, wie er den Arzt ablohnen könne; Geld wollte er ihm auf keinen Fall geben- Endlich kam er auf den originellen Einfall, zwölf leere Champagnerflaschen, deren Eti» quetten theure Marken anzeigten, mit Wasser zu füllen, die- selben wieder so zu verschließen, als ob sie nie geöffnet gewesen wären, und sie dem Doctor zu schenken. Er calculirte nämlich, daß dieser in seinem Geiz weder den vermeintlichen Wein selbst trinken, noch seinen Freunden vorsetzen werde, und der Wein jedenfalls älter als fein Besitzer werden würde. Und er hatte richtig gerechnet. Rach ein paar Jahren starb Weyer, und die Erben fanden in den sämmtlich unversehrten zwölf Flaschen Wasser, welches noch dazu faul geworden war. • • ♦ ♦ Schrecklicher Verdacht. Lehrling: „Herr Buchhalter, wir brauchen neue Tinte." — Buchhalter: „War macht Ihr denn mit der vielen Tinte. Ich glaube, Ihr wascht Euch das Gesicht damit!" ♦ * ♦ Entschuldigt. Kunde (wüthend): „Zum Kuckuck, der Junge hat mich ja schauderhaft geschnitten!" — Barbier (begütigend): „Ja, wissen Sie, dem müssen Sie schon etwas zu gut halten, er war nämlich bei einem Fleischer in der Lehre." ♦ * „Zusammengeschossen." „Denke Dir, mein Schätz« chen, ich war heute mit dem Amtsgerichtsrath Schlauroth auf der Rehjagd!" — „Run, was habt Ihr da zusammen geschossen?" — „Fünf Mark zu 'ner Waldmeister-Bowle!" • ♦ • Derbe Zurechtweisung. Eine zanksüchtige Ehefrau sagte zu ihrem Manne, als er sich eben eine ihr mißliebige Farbe zu einem Kleide gewählt hatte: „Du wählst Dir aber immer das Schlechteste!" — „Jawohl," versetzte er, „und mit Dir habe ich angefangen!" e ♦ • Gleicher Ansicht. Vater: „Du mußt doch selbst einsehen, daß das Kneipenlaufen nicht mit ernsten wissenschaftlichen Studien vereinbar ist." — Sohn: „Das habe ich mir auch gesagt und habe au» diesem Grunde da» lästige Studieren längst aufgegeben." ♦ ♦ ♦ Au» dem Literatur-Unterricht. Professor: „Hier begegnen wir dem Citate: „Es giebt im Menschenleben Augenblicke!" Wer sagt das und an welcher Stelle?" — Schüler: „Wallenstein im zweiten Acte seines Todes!" * * • Böse Verwechselung. „Sie reden immer von sieben Musen ... es sind aber doch neun!" — „Jaso! Ich hab' sie halt mit den sieben mageren Kühen verwechselt!" Redaction: I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.